Die Woche beginnt frisch bei minus drei Grad. Amseln, die ich als männlich lese, jagen sich in ihren Revierkämpfen. Ich bringe die Kinder sicher zum Zug und trinke Filterkaffee. Der alte Rhythmus pendelt sich wieder ein. Ab Vormittag strahlend hell und angenehm. Meine Runde um einen Kilometer erweitert. Ich erwische einen Schwarzspecht – das nenne ich einen Lohn! Im Radio die Meldung, dass dreißigtausend Deutsche rund um Dubai festsitzen und nicht ausgeflogen werden können. Traumschiffe versenken. Bei Netto die Regale auffallend leer, Remmidemmi an der Tankstelle. Mir fällt ein Zitat des Andernachers Bukowski ein: „Wenn sie den Krankenwagen nicht mehr durchlassen, ist es soweit.“ Mich erreichen drei CDs mit Schubert-Liedern – Momox liefert auch in die entferntesten Gebiete Deutschlands. Alles wundervolle, ganz spezielle Stücke. Wir haben die Romantik verschüttgehen lassen – eine lohnende Entdeckung, unsere Erwägungen heute sind meist Kalküle der Triebsteuerung, ein Trade-off mit ökonomischem Hintergrund. (Schon allein Begriffe wie „Work-Life-Balance“ …) Gutes Gespräch mit einem Gleichaltrigen, dem nun die Knieprothese bevorsteht. Ich berichte von meiner Reha.
Aufschlussreiches Interview mit der Ernährungsmedizinerin Dr. Fleck bei „Hotel Matze“ – anstatt sich in seinem „Körper“ fehl am Platz zu fühlen, sollten man das wundervolle Funktionieren der biologisch kontingente Systeme dankbar bestaunen. In der Rehaklinik hatte ich als Zusatznahrung Mandeln, Kurkuma, Ingwer, Zimt, Birchermüsli, schwarze Schokolade, Mandarinen, Honig, frischen Thymian und andere handverlesene Kräuter dabei. Damit galt ich allerdings als Sonderling. Als mein Teenie das dortige Essen sah, musste sie an ihr Altenheimpraktikum denken, wo es in der Küche nur markenlose Verpackungen gab: Scheibenkäse hieß einfach nur „Käse“, Wurst nur „Wurst“, Kaffeemehl nur „Kaffee“. Sie fragte mich: „War das in der DDR so ähnlich?“ Eine bemerkenswerte Transferleistung. Gegen 21:30 Uhr stolpert der Finanzfacharbeitersohn rein – er hustet und ist erschöpft, da ihn sein Kind nur zwei Stunden hat schlafen lassen.
Am Dienstag in die kleine Stadt. Meine Kinder für die Schule und eine Klassenfahrt abliefern, rudimentäre Einkäufe. Dann Wanderung bei strahlendem Sonnenschein, diesmal bergauf, bergab. Das Bein läßt mich die Anstrengung von gestern spüren – eine beschwerliche Landpartie. Überraschung in der Küche: die Standardpackung Rinderhack, die man meiner Gattin unterjubelte, hat bei identischer Außenverpackung weniger Inhalt. Leider hat sie eine unerklärliche Scheu vor den guten Metzgern ringsum. Wunderbar geschriebene Passagen von Richard Hamann über die Gotik: Sobald das Turmpaar von der Vierung nach vorn zur Westfassade rückt, erscheint die Kirche wie ein liegendes Tier. Mir fällt dazu das Sternbild Löwe ein.
Die Israelis haben sich über Jahre hinweg in die Verkehrskameras in Teheran gehackt und konnten so die Bewegungsmuster der Fahrer und Leibwächter aus Khameneis Umfeld erstellen. Ich gehe davon aus, dass die meisten Deutschen mehr Überwachung wünschen, weil sie sich dadurch sicherer fühlen würden, Kritik dürfte es kaum geben – in der Klinik fragten die anderen ständig, an welche Regeln sie sich anzupassen hätten. Und um Punkt 17:30 Uhr holten sie ihr Abendbrot, weil dann noch die besten Stücke da waren. Dieser unsichtbare Anpassungsdruck funktioniert hervorragend. Ein völlig ereignisarmer Tag. Ich fühle mich matt und fröstelnd. Darum geht es früh ins garantiert warme Bett – sonst holt mich noch der Erlkönig.
Sonniger Mittwoch nach Vollmondnacht. Der Winter ist vorbei. Alle sind in den Startlöchern – der Bauer fährt bereits seinen Lambo warm. Bei meiner Wanderung zum Netto (fünf Kilometer hin und fünf zurück) eine Feldlerche gesichtet und die ersten Schnipsel ihrer künftigen Lieder gehört. Das Bein besser als gestern. Zum Mittag Möhrensalat mit Roter Beete gemischt, dazu gibt es Pellkartoffeln und Würstchen (Bio) und zum Nachtisch einen Apfel. Mit dem Sohn ausgerechnet, dass er (als achtzehnjähriger Fußballer) 120 Gramm Proteine täglich benötigt. Familiensorgen um unsere Zwölfjährige auf Klassenfahrt: Am Telefon erzählt sie mir aufgebracht von Mobbing in ihrer Mädchenklasse – und das, obwohl sie endlos Anti-Mobbing-Kurse besucht haben. Ich riet ihr, ruhig zu bleiben, alles genau zu beobachten und aufzuschreiben (sie führt Tagebuch – per Hand!) und die Ausflüge zu genießen. Nach einer tiefenentspannten Yoga-Einheit nochmal nach Westerburg, danach Feldsalat mit Kartoffeln. Ich lege eine unbeschriftete Kassette ein: Es ist eine Shostakovich-Einspielung des Smetana Quartets auf Supraphon. Musik spricht.
Wie weit die Sicht reicht! Es ist keine neue Strecke dabei, und doch kann ich mich nicht sattsehen. Die Felder sind bereits mit Grün bedeckt, an den Büschen stehen die Knospen in den Startlöchern. Der Wind jagt Wolken übers Land, sodass es sich anfühlt, als lägen zwischen den bewölkten und sonnigen Momenten fünfzehn Grad Temperaturunterschied. Über das gesamte Wochenende gerechnet, wandere ich weit mehr als sechzig Kilometer.
Am Sonntag zieht es mich an die Elbe, die derzeit Hochwasser führt. Die ersten unvorsichtigen Bäume stehen bereits mit den Füßen im Wasser; die Deiche zucken noch entspannt mit den Schultern. Stressig wird es dagegen für die Lastkähne, die flussaufwärts streben: die starke Strömung lässt sie nur langsam vorankommen – fast zwanzig Minuten lang begleitet mich das Schnaufen eines Kahns, bevor er außer Hörweite ist.
Diese Einsamkeit. Nur ich und die reiche Tierwelt, nur der Wind, der über das flache Land pfeift, nur das tiefe Einatmen. Um so etwas in Leipzig zu erleben, müsste ich sehr früh aufstehen und sehr weit hinausfahren.
Mein Therapiestundenplan füllt sich. Ich habe jetzt auch die drei verschreibungspflichtigen Fächer Bogenschießen, Genusstherapie und Psychoedukation. Die beiden letztgenannten Einheiten beginnen diese oder nächste Woche.
Beim Bogenschießen kann ich wieder viel über mich lernen. Grundsätzlich gilt natürlich, dass Pfeile auf ein Ziel geschossen werden – bei uns ist das eine etwa einen Quadratmeter große Platte aus grauem, mehrschichtigem Styropor. Verschiedene Übungen sollen uns darüber nachdenken lassen, was uns behagt und was nicht. Per Kommando werden wir aufgefordert, die Distanz zu vergrößern oder zu verkleinern, abwechselnd oder synchron zu schießen, uns die Scheiben zu teilen oder den Schützen neben uns zu berühren, uns beim Schuss zu bewegen oder auf unerwartete Muskelregungen zu achten. Mein Fazit: Genau zu zielen, ist wegen der unterschiedlichen Sicht- und Flugachsen von Auge und Pfeil schwierig, am entspanntesten schießt es sich, wenn ich ohne nachzudenken und zu zögern Pfeil auf Pfeil in die Scheibe jage.
Das könnte ein interessantes Hobby für mich werden – auch wenn in Jerichow bereits der Endspurt ansteht: Jeder von uns hat gerade seinen finalen Pfeil gefertigt, den wir in der kommenden Woche zum Abschluss dieser vier Einheiten verschießen werden.
In den anderen Therapiestunden herrscht wie so oft Regelchaos, bei dem ich mir nicht sicher bin, zu welchem Grad es Absicht, um nicht zu sagen „böswillig“ ist. Ich verwende das Wort nicht im Sinne von BÖSE, sondern vermute einen gezielten Vorsatz, um uns emotional zu erschüttern oder zumindest herauszufordern. Zwei Beispiele (beide Male ist es dieselbe Therapeutin):
In der Musiktherapie liegen wir still auf Matratzen und hören uns Musik an. Immer ist es Klassik, die bekanntlich nicht jeder mag. Diesmal wurde eine ziemlich öde Einspielung des Herbstthemas aus Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ ausgewählt. Danach sollen wir wie üblich unsere Empfindungen teilen. Ich sage, dass mich die Musik wütend macht, weil sie wie die Abschlussarbeit einer Musikschule klingt: technisch korrekt, aber völlig uninspiriert dargeboten – dabei gebe es doch so viele faszinierende Aufnahmen des Stücks. „Herr Schott, es geht nicht darum, ob Ihnen die Musik gefällt oder nicht. Diese Übung dient dazu, mit Situationen klar zu kommen, die man nicht ändern kann, die man hinnehmen muss.“ Ich sage: „Schlechte Musik ist nichts, was ich hinnehmen muss.“ Naja, hin und her, am Ende bin ich im Unrecht und „habe die Übung nicht verstanden“.
Immer der aufmüpfige Herr Schott.
In der Bewegungstherapie sollen sich alle sechs Gruppenmitglieder zum Abschluss im Kreis aufstellen und dann ihre Position so oft ändern, bis sie zwischen zwei Menschen stehen, „bei denen es sich gut anfühlt“. Ich wähle eine von drei möglichen Varianten zwischen den drei anderen Männern. Als ich sage, dass ich mich auch neben dem dritten, mir nun gegenüber stehenden Mann wohlgefühlt hätte, bekomme ich zur Antwort: „Sie hätten Herrn Mustermann ja auch packen und neben sich ziehen können.“ Ich frage nach: „Also ein Regelbruch? Bei einem Spiel, dessen Regeln explizit formuliert waren?“ „Ja“, bestätigt die Therapeutin. Daraus werde schlau, wer will. Mir scheint das eine gewollte Provokation zu sein, die uns Patienten etwas deutlich machen oder beibringen soll. Ich verstehe das Prinzip nicht. Doch eines ist sicher: Das mit dem Regelbruch merke ich mir für die nächste Musiktherapieeinheit.
In einem Anflug von Großmut die Kinder am Freitag um 7 Uhr zur Schule gebracht, damit sie eine halbe Stunde mehr Zeit für sich haben. Die wurde nicht genutzt, da die Girls um 6:55 Uhr kaum fertig frisiert waren und dann noch eine Geige vergessen wurde. Es gelang dennoch, die wertvolle Fracht auf den Punkt abzusetzen. Die endlose Kette an Fahrzeugen, die aus allen Dörfern zur Autobahn strömen, ist wie immer bedrückend. Ich bin einigermaßen neugierig, wie sich die regressiven Energienarrative der aktuellen Regierung gegenüber den selbstverordneten Klima- und Co2-Zielen verhalten werden. Die Skifahrer weichen jetzt auf die Gletscher Andorras aus, um in Europa überhaupt noch Wettbewerbe austragen zu können. Der Autothermometercheck sagt 1 Grad. Auf dem Weg zur kurzen Visite beim Hausarzt bricht mit zauberhaften Farbspielen Nebel auf.
Ein langer, strahlenden Sonnentag. Vom Arzt geht es nach Koblenz, wo ich in der liebevoll restaurierten Backsteinvilla des Radherstellers Canyon eine wunderbare Zeit verbringe. Die dort ausgestellten historischen Rennräder genießen meine volle Aufmerksamkeit.
Mein Stehvermögen ist während der Besichtigung hinreichend. Mal sehen, wann es wieder möglich ist, dass ich selbst ein Rennrad bewege – zuvor warten aber hunderte Fotos auf ihre Auswertung.
Musikunterricht, das erste Eis des Jahres, Temperaturen, die in den Frühling weisen. Viele neue Farben, vermutlich kommen sie in der Märzsonne besser zur Geltung. Notiz am Rande: Die gerade in Manchester gewählte Abgeordnete der Grünen trägt die gleiche Farbkombi wie Miles Davis 1971 bei einem Auftritt in Skandinavien.
Am Samstag bringe ich den Teenie zur Probearbeit in das erste Espressocafé am Platze. Im Ort inspiziere ich beim Syrer Laptops – der alte ist zwar noch voll betriebsfähig, nur springt ständig der Lüfter an, wenn der Prozessor stark beansprucht wird. Besonders im Sommer führten Livestreams dazu, dass das Gerät regelmäßig abstürzte. Nun also ein fast neues von 2021. Während der Syrer das Office-Paket installiert und die Aktualisierung laufen lässt, gehe ich zum Café zurück. Meine Tochter bemerkt mich zunächst nicht, was sehr angenehm ist. Ihre sicheren Bewegungen erfüllten mich mit Stolz. Die Mannschaft ist eine raffinierte Komposition multikultureller Serviererinnen rund um einen kleinen Barista. Immer neue Gäste im Sonntagsstaat betreten das Lokal, darunter viele Paare mit schönen, gebürsteten Hunden. Dann entdeckt sie mich. Der Espresso, den sie mir bringt, ist tatsächlich erheblich besser als alles, was ich in den letzten Monaten irgendwo serviert bekam. Vielleicht gönne ich mir das einmal im Monat. Mein Teenie erklärt mir, dass man dort in Vorkasse geht und eine Tischnummer mitnimmt – das erhöhe den Umsatz. Am Montag wird ihr definitiv mitgeteilt, ob Interesse an einer Beschäftigung besteht – so taktisch denkt die Jugend. Die Inhaberin schenkte ihr nach der Schicht 250g Selbstgerösteten.
Zurück nach Hause. Rauhes Märzwetter: Wolkig, windig, sonnig. Überall erklingen Motorsägen und Gartengeräte. Am Nachmittag spiele ich auf den neuen Lenovo alle Lieblingsprogramme, führe Updates durch, setze im Browser Lesezeichen, ändere mit Hilfe meiner Kids (deren Tipps ich genieße) die Sicherheitseinstellungen. Am auffälligsten ist die völlig neue Farbqualität des Bildschirms, das ultraschnelle Arbeitstempo des Arbeitsspeichers und wie lange der Akku hält. Im Familien-Computer-Status bin ich damit aufgestiegen.
Am Sonntag in die Wiesen mit meinen Girls, die so konsequent ihre Gespräche führen, dass eine teilnehmende Naturbeobachtung kaum möglich ist. Ich also mit Skistöcken hinterher, Monologe eines alten, weißen Mannes führend. Das Gehen fällt mir leichter als noch vor ein paar Tagen. Größte Nebenwirkung meiner Wanderungen sind ein schweres, straffes Bein und das nach unten wandernde Hämatom. Im Haus komme ich inzwischen problemlos ohne Gehhilfen zurecht, interessanterweise bewege ich mich hier viel mehr als in der Klinik – das Hin und Her des Alltags. Ich lese Georg Büchners „Lenz“, das ich gestern aus der Büchertelefonzelle der kleinen Stadt mitnahm. Ein verstörendes Sturm-und-Drang-Stück, eher Psychogramm als Geschichte. Danach mit dem Sohn zu dessen Sonntagsspiel. An der Tanke reger Betrieb bei sonnigem Wetter. Gerade als ich aus dem Wagen steige, lässt ein Mann eine seiner Bierpullen aufs Pflaster knallen – schäumend verläuft sich die Hopfenbrause in den Rillen der Betonfliesen. Der Sohn verliert Null zu Vier und tröstet sich später damit, dass in den 70 Minuten, die er spielte, kein Tor fiel, sowie mit einem mächtigen Proteinshake aus Milch, Banane, Kakao, Nüssen, Sonnenblumenkernen und Whey Protein. Für mich gibt es Tee. Wir beschließen neue Arbeitspläne – ab sofort werde ich dreimal wöchentlich die Kids zu Sonderveranstaltungen chauffieren, das sind dann knapp 100 Kilometer (nach aktuellen Berechnungen).
Bei Sonnenuntergang grüßen die letzten Flugzeugmotoren aus der Atmosphäre. Regulus, der Hauptstern im Doppeltrapez des Löwen steht hoch südlich neben dem Mond – ich werde das beobachten.
Der Freitag beginnt übel für meinen Zimmerkollegen und mich. Und das schon in der Nacht: Mein Bettnachbar flieht auf das öffentliche Sofa, nachdem er mir mehrfach applaudiert hatte, also laut in die Hände klatschte, um mich aus dem schnarchenden Halbschlaf zu wecken. Ich kann nicht richtig schlafen, weil die Nase dicht ist und der Kopf dröhnt. Der Schnupfen ist da. Seit zwei Wochen hatte meine nervöse Blase angedeutet, dass etwas im Anflug sein könnte. Ich hoffe, dass es nicht allzu schlimm wird. Nasenspray habe ich da.
