
Wie die Tage zuvor beginnt auch der Samstag mit fantastischen Wolkenbildern. Das Kopfsteinpflaster neben dem Rehwiesengraben glänzt regenfeucht in der Sonne. Am Uferweg des Schlachtensees finden sich immer wieder Stellen, an denen Wildschweine die Erde durchwühlt haben. Als ich in meiner Stammbucht ins Wasser gehe, umschwimmt ein Kaulquappenschwarm meine Füße und Beine.

Auf dem Rückweg sehe ich nach wochenlanger Pause wieder einen Kormoran – der sitzt mit einem Reiher auf dem Schildkrötenbaum. In der S-Bahn-Unterführung in Nikolassee höre ich lautes Gewieher – man merkt, dass es menschengemacht ist. Nachdem ich die Treppe hochgestiegen bin, sehe ich den Anlass dafür: Am westlichen Tor hängt ein Steckenpferd. Ich bin froh, dass man in Berlin nur einen Bruchteil der Vorgeschichten bizarrer Ereignisse mitbekommt. Auf einem Plakat des Müttergenesungswerks steht: „Mütter auf die eins!“ Das gefällt mir. Zum Mittagsnachtisch koche ich Grießbrei, den ich mit Blaubeeren, Rosinen und einem sauren Apfel verfeinere.

Sonntagmorgen um halb sechs treffen in der Ringbahn Durchmacher auf Frühaufsteher. Neben mir vier junge Leute Anfang zwanzig – zwei Mädchen sowie zwei Jungen, die sich gerade kennenlernen. Sie kommen jeweils aus einem Club und vergleichen ihre Eindrücke, auch von anderen Lokalitäten. Alle vier sagen, dass sie betrunken sind, was man ihnen nicht anmerkt; einer hat ein Bier in der Hand und meint, dass er Keta und noch irgendetwas geballert hat, das ich aber nicht kenne. Die Mädchen auch nicht. Die leben in Magdeburg und sind nur für das Wochenende in Berlin. Der andere Junge versucht sächsisch zu sprechen, merkt aber, dass das ja gar nicht passt. Er fragt, ob es in Magdeburg auch einen Dialekt gibt. „Ja, das Bördeplatt.“ Der, der das Ketamin genommen hat, erzählt, dass er gerade ein Praktikum auf einem Dorf macht, um den dortigen Friedhof als soziales Zentrum des Ortes zu erforschen: „Wenn die nicht die kleine Kirche, die Orgel, den Chor und ihre Kuchentafeln hätten, wär da nichts los.“ Eines der Mädchen fragt: „Krass! Gehen da auch junge Leute hin?“ – „Nein, junge Leute leben da nicht mehr, nur ganz alte.“ Die Mädchen müssen in Westend aussteigen – unspektakuläre, nette Verabschiedung. Die Jungs machen ein Phone an und spielen einen selbstproduzierten Hip-Hop-Track ab, auf den sie abwechselnd rappen und sich dabei korrigieren. Der Song gefällt mir. Mich interessiert, ob das echte Streichersamples sind oder ob man so etwas heutzutage mit KI-Tools zusammenbastelt – aber das Letzte, was druffe Rapper im Morgengrauen brauchen, sind Dinos, die sie in der Bahn zutexten. Ich steige am Westkreuz aus – und höre gerade noch, wie sie beschließen, dass sie jetzt Döner essen gehen.

Kurz nach sieben am Schlachtensee fast scherenschnittartig harte Licht- und Schattenkontraste. Richtung Westen schwimme ich gegen kleine Wellen an, dazu leichter Regen und Schwalben – so mag ich’s.

Nachdem die Türken nach der Niederlage gegen Australien in ihren Morgenkava weinen mussten, geht der moabiter Fußballtag um 14 Uhr weiter: Letzter Spieltag der Herren-Landesliga, Staffel 2. Der FC Union 06 auf einem Abstiegsplatz, einen Punkt hinter Biesdorf II, die allerdings bereits die Saison beendet und auch ein schlechteres Torverhätnis haben. Die Aufgabe ist klar: Union braucht einen Punkt!

