
Weltmeisterschafts-K.-o.-Spiele im Aztekenstadion: 1970 der Kaiser Franz mit Armschlinge im Jahrhundertmatch gegen Italien, von dem Gerd Müller noch Jahrzehnte später sagen wird, dass er sich davon nie erholt hat; Pelé vor 107.00 Zuschauern auf den Schultern seiner Kameraden; 1986 Diegos „Hand Gottes“ und nur drei Minuten später das wahnwitzige Solo, bei dem er sechs Löwen erlegte; vom Estadio Azteca schwappte die La Ola über den Erdball – historischer Boden, der viel verspricht und mich den Wecker auf zwei Uhr stellen lässt: Gastgeber Mexiko gegen England, Achtelfinale. Der Wecker klingelt. Ich schalte den ORF ein. Kein Live-Bild aus Ciudad de México!?! Ich schaue im Netz nach, was los ist, finde aber nur Gerüchte um die Vorverlegung des Spiels wegen Sicherheitsbedenken. Um 2:03 Uhr doch die Umschaltung ins WM-Studio. Alina Zellhofer teilt mit, dass der Anpfiff wegen eines schweren Gewitters um eine Stunde nach hinten verschoben wurde. Die lange Wartezeit wird zunächst mit Gesprächen und Beiträgen über den Drogenkrieg im Lande gefüllt. Peter Filzmaier, ein fliegetragender Politologe aus der ZIB-Redaktion berichtet. Dann Fokus auf den Sport, aber mit sozioökonomischem und politischem Hintergrund. Zellhofer, der ZIB-Mann und die Ex-Nationalspieler Jasmin Eder und Peter Stöger (unter anderem auch Trainer beim BVB und 1. FC Köln) springen unaufgeregt und äußerst kompetent zwischen den Themenblöcken hin und her. Alte Schule.

2:51 Uhr Thomas König und Co-Kommentar Michael Liendl melden sich. Jetzt geht’s los! „Mexicanos, al grito de guerra“ und „God save the queen“ (ähem, „King“ – ich hab immer noch Lizbeth im System). Anstoß. Die ersten Minuten. Plötzlich bricht der Stream ab. Hülfe! Ich probiere dieses und jenes aus – nichts geht mehr. Ich schalte zum ARD-Sportschau-Radio – irgendwie live bleiben. Ich höre drei Tore in sechs Minuten: Bellingham, Bellingham, Jiménez – 2:1 für England. Pünktlich zur Pause steht eine Alternativübertragung. Ich schaue die Analyse. Pickford, du Teufelskerl!!! England kommt hellwach aus der Kabine: Pfostenschuss in der 48. Minute (oder „Stangerl“, wie wir Austrophilen sagen). Kurz darauf Aufregung bei den Mexikanern. Videocheck. ORF-Schiri Thomas Steiner wird zugeschaltet und sagt: „Das ist eine Rote Karte.“ Und so kommt’s auch: Quansah, der den Gegenspieler mit offener Sohle erwischte, muss runter – England ab jetzt zu zehnt. Ungefähr zehn Minuten später haut der mexikanische Torwächter Gordon um – Elfer! Kane verwandelt: 3:1. Yes! Minuten später unglückliche Aktion von Kane im eigenen Strafraum – nach VAR-Beäugung Elfer für Mexiko, das zum 2:3 verkürzt. Das Stadion tobt. Powerplay Mexiko. Im Halbminutentakt gefährliche Eingaben – das werden lange zwanzig Restminuten. Die Engländer komplett im eigenen Strafraum. Fliegende Beine, Körper, Köpfe. Bloß nicht noch so ein blödes Foul oder Handspiel! Der Kommentator sagt: „Da wirst verrückt!“ Aber sowas von. Diverse Auswechslungen – in der 90. nimmt der Trainer den platten Kane runter. 11 Minuten Nachspielzeit! Und auf die packt der Schiri dann nochmal etwas drauf. England in wirklich allerletzter Sekunde fast mit einem Eigentor. Ich kann nicht mehr! Keiner kann mehr. Abpfiff. Endlich. Die Mexikaner fallen um und weinen, die Engländer fallen um und jubeln im Liegen. Aus den Stadionlautsprechern kommt „Football’s coming home!“ Ich singe mit. Tuchel in der Interviewzone. Er, der immer so aussieht, als ob er während eines langen Aufenthalts in einer Tuberkuloseklinik soeben die Zusatzdiagnosen Darmverschluss und Wanderhämorrhoiden bekommen hätte, lächelt glücklich. Auf die maximal dumme Frage, wer England „nach so einem Spiel“ noch stoppen könne, gibt er die maximal smarte Antwort: „Norway.“ Werbeblock, durchschnaufen. Zurück ins Stadion. Die Inselaffen (Fachbegriff) haben nun die Sombreros ihrer hurtig entschwundenen Sitznachbarn auf. Wann immer bei den Töchtern und Söhnen Albions ein Gefühlsüberschuss kanalisiert werden muss, erklingt Oasis – alle mit drei Löwen auf der Brust singen „Wonderwall“. Ich singe mit. „Auf Wiederschauen!“ und ab ins Studio. Der Politologe wird gefragt, wie er das Spiel fand. Er sagt: „Geil.“ Wir alle schließen uns ihm an. 5:12 Uhr. Ab an den See.

