Susanne Kasperowski, Gadebusch

Außenkamera Garten, 02:37:02, 29-07-2026
Helko Reschitzki, Moabit

Durch den Corona-Shutdown im März 2020 veränderte sich von einem Tag auf den anderen auch das Leben der berliner Wildtiere. Mit den menschenleeren Touristenplätzen und den geschlossenen Imbissen brach für viele von ihnen die Nahrungsgrundlage aus Essensresten weg. Während die standorttreuen Tauben verharrten und hungerten, reagierten mobilere Arten wie Füchse, Ratten und Krähen umgehend und verlagerten ihre Reviere in die Wohngebiete und Außenbezirke, wo durch das Homeoffice wesentlich mehr Haushaltsmüll mit organischen Abfällen anfiel als sonst. Da die Berliner, um einem Wohnungskoller zu entgehen, die städtischen Parks und Wäldchen tagsüber intensiv nutzten, passten sich die Tiere auch hier an, sodass sie zwar in der Nähe der Häuser blieben, ihre Streifzüge aber in die ruhigeren Nachtstunden legten. So wie sich damals die meisten sofort auf die neue Situation einstellten, nutzen momentan ein paar moabiter Kids die Gunst der Stunde und machen die für den Fahrzeugverkehr gesperrte Putlitzbrücke zur temporären Spielstraße. Von mir aus könnte das immer so bleiben.

Am Freitagmorgen begutachte ich am nördlichen Schlachtenseeufer die Folgen der heftigen Schauer vom Vortag. An den steilen Hängen des eiszeitlichen Schmelzwassertals hat der Niederschlag in den Rinnen, die sich dort bei Starkregen – in ihrer Ortstreue den Tauben gleich – immer an denselben Stellen bilden, seinen Weg nach unten gefunden. Dabei haben sich dieses Mal aber nur wenig Erde, Geröll und Pflanzenteile gelöst, sodass der Seegrund lediglich an ein paar Stellen in unmittelbarer Ufernähe muttererdig dunkel geworden ist.

Am Samstag gegen sieben in der locker besetzten U9: Circa 90 Prozent meiner Mitreisenden dürften Billiglöhner auf dem Weg zur Arbeit und davon wiederum 90 Prozent Migranten sein. Drei gerade eingestiegene und offensichtlich miteinander bekannte, über den Waggon verteilte Ex-Balkanbewohner grüßen einander kurz und durchaus herzlich mit kleinen, persönlichen Gesten, bleiben aber jeder für sich sitzen, schieben Mini-Kopfhörer ins Ohr und schließen die Augen. So verlängern sie ihre Privatzeit – die vor ihnen liegende gemeinsame Schicht ist noch lang genug, um alles Neue oder auch Alte haarklein zu besprechen. Da ich am Vormittag verabredet bin und auf die Uhr achten muss, bade ich heute wieder einmal in der Nähe der S-Bahnstation Schlachtensee am Südufer. Unter einem wolkenlosen, penatencremedosenblauen Himmel macht eine Frau auf einem Stand-up-Paddle-Brett Gymnastikübungen, allerdings ohne Paddel. Ich hoffe, dass meine Yogalehrerin so etwas nie zu sehen bekommt und dadurch auf dumme Gedanken gebracht wird. Zwei ältere Herren schwimmen vorbei. Der eine sagt: „Wenig los hier. Sind wohl alle im Urlaub. Ich hab gestern sogar gleich einen Termin bei meiner Lieblingsfriseurin bekommen, Snježana aus Kroatien.“ Der andere dreht sich auf den Rücken und schnauft.

Am Sonntagmorgen dann die Horror-Meldung vom Terroranschlag auf den Christopher Street Day: In der Nacht soll ein Mann nahe des Feiergeländes im Großen Tiergarten mit einem Kleintransporter gezielt in eine Menschenmenge gefahren sein – eine Frau wurde getötet, fast dreißig Menschen erlitten teils schwere Verletzungen. Der Täter ist flüchtig. Es gibt Gerüchte um einen Komplizen und um Messer- und Machetenangriffe nach dem Fahrzeuganschlag. Der Himmel über Berlin kommt mir so unwirklich vor wie diese Nachricht.

In der S-Bahn und auf meinem Umsteigebahnhof ist viel DB-Security zu sehen, aber keine Polizisten oder andere Einsatzkräfte – jedenfalls nicht in Uniform. Ansonsten scheint alles wie immer. Unter der Buchtbank gesellt sich zum ersten ein weiterer neuer Sperling.

Auf dem Rückweg esse ich ein paar Brombeeren und stoße auf die nächsten frisch umgestürzten Bäume: Im Wäldchen an den Gleisen der S-Bahn und der Wetzlarer Bahn liegt eine Birke, und auf dem Rehwiesenhang eine Esche – letztere ist mit Flatterband abgesperrt.

Am Nachmittag bin ich mit einem Freund auf der Weddinger Hanne-Sobek-Sportanlage verabredet – sein Sohn, der nun in die erste Mannschaft von Blau-Weiß Hohen Neuendorf aufgerückt ist, hat dort ein Testspiel gegen die höherklassigen Moabiter vom BAK 07, die körperlich überlegen sind und 2:0 gewinnen. Wir unterhalten uns im strömenden Regen über die Fußball-Weltmeisterschaft, die Spaltung der Gesellschaft, den CSD-Anschlag, Fitnessideen für ältere Herren, Hans Falladas Schreiboutput während seiner Morphiumsucht, den Tod meines Vaters und natürlich das Geschehen auf dem Rasen.

Nach der Rückkehr vom See sind in Moabit und später auch in Wedding latent Hubschraubergeräusche zu hören – am Morgen wurde eine Personenfahndung nach dem Attentäter herausgegeben. Bei den nach und nach hereintröpfelnden Details seines Lebenslaufs kommen bei mir sofort wieder Erinnerungen an den Massenmörder vom Breitscheidplatz hoch. Der plante seine Tat nur ein paar hundert Meter von unserem Haus entfernt im Moschee-Verein „Fussilet 33“. Damals fluteten Reporter den Kiez und wollten uns Anwohnern mit manipulativen Fragen Aussagen entlocken, die die Asylpolitik von Kanzlerin Merkel kritisieren. Im Gespräch mit einem belgischen Journalisten ging ich darauf gar nicht erst ein, sondern sagte, dass der flüchtige Täter bestimmt im Zuge einer möglichen Festnahme umkommen wird. Genauso passierte es dann auch. Das gleiche Schicksal ereilt nun den Attentäter vom CSD – am Abend vermelden die Agenturen, dass dieser laut Polizeiangaben gegen 18:00 Uhr in einer Gartenkolonie in Spandau mit einem Messer auf die Beamten des SEK zugelaufen sei und daraufhin von diesen niedergeschossen wurde; trotz Reanimationsversuchen verstarb er vor Ort. Wie beim Mörder vom Breitscheidplatz habe ich jetzt eine Menge Fragen.

Die Nacht hindurch Regen und eine Stunde nach Sonnenaufgang ein weiteres fantastisches Himmelsbild. Beim Gang über die immer noch für den motorisierten Verkehr gesperrte Putlitzbrücke komme ich mir einmal mehr wie die Haupthelden in „I Am Legend“ und „28 Days Later“ vor. Am See eine nette Begegnung mit einem älteren Pärchen, das sich zu mir auf die Buchtbank gesellt, um dort zu frühstücken. Sie haben Klappstullen, Kaffee und Obst dabei. Mir werden Kirschen angeboten – ich nehme sie an. Dann gehe ich in die Brommeln und bekomme einen Schrecken – dort, wo ich bislang allein Hand um Hand pflücken konnte, ist auf einmal der Endgegner vor Ort: Ein Ostasiate, der so alt ist, dass man ihm nicht mehr das Geschlecht ansieht – würde sie/er mir erzählen, dass sie/er 1957 in Kurosawas „Das Schloss im Spinnwebwald“ als Vierzigjährige(r) den Waldgeist gespielt hat, würde ich das sofort glauben. Die Ausstattung meines Mitpflückers besteht aus einem Stock zum Dornenzweig-Wegbiegen und einem Stoffsäckchen für die Früchte – höchstwahrscheinlich Erbstücke einer jahrtausendealten Dynastie von Brombeersammlern.

Wie jeden Morgen überfliege ich im S-Bahnhof Nikolassee am Zeitungsständer die Schlagzeilen. Hinter mir sagt eine leise Stimme: „Er ist tot.“ Es ist klar, dass damit der Attentäter gemeint ist. Ich drehe mich um. An der Wand lehnt ein vielleicht Achtzehnjähriger und raucht. Daraus entspinnt sich seine Zigarette lang ein angenehm differenziertes und besonnenes Gespräch über den Terroranschlag, die ritualhaften Trauerfloskeln und markigen Ankündigungen der Politik, und unser Bedauern, dass der Täter nicht lebend gefasst wurde und verhört werden kann. Das „Soll dich der Teufel holen!“ des Berliner Kuriers spricht uns wie vielen trotzdem aus der Seele.

Zurück in meiner Wohnung Irritation, weil der Wasserkocher nicht geht. Kurzer Check: Nichts geht, weder Lampen noch Steckdosen. Die Sicherungsschalter alle dort, wo sie sein sollen. Vielleicht wurde wegen der Balkonarbeiten der Strom abgestellt und ich habe es nicht mitbekommen? Ich will gerade runter zum Hausgemeinschafts-Aushang, um nachzusehen, da höre ich auch schon die aufgeregten Stimmen einiger meiner Nachbarn, die auch keinen Strom haben – angekündigt war da nichts. Unser Hausmeister wird benachrichtigt. Er kommt innerhalb einer halben Stunde. Im Schlepptau hat er einen TV- und Telefonmechaniker, der ebenso angerufen wurde – zwei berliner Handwerker, der eine in einer roten Latzhose, aus deren Brusttasche ein Spannungsprüfer schaut. Ich bin sofort beruhigt. Die beiden machen sich gemeinsam auf Ursachensuche. Ich bekomme von den anderen weitere Details. Dabei stellt sich heraus, dass nicht alle Wohnungen betroffen sind; ein logisches Muster ist aber nicht zu erkennen. Trotzdem bringt mich das auf die Idee, einmal eine der Steckdosen im Hausaufgang zu testen, in die die Reinemachefrau immer den Staubsauger einstöpselt – sie funktioniert. Ich lege meiner Nachbarin und mir eine Verteilerdose hin, wodurch wir das Abtauen unserer Kühlschränke verhindern können. Da ich der improvisierten Stromversorgung nicht ganz traue, bereite ich mir aus den am leichtesten verderblichen Lebensmitteln einen Salat (dass ich dafür auch rohe Champignons verwerte, soll sich Stunden später grummelnd rächen). Da ich es hasse, in der Wohnung zu hocken und
auf etwas zu warten, von dem ich nicht weiß, wann es eintrifft, fahre ich in den Wedding. Dort kaufe ich Randy Newmans „Land of Dreams“ als Gebraucht-CD – das Album hatte ich vor Ewigkeiten als Kassette; keine Ahnung, wo die abgeblieben ist. Ich sehe mir in der Kommunalen Galerie die herausragende Ausstellung „Die gesiezte Tochter. My Total Deconstruction of an Armenian Family“ mit Collagen und Texten von Beatrice Moumdjian an – düstere und helle Familiengeschichten, erzählt anhand von Detailschnipseln aus Fotos. So wird aus dem spontanen Zeitüberbrücken ein lohnender Ausflug.

In unserem Haus sind inzwischen Mitarbeiter des Stromversorgers und die Hausverwalterin eingetroffen. Es hat sich noch nichts getan. Warmes Wasser haben wir jetzt auch nicht mehr. Man hilft einander und lädt Smartphones auf; einem Nachbarn aus dem Vorderhaus konnten sogar die Aquarienfische gerettet werden. Nun muss ich doch warten – zum Glück mit Tee, ganz wie in der Redensart. Gegen 18 Uhr, nach gut neun Stunden, haben wir wieder Strom! Große Erleichterung. Trotzdem traue ich mich nicht, die Waschmaschine anzustellen. Lieber noch die Nacht abwarten – sicher ist sicher.

Am Dienstagmorgen weiterhin Strom. Aber viel zu früh für die Waschmaschine – Frühstück, Waschen, auf zum See. Die Sonne knallt ihr Licht über die Quitzowstraße, dass man meinen könnte, Lesser Ury hätte seine Gleißfarben über den Asphalt geschüttet. In der Bucht neben dem Sperlingszuwachs noch ein neuer Gefährte: Wie bereits am Sonntag kommt eine Ratte aus dem Schilf. Die will an die Reste der Haferflocken, die mehrere Mitschwimmer den Rallen hinstreuen. Sie traut mir nicht. Flitzt zum Fressen, schlingt, flitzt zurück. Immer wieder. Beobachtet mich, reagiert auf die minimalste Bewegung mit Flucht. Gut so. Bloß nicht an Menschen gewöhnen.

Just als ich mich auf den Rückweg will, kommt der alte Kunsthändler in die Bucht. Wir klönen uns fest. Er berichtet, dass er gerade dabei ist, sein letztes Kellerdepot versteigern zu lassen – „im Prinzip zu verschenken – keiner kauft mehr Barocktischchen“. Für ihn war der Knackpunkt, als die Billigwelt der Pressspanmöbel begann und die Leute ihren Kaffee lieber draußen hastig im Gehen statt zu Hause zu trinken: „Der Alltagsgenuss ist abhanden gekommen.“ Wir reden über unsere sich rasant ändernde Welt – was die Bilderflut für einen bildenden Künstler bedeutet, was das Dauernachrichtengeballer mit Gesellschaften macht. (Er und ich nutzen das Phone nur dosiert.) Ganz unvermittelt fragt er, was ich von der AfD halte – meine etwas ausholende, kleinteilige Antwort stellt ihn zufrieden. Er stupst mich an, macht mich auf die Ratte aufmerksam. Wir schauen ihr ein wenig zu. Er, Jahrgang 1942, erzählt von seiner Kindheit in Berlin und wie sie den amerikanischen Alliierten, „die dort oben im Wald hockten“, immer Draht geklaut hätten. Ich ergänze Storys aus der sowjetischen Garnisonsstadt, in der ich aufwuchs. Er fragt, ob ich froh bin, dass die Mauer gefallen ist. Ich sage, dass das der schönste Moment meines Lebens war und ich mich bis heute freue, dass ich einfach so durchs Brandenburger Tor gehen kann: „Wir Deutschen sollten mit diesem Ossi-Wessi-Scheiß aufhören und lieber glücklich sein, dass wir wieder ein Land sind.“ Er ist sichtlich angetan von meiner Antwort – alte West-Berliner haben auf das Thema eine andere Sicht als viele Westdeutsche. Wir verabschieden uns mit Handschlag.

Im Vorderhof läuft mir der Hausmeister über den Weg. Ich bedanke mich dafür, dass er und die anderen so schnell für Strom sorgten. Er sagt, dass das doch selbstverständlich sei. Ich antworte, dass es das nicht ist. Ursache für das alles war „eine hundertzwanzig Jahre alte Sicherung in einem der uralten Verteilerkästen“. Wir kommen auf den Terroranschlag am Jahresanfang zu sprechen, durch den zigtausende südberliner Haushalte und tausende Betriebe tagelang ohne Strom waren. Dagegen hatten wir ja Glück. Als mir meine Nachbarin die Verteilerdose zurückgibt, sage ich ihr genau das – sie ist ganz irritiert und immer noch grummelig darüber, „dass das alles so lange gedauert hat“. Völlig unterschiedliche Wahrnehmungen.

Frank Schott, Leipzig
Ich pflege werktags meine Routinen. Zu diesen gehört, halb sieben aufzustehen und anschließend meine Frau zur Arbeitsstätte zu begleiten. Daran schließt sich stets ein kräftiger Spaziergang an, manchmal unterbrochen von einem Kaffee in einer Bäckerei, so dass ich jeden Morgen mindestens eine Stunde zu Fuß unterwegs bin.

An diesem Montagmorgen lese ich in der App die Wetterprognose für Leipzig, aber sie erreicht anscheinend nicht vollständig mein Gehirn – hängen bleibt nur, dass es nachmittags 22 bis 24 Grad und sonnig oder leicht bewölkt sein soll. Was ich ausblende, ist die hohe Regenwahrscheinlichkeit bis etwa 10 Uhr. Daher habe ich keinen Schirm dabei, zumal nach dem nächtlichen Regen eine wärmende Sonne scheint. Die hohen Häuser um uns herum verbergen das dunkle Grau der Wolken. Erst als wir zu den Neubauten entlang der S-Bahn kommen, fällt mir auf, wie regendrohend es aussieht.

Meine Frau betritt das Laborgebäude, in dem sie arbeitet, ich setze meinen Marsch fort in Richtung der Kleingartenanlage. Kurz erblicke ich am südöstlichen Horizont noch eine Wolkenlücke – dann setzt der Starkregen ein. Binnen Minuten bin ich völlig durchnässt. Mir wird schlagartig kalt. Die Tropfen schlagen wie Granaten auf dem Sandweg ein und lassen Fontänen aus Erde und Schlamm aufspritzen. Das Wasser strömt den leicht abfallenden Weg in Sturzbächen herab. Bereits nach wenigen Metern ist meine schlammbespritzte Hose ein Fall für die Waschmaschine.

Wie so oft beobachte ich, dass unwetterartiger Starkregen die Menschen degenerieren lässt. Eine satanische Faust aus Bosheit quetscht die Herzen und lässt das Dunkle und Egoistische zum Vorschein kommen.

Autos donnern mit 50 km/h durch die 30er-Zonen. Reifen brettern durch Pfützen und lassen heftige Wasserschwalle auf die Gehwege klatschen. Radfahrer ignorieren nahezu alle Verkehrsregeln. Die Gesichter der wenigen Passanten sind verkniffen und abweisend. Kein Lächeln, kein Grüßen, kein Innehalten. Nur pure Selbstsucht.

Nach etwa einer Viertelstunde lässt der Starkregen nach und geht in einen feinen Niesel über. Sofort lockert sich der dämonische Griff um die Seelen der Menschen und das Leben findet zurück in seine geordneten Bahnen. Es ist, als ob die Stadt einen Fluch abschüttelt – man nimmt wieder Rücksicht, auch die Autos scheinen einen Tick langsamer zu fahren. Riesige Pfützen decken schonungslos jeden Schaden auf den Fahrbahndecken und Bürgersteigen auf. Des einen Leid ist des anderen Freud: Für die Kleinkinder auf dem Weg in den Kindergarten oder Hort ist das ein Fest – zumindest, wenn deren Eltern die Kleinen mit Gummistiefeln ausgestattet haben. So wird jede Pfütze zum Abenteuer. Wohl jenen, die nicht nur an Stiefelchen dachten, sondern auch ein Mehr an Zeit einplanten.

Zuhause gilt mein erster Blick den beiden Katern. Als wir losgingen, hatten wir die Terrassentür einen Spaltbreit offengelassen, damit sie rein und raus können. Im Haus finde ich keine Katze – all ihre Lieblingsplätze sind leer. Ich bin verwundert; ich kann mir nicht vorstellen, dass die zwei den Regen irgendwo draußen ausgesessen haben, statt ins Trockene zu kommen. Zu guter Letzt finde ich sie: Sie liegen schlafend am höchsten Punkt unseres mehretagigen Hauses. Schutz vor der Sintflut? Auf jeden Fall gute Instinkte.

Frank Schott, Leipzig
Nach der Woche des intensiven Fahrradfahrens stand eine Woche des Laufens an. Dreimal lege ich binnen sieben Tagen knapp elf Kilometer zurück, jeweils in etwa einer Stunde. Der Lauf am Sonntag ist der langsamste – da bin ich eine Stunde und knapp vier Minuten unterwegs. Ich frage mich, wie ich vor etwa neun Monaten einen Halbmarathon in 1:45 Stunden geschafft habe – meine Form sieht momentan eher nach gut zwei Stunden aus.
Doch das spielt eigentlich keine Rolle. Das Joggen tut mir gut und die zehn Kilometer schaffe ich, ohne den Körper bis zum Äußersten knechten zu müssen. Der Lauf am Sonntag ist am angenehmsten. Als ich gegen 7:30 Uhr loslaufe, sind die Straßen leer. Die Ampeln blinken im Pausenmodus. Mir begegnen Jogger, Hundehalter und vereinzelte Nordic Walker, wobei letztere ausschließlich weiblich und in meinem Jahrgang oder älter sind. Die Spielplätze sind verwaist, die Papierkörbe quellen über. Ein Sportruderer zieht auf der fast spiegelglatten Flussoberfläche seine einsame Bahn; zwei schweigende Angler schauen ihm zu. Neben den üblichen Spatzen, Amseln und Krähen sehe ich zum zweiten Mal einen Eichelhäher. Der gehört auch zur Familie der Rabenvögel, wie ich mir habe sagen lassen, ist aber durch sein farbenfrohes Gefieder ein wenig aus der Art geschlagen – ein Paradiesvogel inmitten einer trübseligen schwarzen Verwandtschaft.

Die Wege sind noch ein wenig feucht von den gelegentlichen Schauern zur Wochenmitte – ich muss sogar einige Pfützen umrunden. Der Niederschlag hat dem Wald gutgetan. Die Schotterwege sind dagegen bereits ausgetrocknet – wegen der darüber hängenden Dunstwolke aus Staubpartikeln beeile ich mich, weiterzukommen.

Am Samstagabend fuhr ich mit dem Rad zu einem der Braunkohleseen. Auch nach 17 Uhr ist es dort noch voll. Eine Gruppe arabischer junger Männer imitiert das Schwimmen. Ich habe immer mal ein Auge auf sie, wenn sie sich ins tiefere Wasser vorwagen. Zwischen den Badegästen paddeln Enten. Ich bin überrascht, dass sie mit ihren Füßen schneller vorankommen als ich mit dem Brustschwimmen. Aus der Ferne erklingt klassischer Gesang. Ich kann ihn nicht zuordnen, höre aber von einem Pärchen neben mir, dass da, knapp einen Kilometer entfernt, auf einem Steg ein Chor probt. Über das Wasser tragen die Töne sehr weit.

Ob am Strand, beim Bäcker oder im Café: Aktuell habe ich „Haben oder Sein“ von Erich Fromm dabei, ein Büchlein, das man durchaus als Wegweiser für ein erfüllteres Leben bezeichnen kann. Selten lese ich mehr als zehn bis zwanzig Seiten, dann habe ich so viel Stoff zum Nachdenken, dass ich zunächst Abstand brauche. Der Autor zitiert gleichermaßen Karl Marx und Sigmund Freud, Albert Schweitzer und Aristoteles, Spinoza und Meister Eckhart, die Bibel, den Talmud und Buddha. Seit dem Ende meiner Schulzeit in der DDR habe ich nicht mehr so viel Marx gelesen. Das Buch ist in den 1970er Jahren verfasst worden und sicher auch ein Spiegel seiner Zeit. Doch viele Gedanken über das besitzorientierte Streben und Leben, das auf das „Haben“ (sprich Auswendiglernen) ausgerichtete Unterrichten oder über den Wunsch nach Zugehörigkeit und Anpassung sind heute so aktuell wie damals.
Wenn Fromm vom „Sein“ spricht, meint er ebenso das Leben nach dem inneren Kompass wie das Hingeben an den Augenblick. Unter anderem schreibt er, dass Worte nie wiedergeben können, was die Sinne erfassen. Zugleich mahnt er, Texte nicht nur zu konsumieren, sondern mit voller Aufmerksamkeit zu durchdringen. Statt „ich habe das Buch gelesen“ auf der Haben-Seite zu verbuchen, sollen wir versuchen, den Autor zu verstehen und die durch die Lektüre gewonnenen Erkenntnisse anzuwenden. Seine Empfehlung an Schulen und Universitäten ist, dass sie inspirieren und kein totes Wissen in den Köpfen anhäufen sollen.

Wie gesagt, viel Stoff zum Nachdenken … Und nun ertappe ich mich dabei, wie ich in einem Döner-Imbiss während des Essens weiterlesen will. Nein, sage ich bewusst und lege das Buch zur Seite. Ich genieße mein Essen und schmecke mit allen Sinnen. Beim Kauen lasse ich den Blick schweifen und die Ohren die Geräusche der Stadt einfangen. Zum Abschluss bringt mir die freundliche Mitarbeiterin ein kleines Glas schwarzen Tee – jetzt kann ich lesen.
Christoph Sanders, Thalheim

Am Samstagmorgen kühle und gute Luft. Salbei in den grünen Tee für die 130 Kilometer mit meinem alten Mariendorf/Hoyerswerda/ Freudenberg-Radkumpel. Hoffentlich unterwegs kein Waldbrand.

Begegnung an der Bücherverschenktelefonzelle mit einer älteren Therapeutin, die mir ihr unstetes Leben schildert: Da mathematisch-technisch sehr begabt, wurde sie in den 1970ern Werksstudentin bei Siemens. Trennte sich von ihrem Mann, ebenfalls Techniker, als sich dieser bei Rheinmetall bewarb. Kehrte zu ihrer Mutter zurück, als die nach zwanzig Jahren von einem neuen Mann nochmals schwanger wurde. („Mein Kardinalfehler!“) Große Zerwürfnisse in der Familie: ihr Großvater, ein Hitler-Gegner, brach den Kontakt zu seinem Sohn (ihrem Vater) ab, weil der ein glühender Hitler-Verehrer war. Sie selbst hat später ihr privates Nazi-Archiv der Stadt Hachenburg vermacht, wo sie vor ein paar Jahren als Therapeutin gelandet ist.

Fantastische Tour durch den Westerwald; das Wetter unglaublich angenehm – traumhafte Tage gerade. Stetiger Wechsel von Wäldern, Feldern und Wiesen, dazwischen Dörfer, manchmal ein Steinbruch. Monotonie ausgeschlossen. Nur der hohe Westerwald über 500 Metern ist karg und öde – es wurde halt Brennholz daraus gemacht; kann man das unseren Vorfahren verdenken? Mähdrescher ziehen lange Staubfahnen hinter sich her – es wird geerntet. Trockene Luft. Der Dieselpreis oszilliert unter 220 Cent. Mit meinem Begleiter ein wunderbares Einvernehmen, gleiches Tempo, interessante gemeinsame Beobachtungen. Mit dem gelernten Braumeister und Lebensmittelchemiker, der als Angestellter von Coca-Cola für die landesweite Betreuung von Kaffeeautomaten zuständig ist, zu einem Testtrinken in die Hachenburger Brauerei, inklusive Besichtigung und kleiner Gastronomie. Werbereime wie aus den sechziger Jahren: „Ein schönes Märzen, das bringt Heiterkeit, wusst’ schon der Opa zu seiner Zeit.“ In Regalen liegen jahrgangsweise die brand eins und das Manager Magazin aus. Das Hell akzeptabel. Die alkoholfreie Variante fällt bei uns durch – das können andere viel besser. Da immer weniger alkoholischer Stoff verlangt wird, ist der Markt für Getränke gerade stark im Umbruch. Jemand meint: Nach der Arbeit mit Kollegen mal so richtig einen heben, das gäbe es nicht mehr. Brauereien sind durch die alkoholfreien und Fruchtbiere mittlerweile zu einem direkten Konkurrenten für Softdrinkproduzenten geworden.

Zuhause die absolut packende Königsetappe der Tour de France mit irrem Finale. Ich freue mich, dass im Radsport im Gegensatz zu vielen anderen Lebensbereichen die Geschwindigkeit nur allmählich zunimmt. 2022 fuhr ich selbst die Pässe – eine große Erinnerung. Abends Pflichteinkauf für aufgesperrte Kindermünder. Früh zu Bett.

Christoph Sanders, Thalheim
Am Mittwoch extrem ausgeschlafen aufgestanden. Den Teenie und die Gattin um fünf Uhr zum Zug gebracht (dringende Venen-OP). Mit der Kleinen und dem Sohn allein zuhaus. Graue Wolken, frisch, morgens 8 Grad. Mein Schorf vom Samstagssturz heilt locker ab. Wenn man bei der Odyssee auf leichte Gehirnerschütterungen Rücksicht genommen hätte, hätten wir nie davon gehört. Ich übergebe das kaputte Trikot der Näherin – sie hält es für flickbar und lächelt. Am späten Abend auf Igelsuche im Garten – meine Jüngste hat derart gute Ohren, dass sie das Rascheln auf zehn Meter orten kann. Glückliche Jugend. Fein, dass sich das Tier bei uns angesiedelt hat. Die Eberesche reift im ICE-Tempo.

Am Donnerstagmorgen deutlich bewölkt, aber milder als am Vortag. Das Rad vorbereitet, gefrühstückt. Da unsere Grünschnitttonne voll ist, die nur halb mit feinstgerebelten Grashalmen des Nachbarn gefüllte bis zum Bersten gestopft. Piepend setzt die Maschine der Abholer rückwärts. Alltag auf dem Dorf. Danach in den Vogelsberg. Regenjacke mitnehmen, auf gute Fahrt hoffen; der Weg ist bekannt. Wundervolle 210 Kilometer zum Radsammler und Musikfreund in Ulrichstein. Als Rentner hat er sich eine Trutzburg von Haus mitten im Ort gekauft, die nun seit fünf, sechs Jahren renoviert wird. (Achtzig Zentimeter dicke Mauern!) Seine Frau fährt den Gemeindebus – eine Freiwilligenhilfe für Rentner, die einkaufen und zum Arzt müssen, oder für auf dem Amt vorsprechende Flüchtlinge. Wie so viele hier hat auch der Freund Mühe, Fachärzte zu finden – man wird als Kassenpatient nicht genommen bzw. es ist kein Doc verfügbar. Das Schicksal der kleinen Städte auf dem Lande. Gegen 12:30 Uhr nehme ich den letzten Anstieg auf den Basaltkegel, an den sich das Städtchen auf 550 Metern über Null in den Vogelsberg lehnt.

Mein Gastgeber klagt über beginnendes Rheuma in allen Gelenken – er bekommt nicht einmal mehr die Milchtüte auf. Ich rate ihm, dem Genussmenschen mit deutlichem Mehrgewicht, freundlich zu einer Ernährungsumstellung und anderen Schwerpunkten: Fette und Salze meiden, viel Tee trinken, 20 Kilo abnehmen, das Übliche; ich verweise auf Müller-Wohlfarth, der sich ja ausgiebig mit entzündlichen Prozessen befasst, sage, dass es sich um eine Stoffwechselstörung infolge von Ablagerungen handele. Die Cortison-Salbe wirkt aber, meint mein Freund, mit Esoterik habe er nichts am Hut, außerdem bekomme er hier keinen Rheumatologen. Wir lassen das Thema schnell fallen und gehen zur Musik über. Ich wundere mich, wie wenig Menschen ihre Zukunft antizipieren. Ich wünsche niemandem Rheumaattacken – eine Woche fühlt sich dann wie zehn Jahre an. Alles schade und ein wenig traurig.

Der Hausherr zeigt mir seinen Ultraherd mit Gas und Induktion. Nach Pasta und Blumenkohl mit Schmand hören wir „Ladies of the Canyon“ von Joni Mitchell. Damit im Ohr geht es für mich die 105 Kilometer zurück. Die Wiesen links und rechts sind sämtlich gemäht und trocken, manche Bäume gelb verfärbt. An den gruseligen Neubaugebieten und der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Gießen vorbei. Das Auffanglager nutzt das Areal des ehemaligen US-Depots samt dem „Alpine Club“, der einstigen Offiziersmesse, die wiederum auf den Fundamenten und in den Zweckbauten der alten Reichs-Luftwaffe errichtet wurde – nun also Behördenort für Asylverfahren, garniert mit Containerhäusern. Dauerhafter Wind; die Wolken verfliegen gegen 16 Uhr. Durchweg äußerst angenehme 25 Grad. Um kurz vor 21 Uhr Duschen, anschließend Zubereitung der Bratkartoffeln für die Jüngste. Danach gehen wir wieder gemeinsam auf Igelpirsch. Ein reicher Tag.

Am Freitagmorgen müde, aber entspannt. Wind fächelt sonnige Luft. Nach der gestrigen Tour Schonung mit Routinearbeiten. Ich fahre nur ein paar Kilometer auf dem Rad zum Einkaufen, damit die Kinder nicht darben müssen. Auffällige Trockenheit unterwegs, hochsommerlich – wenn ich nicht irre. Jungs aus dem Dorf überholen mich auf dem Weg bergauf mit ihren scharf gemachten Motorrollern. Ich sehe sie immer vor einer Garage stehen und daran basteln. Es gibt sogar Breitreifen für diese demütigenden Fahrzeuge. Ruhiger Abend ohne Kids. Früh zu Bett, um für die morgige kleine Westerwaldrunde mit Tino aus Berlin (jetzt Freudenberg) hellwach und fit zu sein. Reifende Brombeeren, die letzten Johannisbeeren runden den kleinen Nachtisch ab. Allerschönste Ruhe im Ort – warum müssen eigentlich alle immer schon um 5 Uhr los? Gestern an einer Ampel mitten in Gießen musste ich an den Bukowski-Satz denken (sinngemäß): Sie standen im Stau und machten Gesichter, als hätten sie ihr Leben verhunzt. Ist also nicht neu. Räder müssen rollen. Den Tag mit Joni Mitchell begonnen, er endet mit Schumanns Quintett, dargeboten von den Ungarn des Kodály-Quartetts, Naxos, 1990. Das waren die Goldgräberjahre der digitalen Tonaufzeichnung.

Helko Reschitzki, Moabit

Nun ist die Fußball-Weltmeisterschaft zu Ende. Am anstrengendsten waren für mich die für unsere Zeitzone teilweise späten Anstoßzeiten und vor allem deren Verteilung auf 17:00, 18:00, 19:00, 21:00, 22:00, 23:00, 00:00, 01:00, 01:30, 02:00, 03:00, 04:00 bis 05:00 Uhr. Die Kommentatoren von ARD und ZDF wurden in meinem Umfeld durchweg kritisiert – nicht wenige wichen auf MagentaTV und Auslandssender aus. Dem spanischen Tischtennismitspieler und seiner Landsmännin wurde selbstverständlich zum absolut verdienten Titelgewinn gratuliert. Sie, eine Katalanin, erzählte mir, dass sie bedaure, dass Spanien keinen Hymnentext habe – der alte wurde 1975 gleich nach dem Tod Francos abgeschafft; sie hat die frühere Fassung als Kind noch gesungen, hätte aber gern eine neue. Ich antwortete, dass es mir ganz ähnlich gehe und ich mir 1990 gewünscht habe, dass das vereinigte Deutschland zum Neuanfang ein anderes gemeinsames repräsentatives Lied bekommt – Brechts perfekt geeignete „Kinderhymne“ (für die man nicht einmal Haydns Melodie ändern müsste) war damals sogar kurz im Gespräch. Ich freue mich, dass sich mein Biorhythmus wieder einpegeln kann, finde es aber schade, dass nun all die Trikots aus dem Stadtbild verschwunden sind. Meine absoluten Heroen waren jene, die fünf Wochen lang tapfer das Jersey der nicht qualifizierten Italiener trugen.