Der Pfleger empfiehlt mir, versorglich zum Stationsarzt zu gehen, um mir für den Bedarfsfall Ibuprofen und Neoangin bewilligen zu lassen. Am Wochenende sei das schwieriger, da das Pflegepersonal ohne Zustimmung des Arztes keines der bewährten Hausmittel abgeben dürfe. Sich selbst zu versorgen ist nicht erlaubt. Gesagt, getan. Am Ende komme ich jedoch nur mit dem Spray bereits gut über den Tag. Nach dem Abendessen besorge ich mir noch Ingwer im Supermarkt. Das Wochenende kann kommen.
In der nächsten Nacht ist mein Schlaf weiterhin unruhig, aber der Kopf ist frei und das Atmen durch die Nase fällt leichter. Den Samtagslauf lasse ich dennoch lieber aus und entscheide mich stattdessen für eine ausgedehnte Wanderung. Kurze Frage in die Frühstücksrunde: „Will jemand mitkommen?“ – „…“ – „Nein? Na dann eben alleine.“ Diese Wanderungen durch die weite Landschaft werden mir eines Tages fehlen, also carpe diem!
Am Ortsausgang sehe ich eine Großmutter mit Enkelsohn, die Zweige zu sammeln scheinen. Zwanzig Meter später bemerke ich meinen Irrtum: Es ist ein Arbeitseinsatz der Gemeinde oder eines Vereins, bei dem ein Krötenzaun am Straßenrand errichtet wird. In einer Parkbucht stehen Autos, doch die meisten sind mit Rad gekommen. Ich gehe die Runde um den Altarm der Elbe, die ich witterungsbedingt wochenlang aussetzen musste. Fantastisch!
Die Sonne, die jetzt seit drei Tagen kräftig scheint, lässt die Tierwelt frohlocken. Eine Schar Elstern fliegt über mich hinweg, acht, vielleicht auch zehn Vögel. Leben Elstern wie die Spatzen in Schwärmen, frage ich mich kurz, bevor die Kühe auf der Weide meinen Blick fesseln. Es sind die ersten Nutztiere, die ich hier außerhalb ihrer Ställe erlebe. Hunderte Wildgänse stärken sich auf den Feldern und Äckern. Eine einzelne Gans am Himmel (vielleicht ein Kundschafter oder Nachzügler, der noch etwas zu erledigen hatte) kündigt laut schnatternd ihre Ankunft an, bevor sie Kreise ziehend nach ihrem Trupp sucht und landet. Zwei Fasane brechen wild flatternd und lamentierend aus einem Gebüsch. Hoch über den Wiesen schwebend beäugt ein Adler kritisch das Essensangebot – er erinnert mich an meine veganen Mitpatienten. Dutzende Rehe springen in kleinen oder größeren Gruppen davon, bevor ich nah genug für ein Foto herankomme – Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Auf dem Deichweg liegen Federn, die aussehen, als wären sie kurz zuvor noch ein vollständiger Vogel gewesen. War hier ein Fuchs am Werk?
Zwei Wildgänse erschrecken mich, als sie aufgeregt gackernd und mit wilden Flügelschlägen aus einem hinter Schilf verborgenen Weiher aufsteigen. Doch vermutlich sind sie gar nicht meinetwegen aufgescheucht, denn ich sehe einen Waschbär durchs flache Wasser patschen. Der lässt sich von mir überhaupt nicht stören, genausowenig wie das Fellbüschel, das zusammengerollt unter einem Baum liegt und sich von der Frühlingssonne wärmen lässt – ein zweiter Waschbär. Auch mein Pfeifen irritiert ihn nicht, Catcalling prallt von ihm einfach ab. Er hat ein dickes Fell und keine Feinde.
Der Boden ist noch feucht, aber bis auf das letzte Teilstück nicht schlammig. Dadurch federt er unter den Füßen und macht die Schritte leicht. Die abgeernteten Zweige der Weiden liegen immer noch in großen Bündeln am Wegesrand. Körbe zu flechten, lohnt sich offenbar nicht mehr. Ein paar hundert Meter weiter wird klar, warum die Zweige hier liegen: Hügel aus Holzspänen zeigen an, dass sie geschreddert werden.
Wenn Bewegung in der Natur therapeutisch sein sollte (was ich im Gegensatz zu den meisten anderen Patienten so empfinde), habe ich am Samstag zwei Therapieeinheiten absolviert. Denn am Nachmittag folgt der obligatorische Marsch nach Tangermünde. Ich sehe Wildgänsen, Reiher, Schwäne und Rehe. Die Sonne strahlt so warm, dass ich im T-Shirt unterwegs bin – zumindest bis der Wind dreht und ich die Jacke überstreife. Endpunkt der Wanderung ist, wie in den vergangenen fünf Wochen, mein Bäcker des Vertrauens.
Meine Plastik „Schrei“ ist inzwischen gebrannt und kann nun von mir gekauft werden. Die Glasur ist nicht ganz so gelungen, wie ich es geplant hatte, aber auch nicht so schlimm wie befürchtet. Die weiße Farbe war zäh und klumpig und ließ sich trotz Aufschwemmens nicht gut auftragen. Das führte beim Brennen dazu, dass sie überkochte wie zu heiße Milch. Jetzt sieht es so aus, als wären die Augen ausgelaufen. Vielleicht hätte das Munch sogar gefallen.
Von unseren Therapeuten wird viel Wert auf den Austausch mit den anderen Patienten gelegt, auf das Aussprechen und die öffentliche Reflexion der eigenen Befindlichkeiten und Gefühle, als wesentliche Voraussetzung für den Therapieerfolg. Könnte es nicht ebenso sein, dass man nur für sich allein, durch Nachdenken und Nachfühlen, durch Zuhören und Beobachten, zu Fortschritten kommt? (Ich frage für einen Freund, wie man so schön sagt.)
Ich habe mittlerweile Viktor Frankls „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ zu Ende gelesen. Das Buch hatte mir noch in Leipzig ein Therapeut empfohlen. Es sind die persönlichen Nachbetrachtungen eines Psychologen über seine Gefangenschaft in Konzentrationslagern, die unmittelbar nach seiner Befreiung aus Dachau entstanden. Was er schildert, ist grauenvoll. Ich vermute, dass es meinem Leipziger Therapeuten bei seiner Empfehlung nicht um das billige „anderen geht es noch schlechter, hab dich nicht so“ ging, sondern um den Umgang mit Leid, unvorstellbarem Leid, und die Art und Weise, sich diesem zu stellen. Einer der Kerngedanken des Autors dreht sich um das Handeln, das richtige Verhalten:
„Leben heißt letztlich eben nichts anderes als: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde.“
Leid zu durchstehen, kann eine dieser Aufgaben sein, an denen ein Mensch wächst.
Würde ich das in der Gruppentherapie ansprechen, hieße es, ich solle weniger lesen und keine fremden Gedanken wiedergeben, sondern über mich selbst reden.
Und so liege ich auf meinem Bett, starre an die Decke und Tränen rinnen über mein Gesicht. Und während ich über den Sinn des Lebens, die im Leid liegende Größe, über mich und das „wer-ich-sein-will“ nachdenke, wandert leichtfüßig ein Lüftchen aus dem Darm in Richtung Gesäß auf und stiehlt sich davon. Ich kann nicht anders, ich muss lachen und denke mir: Das Leben hält tatsächlich die richtigen Worte parat – man muss nur zuhören.
Also Schluss mit Grübeln, Schuhe an und raus an die frische Luft.
Der Neue Friedhof in Parchim – eine Oase in der Stadtlandschaft
Der Neue Friedhof wurde von 1920 bis 1922 angelegt. Er liegt am östlichen Stadtrand auf dem Eichberg, einer leichten Anhöhe innerhalb des überwiegend flach geprägten Stadtgebiets. Am nordwestlichen Ende schließt der Wockersee an.
Die parkähnlich konzipierte Anlage geht auf Entwürfe des Parchimer Architekten und Regierungsbaumeisters Werner Cords zurück, von dem auch die Pläne für die Feierhalle und das Verwaltungsgebäude stammen, die im Heimatschutzstil mit den regionaltypischen Backsteinen errichtet wurden. Die Planung folgte der seinerzeit aufkommenden Reformidee, die Friedhöfe nicht nur als reine Begräbnisstätten, sondern auch als Orte der Ruhe, Erinnerung und landschaftlichen Gestaltung verstand. Durch die Einbindung von Wegen, Grünflächen und Wasserelementen wurde ein Raum geschaffen, der sowohl der Trauer als auch der Erholung dient.
Im Lauf der Zeit wurde der Neue Friedhof immer wieder erweitert und ergänzt, unter anderem durch Kriegsgräberstätten für die Opfer beider Weltkriege sowie eine jüdische Gedenkanlage.
Heute umfasst das Gelände rund 132.000 m² mit etwa 9.000 Grabstätten, darunter anonyme Urnenwiesen, Reihengräber für Särge und Urnen, ein Kindergräberfeld und ein 2022 eingeweihter Bereich für sogenannte Sternenkinder. Aufgrund seiner Bedeutung steht der Friedhof inzwischen unter Denkmalschutz und erfüllt neben der Funktion als Hauptbegräbnisort Parchims auch eine wichtige kulturelle und stadtgeschichtliche Rolle.
Während der Neue Friedhof für die Menschen in Parchim ein Ort der Trauer, Ruhe und der Besinnung ist, bedeutet er für Tiere und Pflanzen eine Oase in der „Steinwüste Stadt“. Naturschützer haben für diese Lebensräume den Begriff „Paradies aus Menschenhand“ geprägt. Je heterogener die Umweltbedingungen in so einem Habitat sind, desto größer ist die dort mögliche Artenvielfalt.
Klimatische Bedingungen sowie die Eigenschaften des Bodens sind wesentliche Standortfaktoren und beeinflussen die Ausbildung der Vegetation und der Pflanzengesellschaften.
Die Vegetation stellt einen zentralen Bestandteil des Ökosystems dar, da sie Tieren Schutz-, Lebens- und Nahrungsraum bietet und dadurch deren Vorkommen, Verteilung und Populationsdynamik beeinflusst.
In ökologischen Systemen wird zwischen abiotischen Einflussgrößen wie Temperatur, Niederschlag, Lichtverfügbarkeit, Bodenstruktur, Nährstoffgehalt, Wind und Wasserverfügbarkeit sowie biotischen Faktoren wie Symbiosen, Konkurrenz, Räuber-Beute-Beziehungen oder Parasitismus unterschieden. Das Zusammenspiel dieser Faktoren bestimmt die Struktur, Stabilität und Entwicklung der jeweiligen Lebensgemeinschaften.
Bäume
Für die Flora und Fauna in unserer Kulturlandschaft ist der Mensch der bestimmende biotische Einfluss, der sowohl positiv als auch negativ wirken kann. Im Beispiel unseres Mecklenburger Friedhofes tritt er als förderlicher Mitgestalter auf, indem er hier gezielt bestimmte Bäume und mannigfaltige Zierpflanzen angebaut hat.
Der Neue Friedhof beeindruckt durch den parkähnlichen Charakter mit Bäumen und Sträuchern, durch das reizvolle Spiel von Licht und Schatten und die Farbenpracht der Blüter und Blätter, insbesondere im Herbst. Alleeartige Baumpflanzungen prägen die Anlage; schon am Haupttor empfängt uns eine Reihe Birken.
Heinrich Vogeler „Birken“, IHolzschnitt
Die Birke ist eine Lichtholzart. Die weiße Färbung ihrer Rinde stammt vom Pflanzenstoff Betulin, der Sonnenlicht reflektiert und so vor übermäßiger UV-Strahlung schützt. Zusätzlich wirkt er antifungal und antimikrobiell, hält also auch schädliche Bakterien und Pilze fern. Ihr schlanker Wuchs, die lichtdurchflutete Krone und die helle Farbgebung wecken im menschlichen Gemüt keinerlei dunkle Assoziationen, sondern strahlen Freundlichkeit, Lebendigkeit und eine gewisse Frische aus. In der Antike wurden Birken oft mit Fruchtbarkeit und Frühlingserwachen assoziiert; ihr symbolischer Wert steht in Zusammenhang mit dem Brauch des Aufstellens und Schmückens der Maibäume.
Mögen die Birken zwar das Bild des Neuen Friedhofs dominieren, so sind es die Nadelbäume, die dem Ort seine würdige und ernste Ausstrahlung verleihen. Neben einheimischen Arten wie der Beeren-Eibe mit ihrem leuchtend roten Samenmantel, der Gewöhnlichen Fichte, der Gewöhnlichen Kiefer und dem Gewöhnlichen Wacholder, der auch als Zypresse des Nordens bekannt ist, schmücken einige eingeführte Arten den Friedhof. Dazu zählen die Blau- oder Stech-Fichte mit ihren spitzen, bläulich-grünen Nadeln, die Serbische Fichte mit ihrer schmalkronigen, dichtnadeligen und bis zum Boden bewachsenen Form, die immergrüne, pyramidale Scheinzypresse, die Douglasie mit den nach Zitrone duftenden Nadeln, die Schwarz-Kiefer und die schattentolerante Hemlock-Tanne.
Nicht unerwähnt dürfen die einheimischen Laubbäume Rotbuche, Stiel-Eiche und Winter-Linde bleiben, die besonders prächtig wachsen, wenn sie solitär stehen und ihre Äste sich nach allen Seiten ausbreiten können.
In jüngerer Zeit ist mit dem Ginkgo ein Baum angepflanzt worden, der aus mehreren Erwägungen beachtenswert ist. Da er der einzige noch verbliebende Vertreter seiner Art ist wird er oft auch als „lebendes Fossil“bezeichnet. Ebenso interessant ist, dass die Ginkgogewächse weder zu den Nadel- noch zu den Laubbäumen gehören, sondern eine eigene Gruppe bilden.
Die ursprüngliche Heimat des Ginkgo ist Asien. In Europa ist er ein Neophyt, das heißt, eine Pflanze, die nach der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 aus anderen Erdteilen zu uns gelangte. Der Ginkgo wurde vor etwa dreihundert Jahren von niederländischen Seefahrern nach Europa gebracht. Ein 1758 in Harbke (heute Sachsen-Anhalt) gepflanzter Baum gilt als das älteste Exemplar Deutschlands. Auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern wurde der erste Ginkgo 1787 im Schlosspark von Putbus (damals zu Schwedisch-Pommern gehörend) gesetzt.
Im Jahre 2001 erklärte das Kuratorium „Baum des Jahres“ den Ginkgo biloba zum „Mahnmal für Umweltschutz und Frieden“ und zum „Baum des Jahrtausends“.
Holzschnitt im Lexikon Kinmō zui (訓蒙図彙) herausgegeben von Nakamura Tekisai, Japan, 1666
Der Farbreichtum auf dem Neuen Friedhof wird besonders durch die Vielzahl an Sträuchern mit ihren bunten Blüten und Früchten betont. Zu den auffälligsten Arten gehören Feuerdorn, Herbst-Flammen-Ahorn, Heckenkirsche, Japanische Zierkirsche, Rhododendron-Hybriden, Rot-Ahorn, Mehlbeere, Pfaffenhütchen und Schneebeere.
Ein wahrer Augenschmaus ist die herbstliche Laubverfärbung der Rot-Eiche, eine Art, die ihren Ursprung in Nordamerika hat und den „Indian Summer“ mit seinen warmen Tönen widerspiegelt. Im Gegensatz dazu, bildet die europäische Blutbuche ihre farbigen Laubblätter ganzjährig aus. Im Schatten der Bäume gedeihen Pilze sowie niedere Pflanzen wie Moose und Flechten. Diese besiedeln nicht nur den Bodenbereich, sondern auch die Borke.
Pilze
Pilze ziehen das Interesse des Menschen unter anderem durch ihre seltsamen Formen, den Farbreichtum, das schnelle Wachstum und die delikaten kulinarischen Genüsse, die sie bieten können, auf sich.
Darüber hinaus spielen sie eine wichtige Rolle als Destruenten, das heißt, sie zersetzen abgestorbene organische Substanz (Detritus) und mineralisieren diese zu anorganischen Nährstoffen, die so wieder dem Ökosystem zur Verfügung stehen. Dadurch tragen sie wesentlich zur Stoffrückführung in den Naturhaushalt bei. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist der Komposthaufen des Kleingärtners, auf dem Pilze (und andere Zersetzer) helfen, organische Abfälle in Humus umzuwandeln.
Die Ernährungsweise von Pilzen ist sehr vielseitig – sie können als Fäulnisbewohner (Saprophyten) oder als Schmarotzer (Parasiten) leben. Viele größere Arten gedeihen auf toten, verwesenden Stoffen wie abgefallenen Blättern, Totholz oder Baumstümpfen.
Auf den Rasenflächen unter den Bäumen, insbesondere jenseits des Eichkampweges, wächst eine Vielzahl von Pilzen. Hier kann man über zehn verschiedene Arten finden, darunter den den Steinpilz, den Fliegenpilz und den Birken-Röhrling.
Der Birken-Röhrling bildet mit der Birke eine Ektomykorrhiza (griech. ekto = außen, mykēs = Pilz, rhíza = Wurzel). Dabei umhüllen die Pilzfäden (Hyphen) die Feinwurzeln des Baumes. Durch ihre Feinheit können sie in winzige Poren und somit in entfernte Bodenschichten vordringen und dort Wasser und Mineralstoffe aufnehmen und an die Baumwurzel weiterleiten. Im Gegenzug erhält der Pilz von der Birke energiereiche organische Stoffe, vor allem Zucker aus der Photosynthese. Beide profitieren von dieser Lebensgemeinschaft.