Schwimmen unter Uferschwalben, von oben aber noch trocken – als ich zuhause bin, regnet es sich ein. Ein grauer, feuchter Tag und ich absolut übermüdet. Mittagsschlaf, Powernapping und dergleichen hätte auf mich eine ähnliche Wirkung wie eine Flasche Wodka am Vorabend: kaputter Körper plus Matschkopf. Lieber wachbleiben. Ich mache das einzig Vernünftige und fahre bzw. gehe zur NochMall, dem von der Stadtreinigung betriebenen Gebrauchtwarenkaufhaus in Reinickendorf. In der Gegend um den Kurt-Schumacher-Platz ist die Armut der Anwohner offensichtlich. Der Einzelhandel hat sich darauf eingestellt: Aldi, Lidl, Penny, Netto, Kaufland, Woolworth, KiK, TEDi, Action, Fressnapf, Teppichläden, Hayal- und Mekka-Markt, dazu Shisha-Bars, Leihhäuser, Automatencasinos, Aufbackshops, Money-Transfer- und Dönerbuden. Ich komme hier gut zurecht, da es klare Regeln gibt: Jeder lässt erstmal jeden in Ruhe – Hackesche Höfe, Alex und andere Touri-Hotspots sind unangenehmer. Ich nehme aus der NochMall John Zorns „Mycale“ und eine Best-of-CD der Münchener Freiheit mit – meine Lieblingssongs „Herzschlag ist der Takt“, „Rumpelstilzchen“, „So lang‘ man Träume noch leben kann“ und „Ich steh‘ auf Licht“, sind drauf – leider fehlt „Nacht über Deutschland“, diese wunderschöne Ballade, in der der Protagonist von Westberlin aus über das (geteilte) Land fliegt: „Flug 737 / Abflug mit Pan Am von Berlin / Die Stewardessen lächeln / Der Käptn weiß wohin“. Bis zur Schließung des TXL 2020 war Tegel der deutsche Flughafen mit den meisten Lärmbetroffenen – nicht zuletzt die Reinickendorfer litten. Nun sind sie arm aber nicht mehr halb taub.

Am Dienstagmorgen ausgeruhtes Regenschwimmen und ein etwas melancholisches Gespräch mit der Sächsin über das Sterben. Anlass ist ein ertrunkener Mitschwimmer – sie und ich waren am Samstag Zeuge der (wie sich später herausstellte) vergeblichen Suchaktion nach ihm. Beim Tischtennis werden selbstverständlich sämtliche Rote-Karte-zurücknehm-Witze gemacht; ich gehe früher, damit ich zum Anpfiff von Argentinien gegen Ägypten zuhause bin, und werde nicht enttäuscht – einzig den Sieger hätte ich mir anders gewünscht.

Mittwoch sitzt mir in der S-Bahn ein Teenager (m/w/d?) gegenüber, der ein T-Shirt mit einem Fotomotiv aus einem US-amerikanischen Gangsterfilm aus den Siebzigern anhat. So sehr ich auch grüble, komme ich nicht auf den Titel, zumal die Schauspieler irgendwie verschroben aussehen. Dann lese ich auf dem Ärmel die Buchstaben BEAS und erkenne den Schrifttyp. Ha! Das ist ein Beastie-Boys-Nicki und das Still aus dem „Sabotage“-Video, in dem Ad-Rock, Mike D und MCA Ami-Krimiserien und Actionfilme der 70s parodieren – da kam mein Gehirn einfach nicht auf die Metaebene. Am Samstag legte es hingegen beim Spiel Kanada gegen Marokko eine mir vollkommen unerklärliche Leistung hin: Als auf der Zuschauertribüne ein mir eigentlich unbekannter Mann gezeigt wird, meldet es sofort: Wayne Gretzky! Was der Kommentator umgehend bestätigt. Dass ich Gretzky zuletzt irgendwo gesehen habe, muss Jahrzehnte her sein.