Alle Jahre wieder hängt ab 21. Juli, dem Internationalen Gedenktag für Drogenabhängige, an der Birkenstube, dem Fixerraum am Ende der Straße, ein Banner, auf dem die Drogentoten des Vorjahres verzeichnet sind: 2025 sind in Deutschland nach Angaben des BKA 2150 Menschen in Folge des Konsums illegaler Drogen und des Missbrauchs von psychoaktiven Medikamenten gestorben; fast jeder Vierte war unter dreißig Jahre alt. Bei 81,5 Prozent der Fälle wurde ein Mischkonsum verschiedener legaler (Alkohol, Medikamente) und illegaler Substanzen nachgewiesen. Synthetische Opioide wie Nitazene oder Fentanyl sind weiter auf dem Vormarsch. Durch die Coronamaßnahmen haben sich die Handelsstrukturen von der Straße und aus den Clubs massiv ins Digitale verschoben. Bestellt wird über verschlüsselte Messenger-Dienste, geliefert per Kurier und auf dem Postweg, bezahlt mit Kryptowährungen und anonymen digitalen Gutscheinkarten, die dann von den Dealern an Geldwäscher verkauft werden – in diesem Bereich hat die Digitalisierung problemlos funktioniert. Die Käufer wohnen in der Groß- und Kleinstadt oder auf dem Dorf; konsumiert wird meist in Privatwohnungen. Weitaus mehr Opfer fordern legale Suchtmittel: An den Folgen des Konsums von Alkohol verstarben 2025 bei uns rund 44.000, durch Tabak 127.000, an den direkten Folgeerkrankungen von Adipositas ca. 80.000 Menschen. In meinem Bezirk Berlin-Mitte kommen auf rund 397.000 Einwohner vier Suchtberatungsstellen; in meinem alten Landkreis Ludwigslust-Parchim sieben Standorte auf 207.160 Einwohner, das sind gut drei mal so viele.

Weitaus erfreulicher als das Drogenbanner ist der dienstägliche Himmel sowie die für den motorisierten Verkehr bis Ende des Monats gesperrte Putlitzbrücke – das Heizkraftwerk bekommt einen neuen Schornstein. Offensichtlich wurde diese temporäre Sackgasse noch nicht an das Navigationssystem der Feuerwehr gesendet, sodass diese am Mittwoch während eines Einsatzes umdrehen und einen Umweg nehmen muss.

Nachdem mich die – man muss es leider so sagen – beschissene Frisur von Robbie Williams bei dessen Auftritt vor dem WM-Endspiel daran erinnerte, dass ich mal wieder dringend zum Coiffeur muss, ging ich am Nachmittag zu meinem türkischen Barbershop. Der junge Friseur hatte mich noch nie zuvor bedient und schnitt bzw. rasierte meine Haar als Erster überhaupt von oben nach unten. Am Ende war alles tiptop und er brauchte nur halb so viel Zeit wie seine Kollegen. Frisch frisiert am Abend ein weiteres schönes Gespräch mit meiner Yogalehrerin.

Die Frauen meiner Yogagruppe nutzen das wöchentliche Treffen nicht nur zum angeleiteten Dehnen, Strecken, Balancieren und Atmen, sondern auch als Gelegenheit zum Verschenken von Marmelade. So schnell, wie da leere und volle Gläser von Matte zu Matte wandern, kann man gar nicht schauen. Am Rande dieser klandestinen Brotaufstrich-Tauschereien bekomme ich mit, dass in Wilmersdorf just die ersten Brombeeren reif sind, sodass ich am Donnerstag sogleich zu meiner Hecke nahe des Schlachtensees eile. Und auch hier hängen sie bereits tiefschwarz unter den Blättern – drei Wochen früher als im letzten Jahr.

Einen Kilometer weiter versperrt eine entwurzelte Kastanie meinen Weg – da ihre Blätter noch saftig grün aussehen, kann sie noch nicht lange dort liegen. Die gesamte Woche war es sehr windig und regnerisch.

In einer Tischtennispause kann ich den ehemaligen Hells Angel davon abbringen, im Internet Kapseln gegen Gelenkschmerzen zu bestellen; er war da einer wirklich gut gemachten KI-Fälschung aufgesessen, in der ein gefakter Dr. Eckardt von Hirschhausen irgendein angebliches Wundermittel anpreist – das Böse ist immer und überall. Kürzlich gab Hany Farid, einer der weltweit führenden Datenforensiker, der New York Times ein Interview, in dem er sagte, dass die rasante Entwicklung generativer künstlicher Intelligenz es inzwischen selbst für Experten unmöglich macht, echte von unechten Bildern visuell zu unterscheiden. Da wird noch so einiges auf unsere – immunologisch gesprochen – naiven Gesellschaften zukommen. Der alte Rocker erzählt ein paar sehr gute Storys aus seiner Zeit als Schmuggler in der Frontstadt Berlin.

HEL Toussaint, Prenzlauer Berg


Foto: Helko Reschitzki „Thai Hang Bistro, Berlin-Nikolassee“
Christoph Sanders, Thalheim

Am Samstag mit meinen Radfreunden die Rundfahrt durch den Spessart. Die Straßen alle einwandfrei, auch im kleinsten Dorf. Diskret schlängelt sich der ICE von Frankfurt nach Würzburg. Um Aschaffenburg ist bayerisches Staatsgebiet, grüner geht es kaum. Ich freue mich über meine ansteigende Form an der Bergwertung, was ich am Abstand zu zwei zufälligen Sportskameraden feststellen kann. Als ich mich zwei Kilometer vor Lohr zu einem Mitfahrer umdrehe, um ihn auf einen MB-trac 1800 intercooler hinzuweisen, komme ich von der Fahrbahn ab und stürze. Nach Kopftreffer leichte Gehirnerschütterung und Doppelbilder, Schürfwunden. Erst im Telefonat mit dem langen Mannheimer am Tag später kann ich vieles rekapitulieren: null Erinnerung an die Gespräche mit den besorgten Mitfahrern; ich stellte offenbar immer wieder dieselben Fragen. Die anderen wollten mich in den Zug setzen, was ich ablehnte. Am Ende bin ich dann doch mit der Bahn nach Hause gefahren. Das alles ist natürlich hochpeinlich – ich agierte wie ein angeschlagener Boxer. Der wird aber bewundert, wenn er die Runde übersteht und weitermacht; dito der Profiradrennfahrer, der bei ganz anderen Geschwindigkeiten abgeschossen wird. Aber eine private Radreisegruppe will verständlicherweise so ein Risiko nicht mittragen. Vermutlich hätte ich die Rücktour sogar geschafft, ohne weiteren Schaden zu nehmen; ich hatte ja nur leichte Verletzungen. Ich sage es nur ungern, aber im Risiko und im (temporären) Extrem fühle ich mich erst richtig „da“, bin froh, wieder in diesem Grenzbereich unterwegs zu sein. Die Schürfungen wurden auch daheim unbegeistert begrüßt. Es ist aber die Nicht-OP-Seite und keine einzige schwere Prellung zu spüren.

Sonntagmorgenruhe nach dem Sturm. Auf SWR Kultur ein exzellentes Interview mit dem Moosforscher Ralf Reski, der in diesen Pflanzen hohe pharmazeutische Potenziale sieht, von den positiven Auswirkungen auf die Umwelt ganz zu schweigen. Er empfiehlt eindringlichst, Moos nicht mehr aus den Fugen und Gärten zu kratzen. Am Nachmittag verfolge ich die anspruchsvolle Tour-de-France-Etappe, die mich mehr lockt als das WM-Finale. Pogačar, der Übermensch aus Slowenien, lässt erstmals seine unglaubliche Spritzigkeit vermissen. Das belgische Talent Remco Evenepoel entwickelt sich zum Rivalen im Hochgebirge – was selbst ihn zu überraschen scheint. Der dänische Herausforderer Vingegaard schmiert in einer Kurve ab (ein Millimeter zu viel Seitenneigung reicht da) und muss die Tour vorzeitig aufgeben. Meine Brevetgruppe entlässt mich via WhatsApp wegen der „gefährlichen Fahrweise“ gestern. Mit der Tochter Nachbarshunde ausführen, Vögel im Felde beobachten. Deutlich kühlerer Wind, angenehm. Leichte Sturzfolgen zu spüren – aber völlig harmlos, Bewegung tut gut. Das Dorf in totaler Ruhe, nur ein Mähroboter poltert ungelenk über die frisch gefallenen Sommeräpfel. Das von Taktik geprägte WM-Finale halte ich nicht lange durch, sehe den Anfang nur als Bild-in-Bild. Am Ende hat mit Spanien die jüngere Mannschaft gewonnen. Nun können wir die Fahnen wieder einrollen.

Guter frischer Montagmorgen, knapp 12 Grad. Die ersten Geräusche des Tages kommen von der Landstraße: das Rauschen der Reifen auf dem Weg zur Erwerbstätigkeit. Vereinzelt Vogelrufe, kein Gesang. Auf die Waldtaube antworten gegen 5:30 die Türkentauben an unserem Haus, die jüngeren mit helleren Lauten. Dieses Jahr hatten sie zwei Gelege – eines ist im Sturm gekentert. Spatzen tanzen in der Eberesche. Beim Müsli die Presseschau im DLF. Der ehrgeizige Spahn geräuschlos abgetaucht. Der Kerosinpreis geht ab. Irgendwie kehrt diesen Sommer keine Ruhe ein. Gartenarbeiten. Beendigung der Berlin-Fotovorauslese. Die Stadt vor dem Jahr 2000. Die Themen sind gesetzt. Sehr gute Radrunde – trotz des Sturzes ein spürbarer Trainingseffekt der 100 Kilometer aus dem Spessart. Von einer Nachbarin gefragt worden, ob mir schon die Frau über vierzig mit dem großen Hund aufgefallen sei – wir sahen sie tatsächlich schon im Feld. Diese Frau lebe mit dem Hund in ihrem Auto. Den Wagen hatte ich schon vor Monaten bemerkt, ein brauner MItsubishi Spacestar. In unserem Dorf stehen seit längerem mindestens drei Häuser leer. Mit der Tochter eine weitere Terrierrunde.

Sonniger Dienstag mit wunderbar leichter Luft. Sehr früh reifende Brombeeren, auch die wilden sind ein paar Wochen vor der gewohnten Zeit. 2026 wird Europas Marmaladenjahr. Angenehme Kurzfahrt mit gutem Gespräch in der Radwerkstatt , wo ich mir Flicken besorge. Dort arbeitet nun ein Downhill-Mountain-Biker, der früher im deutschen U23-Nationalteam fuhr. Was der von seinen Stürzen und seiner Einstellung zum Risiko erzählt! Weiteres Nachdenken über den Ausschluss aus der Radgruppe. Ich mag den Ton nicht, mit dem kommuniziert wird – vor allem nach sieben Jahren gemeinsamer Fahrten. Sozioethnologische Erkenntnis: Social-Media-Gruppierungen sind allenfalls lose Kopplungen von Interessengemeinschaften – unverbindlich und inhärent vergänglich. Ein perfektes Produkt für den Erfinder: Es wird dauernd nachgefragt und hat eine geringe Halbwertszeit. Ihr reeller zwischenmenschlicher Wert steht in umgekehrter Proportion zur Zeit, die sie fressen. Nicht ohne Grund haben Korporationen Aufnahmerituale und bindende Regeln, bei WhatsApp-Gruppen dagegen ist Willkür das Fundament. Ich finde es interessant, wie ein allgemeiner, globaler Druck und die damit verbundenen Verunsicherungen ganz perfide in den kleinsten Alltag diffundieren; die Sprache der Versicherungen und Verträge zieht in das Privatleben ein, und die des stummen, gegenseitigen Misstrauens. Mittlerweile geht man überall vom größten anzunehmenden Unfall aus, von der maximalen Unverbindlichkeit. (Wie sagte auf der erzwungenen Rückfahrt ein Mitreisender zu mir: „Mein Vater hätte gesagt: Jod drauf und weiterfahren.“) Schöne Gespräche mit meinen klugen Töchtern, die die soziale Dynamik und Semantik von Chatgruppen-Ausschlüssen viel besser und eindeutiger als ich zu bewerten wissen: Das Verweigern einer Debatte ist die soziale Höchststrafe. Dort ist keiner mehr an dir interessiert; es hat dich offenbar niemand verteidigt oder opponiert. Schlauer Rat meines Teenagers: „If they go low, don’t go lower.“ Sie sagt, wie gut sie sich immer nach einem Spaziergang durch die Felder fühlt – das sind alte Wege, sehr alte Wege zum Glück. Ich stelle bei Kleinanzeigen.de ein älteres, aber noch völlig intaktes Mountainbike ein.

Helko Reschitzki, Moabit

Wie vermutet, sind die am Montag gesichtete Entenmutter und ihre vier Jungen am Tag darauf aus meiner Stammbucht am Schlachtensee verschwunden. Bis auf die stärkeren Schwäne und die Haubentaucher, mit denen sie in einer halbwegs friedlichen Koexistenz leben, haben die Blässhühner bislang noch jeden Wasservogel vertrieben. Gelegentliche Gäste sind geduldet – so wie der Graureiher, der an diesem frühen Dienstagmorgen einschwebt. Er scheint die Rallen nicht zu stören, und ich störe ihn nicht, sodass ich ihn ausgiebig beobachten kann. Der auch Fischreiher genannte Vogel aus der Ordnung der Pelikanartigen geht im flachen Wasser auf Nahrungssuche. Um seine potenziellen Opfer nicht aufzuschrecken, hebt er wie in Superzeitlupe die Füße und setzt diese dermaßen behutsam auf den Grund, dass man ihm fast Bedächtigkeit unterstellen möchte. Dann schnellt sein Kopf herunter, und der Schnabel packt die Beute – und so geht es immer fort. Was er da frisst, ist von meiner Bank aus nicht zu sehen – ich respektiere seine Fluchtdistanz.

Unter grauwattigen Wolken, die aussehen wie auf einem trocknenden Aquarell, wecken am Mittwoch die Möwenschreie über dem Westhafen diffuse Heimatgefühle. Das zweitschönste Lied über Möwen ist Wenzels Version von Rafael Albertis „Se Equivocó la Paloma“, das von einer Taube handelt, die sich für eine Möwe hält: „Getäuscht hat sich die Taube. Hat sich getäuscht die Taube. Wollte nach Nord und flog nach Süd. Für Wasser hielt sie das Kornfeld. Hielt das Meer für den Himmel. Hielt die Nacht für den Morgen. Die Lichter der großen Städte, dachte sie, wären die Sterne.“ Vielleicht geht es ja einer der moabiter Tauben genauso, wenn sie inmitten der Seevögel über unsere Stadtinsel kreist.

Passend dazu praktizieren wir am Abend in der Hatha-Yogastunde das Ujjayi-Pranayama, bei dem bei geschlossenen Lippen der Atem durch die sanft verengte Stimmritze strömt, wodurch ein Geräusch wie Meeresbrandung entsteht. Von der vollumfänglichen Tiefenentspannung ist um Punkt 21:03 Uhr nichts mehr zu spüren, als es bei England gegen Argentinien die erste Rudelbildung gibt. Das Agieren der Gauchos bringt ServusTV-Experte Jan Åge Fjørtoft bereits vor Anpfiff auf den Punkt: „Ein Gott und zehn Killer.“ – und diese Tretertruppe ist am Ende dann leider nicht zu schlagen. Ich stimme in den Klugscheißerchor gegen Tuchel nicht ein – der Doppelriegel hat ja bis zur 85. Minute gehalten. Traurig „Don’t Look Back In Anger“ summend gehe ich zu Bett. Die Rache für die „Hand Gottes“ muss ein weiteres Mal vertagt werden.

Dass der Fußballfan an sich zu Leidenschaft, Pathos und Übertreibung neigt, bestätigt sich immer wieder. Am Donnerstag sehe ich vor dem Primark in der Joachimsthaler Straße eine Frau, die selbst zweieinhalb Wochen nach dem Ausscheiden des Teams ihres Herzens Wert darauf legt, dass man sofort sieht, dass sie zur deutschen Mannschaft hält: Zu einem stylischen schwarzen DFB-Poloshirt trägt sie einen schwarzen Rucksack, auf dem ein riesiger weißer Bundesadler aufgedruckt ist – Understatement sieht anders aus. Neugierig geworden, recherchiere ich, wo man so etwas zu kaufen bekommt: Im Bundestagsshop wird so ein Teil für 16,90 Euro als Turnbeutel „Adler“ angeboten. Wann immer ich unser Bundeswappen sehe (was selbst hier in der Hauptstadt nicht oft vorkommt), muss ich an eine Anekdote denken: Vor ein paar Jahren kam ich in einen Weddinger Falafelladen, wo der Tresenmann gerade in aller Ruhe Schafskäse aus der Dose halbierte. Nachdem ich eine Weile zugeschaut hatte, sagte ich, dass ich es toll fände, mit wie viel Liebe er den türkischen Halbmond schneidet. Woraufhin er, ohne eine Miene zu ziehen, mit dem Messer hinter sich auf die rotierenden Brathähnchen wies und antwortete: „Ja, und deutsche Adler auch gleich fertig.“

Beim Tischtennis Auswertung der Halbfinals. Der Spanier kann immer noch nicht glauben, dass die Franzosen von seinem Team besiegt wurden. Diesem drücken nun alle die Daumen, da nicht einer von uns die Aggro-Argentinier mag. Zuhause Freude über mein vor ein paar Wochen zweigeteiltes und umgetopftes Einblatt, das nicht nur jeweils angewachsen ist, sondern in einem der Töpfe zum ersten Mal überhaupt ein weißes Blatt treibt. Ich rettete die Pflanze vor Jahren aus dem Müll.

Am Freitag taucht die aufgehende Sonne unseren Innenhof in ein rosa-violettes Zwielicht, das verstärkt wird, wenn man durch die Staubplanen am Baugerüst blickt, welches die Balkonsanierer (eine Woche später als angekündigt) über mehrere Tage lärmend errichteten. Auf der Rehwiese sehe ich nun schon zum zweiten Mal in diesem Monat einen Fuchs.

Aus den rosa-violetten Wolken sind nun graue geworden – es beginnt heftig zu regnen, sodass ich inmitten dicker Tropfen schwimmen kann.

Am Sonnabend große mediale Aufregung um den Rücktritt Jens Spahns als CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvorsitzender. Seine Behauptung, „eine Familie zu gründen und Vater zu werden, ist nicht vereinbar mit meinem politischen Amt“, klingt unglaubwürdig, da er nach wie vor sein Mandat als Bundestagsabgeordneter behält, das mit der Präsenz in Berlin, Ausschusssitzungen und der Betreuung seines Wahlkreises verbunden ist. Hinzu kommen die Arbeit im CDU-Präsidium und Ehrenämter in der Adenauer- und der Kohl-Stiftung. Spahn pflegt zudem ein weitverzweigtes Netzwerk abseits des Parlaments. Für informelle Hintergrundtreffen, Empfänge und den Austausch mit Lobbyakteuren aus der Wirtschafts- und Pharmabranche fallen weitere Arbeitsstunden an. Nicht zu vergessen sind Aktivitäten in der Atlantik-Brücke, der Denkfabrik Republik21 und exklusive Elite-Foren wie die Dialog Society von Peter Thiel. In der Leihmutterdebatte um Jens Spahn und dessen Ehemann wäre Thiel eine interessante Figur, da der Multimilliardär in Unternehmen investiert, die DNA von im Labor künstlich befruchteten Embryonen komplett entschlüsseln. KI-Modelle berechnen auf dieser Basis statistische Risiken für Erkrankungen sowie Wahrscheinlichkeiten für bestimmte genetische Veranlagungen. Die Auftraggeber können dann anhand der Daten entscheiden, welche der Eizellen in die für das Austragen des Kindes bezahlte Frau eingepflanzt wird. Gut, dass dieses Thema nun im Mainstream angekommen ist. Ich hoffe, dass dabei auch die sozioökonomische Situation der sogenannten Leihmütter in den Fokus kommt. Diese liegt für die USA (wo das Ehepaar Spahn/Funke sein Kind austragen ließ) vollkommen im Unklaren – es scheinen da viele Nebelgranaten geworfen zu werden. Besser beleuchtet ist die Lage in der Ukraine, die das europäische Zentrum für dieserlei Business ist. Unter dem Druck bitterster Armut, die sich durch den Krieg massiv verschärft hat, bleibt vielen Frauen dort nur noch die Vermietung des Körpers, um das Überleben ihrer Familien zu sichern. Blinde Flecken.

Am Sonntag ausgiebige Schwanenbeobachtung bei kühlem Wind. Dann kann ich voller Freude einen eher seltenen Besucher in unserer Bucht begrüßen: Unter meiner Bank hüpft ein Haussperling herum! Bei der „Stunde der Gartenvögel“ zählten im Mai Freiwillige an ihren Wohnorten Vögel und meldeten die Ergebnisse anschließend an den NABU und den LBV. Dabei zeigte sich, dass der Spatz zwar noch der am häufigsten gesichtete Vogel Berlins ist, seine Population jedoch rasant schrumpft – von 2025 auf 2026 gab es ein Minus von 36 Prozent. Laut NABU fehlt es bei uns weder an Nistplätzen noch an Nahrung; auch die Ornithologen können sich das schleichende Verschwinden nicht erklären. Gruselig.

Am Abend das WM-Finale. Die erste Halbzeit lullt mich dermaßen ein, dass ich zum Ende hin wegdämmere. Plötzlich werde ich von lauter Musik hochgerissen und schaue noch etwas schlafverpeilt auf das TV-Bild. Dort bietet ein kleines Sinfonieorchester unter dem Gefuchtel seines Dirigenten eine groteske Muzakversion des White-Stripes-Songs „Seven Nation Army“ dar. What?! Schnitt aufs Schlagzeug. Und wer sitzt da? Der beste Drummer der Welt, der, den ich bereits als Kind für das coolste Wesen auf Erden hielt: mein Freund Animal von den Muppets! Was ist hier los?! Die Halbzeitshow. Tier war der Letzte, den ich heute Abend erwartet hätte. Irre. Seine Performance überstrahlt das folgende ultramüde Gekicke um Lichtjahre. Spanien gewinnt. Gracias a Dios.

Wenzel: https://www.youtube.com/watch?v=S5IxeiryfJ4
Animal minimalistisch: https://www.youtube.com/watch?v=yTswqUxKbEQ
Frank Schott, Leipzig

Es war die richtige Entscheidung, die Waldwege bei Slate zu meiden und direkt über die Landstraßen zu fahren: An diesem Ferienfreitag sind kaum Autos unterwegs, und wenn doch, werde ich mit reichlich Abstand überholt. Dennoch gibt es drei Überraschungen: Zuerst stelle ich fest, dass die Eiszeit auch hier zugeschlagen und mit dem Sonnenberg einen kräftigen Hügel aufgeschüttet hat. Aber die Straße ist asphaltiert und kein zugewachsener Feldweg – also steigen lediglich Puls und Blutdruck und nicht die Frustration. Als Nächstes folgen Hinweisschilder, wonach die Brücke über die Autobahn hinter Groß Godems gesperrt ist. Ich sage mir: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, und fahre schnurstracks darauf zu. Vielleicht kann ich mich mit dem Rad durchmogeln. Und dann die Erleichterung: Die Brücke ist intakt und die Straße frei.

Die Dörfer, durch die ich komme, sind gepflegt. Dennoch sind sämtliche Gaststätten verwaist, und auch die ehemaligen Konsum-Läden und späteren Minisupermärkte stehen leer – Besorgungsfahrten mit dem Auto und Onlineshopping haben den lokalen Einkauf ersetzt.

Dann folgt ein Schlag ins Gesicht: Die Navigations-App schickt mich doch ins Gelände. Und dieses Mal trifft die Bezeichnung Radwanderung eindeutig zu: Weil der lockere Sand ein Fahren unmöglich macht, muss ich den Großteil der Strecke schieben.

Bis Perleberg begleiten mich Nieselregen und ein grauer Himmel. Mir scheint, als radle ich einer Unwetterfront hinterher, von der ich nur noch die letzten Ausläufer erwische. Inzwischen bin ich auch wieder auf Radwegen unterwegs, die ich jedoch als Einziger befahre, lediglich ein Geräteträger der Straßenpflege, der den Randstreifen mäht, begegnet mir. Ein Storch folgt dem Gefährt gemächlich zu Fuß und scheint auf aufgeschreckte Insekten zu hoffen. Als ich mich nähere, fliegt er davon.

Obwohl der Weg über die Dörfer länger ist als die Route über die Ruhner Berge auf dem Hinweg, brauche ich eine halbe Stunde weniger. Weiter geht es nach Wittenberge, wo ich auf den gut ausgebauten Elberadweg möchte. Davor bringt mich noch ein Schlenker nach Rühstädt, das „Storchendorf“. Soweit das Auge reicht, sind alle Dächer voll mit Störchen. Ich höre die Jungen klagen: „Ich habe Hunger, habe Durst, wann sind wir endlich groß?“ Mindestens zehn Paare sehe ich und dazu noch zwei Störche, die alleine auf einem Dach stehen und sich vermutlich eine Auszeit von ihrer Familie gönnen. So wie ich.

Neben der Natur und der körperlichen Ertüchtigung sind die Gespräche das Schöne auf dieser Tour. Auf einem meiner kleinen Umwege stoppe ich am Havelberger Marktplatz für einen Kaffee und ein Stück Streuselkuchen. Am Nachbartisch des Cafés sitzt ein Mann – weißes Hemd, weiße Hose, beides aus Leinen; ich schätze ihn auf Mitte sechzig. Er bringt gerade zwei Damen die „Odyssee“ näher. Vor sich hat er eine Prosafassung des Stoffes liegen, die er antiquarisch erworben hat. Ich, ganz der Besserwisser, klinke mich ein. Gemeinsam erzählen wir von Kirke, Circe und den Schweinen und dem Gemetzel an den Freiern, und natürlich, dass Odysseus sich an den Schiffsmast binden ließ, um beim Gesang der Sirenen nicht verrückt zu werden und über Bord zu springen, weshalb seine Gefährten Wachs in den Ohren hatten: „Der Gesang war vielleicht ein bisschen wie bei ‚Deutschland sucht den Superstar‘, wo manche Männer auch am liebsten aus dem Haus stürmen würden.“ Nachdem wir bei Odysseus‘ Heimkehr angekommen sind, packen die beiden Frauen ein Akkordeon und eine Violine aus und beginnen am Brunnen zu musizieren. Sie fragen sich, ob sie ihren Hut aufstellen sollen, was berechtigt ist, denn am Markt ist nicht viel los. Sie entscheiden sich für den Hut; ich lege später auch zwei Euro hinein.

Wegen der lauten Musik wird die Verständigung mit dem Herrn etwas schwieriger, sodass ich mich an seinen Tisch setze. Wir beide wissen natürlich, dass „Die Odyssee“ aktuell im Kino läuft, und sprechen über den Regisseur Christopher Nolan. Dessen „Oppenheimer“ hat mein Gesprächspartner noch nicht gesehen; „Interstellar“ fand er leicht verwirrend, aber physikalisch erstaunlich korrekt. „Inception“ war für ihn überwältigend und trotz der Traum-im-Traum-Verschachtelung mit ihren verschiedenen Stufen nachvollziehbar. „Tenet“ dagegen habe er nicht verstanden, findet es aber beeindruckend, als ich erzähle, dass der Regisseur weitestgehend auf Computeranimationen verzichtet hat und beim Dreh die eine Hälfte der Darsteller tatsächlich rückwärts und die andere vorwärts gelaufen sei. Der Mann erzählt, dass er Berliner ist, aber in der Nähe ein Haus hat. Wir reden über Fahrräder und Touren. Dann will ich los, nach Tangermünde. „Tangermünde ist schön“, sagt er, „in Havelberg ist nicht viel los.“

Dass in Havelberg nicht viel los ist, bestätigt in der Tangermünder Brauerei auch der Herr, an dessen Tisch ich mich setze, weil alle anderen belegt sind. Ich habe Glück und bekomme noch ein Bier, bevor der Freisitz schließt. Er hatte schon drei Sorten – „alle sehr gut und sehr günstig“. Der Mann ist wie der zuvor ebenfalls mindestens zehn Jahre älter als ich und stammt wie jener auch aus Berlin. Ich werde auf dieser Tour offenbar von Hauptstadtflüchtlingen verfolgt.

Ich erzähle ihm, dass ich aus Parchim hierher gefahren sei. Parchim kennt er aus DDR-Zeiten. Er hat dort als Hygieneinspektor die Kasernen der Sowjettruppen, in seinem Fall die der Panzertruppen, auf Staub- und Rußentwicklung kontrolliert. Er war damals oft im Theater: „Die guten Schauspieler und Regisseure waren ja alle dorthin verbannt worden.“ Es freut ihn zu hören, dass es das Theater noch immer gibt.

Jüngst war er in Leipzig. Er kennt das Café Grundmann bei mir um die Ecke und auch das Bike Department Ost in der nahe gelegenen Karl-Liebknecht-Straße. Er habe dort ein Fahrrad kaufen wollen, sich aber letztendlich nicht entscheiden können. Er schätzt die Bergbauseen im Leipziger Süden sowie den Baulöwen Schneider, denn „der hat die Innenstadt gerettet; die können ihm nicht genug dankbar sein“. In Weimar habe er studiert, „eine tolle Kneipenkultur hatten die, sonst war in der DDR spätestens um zehn alles dicht“. Nach Tangermünde sei er heute mit dem Zug gereist: „Schöne Stadt, gutes Bier, nachher geht es zurück.“ Berlin sei nicht mehr schön, aber in einer Kleinstadt wolle er auch nicht wohnen. Als wir uns verabschieden, ist der Ausschank längst geschlossen. Er geht zum Bahnhof und ich zum Griechen meines Vertrauens – ich brauche Kohlenhydrate und Proteine. Fast zwei Stunden sitze ich dort und schreibe meinen Blogbericht; zwischenzeitlich prasselt Regen auf die Sonnenschirme. Morgen geht es weiter nach Magdeburg und dann per Zug nach Leipzig. Aber schon jetzt weiß ich: Diese Auszeit war nicht nur richtig, sie war in vielerlei Hinsicht eine Offenbarung, vor allem, weil ich es einfach gemacht habe.

Am Samstag geht es nach dem Frühstück los. Der Himmel ist wieder grau und wolkenschwer. Zudem ist es deutlich kühler geworden, was ich zunächst gar nicht spüre, weil ich kräftig in die Pedale trete. Problematisch ist der kräftige Wind, der ausnahmsweise nicht aus Nordwesten, sondern von Südwesten her bläst. Das bedeutet, dass ich – abgesehen von kleinen Abschnitten, die in östliche Richtung führen – permanent mit Gegenwind zu kämpfen habe. Jetzt bin ich froh, dass ich mir bei der Zugreservierung eine Stunde Puffer eingeräumt habe.

Am Vormittag begegnen mir auf den Landstraßen kaum Autos – ich werde weder überholt noch kommen mir welche entgegen. Dafür springt ein Reh über die Fahrbahn. Über mir kreisen Raubvögel, ich tippe wegen ihrer Spannweite auf Adler. Auf den abgeernteten Feldern patrouillieren Krähen. Schwärme von Staren stieben hoch, als ich mich nähere.

Vor Bertingen registriere ich überrascht einen dicht gefüllten Zeltplatz. Für wildes Camping sind es eindeutig zu viele Fahrzeuge, Wohnwagen und Zelte. Wie ein regulärer Zeltplatz sieht es allerdings auch nicht aus. Als ich beim Abbiegen auf den nächsten Radweg zwei Männer sehe – schwarze Hosen, schwarze T-Shirts, ungefähr mein Alter –, stoppe ich. Ich bin neugierig: „Entschuldigung, ist hier irgendwo ein Konzert oder so?“ – „Ja, ein Festival auf dem Festplatz vorne. Metal.“ Jetzt fällt mir auch auf, dass die beiden szenetypische Tour-Shirts tragen. Ich zeige grinsend auf diese: „Hätte ich auch selbst draufkommen können.“ – „Death Metal“, ergänzt der zweite. Nicht meine Musik, aber für den Ort ist das sicher ein Highlight, das einer Invasion gleichkommt. Hat Wacken nicht auch so angefangen?

In Rogätz halte ich wie schon die beiden Male zuvor beim Bäcker für einen Kaffee und ein Stück Gebäck – der Gegenwind kostet Kräfte. Dann geht es mit der Fähre rüber auf die andere Elbeseite. Jetzt kommt sogar zeitweise die Sonne heraus, sodass die fantastisch bunten Deichhänge aufleuchten und Gräser, Kräuter und Blumen ein farbiges Spektakel bieten. Es ist ein weiteres dieser unverhofften Erlebnisse, die ich von dieser Tour mitnehmen werde.

Aus der Sinnkrise auszubrechen und diese Fahrt zu machen, war die absolut richtige Entscheidung. Für dieses Wochenende bin ich völlig im Einklang mit mir selbst.

Christoph Sanders, Thalheim
Am Montag schwüle Wärme bis 30 Grad mit Ost-Südost-Wind. Ein idealer Tag, um viele Waschmaschinenladungen schnell trocknen zu bekommen. Die Kids gehen schwimmen; ich setze mich aufs Rad – weitere Vorbereitungen auf die 200-Kilometer-Tour am Samstag. Die Verschenktelefonzelle in Westerburg ist mit einem Vorhängeschloß verriegelt – ich verteilte meine Bücher an Bushaltestellen mit Dach. In den Dörfern beginnt es, streng aus der Kanalisation zu riechen. Es regnet halt zu wenig. Wolkenbildung auf der (für uns) falschen Seite.

Unser Teenie wird erstmals allein mit dem ICE nach Lübeck und von dort nach Le Mans fahren – Eltern sehen Kinder groß werden. Mit ihr über ein Gastgeschenk gesprochen, das sie an ihre ehemalige Austauschschule mitnehmen könnte – vielleicht die Deutschland-Trikots von TEDi? Gegen 21:30 Uhr den Fledermäusen nachgeschaut – es gibt eine kleine und eine größere Art. Im Flugbild wirken die Schwingen fast so spitz wie die der Schwalben, deren Jagd nach Insekten sie in der Nacht fortsetzen.