Tramete auf einem Birkenast
Flechten
Flechten sind langsam wachsende Pionierpflanzen, die aus einer Symbiose von Blau- oder Grünalgen und Schlauchpilzen bestehen. Sie gelten als Bioindikatoren für die Luftqualität: Ein häufiges Vorkommen an Bäumen, Stubben oder Steinen deutet auf saubere Luft hin, während starke Umweltverschmutzung Flechten verdrängt. Darüber hinaus tragen sie zur Bodenbildung bei, indem sie vor Erosion durch Wind und Wasser schützen, Rohhumus bilden und als Wasserspeicher wirken.
Moose
Was im allgemeinen Sprachgebrauch oft als „Moos“ bezeichnet wird, sind in der Regel Laubmoose. Diese zeichnen sich durch kleine, blattartige Strukturen auf aufrechten Stängeln aus und variieren in ihrem Wachstum und Aussehen je nach Umweltfaktoren wie Mikroklima sowie den Baumarten, auf denen sie gedeihen.
Die Rinde mancher Laubbäume ist aufgrund ihrer chemischen und physikalischen Eigenschaften besonders reich bewachsen. Der Anblick der Epiphyten (nichtparasitäre Aufsiedler, die auf Pflanzen leben) erinnert mitunter an den tropischen Regenwald, wo die Epiphytenflora besonders üppig ausgeprägt ist.
An feuchten Standorten wie dem Neuen Friedhof sind auch Lebermoose zu finden, die sich von den Laubmoosen durch ihre flache („leberartige“) Struktur unterscheiden.
Die ebenfalls vorkommenden Schlafmoose fanden im Mittelalter in den waldreichen Gegenden Nord- und Nordwesteuropas als Füllmaterial für Kissen und Leinensäcke Verwendung; der spätere Begriff „Matratze“ für eine solche Schlafstatt leitet sich vom arabischen maṭraḥa („Unterlage“) ab und ist seit dem Spätmittelalter im Deutschen belegt.
Moose sind wie Flechten Pionierpflanzen, die Rohhumus bilden und so die Grundlage für nachfolgende Pflanzenarten schaffen. Auch sie speichern Wasser, schützen vor Erosion und bieten Verstecke für kleinere Tiere.
In Max Merners und Franz Boerners „Das nie verlorene Paradies – Ein Bilderwerk vom Pflanzenreich“ heißt es: „So trugen die Moose wie Algen und Pilze ihr reichliches Scherflein zur Bereitung des Bodens für die stolze Nachfolge der höheren Pflanzen bei.“
Blütenpflanzen
Auf den Rasenflächen zwischen den Grabreihen sowie auf den für künftige Gräber vorgesehenen Bereichen wachsen zahlreiche Blütenpflanzen. Besonders erwähnenswert ist eine Wildwiese im neuen Teil des Friedhofs, die 2020 auf einer Fläche von 800 m² angelegt wurde. Pflanzen wie Natternkopf, Färber-Hundskamille und Graukresse bieten mit ihren Pollen und Nektar eine wichtige Nahrungsquelle für Insekten und tragen so zur Artenvielfalt bei.
Auf den Gräbern selbst wachsen viele Zierpflanzen. Da sie zur Verwilderung neigen, können sie den ursprünglich zugewiesenen Kulturraum verlassen und in angrenzende Pflanzengesellschaften vordringen – der Mecklenburger würde sagen, „sie büxen aus“. Dort bilden sie durch vegetative und/oder generative Fortpflanzung eine mehr oder weniger stabile Population. Bei manchen Arten erfolgt die Verschleppung durch Tiere, beispielsweise durch Ameisen.
Eine besondere Gruppe der Zierpflanzen sind die Stinsenpflanzen. Darunter versteht man eingebürgerte, krautige Gewächse, die in früheren Jahrhunderten in der Garten- und Parkgestaltung Verwendung fanden. Zu den bekanntesten Stinsenpflanzen auf dem Neuen Friedhof in Parchim gehören das Maiglöckchen, die Garten-Tulpe und das Garten-Stiefmütterchen.
Vögel
Die Zierpflanzen, Sträucher und Bäume auf dem Neuen Friedhof bieten zahlreichen Vögeln Nahrung, Verstecke und Nistplätze. Untersuchungen von Parchimer Ornithologen aus den Jahren 1977 und 1998 belegen den Artenreichtum.
1998 wurden zur Brutzeit dreiunddreißig Arten beobachtet – darunter der Buchfink, die Nachtigall und die Amsel. Besonders im Frühling ist der Friedhof ein beliebtes Ziel für Vogelstimmenexkursionen.
Vogelfreund Kintzel auf dem Neuen Friedhof in Parchim
Einführender Text zur Historie des Friedhofs: Helko Reschitzki
Fotografien: Kai-Michael Reschitzki, Walter Kintzel, Lore Morr, Helko Reschitzki
Weiterführende Literatur: „Die Vogelwelt des Landkreises Parchim“ von Lothar Daubner, Walter Kintzel mit Ernst Schmitt, Horst Zimmermann; herausgegeben von der Kreisfachgruppe Omithologie/Vogelshutz im NABU-Kreisverband Parchim, 2006
Mein Zimmer muss bis 8 Uhr geräumt sein. Ich verteile gerade die Reisetaschen, Kissen und mein Laptop auf einem Gepäckwagen, als ich um 8:02 Uhr einen Erinnerungsanruf bekomme.
Die Putzkolonne trägt blaue T-Shirts, auf denen Reinigungsservice Lahntalklinik steht. Ich glaube, die Damen, die ich noch nie zuvor gesehen habe, sprechen untereinander bulgarisch und sind eine Verstärkung für die reguläre Truppe.
Um 8:30 Uhr erscheint mein Sohn – ich habe gerade noch Zeit, mich von einem meiner Mitpatienten zu verabschieden, für den heute die Therapie ausfällt, da nach wie vor mehrere Physios erkrankt sind. Ich zwänge mich mit dem Wagen in den gut besetzten Aufzug.
Zu Hause nimmt meine Nase begierig Kontakt mit alten Bekannten auf: Sellerie in Senf, Schweinekotelett und Bandnudeln. Abschied vom Duft der Klinik, der alles durchzog, wie mir jetzt eindrucksvoll bewusst wird. Ich bin zurück in einem Alltag ohne Tagespläne und Durchsagen.
Die Teenies kommen!
Ich werde mich im Haus nicht mehr auf Krücken bewegen.
Üblicher Schlaf im alten Rhythmus. Sehr erholsam. Vermutlich ist es die Ruhe hier. Die Stille. Das Bett sowieso. Alle Mitpatienten klagten über Schlafunterbrechungen. Drei Wochen reichen nicht aus, bis der alte, kranke Mensch in der anderen Umgebung ankommt. Ich suche die Stiefel, muss an die Luft. Das Gewebe aktivieren. Trainingsrunde um die Felder. Die neuen Farben gefallen mir, alles ist abgetönt und gedämpft. Der Winter geht, es beginnt nach Grün zu riechen.
Die Älteste in Spandau ist durch ihren Chirurgen-Freund über meine OP bestens informiert – das sei schon ein tiefer Eingriff ins Gewebe, eine arge Tranchierarbeit, nichts Filigranes, ein langer Heilprozess.
Der Körper macht mir noch zu viele Ausgleichsbewegungen, fällt immer wieder in eine Vermeidungshaltung. Ich spüre deutlich, dass in der Tiefe Muskeln fehlen. Das Unfallbein brennt jetzt, nach fast drei Monaten, wie bei einem Dauermuskelkater. Das Hämatom ist weiterhin präsent – deshalb viel Bewegung. Es baut sich nur durch Zirkulation ab. Und durch Zeit. Mit den Langlaufstöcken aus dem Keller werde ich den geraden Gang üben.
In meinem Radblog bin ich wie in einem Traumland unterwegs. Die Überarbeitung ruft Details wach, die ich damals beim Schreiben vergessen hatte; erst heute, in meinem fast somnambulen Zustand, steigen sie wieder auf – eine kleine Rundfahrt kann ich problemlos rekonstruieren. Ich habe nun 2020 erreicht. Das Coronajahr beginnt.
Am Donnerstagmorgen ein gutes Interview auf WDR 5 mit dem Elitenforscher Michael Hartmann zu den Epstein-Files. Ansonsten die üblichen Werbeblöcke der Parteienvertreter.
Mein Teenie erregt sich darüber, dass in filmischen Adaptionen von „Wuthering Heights“ die Figur des Heathcliff fast ausschließlich von weißen Darstellern gespielt wird, obwohl er im Buch explizit als „dunkelhäutiger Zigeuner“ beschrieben ist. Um zu verdeutlichen, wie gut dessen Erscheinung und Herkunft in den sozialen Kontext passen würden, nennt sie Bayram oder Firat aus ihrer Schule als Beispiel. Die Rassenschranke sei schließlich der entscheidende Grund für Catherines Ablehnung. Solche Gespräche führst du um 7:20 Uhr vermutlich nur mit Minderjährigen. Alle anderen fahren wie ferngesteuert den Drive-in-Bäcker an und lassen sich von den Dritt- und Viertsendern für einenschönen Arbeitstag einlullen.
Matter Tagesbeginn. Am Vormittag bricht plötzlich die Sonne durch. Am Nachmittag hält ein großer Schwarm Kraniche über dem Haus wirbelnd eine Art Konferenz, dann löst sich eine Gruppe und zieht ab. Die übrigen kreisen noch eine Weile, bevor sie folgen. Frühling.
In der neuen Ausgabe der Zeitschrift der Konrad-Adenauer-Stiftung ist man nicht realitätsblind: Seit 2022 stiegen in Deutschland die Lebensmittelpreise um 29,8%. Wir liegen damit ziemlich genau im Mittelfeld Europas; den Osten hat es dabei ab härtesten getroffen, vor allem Ungarn mit über 50%.
Vor diesem Hintergrund verhallen alle politischen Sonntagsreden und gut gemeinten Ratschläge im großen Loch der Alltagsrealität, wo viele Menschen aus ökonomischen Gründen vor allem zu billigem, minderwertigem Essen greifen. Dennoch ist jeder Versuch, den Betroffenen zu helfen, wichtig. Die Quote an adipösen Frauen und Männern in der Lahntalklinik war beträchtlich. Viele stecken in einer Spirale der Selbstvernichtung fest – aus eigener Kraft schaffen sie es kaum, daraus zu entkommen. Eine Mitpatientin erzählte mir, dass die Sucht nach Essen stärker sei als jede andere: Sie hatte 40 Kilogramm abgenommen, was ein harter Kampf war. Ich glaubte ihr das sofort. Umso bedeutsamer ist jeder kleine Erfolg: Wenn du nach einer Operation überhaupt das Pedal des Ergometers in Bewegung setzen kannst, ist das ein wichtiger erster Schritt.
Ich glaube, ich hatte während der Reha einen guten westdeutschen Sample meiner Generation. Ich hörte viel Biographisches (die Leute erzählen dann doch gern), wodurch ich mir ein brauchbares Bild machen konnte. Aus unserer kleinen Aktivgruppe, die sich dort gefunden hatte, driftete ich ernährungstechnisch als „Übertreiber“ etwas ab – und man vermutete sogar, dass ich kein Handy besitze.
Beim Feldgang spreche ich mit den Internetkabel-Verlegern. Ich verstehe sie so, dass mit der Flachbohrung Einheiten von über 100 Metern verlegt werden. Zuerst kommt das Bohrgestänge, das mit Wasserdruck nach vorn arbeitet; im blauen LKW befindet sich dafür ein 10.000-Liter-Tank. Ein Kollege misst mit einer Spezialsonde den Verlauf des Bohrkanals und markiert mit rosa Punkten den Boden. Danach wird in den Kanal Betonit eingespült, eine Mischung aus Vulkkanasche und Zement, die in Säcken bereitliegt. Nun zieht man die von einer Endlosrolle kommenden Kabelstücke einzeln ein, passt ihr Maß dem Verlauf an. Zum Schluss fügt man die Enden zusammen und verschweißt sie mit einer Spezialtechnik wasserdicht.
Ich bin heute erstmals wieder Chauffeur und sehe neben den großen Lagerhallen winzige Verwaltungsgehäuse an mir vorüberziehen. Salate und Pfannkuchen, Wäsche aufhängen, drei CDs mit Schubert-Liedern bestellen, eingespielt von den Besten ihrer Zunft zur großen Zeit der Vokalkunst – der Klinikrhythmus ist definitiv durchbrochen. Eigenartig, in den bekannten Alltag zurückzufallen. Ich genieße die Lebensqualität im Kleinen, das Heimische. Auch die neu etablierte Hausrunde mit Skistöcken hat keine negativen Folgen.
42 von 84 Tagen sind nun um. Sechs von zwölf Wochen. Halbzeit.
Am vergangenen Wochenende verbreiteten meine Mitgefangenen passend zum Dauerniederschlag eine Stimmung wie drei Tage Regenwetter und machten die entsprechenden Gesichter dazu. Für mich ist der Blick aus dem Fenster aber noch lange kein Grund drinnen zu bleiben! Ich nehme meinen Schirm und mache mich zum Sonntagsspaziergang auf – und das erstmals ohne Winterkleidung. Auch wenn ich in der dünnen Outdoorjacke nicht friere, werden die Finger, die auf der einen Seite den Schirm und auf der anderen das Handy halten, durch den Wind und Nieselregen ziemlich klamm.
Ich nutze die Runde zum Telefonieren, wobei ich zwischenzeitlich immer mal auf Lautsprecher stelle, um ein paar Fotos zu machen. Die Erde ist tiefschwarz und mit Wasser vollgesogen. An der fast eisfreien Altelbe haben sich Möwen niedergelassen, die krakeelend die Nachbarschaft belästigen. Die Spatzen ziehen sich ins Geäst der Bäume zurück, die Rehe ins dichte Gehölz. An den Zweigen hängen dicke Tropfen. Die Krähen stolzieren über die Wiesen wie mürrische Lehrer, die Schüler bei der schriftlichen Prüfung überwachen. Es gibt hier jedesmal so vieles Neues zu entdecken, und selbst das Bekannte verändert sich im Wechselspiel von Licht und Schatten, Wind und Nebel, Regen und Schnee ununterbrochen.
Die meisten meiner Mitpatienten haben dergleichen nie gesehen, da sie lieber im Haus bleiben. Ihnen genügt das Konstrukt, die Blase, in der sie während des Aufenthalts stecken. Die Therapeuten sagen, dass wir miteinander reden sollen – und wo und wann könnte man das freier und unbeschwerter tun als im Gehen?
Meine Frau und ich haben das irgendwann für uns entdeckt: Während wir am Essenstisch meist über Belangloses sprechen oder schweigen, quillt uns, sobald wir nebeneinander hergehen, der Mund förmlich über.
Doch ich bin nicht der Therapeut meiner Leidensgenossen. Ich kann ihnen das nicht verordnen. Wahrscheinlich bin ich eher der Spiegel, in den sie nicht zu blicken wagen.
Mit einem Freund spreche ich am Telefon über Gott und die Welt, wie man so schön sagt. Und über die Bücher, die ich gerade lese: „Krieg und Frieden“, „Das Neue Testament“ und dazu immer ein Thriller, der kein Nachdenken erfordert. Schon eine eher schräge Mischung, wobei ich Tolstoi am ödesten finde. Zumal der Ausgang des Krieges gegen Napoleon bekannt ist und all die Adligen mit ihren Problemen und Gefühlsregungen eigentümlich blass bleiben. Ich finde niemanden, dessen Schicksal mich wirklich berührt.
Zurück in der Anstalt blicke ich auf die Liste, in der wir Ausgang vom und Rückkehr zum Klinikgelände dokumentieren – fast zwei Drittel der Einträge stammen von mir. Am Nachmittag trage ich mich gleich wieder aus und drehe eine Runde durch die verregneten Flure. Der Schirm kämpft gegen den böigen Westwind. Auf den Feldern und Wiesen schnattern Wildgänse, die nach Nahrung suchen.
Wieder im Heim passiert mir beim Griff zum Wasserkocher ein Kurzschluss: Nach einem dumpfen Knall sind im Erdgeschoss die meisten Steckdosen im Erdgeschoss lahm – und damit auch Herd, Geschirrspüler, beide Kühlschränke und der Wasserspender. Zum Sicherungskasten hat nicht einmal die Pflegerin Zugang, doch nach einem Anruf in der Zentrale erscheint ein Handwerker, der genau weiß, was zu tun ist. Eine Notlösung für die Kühlschränke brauchen wir also nicht. Die Pflegerin stellt verzweifelt fest, dass so etwas immer ihr passiert, und erinnert an einen anderen Problemfall vor ein paar Wochen. Ich verkneife mir den Spruch, den wir Patienten bei Selbstvorwürfe hier regelmäßig zu hören bekommen: „Sie hadern mit sich selbst? Besprechen Sie das mal mit Ihrem Therapeuten.“
Am Montag folgen auf weitere schwere Regenfälle sonnige Stunden, begleitet von einem famosen Spiel aus Wolken und Licht, das sich in den großen Pfützen spiegelt. Ich erfreue mich an dem Baum, den ich „Drachen“ nenne: Der Rest eines abgebrochenen Astes ist das grimmige Haupt, zwei kräftige Äste voller Zweige sind die drohend aufgerichteten Flügel. Wahrlich beeindruckend. Und es gibt aus der Klinik endlich mal gute Nachrichten: Alle Therapeuten sind wieder im Dienst, so dass keine Einheit ausfallen muss.
