Christoph Sanders, Thalheim
Am Dienstagmorgen, ruhiges, kühles Wetter, um die 11 Grad Celsius. Unsere Kinder vor sieben im Nachbardorf am Bahnhof abgesetzt. Bis ich mit dem Wagen wieder auf die Hauptstraße biegen konnte, zog über mehrere Minuten eine lückenlose Kolonne von privaten Kraftwagen, Kleinbussen, Handwerkerwagen, Baustellenlastern, Sattelschleppern und einem schwarzen Porsche an mir vorüber. Eine kleine Lücke ermöglichte die Rückkehr in unseren würzig duftenden Garten. Der Buntspecht, der am Vortag gegen die Mauer geprallt war und den wir vorsichtig ins ehemalige Hasengehege gesetzt hatten, ist verschwunden. Wir vermuteten eine schwere Kopferschütterung, vielleicht auch einen angeknacksten Flügel – aber er lebte. Und jetzt ist er nicht mehr da – die Jüngste meint, dass ihn trotz des Zauns und seiner Größe die norwegische Waldkatze geholt hat. Wer weiß.

Die Schlagzeilen des Tages zeigen, dass man in Deutschland so langsam in die Sommerthemen gleitet. Transferspekulationen von Fußballvereinen geben dem allfälligen WM-Thema noch ein wenig mehr Raum. Ein von Künstlicher Intelligenz erstellter Artikel „aus der Hand“ eines Ministerpräsidenten wird zurückgezogen – das Neuwort dafür heißt depubliziert. Ein von einem Volksvertreterbüro gefakter KI-Text inklusive halluzinierter Zitate ist an Selbstbeschädigung und Lächerlichkeit schwer zu übertreffen. Die angekündigte Hitzewelle ist ein gutes Alarmthema – man diskutiert, wie knapp der Badeanzug sein darf. Das Renteneintrittsalter, die kommende Finanzlücke der Krankenkassen, der genaue Zweck von fantastillardenschweren Rüstungsprojekten und die Freibeträge, ab denen Kinder für die Pflege ihrer Eltern aufkommen müssen, also die größten politischen Baustellen seit der Wiedervereinigung, werden wie Pop-up-Radwege behandelt. Ebola ist aus den Nachrichten verschwunden.

Auf unseren Feldern reifet das Korn, die Gerste ist schon gelb, alles duftet intensiv – was für ein Wunder! Einer der längsten Tage des Jahres – die Schwalben jagen bis 22 Uhr um das Haus. Wir sehen Frankreich gegen Senegal ohne Ton – man kennt den Sound ja zu Genüge. Während des Spiels fällt mir ein, dass ich ein knallgrünes Sweatshirt mit Senegal-Flagge besitze – ich schiebe es der Tochter zum Hochladen auf der Second-Hand-Plattform vinted.de rüber.

Die Laubsäger begrüßen den Mittwoch. Ein schwül-warmer Tag mit leichtem Nordwestwind und Luftmassen auf Kollisionskurs – die verkündete Hitzewelle bleibt aus. Tolles Licht. Die Heumacher geben Gas. Im Rewe entdecke ich ein Regal mit russischen Spezialitäten, die Verpackungen sind zum Teil kyrillisch beschriftet. Unser Erasmus-Schüler-Austausch ist aufgrund einer Endometriose vorzeitig beendet. Die Vierzehnjährige aus Heerenveen wurde nach nur einem Tag wieder abgeholt – die korrekte Schreibweise ihres Namens entnahm ich der Unterarmtätowierung des Vaters. Wir tragen es mit Fassung, man hat sich ja kaum kennengelernt. Abends England gegen Kroatien. Während der sogenannten Trinkpause sind deutlich wütende Zuschauerproteste zu hören. Dank Tuchel spielt England den englischsten Fußball seit langem. Die erste Halbzeit ist ein Genuss, ich bin aber zu müde, also gibt es morgens den Rest re-live in der Mediathek (minus Hydration Break). Die Zeit des Linear-Fernsehens ist vorüber – nur den Anpfiff kann man nicht verstellen.