Der Dienstag heiß und windig. Nach einem Kurzeinsatz am Hochrasen, wo ich neugesäte, nachwachende Büsche runtermähte, zur Post und Zutaten für die Bolognese besorgen. Vor mir an der Supermarktkasse zwei stark übergewichtige Kundinnen, wobei die Tochter nochmal vierzig Kilo mehr drauf hatte als die Mutter. Die Kassiererein erzählt ihnen von einem Verehrer: „Er hat wieder angerufen. War hackedicht. Weißte, so: ‚Hey Süße lass uns doch nochmal Liebe machen.“ Verdrehte Augen. Die Tochter kauft Extra-Power-Zigaretten. Wunderbare Tour-de-France-Etappe in der Auvergne, im Cantal genaugenommen, der für seinen würzigen, im Alter brüchigen Hartkäse berühmt ist. Das ist der wahre Reichtum. Ich habe am Abend null Mitleid mit den Bleus gegen Spanien – bei der ersten Belastungsprobe zerfällt alles; vor allem in der Rückwärtsbewegung agiert die Mannschaft teilweise erbärmlich. Der spanische Torhüter ist zu loben. Gruselige Stimmung im Stadion – die teuren Plätze locken Selbstdarsteller und Firmenkunden an. Ein Spiel zum Vergessen. England gegen Norwegen wird im Gedächtnis bleiben.

Am Mittwoch warm und frisch windig von Nordost – ein angenehmer, schöner Hochsommer. Im Radio wird zwischen Klimakatastrophe und Wehrtüchtigkeit oszilliert. Im Ahrtal haben sie nicht einmal Geld für Rückhaltebecken bewilligt – anderswo auch nicht, fürchte ich. Der Münchener Bürgermeister verordnet einen „sparsamerem Umgang“ mit Wasser – gewerbliche Waschanlagen für Autos sind davon aber ausdrücklich ausgenommen. Ich nutze die Wettergunst des Tages und fahre nach Koblenz – mein Wasser-Kefir-Verbrauch liegt bei drei Litern.

Ich bin fünf Stunden bei leichtem Südostwind und 30 Grad unterwegs. Ab der Stufe zum Rhein ist es 3 Grad wärmer. Der Strom ist noch immer befahrbar; Wasserstand in etwa wie beim Dürresommer letztes Jahr, allerdings einen Monat früher. In einem Netto, dessen Klimatisierung defekt ist, laufen Notaggregate, die mir einene Schwall warmer Luft senden. Das Obst und Gemüse wird der Markt am Abend verklappen dürfen, was sie mit der geschmolzenen Billigschokolade machen, weiß ich nicht. Auch hier wieder stark Übergewichtige: Der junge Vater mit Ballonbauch unter einem wehrtüchtigen grünen T-Shirt, seine Frau im geblümten Zelt; die beiden Kinder schlank. Auf der Strecke, die ch sonst nur am Wochenende befahre, erheblich mehr Verkehr – manch PKW schwappt von der Autobahn rüber – wenn sich ein Stau bildet, zeigt der Navigator eine Alternativroute an. Dazu kommt die Ferienzeit und die zunehmende Anzahl der Vorruheständler, die unterwegs sind. Unter Jugendlichen hat sich der Elektroscooter als erstes Motorfahrzeug etabliert. Dort, wo die Innenstädte ausbluten, entstehen und wachsen Alternativkulturen Ransbach-Baumbach hat inzwischen beispielsweise zwei türkische Supermärkte samt angeschlossenen Dienstleistern wie Barbier, Schneider sowie Dönerbude. Bendorf wird dasselbe versuchen, hat aber durch eine Kauflandzone, andere Probleme. Die Schaufenster der alten Bürgerhäuser sind mit Folie überklebt, auf denen KI-generiert und -illustriert „Ideen für eine bessere Stadt“. Am nördlichen Stadtrand von Höhr-Grenzhausen versuchen seit 2023 die „Westerwald Arkaden“ Kundschaft anzulocken. Ich sehe nur wenig Rad-Genossen. Aus einem Daimler Double Six höre ich aufmunternde Worte eines Co-Boomers. Überall gestapelte Strohrollen – die Straßenränder duften. Es wurden in diesem Jahr viele Ölsaaten angebaut – der Raps ist jetzt reif, man hört das Gebläse der Mähdrescher weit übers Land. Es wird eine gute Ernte.

Vor dem Spiel ein Abendspaziergang (im England-Poloshirt!) mit der Jüngsten und drei Hündchen aus der Nachbarschaft – wie wundervoll das meine Tochter macht. Die Terrier stürmen über den Feldweg, wirbeln kleine Staubwolken auf, schwärmen links und rechts in die Wiesen. Das weiche Licht auf der Landschaft ist ein großer Genuss. Dann England gegen Argentinien. Als Messi nicht mehr so eng geführt wurde, kam leider der Druck. Waren die Engländer zu erschöpft, um eine andere Taktik zu wagen? Man wird hadern, ob die Option Sicherheit statt frischer Stürmer die bessere gewesen ist. Schnee von gestern …

Donnerstag, 10 Uhr. Grüner Chun Mee erfrischt meinen müden Körper. Die Hitze zehrt bereits wieder, aber für die Fahrt am Samstag fühle ich mich bereit. Der Kindergarten ist lang schon munter – allmählich könnten meine zwei Großkinder aus ihren Zimmern auftauchen. Gestern auf der Rückfahrt aus der Büchertelefonzelle Gerald Großes Fotoband über Halle-Neustadt, die „Stadt der Zukunft“, von 1971 mitgenommen. Das Alte war dräuend und düster und wurde abgerissen. Wer da noch die DDR-Hymne singt, hat viel Ironie. Unter den ersten Meldungen des Tages: Mit Hilfe einer Leihmutter darf Jens Spahn sich nun „Vater“ nennen – mich würden mal die Zahlen zu diesem lukrativen, grauen Fleischmarkt interessieren. Und aus der FAZ: Die Zahl der deutschen Babyboomer in Altersrente ist nun auf rund 6 Millionen gestiegen. Davon beziehen 1,1 Millionen eine vorzeitige Rente. Das Institut der deutschen Wirtschaft prognostiziert in einer aktuellen Erhebung einen weiteren Anstieg, „sofern die Politik nicht regulierend einschreitet“. Diese Konstruktion einer „Alternativlosigkeit“ ist Lobby-Framing in Reinform.

Leichter Regen am Rande einer Gewitterzelle, die sich in der Nähe von Montabaur entlädt. Guter, kleiner Radausflug – Mähdrescher erzeugen eilige Staubwolken. Familiendiskussion zum Ehepaar Spahn: Wer ist von den beiden der Vater? Haben sie ihre Samenspenden gemixt? Woher kommt der Egoismus, Frauen in der Weise zu benutzen? Der Sohn fragt, ob es nicht besser wäre, wenn man ein Kind adoptiert und dadurch Not beendet. Nach dem abendlichen Salat den Teenie vom Zug abgeholt.

Nach einer angenehm frischen Nacht herrliche Brazil-Tunes von Flora Purim. Ich besorge eine Heckenschere, die auf den vorhandenen Akku passt. Seitdem es eine Art 18V-Norm gibt, sind Ladegeräte plus Akkus zum teil teurer als die Geräte – die Logik des Elektroschrotts. Ich bringe vierzig Schallplatten in die Verschenktelefonzelle. Weiter geht der Tag.
Frank Schott, Leipzig
Ein Tag Parchimer Kleinstadtidyll zur Erholung. Meine Eltern (alt sind sie geworden) versuchen mich zu mästen: Frühstück, Mittagessen, Kuchen und Abendessen … „Vielleicht noch etwas Süßes?“

Ich bin den ganzen Tag zu Fuß unterwegs, treffe geplant und ungeplant alte Bekannte und besichtige drei Ausstellungen. Eine in der St. Georgenkirche, die zweite in St. Marien, wo Bilder von Kurt Röhl, meinem Kunstlehrer aus der Oberschule, gezeigt werden, während die dritte in der Langen Straße just in dem Moment abgebaut wird, als ich vorbeikomme. Der Künstler, seine Frau und ein paar Helfer verstauen die Werke in großen Kisten aus Sperrholz. Ich habe nur noch einen kurzen Moment, aber was ich sehe, beeindruckt mich.

Am Nachmittag ein kurzer Bummel mit den Eltern zum Kaufland. Zweimal halten wir für ein Schwätzchen. Ich werde vorgestellt: „Er ist mit dem Fahrrad von Leipzig hergekommen. In zwei Tagen!“ – „Mit dem E-Bike?“ – „Nein, mit Muskelkraft“, sage ich. „Na, du bist ja auch noch jung“, kommt es von den betagten Rentnern.

Bei einem der Spaziergänge sehe ich in dem in Erschließung begriffenen Wohngebiet in der Regimentsvorstadt ungewöhnliche Blüten in der prallen Sonne. Offensichtlich keine Pflanzen, die es im Baumarkt gibt, sondern der lilafarbene Gewöhnliche Natterkopf und die goldene Nachtkerze – Wildblumen, die perfekt angepasst sind an diesen trockenen und sonnigen Standort.

Überhaupt gibt es viel zu entdecken: Der frühere Gemüseladen, wo zwei Ecken weiter zur DDR-Zeit meine Oma gewohnt hatte, beherbergt jetzt ein Lädchen für aufbereitete alte Möbelstücke und Selbstgemachtes. Die Inhaberin stammt ursprünglich aus Berlin und möchte nicht mehr aus der Kleinstadt weg. Sie hatte vor etwa zwanzig Jahren die Wahl zwischen Parchim und Ludwigslust und entschied sich wegen des „Annopoll“, einer Musikkneipe, die leider schon viele Jahre geschlossen ist, für meine alte Heimatstadt. „Das ist sicher mehr Hobby, als dass man davon leben kann?“, frage ich. „Ich versuche schon, davon zu leben“, antwortet die vielleicht Sechzigjährige. Es sei nicht einfach, aber langsam würde sich ihr Geschäft herumsprechen. Ihr früherer Laden in der langen Einkaufsstraße lief seinerzeit gar nicht: „Corona hat viel kaputt gemacht.“ Corona, immer wieder Corona. Ich überlege, etwas zu kaufen, doch ich bin ja wegen des Rads mit schmalem Gepäck unterwegs. „Wenn ich mit dem Auto und meiner Frau hier wäre, hätten wir bestimmt etwas gekauft“, sage ich. „Dann kommen Sie doch das nächste Mal mit Ihrer Frau vorbei.“ – „Das werde ich machen.“

Bereits am Vormittag überraschte mich die Stadt: In einer öffentlichen Bücherverschenkbox steht genau auf Augenhöhe „Haben oder Sein“, ein Büchlein von Erich Fromm. Exakt dieses hatte mir, bekräftigt durch den Therapeuten, eine Leidensgefährtin aus der Selbsthilfegruppe empfohlen, als ich am Montag über meine innere Zerrissenheit und Frustration sprach. Jetzt reist das Buch mit mir nach Leipzig.

Am Nachmittag zwei weitere Überraschungen: Vom Schuhmarkt her erklingt Blasmusik. Vor der ehemaligen Hauptpost stehen die rund zwanzig Mitglieder der Sächsischen Posaunenmission. Bei „Mein kleiner grüner Kaktus“ singen Kinder mit. Eine Frau mit dunklem Rock und weißer Bluse, offenbar eine städtische Angestellte, hat ein Handy am Ohr. „Weiß das schon der Bürgermeister? Das muss der Bürgermeister wissen.“ Ihr Nachbar weiß Bescheid und beruhigt sie: „Die geben hier Konzerte. Heute in Damm und Samstag bei uns in der Georgenkirche.“ Und dann gibt es als Schmankerl für die älteren Semester gleich darauf die Titelmelodie der Olsenbande-Filme.

Ich ziehe weiter und werde in einem Eisladen erneut überrascht: Der südländische Verkäufer, dem man seinen Akzent noch anhört, wechselt mühelos vom Deutschen ins Russische, als eine Familie Schwierigkeiten mit der Bestellung hat. Vielleicht haben die Kleinstädte doch einen ganz eigenen Charme? Oder wie die Ladeninhaberin sagte: Sie könne sich nicht vorstellen, wie man freiwillig aus einer Kleinstadt in eine Großstadt ziehen könne.

Am Abend plane ich die erste Etappe der Rücktour: Ich will am Freitag über Wittenberge zum Elberadweg und dann nach Tangermünde radeln – einzige Bedingung: Es geht nicht wieder über die Ruhner Berge.
Frank Schott, Leipzig
Ich habe die Ruhner Berge erklommen! Bislang kannte ich die lokal berühmte Endmoräne nur aus dem Heimatkundeunterricht, jetzt bin ich mitten hindurchgeradelt, zumindest so weit es ging.

Die Strecke ist als Radweg ausgewiesen, und auch die App behauptet, die Route sei problemlos befahrbar. Dennoch musste ich stellenweise schieben, weil die steilen Wege zu stark zugewachsen waren, um Schwung aufzunehmen.

Die Natur und der weite Blick sind imposant, doch das letzte Teilstück zwischen Berge und Slate kostet viel Kraft. Meine durchschnittliche Geschwindigkeit sinkt auf 12 km/h. Hier verbrauche ich den letzten Liter meiner insgesamt 3,5 Liter Wasser. Berge ist der erste Ort der heutigen 130-Kilometer-Tour, wo ich Schilder mit Parchim als Zielort entdecke.

Begonnen hatte der Tag mit einem reichhaltigen Frühstück in meiner Jerichower Pension. Offenbar bin ich der einzige Gast. Der Wirt tafelt für mich vier Brötchen, jede Menge Wurst und Käse, Marmelade, Joghurt, ein gekochtes Ei, eine Flasche Saft und eine Kanne Kaffee auf. Eigentlich habe ich keinen Hunger, aber es ist vernünftig, etwas zu essen, weil wieder eine anstrengende Tour vor mir liegt. Der Wirt schlägt vor, dass ich mir doch Brötchen belegen und mitnehmen könne. Mit Blick auf die zu erwartende Hitze lehne ich dankend ab.

Bei der Ausfahrt aus Jerichow genieße ich meinen alten Klinik-Kiez: die Wiesen, Felder, majestätischen Bäume, Weiher und Arme der Elbe.

Ich sehe Wildgänse, Rehe, Schwäne, Reiher, die obligatorischen Krähen und überraschend viele Störche. Das Licht und die Weite begeistern mich aufs Neue.

In Sandau lockt mich das Schild „Offene Kirche“. Der rund tausend Jahre alte Bau fiel im Zweiten Weltkrieg der Zerstörung zum Opfer und wurde erst lange nach der Wende auf Initiative der Einwohner instandgesetzt. Dabei realisierte man vor allem im Turm kluge Lösungen: Eingezogene Zwischengeschosse bieten jetzt auf mehreren Etagen Versammlungs- und Konferenzräume, sogar ein Fahrstuhl gehört zur Ausstattung. Lob gebührt den Denkmalschützern, die das genehmigt haben – niemandem hätte ein originalgetreuer Kirchturm gedient. So ist hier ein lebendiges Kulturzentrum entstanden.

Über Havelberg und das überraschend idyllische Perleberg geht es weiter Richtung Norden. Perleberg ist eine dieser Städte, die in meiner Jugend nicht weit entfernt waren und die ich trotzdem nie besucht habe. Nun, vielleicht hätte ich damals auch nur eine dieser grauen und abgewirtschafteten DDR-Innenstädte ohne Flair zu sehen bekommen. Heute gibt es im Ort reichlich Gaststätten, in deren Freisitzen sich zur Mittagszeit Rentner und Touristen tummeln.

Abgesehen von den Ruhner Bergen musste ich an diesem zweiten Tourtag immer wieder mal über Feldwege und durch Waldstücke radeln. Ich nahm es gelassen und haderte vergleichsweise selten damit, stattdessen genoss ich die Ruhe und die Vielfalt der Landschaft. Trotzdem sind solche holprigen Wegstrecken auf einem Rennradsattel überhaupt kein Vergnügen.

Zum Glück habe ich den Folgetag zur Erholung bei meinen Eltern eingeplant. Ich werde mir in Parchim maximal Spaziergänge erlauben, bevor es am Freitag über den Elberadweg in mehreren Etappen zurück nach Leipzig geht. Bis dahin muss ich mir aber noch eine alternative Route suchen: Einmal Ruhner Berge reicht vollkommen.

Frank Schott, Leipzig
Wie Pickel im Gesicht eines Teenagers ploppen in unserer Stadt zu Beginn der Ferien regelmäßig an den unpassendsten Stellen Baustellen auf. Heute treffen mich die Verkehrsbehinderungen direkt, denn ich will einen langgehegten Vorsatz umsetzen und mit dem Rad von Leipzig zu meinen Eltern nach Parchim fahren.
Eine App berechnet die Route. Diese würde größtenteils durch Wälder und über Feldwege führen. Mit zwei schweren Packtaschen macht so etwas allerdings nur bedingt Spaß, weshalb ich stattdessen eine weniger fordernde Strecke erstellen lasse.
Mein Plan ist, die Tour in zwei Etappen zu absolvieren, wobei die erste mit 170 Kilometern zugleich die längere ist.

Für die Baustellen kann die App nichts – ich muss improvisieren. Die erste Teilstrecke führt an zwei Bergbauseen vorbei nach Delitzsch. Am Werbeliner See warnen Schilder eindringlich vor Schäden auf den asphaltierten Wegen. Das ist keine übertriebene Vorsicht ängstlicher Bürokraten – hier wachsen tatsächlich junge Bäume aus dem Asphalt.

Wenn Teilstrecken als direkter Radweg zu meiner nächsten Station beschildert sind, weiche ich ab und an von den Vorschlägen der App ab. Letztendlich kehre ich aber immer wieder auf die Route auf dem Display zurück. Durch grüne Natur geht es nun nach Bitterfeld und Wolfen. Ich komme an weiteren Bergbauseen vorbei. Vom Weg abkommen sollte man hier allerdings nicht: Links warnt der Bergbaubetrieb vor dem Betreten des Geländes, rechts die Bundeswehr. Da hier alles frisch asphaltiert ist, fährt sich dieses Stück wunderbar.

Zwischen Wolfen und Dessau läuft der Radweg an der Bundesstraße entlang. Der Ausblick auf die Landschaft ist hier weniger reizvoll, dafür komme ich zügig voran. In Dessau kühlt es sich merklich ab – die angekündigten Gewitterwolken hängen über der Stadt. Als ich das benachbarte Roßlau erreiche, beginnt es kräftig zu regnen. Da ich sowohl die Innenstadt mit ihren Bäckereien als auch den Stadtrand mit den Supermärkten verpasst habe, flüchte ich unter das Vordach einer Garage und esse dort einen Apfel und einen Müsliriegel aus meinem Proviant. Mist, die Ein-Liter-Fahrradflasche ist schon leer. Jetzt bleibt mir nur noch das Notwasser in der 0,5-Liter-PET-Flasche. Es wird sich schon noch eine Gelegenheit zum Auffüllen finden, denke ich mir.

Weil ich nicht warten will, bis der Schauer abgezogen ist, fahre ich im Cape weiter. Nach ein paar Kilometern hört der Regen auf, und eine Stunde später kommt auch die Sonne wieder durch.
Die App führt mich durch einen Wald, dessen Weg von Forstfahrzeugen völlig aufgerissen ist. Tiefe Pfützen zeugen vom Gewitterguss. Nach etwa drei Kilometern wird der Untergrund zum Glück besser, da er keine tiefen Fahrspuren mehr aufweist.
Nach sechs Kilometern erreiche ich wieder eine asphaltierte Straße, die als Radweg ausgewiesen ist. Glatt und schnurgerade – eigentlich paradiesisch. Leider wurden etwa alle fünfhundert Meter zur Verkehrsberuhigung Kopfsteinpflasterstreifen eingebaut. Ruhig ist hier also gar nichts: Wenn ich mit 10 km/h darüberholpere, klappert das gesamte Rad. Ständig habe ich Angst vor einem Materialschaden.

Ich erreiche einen Supermarkt und kaufe 0,75 Liter Wasser. Das sollte für die letzten knapp 50 Kilometer reichen. Hinter Ziesar mit seiner imposanten Burg führt mich die App auf einen Nebenweg. Bestimmt besser als die Bundesstraße, vermute ich – bis die asphaltierte Straße plötzlich unversehens in grauem Schotter endet. Doch es kommt noch schlimmer. Die nächsten knapp 20 Kilometer führen durch wilde Natur: zugewachsene Feldwege, lockerer Kies, der mich zum Schieben zwingt, und Schlaglöcher mit Pfützen, die so tief sind, dass die Fahrradtaschen nass werden.

An den kleinen Bächen, die ich passiere, ist es sicher recht reizvoll – aber nicht, wenn man die Gegend mit dem Rad erkunden muss. Weil ich das Display nicht ständig im Blick habe, verfahre ich mich. Umkehren, schieben, vorsichtig weiterrollen. Am nächsten Abzweig das gleiche Spiel. Es scheint unmöglich, aber der Weg wird noch schlechter: Ein zugewachsener Pfad, der eher einer Wiese gleicht. Ich fluche ununterbrochen und immer lauter. Nur keine Panne! Nur nicht auf diesem von Mücken, Bremsen und Zecken verseuchten Abschnitt liegen bleiben – zumal meine Getränke nun endgültig aufgebraucht sind.

Dann bin ich endlich raus aus der Wildnis. Ich habe mindestens eine halbe Stunde länger gebraucht, als wenn ich den Radweg an der Bundesstraße genommen hätte. Ich bin völlig ausgedörrt. An einem Automaten ziehe ich eine Cola, an einer Tankstelle kaufe ich ein Radler.

Ich erreiche Jerichow. Schluss für heute! Ich nehme ein Zimmer in der Pension, in der meine Frau im Februar übernachtet hat, als sie mich während meines Aufenthalts in der nahegelegenen psychiatrischen Einrichtung besuchte. Eine lange, gründliche Dusche spült den Staub von Armen und Beinen, dann gehe ich essen. Ein Bier wäre jetzt toll – immerhin gilt die Abstinenzpflicht der Klinik für mich als Touristen nicht mehr. Aber die beiden deutschen Gaststätten haben geschlossen, und sowohl der Dönerladen als auch das laut Speisekarte griechisch-spanisch-mexikanisch-indisch-deutsche Lokal eines Pakistanis führen ausschließlich alkoholfreie Getränke. Dann also noch eine Cola.
Helko Reschitzki, Moabit

Am nördlichen Schlachtenseeuferweg ist im Lauf des Mittwochs oder in der Nacht auf Donnerstag nur sechzehn Meter neben der Eiche, die Ende Juni einen dicken, ungefähr fünfzehn Meter langen Ast verlor, von einer Artgenossin ein zweiter, wesentlich kleinerer Ast abgebrochen. Baumstatiker und Wissenschaftler anderer Fachrichtungen untersuchen seit Jahren das Phänomen des „Summer Branch Drop“ – als Ursache vermuten sie eine Kombination aus Hitze, Trockenstress und der hohen Belastung weit ausladender Äste, die sich durch Regen zusätzlich erhöhen kann. Eine eindeutige Erklärung gibt es bislang aber nicht.

Uns alle in der Bucht beschäftigt nach wie vor das Ertrinken zweier Mitschwimmer; besonders der Tod des Siebzehnjährigen im Nachbarsee Krumme Lanke geht uns nahe. Eine der Frauen kennt die betroffene Familie sogar persönlich – es ist zum Gotterbarmen. Ohne die genaue Ursache in diesem tragischen Einzelfall zu kennen, sprechen wir darüber, wie man so etwas allgemein verhindern könnte – eigentlich wird über Risiken beim Baden aufgeklärt; ob das jeden erreicht und dann noch befolgt wird, ist eine ganz andere Sache. Hinzu kommt, dass immer weniger Menschen in Deutschland schwimmen können – durch die für Kinder zumeist sinnlosen Corona-Maßnahmen fielen drei Jahre lang Kurse aus. In älteren Jahrgängen sind oft Migranten betroffen, die in ihren Heimatländern nie entsprechende Fertigkeiten erlangten. „Man kann nun aber ja auch nicht an jede Bucht und Wildbadestelle einen Rettungsschwimmer setzen“, wie ein ehemaliger DLRG-Mann zu mir sagt. Dass immer mehr Kommunen aufgrund des fehlenden Geldes ihre Bäder schließen müssen, wird die Situation nicht einfacher machen.

Rund um den See treffe ich momentan vermehrt auf Angler – am Freitag sieht der eine am gegenüberliegenden Ufer wie ein Mittelding aus The Stig aus Top Gear und Silver-Surfer aus dem Marveluniversum aus.

Das gesamte Wochenende ist wegen Arbeiten an der neu entstehenden Ringbahnbrücke der Stadtautobahn zwischen Westend und Halensee meine Stammstrecke zum Schlachtensee unterbrochen, sodass ich einmal mehr die gewohnte Umfahrung über Rathaus Steglitz nehme und auch gleich am südlichen Ufer schwimmen gehe. Es ist dieselbe Zeit wie immer, aber ein ganz anderes Licht – ein schöner Perspektivwechsel.

Am Samstag fahre ich nach dem Mittag zum Kunstrasenplatz des 1. FC Wilmersdorf, auf dem ein großes Sommersportfest stattfindet, das unter anderem von meinem Nachbarschaftshaus, dem Landessportbund sowie diversen Sportvereinen und Stadtteilnitiativen organisiert wird. Mit drei Tischtennismitspielern baue ich unsere beiden Platten auf, die wir auch betreuen, schnacke kurz mit dem Veranstalter, dann geht es auch schon los. Alle, die mitmachen, erhalten eine Karte, auf der sie an zwanzig Stationen Stempel sammeln können – bei zehn gibt es eine frisch gebackene Waffel, für die unser Champ den Teig angerührt hat. Die Stimmung ist prima, lediglich die Sonne drückt bei knapp 30 Grad.

Nach kurzer Zeit beim Tischtennis werde ich vom Organisator gefragt, ob ich eine der Fußballstationen übernehmen kann, da der Betreuer soeben wegen eines medizinischen Notfalls ausgefallen ist. Kein Problem, auch wenn ich das dortige Spiel „Ballbande“ nicht kenne. Ich bekomme keine Einweisung, reime mir aber alles zusammen – wie sich dann herausstellt, muss man die Regeln ohnehin von Partie zu Partie etwas anpassen. Gespielt wird innerhalb eines tragbaren Holzrahmens mit niedrigen Banden, in die vier Minitore eingelassen sind. Street Soccer, Eins gegen Eins, entweder auf zwei oder auf alle vier Tore je nach Niveau oder Vorliebe der Beteiligten; wer zuerst drei Tore geschossen hat, gewinnt. Das Feld ist wie alle Stationen dicht umringt. Ich bin klar in den Regelvorgaben und bestehe freundlich-konsequent auf deren Einhaltung, was gerade bei den hormonüberschüssigen Jungs notwendig ist. Es gibt keinerlei Probleme, lediglich ein Match muss abgebrochen werden, da zwei kleine Mädchen beim Stand von 1:1 den Catenaccio in seiner reinsten Form praktizieren, sodass das Spiel noch tagelang hätte weiterlaufen können. Im Laufe des Nachmittags fragen zwei Elternteile, ob es nicht „gerechter“ wäre, wenn die Spiele alle unentschieden ausgingen – was ihre Kids und ich sofort als vollkommen absurd verwerfen. Nicht einer mault nach einer Niederlage, nicht einmal diejenigen, die innerhalb einer Minute mit 0:3 vom Platz gefegt wurden.

Vom spielerischen Können her gibt es keinen Unterschied zwischen den Jungs und den Mädchen, auch keine blöden Sprüche, im Gegenteil, manchmal feuert so ein kleiner männlicher Hormonteufel sogar seine Cousine an. Bei dem Fest sind Jung und Alt, sogenannte Behinderte und Normale und (mutmaßlich) ein paar Geschlechtsidentitäten sowie Religionszugehörigkeiten versammelt. Die Fußballtrikots, die viele Kids tragen, deuten auf bewegte Lebensumstände hin: Ukraine, Palestine, Iran, Marocco; zu sehen sind aber auch USA, France, Argentina und natürlich Türkiye und Deutschland sowie zahlreiche Vereinsjerseys – vom Gastgeber Wilmersdorf über Hertha, Bayern und den BVB bis hin zum FC Barcelona. Die Stationen Cristiano Ronaldos sind von Sporting bis Al-Nassr lückenlos auf Stoff dokumentiert. Bei meiner Umfrage, wer Weltmeister wird, antworten alle mit der notwendigen Ernsthaftigkeit – das Ergebnis eindeutig: Einer tippt auf Spanien, einer auf Argentinien, der Rest auf Frankreich. Nicht einmal der Junge mit dem Bellingham-Shirt setzt auf England – „zu schlecht“, wie er auf Nachfrage sagt.

Die Zeit rast so dahin – leider ist kaum einmal Zeit für ein Gespräch, die Kinder und Erwachsenen unterhalten sich aber untereinander jeweils rege. Ein Nachbarschaftsfest im allerbesten Sinne – das macht große Freude. Dann ist Schluss. Ein Stündchen Abbau, Verabschiedung und platt auf den Rückweg – ich hatte zwischendurch keine Gelegenheit, etwas zu trinken oder zu essen, auch wenn wir vor Ort bestens versorgt wurden. In der U-Bahn geben mir drei Hafer-Nuss-Müsli-Riegel einen schnellen Energieschub. Zu Hause lege ich mit zwei Stullen und einer belegten Pita aus dem liebevoll gefüllten Proviantbeutel von BENN, der wilmersdorfer Initiative, die Flüchtlinge und Berliner zusammenbringt, nach. Um 20 Uhr zu Bett; vorher wird aber noch der Wecker auf 22:55 gestellt – ich darf auf keinen Fall England gegen Norwegen verpassen!

Der unterbrochene Schlaf hat sich gelohnt – nach einem ebenbürtigen Spiel, das in die Verlängerung muss, versenken die Angelsachsen das Boot der sympathischen Ruderer aus Norge. (Sorry für den Torschrei kurz nach eins, liebe Nachbarn.) Sieger Harry tröstet den weinenden Sportskameraden Erling, und am Ende singen wieder alle mit drei Leuen auf der Brust „And all the roads we have to walk are winding …“ – nur drei haben dabei keine Three Lions auf ihrem Trikot: die Löwen selbst.

Am Sonntag ausgeruht an den See und anschließend spontan zum Flohmarkt am Rathaus Schöneberg. Auch dort haben viele Trikots ihrer Nationalmannschaften an, egal ob ausgeschieden oder noch im Turnier.

Der Biergarten über die Straße ist weltmeisterschaftlich vollbeflaggt: Berlin- und Deutschland-Fahne über dem Eingang, viele Fähnchen in Schwarz-Rot-Gold, dazu die der anderen Teilnehmerländer. So gehört sich das, so macht das Spaß. Schluffiger Restsonntag voller Hausarbeit.

Am Montag eine rappelvolle Bucht, da sich zur Blässhuhnfamilie noch die dort lange nicht mehr gesehene Stockentenmutter mit ihren vier Jungen gesellt – die sind inzwischen genauso groß wie ihre Mama. Die Enten dominieren das Geschehen, aber, so sagt die Summe meiner anekdotischen Bully-Rallen-Evidenz, das wird nicht lange so bleiben.

Christoph Sanders, Thalheim

Der Dienstagmorgen startet mit einer grauen Wolkendecke, dann folgen Schwüle, Wind und drückende Sonne. Vorher noch Grünschnitt. Unser größter Gartenparasit ist die Hasel, die sich in bestehendes Buschwerk einschleicht. Da mir viele Abend- und Nachtspiele zu spät sind, sehe ich mir vormittags die Highlights an. Spanien und Portugal wie Zwillinge – der spanische Sturm macht den Unterschied. Ronaldos Nominierung war ein Fehler – man braucht für eine Weltmeisterschaft Weltklasse und nicht Ex-Weltklasse. Interessant, wie schwer „Wunderkind“ Yamal ins Spiel findet. Die Belgier dank massiver Umstellung mit einem Sieg gegen das US-Team. Schöne Trainingsrunde auf der Straße oben neben den Gleisen. Abends die letzten dreizehn Minuten Ägypten gegen Argentinien! Ich vermisse den Havelarm mit seinem klaren Wasser.

Der Mittwoch beginnt angenehm wolkig bewegt. Weiteres Rasenmähen und Büscheschneiden. Anschließend Einkaufstour in die Kleinstadt, um den lokalen Einzelhandel vor dem Untergang zu bewahren. Die Ägypter sind schlechte Verlierer – mal schauen, wie Marokko sich macht. Am Donnerstag wird es langsam wieder hochsommerlich, was man an der ungetrübt leuchtenden Sonne erkennt. Deshalb schnell wieder zum Mäher greifen – mehrere Kubikmeter Grünschnitt sind soeben abgeholt worden. Kampf um die Deutungshoheit an unserem Esstisch: Sobald sie eine braune Stelle aufweisen, werden Nektarinen weggeworfen – der Pfandflaschensammler in mir ist empört. Das billige braune Streichfett hingegen gilt der Familie als sauber – ich tu einfach so, als hätte ich es verschlungen. Der übliche Ferientagesablauf mit Johannisbeertorte und Scrabble sowie einem mild-sonnigen Abend mit France gegen Marokko. Nach der ersten, glanzlosen Halbzeit abgeschaltet – Schlaf ist wichtiger.

Auch der Freitag beginnt sommerlich warm – gegenüber schreien die Kindergartenkinder im Planschebecken. Johannisbeeren gepflückt für den Nachmittagskuchen. Schweißperlen beim Mähen des Hochgrases (80 Zentimeter), inklusive Freischneidereinsatz an den Rändern. So etwas mit der Handsense zu machen, wäre auch fein – aber ohne Heumachen für eigenes Vieh zwecklos. Größere Blütenstände habe ich stehengelassen. Danach im Dienste des eigenen Kühlschranks den Berg hinauf. Außerdem ist eine neue SD-Karte fällig. Im Lauf von zehn Jahren hat sich deren Speicher mindestens vertausendfacht. Der Trödler hat noch zwei abgelaufene Filme; da werde ich mal die Fehlfarben testen, die sich nach der Belichtung ergeben – es wird dann schön blass und rosig in der Welt. Nebenbei auf einen Stapel Tempo gestoßen – irre, was man 1987 an Druckqualität hinbekam. Gute Gestaltung, die Texte frech, teilweise geistreich. Diese Zeitschrift gehört in jedes Museum der BRD.

