Gregor Dill, Moabit
Meine Nacht ist von einem innerlichen Grummeln geprägt. Weil sich das Verdauungssystem meldet und darüber beschwert, was ich doch gestern Abend noch für „Tolles“ gegessen habe, werde ich bereits um 3:30 Uhr wach. Flau und rumpelig geht es in mir zu – eben grummelig, was tatsächlich die beste Umschreibung dafür ist; ich bin mir sicher, der eine oder andere findet ähnliche Worte dafür.
Ich spüre, wie sich im Magen Unwohlsein breitmacht. Auch rund um die Nabelgegend – wohlwissend, dass der Darm sie umgibt – ist alles nervös. Selbst Aufstoßen verhilft nur zu wenig Besserung. Ich wälze mich umher, drehe mich andersherum, decke mich ab und stehe sogar auf, um das Fenster zu öffnen – nichts hilft. Meine Frau, aktuell eher seicht schlafend, bekommt mit, dass ich unruhig bin. Ich hatte ein im Kühlschrank wartendes Bananen-Himbeer-Gedicht gegessen, das vor ein paar Tagen geschrieben war. Es hat gestern noch gut geschmeckt, doch frisch und fein war es wohl nicht mehr.

Vielleicht könnte mir Heilerde helfen? Die haben wir irgendwo im Schrank vergraben, doch auf meiner frühmorgendlichen Suche mit viel zu kleinen Augen und einem typisch männlichen Blick für Dinge kann ich sie einfach nicht ausfindig machen. Später am Tag werde ich diese Unkenntnis durch das Auffinden beenden, aber nicht jetzt. Also horche ich in mich hinein und gehe zum Gewürzregal. Ich mag die Kraft und Vielfalt, die in Gewürzen steckt, weshalb unser Repertoire eher großzügig ist. Ich greife zu Kardamom und Anis. Ein paar Gramm landen auf meiner Hand und von dort im Mund. Ich kaue sie langsam.

Ich gehe wieder ins Bett. So richtig einschlafen kann ich nicht mehr – immer noch grummelt es in mir. Doch das Gefühl ändert sich. Ich spüre, wie die Gewürzmedikation sich langsam die Speiseröhre hinab arbeitet und im Magen ankommt. Sanft und irrwitzig macht sich Kühle, leichte Kälte, breit. Das Gefühl der Besserung stellt sich ein und folgt dem Verdauungstrakt; Stück für Stück bewegt es sich durch den Körper und legt sich an die Innenseiten der Schleimhäute. Das beruhigt mich so sehr, dass ich doch zurück in den Schlaf finde und vor mich hin träume. Es ist enorm, was die ätherischen Öle und Pflanzenstoffe für eine Wirkung entfalten. Es war eine gute Wahl.

Kurz nach fünf. Die Sonne über den Wolken ist bereits hell genug, um den Tagesstart zu verkünden. Ich richte mich auf und hüpfe in die Klamotten. Heute ist ein wichtiger Tag für unsere Tochter, die ihr Sommerabschiedsfest aus dem Klassenverband feiert. Außerdem hält die Arbeit einen aufregenden Wasserschaden über drei Etagen parat, der kompliziert zu beheben ist. Ich muss jetzt für Präsente, Kühlung, Werkzeuge und einen Plan sorgen. Die Bereitstellung läuft präzise und schnell ab, aber auch hier steckt etwas Grummeliges drin. Ich verlade alles in das Auto und gehe zu meiner Morgenbank. Auf ihr liegend blicke ich gen Himmel und sehe einmal mehr tolle Wolkenformationen. Und die Farben! Ich liebe die vielen Facetten an Blautönen, die mit viel Grau und ein wenig ganz hellem Weiß zu Wattebällchen mit filigran ausgefransten Rändern zusammengebauscht sind.

Und wieder grummelt es! Diesmal neben mir auf einer der Bänke. Von einer aus meiner Perspektive einsamen Seele, die tief und fest schläft, dringen sonore, leicht schnarchende Laute zu mir herüber. Ein Zeichen von tiefer Müdigkeit, Erschöpfung und Energietankens für ein neues Abenteuer am folgenden Tag. Und ein Zeichen des Vertrauens. Es war eine warme und milde Nacht. Wir erwarten in den nächsten Tagen hochsommerliche Temperaturen. Da macht Draußenschlafen auch ohne Schlafsack oder anderen Schutz Spaß; ein fester Unterschlupf ist nicht immer notwendig.

Ein weiteres Grummeln zieht an mir vorbei: Ein langer blauer Zug, der Richtung Tschechien unterwegs ist, schleicht sich in den Hauptbahnhof ein. Die Bahngleisstöße bringen einen tiefen, sanften, für die Ohren angenehmen Ton hervor. Dem Morgen angemessen.