Am Dienstag ist bei unserer verpflichtenden Gruppenwanderung das Tempo ungewöhnlich moderat, so moderat, dass ich knurrig werde. Die Patienten aus Haus 102, mit denen wir gemeinsam unterwegs sind, schwatzen wie aufgeregte Pfadfinder auf einem Kirchentag. Obwohl wir so gemächlich vor uns hin schreiten, sieht einer der älteren Neuzugänge aus unserem Haus extrem erschöpft aus, was mich sehr verwundert. Nie im Leben kann der Fitnessunterschied zwischen ihm und mir so groß sein, denke ich. Aber im Anschluss spricht ein Vierundzjähriger das für die anderen wohl Offensichtliche aus: „Für mich war das Tempo anstrengend, aber okay. Doch du hast dich so mühelos zwischen hinten und vorn bewegt, dass es aussah, als könntest du ohne Probleme noch schneller gehen.“
Ich beobachte, dass ich mich insgesamt wieder etwas aus der Gruppe zurückziehe. Als wäre sie mir zu klein, zu beengt geworden.
Den ersten Teil des Wegs war ich in gedrückter Stimmung und in Gedanken versunken. Ich dachte an liebe Verstorbene und daran, wie sehr ich die Schwiegeroma vermisse. Als ich für sie und die anderen Seelen ein Bittgebet sprach, kamen mir Tränen.
Was passiert hier mit mir?
Da die Hälfte meines Klinikaufenthalts vorbei ist, ziehe ich ein Fazit. Ich bin mir nicht mehr sicher, wer ich bin, wer ich sein kann oder wer ich sein werde – beziehungsweise sein will. Alles ist so verwirrend, so intensiv, so echt. Sind das Schichten, die da gerade abblättern? Und darunter – was liegt da verborgen? Ein Schwan? Ein Welpe? Ein Troll? Ist es groß oder klein? Ängstlich oder neugierig? Empathisch oder egoistisch? Voller Licht oder Schatten? Wird es belastbar sein?
Am Abend gehe ich mit einem Mitpatienten in unseren Fitnessraum, den ein Fünfundsiebzigjähriger mit viel Liebe und Engagement ehrenamtlich betreibt. Wie er sich freut, sobald wir, seine beiden Stammgäste, erscheinen! Zum Abschluss überrede ich meinen Partner, der mehr Wert auf die Geräte legt, zu Übungen mit bloßer Körperkraft. Ich erzähle ihm, dass er deutlich mehr schaffen würde, wenn er den Kopf beschäftigt, zum Beispiel mit dem Lösen von Rechenaufgaben oder dem Rezitieren von Gedichten.
Beim Hocken mit angewinkelten Beinen, den Rücken an die Wand gepresst, entscheiden wir uns für das Gedicht. Wir schwitzen. Die Oberschenkel zittern. Ich schmettere mit der Inbrunst des gequälten Körpers den „Zauberlehrling“. Neben uns sitzt ein Mittsechziger an einer Kraftmaschine. Er nimmt die Kopfhörer aus den Ohren und lauscht mit einem breiten Lächeln. Als wir fertig sind, bedankt er sich begeistert: so etwas habe er noch nie erlebt.
Am Mittwoch beschreiben mich Mitpatienten im Gruppengespräch als einen Beobachter. Aufhänger war die Maltherapie vom Montag, bei der wir unseren aktuellen Zustand und unser Befinden bildlich darstellen sollten. Ich hatte mich auf einen löchrigen, alten Zaun gestützt gemalt, über den ich entspannt lächelnd blicke. Ergänzend füge ich in der Analyserunde hinzu, dass ich nicht weiß, ob ich aus etwas hinaus oder in etwas hinein schaue, mir das auf der anderen Seite aber gefallen würde – daher das Lächeln. Und, dass ich den Zaun jederzeit überwinden könnte. Ein Patient, der mit mir öfter nach den Therapieeinheiten und am Wochenende wandern war, schüttelt den Kopf: Frank? Lediglich Beobachter? Nie im Leben.
Wer sich bei einem gemeinsamen Spaziergang mit mir am Funkeln der Natur erfreut, wer meine vielen Fotos betrachtet oder mich aus „Hamlet“ oder den „Zauberlehrling“ rezitieren hört, könnte viel über mich erfahren und müsste mich nicht in Schubladen stecken. Nun gibt es, wie ich weiß, nicht nur eine Holschuld, sondern auch eine Bringschuld. Nur verspüre ich überhaupt kein Interesse an Trash-TV, endlosen Spielerunden, an Raucherpausen, am Lungern auf dem Sofa oder dem Suhlen in Selbstmitleid. Ständig möchte ich die jungen Leute schütteln und den großen Philosophen Beckenbauer zitieren: „Geht’s raus und spielt’s!“ Aber die Mühe lohnt nicht.
Und überhaupt: Ich muss hier nicht die Welt retten, sondern nur mich selbst.
Zeit für meinen Spaziergang. Es ist kalt. Die Sonne strahlt. Zwei junge, kichernde Mädchen rollen ohne Jacke auf Inlineskates an mir vorbei. Drei Tauben fliehen erschrocken – wie Patienten, die vom Pfleger bei etwas Verbotenem ertappt wurden. Viele sind mit ihrem Hund unterwegs. Seit sechs Wochen streife ich nun schon durch den Ort, aber noch nie sind mir so viele Halter mit ihren Tieren begegnet. Wo waren die Vierbeiner eigentlich den Winter über? Bei den Vögeln geht es rund wie bei Tinder: Amsel, Meise und Spatz trällern lauthals ihre Inserate in die Frühlingsluft: „Kinderlieber Mann mit Eigentumsnest sucht Partnerin.“
Und dann ist wieder Patientenabend. Heute mit Stockbrot an der Feuerschale.
Oh, ihr vom Grau des Winters mürbe gewordenen, ihr kaltknochigen Blassgesichter, ihr vom Sturm gebeugten Sonnenlechzer: Das Licht! Die Farben! Die Luft! Ich sehe, fühle, rieche ihn! Wenn dich deine Frau verlässt, dein Mann das Häuschen versäuft, das Teenagerkind versucht, in die Babyklappe zu klettern und dein Hund im Tierheim um Asyl bittet – auf ihn ist immer Verlass: Freund Frühling kommt wie jedes Jahr. Und, liebe, Eisgefährten und Schneegenossinnen, unser aller guter, treuer Kamerad ist nah! Er wird jetzt wohl immer nur für ein paar Tage bleiben, sich wieder zurückziehen, dabei ein paar Schlenker gehen, mal hier und mal dort ein Fleckchen Krokusse und Schneeglöckchen ins Weiß und den braunen Matsch hauchen – aber dann, eines gar nicht mehr fernen Morgens, wenn sein Bruder, der Winter, endgültig in den rauen Bergen angekommen ist, schlägt er mitten unter uns für ein paar Monate sein Lager auf, taucht alles in Farbe, Wärme und Zuneigung. Noch rangeln Lenzi und sein fahler Blutsverwandter miteinander – aber seit letzter Woche sind hier die Minusgrade verschwunden, und mit ihnen der Schnee. Dort, wo es vorher ratschte und knirschte, schmatzt es nun den Schuh aus der Erde; wo zwei Jungs im Kleinen Tiergarten ihre ferngesteuerten Autos über die Frostkruste schlittern ließen, steht jetzt eine Pfütze. Die Krähen müssen nun nicht mehr mühsam nach Nahrung picken.
Am Sonntag Dauerregen, ein ganz feiner, fast wie Nebel. Die Stadt ist grau, alles verschwimmt. Laternen, Stromkästen, Häuser, Zäune, Verkehrsschilder, Abfalllbehälter, Fahrzeuge, Menschen spiegeln sich im Asphalt, werden eins. Wasserlachen. Wasserweinen:
An der alten St.-Johannes-Evangelist-Kirche laufen Georgios und seinem Gefährten Tränen über Gesicht und Körper. Seit März 2017 wird das frühere evangelische Gotteshaus, das seit 1978 aufgrund fehlender Schäfchen nur noch als Kulturraum diente, von der rum-orthodoxen Gemeinde des Hl. Georgios genutzt, die dort regelmäßig ihre Liturgien abhält – eine in ganz Europa verbreitete Gemeinschaft von Christen, vor allem aus dem Nahen Osten, in Berlin vermutlich viele Syrer, die seit 2011 mit Ausbruch des Bürgerkriegs vor der Verfolgung und Gewalt aus ihrer Heimat flohen. Wie heißt es auf der Schallplatte, die ich als Kind immer wieder hörte: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall.“ Ich passiere den plaudernden Pulk der Gottesdienstbesucher, bin auf dem Weg zu den drei neuen Ausstellungen im „KW – Institute for Contemporary Art“ – die mich dann überhaupt nicht ansprechen. Kann passieren. Der Ausflug in die Spandauer Vorstadt soll aber nicht umsonst bleiben – in der „Alfred Ehrhardt Stiftung“ sehe ich klasse Wald- und Ostsee-Fotos aus dem Rügener Nationalpark „Jasmund“ von Arno Schidlowski.
Während Schidlowski auf poetische, an die Romantik angelehnte Art Bilder einfängt, geht die große mexikanische Fotografiealtmeisterin Graciela Iturbide mit ihren vornehmlich Schwarz-Weiß-Arbeiten in eine gänzlich andere Richtung und konzentriert sich auf Menschen, die in ärmlichen Verhältnissen leben, dokumentiert Rituale und die mystischen Dimensionen des Alltags. Iturbide lebte zeitweise in indigenen Gemeinschaften, hing mit der White Fence Gang in East LA ab (die Chicanas machen selbst auf den Fotos noch Angst), ging auf Märkte, in Hurenhäuser oder Fightclubs, gewann das Vertrauen von „Menschen des dritten Geschlechts“, fing das Zusammenleben von Mensch und Tier auf engstem Raum ein. Tod, Verletzlichkeit, Krankheit Geburt sind auf ihren Bildern allgegenwärtig. Von einigen Portraitierten wurde sie Jahre danach zum erneuten Fotografieren eingeladen und konnte so familiäre Entwicklungen und Lebenswege weiterverfolgen. Aktuell sind viele ihrer Arbeiten im C/O Berlin zu sehen – ich war bereits zweimal da und bin nachhaltig beeindruckt.
Beim zweiten Besuch der Iturbide-Ausstellung bin ich dort mit meiner wundervollen Künstlerkollegin Jo Pauli verabredet – sie und ich hatten uns für bestimmt zwölf Jahre aus den Augen verloren. Vom C/O gehen wir ins Bistro meines Biomarktes, wo wir dann, vollkommen zeitvergessen, bei Heißgetränken und Gebäck sechs Stunden klönen und uns auf den neuesten Stand bringen – es gibt viele Gemeinsamkeiten. Jo ist wie ich oft im Wald, geht im Winter draußen schwimmen, hat Schallplattencover gestaltet und fürs Theater gearbeitet. Sie bietet Kurse an, in denen sie Menschen begleitet, die, wie sie selbst, das Unbefangene und Wilde der Kinderzeit wiederentdecken und sich als Teil der Natur begreifen möchten. Wir blättern in einer Mappe voller Zeichnungen, die wir 2010 zusammen anfertigten. Oft ist überhaupt nicht zu klären, wer damals was aufs Papier brachte. Die Motive sind herrlich rätselhaft. (Wir überlegen, daran weiterzuarbeiten.) Jo veröffentlicht in diesem Jahr ihren ersten Roman, auf den ich wirklich gespannt bin. Ein sehr herzliches Wiedersehen, das noch Tage später nachklingt. Schön.
Eine weitere Wiederbegegnung gab es im Nachbarschaftshaus beim Tischtennis, als nach einem guten halben Jahr wieder der Syrer auftauchte. Ein gelernter Buchhalter, dem die alten Abschlüsse nur sehr schwerlich anerkannt werden. Er macht gerade seinen zweiten Deutsch-Schein, möchte danach einen Masterstudiengang belegen. Er lebt mit seinem hart arbeitenden Bruder in einer winzigen Wohnung, verdient als Regaleinräumer im Supermarkt etwas für die Haushaltskasse dazu, bekommt kein Geld vom Staat. Wir Mitspieler geben ihm Tipps, wie er sich durch den Ämterdschungel schlagen kann. Als Sohn eines Flüchtlings, der an der Hand seiner Mutter aus Ostpreußen floh, habe ich die Horrorberichte meines Vaters noch im Ohr, weiß, dass es oft nur ein Fingerschnipsen der Geschichte ist, das einen ins Paradies oder die Hölle katapultiert. Dass man hilft, schließt nicht aus, dass man die Flüchtlingspolitik kritisch sieht.
Auf tagesschau.de (dem Onlineauftritt der Ex-Nachrichtensendung), lese ich, dass Polens Regierung beschlossen hat, an der Ostgrenze des Landes eine achthundert Kilometer lange Befestigungsanlage gegenüber der Russischen Förderation zu errichten. Dafür sollen große Landstriche renaturiert und in schwer durchdringliche Wildnis umgewandelt werden, auf dass die feindlichen Panzer im Moor und Dickicht steckenbleiben. Wenn das in Zeiten von NATO-Bündnisfall, Drohnen und Raketen nicht so ein offenkundiger Unfug wäre, könnte man sich darauf freuen, dass diese neuen Barrieren sehr schnell die jahrhundertealten Schmugglerpfade wiederbeleben dürften; die geheimen Übergänge der jüdischen und politischen Flüchtlinge, der Partisanen und Agenten im Zweiten Weltkrieg; die Routen, auf denen nach 1945 Zigaretten, Alkohol und Konsumgüter in das jeweilige Nachbarland gelangten, und die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks von Menschen- und Waffenhändlern genutzt wurden … Aber macht nur, liebe Polen – die Wölfe, Bären, Luchse, Wildkatzen, Elche, Rehe, Füchse, Wildschweine, Biber, Otter, Würmer, Käfer, Spinnen, Bäume, Sträucher, Blumen, Gräser, Farne, Moose, Viren, Bakterien, Pilze werden es euch danken. Und die Feldmaus auch.
Am Dienstag nachlassender Muskelkater. Nach der Blutentnahme zum Arztgespräch. Dann Gruppenübung und Lymphdrainage. Auf dem Ergometer die 10-Uhr-Nachrichtensendung gesehen, die sich zu einhundert Prozent mit dem deckt, was schon der DLF berichtete, nur eben illustriert – der Sinkflug der Altmedien geht weiter. Für das Thema Social-Media-Suchtgefahr und TikTok-Domestizierung an Schulen auch heute wieder nur eine Philologin als Interviewpartner. Unser Teenie hat gerade in Lüneburg mit vier Gleichaltrigen ein nahezu Wlan-freies Wochenende verbracht – die gastgebenden Eltern genehmigen täglich nur zwanzig Minuten Onlinezeit, am Sonntag bleibt die Verbindung komplett ausgeschaltet. Alle haben sich prima unterhalten. Ab und zu Schauer, das atlantische Tief lässt den Baukörper heulen. Aus der Vogelwelt kein Laut – die Tiere ziehen sich in geschützte Bereiche zurück. Schöne Wolkenbilder.
Mittwoch zunächst in die Gymnastikhalle. Die Generation Sozialstaat schnurrt gefügig vor sich hin – alles geht seinen Gang, alles hat sein System. Man ordnet sich ein, fällt nicht auf und verlässt nach drei Wochen die Anstalt. Mit 30 Kilo Übergewicht rein, mit 29 wieder raus – was durch eine Änderung der Lebensführung, also Prophylaxe, vermeidbar wäre. Eigentlich müsste die Klinik den ersten Schritt in Richtung der eigenen Ernährungsberatung vollziehen und einfach mal keine Aufbackware mehr anbieten und die Kaffeemaschine stillegen. (Dr. Müller-Wohlfahrt würde diagnostizieren, dass die Faszien der Deutschen verklebt sind.) Eine Asiatin nickt mir anerkennend zu, als sie in meinem Tee Ingwerscheiben entdeckt.
Ein heller Tag, lange sonnig. Wieder Vogelstimmen. Ein dutzend Kilometer auf dem Ergorad. Die tägliche Sieben-Etagen Übung. Der Physio quält mich ohne Krücken über einen langen Flur und ist der Ansicht, dass freies Gehen bei mir nur noch Kopfsache sei. Wegen des Aschermittwochs Eintopf. Um 20 Uhr bettwärts – ich lese, wie Nabokov den sentimentalen Dostojewski auf die Schliche kommt.
Um 3:40 Uhr ist am Donnerstag die neue Schneefront da. Ab 5:40 Uhr unablässig Räumungsgeräusche – wie auf einer Baustelle. Die Raucher pilgern gleich nach dem Aufstehen auf Krücken durch das Schneetreiben in ihre Außenhütten. Ich bekomme eine Kraftraum-Einweisung. Mein Training weiter effizient – ich spüre genau, an welchen Muskeln der Körper Nachholbedarf hat. Eine Ärztin gibt mir den Tipp, während des Treppensteigens das Einmaleins in Reihen aufzusagen, dadurch bildet das Gehirn Bewegungsautomatismen aus – wir müssen uns ständig selbst überlisten. Im Radblog nun im Jahr 2019 angelangt. Ich bin zufrieden mit den Überarbeitungen, zumal ich an diesem Scheibtisch nur eine Stunde schmerzfrei sitzen kann. Mit zwei Äpfeln das Vitaminminimum des Tages erreicht. Ab Nachmittag Tauwetter. Sichtung von Weidenkätzchen, ganz zarte Verfärbungen in den Bäumen. Zu wenig frische Luft geschnuppert.