Weiter in Gogols Weihnachtserzählung. Elementare Bedürfnisse stehen im Vordergrund – so etwas wie „Urlaub“ gibt es nicht; das Leben folgt kirchlichen Festen, Traditionen und Gemeinschaftserlebnissen. Am Abend betrauere ich das Ausscheiden Belgiens gegen die überlegenen Spanier. Der glücklose Torwart darf nun zur Legende beitragen – „mit Courtois wäre das nicht passiert“, wird man wohl noch einige Wochen in Belgien vernehmen. Ein sehr guter Schiedsrichter – sein ulkiger Zusammenprall mit Olmo einer meiner bisherigen WM-Höhepunkte. Les Bleus dürfen sich jetzt auf eine sehr knifflige Aufgabe gefasst machen.

Der Samstag startet mit einer großen Motorbürstenaktion – zum Glück gibt es im Ort einen Landmaschinenhändler, der solche Verbrenner ausleiht. Nachdem ich darauf hingewiesen hatte, dass der vakante Hasenstall die ideale Basis zur Vermehrung von Schmeißfliegen sei, entmisten ihn die Mädchen. Sonnig und warm, mit federleichtem, trockenem Ostwind. Ich fahre mir auf dem Rad bei 30 Grad im German Redneck District Ulmtal die Seele aus dem Leib – ich liebe diesen Zustand, der eintritt, wenn man glaubt, gleich geht nichts mehr, und es geht dann doch. Erstaunlich, dass es auch in Deutschland weitflächige Bereiche gibt, die den Südstaaten Nordamerikas gleichen. Sie sind bunt verteilt übers Land; allen gemeinsam ist, dass man dort wunderbar Motorrad und Fahrrad fahren kann. Von Motorrädern aber kaum eine Spur, während ich unterwegs bin. (Da scheint es ein Kälte- und ein Hitzefenster zu geben – oder ist es ein Altersfenster?) Mittag gab es im bestens klimatisierten Rewe-Markt – aus mehreren Sushisorten wählte ich die mit Avocado sowie die mit Lachs, dazu Mango-Kefir. Perfekt verdaulich und genau der richtige Energielieferant bei Hitze. Leider ist das Elternhaus von Forstmann Karl Zorn, das er in seinen Erinnerungen beschreibt, auf keiner Karte zu finden, nicht einmal auf einer von 1910.

Norwegen in der Nacht clever und zum Ende der regulären Spielzeit fast noch mit dem Siegtreffer. Die Glückswaage neigt sich dann aber zu den Engländern, die am Ende auch physisch stärker schienen. Schön für das arme Land. Nächste Woche schalten wir dann zu den Falklandinseln.

Am Sonntag Erholung vom scharfen Ritt durch die Hügel. Die alte Form ist noch immer nicht zurück, das OP-Bein dürfte gern etwas schneller Gewebe bilden. Lesen unterm Sonnenschirm, dazwischen Zubereitung des Mittagessens. Am Nachmittag Familienausflug in das Freibad Hundsangen mit seiner großen Rutsche. Meine Kinder haben ihre Freude, mich hat der See in der Prignitz verdorben. Ein stiller Tag mit wenig Vögeln über dem Haus – ich vertrieb lediglich ein paar Elstern, die immer wieder das Türkentaubennest anflogen. Zur Nacht Abkühlung.

Frank Schott, Leipzig

Laufen am Meer ist eindeutig überbewertet. Es mag für Filme schöne Bilder ergeben, wenn gestählte Körper im warmen Sonnenlicht mit der Brandung im Hintergrund den Strand entlang joggen – von der rein praktischen Seite ist das aber großer Mist. Im weichen Sand kann man, weil die Schuhe tief einsinken und der Untergrund für einen festen Tritt zu wenig Halt gibt, überhaupt nicht laufen. Auf dem feuchteren und damit festeren Grund zu joggen, klingt nach einer guten Alternative, bringt aber wiederum seine eigenen Probleme mit sich: Zum einen ist der Untergrund abfallend, sodass man die Füße immer schräg aufsetzt, und zum anderen sind da die Wellen, von denen immer wieder welche in den trockenen Bereich schwappen und die Schuhe unter Wasser setzen, so wie ich es im kürzlich Urlaub erlebte. Da nutze ich doch lieber mein heimisches Waldstück!

Am Freitag stand nach zwei Wochen erkältungsbedingter Pause für mich endlich wieder ein Lauf an – nur sechs Kilometer und in sehr moderatem Tempo, was mir sehr gut tat. Der Waldboden war feucht und federte. Kurz war ich überrascht, dass auf dem Kunstrasen vom SV Schleußig an diesem Morgen Kinder trainierten – dann fiel mir ein, dass Ferien sind. Es ist eines dieser Camps für fußballverrückte Kids, in denen Eltern ihren Nachwuchs für eine Woche parken und mit denen die Vereine ihre Finanzen aufbessern. Für die Ehrenamtler bedeutet das, dem Verein eine Woche des Urlaubs zu schenken. Größere Klubs haben Studenten, Bufdis oder sogar fest angestellte Trainer, die die Camps übernehmen; bei den kleinen geht es nur über das Engagement der Mitglieder. Wir bei Turbine haben uns entschieden, in den ersten drei Ferienwochen weiter das reguläre Training anzubieten. Mehr können wir nicht leisten – aber immerhin! Die ersten Einheiten waren überraschend gut besucht.

Es war eine interessante Woche. Wettertechnisch war von Regen, Sonne und Wind alles dabei, wobei die Temperaturen erst zum Freitag hin sommerlich warm wurden. Ich habe den einen oder anderen Morgen mit einem Pott Kaffee und einem Stück Gebäck in einem der Innenstadtcafés verbracht, von wo aus ich den Trubel beobachtete:
Mütter mit Lastenrädern, die schwer wie Panzer sind, brausen mit Elektropower durch die Stadt, als könne ihnen und den Kindern nicht das Geringste passieren. Ein Jogger, möglicherweise ein Tourist, stoppt regelmäßig, um Selfies zu machen. Ein junger Mann beschallt für einen Moment die Straße mit einer Bluetooth-Box, die er in seiner Tasche mit sich trägt. Bei den Lieferwagen, die die Restaurants beliefern, dröhnen laut die Klimaanlagen, welche das Frachtgut kühlen. Indem sie sich mit den dicken Brummern in Zentimeterarbeit durch die mit Freisitzen oder anderen LKW zugestellten Straßen an Fußgängern und Radfahrern vorbeibugsieren, zeigen die Fahrer, was sie können. Während Menschen in ihre Büros hasten und dabei Kaffee aus Pappbechern schlürfen, picken Spatzen, Tauben und Krähen nach Essensresten. Papier weht über die Gehsteige.

Außerdem hatte ich ein Bewerbungsgespräch. Es war das interessanteste und intensivste, das ich je hatte – keine Bullshit-Fragen wie: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Wie gehen Sie damit um, wenn Sie zwei Aufgaben erledigen müssen, die beide höchste Priorität haben?“ Nein, dieses war schonungslos ehrlich. Wenn ich es richtig interpretiere, wollte mir der Chef eigentlich zu verstehen geben, dass der Job nichts für mich sei, und doch ist es bereits das zweite Gespräch, das wir führen. Mal sehen, was daraus wird – er schreibt mich persönlich an, wenn es Neues gibt. Mr. Spock würde jetzt eine Augenbraue hochziehen und „Faszinierend“ sagen.

Und dann rief mich mein Stromversorger an – man wolle mir einen neuen, günstigeren Tarif anbieten. Und man würde mir sogar wie einem Neukunden 150 Euro Prämie, sprich Preisgutschrift, gewähren. Klingt gut, denke ich mir. Dann kommt der Haken: Der Mann will mir das Angebot nicht zusenden. Stattdessen soll ich ihm mündlich den Auftrag erteilen; ich bekäme dann eine Auftragsbestätigung, in der alles drinsteht, und diese könne ich ja binnen 14 Tagen widerrufen.
Ich bin verärgert. Ich soll am Telefon einen Tarif abschließen, ohne die genauen Konditionen nachlesen und mit meinem aktuellen Vertrag abgleichen zu können? „Nein, danke, kein Interesse“, beende ich das Gespräch. Dann beende ich die ganze Geschäftsbeziehung, indem ich online einen neuen Anbieter mit passenden Konditionen recherchiere und den Wechsel beauftrage.
Jetzt legt der bisherige Versorger so richtig los: Ich bekomme eine E-Mail mit einem „persönlichen Angebot“. Der Link führt zu einer Fehlerseite. Während ich beim Training bin, folgt ein Anruf: „Wir würden Sie gerne als Kunden behalten!“ Obwohl es mir zeitlich natürlich gar nicht passt, erläutere ich kurz die Gründe für meine Kündigung. Der Mann am anderen Ende der Leitung gibt zu, dass das alles unglücklich gelaufen sei und er mich verstehen könne – ob er mir dennoch ein neues Angebot unterbreiten könne. „Senden Sie es mir gerne per Mail“, sage ich gnädig.
Das Angebot kommt nicht. Stattdessen werde ich am Folgetag erneut angerufen. Noch einmal nehme ich mir Zeit und erläutere, was ich bisher erlebt habe: „Ja, das ist dumm gelaufen und solche Fehler passieren. Aber meine Entscheidung ist gefallen – ich will nicht zu Ihnen zurück.“ Etwa zwei Stunden später klingelt wieder das Telefon. Meine Geduld ist erschöpft: „Ich bekomme jetzt den vierten Anruf in zwei Tagen. Sehen Sie das nicht in Ihren Unterlagen? Ich will keinen weiteren Anruf. Schluss, Ende. Tschüss.“ Natürlich weiß ich, dass die armen Seelen im Vertrieb nur ihren Job machen und den Kopf hinhalten für Entscheidungen, die sie nicht getroffen haben und die sie aus eigener Erfahrung möglicherweise sogar für falsch halten. Dennoch ist mein Reservoir an Gelassenheit aufgebraucht.

So wie sich diese Anrufe zu einer Plage entwickelten, wurden unsere Katzen zu einer Heimsuchung für die Vogelwelt im Carré. Vier Vögel haben sie in dieser Woche gefangen, getötet und als Zeichen der Aufmerksamkeit in unserem Garten abgelegt. Gefressen werden sie im Gegensatz zu den Mäusen nicht mehr – sie kommen mit dem Gefieder nicht zurecht und würgen die Beute wieder hoch. Da ich es bin, der die Kadaver beseitigen muss, hoffe ich einfach, dass die Vögel schlauer werden.
Gregor Dill, Moabit

Ich sitze im Kleinen Tiergarten in Moabit. Obwohl ich nicht der Einzige bin, sind erstaunlich wenige Gespräche zu vernehmen, eher Laute und Geräusche. Jeder scheint die urbane Stille zu genießen. Ich warte auf meine Tochter, die herzallerliebst ihrem Hobby und Talent, dem Ballett, nachgeht. Ich tauche in andere Alltage ein, schalte ab, nehme auf, gebe wieder. Im Licht der Sonne sitzend, am Puls der Zeit. Inmitten des Stillstands und doch lebendig.

Wenige Meter weiter rumpelt langsam die Tram über die Straße. Sie erreicht gleich ihr Ziel. Helle Kinderstimmen versuchen, Aufmerksamkeit zu erhaschen – etwas Tolles wurde entdeckt oder im Vorbeigehen zuerst fast übersehen und fiel erst dann ins Auge: „Ach schnell, Mama, sieh hin! Siehst du, was ich sehe?“

Ein leichter Wind schickt von links wie in einem nie endenden Strom feine Brisen. Rechts von mir plätschert ein Springbrunnen mit neun kleinen Fontänen, die ein Spiel mit der Wasseroberfläche und der verwirbelten Luft treiben – ein freudiges, atemberaubend schönes Spiel, das gerade von zwei Mädchen gewürdigt wird, die sanft das Nass und die Wellen ertasten. Neben ihrem Papa und mir sehen ihnen auch immer wieder drei Krähen zu, die gerade versuchen, eine ergaunerte Tüte Essbares zu zerpflücken. Durch den Duft angelockt und begierig auf das, was Menschen zurückgelassen haben, hacken und zerren sie sich fast schon hoffnungsvoll durch das Papier.

Das sonore Brummen um mich herum wird von einem wellenartigen, surrenden und jaulenden Autostrom aus der Ferne untermalt. Möwen fliegen über uns hinweg. Ich weiß nicht, wie lange es in Berlin schon Möwen gibt. Ist es das Salz der Brezenbäcker, das sie mit Meeresduft verwechseln, oder sind es die Weite und die vielen Wasserflächen, die sie anlocken? Sie verraten es uns nicht.

Vereinzelt rascheln Blätter; manche fallen zart auf den Rasen oder den Asphalt – wo der Wind sie etwas weiter schiebt, ist ein leichtes Kratzen zu vernehmen. Das trockene Laub ist der Bote eines heißen Sommers mit wenig Wasser in der Umgebung. Neben dem frühen gelben Blattwerk fällt mir auf, dass etliche Bäume und Sträucher enorm viele Früchte tragen, und das über diverse Gattungen hinweg. Droht einer Pflanze der Tod, steckt sie all ihre verbleibende Energie in eine übermäßige Produktion von Samen und Früchten, um so den Fortbestand ihrer Art zu sichern.

Weltmeisterschafts-K.-o.-Spiele im Aztekenstadion: 1970 der Kaiser Franz mit Armschlinge im Jahrhundertmatch gegen Italien, von dem Gerd Müller noch Jahrzehnte später sagen wird, dass er sich davon nie erholt hat; Pelé vor 107.00 Zuschauern auf den Schultern seiner Kameraden; 1986 Diegos „Hand Gottes“ und nur drei Minuten später das wahnwitzige Solo, bei dem er sechs Löwen erlegte; vom Estadio Azteca schwappte die La Ola über den Erdball – historischer Boden, der viel verspricht und mich den Wecker auf zwei Uhr stellen lässt: Gastgeber Mexiko gegen England, Achtelfinale. Der Wecker klingelt. Ich schalte den ORF ein. Kein Live-Bild aus Ciudad de México!?! Ich schaue im Netz nach, was los ist, finde aber nur Gerüchte um die Vorverlegung des Spiels wegen Sicherheitsbedenken. Um 2:03 Uhr doch die Umschaltung ins WM-Studio. Alina Zellhofer teilt mit, dass der Anpfiff wegen eines schweren Gewitters um eine Stunde nach hinten verschoben wurde. Die lange Wartezeit wird zunächst mit Gesprächen und Beiträgen über den Drogenkrieg im Lande gefüllt. Peter Filzmaier, ein fliegetragender Politologe aus der ZIB-Redaktion berichtet. Dann Fokus auf den Sport, aber mit sozioökonomischem und politischem Hintergrund. Zellhofer, der ZIB-Mann und die Ex-Nationalspieler Jasmin Eder und Peter Stöger (unter anderem auch Trainer beim BVB und 1. FC Köln) springen unaufgeregt und äußerst kompetent zwischen den Themenblöcken hin und her. Alte Schule.

2:51 Uhr Thomas König und Co-Kommentar Michael Liendl melden sich. Jetzt geht’s los! „Mexicanos, al grito de guerra“ und „God save the queen“ (ähem, „King“ – ich hab immer noch Lizbeth im System). Anstoß. Die ersten Minuten. Plötzlich bricht der Stream ab. Hülfe! Ich probiere dieses und jenes aus – nichts geht mehr. Ich schalte zum ARD-Sportschau-Radio – irgendwie live bleiben. Ich höre drei Tore in sechs Minuten: Bellingham, Bellingham, Jiménez – 2:1 für England. Pünktlich zur Pause steht eine Alternativübertragung. Ich schaue die Analyse. Pickford, du Teufelskerl!!! England kommt hellwach aus der Kabine: Pfostenschuss in der 48. Minute (oder „Stangerl“, wie wir Austrophilen sagen). Kurz darauf Aufregung bei den Mexikanern. Videocheck. ORF-Schiri Thomas Steiner wird zugeschaltet und sagt: „Das ist eine Rote Karte.“ Und so kommt’s auch: Quansah, der den Gegenspieler mit offener Sohle erwischte, muss runter – England ab jetzt zu zehnt. Ungefähr zehn Minuten später haut der mexikanische Torwächter Gordon um – Elfer! Kane verwandelt: 3:1. Yes! Minuten später unglückliche Aktion von Kane im eigenen Strafraum – nach VAR-Beäugung Elfer für Mexiko, das zum 2:3 verkürzt. Das Stadion tobt. Powerplay Mexiko. Im Halbminutentakt gefährliche Eingaben – das werden lange zwanzig Restminuten. Die Engländer komplett im eigenen Strafraum. Fliegende Beine, Körper, Köpfe. Bloß nicht noch so ein blödes Foul oder Handspiel! Der Kommentator sagt: „Da wirst verrückt!“ Aber sowas von. Diverse Auswechslungen – in der 90. nimmt der Trainer den platten Kane runter. 11 Minuten Nachspielzeit! Und auf die packt der Schiri dann nochmal etwas drauf. England in wirklich allerletzter Sekunde fast mit einem Eigentor. Ich kann nicht mehr! Keiner kann mehr. Abpfiff. Endlich. Die Mexikaner fallen um und weinen, die Engländer fallen um und jubeln im Liegen. Aus den Stadionlautsprechern kommt „Football’s coming home!“ Ich singe mit. Tuchel in der Interviewzone. Er, der immer so aussieht, als ob er während eines langen Aufenthalts in einer Tuberkuloseklinik soeben die Zusatzdiagnosen Darmverschluss und Wanderhämorrhoiden bekommen hätte, lächelt glücklich. Auf die maximal dumme Frage, wer England „nach so einem Spiel“ noch stoppen könne, gibt er die maximal smarte Antwort: „Norway.“ Werbeblock, durchschnaufen. Zurück ins Stadion. Die Inselaffen (Fachbegriff) haben nun die Sombreros ihrer hurtig entschwundenen Sitznachbarn auf. Wann immer bei den Töchtern und Söhnen Albions ein Gefühlsüberschuss kanalisiert werden muss, erklingt Oasis – alle mit drei Löwen auf der Brust singen „Wonderwall“. Ich singe mit. „Auf Wiederschauen!“ und ab ins Studio. Der Politologe wird gefragt, wie er das Spiel fand. Er sagt: „Geil.“ Wir alle schließen uns ihm an. 5:12 Uhr. Ab an den See.

Schwimmen unter Uferschwalben, von oben aber noch trocken – als ich zuhause bin, regnet es sich ein. Ein grauer, feuchter Tag und ich absolut übermüdet. Mittagsschlaf, Powernapping und dergleichen hätte auf mich eine ähnliche Wirkung wie eine Flasche Wodka am Vorabend: kaputter Körper plus Matschkopf. Lieber wachbleiben. Ich mache das einzig Vernünftige und fahre bzw. gehe zur NochMall, dem von der Stadtreinigung betriebenen Gebrauchtwarenkaufhaus in Reinickendorf. In der Gegend um den Kurt-Schumacher-Platz ist die Armut der Anwohner offensichtlich. Der Einzelhandel hat sich darauf eingestellt: Aldi, Lidl, Penny, Netto, Kaufland, Woolworth, KiK, TEDi, Action, Fressnapf, Teppichläden, Hayal- und Mekka-Markt, dazu Shisha-Bars, Leihhäuser, Automatencasinos, Aufbackshops, Money-Transfer- und Dönerbuden. Ich komme hier gut zurecht, da es klare Regeln gibt: Jeder lässt erstmal jeden in Ruhe – Hackesche Höfe, Alex und andere Touri-Hotspots sind unangenehmer. Ich nehme aus der NochMall John Zorns „Mycale“ und eine Best-of-CD der Münchener Freiheit mit – meine Lieblingssongs „Herzschlag ist der Takt“, „Rumpelstilzchen“, „So lang‘ man Träume noch leben kann“ und „Ich steh‘ auf Licht“, sind drauf – leider fehlt „Nacht über Deutschland“, diese wunderschöne Ballade, in der der Protagonist von Westberlin aus über das (geteilte) Land fliegt: „Flug 737 / Abflug mit Pan Am von Berlin / Die Stewardessen lächeln / Der Käptn weiß wohin“. Bis zur Schließung des TXL 2020 war Tegel der deutsche Flughafen mit den meisten Lärmbetroffenen – nicht zuletzt die Reinickendorfer litten. Nun sind sie arm aber nicht mehr halb taub.

Am Dienstagmorgen ausgeruhtes Regenschwimmen und ein etwas melancholisches Gespräch mit der Sächsin über das Sterben. Anlass ist ein ertrunkener Mitschwimmer – sie und ich waren am Samstag Zeuge der (wie sich später herausstellte) vergeblichen Suchaktion nach ihm. Beim Tischtennis werden selbstverständlich sämtliche Rote-Karte-zurücknehm-Witze gemacht; ich gehe früher, damit ich zum Anpfiff von Argentinien gegen Ägypten zuhause bin, und werde nicht enttäuscht – einzig den Sieger hätte ich mir anders gewünscht.

Mittwoch sitzt mir in der S-Bahn ein Teenager (m/w/d?) gegenüber, der ein T-Shirt mit einem Fotomotiv aus einem US-amerikanischen Gangsterfilm aus den Siebzigern anhat. So sehr ich auch grüble, komme ich nicht auf den Titel, zumal die Schauspieler irgendwie verschroben aussehen. Dann lese ich auf dem Ärmel die Buchstaben BEAS und erkenne den Schrifttyp. Ha! Das ist ein Beastie-Boys-Nicki und das Still aus dem „Sabotage“-Video, in dem Ad-Rock, Mike D und MCA Ami-Krimiserien und Actionfilme der 70s parodieren – da kam mein Gehirn einfach nicht auf die Metaebene. Am Samstag legte es hingegen beim Spiel Kanada gegen Marokko eine mir vollkommen unerklärliche Leistung hin: Als auf der Zuschauertribüne ein mir eigentlich unbekannter Mann gezeigt wird, meldet es sofort: Wayne Gretzky! Was der Kommentator umgehend bestätigt. Dass ich Gretzky zuletzt irgendwo gesehen habe, muss Jahrzehnte her sein.

Am See läuft mir der Kieler über den Weg. WM-Zwischenanalyse. In unserem Fokus stehen die Videoschiedsrichterentschiedungen („Die armen Kroaten!!!“) sowie die deutsche Abwehr. Es fallen Namen wie Katsche Schwarzenbeck, Terrier Vogts, Manni Kaltz, die Walz von der Pfalz Briegel, Kokser Kohler und die Förster-Brüder. Bei letzteren schauen wir sofort ängstlich auf unsere Schienbeine. Justament als wir über das Material von Jürgen Klopps Gebiss rätseln, kommt ein weißhaariger Mann im weißen Bademantel mit aufgesetzter Kapuze vorbei und sagt: „Da könnte ich mich ja sofort dazustellen.“ Ich: „Ja, mach, schimpf ruhig ein wenig mit.“ Er: „85 Millionen Bundestrainer.“ Ich: „Genau. Und wer von uns dreien wird nun der Nachfolger?“ Er: „Das müssen andere entscheiden.“ Und entschwindet gen Wasser.

Ein wenig weiterklönen mit dem Kieler, Verabschiedung, zur Bucht. Dort manifestiert sich die Beobachtung der letzten Woche, dass der Haubentaucherfamilie eines der drei Jungen fehlt. Die verbliebenen beiden sind inzwischen größer als ihre Eltern, halten sich aber noch in deren Nähe auf. Das wird sich in vier bis fünf Wochen ändern.

Zeitgleich ist frischer Nachwuchs zu vermelden: Während ich Tee trinke, taucht aus dem Schilfgürtel ein Mandarinentenweibchen mit vier noch sehr kleinen Jungen auf. Mal schauen, was aus ihnen wird.

Mit wem auch immer ich über die WM spreche – niemand hat das Spiel England gegen Mexiko gesehen. Dafür haben noch viele die Trikots oder Shirts ihrer Teams an – auch der ausgeschiedenen. Ich sehe viele Kids im Deutschlanddress, was mich sehr freut – die haben kapiert, was das Fan-Sein ausmacht. Ein Mädchen trägt ein klassisches Weiß-Schwarz-Jersey mit Uralt-Logo – wunderschön!

Gänzlich ohne DFB-Leibchen kommt Rapperin Ikkimel aus, als sie im ZDF-Morgenmagazin ihr Lied „Fußballmänner“ performt. Wie die meisten Mainstream-Fußballsongs ist das nicht von allergrößter Dichtkunst getragen, aber ein Wortspiel wie „Mertes-Sucker“ haut schon hin; auch die hochtourigen Bratzbeats sitzen. Bezeichnend ist das Aufheulen all der alten weißen Männer (m/w/d) im Lande, die irgendwann um die Jahrtausendwende den Anschluss an die Echtzeit verloren haben müssen – exemplarisch dafür Tichys Einblick: „Billigster Rummelbuden-Techno mit dem Charme eines runtergefallenen Schaschliktellers (darf man eigentlich noch Schaschlik sagen oder steht das auch schon auf dem Index, man kennt sich ja heutzutage nicht mehr aus.)“ Cool die Schlussworte der tempelhofer Musikerin: „Danke ‚Moma‘, wir freuen uns auf die Frauen-WM nächstes Jahr!“ Und auch ich sage „Danke“ – an die Empörer, die einmal mehr bewiesen, dass sie den Streisand-Effekt nicht verstehen; ohne euch hätte ich von diesen zwei Minuten prima TV-Unterhaltung nie erfahren. Außerdem amüsiert es mich prächtig, dass Deutschlandfunk, taz, Spiegel, NZZ, Freitag, SZ, Zeit usw. sich wegen Ikki bemühen, den Begriff „Fotzenrap“ zu erklären. Ikkimel hat hierzulande mehr für Mädchen und Frauen getan als Theresia Crone, Collien Fernandes, Anna-Lena von Hodenberg, Ricarda Lang und die anderen, die kürzlich in Berlin ein Plakat enthüllten, das dem Kampf gegen Gewalt an Frauen wohl mehr schaden als nützen wird.

Münchener Freiheit „Nacht über Deutschland“: https://www.youtube.com/watch?v=Pil5HmG6NkM&list=RDPil5HmG6NkM&start_radio=1
Beastie Boys „Sabotage“: https://www.youtube.com/watch?v=z5rRZdiu1UE
Ikkimel im ZDF-Morgenmagazin: https://www.zdfheute.de/video/zdf-morgenmagazin/ikkimel-102.html
Campact-Kampagne: https://www.campact.de/blog/2026/06/mit-collien-fernandes-gegen-maennliche-gewalt/
Christoph Sanders, Thalheim

Am Donnerstag sind die Gewitterschauer durch. Die gestern aus Berlin abgeholte Älteste ist zu Besuch – der Waldsee und Havelberg locken. Noch einmal zum Ehrenamtsantiquariat – am Ende nehme ich mehr als ein Dutzend Bücher mit: Kapuścińskis „Reisen mit Herodot“ und „Imperium“, Rudolf Lorenzens „Alles andere als ein Held“, „Irre“ von Rainald Goetz, Gogol in diversen Übersetzungen, Tschechow, Laxness, Melville, Stendal, ein ČSSR-Buch über Hautflügler, mehrere Werke von Chester Himes und, besonders schön, „Made in Japan“, ein illustrierter Reisebericht des tschechischen Avantgardekünstlers und Diplomaten Adolf Hoffmeister, der 1960 vom Prager Artia Verlag auf Deutsch veröffentlicht wurde. Das Stöbern war nebenher ein unterhaltsamer Rundgang durch viele Epochen der Buchgestaltung.

Schwimmen im Uhlenwehl , Temperatur 24 Grad, leichte Schauer -wir kommen aber alle wieder trocken auf unseren Rädern heim. Das neue, gestern in Berlin besorgte Mountainbike hat sich bewährt – Teenieglück und Vaterglück sind eins. Auf einem Gleis ein langer Containerzug, gezogen von einer Lok aus der 140er Reihe, die so um die sechzig Jahre alt sein muss. Wozu neue Züge, denkt man da.

Freitag dann Abreisetag, der windig frisch und frisch rasiert beginnt.
Es waren entspannte Tage voller Ruhe in einer anderen Dimension. Ich mag die Wälder und die Weite. Keiner ist unfreundlich, manche sicher stumpf. Es wird nach eigenen Regeln gelebt. Am Ende ist die Prignitz doch näher an Gogol als an Illies. Mal schauen, wie das hier weitergeht – allein die Schuldenverschiebebahnhöfe der Kommunen sind ja Sprengstoff. Das Rangeln um Finanzverpflichtungen wird an Schärfe zunehmen, so wie das Wittenberger Freibad werden auch andere Errungenschaften dem Totalverfall bzw. einer lukrativen Immobilienentwicklung preisgegeben. Die Nahversorgungslücke auf dem Land durch aufgegebene Supermärkte (die den Fleischern und den Bäckern folgen) wird sich vergrößern. Einer der entscheidenden Armutsfaktoren ist jetzt schon die erzwungene Individualmobilität. An Car-Sharing-Systeme im Hinterland glaube ich nicht, vielleicht
bilden sich Einkaufskollektive oder es springen Paketdienste in die Lücke. Dienstleistungs- und andere Jobs wird es in Stadt und Land zunehmend unter der Prämisse totaler Verfügbarkeit geben – die Exekutive wird das antrainierte 24/7-Online-Verhalten verstärken, was ich ja an meiner Gattin sehe, bei der als Lehrerin kein Tag ohne Rückkopplung mit „dem Dienst“ vergeht. Auf die Ausweitung der Homeofficezonen bin ich gespannt, sehe dieses aber nur als einen Nebenschauplatz, auf dem die künstliche Intelligenz nach und nach die einfachen Tätigkeiten ersetzt. Demographie und Auflösung von Lebenspartnerschaften werden den Bedarf nach kleinen Wohnzellen erhöhen, parallel wird es kommunitaristische WG-Nischen geben. Um Hitze und Feierabendverkehr zu entgehen, erst um 18 Uhr los.

Gegen Mitternacht sind wir zurück. Der Garten voller Wildwuchs. Der Trompetenblumenbaum ist nun erblüht. Unsere Kinder müssen sich wieder anders aufeinander abstimmen – und wir, die Eltern, auf den Ferienalltag. Aufregung, weil Ike, der Hund der Freundin einer meiner Töchter vermisst wird. Er war bei der Familie der Schwester der Freundin in Obhut. Dank der Zentral- und Landesbibliothek Berlin kann ich den leiblichen Vater meines Schwiegervaters finden, dazu auch die Mutter, eine Generalstaatsanwältin. Der Großvater meiner Frau wohnte vor dem Krieg keine vierhundert Meter von den Eltern entfernt, keinen halben Kilometer vom Grab seines Sohnes. Heute ist die Georg-Wilhelm-Straße 6 in Halensee ein Spielplatz.

Am frühen Abend in Barcelona Start der Tour de France – diese albernen Trikots und Zeitfahrhelme hinterlassen den Eindruck einer choreographierten Zirkusveranstaltung mit Tourismusschwerpunkt. Interessanter ist die Vielfalt der Sponsoren: Energiekonzerne, ein paar Fahrradmarken, Länder, Reeder, wenig klassisches Marketing. Auf die Tour kommt nun erst einmal eine Hitzewelle zu – Fahrer werden kollabieren; ab 28 Grad ist Sport im Freien eigentlich nicht mehr möglich. Ich hatte am Nachmittag auch einen Schwächeanfall: Beim Rasenstutzens konnte ich die Motorsense nur noch mit Hilfe es Sohnes anwerfen, was mir zu denken gibt. Aus Texas der Kampfkick Kanada gegen Marokko auf stumpfem Rasen – bei Flachpässen holpert der Ball. Fette Johannisbeerenernte, ein Kuchen ist fertig.

Ein milder, angenehmer, guter, wolkig, windiger Sonntagmorgen mit Taubengurren. Gogol sieht Hexen und Teufel am Himmel, die Bauern rasieren sich mit ihren Sensen. Verrückt, wie viele Übersetzungen es gibt – ein angenehmer Luxus. Wir werfen diese Klassiker gerade kistenweise fort und tun so, als seien die Menschen von damals vollkommen andere Wesen als wir, die uns nichts mehr zu sagen haben. In der Neuen Zürcher Zeitung ein Interview mit Eddy Merckx. Nüscht wirklich Neues vom alten Meister – er hätte sich nur früher an der Hüfte operieren lassen sollen. Zerkleinerung unseres alten Kaninchenpalais – so lange das alles im Garten steht, denkt man sich auch das Karnickel dazu. Der Kindergarten gegenüber macht gerade einen kleinen Sperrmüll, in den sich das idealerweise fügt. Die Trompetenblumen werden mächtig umschwirrt, jede Bienenart scheint darin etwas zu finden. Auf mein Rennrad habe ich keine rechte Lust – der Rhythmus ist noch nicht da. Dafür zerlege ich komplett ein altes, noch völlig intaktes Mountainbike. Nicht einmal für 50 Euro fand sich dafür ein Käufer – wir sind in dieser Hinsicht eine völlig übersättigte Gesellschaft. Die Jüngste fordert mich zu einer Partie Scrabble heraus – ich eile an den Spieltisch. Allgemeine Sonntagsstimmung – ein neuer Johannisbeerkuchen muss her!

Am Montag entspannt die Zusammenfassung der Aztekenschlacht Mexiko gegen England. Um 2 Uhr aufstehen ist nicht drin – ich bin schon groggy von einer Stunde Schlafmangel. England eine gute halbe Stunde in Unterzahl – Respekt! Nach den Paraguay- oder Uruguayexzessen die rote Karte nach der unglücklichen Grätsche etwas bizarr. Norway nun mein Favorit. Riesengroße Erleichterung: Nach drei Tagen ist der vermisste Hund Ike wieder da! Er war durch die Wälder gestromert, klaute Chipstüten und hielt sich in der Nähe eines Steinbruchsees auf. Die Tante hatte für einen Moment die Tür offengelassen – da war er weg. Ein anderer Vorfall in Hadamar: Nach dem Brandanschlag auf den Konkurrenten wurde letzte Nacht nun auf den zweiten Frisörsalon geschossen. Zur Not können wir noch zu einem dritten Barbershop gehen – außer man hat Angst, von verirrten Kugeln getroffen zu werden. Windiges Wetter mit vielen Wolken. 15 Grad in der Nacht und 28 am Tag – bislang ein prima Juli.

Frank Schott, Leipzig
Die vergangenen Tage waren regenfeucht und vergleichsweise kühl. Wer erwartet hatte, dass der extrem heiße Siebenschläfertag uns einen siebenwöchigen Glutsommer bescheren würde, sieht sich getäuscht. Eigentlich ist es perfektes Wetter, um zu laufen, doch da ich mich immer noch mit den Resten meiner Erkältung herumplage, verzichte ich weiterhin auf das Joggen. Lediglich moderate dreißig Minuten auf dem Hometrainer gestatte ich mir zum Ende der Woche – der Körper lechzt nach Bewegung. Immerhin geht es mir jeden Tag etwas besser.

