Gregor Dill, Moabit

Ich sitze im Kleinen Tiergarten in Moabit. Obwohl ich nicht der Einzige bin, sind erstaunlich wenige Gespräche zu vernehmen, eher Laute und Geräusche. Jeder scheint die urbane Stille zu genießen. Ich warte auf meine Tochter, die herzallerliebst ihrem Hobby und Talent, dem Ballett, nachgeht. Ich tauche in andere Alltage ein, schalte ab, nehme auf, gebe wieder. Im Licht der Sonne sitzend, am Puls der Zeit. Inmitten des Stillstands und doch lebendig.

Wenige Meter weiter rumpelt langsam die Tram über die Straße. Sie erreicht gleich ihr Ziel. Helle Kinderstimmen versuchen, Aufmerksamkeit zu erhaschen – etwas Tolles wurde entdeckt oder im Vorbeigehen zuerst fast übersehen und fiel erst dann ins Auge: „Ach schnell, Mama, sieh hin! Siehst du, was ich sehe?“

Ein leichter Wind schickt von links wie in einem nie endenden Strom feine Brisen. Rechts von mir plätschert ein Springbrunnen mit neun kleinen Fontänen, die ein Spiel mit der Wasseroberfläche und der verwirbelten Luft treiben – ein freudiges, atemberaubend schönes Spiel, das gerade von zwei Mädchen gewürdigt wird, die sanft das Nass und die Wellen ertasten. Neben ihrem Papa und mir sehen ihnen auch immer wieder drei Krähen zu, die gerade versuchen, eine ergaunerte Tüte Essbares zu zerpflücken. Durch den Duft angelockt und begierig auf das, was Menschen zurückgelassen haben, hacken und zerren sie sich fast schon hoffnungsvoll durch das Papier.

Das sonore Brummen um mich herum wird von einem wellenartigen, surrenden und jaulenden Autostrom aus der Ferne untermalt. Möwen fliegen über uns hinweg. Ich weiß nicht, wie lange es in Berlin schon Möwen gibt. Ist es das Salz der Brezenbäcker, das sie mit Meeresduft verwechseln, oder sind es die Weite und die vielen Wasserflächen, die sie anlocken? Sie verraten es uns nicht.

Vereinzelt rascheln Blätter; manche fallen zart auf den Rasen oder den Asphalt – wo der Wind sie etwas weiter schiebt, ist ein leichtes Kratzen zu vernehmen. Das trockene Laub ist der Bote eines heißen Sommers mit wenig Wasser in der Umgebung. Neben dem frühen gelben Blattwerk fällt mir auf, dass etliche Bäume und Sträucher enorm viele Früchte tragen, und das über diverse Gattungen hinweg. Droht einer Pflanze der Tod, steckt sie all ihre verbleibende Energie in eine übermäßige Produktion von Samen und Früchten, um so den Fortbestand ihrer Art zu sichern.