Kalter Freitagmorgen, aber trocken und sonnig. Endlich mehrere Tiefschlafphasen. Außer Gruppenübung kaum Programm. Freiwillig aufs Ergometer. Im Fernseher läuft parallel ein schöner Olympia-Wettbewerb, was mich motiviert. Meine Muskeln senden trotzdem die Botschaft, dass es Zeit wird, den Trott hier zu verlassen – am Dienstag gehts nach Hause. Im Abschlussgespräch sagt die Ärztin, dass ich für meine Altersgruppe (sechzig plus) gesundheitlich gut dastehe und mich glücklich schätzen könne, keine chronischen Krankheiten zu haben und Medikamente nehmen zu müssen.
Im Lauf des Vormittags grauwolkig. Nach einem frühen Mittagessen fahre ich mit dem Klinikbus hinunter in die Stadt. Bei Rewe besorge ich neue Ergänzungsnahrung: Hundertprozentigen Zitronensaft, der mir weiterhin die Südfrüchte ersetzen wird, sowie Müsli. Für ein paar meiner Mitpatienten nehme ich eine Handvoll Bio-Fruchtriegel mit – einige hätten Mars bevorzugt. (Ich gelte in meinen Essgewohnheiten allgemein als gesichert extrem.) Nach dem Einkauf promeniere ich ins Stadtmuseum. Die Kurgastbücher der Jahre 1840 bis 1890 füllen ganze Bände. Es ist genauestens verzeichnet, wer wo logierte – Dostojewskij beispielsweise in einer bescheidenen Pension. Jacques Offenbach führte in Bad Ems seine Operetten aus den Bouffes-Parisiens auf, darunter „Ba-ta-Clan“, nach der im Ort später ein Musiksaal benannt wurde. Lohnendes Material für die historische Soziologie – und eine Bestätigung dessen, dass wirklich jede Welt irgendwann untergeht. (Man sollte dabei nur achtgeben, dass nicht allzu viel Blut fließt.) Dann ein weiteres, schönes Gespräch mit Andrea Jacobi, die in Weimar im Plattenbau aufwuchs und mir von den Schulfächern TZ und PA sowie den Codes des Ostens erzählt. Mit Einbruch der Dunkelheit zurück in der Klinik. Beim Abendbrot unterhalte ich mich mit einem verrenteten Industriehistoriker über die hiesige Tuchindustrie. Als ich von meinen privaten Erkundungen und den Veröffentlichungen beim Verein „Rheinische Industriekultur“ berichte, wird er ganz reserviert – sein Konkurrenzinstinkt setzt ein.
Der Samstag feuchtkühl. Ausfüllen des Patientenfragebogens. Ich fälle ein gnädiges Urteil – man darf sich ja freuen, dass es solche Reha-Einrichtungen überhaupt noch gibt. Die freiwilligen Angaben überspringe ich, da solche Meinungserfassungen nicht gerade zum Fortbestand der Kliniken beitragen – die Rundumversorgung ist am Ende ein Luxus. Eine Ärztin illustrierte im Gespräch mit mir ihre Sicht des Klinikbetriebs am Beispiel des Schwimmbads, das wegen komplexer behördlicher Entscheidungswege über sechs Jahre geschlossen war. Zur alternden, zunehmend pflegebedürftigen, dementen Gesellschaft meinte sie nur: „Wohl dem, der Kinder hat.“
Ich schaue mir den Werner-Herzog-Dokumentarfilm über die brennenden Ölfelder im Kuweit an und höre anschließend ein Interview mit ihm. Sein sehr vernünftiges Arbeitsprinzip: Immer von der Faszination ausgehen, vom Wundern über die Menschen und Dinge. Das wird bei mir selbst noch viel zu stark von vorgefertigten Stimmungen, Meinungen und den eigenen Gedanken überlagert. Wattewolken schränken die Sicht auf die Hügel ein, vor der Klinik ist ein reges An- und Abfahren der Patientenbesuche zu beobachten.
Werner Herzog „Lessions in darkness“, 1992
Während ich Tee mit einem Schuss Zitronensaft trinke, überfliegt um 16:41 Uhr eine Hundertschaft Kraniche das Haus. Das Abendessen mit den Industriebroten und den faden „Pflücksalaten“ ist wie immer der schlimmste Teil des Tages, da alles auf Sättigung reduziert ist, es überhaupt nicht um Genuss geht. Im Speisesaal kommen auch keine größeren Gesprächsrunden zustande – wenn die Aufnahme der Nahrung verrichtet ist, ziehen sich die Co-Rehabilitanden schnell zurück. Bis auf Ergometer und Stufensteigen heute keine weiteren Übungen. Der einsame Höhepunkt in all der Ereignislosigkeit war, vier Stück Wäsche in den Keller zum Vollautomaten zu bringen. Mir gefallen im Haus die allgegenwärtigen Travertinverblendungen und Fußböden. Der helle Muschelkalk mit fossilen Einschlüssen war in der Zeit, in der man in der alten BRD noch aus den Vollen schöpfen konnte, äußerst beliebt in solchen parastaatlichen Gebäuden.
Sonntagsbesuch meiner Kinder, die die Klinik als leicht bedrückend empfinden. Gemeinsamer Ausflug ins heruntergewirtschaftete Nassau, dessen einziger Lichtblick eine Rodin-Plastik ist. Die MwSt-Senkung hat die Gastronomie auch nicht gerettet – wir fliehen vor den Billigfettschwaden zurück nach Bad Ems. Mein Rennrad-Buddy No. 1 meinte nach der Exkursion neulich (bei der sie mich zu sechst besuchten), dass den anderen der desolate Zustand der Kleinstädte in der Gegend gar nicht aufgefallen sei. Sie betrachten das alles aus einem landschaftlich-erholungsaktivistischen Blickwinkel und sehen weder die verhängten Ladengeschäfte, hinter denen dann ja oft eine gescheiterte Existenz steckt, noch die verfallende Bausubstanz der Ein- und Mehrfamilienhäuser, oder die Skins in den Billigpizzerien. Nur der sommerliche E-Rad-Tourismus erweckt diese Orte kurz zum Leben, ansonsten dienen sie bloß noch als Anbieter für billigen Wohnraum für das nächste Ballungsgebiet. Und in Kalbe an der Milde oder Genthin gibt es ja nicht einmal mehr das. Werner Herzog spricht vom unsteten Untergrund der Gesellschaften und benutzt tektonische Platten als Metapher. Auch wir in Deutschland sind gerade inmitten so einer Verschiebung und müssen zusehen, dass keine Spalten entstehen. Die Wäsche von gestern ist jetzt trocken.
Der letzte Rehatag windig und wolkig. Im Tal laufen die Motorsägen beim Grünschnitt. Statt der Gruppentherapie heute ein angeleiteter Außenspaziergang. Die Hinweise zur Gangtechnik und Stärkung der Tiefenmuskulatur des Beckens wie immer gut – letzte Empfehlungen vor der Heimfahrt. Ich falte Pullover und fülle die Reisetaschen – geordneter Rückzug aus diesem merkwürdigen Setting. Ein paar leichte Übungen, Tee trinken, Essensvorräte aufbrauchen. Letzter Besuch bei meinem Physio-Coach. Die Genderpyramide hat sich hier in der Lahntalklinik bestätigt: Männer arbeiten im medizinischen Bereich erst ab der Physiotherapeuten-Ebene; die Pflegedienste sind zu 100 Prozent weiblich, Küche und Bedienung ebenso (bis auf eine Hilfskraft). Bei den unteren Ärzten: 50/50, obere Ärzte zu 100 Prozent männlich. Verwaltungspersonal und Empfang gemischt (davon drei Männer mit Behinderungen). Den Chefarzt habe ich nur als wehenden Kittel erlebt, der zwei von drei Patientenbegrüßungen hat ausfallen lassen. Die Belegschaft spricht für ihn – alle sind sehr aufmerksam, einfühlend und gewissenhaft. Gute Menschen.
Gegen 21 Uhr fast alles gepackt. Ein letztes Bier mit dem ehemaligen Dachdecker. Ein Handwerker mit Leib und Seele, der ständig über Verbesserungen und Materialfragen nachdachte. Nachdem er sich komplett überarbeitet hatte (inklusive schwarzer Samstage), zog sich der Körper immer enger zu, bis er war kaum mehr regungsfähig war. Dann streikten sowohl das Seh- als auch das Sprechvermögen – ein Rheumatologe diagnostizierte das als Autoimmunabwehr. Er kam in eine spezielle Reha, wo man alles auf Null stellte, allmählich kamen die Sinne wieder. Von einem schweren Radunfall und seiner Arbeit hat er nun Knieprothesen nötig. Ein ausgesprochener Reha-Kenner – diese hier schnitt ordentlich ab. Wie alle, die entlassen werden, freuen wir uns auf besseren Schlaf und den gewohnten Lebensrhythmus. Ich bin gespannt auf meine Wiedereingliederung, die ersten Meter zu Rade und die ersten Wanderungen. Nach dem Duschen zu Lew Tolstoi, von dem Nabokov schreibt, er habe in den Erzählungen ein perfektes Zeitgefühl. Die Zaubertricks der Autoren.
Mit dem Freitag beginnen die letzten frostigen Tage. Die Sonne scheint. Der Schnee funkelt. Der Atem dampft. Die Hände stecken in Handschuhen, die in den Jackentaschen vergraben sind. Eine tief heruntergezogene Mütze dämpft die Geräusche.
Am Nachmittag gibt es in der Caféteria Stollen. (Musste wohl weg oder war im Sonderangebot – oder beides.) Antizyklisches Feiern gefällt mir: Christstollen statt Pfannkuchen zur Fastnacht.
Die meisten Mitpatienten lungern auf den Sofas und Sesseln herum. Einige sind eingeschlafen. Ich laufe drei Runden ums Klinikgelände.
Ohne das GPS vom Handy funktioniert mein Fitnesstracker wie die berüchtigten fünf Minuten des gekochten Eies in Loriots berühmten Sketch. Da ich ein versierter Schrittzähler bin, weiß ich trotzdem, dass es 5,2 Kilometer (plusminus 100 Meter) sind.
Die Gruppenwanderung fällt aus. Alles jubelt. Ich wandere dennoch. Der gleichaltrige Neue schließt sich mir an. Wir gehen so zügig wie bei der obligatorischen Runde, sind aber schneller, da wir nicht quer durch das Gelände schreiten, sondern befestigte Wege nutzen. Die Windräder dröhnen heute besonders laut: ein permanentes Summen und Brummen begleitet uns. In der Ferne gackern Wildgänse.
Am Abend noch ein Spaziergang, diesmal ist der jüngere Neuzugang mein Gefährte. Er sagt, dass das gesamte Klinikleben ein Konstrukt sei: künstlich, befristet, fern vom wirklichen Leben, einschließlich unserer leicht distanzierten Art miteinander umzugehen, die uns vor Schmerz und Enttäuschungen schützen soll. Das erinnert mich an meine eigenen Gedanken vor ein paar Wochen, als ich meinte, dass das hier nicht die Realität widerspiegele. Er fügt hinzu, dass wir uns alle unter normalen Umständen nie begegnet wären, weshalb er nichts davon halte, anschließend in Kontakt zu bleiben. Ich gebe ihm recht, denn auch ich erwarte keine Freundschaften fürs Leben, und bin wie er sehr skeptisch, was die Haltbarkeit von Empfindungen über diese begrenzte Zeit und den sicheren Ort hinaus angeht.
Er vergleicht das mit Gefühlen unter Arbeitskollegen, die für ihn ebenso nur infolge einer Zwangsgemeinschaft zustandegekommen sind. Hier widerspreche ich: Auf der Arbeit ist man maximal acht Stunden aneinander gebunden, alle gemeinsamen Aktivitäten darüber hinaus, sei es Kaffee trinken oder Ausgehen, sind ja freiwillig – während der Klinik ist das jedoch nur bedingt der Fall.
Er kam auf das Thema, weil sich während der Therapie ein Pärchen gefunden hat, das in wenigen Tagen die Klinik verlässt, um wieder ins jeweilige Leben zurückzukehren. Er ist sich sicher, dass das Konstrukt nicht lange halten wird. Nun, wie das ausgeht, werden er und ich nie erfahren, da wir die beiden ja aus den Augen verlieren.
Am Samstagvormittag gehe ich joggen. Es ist mild, um die vier Grad. Alles ist mit großen Pfützen übersät. Zum geschmolzenen Schnee haben sich mehrere Stunden nächtlichen Regens gesellt. Meine Strecke ist zum überwiegenden Teil gepflastert oder asphaltiert, weshalb mich das nicht stört. Der Wind kommt, verglichen mit dem Vortag, aus der entgegengesetzten Richtung, was ich an der Ausrichtung der Windräder sehe, die weiterhin laut jaulen, wimmern und dröhnen. Dazu hallen Schüsse über das Land. Ich passiere einen Schießplatz, vor dem etwa zehn Autos stehen, in denen zuvor Männer und auch einige Frauen mit Waffen saßen, die sich nun auf dem Platz miteinander messen. Ich wollte eigentlich gar nicht so lange unterwegs sein, aber nach einer falschen Abbiegung wird es dann doch wie in der Vorwoche die 12,5-Kilometer-Runde.
Am Nachmittag kommt mein angekündigter Überraschungsbesuch –die Leipziger Nachbarn. So ein geplanter „Überraschungs“besuch ist das perfekte Vorgehen, wenn man den Therapeuten nicht um Erlaubnis bitten und den „Wächtern“ (wie ich die Pfleger manchmal halb im Ernst nenne) nicht bescheid sagen möchte. Die gängige Redewendung unter uns Patienten lautet: „Wer nicht fragt, kriegt auch keine ablehnenden Antworten.“
Kurz nach 13 Uhr treffen wir uns auf dem Parkplatz des Klosters. Die Nachbarn haben meine Frau und meinen Sohn mitgebracht. Wo wir schon mal da sind, besichtigen wir die Anlage. Der im zwölften Jahrhundert errichtete und später zweimal erweiterte Bau ist beeindruckend – schlichte norddeutsche Backsteingotik, die allein durch die schiere Größe Ehrfurcht erweckt. Obwohl draußen fast zehn Grad herrschen, bilden sich beim Ausatmen im Gemäuer Dampfwolken. Den Klostergarten lassen wir aus – zum einen wächst da momentan noch nicht viel, zum anderen würden wir dort mit den Schuhen zentimetertief im schlammigen Boden versinken.
Da meine Besucher die Elbe sehen möchten, geht es anschließend nach Tangermünde. Aufgrund der unpassierbaren Strecke, die ich gut von meinen Wanderungen kenne und von der ich abrate, fahren wir nicht auf kürzestem Weg dorthin, sondern über befestigte Straßen.
Zunächst kehren bei meinem Lieblingsbäcker ein – alle sind begeistert. Danach schlendern wir durch die Altstadt mit Rathaus, Dom, Stadttor und Stadtmauer. Für mich ist es bereits das fünfte Wochenende in Folge, an dem ich hier bin, aber die Nachbarn haben noch den frischen, begeisterten Entdeckerblick: „Wie Lübeck, einfach zauberhaft!“ Am Hafen sehen sie dann auch die Elbe, und bekommen gleichzeitig einen Eindruck vom kräftigen Wind, der hier ständig weht. „Und dabei wanderst du? Respekt.“
Dann wird es langsam Zeit für den Abschied – die Rückfahrt nach Leipzig dauert ungefähr zweieinhalb Stunden. Ich werde vor dem Klinikgelände abgesetzt und bekomme von meiner Familie und den Nachbarn einen Sechs-Wochen-Vorrat Schokolade überreicht. Wie gut, dass man hier so viel wandern und Sport treiben kann.
Die sechste Klinikwoche hat begonnen. In der Teamvisite eröffnet der Oberarzt meine persönliche Gesprächsrunde mit der Frage, wie es mir geht. Mit einem Lächeln antworte ich: „Es geht mir gut“ und schaue ihn, die zwei Therapeuten und die Vertreterin der Pflege nacheinander an. Dann schweige ich. Diesmal unterbricht der Arzt das Schweigen: „Sie sagen ja gar nichts?“ – „Nein. Es geht mir gut.“ Ich überlege kurz: „Ich fühle mich wohl hier. Der Aufenthalt tut mir gut.“ Alle lächeln mich an. Ich lächle zurück. „Das ist gut“, sagte der Oberarzt. „Ja“, bestätige ich. Dann stelle ich noch eine Frage und erhalte die Antwort. Damit bin ich heute von allen, die nacheinander zum Gespräch hereingerufen werden, am schnellsten fertig.
Der Donnerstagmorgen beginnt wie gewohnt mit einer Musikeinheit. Fünfundzwanzig Minuten lang singen wir aus dem „Therapeutischen Gesangsbuch“. Etwa vierzig Liedtexte stehen zur Auswahl – von Kinder- und Volksliedern über Schlager und deutschen Pop bis hin zu englischsprachigen Klassikern. Heute schaffen es neben den unvermeidlichen „Bella Ciao“ und „Auf der Mauer, auf der Lauer“ unter anderem Die Ärzte, Fools Garden und Udo Jürgens auf unsere Liste. Von unseren drei Neuzugängen (es kam noch jemand in dieser Woche) stimmt einer kräftig ein, der zweite eher zaghaft, der dritte gar nicht. Ob meine eigene Stimme angenehm klingt, kann ich nur schwer beurteilen, was mich aber nicht davon abhält, fleißig mitzusingen – was hier drinnen passiert, bleibt hier drinnen.