Und auch die Schüler und Pendler atmen so langsam wieder auf, da die ersten Abschnitte der wegen des in der Hitze geschmolzenen Bitumens gesperrten Straßenbahnlinien freigegeben wurden. Den Anfang machte eine Hauptstrecke, die, aus allen Himmelsrichtungen kommend, jeweils an einem zentralen Punkt auf dem Innenstadtring endet und umkehrt. Einen festen Takt gab es zur Wochenmitte noch nicht, nur die laue LVB-Ankündigung, dass drei Bahnen pro Stunde jeweils in die eine und die andere Richtung fahren werden. Am Wochenende verkehren nun immer mehr Bahnen und das relativ regelmäßig. Im Stadtparlament stellt man die Frage nach der Verantwortung für die Schäden und einem möglichen Regress und streitet darüber, ob mit der Fugenmasse, welche Schienen und Weichen verklebt hat, am falschen Ende gespart wurde.

Wie ich sehe, wird auch vor der Notaufnahme der Uniklinik ein wenig gestritten, wo ein Mann poltert und randaliert und Polizisten sowie Pfleger versuchen, ihn zu beruhigen. Aufatmen bei jenen, die Wasser auf die Mühlen der rechten Parteien befürchten: Es handelt sich um einen weißen, alten Mann, der betrunken oder im Drogenrausch ist.

Eine alte Redensart besagt sinngemäß: Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, denn sie könnten in Erfüllung gehen. Wegen der vielen Tauben im Hinterhof waren wir gefragt worden, ob unsere beiden Kater nicht lieber dort, als bei Spatzen und Amseln, zupacken könnten – als genau das geschieht, ist es aber auch wieder nicht recht: Eine Nachbarin bittet mich am Sonntag auf ihr Grundstück, um nach einer Taube zu sehen. Das Blut auf dem Terrassenstein ist noch feucht, wovon sich auch grün schillernde Fliegen überzeugen. Mehrere Lachen, viele große und kleine Federn im Gras und, nicht zu übersehen: Die Taube. Um den großartigen John Cleese aus dem Monty-Python-Sketch mit dem Papagei zu zitieren: „Der Vogel ist tot.“ Das hier ist eindeutig der Tatort einer zielgerichteten Tötung – vom Täter findet sich allerdings keine Spur.

Ich vermute, es war unser Getigerter, kann es aber nicht belegen, zumal auch der Schwarzweiße gerade Killerinstinkte entwickelt: Am Vorabend, es war schon dunkel, weigerte er sich, ins Haus zu kommen. Sein Blick, der peitschende Schwanz und die Bewegungen mit den Pfoten ließen vermuten, dass er gerade mit einer Maus das Zusammenleben neu aushandelt – höchstwahrscheinlich mit einem anderen Ende, als die Maus es sich erhofft. Wenn das so weitergeht, müssen die ansässigen Nagetiere sich langsam Gedanken machen, ob sie nicht in einem anderen Carré Asyl suchen. Andererseits sorgt ein Räuber für Anpassungsdruck und zwingt die Kleintiere, neue Strategien und Verhaltensweisen zu entwickeln – so wie seinerzeit die drei Amseln, die gemeinsam auf einen unserer Kater einpickten und ihn dadurch verjagen konnten.

Das mit der Taube auf dem Nachbarsgrundstück ist mir einerseits etwas unangenehm, gleichzeitig empfinde ich aber auch Stolz auf unsere Raubkatzen, die sich alles Wissen und jede Technik selbst beigebracht haben. Dessen ungeachtet muss die Taube weg, also betätige ich mich als Tatortreiniger: Ich streife Einweghandschuhe über und packe den Vogelkörper und die Federn, die ich einzeln aus dem Gras auflese, in einen Biomüllbeutel. Mit der Hochdruckdüse vom Gartenschlauch reinige ich die Steinplatte. Währenddessen frage ich mich, wie alt Katzen eigentlich werden. Unsere beiden, die viel in Bewegung sind und die gut durchmischten Gene von Straßenkatzen haben, werden bestimmt steinalt, fürchte ich – da wird es wohl noch einige Todesfälle geben in der Nachbarschaft.

Ich schreibe dies bei einer Tasse Kaffee im Freisitz einer Bäckerei. Unter mir hüpft ein Spatz aufgeregt umher. Er fühlt sich bei der Vielzahl an Brot- und Kuchenkrümeln vermutlich wie im Paradies. Genieße den Moment, kleiner Spatz, denke ich mir – es könnte dir heute noch eine Katze begegnen.

Monty Pythons „Dead Parrot“-Sketch: https://www.youtube.com/watch?v=TaFDzTzKAT0
Samstagmorgen. Ich sitze nach dem Schwimmen teetrinkend auf der Buchtbank am Schlachtensee. Gerade als aus der Johanniskirche die Schläge der Vaterunser-Glocke herüberwehen, beginnt großer Lärm, der von einem über mir stehenden Hubschrauber stammt. Die Rotoren drücken Luft herunter; Blätter, Zweige und kleine Äste fangen an, sich zu bewegen; das Wasser verwirbelt. Zunächst bleibt der Heli stehen, dann fliegt er den See ab. Am anderen Ufer auf der Badewiese im Paul-Ernst-Park Blaulichter und kurz ein Martinshorn. Irgendetwas ist passiert. Vielleicht ein Verbrecher auf der Flucht? Vielleicht ein Mensch in Lebensgefahr. Vielleicht beides auf einmal. Als der Helikopter zur Bucht zurückkommt, mischen sich dessen zunehmend schrillen, hohen Töne mit denen schreiender, fiepender, kreischender Vögel. Es klingt fürchterlich. Hinter mir vom Uferweg Rufe. Zwei Jogger. Wegen des Krachs verstehe ich nichts. Ich laufe zu ihnen. Sie fragen, ob ich einen alten Mann mit weißen Haaren und in weißer Badehose im Wasser oder dort herauskommen gesehen hätte. Leider nicht. Ich sage, dass ich die Augen offenhalten werde, und bedanke mich für das Bescheidsagen. Wenige Minuten später ein Polizeiwagen, der anhält und nach kurzem Blickkontakt zwischen mir und einem der uniformierten Beamten weiterfährt. Mich ergreift leichte Unruhe. Ich steige auf die Bank, um die Wasseroberfläche abzusuchen. Dort ist nichts Besonderes zu sehen. Ich trinke aus.

Ich mache mich auf den Rückweg. Dabei beobachte ich das Wasser. Ein paar Kilometer weiter treffe ich eine Mitschwimmerin. Sie fragt, ob ich wisse, was all die Aufregung bedeute. Ich erzähle, was ich weiß. Wir hoffen, dass dem Vermissten nichts Schlimmes passiert ist, und sagen, dass jeder Tag, den man halbwegs gesund lebt, ein Geschenk ist, das man voller Demut entgegennehmen und genießen sollte – was man leider ziemlich oft vergisst. Erst letzte Woche ist im Nachbarsee ein Siebzehnjähriger ertrunken – ein guter Schwimmer, kein Alkohol oder Drogen im Spiel. Eines von drei Kindern einer alleinerziehenden Mutter aus Moabit. Ich hatte in der S-Bahn davon gelesen. Weil die Familie arm ist, wurde Geld für die Beerdigung gesammelt. Es wird den Schmerz nicht lindern können. Zuhause scrolle ich die Social-Media-Accounts der Berliner Polizei und die Newsticker durch. Nichts zu finden, auch nicht am Abend.

Am Sonntag dann die karge Nachricht auf rbb24:
„Ein 89 Jahre alter Mann ist beim Schwimmen im Schlachtensee in Berlin-Zehlendorf ums Leben gekommen. Wie die Feuerwehr mitteilte, hatten Passanten ihn am Samstagmorgen beim Baden beobachtet. Als der Mann unter Wasser geriet und nicht wieder auftauchte, hätten die Augenzeugen Rettungskräfte alarmiert, hieß es. Bei der Suche nach dem Schwimmer wurden demnach auch Taucher der Feuerwehr eingesetzt. Sie entdeckten den Mann schließlich nach intensiver Suche. Ein Notarzt konnte den Angaben zufolge am Land aber nur noch seinen Tod feststellen. Warum genau der Mann ums Leben kam, konnte zunächst nicht geklärt werden. Die Polizei hat unterdessen ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet. Anzeichen für Fremdverschulden habe man nicht, so die Polizei. Dennoch soll die Leiche des Mannes in der Gerichtsmedizin obduziert werden.“
Wenn ein junger Mensch stirbt, ist das schlimmer, als wenn ein alter stirbt. Mir tut es um beide leid. Vielleicht ist man mal nebeneinander geschwommen, hat am Ufer übers Wetter oder die Enten geplaudert. Macht’s gut. Vielleicht gibt es im Himmel ja auch so schöne Seen.


Am Dienstag liegt um halb sechs über der eiszeitlichen Bodensenke Rehwiese, einst Kuhfenn geheißen und als solche genutzt, dichter Nebel. Ich nehme flüchtig eine Bewegung wahr und spüre, dass ich beobachtet werde. Und da steht er hinter dem Gebüsch: Der Fuchs.

Auch über dem Schlachtensee ziehen Schwaden – vom Ufer her, direkt in mein Gesicht, als ob man sich einem Brandherd nähert. Je unwirklicher die Umgebung wirkt, desto lebendiger fühle ich mich.

Wieder zuhause schaue ich mir die Aufzeichnung von Deutschland gegen Paraguay an. In der S-Bahn trugen zwei, drei Leute DFB-Shirts. Das kann bedeuten: Ich freue mich über den Sieg und zeige das allen auf Arbeit, in der Schule oder Uni. Oder es heißt, dass die Mannschaft rausgeflogen ist, man aber trotzdem zu ihr hält, in guten wie in schlechten Zeiten, kein Sonntagsgucker ist, der nur alle zwei Jahre einschaltet. Oder man hat durchgemacht. So oder so: Die Nickis spoilern nicht, Zeitungsständer und Internet-News meide ich.

Am Abend zuvor hatte ich im ORF Brasilien gegen Japan gesehen. Theresa Lallitsch und Helge Payer kommentierten ebenso kompetent wie charmant. Bereits nach fünf Minuten ließ der österreichische Ex-Nationaltorhüter einen Buchtipp einfließen; später machte man sich anhand des Begriffs „Aura“ ein wenig über Sprachmoden lustig. Viel besser als die ORF-Leute – inklusive Studioexperten – kann man das kaum machen. Und nun also das deutsche Spiel – aus technischen Gründen leider in der ZDF-Übertragung. Mit einem Oliver Schmidt am Mikrofon. Der redet ununterbrochen, will alle vorbereiteten Statistiken und Anekdoten unterbringen. Weil er wohl selbst weiß, wie langweilig dies ist, spricht er in einer Tonlage, als würde auf dem Platz gerade etwas ungeheuer Spannendes passieren. Selbst das Elfmeterschießen sabbelt er mit sinnlosen Fakten zu, hat null Gespür für die (nun stimmts sogar) dramatische Situation auf dem Platz, bei der die Nennung der Schützen und Reaktionen reichen würden – die pure Verachtung der Zuschauer. Deutschland verliert – und sofort gehen die üblichen Vorwürfe los. Das Allerwichtigste hierzulande: Es muss ein Schuldiger gefunden werden: Nagelsmann!

Am Nachmittag WM-Zwischenfazit mit den Fußballfreaks aus der Tischtennistruppe. Favorit aller ist Frankreich, danach Argentinien. Die größte Überraschung ist die taktische Disziplin der afrikanischen Mannschaften. Wir gehen einzelne Spiele, Teams und Spieler durch. Irgendwann meint einer: „Wir reden jetzt bestimmt schon fünfzehn Minuten, und noch nicht einmal ist das Wort ‚Brasilien‘ gefallen.“ – „Stimmt.“ – Ich: „Die großen Brasilianer sieht man auf der Tribüne.“ Darauf der alte Spanier: „Man erkennt ihre Gesichter, aber nicht ihre Bäuche.“ Er wird gefragt, wie die Stimmung in seinem Land sei. Er: „Das weiß ich nicht – ich bin ja hier.“ Da hat er schon wieder recht. Klopp, der wohl neuer DFB-Coach wird, halten alle für einen eitlen, ultranervigen Fatzke. Auf dem Hof, auf dem wir klönen, hüpft wenig später eine junge, angeschlagene Nebelkrähe umher. Die Frauen sind aufgeregt. Ich kann gerade noch verhindern, dass der Vogel mit Kuchen gefüttert wird; dass er gestreichelt wird, nicht. Ich glaube, dass viele Tieren das geben, was sie sich für sich selbst wünschen.

Domestizierte Hunde einmal ausgenommen, sehe ich am und im Schlachtensee ganz selten mal ein Säugetier – am Mittwochmorgen beobachte ich dort eine Rötelmaus. Der am Sonntag abgebrochene, ziemlich lange Eichenast liegt noch immer quer über dem Uferweg – im Laufe der Woche haben sich alle mit der Totholzhürde arrangiert.

Am Abend geht bei England gegen die DR Kongo mein Matchplan auf: Direkt vom Yoga zum nächsten Kneipenfernseher, um den Rest der ersten Halbzeit anzuschauen. Die Afrikaner führen; ich lasse mir von ein paar Zuschauern das Spiel in drei Sätzen zusammenfassen. Abpfiff. Nach Hause, ORF-Halbzeitanalyse. Wiederanpfiff. Am Ende macht Kane den Unterschied: Antritt, Ballführung, Schusstechnik tadellos – so kreiert man Chancen. Was gab es für Diskussionen als Bayern ihn verpflichtete: Viel zu teuer und zu alt, noch nie etwas gewonnen – die Kritker sind längst verstummt. Um die Kongolesen, die mich bei der WM wirklich beeindruckten, tut es mir etwas leid.

Donnerstag noch dichterer Nebel als am Dienstag. Beim Tischtennis langes Gespräch mit der Bundeswehrkrankenschwester. Sie bestätigt meine Beobachtung, dass viele Patienten lieber krank bleiben, als auch nur minimal die Gewohnheiten zu ändern und zum Beispiel mit einfachsten Mitteln ihr Immunsystem zu stärken. Von da aus kommen wir auf die Coronazeit zu sprechen. Sie findet immer noch unmöglich, wie die deutsche Gesellschaft mit dem Virus und den Maßnahmenkritikern umgegangen ist. Hätte es nicht die Pflicht in ihrem Bereich gegeben, wäre sie ungeimpft geblieben. Dass ich mein Covid-Wissen hauptsächlich aus den RKI- und PEI-Berichten hatte und die vernünftigen Gesundheitstipps der Gesellschaft für Krankenhaushygiene befolgte, findet sie absolut naheliegend – aber wer hat das außer mir noch gemacht? Es war eine Massenhysterie, ausgelöst von ängstlichen Politikern, medialer Gleichschaltung, Diffamierung, Nötigung, Nudging. Das setzte sich dann bei anderen Themen fort. Ich bin froh, dass eine Frau vom Fach das alles so ähnlich sieht wie ich, und auch meine Einschätzung teilt, dass viele kein Gespür für wirkliche Gefahren haben (wenn ihr euch schon fürchten müsst, dann vor resistenten Keimen, Stürzen im Haushalt und rechtsabbiegenden Fahrzeugen!) Der Ex-Hells-Angel gesellt sich zu uns. Der musste wegen einer üblen Magen-Darm-Infektion montelang pausieren, hat zehn Kilo abgenommen, wird noch immer behandelt. In der Schwester und mir hat er gute Zuhörer für all die unappetitlichen Details. Dann zeigt er Fotos von seinem neuen Terrarium, in das drei Rotkehlanolis kommen sollen. Diese Tiere werden aus Amerika importiert. Während der vorgeschriebenen Quarantäne sind die beiden Weibchen gestorben; das Männchen hat überlebt. Die Nurse zeigt Bilder der Kawasaki, die sie sich gerade gekauft hat – sie hat dieselbe Farbe wie die Echsen. Sie und der ehemalige Rocker fachsimpeln über Motorräder – ich verstehe kein Wort. Die Leiterin des Nachbarschaftshauses kommt vorbei. Wir fragen sie, was aus der Jungkrähe geworden ist. Sie sagt, dass ihr jemand erzählt hat, dass die zu ihren Eltern geflogen ist, die vorher Kontakt zu ihr aufgenommen hätten. Wir nehmen ihre Lüge gern an.

Am Freitagmorgen schaue ich zuallererst die Zusammenfassung der zweiten Halbzeit von Österreich gegen Spanien an – am Vorabend hatte ich nur die erste geschafft. Ich hoffe, dass sich in unserem Nachbarland Jung und Alt vor den Fernsehgeräten und beim Public Viewing zusammengefunden haben – Bundespräsident Sascha van der Bellen hatte sich per Videobotschaft an alle Eltern gewandt und sie im Namen ihrer Kinder darum gebeten, diese ausnahmsweise länger aufbleiben zu lassen, damit sie das Spiel live verfolgen und das Team anfeuern können: „Solche Erinnerungen nimmt man doch sein Leben lang mit.“ Recht hat er! Leider verlieren die Ösis mit 0:3, aber dass sie das erste Mal seit zweiundsiebzig Jahren eine WM-K.O.-Runde erreicht haben, kann ihnen keiner nehmen. Das lange, abgebrochene Baumstück ist vom Uferweg verschwunden. Der Ast wurde mitsamt Kronenteil zersägt und verrotet nun im Unterholz.

Der gesamte Freitag extrem windig und somit wellig. Ich schwimme Richtung Westen fast auf der Stelle. Die Schwalben kommen besser voran, aber die fliegen ja auch. Immer wieder kleine Schauer, dazu fantastische Wolkenbilder. Am Abend mit meinen Buddies Bernd und Zlatomir in ein moabiter Lokal. Beide hatten kürzlich Geburtstag; der eine wurde 78, der andere 90. Wir prosten uns mit Bier und Tee zu. Müdaugig sehe ich die Verlängerung von Australien gegen Ägypten und das Elfmeterschießen. Die Afrikaner gewinnen – klasse! Zu Bett.

Gregor Dill, Moabit

Nur ein Wölkchen am Himmel; die Wärme ist erträglich, angenehm, sommerlich. Heute wird ein schöner Tag. Auf meinem Weg zum Bahnhof, wo ich zum ersten Mal in die neue S-Bahn gen Norden steigen werde, komme ich wieder an der Bank hinter der Mauer vorbei. Freundliche Gesichter aus der Nachbarschaft grüßen höflich und lächeln leicht. Ich grüße zurück, die Freude ist auch meinerseits. Blümchen recken sich in die morgendlichen Strahlen und zeigen all ihre Farbenpracht. Und doch leuchten sie nicht für mich, sondern alleine des Leuchten willens. Sie strahlen der Sonne zurück, was diese ihnen an Wärme und Licht schenkt. Ja, es ist ein schöner Tag.

Ich gehe weiter, werde hier und da überholt. Mein Tempo scheint also eher ein gemütliches zu sein – und das, obwohl ich mich als strebsam empfinde. Doch vereinzelt bleibe ich stehen, von der Schönheit der Umgebung angezogen. Ich genieße Farben und Formen, das Schweifen der Gedanken in das Weite des Seins. Meines Seins – das sich seit einigen Wochen auf ganz leise, aber tiefgreifende Weise ändert. Beim näheren Betrachten ist es vielleicht nicht mein Sein, sondern ein Bewusstwerden meiner selbst. Oder noch eher: eine Art Erwachsenwerden, ein Reifen. Wie ein Kern, der sehr lange Zeit tief im Inneren eines Apfels saß, geschützt vom Fruchtfleisch der Freunde und Familie. Für den es sich seit Kurzem so anfühlt, als würde er sich lösen und Stück für Stück dem Außen entgegenschieben. Ich, der Kern, strebe immer mehr zum Rand der Schale, werde sie irgendwann durchwirken. Um zu keimen und zu wachsen, vielleicht ein neues Kapitel des Lebens zu schreiben.

Ich sitze in der Bahn. Mit mir reisen einige Leute aus dem Potpourri Berlins: Vielfältig, schön, lebendig. Ich liebe Lebendiges. In den vergangenen Tagen traf ich viele tolle Menschen, tauschte mich mit ihnen aus, bekam wundervolle Gedanken und Ideen zu hören. Das Miteinanderreden fühlte sich gut an und geschah wie von selbst. Ich erkannte Wertvolles und sah gleichzeitig deutlich mich langweilende Kreisläufe. Würde ich dem jetzt nicht weiter nachgehen, wäre das unsagbar seltsam für mich – stoppen ist keine Option. Es wird die Sanftheit sein, die mir zeigt, wie ich mit diesen neuen Impulsen umgehen werde. Sie ist es, die mich ruhig und gelassen macht.

Auf den letzten Metern zum Büro passiere ich eine Straße, die von großen, alten Linden gesäumt ist. Winterlinden, die ihre letzten süßen Blüten der Saison hoch über unseren Köpfen zur Sonne recken. Vereinzelt hört und sieht man noch Bienen darin summen und fliegen. Es riecht nach Sommer, Frische und Erholung. Ich schnappe mir eine Rispe und koste: Noch leicht süßlich, aber langsam zum Bitteren hin wandelnd. Ich komme an einem Hain vorbei, der zum Symbol eines verlorenen Kampfes geworden ist: Trotz intensiver Pflege hat sich hier der mittlerweile als invasiv eingestufte Götterbaum durchgesetzt. Durch Vernichtungsversuche wie Schneiden, Reißen und Entwurzeln wurde das Problem immer weiter verschlimmert – weil die Maßnahmen zu impulsiv und zur falschen Jahreszeit erfolgten, ist nun alles extrem verdichtet und überwuchert. Wo ich erkenne, dass die Umgebung Licht benötigt, breche ich Zweige ab; wo Schatten gebraucht wird, lasse ich sie stehen. Zu den Vorzügen des Baumes gehört der schnelle Wuchs (fünf Meter pro Jahr) und die Blattbildung im Juni. Dieser späte Austrieb schenkt anderen Pflanzen reichlich Zeit, das Frühjahrslicht für die Photosynthese zu nutzen – Energie umzuwandeln, Energie zu gewinnen. Und somit neue Kapitel des Lebens zu schreiben.
Christoph Sanders, Thalheim

Am Sonntag ein Wolken-Sonne-Mix mit belebendem Wind. Es ist unter 30 Grad! Ich inspiziere den platten Hinterradschlauch – nur etwas Kleines, aber 23 Millimeter sind eben keine Allradbereifung. Gogols zweite Erzählung „Die Johannisnacht“ erinnert mich an die Waldstimmung vom Vorabend: Hinter jedem Baum lauert etwas, Hexen und Teufel sind allgegenwärtig. Dichtes, direktes Erzählen ohne großes Dräuen und Bedeutungsgeblähe wie bei Goethe und ohne diese fontanesche Pomade für die mittleren Stände. Was Gogol schreibt, sind im Prinzip Geschichten aus der Prignitz-Regionalbahn, aufgesammelt von einem Imker. Im Laufe des Tages schwülheiß – also schnell zum Großen Uhlenwehl! Wasser wie in einem Traum – aber vielleicht bin ich auch etwas ekstatisch, weil ich ungefähr zwölf Monate nicht mehr geschwommen bin. Ich mag kein Meerwasser, mag Schwimmbäder nicht – aber Altarme mit frischem Grundwasser: IMMER!!! Ich kann mich bis auf anderthalb Meter einer Bachstelze nähern, die von einem umgekippten Baum aus ihr Revier verteidigt.

Am Montag Waldspaziergang bei schwüler Luft. Es sind sehr viele Bremsen unterwegs. Später mache ich alle Scheunenräder klar – wie gut, dass ich vor ein paar Tagen bei Pfenniugfuchser eine Pumpe bekommen habe. Es sind die üblichen Trekking- und Hollandräder aus den neunziger Jahren: schwer, schlicht, unaufwendig. An den schlechte Schrauben und bösen Sätteln sieht man, wie gut man am Material sparen kann. Dann ist der von der Wetter-App zuverlässig angekündigte Niederschlag da. Ich höre der Melodie des Regens zu.

Später fahre ich nach Wittenberge, wohin zwei Wege führen: der eine nördlich über Bad Wilsnack und die Landstraßen, der andere über die herausgeputzten Elbedörfer mit ihren vielen Störchen – vor zwanzig Jahren war der Vogel noch eine Ausnahmeerscheinung, nun sehe ich ihn überall. Ich tobe mich auf den einsamen, geraden Alleen aus. In der Stadt ein Bahnhof, an dem sogar ICEs halten. Ein riesiges Bahnhofsgebäude mit Museum. Über die Elbe führt eine schöne, große Brücke, deren Sprengung 1945 verhindert werden konnte. Genutzt hat es am Ende wenig – seit 1990 ist hier alles in dutt; immerhin nicht mehr so ruinenhaft wie noch vor zehn Jahren – die Stadt wurde Anfang der 2000er Jahre sehr gern als Kulisse für Nachwendetristessefilme genutzt. An Singer bzw. Veritas erinnert nur noch der Uhrenturm. Die Geschichten der Deindustrialisierung laufen immer gleich ab und sind gut vorhersehbar. Dabei geht es nie um die weichen Faktoren, sondern immer um die harten: überholte Technologie, mangelnde Produktivität, zu hohe Kosten. Die andere Seite der Globalisierung. Demnächst wird Wolfsburg abgewickelt.

Angenehmes Gespräch im voll ausgelasteten Radladen, den es seit siebzehn Jahren gibt – hier macht sich der Elbe-Radweg bemerkbar. Später zum Gewerbepark westlich der Stadt. Es biegen ständig neue Wohnmobile ein. Durchreisende mit Braunschweiger Kennzeichen essen ihre soeben im Edeka erworbenen Lebensmittel gleich einer indo-asiatischen Familie auf dem Boden vor ihrem Reisegefährt.

Immer wieder Lastkraftwagen, die auf der Nord-Süd-Route durch die Altmark Rast machen. Auf dem knapp vierzig Kilometer langen Rückweg genieße ich die laue Luft im Rücken des abgezogenen, kleinen Gewitters. Der Rest der Familie nutzt das teilfeuchte Wetter zu einem Ausflug nach Hamburg – ich schaue das Brasilien-Spiel allein. Mir gefallen die japanischen Deutschland-Trikots. Später quäle ich mich mit den Spätheimkehrern durch Deutschland gegen Paraguay. Die Probleme in der Defensive und beim Umschalten in die Offensive sind nicht zu übersehen – allein wie oft sich Wirtz festrennt. Dazu Passfehler und ein seltsam wackliger Kimmich. So als hätte diese Mannschaft keinen rechten Kern. Die DFB-Auswahl kommt mir teilweise unfrisch vor. Am Schiri ist es nicht gescheitert.

Von Montag auf Dienstag eine angenehm kühle und frische Nacht. Gartenpflegearbeiten mit dem 45-Zentimeter-Mäher mit seinem Plastegehäuse und billigem Radlager, der etwas zäh anspringt. Weitere Funde im gut sortierten Ehrenamtsantiquariat in Havelberg: Becketts Essay über Proust, Stendhals „Henri Brulard“ und für den Teenie Jane Austen. Während ich die Regale abschreite, schauen zwei Perleberger herein, die gerade vom dortigen Antiquariat neben der Kirche kommen. Anschließend ein gepflegter Nachmittag am See bei aufziehenden Wolken. Der Sommer macht ein wenig Pause. Bei Norwegen gegen die Elfenbeinküste klasse Fußball. Ein absolut ausgeglichenes Spiel, das am Ende die Skandinavier gewinnen.

Am Mittwoch Abholung der Ältesten nach ihrer Prüfung plus Feier. Ab September geht sie für ein halbes Jahr nach Wien – die Zeit läuft uns Eltern davon. Am Frühabend besiegt Harry Kane die DR Kongo.

Frank Schott, Leipzig
Zurück in Leipzig. Ich schleppe mich dahin. Die Wechsel zwischen den klimatisierten Räumen und der warmen Außenluft auf unserer griechischen Insel, die kräftigen Meereswinde, der Hotelpool mit seinem lauwarmen, vermutlich ausgesprochen keimfreundlichen Wasser, oder einfach nur Pech: Jedenfalls habe ich mir eine kräftige Erkältung eingefangen und schlurfe nun vor mich hin. Die nach wie vor schwüle Luft schlägt auf meine Kondition, ich fühle mich total erschöpft – an eine Joggingrunde ist nicht zu denken. Immerhin kann ich mich bei einem schlurfenden Spaziergang am üppigen Pflanzenwuchs an der wieder freigelegten Pleiße erfreuen.

Weniger erfreulich ist beim Nachhausekommen der „Gruß aus der Küche“, den unser getigerter Kater dort hinterlassen hat. Der gefangene, getötete und verspeiste Spatz ist ihm offenbar auf den Magen geschlagen – auf zwei Häufchen verteilt finde ich die hervorgewürgten Reste. Nun ja, wenigstens mundet ihm anschließend das Büchsenfutter.

Ich gieße mir zur Erholung einen Kräutertee mit Ingwer auf und tröste mich damit, dass ich mich zumindest noch langsam bewegen kann – im Gegensatz zu den Leipziger Straßenbahnen, die wohl bis zum 19. Juli gar nicht oder nur sehr eingeschränkt fahren werden.

Was ist passiert? Hitze ist passiert: Die Fugenmasse zwischen den Schienen und dem Asphalt ist geschmolzen und wurde durch Fahrzeugreifen sowie die Räder der Bahnen ringsherum verteilt. Die ausgehärtete Masse hat alles verklebt und muss jetzt mühsam von Hand entfernt werden. Laut Medienberichten springen dabei sogar Büroangestellte ein und versuchen, mit Schabewerkzeugen und Brennern die Gleise und Weichen wieder freizulegen.

Am Samstagnachmittag standen die Straßenbahnen erstmals still, am Sonntag wurde der Betrieb dann dauerhaft eingestellt. Ab Montag sorgte dies für Chaos im Berufsverkehr und für überfüllte S-Bahnen und Busse. Zum Glück stehen die Ferien vor der Tür, was die Lage ab der kommenden Woche deutlich entspannen dürfte.

Die aktuelle Hitzewelle hat auch dem erst im vergangenen Herbst in den Gleisen eingesäten Rasenteppich, der eigentlich zu einem besseren Stadtklima beitragen sollte, den Garaus gemacht – zuvor hatten Anwohner bereits durch abkürzendes Latschen Schäden im Grün verursacht. Ein wahrlich trostloser Anblick, zumal das verbrannte Gras nun auch nicht mehr den Müll verdeckt, den Fahrgäste und Passanten achtlos wegwerfen.

Ich bin dieser Tage nicht der Einzige, der schlurft, sondern auch die deutschen Nationalfußballer, die sich mit nur einem Tor in 120 Minuten sowie drei verschossenen Elfmetern im Sechzehntelfinale gegen Paraguay aus der Weltmeisterschaft verabschiedet haben. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, dachte sich offenbar die Medienabteilung des Bundeskanzlers und postete noch in der Nacht: „Was für ein Spiel … Wir sind stolz auf euch.“ Wenn man es positiv sieht, kann man natürlich sagen: Immerhin hat Deutschland drei Elfmeter verwandelt.

Wie auch immer, das Ausscheiden hat Auswirkungen: So verstopfen beispielsweise die jetzt nicht mehr benötigten WM-Artikel die Grabbelkisten der Discounter. Vermutlich würden die meisten Fans die Fähnchen und Girlanden nicht einmal dann mitnehmen, wenn sie diese geschenkt bekämen – zu tief sitzt die Enttäuschung über die blamable Vorstellung des DFB-Teams.

Am Freitag lese ich in der Berliner Zeitung, dass die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) Uwe Bolls neuem Film „Citizen Vigilante“ in zwei Prüfverfahren eine Altersfreigabe verweigerte, was bedeutet, dass Kinos, Streamingdienste und Händler das Werk in Deutschland nicht anbieten dürfen. Daraufhin wandte sich der Regisseur an Elon Musk, der das Werk auf seinem privaten X-Kanal hochlud. Dort hatte es innerhalb kürzester Zeit Aufrufe in zweifacher Millionenhöhe, wurde vielfach geteilt und auf anderen Plattformen veröffentlicht, wo es weitere Zuschauer fand. Es ist interessant, dass hiesige Institutionen, Politiker und Journalisten immer wieder auf den Streisand-Effekt hereinfallen – also auf das Phänomen, dass der Versuch, eine Information zu unterdrücken, genau das Gegenteil bewirkt und ihr so erst recht zu großer Aufmerksamkeit verhilft. Da mich Boll als kaufmännisch sehr smarter Autorenfilmer fasziniert, verfolge ich seit Jahren lose sein Schaffen und schaue mir also auch seinen neuen Film an. Ein C-Movie, in dem eine Revenge-Geschichte erzählt wird, so wie man sie ähnlich aus Michael Winners „Death Wish“ („Ein Mann sieht rot“) mit Charles Bronson, Abel Ferraras „Ms. 45“ oder Clint Eastwoods Meisterwerk „Gran Torino“ kennt. Boll erreicht allerdings nicht mal ansatzweise das Niveau der Genannten – was freilich auch niemand erwartet haben dürfte. Es gibt teilweise haarsträubende Anschluss- und Logikfehler, der Rest ist solide runtererzählt. Am Ende ist das einzig Brisante, dass die gejagten Täter Migranten (in einem fiktiven europäischen Land) sind – und dass der Film durch das Eigentor der FSK zum Netz-Hype wurde.

Von Freitag auf Samstag steigen die Höchsttemperaturen von um die 35 Grad noch einmal an – wir kratzen an der 40er-Marke, bleiben aber minimal drunter. Schade eigentlich – das hätte nun auch keinen Unterschied mehr gemacht. Am Schlachtensee ist mehr los als sonst um sieben Uhr – einige Leute, die ich noch nie gesehen habe, unter anderem eine Frau, die mich, als sie aus dem Wasser kommt, fragt, ob ich sie fotografiert hätte, was ich wahrheitsgemäß verneine. Da ich sie sofort ernst nehme, in ihrem Misstrauen bestärke und das Thema auf KI-Manipulationen erweitere, entspinnt sich daraus ein gutes Gespräch über Stalking und digitale Sauereien, von wo aus wir bei der zunehmenden Überwachung und dem Social Credit System in China landen. Sie sagt, dass uns die vielen dystopischen Filme seit Jahren an all das gewöhnen sollen, ich widerspreche, dass sie uns eher gewarnt hätten. Einig sind wir uns in der allgemeinen Naivität vieler Mitmenschen, was diesen Themenkomplex betrifft.