Als ich am Donnerstag gegen 4:30 Uhr eine vergessene Mülltonne herausschiebe, sehe ich ein letztes Wölkchen; nun kommt die Hitze – das Haus ist abgeschattet, die Lüftungsluken sind noch geöffnet. Meine Kleinste ist mit ein paar Holländern unterwegs, die zur Burg Nassau hinauf ordentlich geschnauft hätten, wie sie berichtet. Oben erwartete sie der weitverzweigte Stammbaum des Hauses Oranien. Im Sommer sieht man viele Niederländer an die Lahn reisen; ulkig, wie eine aus langem Bürgerkrieg entstandene Republik an die Ursprungsstätten ihres importierten Herrschergeschlechts pilgert.
Ich fahre einen anderen Berg hinauf – und im Sausewind hinunter, so bleibt die frische Milch kühl. Meine Rückenschmerzen sind weg und die alte Form wieder zurück. Da ich mit dem Mannheimer für Samstag eine längere Tour geplant habe, schone ich aber meine Kräfte. Aus Moabit trifft ein Päckchen ein. Mein Sohn macht sich sofort über die Panini-Bildchen her – er liebt die statistischen Angaben. Für mich ein Musiksegen und Jüngers „Der Arbeiter“.

Ein guter Freitagmorgen in einer ordentlichen und berechenbaren Welt, in der die Sonne immer früher aufgeht. Es ist schwülwarm, aber noch fließt kühle Luft durch das Haus – gegen zehn werden die Schotten dicht gemacht. Da das Gras nach wie vor feucht ist, werfe ich den Mäher an und schneide es auf zehn, zwölf Zentimeter. Bis um neun sind erste Wäschen und alles andere, was schweißtreibend ist, erledigt – mit Ausnahme meiner späteren Radrunde, von der ich ein Kilo Cornichons mitbringe. Wieder zu Hause lege ich Curtis Mayfields „Roots“ aus dem Moabiter Päckchen in den CD-Player – ein interessantes Album, auf dem Soul und Soundexperimente mit politischen Botschaften verknüpft wurden. Die Teilnehmer des Taunus-Bikepacking-Rennens sind gerade auf den letzten 150 von insgesamt eintausend Kilometern unterwegs. Es wird ihr härtester Tag – „Hitze zieht Körner“, wie der Velocipedist sagt. Der Geselle aus meinem Radladen hat mit 50/50 eines der entspanntesten Verhältnisse von Fahren zu Ruhe – man kann ja alle Daten tracken. Mithilfe dieser Technik kontrolliert der Veranstalter auch, ob Fahrer auf verbotene Straßen ausweichen – das Rennen findet fast nur auf Wald- und Feldwegen statt; nichts für mich, aber da gibt es Fans.

Lautstarke Diskussionen mit meinen Kindern, ob der Autoschrauber Simon Fordman seine YouTube-Videos nicht von jemand anderem schneiden lässt. Das sei so üblich und von seinen Einnahmen auch problemlos möglich. Ich ging davon aus, dass er alles selbst macht, aber die Kids erklären mir, dass man für wenig Geld einen Cutter buchen könne und der nicht erwähnt werden müsse. Ich stelle fest, dass die Regeln der digitalen Ökonomie noch immer nicht in mein Gehirn eingedrungen sind – was sie allmählich sollten; schon vor Jahren fragte Tom Hodgkinson: „What Has Silicon Valley Ever Done for Us?“ Bis zum Abend schwüle Hitze, die ich gut vertrage, dann Gewitterwolken und zarte Schauer. Wir werden vom Niederschlag nur gestreift, aber es reicht, um die Nacht erträglich zu gestalten.

Interview mit Tom Hodkinson: www.youtube.com/watch?v=SfoBahCi67s
Hodkinsons Stück „What Has Silicon Valley Ever Done for Us?“: https://www.idler.co.uk/article/what-has-silicon-valley-ever-done-for-us/
„Tom: ‚Silicon Valley hat uns ausgeblutet, diese Mistkerle. Sie haben uns alles genommen, was uns lieb und teuer war. Sie haben Zeitungen, das Briefeschreiben per Hand, unsere Kindheit, das Einkommen von Musikern, die psychische Gesundheit von Teenagern, den Journalismus, Tagebücher, Landkarten, die Tagträumerei zerstört … und wurden dabei reich – und was haben sie uns im Gegenzug gegeben?‘ Gav: ‚Das Smartphone?‘“