Am See läuft mir der Kieler über den Weg. WM-Zwischenanalyse. In unserem Fokus stehen die Videoschiedsrichterentschiedungen („Die armen Kroaten!!!“) sowie die deutsche Abwehr. Es fallen Namen wie Katsche Schwarzenbeck, Terrier Vogts, Manni Kaltz, die Walz von der Pfalz Briegel, Kokser Kohler und die Förster-Brüder. Bei letzteren schauen wir sofort ängstlich auf unsere Schienbeine. Justament als wir über das Material von Jürgen Klopps Gebiss rätseln, kommt ein weißhaariger Mann im weißen Bademantel mit aufgesetzter Kapuze vorbei und sagt: „Da könnte ich mich ja sofort dazustellen.“ Ich: „Ja, mach, schimpf ruhig ein wenig mit.“ Er: „85 Millionen Bundestrainer.“ Ich: „Genau. Und wer von uns dreien wird nun der Nachfolger?“ Er: „Das müssen andere entscheiden.“ Und entschwindet gen Wasser.

Ein wenig weiterklönen mit dem Kieler, Verabschiedung, zur Bucht. Dort manifestiert sich die Beobachtung der letzten Woche, dass der Haubentaucherfamilie eines der drei Jungen fehlt. Die verbliebenen beiden sind inzwischen größer als ihre Eltern, halten sich aber noch in deren Nähe auf. Das wird sich in vier bis fünf Wochen ändern.

Zeitgleich ist frischer Nachwuchs zu vermelden: Während ich Tee trinke, taucht aus dem Schilfgürtel ein Mandarinentenweibchen mit vier noch sehr kleinen Jungen auf. Mal schauen, was aus ihnen wird.

Mit wem auch immer ich über die WM spreche – niemand hat das Spiel England gegen Mexiko gesehen. Dafür haben noch viele die Trikots oder Shirts ihrer Teams an – auch der ausgeschiedenen. Ich sehe viele Kids im Deutschlanddress, was mich sehr freut – die haben kapiert, was das Fan-Sein ausmacht. Ein Mädchen trägt ein klassisches Weiß-Schwarz-Jersey mit Uralt-Logo – wunderschön!

Gänzlich ohne DFB-Leibchen kommt Rapperin Ikkimel aus, als sie im ZDF-Morgenmagazin ihr Lied „Fußballmänner“ performt. Wie die meisten Mainstream-Fußballsongs ist das nicht von allergrößter Dichtkunst getragen, aber ein Wortspiel wie „Mertes-Sucker“ haut schon hin; auch die hochtourigen Bratzbeats sitzen. Bezeichnend ist das Aufheulen all der alten weißen Männer (m/w/d) im Lande, die irgendwann um die Jahrtausendwende den Anschluss an die Echtzeit verloren haben müssen – exemplarisch dafür Tichys Einblick: „Billigster Rummelbuden-Techno mit dem Charme eines runtergefallenen Schaschliktellers (darf man eigentlich noch Schaschlik sagen oder steht das auch schon auf dem Index, man kennt sich ja heutzutage nicht mehr aus.)“ Cool die Schlussworte der tempelhofer Musikerin: „Danke ‚Moma‘, wir freuen uns auf die Frauen-WM nächstes Jahr!“ Und auch ich sage „Danke“ – an die Empörer, die einmal mehr bewiesen, dass sie den Streisand-Effekt nicht verstehen; ohne euch hätte ich von diesen zwei Minuten prima TV-Unterhaltung nie erfahren. Außerdem amüsiert es mich prächtig, dass Deutschlandfunk, taz, Spiegel, NZZ, Freitag, SZ, Zeit usw. sich wegen Ikki bemühen, den Begriff „Fotzenrap“ zu erklären. Ikkimel hat hierzulande mehr für Mädchen und Frauen getan als Theresia Crone, Collien Fernandes, Anna-Lena von Hodenberg, Ricarda Lang und die anderen, die kürzlich in Berlin ein Plakat enthüllten, das dem Kampf gegen Gewalt an Frauen wohl mehr schaden als nützen wird.

Münchener Freiheit „Nacht über Deutschland“: https://www.youtube.com/watch?v=Pil5HmG6NkM&list=RDPil5HmG6NkM&start_radio=1
Beastie Boys „Sabotage“: https://www.youtube.com/watch?v=z5rRZdiu1UE
Ikkimel im ZDF-Morgenmagazin: https://www.zdfheute.de/video/zdf-morgenmagazin/ikkimel-102.html
Campact-Kampagne: https://www.campact.de/blog/2026/06/mit-collien-fernandes-gegen-maennliche-gewalt/