Kurz nach dem Mittag kommt mein hessischer Dorffreund und alter kreuzberger Antiquariatskollege Christoph vorbei, der gerade mitsamt seiner Familie in der Prignitz abhängt. Auch wir reden über KI und die gerade stattfindenden Neuordnungen der Netz-, Bezahl-, Überwachungs- und Bestrafungswelten auf EU- und Bundesebene. Ansonsten hüpfen wir wie gewohnt von Thema zu Thema – er als West-Volkswirtschaftler und ich als Realerleber der sozialistischen Planwirtschaft ergänzen uns perfekt. Nebenher laufen Enya sowie der Wasserkocher, der uns eine Teekanne nach der anderen befüllt.

Der Sonntagmorgenhimmel pastellig-dunstig. Auf dem S-Bahnhof Westhafen treffe ich um kurz vor sechs eine Nachbarin, die auch zum Schlachtensee möchte. Wir fahren gemeinsam und quasseln uns so fest, dass wir in Westkreuz fast den Anschluss verpassen. Sie ist ganz erstaunt, dass ich nichts vom spektakulären Gewitter (inklusive Wetterleuchten) am Spätabend des Vortags mitbekommen habe – kurz nachdem ich gegen 21 Uhr einschlief, begann es. Hinter dem Klocontainer am nördlichen Ufer trennen sich unsere Wege.

In der Bucht lasse ich einen potenziellen Hundekonflikt gar nicht erst Fahrt aufnehmen, indem ich der Halterin vom möglichen Miteinander in der kleinen Bucht inmitten der Vier-Millionen-Stadt vorschwärme – am Ende sind wir zu einhundert Prozent einer Meinung. Während der Hitze sind viel mehr Hunde als sonst vor Ort; nicht jeder Besitzer ist empathisch, was menschliche Bader und Wasservögel betrifft – am Tag zuvor eskalierte die Lage ein wenig. Das nette Mitsiebziger-Paar ist auch wieder da. Beide erzählen Hochinteressantes von einem mehrmonatigen China-Aufenthalt im Jahr 1986 – der Zeit nach Mao und vor der größeren Öffnung. Sie arbeitete dort in einer Klinik und er war ihr Leibwächter – seinerzeit kam es wohl öfter mal vor, dass Langnasen einfach vom Erdboden verschwanden. Wie immer philosophieren wir über das Wunder des Lebens, Kosmisches und Meditation. Sie erwähnen, dass sie langjährige Mitstreiter von Prem Rawat, dem indischstämmigen, spirituellen Lehrer, sind. Ich schaue später nach, wer das ist – das wird neuen Gesprächsstoff liefern.

Zuhause muss ich komplett den Balkon räumen, da am Montag in unserem Strang die Sanierung der Böden beginnen soll. Da ich bei knapp vierzig Grad keine Lust habe, vier Stockwerke weit schwere Blumenkübel zu schleppen, stell ich alles in der Wohnung unter – am nächsten Morgen sehe ich, dass es die Nachbarn ähnlich hielten.

Am nordwestlichen Schlachtenseeufer ist von einer der mächtigen Stieleichen ein circa fünfzehn Meter langer Ast abgebrochen, der nun bis ins Wasser hinein über dem Weg liegt. Möglicherweise eine Folge des Hitzestresses und des schweren Gewitters am Vortag.

Den vierten Tag in Folge taucht die Blässhuhnfamilie mit vier statt fünf Jungen auf. Meine sächsische Mitschwimmerin hat eine der Bisamratten (die ich bislang nur auf einem Handyfoto zu Gesicht bekam) im Verdacht. Sie sagt, dass einige Leute aus ihrem Umfeld aktuell den See meiden würden, da in der Presse vor Zerkarien, den Larven von Saugwürmern, gewarnt wird. Uns beide hält das nicht vom Schwimmen ab – das Schlimmste, was passieren kann, ist eine Hautrötung (deren hübscher Fachausdruck „Badedermatitis“ lautet). Wir halten auch die nach wie vor anhaltende Hysterie wegen des Eichenprozessionsspinners für komplett albern, der in Berlin und Brandenburg inzwischen mit Flammenwerfern und Insektiziden aus Hubschraubern bekämpft wird. Ich hoffe, die Piloten legen während ihres Einsatzes wenigstens Richard Wagners „Walkürenritt“ auf.

Am Abend ruft mein moabiter Freund Zlatomir an, der sich mit mir zur Nachfeier seines neunzigsten Geburtstages verabreden möchte. Er war gerade in seiner alten Heimatstadt Belgrad und ist heilfroh, wieder im entspannten Berlin zu sein. Ich sage, dass es mir genauso geht und berichte von meiner Reise ins Mecklenburgische. Zlato hat schon in vielen Städten gewohnt, darunter Paris und Moskau, und meint, dass es nirgends so freundlich und entspannt zugeht wie bei uns (trotz ein paar etwas wilder Gegenden). Was ich natürlich vollumfänglich bestätige – hier lebt man im Wortsinne gelassen.

Frank Schott, Leipzig

Deutschland ist: Wenn du mit schweren Koffern aus der S-Bahn steigst und wegen der kaputten Rolltreppe zum Fahrstuhl gehen musst. Und dessen Tür vor deiner Nase schließt, weil die zwei Insassen ohne Gepäck noch schnell den Knopf drücken, wodurch die Kabine ohne dich nach oben eilt. Die Hitze lässt uns Deutsche offenbar einen Schritt näher in Richtung Barbarei schreiten, wo sich jeder selbst der Nächste ist.

Ganz anders in Griechenland, wo gerade meine Frau und ich weilen: Dort sind alle ausgesprochen zuvorkommend, rücksichtsvoll und höflich. Ausgenommen vielleicht im Straßenverkehr – wobei einem das möglicherweise nur als Deutschem unzivilisiert erscheint; für die Einheimischen ist es Alltag, sich mit Autos oder Mopeds durch enge Altstadtgassen zu zwängen und dabei hupend zu verständigen.

Das heilige Tier der Griechen ist offenbar die Katze. Nirgendwo habe ich bislang so viele Streuner unterschiedlichster Größe und Farbe gesehen. Obwohl die meisten wohl keinen Besitzer haben, stehen vielerorts Näpfe mit Trockenfutter und Schalen voller Wasser auf Stufen und in Gebäudenischen. Nicht jede Katze lädt zum Streicheln ein – dafür ist das Fell häufig zu struppig oder räudig. Doch eine Handvoll Futter findet jede.

Wenn man einen Blick dafür hat, lässt sich auf unserer Insel eine reiche Flora und Fauna entdecken: Schwalbenschwänze tanzen von Blüte zu Blüte, Kolonien von Schnecken besiedeln die Zaunpfähle.

Zwischen Olivenbäumen ertönt der Schrei eines Pfaus, der trotz seiner üppigen Schleppe im Schatten schwer auszumachen ist. Entlang steiler Felswände turnen wilde Ziegen, die gelegentlich verdrießlich meckern, wenn sie sich verrannt haben und ein Vorsprung zur Sackgasse wird.

Seen, Flüsse und auch das Meer sind voller Fische, Gänse und Enten. Sogar Meeresschildkröten lassen sich in den Buchten beim gemächlichen Auftauchen beobachten. Nur die in Deutschland unvermeidlichen, streitlustigen Möwen sind ausgesprochen selten zu sehen. Vielleicht ist es ihnen zu warm – obwohl es hier aktuell zehn Grad kühler als in Leipzig ist.

Die Insel ist trotz oder vielleicht ja sogar dank des Tourismus überraschend sauber. Die Strände bewerben sich um die „Blaue Flagge“, das internationale Siegel für besonders gepflegte und nachhaltig bewirtschaftete Meeresküsten. Überall stehen Mülleimer und Papierkörbe. Sogar in den beeindruckenden, bei Wanderern so beliebten Schluchten finden sich Sammelbehälter für Unrat. Wenn doch mal eine Bierdose im Gebüsch liegt oder eine Plasteflasche auf einem Wasserlauf schwimmt, sind Touristen daran vermutlich nicht ganz unschuldig.

Nirgends habe ich Servicekräfte oder Kellner so häufig lachen gesehen wie hier. Nicht nur geht die Arbeit leichter von der Hand, wenn man mit Freude am Werk ist, sondern die Unbeschwertheit überträgt sich auch auf die Gäste, selbst wenn diese die lächelnd und im schönsten Deutsch vorgetragene Einladung: „Sie sehen aus, als würden Sie ein kaltes Getränk benötigen, kommen Sie doch herein“ dankend ablehnen.

Griechenland lebt vom Tourismus. Allein auf Kreta, so erzählt uns eine Führerin, arbeiten 60 Prozent der Menschen direkt oder indirekt in diesem Wirtschaftszweig – viele sind von April bis Oktober in Hotels, Gaststätten oder im Reisegewerbe tätig. Anschließend gehen sie in die Olivenernte. Entweder hat man eigene Bäume, oder die Verwandten und Nachbarn haben welche. Alle packen im November und Dezember mit an: „Zu zweit schafft man acht Bäume an einem Tag. Meine Familie hat dreihundertfünfzig Bäume“, berichtet sie. Ist die Arbeit getan, kommt der Winter mit mehr Zeit für die Liebsten, Ausbesserungen und der Vorbereitung auf die nächste Saison.

Vielleicht nimmt manch ein Urlauber ein wenig von der griechischen Lebensfreude und Gelassenheit mit nach Deutschland – und wenn es nur für kurze Zeit ist. Ein paar Tage mit entspannten Gesichtern und freundlichen Worten können ja bereits Wunder bewirken.

Christoph Sanders, Thalheim

Am Samstagvormittag mit meinem großgewachsenen Sprössling mit der R8 nach Berlin, wo er um zwölf Uhr am Hauptbahnhof in einen anderen Zug umsteigt. Für mich wird es ein Hauptstadttag mit Rad. Ich besuche einen Moabiter Freund, mit dem ich viel Wermutkrauttee trinke. Gegen sechs mach ich mich wieder auf den Weg. Extreme Schwüle; an der Turmstraße aus dem U-Bahn-Eingang ein kühlender Schwall Luft. Ich verpasse in Jungfernheide um Haaresbreite meine Regionalbahn – darauf erst einmal ein Tegernseer Helles und zurück nach Charlottenburg, wo ich Himbeereis esse. Vor dem Laden zwei von mir maskulin gelesene, mutmaßlich persische Badmintonspieler; der eine in einem knöchellangen, grünschimmernden orientalischen Umhang. Wer den Ball fallen lässt, muss fünf Liegestütze machen – und das bei 37,5 Grad! Mit steigender Temperatur erhöht sich die Quote von Schwarzafrikanern und Orientalen auf den Straßen – der Rest schmachtet in Wohnkerkern. Am Ufer des Schloßparks höre ich Hornklänge: jemand übt eine Tonfolge. (Als ich am Sonntagmorgen Bruckners Vierte , „Die „Romantische“, mit dem begnateten Jochum auflege, erkenne ich die Passage wieder.) Der nächste Zug hat dreißig Minuten Verspätung und endet, wie ich feststellen muss, zu früh für mich in Neustadt (Dosse); eigentliche Endstation ist Wismar.

Im Gegenzug sitzt, wie ich später erfahre, meine älteste Tochter, die, bevor sie am Dientag eine Prüfung hat, aus Spandau zu uns in die Prignitz flüchten wollte. Wegen des Oberleitungsschadens, der alles stoppt, kehrt sie um. Wüssten wir voneinander, könnten wir uns durch die verspiegelten Scheiben zuwinken. Meine Mitreisenden und ich fahren weiter auf den pechschwarzen Himmel zu, an dessen Rand ein rosiger Saum zu sehen ist – hinter Friesack entlädt sich das Gewitter. In Neustadt ist für uns alle erst einmal Schluss. Auf den Treppen der Unterführung haben die vor uns Gestrandeten Schutz vor den fetten Regentropfen gefunden, unter anderem Chinesen mit vollen KadeWe-Tüten. Es spült immer neue Erschöpfte auf die Bahnsteige. Allseits banges Warten ob und wie es weitergehen wird.

Für mich geht es aufs Rad – unter den ersten neuen Sonnenstrahlen beginnt mein Zeitfahren in das 30 Kilometer entfernte Havelberg. in In molliger Luft durch die Wälder, das Gewitter ist noch zu riechen. Mal mehr, mal weniger, stellenweise gar kein Niederschlag. Längs von mir in Südost eine Wolkenwand, Nordwest freier Himmel. Mit der Zeit erreiche ich mein Vor-OP-Tempo 35 km/h (es geht!) – das habe ich lange nicht mehr gehabt. Straßendörfer, immer am Bahndamm lang; an einem Zaun Werbung für Karls Erdbeerhof. Absolute Stille.

In Breddin nach Nord, dann über die Schienen, auf weiteren Alleen immer weiter nach Norden. In Bendelin nehme ich leichtfertig den Plattenweg zum Wald, hätte aber links abbiegen müssen. Trafoturm, Funkmast. Später Schotter, dieser sehr fest – mit einem Platfuß müsste ich sehr lange schieben. Lautlos quert eine Hirschherde den Weg. Plötzlich wieder die Bahnline; ein betonierter Abladeplatz. Ich sehe Lichter am Horizont und wähne mich ganz nah am Ziel – eine Fehleinschätzung! Ich folge LKW-Spuren, pflüge durch Pfützen, beiße vor Anstrengung die Zähne zusammen. Auf der Straße wäre ich längst weiter. Ich habe mich total verschätzt und sehe kaum noch Licht. Wieder durch den Wald – grober Schotter, fester Sand. Dann erkenne ich Schuppen und höre nahes Hundegebell – ich habe Glöwen erreicht. Kaum bin ich aus dem Kaff raus, spüre ich schon den schnell platt werdenden Hinterlauf – es hat mich also doch noch erwischt. Glücklicherweise erst zwei Kilometer vor unserer Haustür.


Am Sonntag treffe ich in meiner Schlachtenseebucht auf zwei junge Frauen, die dort in einem kleinen Zelt nebst Hängematte die Nacht verbrachten. Mit französischen Akzent erklärt man mir, dass man die Sonnenwende doch draußen verbringen müsse. Gute Einstellung.

Am Montagmorgen sichte ich dortselbst vier Stockentenweibchen, die friedlich neben der angestammten Blässhuhnfamilie schwimmen – und diese neben ihnen. Trotzdem ist mir vollkommen klar, dass das nicht lange so bleiben wird – und genauso kommt es dann: Ich bin zufällig dabei, als die Situation am nächsten Tag eskaliert. Auch der Sieger dieses Kampfes war klar – die Stockenten werden vertrieben.

Am Nachmittag mal wieder Mumbai-Vibes auf dem Hauptbahnhof: Der Bahnsteig, auf dem meine Regionalbahn Richtung Mecklenburg abfahren soll, ist total überfüllt. Die Züge davor und danach sind gecancelt oder arg verspätet, auf dem Nachbargleis ist es dasselbe. Mein Zug fährt pünktlich, hält aber weit vor den angekündigten Abschnitten. Das hat zur Folge, dass sich Hunderte durch Leiber, Koffer, Taschen und Rucksäcke kämpfen müssen. Ich würde gern wissen, wie viele es nicht rechtzeitig zur Abfahrt geschafft haben.

Der Zug selbst ist auch übervoll, ich ergattere aber einen Sitzplatz -inklusive Körperkontakt mit meinem schwitzenden Nachbarn zur Rechten; zum Glück steigt er nach zwanzig Minuten aus. Gegenüber und kreuz und quer im Waggon verteilt sitzen Lernbehinderte auf Klassenfahrt. Die Lehrer und Lehrerinnen bleiben unter sich, eine Praktikantin sitzt mittenmang der Schüler. Die Schülerin neben ihr spielt auf dem Smartphone Fahrsimulator und haut das virtuelle Auto andauernd irgendwo gegen. Immer wenn sie „Wieder verkackt!“ ruft, sagt die Betreuerin: „Soll ich die Feuerwehr rufen?“ So geht das hin und her – da beide dabei keine Miene verziehen, ist das saukomisch. Danach reden sie über einen Horrorunfall in der Region, bei dem sich ein Achtzehnjähriger ohne Führerschein totgefahren hat; seine Freundin wurde schwer verletzt. Die Betreuerin bekommt einen Anruf, bei dem es um irgendwelche Spezialmunition geht, die man, so sagt sie, nur in Rostock bekommt. Als sie aufgelegt hat, wird sie gefragt, warum sie sich so gut mit Munition auskennt. Antwort: „Ich bin eine sehr gute Schützin – und seit sechs Jahren amtierende Kreismeisterin.“ Sie kommen auf Schlafstörungen. Die Praktikantin meint: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, worauf die andere sagt: „Na vielen Dank, dass du mich daran erinnerst.“ Alles angenehm rätselhaft. In Wittenberge steigt die Truppe so wie die meisten anderen aus, sodass ich Platz für mein Abendbrot habe: Es gibt Bauernbrot mit weichem Camembert, dazu Möhren, einen Apfel und Tee aus der Thermosflasche. Pünktlich vor dem Umsteigebahnhof Ludwigslust habe ich mein vorzüglich mundendes Mahl beendet.

Vierundzwanzig Minuten Aufenthalt – genau richtig, um das übliche Anzeigentafelchaos auf der Dauerbaustelle Lulu zu durchschauen. Aus Erfahrung klug steige ich richtig ein. Die Nettofahrzeit von Berlin nach Parchim beträgt drei Stunden. Ich erfahre, dass meine beiden Züge zu den letzten gehörten, die überhaupt noch fuhren – wenig später stand der gesamte Schienenverkehr in Deutschland still. Als Ursache gibt die Bahn den Ausfall des veralteten Funksystems an – schön, dass es ausnahmsweise mal einen handfesten Grund gab.

Kurz hinterm Bahnhof dringt aus einer der Pensionen im ehemaligen Wehrkreiskommando schneller, sehr harter französischsprachiger Rap mit nordafrikanischem Einschlag – ich tippe auf etwas älteren Hiphop aus Marseilles. Ich vermute stark, dass derjenige, der das abspielt, ausländischer Werkvertragler und im Baugewerbe tätig ist.

Am Mittwoch gehe ich um halb sechs durch die leere Stadt zum Energietanken an den Wockersee. Über dem Wasser liegt leichter Morgennebel; ich bin der einzige Schwimmer und werde von einem hinter den Reusen hockenden Graureiher beäugt. Auf dem Rückweg sehe ich dann auch Menschen – Schichtwechsel im Krankenhaus.

Um kurz vor neun ist das Taxi da, dass meine Mutter und mich zur Helios-Klinik nach Schwerin bringt, wo sie eine Augen-OP hat. Die Fahrerin hangelt sich durch die regionaltypischen Hauptthemen Urlaubsreisen auf der Aida, Frauen, die mitsamt Säugling ihre Männer verlassen (wie bekommt man jetzt noch den armen Mann verheiratet?) sowie die sie in jeglicher Hinsicht störenden Ausländer. Im Autoradio läuft Valerie Dore; wir kommen gut durch den Verkehr.

Der Weg zur Augenabteilung ist schlecht ausgeschildert und für jemanden mit Geheinschränkungen wie meine Mutter beschwerlich, da er über Schienen führt, auf denen Transportwagen fahren. Alles ist sehr düster, farblos und abweisend. Vom Konzept der Heilenden Architektur („Healing Architecture“) scheint man hier noch nichts gehört zu haben – oder es ist den Betreibern schlichtweg egal, ob sich Patienten und Besucher zurechtfinden und willkommen fühlen.

Die Aufnahme verläuft professionell und freundlich. Genau eine Stunde nach ihrem eigentlichen Termin wird meine Mutter in den OP-Saal gebracht. Ich habe nun eine Stunde Zeit, um durch die Klinik zu schlendern. Ich sehe wie auf all meinen Wegen durch die alte Heimat außerordentlich viele Menschen mit Adipositas – starkes Übergewicht und schwerer Alkoholmissbrauch sind in Mecklenburg nicht selten. Im Eingangsbereich steht ein altmodischer, etwas abgerockter Pappmachéstorch, der aussieht, als ob er bereits zu DDR-Zeiten die Neugeborenen annonciert hat. Der frisch verkündete Name Alvin Fuad dürfte für Gesprächsstoff sorgen, dabei ist Alvin altgermanisch (abgeleitet vom altenglischen Ælfwine) und steht für „Freund der Elfen“ bzw. „edler Freund“. Die Kombination mit dem arabischen Fuad („Herz“ oder „Seele“) könnte darauf hinweisen, dass in Mäckelborg gerade ein neues Geschlecht entsteht. Ich esse Kartoffelsalat und hole danach im Wartebereich meine Mutter ab.

Ihre Operation ist gut verlaufen. Wir schicken unserer Fahrerin eine WhatsApp-Nachricht, damit sie uns abholt. Kurzweilige Rückfahrt – im Autoradio läuft witzigerweise Elton Johns „Blue Eyes“ und „Blinded by the Light“ von Manfred Mann’s Earth Band. Zuhause frage ich meine Mutter, ob sie Hunger hat – obwohl sie verneint, koche ich ihr etwas. Als dann der Teller mit den Bratkartoffeln mit Schinken, Zwiebeln und Spiegeleiern vor ihr steht, haut sie rein wie die Monteure in der Bahnhofspension nach Feierabend. Vor der OP musste sie stundenlang nüchtern sein – da braucht ihr Körper nun reichlich Energiezufuhr. Wäre sie allein gewesen, hätte sie, wie sie sagt, nur zweieinhalb Erdbeeren gegessen – die gab es obendrauf.

Während meine Mutter auf dem Balkon vor sich hindöst, gehe ich eine Runde durch die Innenstadt. Es sind kaum Menschen zu sehen – ich komme mir vor wie in einem dieser Western im CinemaScope-Format, in dem minutenlang ein Steppenläufer durch die Geisterstadt kullert. Ich finde drei perfekt geschnittene, farblich sehr schöne Linnenhemden, die ich, da preisgesenkt, ohne zu zögern mitnehme.

Die Nacht verläuft ohne Vorkommnisse. Auf meinem Weg zum See störe ich siebzehn Graugänse, die im Pappelschnee über die Wiese gehen und den morgentaufeuchten Boden nach Futter durchwühlen. Gemächlich fliehen sie vor mir und schwimmen gen Schlachthof. Als ich kurz darauf baden gehe, kommen sie sofort wieder heraus und setzen ihre Futtersuche an derselben Stelle fort. Auf dem Rückweg störe ich sie erneut – jetzt entfernen sie sich Richtung Friedhof.

Ich lerne die Pflegerin meiner Mutter kennen, von der sie einmal in der Woche Unterstützung unterhält. Eine sympathische junge Frau, die extrem blickig und fleißig ist, wie mir immer wieder berichtet wird. Sie sagt, dass meine Mutter ein großes Herz hat und gut zu ihr ist. Wie ich weiß, wird sie, weil sie Bulgarin ist, nicht selten gemobbt; manch Pflegebedürftiger lässt generell keine Ausländer ins Haus.

Ich gehe mit meiner Mutter zur Nachuntersuchung. Vor der Praxistür steht ein Chipkartenlesegerät. Das ist neu und hat nur ein minimales Bedienfeld – es zeugt nicht gerade von Empathie, wenn man so etwas ausgerechnet Augenkranken vorsetzt. Wir schaffen es hinein. Eine Schwester untersucht das operierte Auge. Die Ärztin ist mit den Ergebnissen sehr zufrieden. Meine Mutter und ich sind erleichtert.

Am Nachmittag fahre ich ohne besondere Vorkommnisse zurück nach Hause – sieht man einmal von einer toten Blaumeise auf Bahnsteig 1 in Ludwigslust sowie einem Zuarbeiter des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks ab, mit dem ich ins Gespräch komme und der vor kognitiver Dissonanz eigentlich platzen müsste. (Dass die Bahn Verspätung hat, es auf dem Umsteigebahnhof kein Klo und im Zug kein Toilettenpapier gibt, ist normal.) Moabit zeigt sich von seiner gewohnt gelassenen Seite – schön, wieder hier zu sein. Auspacken, Wäsche waschen, dann England gegen Ghana anschauen – ich habe es tatsächlich geschafft, das Ergebnis des drei Tage alten Spiels nicht vorher mitzubekommen. Es ist langweilig. Total müde zu Bett.

Das Fremdbaden hat ein Ende – am Freitag geht es wie gewohnt an den Schlachtensee. Eine Mitschwimmerin bestätigt, was ich aus der Ferne schon vermutete: Die an der Westspitze brütenden Schwäne haben fünf Junge bekommen! Egal, mit wem ich darüber spreche – alle sind darüber sehr glücklich. Wenig später sehe ich die junge Großfamilie auch aus der Nähe. Ein Mittsiebziger, den ich vor ein paar Wochen kennenlernte, kommt in die Bucht. Er sah mich beim Joggen auf der Bank sitzen und wollte nur mal kurz „Guten Morgen“ sagen – sofort quasseln wir uns fest. Er erzählt, dass er Musiker ist (früher war er mal Werber in Moabit) und gerade seinen ersten Song mit KI-Hilfe fertiggestellt hat. Er fragt, ob er ihn mir mal vorspielen dürfe. Klar. Ich setze seine Kopfhörer auf. Das Lied ist sehr funky und erinnert ein wenig an Edo Zanki und James Brown („Living in America“-Phase). Es ist klasse produziert und arrangiert und könnte sofort im Radio laufen. Ich frage, wie er gepromptet hat – da er sich damit noch nicht wirklich auskennt, nur minimal. Der (deutsche) Text ist selbstgeschrieben; alles andere hat der Roboter gemacht. Ein Unterschied zu menschlichen Musikern ist nicht erkennbar – was erschüttert ist. Wir sind froh darüber, dass die Sonne, der See, die Vögel und wir nicht durch künstliche Intelligenz zu erschaffen sind.

Christoph Sanders, Thalheim
Am Dienstagabend nach ausgiebiger Siesta mit der Familie im Auto Richtung Prignitz los. Gegen eins überholten wir bei Stendal einen schleichenden ICE. Etwas lief deutschlandweit schief mit der Bahn – ein Bekannter verriet uns, der DB-Kommunikationsverkehr liefe noch auf so etwas wie veraltetem 2G-Standard, was sich leicht hacken ließe. So oder so ist man dort draußen auf dem Felde ohne PKW komplett aufgeschmissen – es wurde alles um den motorisierten Individualverkehr gedacht, geplant, organisiert. Dumm nur, dass die Bevölkerung schleichend älter wird und die Immobilen zur Mehrheit werden – wir sehen gerade den Schatten, der vorausgeworfen wird.

Mittwoch bei strahlendem Sonnenschein mit dem Gruppenticket zur Beerdigung nach Halensee, dieser wundervollen Berliner Enklave. Der Teenie sang mit voller, tragender Stimme „Morning has broken“. Die Regionalbahn, in der man es dank Kimaanlagen inzwischen gut aushalten kann, hatte auf der Hin- und Rückfahrt jeweils vierzig Minuten Verspätung – die Reisenden nach Hamburg bekamen ihre Anschlüsse nicht und hofften auf ihre Weiterfahrt. Die Stimmung war aber allseits entspannt – Solidarisierung mit dem Zugpersonal. In der Nacht ist ein sehr schönes Mittsommerphänomen zu beobachten: Irgendwo ist immer etwas Restbläue im Himmel, gegen zwei recht genau nördlich. Rosenwässerungen, allmählich ins Haus einfinden.

Am Donnerstagmorgen gleich mal auf mein Rad, um tief Kiefernluft einzuatmen. Dabei achte ich auf Eichen – in der Regionalbahn trafen wir vom Prozessionsspinner gezeichnete Radfahrererinnen mit Ausschlag an den Oberschenkeln, der von den herumfliegenden Häärchen der Raupe verursacht wird. Große Hitze und ein großes Lob an den Havelpark bei Dallgow, dessen gesamte Parkplatzfläche mit Ahorn bepflanzt wurde, der jetzt zwanzig Jahre lang wachsen konnte. Die Luft ist hier deutlich trockener als bei uns in Hessen.

2026 ist ein großes Heurollenjahr für die Prignitz – alles wächst und reift, sieht gut aus, nicht versteppt. Der Siedlungsverdichtungsbau ab Nauen Richtung Berlin hingegen erschreckend – rundherum maximale suburbane Erweiterungen, wie wir sie auch aus Frankfurt am Main kennen. Interessant, dass dennoch eine klare Bruchlinie zum flachen Land erkennbar ist. Nebenan kräht der Hahn und die Hennen gackern – das Federvieh ist ein Nebenerwerb des Nachbarn.

Am Freitagvormittag Wäsche mit Beethoven. Havelbergrunde bei leichtem Ostwind – so gefällt mir die Hitze. Beim Popup-Antiquar, einem Sozialprojekt, gegen eine Spende drei Gogol-Ausgaben aus dem Aufbau-Verlag in der Übersetzung von Michael Pfeiffer bekommen, daneben einen kompakten Tschechow-Erzählband in Dünndruck. Usw. Die Fremdenführer erwähnen den ehrenamtlichen Laden mit keinem Wort. Nette Gespräche – der Einzelhandel kennt mich nun – die Kolkraben im Hofbaum auch, die eine regelrechte Sprache mit ganz eigenartigen Rufen haben. Ich konnte antworten.

Am Abend die erste Gogol-Geschichte beendet – ich las parallel zwei Übersetzungen, was sehr interessant war, mal sind die Augen der Braut braun, mal grau, plus andere Abweichungen hier und da, teilweise völlig unterschiedliche Umschreibungen. Der Vergleich zwischen der älteren und neueren Fassung geht unentschieden aus. Um sieben mit meinen sich aufraffenden Kindern zur Bauernbracke und zu Edeka, meine Frau bleibt lieber vorm Fernsehegerät liegen.
Frank Schott, Leipzig
Leipziger Wasserwirtschaft
In Deutschland reden Politiker gerne davon, dass sie die Mietpreise deckeln wollen. Kritische Stimmen meinen, man solle eher den Wohnungsbau forcieren und preiswerter machen. Doch die hiesige Politik gefällt sich momentan lieber darin, den Mangel zu verwalten und den Markt stärker zu regulieren.
Warum ich diese ungewöhnlich politische Bemerkung voranschiebe, hat einen Hintergrund: Alle reden von den Mieten, doch kaum jemand spricht über die Entwicklung der Wohnnebenkosten.
Nahezu jeder wird mitbekommen haben, dass die Energiepreise gestiegen sind, doch hat man hier – im Gegensatz zu manch anderen Kostenblöcken – als Privatperson immerhin noch die Möglichkeit, den Anbieter zu wechseln und von Neukundenrabatten zu profitieren. Ganz anders sieht es dagegen bei monopolistischen Gütern aus. Zu diesen gehören beispielsweise die Abfallbeseitigung, die Straßenreinigung und die Wasserversorgung. Diese Leistungen werden von den Kommunen und Gemeinden bereitgestellt – wobei jene die Gebühren selbst bestimmen.
Als Besitzer einer Immobilie habe ich den Vorteil, alle Abrechnungen seitens der Stadt direkt zu erhalten – die Gebühren sind also nicht in komplizierten Nebenkostenaufstellungen versteckt, wo sie mühsam entschlüsselt werden müssten. Ich erfasse die Preisentwicklung seit Jahren und möchte sie an dieser Stelle einmal vorstellen.
Doch zunächst eine kurze Einführung in den Themenkomplex.
Die Verwendung von Trinkwasser
Im Gegensatz zu seiner Bezeichnung werden nur 4,4% des im Privathaushalt genutzten Trinkwassers zur Flüssigkeitsaufnahme und Essenszubereitung verwendet. Der Großteil davon (69,2%) entfällt auf das Waschen, Duschen, Baden und die Toilettenspülung. Grafik 1 zeigt die jeweiligen Anteile am Gesamtverbrauch basierend auf Daten des Bundesumweltamtes für das Jahr 2023. (I)

Wer die Originalgrafik anschaut, wird sehen, dass darin auch der Wasserverbrauch im Kleingewerbe enthalten ist – diesen habe ich herausgerechnet. Die auf der Website angegebene Menge von 126 Litern pro Kopf stimmt interessanterweise nicht mit den als Excel-Daten herunterladbaren Werten überein – dort sind es nur 121 Liter. Rechnet man auch hier das Kleingewerbe heraus, verbraucht jeder Deutsche im Schnitt 110,1 Liter Trinkwasser pro Tag – das sind 40,19 m³ jährlich. Ohne ins Detail zu gehen: Unser Vier-Personen-Haushalt liegt deutlich unter diesem Wert.

Preisentwicklung für Trinkwasser
Kommen wir nun zu den Preisen für das Leipziger Trinkwasser: Wie haben sich die Tarife für das Monopolgut seit 2015 entwickelt? Hier muss man zwischen drei Berechnungskomponenten unterscheiden – dem Preis je m³, dem Basispreis sowie dem Bereitstellungspreis. Das sind drei Stellschrauben – und an diesen hat die Kommune gewaltig gedreht: Zwischen 45,8% und 56,5% wurden die Gebühren binnen elf Jahren erhöht.

Preisentwicklung für Schmutzwasser
Im Alltag geht so einiges Wasser verloren: Es wird getrunken, lässt Nudeln aufquellen, landet im Blumentopf oder im Vorgarten. Da man das nicht belegen kann, gehen die Wasserwerke davon aus, dass jeder Liter entnommenes Trinkwasser als Abwasser wieder in der Kanalisation landet – in den Rechnungen lautet der Fachbegriff dafür „Schmutzwasser“. Und auch hier finden sich der Mengenpreis je m³, der Basispreis sowie der Bereitstellungspreis. In Leipzig stiegen diese Gebühren von 2015 bis 2026 um zwischen 70,6% und 103,7% – was in der Spitze einer Verdoppelung entspricht.

Das verbrauchte Trinkwasser und das Schmutzwasser sind lediglich zwei Säulen der Abrechnung. Hinzu kommt der Wettereffekt in Form von Regenwasser, das ebenfalls in die Kanalisation fließt. Auch hier hat unsere Kommune mit einer Erhöhung von 46,0% einen kräftigen Schluck aus der Gebührenpulle genommen.