Am Mittwoch ist wie immer Patientenabend. Dieses Mal tragen wir zufällig ausgewählte, uns völlig unbekannte Präsentationen aus dem Internet vor. Ich melde mich freiwillig für den ersten Beitrag. Es geht um Italian Brainrot, einen TikTok-Trend, in dem KI-generierte Figuren in absurden Szenen italienische Klischees verkörpern. Jede Folie bringt eine Überraschung, jede Figur ist Neuland für mich. Immerhin weiß ich jetzt, was die Kids beim Fußballtraining meinten, wenn sie sich gegenseitig als „Bombardino Crocodilo“ (eine Kreuzung aus Krokodil und Kriegsflugzeug), „Tralalero Tralala“ (ein dreibeiniger Hai mit Turnschuhen) oder „Ballerina Cappuccina“ (eine tanzende Cappuccino-Tasse) bezeichneten. Mein Publikum grölt, und auch ich habe so viel Spaß, dass ich gleich zwei weitere Male auftrete.
Erstaunt stelle ich fest, wie sehr mir das Blödeln liegt. Ich verspüre kein Lampenfieber, nur Vorfreude. Ich frage mich, ob ich tief in mir schon immer so war: schlagfertig, extrovertiert und offen für Neues – und wo und wann das verloren ging. Aber vielleicht spielt das ja keine Rolle mehr, denn jetzt fühle ich mich so frei, dass ich einfach Unbekanntes ausprobiere und sogar Freude daran habe – so wie auch beim Singen von Sinatra-Klassikern bei den Karaoke-Abenden.
Ansonsten zieht es mich weiterhin nach draußen. Es hat nochmal geschneit, alles ist weiß gezuckert. Die Luft ist frei vom Nebel und klar. Immer stärker dringt die Sonne hervor und schiebt die Wolken beiseite. Es ist ein Licht, das mich jedes Mal aufs Neue bannt.
Und wo wir schon bei Neuem sind: Während die alteningesessenen Patienten nur noch grinsen, wenn ich einen Spaziergang vorschlage, kommen zwei der Neuen öfter von sich aus auf mich zu und fragen, ob ich Lust hätte, mit ihnen eine Runde zu gehen.
Und so zeige ich, die wandelnde Landkarte, ihnen die schönen und verfallenen Ecken, führe sie zu Friseur, Zahnarzt oder Apotheke, bringe sie ans Ufer und aufs Eis der Altelbe oder betrachte mit ihnen den Sternenhimmel.
Nebenbei tauschen wir Lebensgeschichten aus, und sie erzählen mir, dem erfahreneren Klinikgast, von ihren Ängsten in Bezug auf den Aufenthalt hier. Diese Gespräche scheinen dazu beizutragen, dass sie langsam heimisch werden.
Oh Mann, wie schräg ist das denn! Bin ich wirklich noch Ich?! Derselbe, der sich vor sechs Wochen von der Hausärztin bestätigen lassen musste, dass es nicht schlimm ist, hierher zu kommen?
Ein weiterer grauer Tag. Aus dem wolkenverhangenen Himmel fallen kleine Schneeflocken. Es ist kein heiter stimmender Tanz, nein, die Flöckchen fallen, als wollten sie sich so schnell wie möglich auf der kalten Erde niederlegen – Zack, unten! Da brauche ich als Kontrast etwas, was mich fröhlich stimmt. Also packe ich nun endlich das an, was ich schon seit ein paar Tagen erledigen wollte.
Zur Maulwurfserde, die ich bei einem Spaziergang eingesammelt hatte, ist inzwischen ein weiteres Beutelchen gekommen. Nun reicht die Menge aus, um einige der Setzlinge einzutopfen, die ich auf der Fensterbank hege. Eigentlich ist das keine Aufgabe für den tiefsten Winter, aber kürzlich entdeckte ich, dass eine Rose sich kaum noch aus der Vase lösen lässt. Sobald die Arbeitsfläche in der Küche vorbereitet ist, geht mir alles schnell von der Hand. Am Ende habe ich vier fertige Pflänzchen in der Erde. Nun müssen sie nur noch wachsen. Eines Tages werden sie mich mit ihren Blüten und Blättern erfreuen und einen feinen, frischen Gartenduft im Haus verströmen.
Während ich behutsam neues Leben in Erde setze und ihm Raum zum Gedeihen gebe, geht gerade an anderer Stelle etwas lang Vertrautes zuende:
Meine Jüngste verabschiedete sich am Wochenende mit einem Auftritt von der Garde des Spornitzer Karnevalvereins. Auch beim Showtanz, an dem sie und ihre Mittänzerinnen so lange und fleißig gearbeitet hatten, stand sie zum allerletzten Mal mit auf der Bühne. Mit einem tränenden Auge macht sie nun ihren Platz für jüngere Mädchen frei. Seit 2009 engagierte sie sich im Verein, zuerst mit ihrer großen Schwester und dann allein. Wie viele Proben und lange Fahrten von Hamburg zum Training nach Spornitz liegen hinter ihr! Was für eine superschöne Zeit unter Freunden und Gleichgesinnten!
Ihr letzter Auftritt war auch für mich ein stiller Abschied: Kein aufregendes Herzklopfen mehr bei den Darbietungen, keine Angst mehr, dass die Karten für die begehrten Abendvorstellungen im Dorf ausverkauft sein könnten, keine bangen Wartestunden, bis alle von den Auswärtsveranstaltungen spät nachts zu Hause ankamen, keine Sorge um ihre Gesundheit, wenn sie nur mit dem knappen Kostüm bekleidet bei Minusgraden an den großen Umzügen teilnahm …
Und es ist auch der Abschied von meinem stillen Helferdasein im Hintergrund, wenn es galt, das Garderöckchen zu waschen und zu bügeln, das Bäffchen zu reparieren, oder die Mädchen pünktlich zum vereinbarten Ort zu bringen. Ab jetzt wird kein Telefon mehr den Papa wecken und ihn eine vertraute Stimme bitten: „Kannst Du uns jetzt abholen?“ Denn auch er war immer für die Mädchen da.
Wehmütig steht meine Kleine in der Küche: „Mama, und nun?“ – „Jetzt hast Du Zeit für Neues!“ Ja, sie hat Pläne – und das beruhigt mich. Seit kurzem ist sie verlobt. Unser kleines Mädchen!
Jeden Tag fällt neuer Schnee, heute wieder zehn Zentimeter. Da ich mich mit dem Rollator jedes Mal nach ein paar Metern festfahre, bleibt mir nichts anderes übrig, als in der Wohnung zu bleiben. Aber morgen ist sowieso volles Programm: Da kommt meine bulgarische Pflegerin, und danach bin ich immer vollkommen erschöpft – dabei mache ich gar nichts außer Haare waschen. Beim letzten Mal hat mir Manyi Kürbiskernöl geschenkt; sie sagt, das sei das Gesündeste überhaupt. Das probiere ich nun aus und rühre mir morgens einen Löffel in mein Müsli. Vielleicht werde ich noch hundert! Ob ich in dieser Woche mit meiner Nachbarin ins Kino komme, werde ich sehen – unsere Nebenstraßen werden oft nicht geräumt, und auch die Hauptstraßen sind oft glatt. Aber im Radio haben sie gesagt, dass es am Wochenende wärmer werden soll; vielleicht taut es dann ja. Eigentlich ist das ein Winter, wie ich ihn von früher kenne.
Besuch zu empfangen (ab der 4. Woche) oder nach Hause, zu den Eltern oder Freunden zu fahren (ab der 7. Woche), läuft hier unter dem Begriff „Belastungserprobung“. Der Patient soll gewissermaßen testen, ob er schon wieder bereit ist für das normale Leben. Der Gedanke dahinter ist, dass es keinen Sinn ergibt, zu früh zur Familie oder ins gewohnte Umfeld zurückzukehren, wenn diese der Grund dafür sind, hier zu sein. Deswegen legen die Therapeuten Wert darauf, dass wir sowohl im Einzel- als auch im Gruppengespräch reflektieren, ob ein Wiedersehen zu diesem Zeitpunkt gut für uns sei. Falls jemand Ängste oder Unsicherheit verspüren sollte, wird ihm von der Belastungserprobung abgeraten. Einige Patienten bleiben die gesamten zwölf Wochen in der Klinik, ohne sich einen einzigen Besuch oder eine Wochenendfahrt genehmigen zu lassen.
Wovon ich in diesen Reflexionsgesprächen allerdings nie etwas gehört habe, ist die Belastung einer erneuten Trennung. Meine Frau nach ihrem Wochenendbesuch an der Haltestelle verabschieden und sie in den Bus steigen sehen zu müssen, war sehr bitter – so bitter wie jener Morgen vor fünf Wochen, als ich zu Hause alle umarmte und anschließend hierher fuhr.
Aber bevor wir uns am Sonntag „Auf Wiedersehen“ sagten, holte ich meine Frau aus ihrer Pension ab. Wir machten einen Spaziergang entlang der Wiesen. Der alte Schnee in seiner Schwäche hatte sich in wenige Senken zurückgezogen. Wie anders nun alles aussah, nachdem Nebel und Hochnebel verschwunden waren. Amsel, Elster, Wildgans, Spatz und die unvermeidliche Krähe waren zu hören, ansonsten herrschte Stille. Leuchtende Stille unter einer niedrigen Wintersonne, die uns ins Gesicht schien.
An der Haltestelle umkreisten wir das ehemalige Bahnhofsgebäude. Mindestens ein Raum scheint die Funktion eines kleinen Museums zu erfüllen: Schalthebel fürs Stellwerk, Signalleuchten an der Wand, eine Lampe und eine Telefonanlage aus den siebziger Jahren auf einem Schreibtisch. Die übrigen Räume dienen offenbar bis heute als Aufenthalts- oder Arbeitsbereich, möglicherweise für Angestellte der Stadt. Die obere Etage sah bewohnt aus – es hängen Gardinen vor den Fenstern, unten stehen zwei Namen auf einem Briefkasten.
Dann kam der Bus. Und eine verstohlene Träne.
Der Montag bringt nicht nur frischen Schnee nach Jerichow, sondern auch einen zweiten Neuzugang in unser Haus: Ein Mecklenburger in meinem Alter, also ein weiterer Erwachsener. Da er nach dem Tagesprogramm jemanden sucht, der ihm den Weg zum Supermarkt zeigt, gehen wir zusammen dorthin. Wir schwatzen über früher und heute, über unsere Heimat und die Klinik und stellen dabei einige Gemeinsamkeiten fest.
Später am Abend unterhalte ich mich mit unserem Neuen von letzter Woche. Er sagt, dass er vorerst nicht abreisen und der Sache eine Chance geben wolle. Falls ihm hier nicht direkt geholfen werden kann, möchte er die Zeit nutzen, um in Ruhe über seine Zukunft nachzudenken. Mir fällt auf, wie gewöhnlich ich mir im Vergleich zu dem Mittzwanziger vorkomme, wie erfahren und abgeklärt. „Und doch sind Sie hier“, würde meine Therapeutin jetzt einwerfen. Und doch bin ich hier. Im letzten Einzelgespräch kam ich den Gründen dafür wohl noch ein wenig näher. Diese zwölf Wochen haben ihre Berechtigung – denn beinahe fünf davon habe ich allein dafür gebraucht, um mir dessen bewusst zu werden.
Am Samstag um 6 Uhr die erste Amsel. Der Winter ist vorbei. Beim Frühstück gelte ich mit Müsli und Ingwer (man hustet) als „extrem“ – genauso wie mit meinem Fitness-Drang. Dabei gibt es hier neben den Therapien kaum etwas zu tun, außer sich zu bewegen oder Wäsche zu waschen. Also wieder Ergometer-Monologe. Heute ist Herrentag: Nach dem Mittag sind die vier Radkumpels und der Sohn zu Besuch; wir gehen in die Sky-Hütte unten an der Kurpromenade.
Sehr ruhiger und sonniger Sonntagmorgen mit angenehm leichten Wolken. Nach der Ergometersession Waldspaziergang. Der Tritt wird sicherer, auch wenn die Neumuskeln schmerzen. Spechte feuern ihre MP-Salven in die hohen Kiefern. Nabokovs Turgenjew-Analyse beendet. Nach einer kurzen Lebensübersicht untersucht er „Väter und Söhne“, das er inhaltlich stark findet, da es die Konfliktlinie zwischen den Generationen unmittelbar vor der Abschaffung der Leibeigenschaft sichtbar macht. Der jugendliche Held, der Arzt werden will, wird von den Älteren als Nihilist bezeichnet, weil er alle Autoritäten infrage stellt und einzig an die Wissenschaften glaubt. Nabokov seziert die Mechanik der Figuren, beschreibt, wie sie eingeführt und abgeführt werden, legt offen, welche Erzähltechniken der Autor anwendet, um Schauplätze zu wechseln oder im Verlauf der Handlung die sittlich richtigen Paarungen entstehen zu lassen. Dabei zitiert er starke wie schwache Passagen, wobei man sowohl seine Freude über besonders gelungene als auch die Enttäuschung über allzu unglaubwürdig konstruierte spürt. Gerade das epilogische Ende findet er schwach, weil es den Lesern keine eigene Auflösung oder Fortsetzung gestattet. „Aufzeichnungen eines Jägers“ hält Nabokov für das Werk Turgenjews mit den größeren Stärken.
Nach dem Mittagessen streamen Schalke-Fans (mit Schal) in der kleinen Caféteria auf dem Laptop die Zweitliga-Partie S04 gegen Holstein Kiel. Holpriger Winterrasen wie in alter Zeit. Es gelingt keiner der Mannschaften, ein Kombinationsspiel aufzuziehen – was meine These stützt, dass ein billardtischgleicher Rasen eine der Voraussetzungen für den Zauberfußball unserer Zeit ist. Zum ersten Mal meistere ich alle sieben Etagen auf Stelzen. Blogarbeit (zäh!) und Lektüre. Ich stelle Ähnlichkeiten der Zirkel um Jeffrey Epstein mit dem Roman „Super-Cannes“ von J.G. Ballard fest, den ich 2001 übersetzte. Mit der Dunkelheit setzt der akgekündigte Schneefall ein – das wird die Geräusche vom Vorplatz dämpfen, allerdings auch die Möglichkeit, sich draußen auf Krücken zu bewegen.
Rosenmontag, daher keinerlei therapeutische Verpflichtungen. Also nur Einzeltraining und Blogrevision (auch heute wieder undankbar). Der über Nacht gefallene Schnee taut. Schöne Wolkenbildungen. In den Bäumen treffen sich Waldtauben. Der Hügel gegenüber ist der Malberg. Einst führte eine Seilbahn hinauf, nun verwaist oben die Fachwerkvilla. Mitpatienten waren vom Leerstand auf der Bad Emser Promenade erschrocken. Was ich seit Jahren beschreibe, bekommt der anständige, fleißige Deutsche gar nicht mit. Er wird auch nicht wissen, dass es seine (kumulierten) Online-Käufe waren, die dazu beitrugen, und staunt dann über das Stadtbild. Es ist eine neue Zeit.
Am Nachmittag ist die Teenie-Tochter mit einer neuen Ausgabe ihres Marmorkuchens da. Die Arbeitsteilung mit ihrem Bruder funktioniert archaisch – er macht sich allenfalls Nudeln und hängt rum. Immerhin chauffiert er seine Schwester zum Zug und holt sie ab. Ich habe wie eigentlich jeden Tag Muskelkater. Morgen geht es zur Blutabnahme und zum Arzt – es wird hoffentlich mein Abschiedsgespräch. Gegen 21 Uhr allmählich bettwärts. Mal sehen, was Nabokov noch alles zu Dostojewski zu sagen hat. Er hält ihn streckenweise für sentimental.
Am Donnerstag ist ein neuer Mitpatient da. Nicht der erwartete Carsten (der auch Christian, Karl oder ganz anders heißen kann), sondern jemand, mit dem keiner gerechnet hatte.
Der Neue sieht so traurig und verloren aus, wie ich mich an meinem ersten Tag fühlte, und auch bei ihm zeigen sich Unverständnis und Trotz: „Ich gehöre hier nicht her. Ich wollte in eine Tagesklinik, aber meine Hausärztin und die Therapeutin haben gesagt, dass ich in eine geschlossene Klinik soll. Ich gehöre überhaupt nicht hier her.“
Er macht den ganzen Tag den Eindruck, als würde er unvermittelt in Tränen ausbrechen. Ihn quälen die gleichen Fragen, die auch mich umtrieben: „Warum bin ich hier? Was soll das alles?“ Bereits am Abend steht für ihn fest, dass er nicht bleiben wird: „Maximal das Wochenende“, vor dem es ihm bereits graut, will er noch abwarten – das alles sei „ein schrecklicher Fehler, ein Missverständnis“ …
Am Freitag durchläuft er das normale Programm seiner Gruppe und hat zudem das, was hier ein „Not-Einzel“ genannt wird – ein kurzfristig angesetztes Einzelgespräch mit einem Therapeuten, weil der Patient sich in einer seelischen Notlage befindet. Was auch immer ihm dieser Tag über sich selbst verraten hat – am Abend sagt er zu mir, dass er dem Ganzen jetzt doch eine Chance geben wolle.
Ich möchte noch im Supermarkt ein paar Kleinigkeiten für mich und drei Mitpatienten einkaufen gehen – und er will mich dabei begleiten.
