Christoph Sanders, Thalheim

Bis 13 Uhr ist es am Samstag auf dem Rad ganz erträglich. Ich bin mit dem langen Mannheimer auf Westerwaldtour. Die Sonne drückt bei 35 Grad plus. Im Nistertal rettet uns eine kleine, gut geführte Tankstelle, von der ich wusste, dass sie hervorragende Frikadellen und Getränke anbietet – zwei Dosen Karamalz und die Lebensgeister kommen zurück. Zwischen Saintal und Wied rasen wir nach Flammersfeld, wo wir es gerade noch zur mobilen Metzgerei und Bäckerei schaffen, bevor diese schließen. Wir essen wundervolle Mettwurst im Brot; die Tankstelle daneben sorgt für kühlen Sprudel. An den Schokoladenpreisen erkennt man die Kaufkraft: Ein Euro Unterschied vom Flyover-Land zur Mainebene, wo eine Ritter-Sport 3,50 Euro kosten darf. Weiter geht es nach Norden Richtung Sieg, wo die Wasserpunkte seltener werden – immerhin wird man noch auf einigen Friedhöfen fündig. Auf einem dieser beobachten wir einen Mann, der ein Grabkreuz ersetzt. Er erzählt, dass er aus dem Nachbarort kommt und in der Gegend Metalldiebe unterwegs sind – abgelegene Ruhestäten sind perfekte Ziele; vor allem Bronze wird geklaut. Mit den vor Ort hängenden Kannen übergießen wir unsere Kappen und ziehen durch immer stillere Täler weiter nach Sieg. Zehn Kilometer vor der Haustür zum Abschluss ein kaltes alkoholfreies Pils in einer weiteren kleinen privaten Dorftankstelle, die außerdem Poststation und Autowerkstatt ist. Es herrscht hier eine völlig andere Atmosphäre als in den Tankabfertigungsanlagen der Speckgürtel und Großstädte. Bei meiner Runde ums Haus sehe ich, dass gleich nach dem Gewitter am Freitag zwei Türkentauben geschlüpft sind.

Am Sonntag absolute Ruhe mit kühlen Getränke im Halbschatten und Vitaminen aus dem duftenden Garten. Heute wird meine ältestee Tochter vierundzwanzig Jahre alt. Ich kann mich noch ganz genau an die Berliner Hitzewelle im Sommer ihrer Geburt erinnern – mit Gaze überspannten wir jungen Eltern ihren Kinderwagen, in dem sie schlief und schlief und schlief. Unsere Kinder sind am Vormittag Schwimmen, danach geht es zum Reitplatz, wobei sich der Sohn ausklingt und bei mir im Haus bleibt. Kleines Küchenballett und Wäschesortierungen, die, wie mir scheint, niemals aufhören. Ausgedehnter Mittagsschlaf in der Schwüle. Später Gewitterwolken ohne Gewitter, trotzdem angenehme Abkühlung. Die Wiesen und alles andere wachsen wie wild – besseres Agrarwetter gibt es kaum. Nach einer weiteren schwachen belgischen Vorrundenpartie zu Bett.

Montags als Gegenkraft zum Feuerdom aus dem Süden Nordwest-Nordostwind. Fette Quellwolken. Dadurch auch 31 Grad auf dem Rad erträglich. Im Haus orgeln die Waschmaschinen – bis zu unserer Abfahrt Richtung Berlin morgen Abend ist alles trocken geweht. Gegen 18:30 Uhr die Tochter von der sich hinziehernden Fahrschule abgeholt. Sie sagt, was für ein Witz dagegen die lediglich zwanzig Pflichtstunden am Steuer ihrer Austauschfreunde in Le Mans seien.

Nach einer klaren Nacht am Dienstag um kurz nach sieben bereits hemmungslos sonnig. Mild; der Giersch ist taufeucht. In der Wiese tiefe Mähschneisen; das Gras wächst kaum nach – im Gegensatz zu Walderdbeeren, die mein persönliches Nahrungsergänzungsmittel sind. Was ich am Vorabend vom Vorrundenspiel Österreich gegen Argentininien mitbekam, war taktisch zäh. Der Weltmeister hat Glück, dass Messi immer noch den Unterschied macht (anders als de Bruyne oder Ronaldo). Keine Urlaubsfliegerstreifen zu sehen.