An obiger Grafik kann man ablesen, dass unsere Gebühren für das Niederschlagswasser zwischenzeitlich sogar gesenkt wurden (siehe graue „netto“-Linie). Dahinter steckt ein mathematischer Kniff: Als Ausgleich für den (optisch) gesenkten Preis je Quadratmeter wurde gleichzeitig die angenommene Regenmenge angehoben. Bereinigt man nun diesen künstlich reduzierten Preis um die parallel erhöhte Niederschlagsmenge, zeigen sich die tatsächlichen Kosten für den Haushalt (siehe rote „real“-Linie).
Während also die Gebühren je m³ Regenwasser innerhalb der elf Jahre „nur“ um 46,0% gestiegen sind, erhöhten sich die realen Kosten um 77,9%. Interessant ist, dass die in Rechnung gestellte steigende Niederschlagsmenge dem als Folge des sogenannten Klimawandels politisch behaupteten Mangel widerspricht. Aber vermutlich hat das eine (abgerechnetes Volumen) mit dem anderen (zunehmende Trockenheit) nichts zu tun.
Zusammenfassung
Wer über die Wohnkosten in Deutschland sprechen will, darf dabei die Nebenkosten nicht ausklammern. Hier liegen Monopolpreise vor, also ein „Tauschwert, den ein Monopolist aufgrund seiner Marktstellung (ohne aktuelle Konkurrenz) erzielen kann.“ [II] Da in der Regel kein zweiter Dienstleister in einem Ort Leitungen für Wasser und Abwasser installieren und unterhalten wird, sprechen die Fachleute von einem „natürlichen Monopol“. [III]
Üblicherweise vermutet der Wirtschaftsexperte dann, dass die Durchschnittskosten langfristig abnehmen, weil „ein einziges Unternehmen das Gut kostengünstiger herstellen kann als jede andere Anbieterzahl“. Nicht berücksichtigt wird in diesem Gedanken jedoch, wie dringend die hochverschuldeten Gemeinden Einnahmen benötigen. Und so wird für das lebensnotwendige Wasser Jahr für Jahr an der Gebührenschraube gedreht.
Bei dem vom Umweltbundesamt ermittelten Durchschnittsverbrauch von 40,19 m³ je Person hätten die Leipziger Wasserwerke für einen Vier-Personen-Haushalt zum April 2015 insgesamt 798,87 Euro für Trink-, Schmutz- und Niederschlagswasser berechnet. Elf Jahre später würde sich die Summe bereits auf 1.286,20 Euro belaufen. Eine Kostensteigerung um 61% – ohne, dass sich die erbrachte Leistung geändert hätte.

[I] https://www.umweltbundesamt.de/daten/private-haushalte-konsum/wohnen/wassernutzung-privater-haushalte#direkte-und-indirekte-wassernutzung
[II] https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/monopolpreis-41167
[III] https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/natuerliches-monopol-39365
Basis für die Werte der Grafiken sind die jährlichen Gebührenbescheide der Wasserwerke an den Autor.
Abgerechnet wird immer der Zeitraum vom 1. Mai bis zum 30. April des Folgejahres, die Gebühren werden jedoch zum 1. Januar erhöht. Damit ist klar, dass nach der Erhöhung vom 1. Januar 2026 für den kommenden Abrechnungszeitraum erneut steigende Kosten zu erwarten sind.
Christoph Sanders, Thalheim

Bis 13 Uhr ist es am Samstag auf dem Rad ganz erträglich. Ich bin mit dem langen Mannheimer auf Westerwaldtour. Die Sonne drückt bei 35 Grad plus. Im Nistertal rettet uns eine kleine, gut geführte Tankstelle, von der ich wusste, dass sie hervorragende Frikadellen und Getränke anbietet – zwei Dosen Karamalz und die Lebensgeister kommen zurück. Zwischen Saintal und Wied rasen wir nach Flammersfeld, wo wir es gerade noch zur mobilen Metzgerei und Bäckerei schaffen, bevor diese schließen. Wir essen wundervolle Mettwurst im Brot; die Tankstelle daneben sorgt für kühlen Sprudel. An den Schokoladenpreisen erkennt man die Kaufkraft: Ein Euro Unterschied vom Flyover-Land zur Mainebene, wo eine Ritter-Sport 3,50 Euro kosten darf. Weiter geht es nach Norden Richtung Sieg, wo die Wasserpunkte seltener werden – immerhin wird man noch auf einigen Friedhöfen fündig. Auf einem dieser beobachten wir einen Mann, der ein Grabkreuz ersetzt. Er erzählt, dass er aus dem Nachbarort kommt und in der Gegend Metalldiebe unterwegs sind – abgelegene Ruhestäten sind perfekte Ziele; vor allem Bronze wird geklaut. Mit den vor Ort hängenden Kannen übergießen wir unsere Kappen und ziehen durch immer stillere Täler weiter nach Sieg. Zehn Kilometer vor der Haustür zum Abschluss ein kaltes alkoholfreies Pils in einer weiteren kleinen privaten Dorftankstelle, die außerdem Poststation und Autowerkstatt ist. Es herrscht hier eine völlig andere Atmosphäre als in den Tankabfertigungsanlagen der Speckgürtel und Großstädte. Bei meiner Runde ums Haus sehe ich, dass gleich nach dem Gewitter am Freitag zwei Türkentauben geschlüpft sind.

Am Sonntag absolute Ruhe mit kühlen Getränke im Halbschatten und Vitaminen aus dem duftenden Garten. Heute wird meine ältestee Tochter vierundzwanzig Jahre alt. Ich kann mich noch ganz genau an die Berliner Hitzewelle im Sommer ihrer Geburt erinnern – mit Gaze überspannten wir jungen Eltern ihren Kinderwagen, in dem sie schlief und schlief und schlief. Unsere Kinder sind am Vormittag Schwimmen, danach geht es zum Reitplatz, wobei sich der Sohn ausklingt und bei mir im Haus bleibt. Kleines Küchenballett und Wäschesortierungen, die, wie mir scheint, niemals aufhören. Ausgedehnter Mittagsschlaf in der Schwüle. Später Gewitterwolken ohne Gewitter, trotzdem angenehme Abkühlung. Die Wiesen und alles andere wachsen wie wild – besseres Agrarwetter gibt es kaum. Nach einer weiteren schwachen belgischen Vorrundenpartie zu Bett.

Montags als Gegenkraft zum Feuerdom aus dem Süden Nordwest-Nordostwind. Fette Quellwolken. Dadurch auch 31 Grad auf dem Rad erträglich. Im Haus orgeln die Waschmaschinen – bis zu unserer Abfahrt Richtung Berlin morgen Abend ist alles trocken geweht. Gegen 18:30 Uhr die Tochter von der sich hinziehernden Fahrschule abgeholt. Sie sagt, was für ein Witz dagegen die lediglich zwanzig Pflichtstunden am Steuer ihrer Austauschfreunde in Le Mans seien.

Nach einer klaren Nacht am Dienstag um kurz nach sieben bereits hemmungslos sonnig. Mild; der Giersch ist taufeucht. In der Wiese tiefe Mähschneisen; das Gras wächst kaum nach – im Gegensatz zu Walderdbeeren, die mein persönliches Nahrungsergänzungsmittel sind. Was ich am Vorabend vom Vorrundenspiel Österreich gegen Argentininien mitbekam, war taktisch zäh. Der Weltmeister hat Glück, dass Messi immer noch den Unterschied macht (anders als de Bruyne oder Ronaldo). Keine Urlaubsfliegerstreifen zu sehen.

Der Montag noch einmal wolkenverhangen, schauerig und windig. Ab Dienstag langsam wärmer und trocken, ab Donnerstag heiß mit Temperaturen über 30 Grad. Alle um mich herum stöhnen, sogar mein indischer Tischtennismitspieler – dabei ist er aus seiner Heimat 40 Grad gewohnt, hat sich aber in den vier Jahren, die er in Berlin arbeitet, akklimatisiert, wie er erzählt. Ich mache das, was ich am Bosporus und am Nil den Einheimischen abgeschaut habe: trinke viel warmen Tee, benutze die Schattenseite der Wege und trage weite Baumwoll- und Linnenkleidung. Ein breitkrempiger Billigfake-Panamahut, ein einseitig silberbeschichteter Thermovorhang, ein Satinbettbezug ohne Bettdecke und leichte Speisen ergänzen das Ganze, sodass ich keinerlei Grund zu Hochsommerklagen habe.

Da ich am Dienstagvormittag einen alten mecklenburger Freund erwarte, der mich bis Donnerstag besucht, gehe ich nicht die lange Schlachtenseerunde, sondern schreite unweit der S-Bahnstation am Südufer ins Wasser. Tiefenentspannte Stockentenbeobachtungen. Der ICE aus Sachsen ist halbwegs pünktlich; gemeinsames Mittag und dann zum Tischtennis, wo mein Gast sogleich an der anderen Platte integriert wird. Nach dem Abendbrot die erste Halbzeit von Senegal gegen Frankreich, zu mehr reicht es nicht – müde zu Bett.

Am Mittwochmorgen zeige ich meinem Besuch die Rehwiese und den Teil des Schlachtensees, in dem ich meist unterwegs bin. Die Blässhuhnfamilie ist nun wieder vollzählig versammelt. Während wir schwimmen, kommt das alte Umweltschützerpärchen in die Bucht. Sie berichten vom Fortschreiten der Erosionsschutzmaßnahmen am Südufer, mit denen sie so gar nicht zufrieden sind: Von den 1,7 Millionen Euro, die das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf aus dem Bundesprogramm „Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel“ für Umgestaltungen an der Krummen Lanke und am Schlachtensee erhielt, soll ein Großteil in die Planung und Koordination geflossen sein. Die Schichtholzhecken sind teilweise falsch ausgerichtet; verbindende Hecken zwischen den einzelnen Abschnitten fehlen. Man merke, so die beiden, dass dort Leute am Werk sind, die den Park nicht gut kennen – im Gegensatz zum Forstamt, das für die Nordseite verantwortlich ist, aber wegen anderer Zuständigkeiten keinen Cent für die Ufersicherung erhält. Wir sind uns einig, dass ein Förster die Gehölze und Böden im Zweifelsfall besser kennt als sonst jemand; die Aufteilung der Ufer auf zwei Ämter ist völlig unsinnig.

Vom See fahren wir mit der S7 Richtung Museumsinsel, wo wir uns in der Alten Nationalgalerie „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ anschauen. Ich sehe die Ausstellung bereits zum zweiten Mal und bin wieder von vielen Bildern angetan; auch mein Besucher findet an den Liebermanns, Cézannes, Munchs, Slevogts, Manets, Monets, Barlachs, van Goghs und Renoirs Gefallen – dass deren Werke einst umstritten waren, als „entartete Kleckerei“ galten und von konservativen Politikern wie Kaiser Wilhelm II. abgelehnt wurden, mutet aus heutiger Sicht ziemlich bizarr an. Bei Corinths „Bildnis des Peter Hille“ müssen wir an russische Maler denken.

Da die von uns eingeplante Hatha-Yoga-Stunde ausfällt, gehen wir spontan ins Bistro meines Biomarktes, wo wir bei Kuchen, Kaffee und Tee versuchen, die Weltlage zu sortieren – teilweise bleibt sie verworren. Anschließend kaufen wir für das Abendbrot ein. Ich gebe der jungen Kassiererin passend Kleingeld und mache dabei die launige Bemerkung: „Ich hab extra das Sparschwein geschlachtet!“, woraufhin sie entgegnet: „Das von den Kindern!“ Ich lache, sage aber nach zwei Sekunden: „Scheiße, sowas gibts garantiert. Das ist ja eigentlich nicht lustig.“ Sie: „Ja, meine Mutter hat das so gemacht, vor allem am Monatsende.“ Und auf einmal sind wir mittendrin in dem Teil der Alltagsrealität, über den keiner gern spricht. Gut so.

Am Abend sehen wir über Beamer Portugal gegen DR Kongo – ein Spiel für Fußballfeinschmecker. Obwohl die Europäer bereits in der sechsten Minute führen, bleiben die von ihrem französischen Trainer Sébastien Desabre hervorragend eingestellten Afrikaner bei ihrem Matchplan und bauen vor ihrem Strafraum einen Fünferabwehrblock und davor wiederum einen Viererblock auf, die sie je nach Bedarf verschieben; gelegentliche Offensivaktionen sorgen für kurzzeitige Entlastung. Mit dieser Taktik kommt der FIFA-Weltranglistenfünfte überhaupt nicht klar. In der Nachspielzeit der Nachspielzeit der ersten Halbzeit fällt dann sogar der Ausgleich! Es ist das erste WM-Tor der Kongolesen überhaupt – 1974 (damals noch als Zaire) blieben sie ohne Treffer. Die Freude ist dementsprechend groß. In der zweiten Hälfte (bzw. im dritten und vierten Viertel, wie es wegen der Gierunterbrechung „Hydration Break“ korrekt heißen müsste) wird die Partie etwas offener. Die Spieler der DRC, die in den ersten und zweiten europäischen Ligen sowie in Kairo und Abu Dhabi ihr Geld verdienen, bringen das 1:1 mit unfassbarer Disziplin und dem Herz in der Hand über die Zeit. Mein Besucher, der im Kinder- und Jugendbereich ehrenamtlicher Trainer ist, und ich sind begeistert – vor allem von Coach Desabre. Es ist schön, wenn ein Plan aufgeht.

Am Donnerstag ein langes Frühstück mit Klönschnack – und dann auch schon die Verabschiedung des alten Freundes; ich hoffe, er hatte eine angenehme Zeit in der Hauptstadt. Mein Tag geht gut weiter: Bei meiner Seerunde schwimme ich erstmals neben zwei Graugänsen und unterhalte mich am Nachmittag mit einer prekär lebenden Mitspielerin in einer Tischtennispause über neoliberale Entgleisungen, von denen sie als ausgebeutete Betreuerin von Pflegefällen unmittelbar betroffen ist. Wir kommen auf Selfscanner-Kassen zu sprechen, die ich strikt boykottiere, da Maschinen im Gegensatz zu menschlichen Kassierern weder in die Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- noch Rentenversicherung einzahlen. Darauf wirft sie ein, dass man als Armer an Automatenkassen sehr gut klauen könne – ein Aspekt, den ich bislang nicht bedacht hatte. (Wenn man das alles komplett zu Ende denkt, dreht man durch.)

Am frühen Freitagmorgen mache ich unter einem kongotrikotblauen Himmel das, was mich wie wenig sonst umgehend in den Zustand kontemplativer Trance versetzt: Ich schaue den Uferschwalben zu. Es kommt mir so vor, als ob deren für mich nicht vorauszusehenden Richtungswechsel und ihr Tempo die allgemein zunehmenden Geschwindigkeiten und Abruptheiten des Lebens neutralisieren.

Ein paar Kilometer weiter sehe ich auf dem Schildkrötenbaum eine junge Frau, Typus Tank Girl und Lisbeth Salander, die, als ob sie panthergleich nach vorn schnellen möchte, auf dem ufernahen Ende des Stamms kauert. Sie springt dann aber nicht, sondern bewegt sich, die Arme und Beine durchdrückend, wie in Zeitlupe nach vorn. Da ich mir wie ein Voyeur vorkomme, setze ich meinen Weg fort.

Am frühen Samstagmorgen zwischen den Bäumen des nördlichen Schlachtenseeuferhangs fantastisches Licht. Auf der Buchtbank erklärt eine Mitschwimmerin den auch von mir beobachteten Überschuss an Stockerpeln mit der Paarung der Weibchen mit Mandarinentenmännchen. Der daraus erwachsende Nachwuchs trägt Merkmale beider Arten – ich muss viel genauer hinschauen!

Vom Baden geht es direkt weiter Richtung altes Grenzgebiet am Potsdamer Platz, wo ich mir im Gropius Bau Marina Abramović’ „Balkan Erotic Epic“ sowie Gabriele Stötzers „Dabei sein und nicht schweigen“ anschaue. Beides sind extrem starke Künstlerinnen, die ihre Anfangsenergie aus den Reibungen mit ihren sozialistischen Heimatländern SFR Jugoslawien bzw. der DDR gewannen und daraus jeweils einen unverwechselbaren Stil entwickelten. Auf Stötzer (die damals noch als Gabriele Kachold veröffentlichte) stieß ich in der Wendezeit durch ihr Buch „zügel los“, mit dem sie mich auf verstörende Weise in ihre Knasttexte, Frauentexte, Körpertexte zog – seitdem verfolge ich, was sie macht. Während der Coronajahre, die mich hierzulande mit ihrer staatlichen Übergriffigkeit, Willkür und einer normativen Sprache, die einforderte, dass sich das Individuum dem Kollektiv unterzuordnen habe, auf ungute Weise an die DDR erinnerten, las ich sie noch einmal und fühlte mich erneut und auf andere Weise berührt. Die Ausstellungseindrücke müssen nun sacken und durch ein paar dort gekaufte Bücher vertieft werden.

Über Gabriele Kachold-Stötzer: https://www.bundesarchiv.de/assets/bundesarchiv/de/Publikationen/dh_05_eingeschraenkte-freiheit_barrierefrei_reduziert.pdf

Stötzers Ausstellung: https://www.berlinerfestspiele.de/gropius-bau/programm/2026/ausstellungen/gabriele-stoetzer
Christoph Sanders, Thalheim
Am Dienstagmorgen, ruhiges, kühles Wetter, um die 11 Grad Celsius. Unsere Kinder vor sieben im Nachbardorf am Bahnhof abgesetzt. Bis ich mit dem Wagen wieder auf die Hauptstraße biegen konnte, zog über mehrere Minuten eine lückenlose Kolonne von privaten Kraftwagen, Kleinbussen, Handwerkerwagen, Baustellenlastern, Sattelschleppern und einem schwarzen Porsche an mir vorüber. Eine kleine Lücke ermöglichte die Rückkehr in unseren würzig duftenden Garten. Der Buntspecht, der am Vortag gegen die Mauer geprallt war und den wir vorsichtig ins ehemalige Hasengehege gesetzt hatten, ist verschwunden. Wir vermuteten eine schwere Kopferschütterung, vielleicht auch einen angeknacksten Flügel – aber er lebte. Und jetzt ist er nicht mehr da – die Jüngste meint, dass ihn trotz des Zauns und seiner Größe die norwegische Waldkatze geholt hat. Wer weiß.

Die Schlagzeilen des Tages zeigen, dass man in Deutschland so langsam in die Sommerthemen gleitet. Transferspekulationen von Fußballvereinen geben dem allfälligen WM-Thema noch ein wenig mehr Raum. Ein von Künstlicher Intelligenz erstellter Artikel „aus der Hand“ eines Ministerpräsidenten wird zurückgezogen – das Neuwort dafür heißt depubliziert. Ein von einem Volksvertreterbüro gefakter KI-Text inklusive halluzinierter Zitate ist an Selbstbeschädigung und Lächerlichkeit schwer zu übertreffen. Die angekündigte Hitzewelle ist ein gutes Alarmthema – man diskutiert, wie knapp der Badeanzug sein darf. Das Renteneintrittsalter, die kommende Finanzlücke der Krankenkassen, der genaue Zweck von fantastillardenschweren Rüstungsprojekten und die Freibeträge, ab denen Kinder für die Pflege ihrer Eltern aufkommen müssen, also die größten politischen Baustellen seit der Wiedervereinigung, werden wie Pop-up-Radwege behandelt. Ebola ist aus den Nachrichten verschwunden.

Auf unseren Feldern reifet das Korn, die Gerste ist schon gelb, alles duftet intensiv – was für ein Wunder! Einer der längsten Tage des Jahres – die Schwalben jagen bis 22 Uhr um das Haus. Wir sehen Frankreich gegen Senegal ohne Ton – man kennt den Sound ja zu Genüge. Während des Spiels fällt mir ein, dass ich ein knallgrünes Sweatshirt mit Senegal-Flagge besitze – ich schiebe es der Tochter zum Hochladen auf der Second-Hand-Plattform vinted.de rüber.

Die Laubsäger begrüßen den Mittwoch. Ein schwül-warmer Tag mit leichtem Nordwestwind und Luftmassen auf Kollisionskurs – die verkündete Hitzewelle bleibt aus. Tolles Licht. Die Heumacher geben Gas. Im Rewe entdecke ich ein Regal mit russischen Spezialitäten, die Verpackungen sind zum Teil kyrillisch beschriftet. Unser Erasmus-Schüler-Austausch ist aufgrund einer Endometriose vorzeitig beendet. Die Vierzehnjährige aus Heerenveen wurde nach nur einem Tag wieder abgeholt – die korrekte Schreibweise ihres Namens entnahm ich der Unterarmtätowierung des Vaters. Wir tragen es mit Fassung, man hat sich ja kaum kennengelernt. Abends England gegen Kroatien. Während der sogenannten Trinkpause sind deutlich wütende Zuschauerproteste zu hören. Dank Tuchel spielt England den englischsten Fußball seit langem. Die erste Halbzeit ist ein Genuss, ich bin aber zu müde, also gibt es morgens den Rest re-live in der Mediathek (minus Hydration Break). Die Zeit des Linear-Fernsehens ist vorüber – nur den Anpfiff kann man nicht verstellen.

Als ich am Donnerstag gegen 4:30 Uhr eine vergessene Mülltonne herausschiebe, sehe ich ein letztes Wölkchen; nun kommt die Hitze – das Haus ist abgeschattet, die Lüftungsluken sind noch geöffnet. Meine Kleinste ist mit ein paar Holländern unterwegs, die zur Burg Nassau hinauf ordentlich geschnauft hätten, wie sie berichtet. Oben erwartete sie der weitverzweigte Stammbaum des Hauses Oranien. Im Sommer sieht man viele Niederländer an die Lahn reisen; ulkig, wie eine aus langem Bürgerkrieg entstandene Republik an die Ursprungsstätten ihres importierten Herrschergeschlechts pilgert.
Ich fahre einen anderen Berg hinauf – und im Sausewind hinunter, so bleibt die frische Milch kühl. Meine Rückenschmerzen sind weg und die alte Form wieder zurück. Da ich mit dem Mannheimer für Samstag eine längere Tour geplant habe, schone ich aber meine Kräfte. Aus Moabit trifft ein Päckchen ein. Mein Sohn macht sich sofort über die Panini-Bildchen her – er liebt die statistischen Angaben. Für mich ein Musiksegen und Jüngers „Der Arbeiter“.

Ein guter Freitagmorgen in einer ordentlichen und berechenbaren Welt, in der die Sonne immer früher aufgeht. Es ist schwülwarm, aber noch fließt kühle Luft durch das Haus – gegen zehn werden die Schotten dicht gemacht. Da das Gras nach wie vor feucht ist, werfe ich den Mäher an und schneide es auf zehn, zwölf Zentimeter. Bis um neun sind erste Wäschen und alles andere, was schweißtreibend ist, erledigt – mit Ausnahme meiner späteren Radrunde, von der ich ein Kilo Cornichons mitbringe. Wieder zu Hause lege ich Curtis Mayfields „Roots“ aus dem Moabiter Päckchen in den CD-Player – ein interessantes Album, auf dem Soul und Soundexperimente mit politischen Botschaften verknüpft wurden. Die Teilnehmer des Taunus-Bikepacking-Rennens sind gerade auf den letzten 150 von insgesamt eintausend Kilometern unterwegs. Es wird ihr härtester Tag – „Hitze zieht Körner“, wie der Velocipedist sagt. Der Geselle aus meinem Radladen hat mit 50/50 eines der entspanntesten Verhältnisse von Fahren zu Ruhe – man kann ja alle Daten tracken. Mithilfe dieser Technik kontrolliert der Veranstalter auch, ob Fahrer auf verbotene Straßen ausweichen – das Rennen findet fast nur auf Wald- und Feldwegen statt; nichts für mich, aber da gibt es Fans.

Lautstarke Diskussionen mit meinen Kindern, ob der Autoschrauber Simon Fordman seine YouTube-Videos nicht von jemand anderem schneiden lässt. Das sei so üblich und von seinen Einnahmen auch problemlos möglich. Ich ging davon aus, dass er alles selbst macht, aber die Kids erklären mir, dass man für wenig Geld einen Cutter buchen könne und der nicht erwähnt werden müsse. Ich stelle fest, dass die Regeln der digitalen Ökonomie noch immer nicht in mein Gehirn eingedrungen sind – was sie allmählich sollten; schon vor Jahren fragte Tom Hodgkinson: „What Has Silicon Valley Ever Done for Us?“ Bis zum Abend schwüle Hitze, die ich gut vertrage, dann Gewitterwolken und zarte Schauer. Wir werden vom Niederschlag nur gestreift, aber es reicht, um die Nacht erträglich zu gestalten.

Interview mit Tom Hodkinson: www.youtube.com/watch?v=SfoBahCi67s
Hodkinsons Stück „What Has Silicon Valley Ever Done for Us?“: https://www.idler.co.uk/article/what-has-silicon-valley-ever-done-for-us/
„Tom: ‚Silicon Valley hat uns ausgeblutet, diese Mistkerle. Sie haben uns alles genommen, was uns lieb und teuer war. Sie haben Zeitungen, das Briefeschreiben per Hand, unsere Kindheit, das Einkommen von Musikern, die psychische Gesundheit von Teenagern, den Journalismus, Tagebücher, Landkarten, die Tagträumerei zerstört … und wurden dabei reich – und was haben sie uns im Gegenzug gegeben?‘ Gav: ‚Das Smartphone?‘“
Gregor Dill, Moabit
Meine Nacht ist von einem innerlichen Grummeln geprägt. Weil sich das Verdauungssystem meldet und darüber beschwert, was ich doch gestern Abend noch für „Tolles“ gegessen habe, werde ich bereits um 3:30 Uhr wach. Flau und rumpelig geht es in mir zu – eben grummelig, was tatsächlich die beste Umschreibung dafür ist; ich bin mir sicher, der eine oder andere findet ähnliche Worte dafür.
Ich spüre, wie sich im Magen Unwohlsein breitmacht. Auch rund um die Nabelgegend – wohlwissend, dass der Darm sie umgibt – ist alles nervös. Selbst Aufstoßen verhilft nur zu wenig Besserung. Ich wälze mich umher, drehe mich andersherum, decke mich ab und stehe sogar auf, um das Fenster zu öffnen – nichts hilft. Meine Frau, aktuell eher seicht schlafend, bekommt mit, dass ich unruhig bin. Ich hatte ein im Kühlschrank wartendes Bananen-Himbeer-Gedicht gegessen, das vor ein paar Tagen geschrieben war. Es hat gestern noch gut geschmeckt, doch frisch und fein war es wohl nicht mehr.

Vielleicht könnte mir Heilerde helfen? Die haben wir irgendwo im Schrank vergraben, doch auf meiner frühmorgendlichen Suche mit viel zu kleinen Augen und einem typisch männlichen Blick für Dinge kann ich sie einfach nicht ausfindig machen. Später am Tag werde ich diese Unkenntnis durch das Auffinden beenden, aber nicht jetzt. Also horche ich in mich hinein und gehe zum Gewürzregal. Ich mag die Kraft und Vielfalt, die in Gewürzen steckt, weshalb unser Repertoire eher großzügig ist. Ich greife zu Kardamom und Anis. Ein paar Gramm landen auf meiner Hand und von dort im Mund. Ich kaue sie langsam.

Ich gehe wieder ins Bett. So richtig einschlafen kann ich nicht mehr – immer noch grummelt es in mir. Doch das Gefühl ändert sich. Ich spüre, wie die Gewürzmedikation sich langsam die Speiseröhre hinab arbeitet und im Magen ankommt. Sanft und irrwitzig macht sich Kühle, leichte Kälte, breit. Das Gefühl der Besserung stellt sich ein und folgt dem Verdauungstrakt; Stück für Stück bewegt es sich durch den Körper und legt sich an die Innenseiten der Schleimhäute. Das beruhigt mich so sehr, dass ich doch zurück in den Schlaf finde und vor mich hin träume. Es ist enorm, was die ätherischen Öle und Pflanzenstoffe für eine Wirkung entfalten. Es war eine gute Wahl.

Kurz nach fünf. Die Sonne über den Wolken ist bereits hell genug, um den Tagesstart zu verkünden. Ich richte mich auf und hüpfe in die Klamotten. Heute ist ein wichtiger Tag für unsere Tochter, die ihr Sommerabschiedsfest aus dem Klassenverband feiert. Außerdem hält die Arbeit einen aufregenden Wasserschaden über drei Etagen parat, der kompliziert zu beheben ist. Ich muss jetzt für Präsente, Kühlung, Werkzeuge und einen Plan sorgen. Die Bereitstellung läuft präzise und schnell ab, aber auch hier steckt etwas Grummeliges drin. Ich verlade alles in das Auto und gehe zu meiner Morgenbank. Auf ihr liegend blicke ich gen Himmel und sehe einmal mehr tolle Wolkenformationen. Und die Farben! Ich liebe die vielen Facetten an Blautönen, die mit viel Grau und ein wenig ganz hellem Weiß zu Wattebällchen mit filigran ausgefransten Rändern zusammengebauscht sind.

Und wieder grummelt es! Diesmal neben mir auf einer der Bänke. Von einer aus meiner Perspektive einsamen Seele, die tief und fest schläft, dringen sonore, leicht schnarchende Laute zu mir herüber. Ein Zeichen von tiefer Müdigkeit, Erschöpfung und Energietankens für ein neues Abenteuer am folgenden Tag. Und ein Zeichen des Vertrauens. Es war eine warme und milde Nacht. Wir erwarten in den nächsten Tagen hochsommerliche Temperaturen. Da macht Draußenschlafen auch ohne Schlafsack oder anderen Schutz Spaß; ein fester Unterschlupf ist nicht immer notwendig.

Ein weiteres Grummeln zieht an mir vorbei: Ein langer blauer Zug, der Richtung Tschechien unterwegs ist, schleicht sich in den Hauptbahnhof ein. Die Bahngleisstöße bringen einen tiefen, sanften, für die Ohren angenehmen Ton hervor. Dem Morgen angemessen.
Frank Schott, Leipzig
Der Montag beginnt mit einer guten Nachricht für unsere beiden Kater, die seit drei Tagen Hausarrest haben: Sie dürfen wieder hinaus ins Freie – zumindest ab elf Uhr. Warum erst so spät? Meine Frau hat gelesen, dass Vögel am frühen Morgen intensiv Brutpflege betreiben und sich bei der Nahrungssuche viel am Boden aufhalten und so zur leichten Beute werden. Bis um elf ist der Nachwuchs versorgt und die Altvögel sind wieder aufmerksamer für Gefahren.
Dass das Gartenverbot endet, wird auch Zeit: Bereits gegen vier Uhr randalierten die nicht ausgelasteten Kater im Haus und forderten Gesellschaft ein. Der Getigerte jagte seinen schwarz-weißen Bruder so durch die Küche, dass Geschirr zu Bruch ging.

Als wir endlich die Tür zum Garten öffnen, stürmen sie heraus – und machen was als erstes? Sie suchen die jungen Amseln. Aber deren Eltern haben einen Plan: Zu zweit und mit Verstärkung durch eine dritte Amsel stürzen sie sich auf den Getigerten und picken nach ihm, sodass er kleinlaut flieht. Wie ein Hürdenspringer habe er mit großen Sätzen drei Gartenzäune genommen, berichtet meine Frau.
Ich nutze den kühlen Tag zum Joggen – elf Kilometer in unter 60 Minuten, das kann sich sehen lassen. Weil ich am Abend beim Fußballtraining mit den Kids weitere Kilometer abspulen werde, reicht mir heute die kleine Runde.

Am Nachmittag gehe ich zum wöchentlichen Treffen unserer Therapiegruppe. Eines der Themen sind Orte, an denen man einmal gelebt hat. Die Einschätzungen: Frankfurt am Main: hektisch, die Menschen aggressiv. Darmstadt: alle überheblich. Oberbayern: schlimmer Dialekt, man versteht die Leute nicht. Berlin: schmutzig. Auch Leipzig kriegt sein Fett weg. Heimat ist, wo wir uns wohlfühlen.
Dann sprechen wir über Vereinsamung. Auch wenn ein Leben mit Kindern kein einfaches ist, so bietet doch deren Aufwachsen viele Berührungspunkte mit anderen, sage ich – vom Kindergarten über die Schule bis hin zu Vereinssport. Von den neun, die heute da sind, haben drei Nachwuchs, soweit ich weiß. Einer der Kinderlosen überlegt, sich einen Hund anzuschaffen- dann müsse er mal raus und würde zwangsläufig jemanden kennenlernen. Ich empfehle die Freiwilligen-Agentur, wo Initiativen und Vereine nach Ehrenamtlern suchen: „Viel Geld, wenn überhaupt, gibt es nicht. Aber man kommt unter Leute.“ Und dann ergänze ich: „Übrigens sucht mein Verein noch händeringend Trainer. Falls jemand Lust hat…“

Am späten Dienstagmorgen gehe ich die drei Kilometer von uns bis zum Hauptbahnhof. Ich liebe die Stadt in der Zeitspanne, wenn die zur Arbeit oder Schule hastenden Pendler und Kinder durch sind, die Geschäfte aber noch geschlossen haben. Die Freisitze der Cafés und Restaurants sind leer, die Stühle und Tische zusammengestellt und mit Schlössern und Ketten vor Diebstahl geschützt. Vereinzelt hängen WM-Utensilien an Läden und Lokalen, eine flächendeckende Bestückung mit Fahnen und Wimpeln wie zur Weltmeisterschaft 2006 ist nicht zu sehen. Lieferwagen dominieren die Innenstadt.

Dann bin ich am Bahnhof. Ich fahre nach Berlin, wo ich einen Freund besuchen werde. Mein Zug hat selbstverständlich Verspätung. Ich plausche mit einem Leidensgenossen – ein waschechter Leipziger inklusive Dialekt. Dessen Abfahrt würde sich nicht nur verzögern, sondern zudem der Halt am Umsteigebahnhof entfallen. Da seine Zugbindung aufgehoben ist, steigt er mit in meinen ICE, sodass wir unser nettes Gespräch fortsetzen können. Er diente zur gleichen Zeit wie ich in der NVA, wurde im Gegensatz zu mir aber erst mit fünfundzwanzig Jahren eingezogen – interessant.

Ankunft Berlin: Eine große, laute, schmutzige, aber auch charmante und überraschend grüne Stadt.

Wie die Tage zuvor beginnt auch der Samstag mit fantastischen Wolkenbildern. Das Kopfsteinpflaster neben dem Rehwiesengraben glänzt regenfeucht in der Sonne. Am Uferweg des Schlachtensees finden sich immer wieder Stellen, an denen Wildschweine die Erde durchwühlt haben. Als ich in meiner Stammbucht in das Wasser gehe, umschwimmt ein Jungfischschwarm meine Füße und Beine.