Ich alte Labertasse rede viel mehr als er. Doch dass ich mich anfangs in einer ähnlichen Situation sah, wie er sie momentan durchlebt, scheint ihm Kraft zu geben. Er berichtet, dass es ihm im Vorfeld an vielen wichtigen Informationen gefehlt habe. Auch das Gefühl teile ich – die Klinikwebsite und die paar Handzettel geben erstaunlich wenig davon preis, was genau uns hier geboten wird.
Er fragt, ob es stimme, dass wirklich jeder traurig ist und auf eine gute Zeit zurückblickt, wenn er nach den zwölf Wochen geht, wie es die anderen ihm aufmunternd zugerufen haben. Nun, das konnte ich ihm für mich noch nicht abschließend bestätigen, aber er sei ja dabei gewesen, als uns ein Patient verließ, habe gesehen, wie lange der den Weggang hinauszögerte, wie innig die Verabschiedung war.
Trotzdem steht nun erst einmal das lange Wochenende vor ihm – ohne Therapieeinheiten, ohne feste Termine, abgesehen von den fixierten Zeiten für die Mahlzeiten. Ich bot ihm an, dass ich jederzeit für eine Wanderung zur Verfügung stehe, und sagte, dass, wenn er die zwei Tage durchhalte, das Schlimmste überstanden sei – die dann noch verbleibenden Ängste und Sorgen seien schließlich der Grund, weswegen wir alle hier sind.
Ich beginne den Samstag mit einer Joggingrunde. Die Temperaturen betragen um die null Grad, die Luft ist klar, ein kühler Wind weht. Der Schnee vom Vortag liegt wie Puderzucker auf den Wegen und Feldern, auf Gras, Busch und Baum. Da ich dem Untergrund im Wald und auf den Äckern nach Schnee, Tauwetter, Regen und erneutem Schneefall nicht so recht traue, bleibe ich auf befestigten Pfaden – ich habe keine Lust, mit den Turnschuhen im Matsch zu versinken.
Es ist eine Runde für die Einzelgänger: ein kleiner Junge mit seinem Fahrrad, eine Mutter mit Kinderwagen, ein Greifvogel auf einem Ast, eine Katze an der Friedhofsmauer, ab und an jemand mit Hund. Ich sehe vereinzelt Spuren von einem Fuchs, einem Hasen und, da bin ich mir fast sicher, einem Wolf. Nur die Wildgänse, Krähen und Rehe sammeln sich in der Ferne zu größeren Trupps. Ich stoppe immer mal für ein Foto, was mich nicht stört, da ich heute nicht gegen die Uhr laufe – am Ende zeigt die App 12,5 Kilometer in 72 Minuten an.
Bevor ich unter die Dusche springe, unterhalte ich mich noch mit einem der Pfleger. Er ist etwa so alt wie ich und erzählt von seiner Leidenschaft für Motorräder. Eines bewahrt er, gut konserviert, zu Hause in seiner Küche auf. 2030 werde er es auseinandernehmen, Dichtungen und Verschleißteile ersetzen und damit 2031 zu einem Oldtimer-Treffen fahren. Dann sei die Maschine genau dreißig Jahre alt, und er bekäme das begehrte H-Kennzeichen, wobei das „H“ für „historisch“ steht. Langfristige Pläne. Das ist etwas, woran ich aktuell überhaupt nicht denke. Und kurzfristig interessiert mich nur eines: Meine Frau wird mich diesen Nachmittag besuchen!
Sie kommt mit dem Bus aus Genthin. Ich steige am Bahnhof hinzu, der nur noch so heißt: Eine Schranke gibt es nicht, keine Schilder, nicht einmal mehr Schienen; hinter schmutzigen Scheiben rostet eingestaubte Technik vor sich hin. Wir fahren nach Tangermünde und erkunden Hand in Hand Altstadt, Stadtmauer und Hafen.
Ein kleiner Urlaub vom Klinikaufenthalt.
Es ist kalt, es ist windig und der Hafen nahezu eisfrei. Komorane segeln über das Wasser, ein Falke stemmt sich gegen den Wind, Reiher staksen über die Wiesen, und die verrückten Möwen lachen dazu. Es ist Valentinstag – zum Abend zieht es alle in die nicht eben wenigen Gaststätten: Schnitzel statt Blumen. Wir haben Glück und bekommen um 16.30 Uhr im „Rhodos“ noch für eine Stunde einen Tisch. Das reicht fürs Auswählen, Warten, Verspeisen und Bezahlen. Meine Frau entscheidet sich für Moussaka, und ich wähle eine Grillplatte mit Tzatziki, das mit viel Knoblauch zubereitet wurde. Uns beiden schmeckt es. Meine Fleischportion ist angemessen – die Zeiten der Völlerei beim Griechen scheinen vorbei zu sein. Da während der Therapie Alkoholverbot herrscht, lasse ich zum ersten Mal im Leben einen Ouzo stehen. Als wir zum Ausgang schreiten, füllt sich das Restaurant schlagartig – das Valentinsfleisch lockt.
Während wir zur Bushaltestelle schlendern, erwachen die Laternen und tauchen die Altstadt in ein warmes Licht. Zehn Minuten frieren, dann kommt der Bus. Ich bringe meine Frau in ihre Pension, wo sie für die Nacht bleibt. Ich kehre zurück in die Klapse. Wo ich war, müssen meine Mitpatienten nicht lange raten – sie riechen den Knoblauch.
Der Mittwoch vorfrühlingshaft mit feuchter Atlantikluft und leichten Schauern. Nach den Ergometereinheiten in den Waschkeller. Das Training in der Turnhalle schließt den Morgen ab. Am Nachmittag Physio und Lymphdrainage. Wirksame Stabilisierungsübungen auf dem Trampolin; das Tiefengewebe um die Prothese muss angebaut werden. Danach eine Stunde weggepennt, was sehr nötig war. Ich entdecke auf einem Zeitungsfoto des Technikmuseum Dessaus die Skulptur, die später abstrahiert zum Emblem der Junkers-Werke wurde – unverkennbar eine Anlehnung an Fidus‘ Bild „Lichtgebet“! Wie auch heute gab es damals eine oft kultische Verehrung der Technik, von der man sich die Verbesserung des Daseins erhoffte, die Erfüllung eines Menschheitstraums. Im Pokal Bayern gegen RB, Familientelefonat, weiter im Nabokov-Buch über Gogol. Der große Sendemast jenseits des Rheins leuchtet mit sieben roten Lichtern.
Fidus „Lichtgebet“, Llithographie, 1910 – Werbegrafik von Friedrich Peter Drömmer für Junkers, 1924
Donnerstagvormittag Bewegungstraining im Freien. Es hat aufgehört zu regnen. Die Dame, die unsere Treppensteigübungen anleitet, trägt heute Federn, einen Voodoo-Hut, ein Jägerfrack mit buntem Patronengurt, grünkarierte Stiefeletten und ist im Gesicht weiß geschminkt. Wir Patienten haben Trainingsanzüge an und folgen ihr im Ententrab. Zurück in der Klinik, sehe ich eine schmale Gestalt mit riesigem schwarzen Hexenhut und einem schönen dunkelgrünen Samtanzug. Mein Masseur hat eine blonde Zopfperücke auf und ein knöchellanges blaues Kostüm an. Er sagt, er sei „Brünhilde“ und erklärt mir die Voodoo-Priesterin als „Mad Hatter“ aus „Alice im Wunderland“ – um 11:11 Uhr begann auch hier in der Klinik der rheinische Karneval. Ganze Abteilungen sind durchkostümiert.
Davor am Morgen Lymphomat und Ergometer. Dabei schaue ich ein Frühstücksmagazin. Leider mit Ton. Ein Koch bereitet Schweinefilet zu: „Das sind 707 Kalorien!“ Wie von Zauberhand tauchen immer neue Pfannen, Tiegel, Töpfe und Zutaten auf. Fünf Wirsingblätter werden bei 140 Grad im Ofen vorgegart und dann blanchiert – was für ein Aufwand! Was das Ganze insgesamt an Zeit und Geld kostet, wird komplett unterschlagen. Was ich hier vom Fernsehprogramm mitbekomme, ist eine vollkommene Selbstaufgabe mit erwartbaren Satzbausteinen, Mimikelementen und Drehbüchern; das Ausmaß an körperlicher und psychischer Gewalt ist erschütternd. Es werden kaum noch Filmklassiker oder Schätze aus den eigenen Archiven ausgestrahlt. Ich habe in der Klinik eine Postkarte von der Klinik gefunden – leider kein Karton, aber es gibt sie noch, die Postkarten.
Sehr gute Individualübungen beim Physiotherapeuten. Es müssen neben dem Tiefenaufbau des Gewebes die Automatismen für die Muskelsteuerung neu erlernt werden. In dem Zusammenhang stehen auch meine Hämatomreste, die sich, wie mir gesagt wird, plötzlich („Plupp“) verflüchtigen würden. Gestern völlig groggy, heute besser. In der Mittagspause Johnny Guitar Watsons zeitloser „Superman Lover“ und ein Powernap. Danach zum Gruppentraining. Später ein Abendspaziergang bei untergehender Sonne und atlantischem Tiefdruck. Ich studiere die Bewegungen im Unterholz, entdecke Kohlmeise, Buchfink und ein hübsches Exemplar der Tannenmeise.
Am Freitag reißt nach dem Gruppensport gegen zehn der Himmel auf – sehr schöne Lichtstimmung auf den Hügeln ringsum. Ich taste mich mit den Therapeuten so langsam an die Gehbewegung heran. Bin erschöpft, also Mittagsschlaf. Am Nachmittag nutze ich den Haus-Service und fahre mit den Klinikbus in die Innenstadt. Ein weiteres gutes Gespräch im Showroom von meinweiß. Designerin Andrea Jacobi lässt meinen Traum zerplatzen, mir ein Radtrikot im alten Stil schneidern zu lassen – man kann das nicht einfach so aus engmaschigen Wollstreifen zusammennähen. Dann im Rewe Ingwer, Kurkuma, schwarze Nussschokolade und Birchermüsli gekauft. Mit der Standseilbahn zurück zur Klinik, wo der Flurfunk berichtet, dass zwei Patienten wegen Covid die Heimreise antreten mussten. Das Nebenzimmer, in das die Isolierten kommen, darf nur vom Personal betreten werden. Meine Älteste liegt nach der Klausur ausgeknockt in Spandau im Bett und kommt kaum noch heraus, auch Vater und Sohn Jacobi krank. Es spricht also alles für eine weitere Welle. Ich nutze den Standortvorteil und lasse valide Tests machen. Das Wetter ab Abend regnerisch durchwachsen, aus dem Tal steigt Nebel auf. Das Hausbarometer zeigt 1000 Hektopascal und 10 Grad Celsius an.
Tag 26 bis 28 – ein Drittel der Reha ist nun absolviert.
Was bisher in dieser Woche geschah:
Montag.
„Wo ist Carsten?“ – der auch Christian, Karl oder ganz anders heißen könnte. „Irgendwas mit Carsten“ sei der Name des Patienten, der heute neu aufgenommen werden und Gruppe 2 verstärken solle, hieß es im Buschfunk. Und so blicken wir erwartungsvoll durch das Fenster auf Haus 6, die erste Station eines neuen Mitbewohners bei der Aufnahme.
Der Name lässt ein älteres Semester vermuten – und da verlässt auch schon ein betagter Herr mit einem jüngeren Mann und einem Koffer besagtes Gebäude. Bringt der Sohn den Vater? Oder begleitet der Vater den Sohn in die Klinik? Die Fragen müssen unbeantwortet bleiben, da ihr Weg sie nicht zu uns führt.
Gegen Mittag steht fest: Carsten (der auch Christian, Karl oder ganz anders heißen kann), kommt nicht. Er ist damit bereits der dritte Patient, der in den vergangenen zwei Wochen den Klinikaufenthalt abgesagt oder trotz Zusage nicht angetreten hat. Bei mir macht sich ein wenig Sorge breit: Wenn es dabei bleibt, werde ich Ostern allein mit einem Pfleger in dem großen Haus verbringen.
Einer der Gründe für die Absagen könnte sein, dass der Ruf der Einrichtung zuletzt ein wenig gelitten hat – und auch diese Woche beginnt mit einer herben Enttäuschung: Zwei von drei Einheiten fallen aus. Ich bin sauer! Ich überlege, ob ich es in der nächsten Hausrunde eskalieren lasse. Wenn das Krankenhaus seinen Teil der Abmachung nicht einhält, warum sollten wir Patienten dann Dinge wie Nachtruhe, Abgabe des Handys oder Alkoholverbot einhalten? Um den Frust loszuwerden, jogge ich eine Runde. Mittags entspannt sich die Situation, da für unsere Gruppentherapie eine Vertretung gefunden wurde, die ihre Aufgabe äußerst kompetent erledigt.
Dienstag.
Nichts Neues: Auch heute fallen wieder Einheiten aus. Für die Bewegungstherapie, die ich in vier Wochen erst einmal hatte, gibt es ein alternatives Angebot. Die andere, das Gruppenwandern, wird zur Freude der meisten ersatzlos gestrichen – der verantwortliche Pfleger ist krank. Regulär findet nur Sport statt, wo uns die Trainerin paarweise einen Ball über die Leine spielen lässt. Die Stunde macht wie immer Spaß.
Als Ersatz für die Bewegungseinheit gibt es das sogenannte „Art Journal“, ein Kreativfach, wo mehr gebastelt als gemalt wird. Heute werkeln wir an unserer persönlichen Mappe weiter, die später alle hier in Jerichow entstandenen Kunstwerke aufnehmen soll. Die Therapeutin hat sich für die denkbar unpraktische didaktische Methode des „Schauen wir mal, was passiert“ entschieden. Beim letzten Mal hatten wir die zwei grauen Pappen, die dann die Deckel bilden sollen, auf einer Seite mit Leim bestrichen und mit gelblichem Papier beklebt. Nach einer Woche unter der Presse sieht das Ergebnis ausgesprochen wellig aus – wie eine Tapete, die Blasen schlägt. Nichtsdestotrotz wird heute die andere Seite mit weißem Papier beleimt – die arme Pappe weiß gar nicht, in welche Richtung sie sich zuerst biegen soll. Dadurch entstehen auf der Seite noch mehr Blasen. Egal – auch das wird nun gepresst. Wir schneiden aus Strukturpapier Streifen zum Verkleiden der Kanten. Das Material lässt sich nicht nur sehr unsauber trennen, sondern bricht auch, wenn man es in der Mitte falzt. Unsere Aufpasserin nimmt es sportlich: „Wenn Ihnen etwas einfällt, wie man es besser machen kann, sagen Sie Bescheid. Das ist auch mein erster Versuch.“ Während sie das sagt, hält sie ihre dauergewellte Mappe hoch.
Das war es bereits „inhaltlich“ für den Tag. Ich kriege die Krise!!! Ich mag nicht immer nur lesen oder reden oder spielen! Mein Geist schreit nach Input – und mein Körper nach Bewegung. Weshalb ich nach dem Mittagessen eine größere Runde auf dem Klinikgelände drehe. Zum ersten Mal seit knapp zwei Wochen scheint die Sonne. Man kann dem Schnee beim Schmelzen zuhören. Dort, wo er noch liegt, sind die Wege passierbar, der Rest ist Schlamm. Die Vögel stoßen Paarungsrufe aus. Etwa dreißig Gänse fliegen über mich hinweg Richtung Norden. Eine Ahnung von Frühling liegt in der Luft.
Dann ist es 15.30 Uhr. Wir dürfen, da die Pflichtwanderung ausfällt, bereits jetzt das Klinikgelände verlassen. Da keiner Lust hat, mich zu begleiten, schreite ich für mich allein kräftig aus. In der Ferne höre ich Pferde, Hühner und Kühe. Mein Weg ist zwar befestigt, doch zwischen den Betonstreifen haben sich große Pfützen gebildet. Hinter verwachsenen Bäumen und Schilf schimmert ein Rest Schnee durch. Die Spargelstangen der Windräder überragen alles und dröhnen vor sich hin. Ein Traktor kommt mir entgegen, doch im Allgemeinen ruht die Landwirtschaft noch. Nur das Vieh verlangt wie immer nach Aufmerksamkeit – bis auf die paar hundert Wildgänse, die auf einem Acker nach Futter suchen. Irgendwas schreckt sie dann doch hoch und sie machen sich davon. Zwei Pferde traben auf mich zu, leider habe ich weder Möhren noch Äpfel dabei. Und dann, 9,5 Kilometer später, kehre ich glücklich zu den anderen zurück.
Mittwoch.
Zwei Therapieeinheiten werden vertreten. Und das ist diesmal kein Ärgernis, sondern sehr bereichernd, weil ich in diesen Stunden Impulse bekomme, die mir zeigen, dass es richtig und wichtig ist, dass ich mir diese Auszeit genommen habe und hier bin. Dass es mir gut tut, über Wanderungen und Sport, über Struktur und Abstand und über reflektierende Gespräche, etwas zur Ruhe zu kommen.
Darüber hinaus sind mir zwei weitere Dinge bewusst geworden: Zum einen, dass ich extrem kontrolliert bin und das starke Bedürfnis habe, alles im Griff zu behalten, und zum anderen, dass ich oft zur Selbstaufgabe neige, was sich in meiner ausgeprägten Bereitschaft zeigt, den Wünschen und Bedürfnissen meiner Mitmenschen sehr weit entgegenzukommen.