Auf dem Weg zum Poststadion ein heftiger Schauer, selbst die mit Schirm suchen einen Unterstand. Kurz warten, weiter. Am Eingang des Kunstrasenplatzes begrüßt mich Peter, ein Ex-Bundesliga-Profi: „Wenn du da bist, gewinnen wir immer!“ – „Hoffen wir das Beste. Eisern!“ Mein nunmehr dreiundachtzigjähriger Sportsfreund, mit dem ich hier so manche Partie gesehen habe, ist auch da – lange nicht gesehen, beidseitig Freude über das Wiedersehen. Gegner ist die 2. Mannschaft des Berliner Sportvereins Eintracht Mahlsdorf, die ihre Saison im Mittelfeld beenden wird. Es tröpfelt nur noch. Anpfiff.

Union konzentriert, macht das Spiel breit, sehr gutes Pressing. Erste Chancen. Die 2. Mannschaft und ein paar Kids, die vorher spielten, kommen aus den Umkleidekabinen – Saisonabschluss, Pizza für alle. Die Herren verlangen nach hopfenhaltigen Getränken und singen im Chor: „Wir woll’n den Kasten seh’n, wir woll’n den Kasten seh’n!“ Der Kasten kommt – la Ola! In der 30. Minute das 1:0 für Union. Die knapp einhundert Zuschauer, so sie denn zum Heimteam halten, euphorisch. Auf dem Platz Spielerhaufen. Jemand aus der Zweiten entzündet ein Bengalo – Pyrotechnik ist kein Verbrechen! Mit der knappen Führung geht es in die Pause. Ein Mahlsdorf-Fan korrigiert die Annahme, dass uns ein Unentschieden reicht – da ist noch etwas vor dem Sportsgericht anhängig, das zu einer Punkteverschiebung führen können. Blöd geregelt – so etwas muss vor dem letzten Spieltag geklärt sein! Fest steht: Union braucht einen Sieg. Auf dem Klo die einzige Form von Nudging, die ich mir gern gefallen lasse.

Auf dem Rückweg zum Platz treff ich Peter. Kurze Spielauswertung – er ist etwas pessimistischer als ich, was die 2. Halbzeit betrifft. Zu Unrecht: drei Minuten nach Wiederanpfiff fällt das vorerst erlösende 2:0. Nun gibt es kein Halten mehr. Durchatmen. Weiter. Plötzlich Windböen und Strakregen. Schirme fliegen umher, in der Ferne Donner. Bloß keinen Spielabbruch! Es geht gut – die Wasserschlacht von Moabit beginnt. In der 63. das 3:0. Es findet sich ein weiteres Bengalo. Dann wird es etwas hektisch auf dem Platz – der sehr gute Schiri, der bislang vieles hat laufen lassen, wird nun pingelig. Die Gemüter beruhigen sich. In der 80. das 1:3. Jetzt nicht nachlassen. In der 94. verschießt Union sogar noch einen Elfmeter – aber bringt das 3:1 schlussendlich über die Zeit. Die Menschentraube auf dem Kunstrasen reicht bis an die Regenwolken heran. Klassenerhalt!!!!!!!!

Nette, etwas traurige Verabschiedung von meinem Nachbarn, der nicht weiß, ob er es in der kommenden Saison noch einmal quer durch die Stadt zu den Spielen schafft – seine Arthrose wird immer schlimmer. Hoffen wir das Beste. Ich komme mit einem anderen Alten ins Gespräch, der sich das Spiel von außen über den Zaun angeschaut hatte. Ein großer Kenner des Berliner Fußballs. Spielte früher selbst bei den Weddingern von Meteor 06. Ich: „Da muss ja noch die Mauer gestanden haben.“ Er: „Ja. Und wir hätten niemals gedacht, dass die mal fällt.“ Ich zeige auf das Spielfeld: „Und heute spielt Union gegen Mahlsdorf und das ist vollkommen normal.“ „Ja, Gott sei Dank.“ Deswegen spreche ich so gern mit alten Berlinern.

Am frühen Abend dann schon das nächste Spiel: Deutschland gegen Curacao, Weltmeisterschafts-Auftakt. Mein innerer Tipp geht exakt auf: 7:1. Schön. An unserem Haus hängt nur eine einzige schwarz-rot-goldene Fahne – das müsste die Wohnung der Westfrikaner sein.

Am Montag weiter regnerisch. Herrliche Wellen im Schlachtensee – und außergewöhnlich unruhige Wasservögel. Das liegt definitiv nicht am Wetter. Bei den Blässhühnern fehlen zwei Junge – vielleicht hat es etwas damit zu tun? Erst einmal abwarten, vielleicht haben die sich auch nur im Schilfgürtel versteckt, um den Wind auszusitzen.