Auf dem Rückweg sehe ich nach wochenlanger Pause wieder einen Kormoran – der sitzt mit einem Reiher auf dem Schildkrötenbaum. In der S-Bahn-Unterführung in Nikolassee höre ich lautes Gewieher – man merkt, dass es menschengemacht ist. Nachdem ich die Treppe hochgestiegen bin, sehe ich den Anlass dafür: Am westlichen Tor hängt ein Steckenpferd. Ich bin froh, dass man in Berlin nur einen Bruchteil der Vorgeschichten bizarrer Ereignisse mitbekommt. Auf einem Plakat des Müttergenesungswerks steht: „Mütter auf die eins!“ Das gefällt mir. Zum Mittagsnachtisch koche ich Grießbrei, den ich mit Blaubeeren, Rosinen und einem sauren Apfel verfeinere.

Sonntagmorgen um halb sechs treffen in der Ringbahn Durchmacher auf Frühaufsteher. Neben mir vier junge Leute Anfang zwanzig – zwei Mädchen sowie zwei Jungen, die sich gerade kennenlernen. Sie kommen jeweils aus einem Club und vergleichen ihre Eindrücke, auch von anderen Lokalitäten. Alle vier sagen, dass sie betrunken sind, was man ihnen nicht anmerkt; einer hat ein Bier in der Hand und meint, dass er Keta und noch irgendetwas geballert hat, das ich aber nicht kenne. Die Mädchen auch nicht. Die leben in Magdeburg und sind nur für das Wochenende in Berlin. Der andere Junge versucht sächsisch zu sprechen, merkt aber, dass das ja gar nicht passt. Er fragt, ob es in Magdeburg auch einen Dialekt gibt. „Ja, das Bördeplatt.“ Der, der das Ketamin genommen hat, erzählt, dass er gerade ein Praktikum auf einem Dorf macht, um den dortigen Friedhof als soziales Zentrum des Ortes zu erforschen: „Wenn die nicht die kleine Kirche, die Orgel, den Chor und ihre Kuchentafeln hätten, wär da nichts los.“ Eines der Mädchen fragt: „Krass! Gehen da auch junge Leute hin?“ – „Nein, junge Leute leben da nicht mehr, nur ganz alte.“ Die Mädchen müssen in Westend aussteigen – unspektakuläre, nette Verabschiedung. Die Jungs machen ein Phone an und spielen einen selbstproduzierten Hip-Hop-Track ab, auf den sie abwechselnd rappen und sich dabei korrigieren. Der Song gefällt mir. Mich interessiert, ob das echte Streichersamples sind oder ob man so etwas heutzutage mit KI-Tools zusammenbastelt – aber das Letzte, was druffe Rapper im Morgengrauen brauchen, sind Dinos, die sie in der Bahn zutexten. Ich steige am Westkreuz aus – und höre gerade noch, wie sie beschließen, dass sie jetzt Döner essen gehen.

Kurz nach sieben am Schlachtensee fast scherenschnittartig harte Licht- und Schattenkontraste. Richtung Westen schwimme ich gegen kleine Wellen an, dazu leichter Regen und Schwalben – so mag ich’s.

Nachdem die Türken nach der Niederlage gegen Australien in ihren Morgenkava weinen mussten, geht der moabiter Fußballtag um 14 Uhr weiter: Letzter Spieltag der Herren-Landesliga, Staffel 2. Der FC Union 06 auf einem Abstiegsplatz, einen Punkt hinter Biesdorf II, die allerdings bereits die Saison beendet und auch ein schlechteres Torverhätnis haben. Die Aufgabe ist klar: Union braucht einen Punkt!

Auf dem Weg zum Poststadion ein heftiger Schauer, selbst die mit Schirm suchen einen Unterstand. Kurz warten, weiter. Am Eingang des Kunstrasenplatzes begrüßt mich Peter, ein Ex-Bundesliga-Profi: „Wenn du da bist, gewinnen wir immer!“ – „Hoffen wir das Beste. Eisern!“ Mein nunmehr dreiundachtzigjähriger Sportsfreund, mit dem ich hier so manche Partie gesehen habe, ist auch da – lange nicht gesehen, beidseitig Freude über das Wiedersehen. Gegner ist die 2. Mannschaft des Berliner Sportvereins Eintracht Mahlsdorf, die ihre Saison im Mittelfeld beenden wird. Es tröpfelt nur noch. Anpfiff.

Union konzentriert, macht das Spiel breit, sehr gutes Pressing. Erste Chancen. Die 2. Mannschaft und ein paar Kids, die vorher spielten, kommen aus den Umkleidekabinen – Saisonabschluss, Pizza für alle. Die Herren verlangen nach hopfenhaltigen Getränken und singen im Chor: „Wir woll’n den Kasten seh’n, wir woll’n den Kasten seh’n!“ Der Kasten kommt – la Ola! In der 30. Minute das 1:0 für Union. Die knapp einhundert Zuschauer, so sie zum Heimteam halten, jubeln. Auf dem Platz eine blaue Spielertraube. Jemand aus der Zweiten entzündet ein Bengalo – Pyrotechnik ist kein Verbrechen! Mit der knappen Führung geht es in die Pause. Ein Mahlsdorf-Fan korrigiert die Annahme, dass uns ein Unentschieden reicht – da ist noch etwas vor dem Sportsgericht anhängig, das zu einer Punkteverschiebung führen können. Blöd geregelt – so etwas muss vor dem letzten Spieltag geklärt sein! Fest steht: Union braucht einen Sieg. Auf dem Klo die einzige Form von Nudging, die ich mir gern gefallen lasse.

Auf dem Rückweg zum Platz treff ich Peter. Kurze Spielauswertung – er ist etwas pessimistischer als ich, was die 2. Halbzeit betrifft. Zu Unrecht: drei Minuten nach Wiederanpfiff fällt das vorerst erlösende 2:0. Nun gibt es kein Halten mehr. Durchatmen. Weiter. Plötzlich Windböen und Strakregen. Schirme fliegen umher, in der Ferne Donner. Bloß keinen Spielabbruch! Es geht gut – die Wasserschlacht von Moabit beginnt. In der 63. das 3:0. Es findet sich ein weiteres Bengalo. Dann wird es etwas hektisch auf dem Platz – der sehr gute Schiri, der bislang vieles hat laufen lassen, wird nun pingelig. Die Gemüter beruhigen sich. In der 80. das 1:3. Jetzt nicht nachlassen. In der 94. verschießt Union sogar noch einen Elfmeter – aber bringt das 3:1 schlussendlich über die Zeit. Die Menschentraube auf dem Kunstrasen reicht bis an die Regenwolken heran. Klassenerhalt!!!!!!!!

Nette, etwas traurige Verabschiedung von meinem Nachbarn, der nicht weiß, ob er es in der kommenden Saison noch einmal quer durch die Stadt zu den Spielen schafft – seine Arthrose wird immer schlimmer. Hoffen wir das Beste. Ich komme mit einem anderen Alten ins Gespräch, der sich das Spiel von außen über den Zaun angeschaut hatte. Ein großer Kenner des Berliner Fußballs. Spielte früher selbst bei den Weddingern von Meteor 06. Ich: „Da muss ja noch die Mauer gestanden haben.“ Er: „Ja. Und wir hätten niemals gedacht, dass die mal fällt.“ Ich zeige auf das Spielfeld: „Und heute spielt Union gegen Mahlsdorf und das ist vollkommen normal.“ „Ja, Gott sei Dank.“ Deswegen spreche ich so gern mit alten Berlinern.

Am frühen Abend dann schon das nächste Spiel: Deutschland gegen Curacao, Weltmeisterschafts-Auftakt. Mein innerer Tipp geht exakt auf: 7:1. Schön. An unserem Haus hängt nur eine einzige schwarz-rot-goldene Fahne – das müsste die Wohnung der Westfrikaner sein.

Am Montag weiter regnerisch. Herrliche Wellen im Schlachtensee – und außergewöhnlich unruhige Wasservögel. Das liegt definitiv nicht am Wetter. Bei den Blässhühnern fehlen zwei Junge – vielleicht hat es etwas damit zu tun? Erst einmal abwarten, vielleicht haben die sich auch nur im Schilfgürtel versteckt, um den Wind auszusitzen.

Christoph Sanders, Thalheim
Nach der 160-Kilometer-Westerwaldtour am Sonntag ist mein Körper am Mittwoch wiederhergestellt – die Müdigkeit ist fort, nur die Nase läuft noch. Die subpolare Strömung bringt frische Luft. Ich sortiere Radteile, die ich für wenig Geld anbiete – sogenannte Umwerfer, das sind kleine Hebel, welche die Kette über die Blätter hinauf- und hinunterleiten. Eine aussterbende Gattung, da sie für E-Bikes nicht geeignet sind und sich bei klassischen Rädern zunehmend bizzarre Lösungen mit 1×12 oder 1×13 Gängen durchsetzen, bei denen das größte hintere Ritzel manchmal größer als das Kettenblatt vorn ist.

Der Donnerstag nach dunstigem, fast nebligem Beginn ein weiterer, wunderbarer Frühsommertag mit frischen Temperaturen. Natürlich habe ich die Hitzewelle Anfang Mai registriert und auch, dass es im Sommer mitunter zu warm wird – aber diese mediale und politische Alarmstimmung rund um Durchschnittstemperaturen erscheint mir befremdlich. Statt Fördermittelpropaganda zu betreiben, deren Konsequenz weitere Steuergeldverteilungen sind, sollte man lieber die Betreiber von Märkten und Shoppingparks dazu verpflichten, auf ihren vollversiegelten Asphaltwüsten eine große Zahl von Bäumen zu pflanzen – so schafft man erträgliche Mikroklimata. Das ließe sich vielerorts umsetzen. Wenn ich an den kürzlich geschlossenen Aldi in Offheim denke, dann sind die zwanzig großen Ahorne, die wilde Hecke, die Rosenrabatten und die Wahl von Waschbeton, durch den das Gras sprießt, das Schönste und Sinnvollste, was von ihm bleibt. Bäume wachsen in unseren Gefilden ausgezeichnet, wie ich gerade wieder beim Grünschnitt von drei Eichen, fünf jungen Ahornen, den Haseln und weiteren Gehölzen feststellen konnte – leider sagen viele Hausbesitzer in meiner Umgebung, Bäume machten nur Dreck und Arbeit. Unsere Johannisbeeren werden von Tag zu Tag zahlreicher, größer und reifer – mal sehen, ob es schon für einen Kuchen reicht.

Am Freitag völlig ausgeschlafen. Frisch rasiert einen Parcours in die Wiese gemäht. Unglaublich, was so ein alter Mäher noch umlegt. Ebenso erstaunlich, wie sich manche Pflanzen und Sträucher selbst aussäen und förmlich emporschießen. Interessant auch, was ich in den Erinnerungen des Wildmeisters Karl Zorn („Im Westerwald und Taunus“, Paul Parey Verlag, Westberlin, 1966) über die Jagd auf Ringeltauben lese, die eine langwierige Angelegenheit war. Mit einem Lockruf musste man den Vogel gewissermaßen eifersüchtig machen; andernfalls blieb er regungslos und selbst dem geübten Auge verborgen. Zwei oder drei Tiere galten nach mehreren Tagen Pirsch bereits als Erfolg – was für ein anderes Zeitgefühl, was für eine andere Welt, dieses vergangene Jahrhundert! Ich lese, dass sich Wildschweine, um Parasiten zu bekämpfen, an bestimmten Bäumen reiben, deren Rinde Bitter- und Gerbstoffe enthalten. Auch Hirsche nutzen geeignete Bäume, um den Bast abzustreifen, das nachgewachsene Geweih zu härten und zu imprägnieren. Als entschiedener Nichtjäger, für den die Jagd ein widerlicher sozialer Sport ist, habe ich nichts gegen Förster und Berufsjäger – eigentlich sind sie die größten Freunde der Natur. In unseren Umweltdebatten spielt das kaum eine Rolle, dort geht es eher um Abziehbilder einer Natur, die man für Milchtüten oder Bio-Käseverpackungen entwirft. Ruhiges, schwüles Wetter mit düsteren Horizontkulissen und vielen Schauern – gut für die durstigen Böden! Mit den Kids Abendbrot. Die Frau hat den Abiball einzuleiten – reinstes Provinztheater, man kann nur staunen. Teesiebausbeulung, kanadischer Fußball, Bettruhe.

Am Samstag keinen Zentimeter Rad gefahren! Stattdessen mit dem Auto in die Lahnmetropole Diez. Dort eine kleine Kaffeerösterei, die zum Jahreswechsel einen Nachfolger sucht. Rund 100 Quadratmeter groß, zehn Sitzplätze. Riesige Röstmaschine und eine Bandbreite an Kannen für die Filterkaffee-, Mokka- und Espressofreunde. Mir wird erklärt, dass man genauestens die Ernten kennen muss und sich dementsprechend seine Sorten sichert; dafür arbeitet man mit verschiedenen Importeuren zusammen. Das Röstverfahren ist je nach Bohne individuell, so wie das Aroma, was mir Riechproben aus den Säcken bestätigen. Inventar, Mobiliar, Kasse und Restbestände wären zu übernehmen, dazu der immaterielle Wert einer über zehn Jahre aufgebauten Firma – aber auch das Risiko schwankender Ernten infolge des Klimawandels. Ich bin immer etwas skeptisch bei diesen ganzen Feinschmeckerläden mit ihren Tasting-Sessions und Latte-Art-Kursen, die es inzwischen in jeder deutschen Mittelstadt gibt. Immerhin bekommt man dort für 3 Euro guten Kaffee – der zuhause schmeckt aber auch nicht schlecht. Abends zur Aufführung meiner kleinen Tochter, die in „Die Welle“ mitspielt. Das Stück an sich ist grauenhaft, die Aufführung war aber sehr gut. Was alles in Heranwachsenden steckt – und später kurz und klein geschnitten wird vom Mähroboter des beruflichen und familiären Alltags … Auf dem Weg ein toter Kleiber oder Steinschmätzer – Ruhe in Frieden.

Ereignisarmer Sonntag. Das Haus für die Gastschülerin gerichtet – das ist immer gut, egal aus welchem Anlass. Mit dem Rad Richtung Hahnstätten, wo die Geigenlehrerin ein Kammerkonzert in der Aula der Grundschule gibt: Mendelssohns „Lieder ohne Worte“, Debussys „Clair de lune“ sowie schöne Stücke von Massenet und Paganini. Tadellos gespielt, gut interpretiert – das Leben als Berufsmusikerin. Das Publikum besteht aus ein paar ihrer Schülerinnen und vierzig Boomern – ich ziehe mich in meinem Rennfahrerdress diskret auf die Seitentreppe zurück. Eintritt frei und lediglich ein kleines Plakat an der Tür, als wolle man im Verborgenen blühen, während das Volk von der überfüllten Eisdiele zur neobarocken Inszenierung einer Kunstausstellung oder zur Eröffnung des Botanischen Gartens lustwandelt, den ein lokaler Immobilienbesitzer zur „stilvollen Eventvermarktung“ hat herrichten lassen. Der einzige Niederschlag, der mich auf den jeweils dreißig Kilometern hin und zurück erwischt, ist der Scheibenwaschanlagengruß eines Automobilfahrers, dem ich die 10-%-Steigung anscheinend nicht schnell genug hinaufkomme.

Frank Schott, Leipzig
Dramen im Hinterhof! Unsere Familie ist hin- und hergerissen zwischen ein wenig Stolz, ein wenig Entsetzen und ganz viel Ratlosigkeit. Was ist passiert? Unsere beiden Kater haben ihren Jagdinstinkt entdeckt und verfeinert – vor allem der getigerte.
Am Donnerstag hat er wieder einmal eine Spitzmaus erwischt. Eines unserer Kinder sieht das und öffnet die Terrassentür, doch der Kater macht sich mit der Maus aus dem Staub – er hat dazugelernt! Die letzten Mäuse und Spatzen wurden ihm schließlich immer wieder abgenommen. Das lässt er nun nicht mehr zu und versteckt sich argwöhnisch im Farn. Als sich mein Kind nähert, springt er samt Beute zwischen den Fangzähnen über den Zaun zu den Nachbarn.

Unser Kind verzieht sich – er kommt wieder heraus. Ich bleibe ruhig an meinem Platz und beobachte weiter. Natürlich spielt er mit seiner Beute – zumindest bezeichnen wir Menschen das als „Spielen“, wenn er die Maus scheinbar unbeachtet lässt, während diese sich totstellt. Der Kater putzt sich, als wäre nichts passiert, aber am peitschenden Schwanz und den vibrierenden Ohren erkennt man, dass er aufgeregt ist. Die Maus bewegt sich von ihm weg. Schwupps gibt es einen Schlag mit der Pfote und sie ist wieder eingefangen.
Er zieht sich erneut ins Farnkraut zurück. Auch hier lässt er die Maus los – so kann sie durch das Zaungitter in den Nachbargarten entwischen. Der Kater passt hier nicht durch – er sieht die Maus, kann sie aber nicht erreichen. Die Aufregung ist groß! Er springt über den Zaun und wieder zurück. Noch einmal dasselbe, dann hat er sie erneut eingefangen. Scheinbar großzügig entlässt er auf unseren Rasen sie ein weiteres Mal aus seinem Maul.

Wir werden zum Mittagessen gerufen. Als wir wieder in den Garten schauen, ist der Kater noch da, die Maus aber nicht. Vermutlich verspeist, denken wir. Wobei in der Familie ein klein wenig Hoffnung auf ein Happy Mouse End bleibt.

Tags darauf schlägt auch der schwarz-weiße Kater erstmals zu. Er wirkt immer etwas behäbig, fast dümmlich – aber ich denke, das ist vielleicht nur Fassade. Wie einst bei Inspektor Columbo, der die Verbrecher mit seinem trotteligen Eindruck in Sicherheit wiegte, bevor er sie mit seiner letzten Frage erbarmungslos festnagelte. Nun war also auch er erfolgreich und hat einen Vogel gefangen. Der kann sich kaum noch rühren und ist halb vom Gras verdeckt. Für mich sieht das nach einer Drossel aus, doch meine Frau beruhigt das Kind: „Das ist nur ein unerfahrener Jungspatz.“

Die Familie berät sich: Die Kater drinnen zu lassen wäre Tierquälerei. Sie im Haus zu bespaßen, bis sie müde und ausgepowert sind? Mal ehrlich: Wer will diese Aufgabe schon tagtäglich übernehmen? Ja Kiddies, it’s nature, stupid, um mit den Worten eines US-Präsidenten zu sprechen. Katzen sind Jäger. Ein Kompromiss liegt in der Luft: Mehr und größere Glöckchen am Halsband könnten es richten.

Zur Erholung jogge ich durch den Park. Es läuft sich wie befreit, zumal es kurz zuvor etwas geregnet hat. Die Wege sind nicht pfützennass, aber der Staub wurde aus der Luft gewaschen und die Temperatur ist angenehm. Ein permanentes Brummen und Dröhnen begleitet mich – die Wiesen und Deiche werden geschoren. Im Einsatz sind Rasentraktoren, Motorsensen und – was ich zum ersten Mal sehe – ein ferngesteuertes, raupenähnliches Gefährt. Die unvermeidlichen Krähen sind sogleich zur Stelle und inspizieren das frisch gemähte Gras. Vielleicht findet sich ja ein Regenwurm, eine Schnecke oder etwas ähnlich Nahrhaftes? Meine Laufzeit lässt sich gut an – ich schaffe knapp elf Kilometer in gut einer Stunde.

Nachdem die Kater den armen, immer noch lebenden Vogel, von dem wir inzwischen wissen, dass es sich um eine Amsel handelt, ein weiteres Mal in Klauen und Maul hatten und sich davon auch nicht von uns abbringen ließen, trifft das Kind in der Frage „Familie versus Kleintierschutz“ die endgültige Entscheidung – sie fällt zugunsten der Vögel und Mäuse aus. Unsere Katzen bekommen Hausarrest.

Mittlerweile sind die Katzen den dritten Tag im Haus. Ich höre ihr sehnsuchtsvolles Miauen, sehe ihre traurigen Gesichter und spüre ihr einschmeichelndes Entlangstreifen am Bein. Ich sage, die Kater sind Familie, Vögel und Mäuse hingegen nicht, also lasst uns den beiden die Freiheit zurückggeben. Aber mein Kind hat zu große Angst. Und weil es psychologisch angeknackst ist und wir uns mehr Sorgen um unser Kind als um die Katzen machen, bleiben die Türen zur Terrasse und zum Vorgarten Tabu. Tut mir leid, ihr Kater.

Unser anderer Sohn überrascht derweil mit der harschen Ansage, dass er ab sofort nur noch vegan essen werde. Oh, denke ich, Schluss mit Protein-Pudding und Skyr, die er in rauen Mengen in sich reinschaufelt, um seinen Muskelaufbau zu fördern? Aber dann folgt auch schon die Entwarnung: Fleisch sei nach wie vor in Ordnung, nur muss es Bio sein. Sagt’s und zieht sich für sein Übungsprogramm in sein Zimmer zurück. It’s puberty, stupid.

Im August 1909 reiste der Agronom und angehende Schriftsteller Michail Prischwin für fünfzig Tage in die kirgisische Steppe, um mit den dortigen Nomaden umherzuziehen, ihr Leben kennenzulernen und darüber zu schreiben. Seine Erlebnisse gingen nicht zuletzt in die Erzählung „Der schwarze Araber“ ein, die dem Buch, das ich gerade lese, den Titel gab. In einer Szene sitzt der Ich-Erzähler mit einem Kөшпелі (von „den Standort wechseln“ und „umziehen“) am Lagerfeuer und betrachtet den Nachthimmel. Der Einheimische nennt den Polarstern „Eiserner Pfahl“ und deutet auf zwei Sterne in dessen Nähe. Laut einer alten Geschichte handele es sich bei diesen um ein weißes und ein graues Pferd, die an den Pfahl gebunden sind und ununterbrochen um ihn herum laufen. Dabei werden sie von sieben Dieben umschlichen, lassen sich aber nicht fangen – und so dreht sich immer alles weiter. Sollten die Diebe die Pferde jedoch jemals einholen, bedeutet dies das Ende der Welt. Der Ich-Erzähler sieht in den Pferden natürlich den Schwanz des Kleinen Bären. Er zeigt auf andere Sterne und fragt nach deren Bedeutung. Sie trinken dabei Tee und sinnieren über das Leben am Himmel und auf der Erde und stellen fest, dass es sich eigentlich gar nicht unterscheidet.

Beim Lesen der Geschichte denke ich, dass das ja genau das Thema unserer Zeit berührt: Wie benennt man Dinge und Ereignisse und welche Geschichten erzählt man dazu? Wer spricht zu wem und wer hört wem zu? Wer hält es aus, dass es andere Begriffe für das Gewohnte, mehrere Deutungen desselben? Wer hat die Macht, die Wörter zu setzen und die Story zu bestimmen … Vielleicht sollten wir alle wieder mehr in den Himmel und auf die Berge, die Flüsse und die Wälder, die Tiere und die Pflanzen schauen, dem Wind und dem Regen lauschen und einander die Geschichten der Ahnen erzählen.

Am Sonntag will ich eigentlich zum Auswärtsspiel von Union 06. Da eine S-Bahn ausfällt und ich mich dadurch später abhetzen müsste (was ich verabscheue), lasse ich das Spiel sausen und fahre nach meiner Runde im Schlachtensee spontan ins nahe Potsdam. Eine glückliche Entscheidung! Wie ich feststelle, bietet sich mir dort an dem Tag letztmalig die Gelegenheit „Avantgarde: Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“ anzusehen. Das Museum Barberini macht erst in fünfzehn Minuten auf; ich stelle mich ans Ende der Schlange und frage die Dame vor mir, ob sie schon ein Ticket hat und weiß, wie der Einlass geregelt ist. Sie hat vorab gebucht und meint, dass ich das auch jetzt noch schnell per Smartphone erledigen könne. Ich antworte, dass ich so etwas nach Möglichkeit vermeide und analoge Wege bevorzuge – worüber sie sich freut. Sie erzählt, dass sie sprachbehindert ist, ihr die Nutzung von manchen Apps und KI-Voicebots schwerfällt. Wir kommen aufs Gendern, das sie als diskriminierend empfindet. Dass sie für ÖRR-Sender, die diese Sprachverstümmelung praktizieren, Gebühren zahlen muss, empört sie. Ich berichte von der Inklusionsgruppe in meinem Nachbarschaftshaus, in dem Menschen mit geistiger Behinderung sowie Nichtmuttersprachler ebenso diese Exklusion kritisieren. Schnell sind wir bei der Unbeweglichkeit von Politik und Teilen der öffentlich-rechtlichen Medien, sich zu korrigieren. Es fällt der Begriff „Demut dem Amt gegenüber“. Und mittendrin in diesem wirklich entspannten und interessanten Gespräch werden wir auf einmal von dem Mann hinter uns angeranzt, der meint, das sei „ganz gefährliches, rechtspopulistisches Gedankengut“, was wir da gerade verbreiten würden. Die Dame lacht ihn einfach aus und sagt: „Ach, Gottchen!“ Ich meine: „So schnell wird man in eine Schublade gesteckt.“ Das macht den Typen nun richtig fuchtig. Die Lady hält sarkastisch dagegen und ich mich eher zurück, da ich aus vielen Gesprächen weiß, dass Diskussionen mit Schwarz-Weiß-Denkern sinnlos sind. Ereiferer schnappen ein Reizwort auf und plappern dann irgendwelche Klischees nach – Differenzierungen stehen dem nur im Wege. Auch da stellt sich die Frage: Wer setzt das „Wording“ und „Framing“, wer spricht, wer hört zu, wer glaubt das, trägt es weiter … Der analoge Kartenkauf klappt. Die Ausstellung ist toll – neben Max Liebermanns Waisenhausbildern sprechen mich vor allem die Berlin-bei-Nacht-und-im Regen-Gemälde Lesser Urys an.

Den Abend verbringe ich mit einem Freund sechs Stunden in einem Biergarten. Wir reden über unsere unterschiedlichen Denk- und Sprachsysteme. Diese machen einen entscheidenden Unterschied beim Prompten von KI-Bots, worin ich ihm eine Einführung gebe. Da ich am Tresen das Etiketten-Wortspiel „Outcider“ nicht schnalle, trinke ich zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren ein paar Schluck Alkohol. Brrr … Wer behauptet, das sei kein Gift, macht sich etwas vor – aber auch hier gilt selbstverständlich der alte Paracelsus-Satz.

Am nächsten Morgen gesellt sich jener ältere Herr zu mir auf die Buchtbank, der mich immer so nett veräppelt, wenn er mich in den kalten Monaten im Wasser sieht. Über die Wasservogelfamilien vor uns kommen wir ins Plaudern; ich berichte von der Liebermann-Ausstellung. Da geht ein Ruck durch ihn – er steht voll im Stoff und entpuppt sich als ehemaliger Kunsthändler. („Von Liebermann habe ich noch ein paar wirklich schöne kleine Arbeiten zu Hause …“) Das ist ja nun mal total interessant! Aber selbst so eine kurze Fahrt nach Potsdam ist ihm mit seinen fünfundachtzig Jahren inzwischen zu beschwerlich; er bleibt im Kiez und dreht täglich seine Seerunde. Seine Nachbarin fliegt die ganze Zeit um die Welt, was er aber schon aus Ressourcengründen ablehnt: „Wir Deutschen leben über unsere Verhältnisse und sollten damit aufhören!“ Ich stimme ihm zu.

Am Dienstag erlebe ich einen maximal entspannten Nachmittag beim Reparieren meines Rucksacks sowie beim Tischtennis. In einer der Pausen setzen eine Mitspielerin und ich unser vorwöchentliches Gespräch über Grießbreirezepte und Tierbegegnungen fort. (Just als ich von einem Fuchs am Plötzensee berichte, läuft ein Artgenosse von diesem über den Hof.) Als ich sie nach ihrem Akzent frage, erzählt sie, dass sie als Tochter einer Deutschen und eines Albaners die ersten Lebensjahre in der BRD verbracht hat, dann aber in Polen aufwuchs und nun zurückgekommen sei. Sie findet, dass Berlin der perfekte Ort für Menschen mit unübersichtlichen Lebensläufen ist – als Sohn eines Ostpreußenflüchtlings und Viertelpole, der seine ersten zweiundzwanzig Jahre im abgeschnittenen Landesteil verbrachte, stimme ich ihr zu. Auf meine Frage nach Begriffen für extreme Glücksgefühle in der Natur weiß sie, die Mehrsprachlerin, zwar auch keine passenden, findet aber, es reiche doch völlig aus, wenn wir einfach glückliche Geräusche machen würden – wovon sie mir sogleich ein paar vorführt, was ausgesprochen witzig ist.

Am Mittwochmorgen Bestaunen des Wolkenbilds über der Rehwiese, das mich einmal mehr an ein Alpenpanorama erinnert. Am Abend mit meiner Yoga-Lehrerin ein berührendes Gespräch über Meldungen des Unterbewusstseins, schwer zu stoppende Gedankenschleifen und Schweigeretreats. Als ich für das Beschreiben von Gefühlen den Ersatzbegriff „Wellen der Liebe“ einbringe und sage, dass man sich dabei ja ein wenig doof vorkomme, meint sie, dass ich damit bei ihr genau richtig sei – sie benutzt dafür „Universum“, „Gott“, „Liebe“.

Am Donnerstag riesige Erleichterung, als endlich der ORF-Stream steht – die notgedrungenen zwanzig Minuten des WM-Auftaktspiels im ZDF hatten mich bereits an den Rand des Wahnsinns gebracht. Was ist das für eine kaputte Sprache? Und warum schreit der so?!?

Am Freitag der Moment, in dem Sprachgenauigkeit über Wohl oder Wehe entscheiden kann: Auswertung des Stuhltests beim Hausarzt nebst Besprechung einer möglichen Antibiotikatherapie. Eine der Ärztinnen, die auch dort arbeitet, sagte vor Jahren mal zu mir: „Ich weiß Ihren Namen nicht – aber für mich sind Sie der Patient mit der dicken Akte, der nie Medikamente will.“ Ich bleibe diesem Ruf treu.

Neben den Worten ziehen Wolken, formen Sätze zu Geschichten.
Gregor Dill, Moabit
Letzte Woche habe ich mit einem Freund, der in der Nähe wohnt, eine nachbarschaftliche Laufgruppe gestartet. Wir haben beide Spaß am Laufen und ein ähnliches Tempo.
Sicherlich, das zeigt mir seine Statur, bin ich konditionell etwas im Nachteil. Das will ich ändern.

Alle Interessierten wollen sich ab sofort, so ist jedenfalls der Plan, jeden Mittwoch um 6:15 Uhr am „Platz der Nachbarschaft“ treffen – also rein in die Schuhe und ein paar Meter die Straße hoch. Dort stelle ich fest, dass ich heute der Einzige bin, der Lust und Zeit gefunden hat, die müden Knochen zu bewegen.

Allein und doch in die Umgebung gebettet, laufe ich los. Die Wolken sehen traumhaft aus: Teils groß und teils dunkel, teils satt und teils zart lassen sie die ersten Sonnenstrahlen durchblicken. Vorbei an Baustellen und morgendlichem Streben komme ich immer wieder an Wasserflächen entlang, die das schöne Wolkenbild spiegeln und wie durch einen Weichzeichner harmonischer erscheinen lassen. Nur ganz kleine, unaufgeregte Wellen, verursacht durch langsam wach werdende Fische oder Enten, leichte Strömungen oder durch sanfte Brisen, formen die Bewegungen. Sie prallen leise an den Ufern und Kaimauern ab, um schließlich weich in einer Woge auszulaufen.

Ich genieße meine Runde, bleibe hier und da stehen. Immer wieder ziehen agilere Läufer vorbei. Vielleicht verfolgen sie ambitionierte Ziele oder haben etwas weniger Zeit und können es sich nicht erlauben innezuhalten. Ab und an komme ich aber doch an jemandem vorbei, der wie ich ein Foto macht und so die Schönheit des Moments festhält. Wir tauschen einen Blick und wissen, was der andere sieht und schätzt.

Zum Ende hin werden meine Kreise enger. Ich passiere eine Infotafel an einem Schwarzen Maulbeerbaum. Entlang des Laufwegs kenne ich bereits zwei Anpflanzungen, bei denen es sich allerdings um weiße Exemplare handelt. Deren Früchte werden gerade reif. In diesem Jahr hängen die Zweige unglaublich voll – mein Sohn und ich naschen unheimlich gerne davon. Daher freut es mich, nun auch einen der schwarzen Verwandten zu entdecken – und dazu noch wertvolle Informationen zu bekommen, zum Beispiel die, dass Maulbeerblätter die exklusive Speise von Seidenspinnerraupen sind.

Raupen sind in Berlin derzeit ohnehin ein Thema – allerdings die des Eichenprozessionsspinners. Für die einen sind diese wegen ihrer Härchen, die Hautreizungen und Atemwegsbeschwerden auslösen können, das gefährlichste Tier überhaupt, für andere lediglich der Anlass, sich für kurze Zeit zu beherrschen und nicht wie gewohnt jede Eiche zu umarmen und zu herzen. Das weit verbreitete Wissen, dass auf die Raupen ungiftige Falter folgen, ist trügerisch, da sich die Brennhaare noch bis zu zwei Jahre in den verlassenen Nestern halten können. Das Nesselgift verursacht bei vielen Menschen Beschwerden wie Juckreiz und Ausschlag, schwere Reaktionen sind hingegen selten. Die betroffene Berliner Bezirke setzen gegen die Eichenprozessionsspinnerlarven das Bakterium Foray ES ein. Ich denke jedoch, dass so ein massiver biologischer Eingriff nie gut ausgeht, da er Einfluss auf unser Mikrobiom hat, die Artenvielfalt bedroht und den Naturkreislauf stört. Hier ist Achtsamkeit gefragt.

Darüber nachdenkend laufe ich in die Schrebergartenanlage am Geschichtspark des ehemaligen Zellengefängnisses Moabit. In direkter Konkurrenz zu ihrem menschengemachten Pendant, dem Stacheldrahtzaun, zeigen die dortigen Rosen sowohl ihre sanfte als auch ihre dornige Seite. Allerdings duften die Blumen wesentlich besser als der Zaun, welcher, wenn ich es genau nehme, eigentlich gar nicht riecht – zumindest nicht aus meiner Entfernung. Ich widme meine Aufmerksamkeit sowieso lieber dem Lebendigen und Bunten ringsum und ich erfreue mich an Äpfeln, Erbsen und Himbeeren.

Die letzten Meter sind geschafft. 7:10 Uhr – und ich fühle mich gut.

Guten Morgen, liebe Familie. Der Tag hat begonnen.

https://www.umweltbundesamt.de/eichenprozessionsspinner
https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/schmetterlinge/nachtfalter/28380.html