Christoph Sanders, Thalheim
Nach der 160-Kilometer-Westerwaldtour am Sonntag ist mein Körper am Mittwoch wiederhergestellt – die Müdigkeit ist fort, nur die Nase läuft noch. Die subpolare Strömung bringt frische Luft. Ich sortiere Radteile, die ich für wenig Geld anbiete – sogenannte Umwerfer, das sind kleine Hebel, welche die Kette über die Blätter hinauf- und hinunterleiten. Eine aussterbende Gattung, da sie für E-Bikes nicht geeignet sind und sich bei klassischen Rädern zunehmend bizzarre Lösungen mit 1×12 oder 1×13 Gängen durchsetzen, bei denen das größte hintere Ritzel manchmal größer als das Kettenblatt vorn ist.

Der Donnerstag nach dunstigem, fast nebligem Beginn ein weiterer, wunderbarer Frühsommertag mit frischen Temperaturen. Natürlich habe ich die Hitzewelle Anfang Mai registriert und auch, dass es im Sommer mitunter zu warm wird – aber diese mediale und politische Alarmstimmung rund um Durchschnittstemperaturen erscheint mir befremdlich. Statt Fördermittelpropaganda zu betreiben, deren Konsequenz weitere Steuergeldverteilungen sind, sollte man lieber die Betreiber von Märkten und Shoppingparks dazu verpflichten, auf ihren vollversiegelten Asphaltwüsten eine große Zahl von Bäumen zu pflanzen – so schafft man erträgliche Mikroklimata. Das ließe sich vielerorts umsetzen. Wenn ich an den kürzlich geschlossenen Aldi in Offheim denke, dann sind die zwanzig großen Ahorne, die wilde Hecke, die Rosenrabatten und die Wahl von Waschbeton, durch den das Gras sprießt, das Schönste und Sinnvollste, was von ihm bleibt. Bäume wachsen in unseren Gefilden ausgezeichnet, wie ich gerade wieder beim Grünschnitt von drei Eichen, fünf jungen Ahornen, den Haseln und weiteren Gehölzen feststellen konnte – leider sagen viele Hausbesitzer in meiner Umgebung, Bäume machten nur Dreck und Arbeit. Unsere Johannisbeeren werden von Tag zu Tag zahlreicher, größer und reifer – mal sehen, ob es schon für einen Kuchen reicht.

Am Freitag völlig ausgeschlafen. Frisch rasiert einen Parcours in die Wiese gemäht. Unglaublich, was so ein alter Mäher noch umlegt. Ebenso erstaunlich, wie sich manche Pflanzen und Sträucher selbst aussäen und förmlich emporschießen. Interessant auch, was ich in den Erinnerungen des Wildmeisters Karl Zorn („Im Westerwald und Taunus“, Paul Parey Verlag, Westberlin, 1966) über die Jagd auf Ringeltauben lese, die eine langwierige Angelegenheit war. Mit einem Lockruf musste man den Vogel gewissermaßen eifersüchtig machen; andernfalls blieb er regungslos und selbst dem geübten Auge verborgen. Zwei oder drei Tiere galten nach mehreren Tagen Pirsch bereits als Erfolg – was für ein anderes Zeitgefühl, was für eine andere Welt, dieses vergangene Jahrhundert! Ich lese, dass sich Wildschweine, um Parasiten zu bekämpfen, an bestimmten Bäumen reiben, deren Rinde Bitter- und Gerbstoffe enthalten. Auch Hirsche nutzen geeignete Bäume, um den Bast abzustreifen, das nachgewachsene Geweih zu härten und zu imprägnieren. Als entschiedener Nichtjäger, für den die Jagd ein widerlicher sozialer Sport ist, habe ich nichts gegen Förster und Berufsjäger – eigentlich sind sie die größten Freunde der Natur. In unseren Umweltdebatten spielt das kaum eine Rolle, dort geht es eher um Abziehbilder einer Natur, die man für Milchtüten oder Bio-Käseverpackungen entwirft. Ruhiges, schwüles Wetter mit düsteren Horizontkulissen und vielen Schauern – gut für die durstigen Böden! Mit den Kids Abendbrot. Die Frau hat den Abiball einzuleiten – reinstes Provinztheater, man kann nur staunen. Teesiebausbeulung, kanadischer Fußball, Bettruhe.

Am Samstag keinen Zentimeter Rad gefahren! Stattdessen mit dem Auto in die Lahnmetropole Diez. Dort eine kleine Kaffeerösterei, die zum Jahreswechsel einen Nachfolger sucht. Rund 100 Quadratmeter groß, zehn Sitzplätze. Riesige Röstmaschine und eine Bandbreite an Kannen für die Filterkaffee-, Mokka- und Espressofreunde. Mir wird erklärt, dass man genauestens die Ernten kennen muss und sich dementsprechend seine Sorten sichert; dafür arbeitet man mit verschiedenen Importeuren zusammen. Das Röstverfahren ist je nach Bohne individuell, so wie das Aroma, was mir Riechproben aus den Säcken bestätigen. Inventar, Mobiliar, Kasse und Restbestände wären zu übernehmen, dazu der immaterielle Wert einer über zehn Jahre aufgebauten Firma – aber auch das Risiko schwankender Ernten infolge des Klimawandels. Ich bin immer etwas skeptisch bei diesen ganzen Feinschmeckerläden mit ihren Tasting-Sessions und Latte-Art-Kursen, die es inzwischen in jeder deutschen Mittelstadt gibt. Immerhin bekommt man dort für 3 Euro guten Kaffee – der zuhause schmeckt aber auch nicht schlecht. Abends zur Aufführung meiner kleinen Tochter, die in „Die Welle“ mitspielt. Das Stück an sich ist grauenhaft, die Aufführung war aber sehr gut. Was alles in Heranwachsenden steckt – und später kurz und klein geschnitten wird vom Mähroboter des beruflichen und familiären Alltags … Auf dem Weg ein toter Kleiber oder Steinschmätzer – Ruhe in Frieden.

Ereignisarmer Sonntag. Das Haus für die Gastschülerin gerichtet – das ist immer gut, egal aus welchem Anlass. Mit dem Rad Richtung Hahnstätten, wo die Geigenlehrerin ein Kammerkonzert in der Aula der Grundschule gibt: Mendelssohns „Lieder ohne Worte“, Debussys „Clair de lune“ sowie schöne Stücke von Massenet und Paganini. Tadellos gespielt, gut interpretiert – das Leben als Berufsmusikerin. Das Publikum besteht aus ein paar ihrer Schülerinnen und vierzig Boomern – ich ziehe mich in meinem Rennfahrerdress diskret auf die Seitentreppe zurück. Eintritt frei und lediglich ein kleines Plakat an der Tür, als wolle man im Verborgenen blühen, während das Volk von der überfüllten Eisdiele zur neobarocken Inszenierung einer Kunstausstellung oder zur Eröffnung des Botanischen Gartens lustwandelt, den ein lokaler Immobilienbesitzer zur „stilvollen Eventvermarktung“ hat herrichten lassen. Der einzige Niederschlag, der mich auf den jeweils dreißig Kilometern hin und zurück erwischt, ist der Scheibenwaschanlagengruß eines Automobilfahrers, dem ich die 10-%-Steigung anscheinend nicht schnell genug hinaufkomme.