Das führt mich zu den zentralen Fragen: Wer bin ich eigentlich? Und was will ich?* Die Therapeuten nannten in Bezug auf mich noch andere Begriffe – jedoch sind „zwanghaft“ oder „konfliktscheu“ in meinen Augen nur weitere Aspekte der gleichen Grundproblematik.
Was mir jetzt aber bereits klar geworden ist: Die Trennung von meiner Familie und den Freunden, die ich hier im Exil zwangsläufig erlebe, ist nicht einfach nur bedauerlich – ich liebe und vermisse sie tatsächlich. Es ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, dass es sie gibt und sie um mich herum sind. Es macht mich glücklich, dass sie mich hier in der Reha aus der Ferne unterstützen – so wie es mich froh stimmt, dass Menschen, mit denen ich nur sporadisch im Kontakt bin und die ich teilweise jahrelang nicht gesehen habe, über die Blogeinträge soviel Anteil nehmen.
Doch was ist mit all den Arschlöchern und Ignoranten, die mir immer wieder über den Weg laufen? Im Moment können die mich alle mal kreuzweise. Aber vielleicht werde ich ja, wenn ich meine Pilgerreise zu mir selbst abgeschlossen habe, in der Lage sein, sie einfach zu ignorieren. Das wäre doch was!
*An dieser Stelle möchte ich explizit einen Bezug zur Philosophie-Fibel von Precht von mir weisen.
Sonntag, 8. Februar. Acht Wochen nach dem Unfall. Endlich gut und schmerzfrei geschlafen. Am Abend noch das Gefühl, zu viel trainiert zu haben: Ein deutliches Ziehen im Bein, in den Adduktoren und den Schenkeln, morgens alles normal. Die Gewebeflüssigkeit nun besser verteilt. Der Körper ist der Boss. Bevor es auf das Ergometer geht, spüle ich einen Schluck des mittelmäßigen Klinikkaffees herunter.
Besuch einer kleinen Familienbrigade, die Zitronencake und frische Vorräte bringt. Gemeinsamer Spaziergang, mein zweiter in Bad Ems. Wieder am Schützenhof vorbei und retour. Im Kurpark verstreute Zedern und oben, in großen Nestern, Elstern. Die Mammutbäume gerade einmal fünfunddreißig Jahre alt. Nach dem Sonnenwind von gestern nun eintönig grau. Bei stärkerer Belastung Muskelspannung und Ischias spürbar. Rührender Abschied von meinen Kindern. Dann Rad-Blogarbeit – bin jetzt im Jahr 2018 angelangt. Ich höre dabei das Oscar Peterson Trio mit „We Get Requests“ und anschließend Monks „Live in Paris, 1964“: der Unterschied zwischen einem sehr guten Virtuosen und einem Schöpfer. Thelonious ist ein Solitär mit eigener Harmonik, Sprache, Technik, alles ist unverwechselbar. Heutzutage laufen im SWR die Aufbackbrötchen des Jazz, nie schlecht, aber auch nie so, dass man mehr möchte. Kein Soul wie in Monks Band.
Am Montagvormittag zum Physio; Schmerzstufe immer noch 2. Die Röntgenbilder an die Fachleute geschickt. Für mein laienhaftes Auge sieht alles gut aus – vielleicht darf ich jetzt durchstarten. Laut neuem Übungsplan diese Woche Belastungsteigerung. Heute 15 Kilometer auf dem Ergometer, hochwirksame Schritt- und Gehübungen – der Puls bis 130. Sehr lichte Wolkendecke bei einstelliger Temperatur, am Nachmittag Sonnendurchbrüche. Weiterhin großer Genuss der Gogol-Analysen von Nabokov, der scharfsinnig und mit Detailwissen die Erzähltricks aufzeigt. So lernt man nochmals lesen. Danach mit Freude an den eigenen Blog – solche Leute schulen das literarische Denken, was sich dann auch für so etwas wie meine Kreisklassen-Ergüsse benutzen lässt. Frische Wäsche, angenehmes Nachtgefühl; träume von der Gogol-Ausgabe des Aufbau-Verlags aus den 70ern.
Der Dienstagmorgen diesig kühl, aber hell. Um 10:00 Uhr zu den angeleiteten Ergometerübungen: 10 Kilometer. Trainingseffekte werden spürbar. Eigentlich müsste ich Muskalaufbaupräparate bekommen. Anschließend mit Nabokov zum Lymphomat. Nach dem Mittag Gehschule. Blaugrauer, milder Vorabend. Ausgedehnter Spaziergang bis an den Siedlungsrand, Nahtstelle zum Wald. Schneeglöckchen vor 1960er-Jahre-Villen, Panoramasicht mit Fernsehmast und Hubschraubern. Über Jacobi nachgedacht, in dem sich der Sammler mit dem Experten überschneidet. Immer die Gefahr, dass man zu viel über eine Sache weiß. Ich kann aber die Entdeckerfreude nachvollziehen, das Gefühl mit seinen Funden unendlich reicher zu sein als ein Milliardär, der nichts davon versteht. Der innere Reichtum ist entscheidend. Dazu gehört auch eine gewisse Bedürfnislosigkeit: Diogenes schickt Alexander fort.
Inzwischen ist nur noch das Leuchten der Straßenlaternen zu sehen. Alles andere hat der Nebel verschluckt. Eigentlich wollte ich wieder eine kleine Runde gehen, doch jetzt ist es dunkel. Also nutze ich die Zeit zum Schreiben. Ich brauche Bewegung an der frischen Luft, und das nicht nur, weil die Waage von Tag zu Tag mehr anzeigt. Aber ich habe nicht immer Lust und Zeit zum Spazierengehen und im Garten kann ich momentan nur wenig tun. Nicht, dass ich auf der Couch herumliegen würde – nein, Langeweile habe ich wirklich keine. Ich könnte mein Drinnenbleiben nun damit begründen, dass mir der Wert der Luftqualität, der seit einiger Zeit im dunkelroten Bereich liegt, ein ungutes Gefühl vermittelt und ich mich frage, wo der ganze Schmutz herkommt. Aber nein – heute hat alles nur etwas länger gedauert als geplant, und jetzt mag ich einfach nicht mehr hinaus ins Dunkel.
Obwohl ich in den vergangenen Wochen immer denselben Weg nahm, war jede meiner Spazierrunden anders. Zunächst schneelos und mit Dunstschleier, dann mit starkem Wind, Schnee und eisiger Kälte, darauf unter einer tief hängenden Wolkendecke, der Schnee nun verharscht. Jedes Wetter war auf seine ganz eigene Weise schön, und mit ihm auch der wechselnde Anblick der Landschaft.
Auf einer der Runden drückte mir der Ostwind bei minus acht Grad die Mütze so unter die Kapuze, dass nur das Brillengestell sie daran hinderte, mir die Augen zu verdecken. Trotz der Wetterwidrigkeiten verließ mich der Gedanke nicht, wie gut es mir doch ging: Ich war freiwillig draußen, trug eine wärmende Thermohose und eine dicke Winterjacke. Wie viele Menschen sind erfroren, weil sie so etwas nicht hatten. Kurze Atemholpause an meinem Baum, Blick auf das Dorf – und dann war auch schon der schützende Waldrand erreicht.
Bei einem anderen Spaziergang wurde es mir ein wenig gruselig: Der Frost hatte das Unterholz mit einer Eisschicht überzogen, sodass der Blick in die Tiefe des Waldes versperrt war. Wer weiß, was da gleich herausspringt! Jetzt wäre es schön, wenigstens Pico, unseren Jagdhund, dabei zu haben. Da kommt nichts, das ist wieder nur deine Phantasie, mahnte ich mich und ging weiter.
Einmal zogen Kraniche vorüber, ein anderes Mal Wildgänse über mir hinweg. Viel zu früh, dachte ich, und schaute ihnen lange nach.
Und dann entdeckte ich noch zu meinem Erstaunen einen frisch aufgeworfenen Maulwurfshügel. „Beste Anzuchterde“, hörte ich in Gedanken meine Freundin sagen – genau die Erde, die ich für einige Pflanzen brauchte, die dringend eingetopft werden mussten. Ich füllte ein paar Handvoll in eine von Picos Kottütchen, wusch mir die Hände mit Schnee – und hatte ein Problem: Die Finger waren eiskalt, und ausgerechnet heute war ich ohne Handschuhe unterwegs! Da ich keine Frostbeulen oder Erfrierungen riskieren wollte, überlegte ich, ob sich der Transport auch anders lösen ließe. Mir fiel die Hasentasche meiner Jacke ein: Beim Kauf hatte ich mich über eine eingenähte Tasche gewundert, die in Gesäßhöhe quer über den Rücken verläuft. Man erklärte mir, dass die Jäger in früheren Zeiten darin ihre erlegten Hasen heimtrugen, deshalb der Name. Ich schob die Tüte vorsichtig in die Tasche. Da ich die ganze Zeit bangte, dass im Rücken nichts aufplatzt, war der Rückweg etwas merkwürdig; trotzdem fand ich die Situation irgendwie auch lustig. Zu Hause befreite mich mein Mann von der schweren Jacke, und ich zog ganz langsam die Tüte heraus. Sie war heil geblieben! Morgen würde ich die Pflanzen mit ein wenig Dünger eintopfen können – und wer weiß, vielleicht entdecke ich beim nächsten Spaziergang wieder einen frischen Maulwurfshügel. Die Anzuchtzeit hat ja schon begonnen.
Das vierte Klinikwochenende war nur ein moderat sportliches, dafür gab es überraschend viele Gespräche mit meinen Leidensgenossen.
Am Samstagvormittag eine kleine Joggingrunde. Es ist neblig; die Geräusche tragen weit. Weil die Wege infolge der Glätte nach wie vor unpassierbar sind, weiche ich auf Felder und Rasenflächen aus, wo noch krustiger Schnee liegt. Ich bin nicht der Einzige, der auf diese Idee gekommen ist, wie ich an frischen Fußspuren erkenne. Wie nicht anders zu erwarten, ist es mein Wanderkollege, der sich wie ich regelmäßig die Füße vertreten muss, dem ich dann über den Weg laufe. Und er hatte wiederum korrekt vermutet, dass das im Nebel näher kommende Krachen auf mich zurückzuführen ist. Ein kurzer Gruß, und wir verschwinden wieder im Nebel.
Am Nachmittag folgt dann der dritte samstägliche Ausflug nach Tangermünde in Folge – zu Fuß hin, zurück mit dem Bus. Da mein Zimmerkollege dieses Mal tatsächlich mitkommt, sind wir zu dritt. Temperaturen knapp über null Grad, es taut, unter unseren Füßen Matsch. Auf Höhe der Elbbrücke setzt der angekündigte Regen ein. Zwar nieselt es nur, doch in Kombination mit den durchweichten Schuhen wird es etwas ungemütlich. Aber weil kein Wind weht und wir zügig ausschreiten, sind wir gut zehn Minuten früher in unserer Stammbäckerei als in der Vorwoche. Der Zuckerkuchen ist leider ausverkauft, so dass ich auf ein Stück Heidelbeertorte ausweiche. Dieses schmeckt fantastisch und kostet gerade einmal soviel, wie in der Großstadt ein einfaches Stück Blechkuchen. Meine Begleiter nehmen ein Schweineohr beziehungsweise ein Stück Frankfurter Kranz. Weil es sich draußen einregnet, bleiben wir lange sitzen und reden über unsere Therapien, die Therapeuten und uns selbst.
Zwischendurch hole ich als Nachschlag Quarkbällchen. Ich lade die beiden ein zuzugreifen. Der eine lehnt ab, weil ihn aufgrund seiner Laktoseintoleranz das Wort Quark abschreckt. Mein Zimmerkollege zögert noch. Ich locke: „Das ist wie Mandarinen“ und verweise auf die Farbe und die Tatsache, dass die Bällchen wie Obst in einem Schälchen liegen. „Wie Mandarinen?“, fragt er. – „Na ja, halt mit Zucker. Und etwas mehr Fett. Und weniger Vitaminen.“ Er muss grinsen und nimmt sich eine Quarkbällchenmandarine.
Da ich noch eine Kerze für die Schwiegeroma entzünden möchte, die an diesem Vormittag fern von mir beigesetzt wurde, dränge ich rechtzeitig vor der Abfahrt auf den Aufbruch. Draußen trifft uns hart der Regen, sodass wir beschließen, direkt in die nahe St.-Stephan-Kirche zu gehen. Die ist geschlossen. Bis April. „God’s away on Business“, zitiere ich Tom Waits. Die zweite Kirche ist offen, jedoch entweiht. Sie ist jetzt ein Kulturzentrum. Wir bekommen den Tipp, es in der katholischen Dreifaltigkeitskirche zu versuchen. Die liegt auf dem Weg zur Haltestelle hinter einem Lidl und ist offen. Ich nehme eine Kerze, entzünde sie und stelle sie auf den Ständer. Dabei spreche ich eine Art Gebet und hoffe, dass es der Schwiegeroma gut geht, wo immer ihre Seele jetzt ist. Mir wird bewusst, dass ich mehr Jahre mit dieser feinen Dame verbracht habe, als mit meinen leiblichen Großmüttern. Einer der Mitwanderer steckt zwei Kerzen an, verrät aber nicht für wen oder was. Dann fahren wir zurück.
Am Abend brate ich mir in der Gemeinschaftsküche zum zweiten Mal ein Steak. Prompt erscheint aus Sorge, ich könne erneut zu viel Qualm erzeugen und den Feuermelder erzürnen, die Pflegerin. Heute jedoch ist alles korrekt: Die Dunstabzugshaube arbeitet auf hoher Stufe, das Küchenfenster steht offen. Da wir in der Therapie lernen, mehr an unsere Bedürfnisse als an die Befindlichkeiten der anderen zu denken, verspeise ich mein Steak vor aller Augen. Falls jemand von den Veganern die Stirn runzeln sollte, bekomme ich es nicht mit, da ich mich auf das saftige Fleisch konzentriere. Es war übrigens schwerer als angenommen, daran zu kommen: Im Edeka ist zwar ein Fleischer, doch der bietet das von mir bevorzugte Rind nur als Braten oder Roulade an. Auch in der Kühltheke gibt es keine Steaks. Blieb also wieder nur der Netto mit seinem abgepackten Fleisch, immerhin Bioware.
Später spielt unsere Gruppe eine Runde Dixit. Danach folgt Stadt, Land, Fluss, wobei es schon vorher Proteste gibt, da keiner gegen mich antreten möchte. Also ändern wir die klassischen Kategorien in Therapien, Gründe, Therapien zu schwänzen sowie Eklige Gerichte aus der Klinikküche. Hintergrund der letzten Spalte: Die Veganer erhalten immer ein „Überraschungsgericht“, das meist so aussieht und schmeckt, als wolle man sie zum Fleischessen bekehren. Wozu einer unserer Ärzte nur meinte: „Das ist ein Zusatzangebot. Als Klinik bieten wir nur vegetarisches Essen standardmäßig an.“ Was er nicht aussprach, aber mitschwang: „Selber schuld, wenn Du keine Tierprodukte isst.“ Man braucht schon eine gehörige Portion Leidensfähigkeit, um hier als Veganer durchzuhalten – zum Glück gibt es aber ja noch die Möglichkeit der Selbstversorgung. Auf jeden Fall erfinden wir eine erstaunliche Anzahl kreativer, ekliger Gerichte, Therapien und Gründe, diese zu schwänzen.
Am Sonntagvormittag mache ich einen Spaziergang. Das Tauwetter hält weiter an und verwandelt den Schnee in eine undefinierbare, vollgesogene, schwammartige blau-braun-schwarze Masse, aus der sich Pfützen bilden. Sobald die Füße tief in den Matsch sinken, sind die Schuhe durchnässt, weshalb ich Waldwege meide und mich nur im Ort bewege. Ein alter Herr ist mit einem Terrier unterwegs. Hinter einem Hoftor versteckt bellt ein größerer Hund seine Aufforderung zum Tänzchen herüber, die der kleine mit Knurren und Kläffen erwidert. Die Glocken des Klosters schrecken die Tauben hoch, die daraufhin die beiden Kirchtürme so lange aufgeregt umkreisen, bis der Ruf zum Gottesdienst verhallt.
Sportlich bleibt es, wie gesagt, bei einem ruhigen Wochenende. In den Raum mit den Yogamatten darf ich nicht. Um ihn am Samstag oder Sonntag nutzen zu dürfen, müsse ich die Therapeuten fragen, teilt mir die Pflegerin mit. Etwas viel Kindergarten, finde ich. Zumal es beim Therapeuten immer auf eine tiefenpsychologische Einheit hinaus läuft: „Warum wollen Sie den Sportraum nutzen?“ – „Um Sport zu treiben?“ – „Und warum wollen Sie Sport treiben?“ – „Weil es mir gut tut?“ – „Und warum haben Sie das Gefühl, dass Sport Ihnen gut tut? – „Äh, weil … oh, ich habe ganz vergessen, dass ich noch einen wichtigen Termin habe…“ – „Ich schlage vor, dass Sie das Thema mal mit ins nächste Gruppengespräch nehmen.“ Ja, ja, und Danke für nichts. Also keine Yogamatte am Wochenende.
Am Freitag geht es zunächst aufs Ergometer, gefolgt von meinem ersten Außenspaziergang mit Gehübungen. Schwachfeuchte Luft bei etwas über null Grad. Ich entdecke die Kornelkirsche. Im Kurpark haben Wildschweine entlang der plattierten Wege ganze Wühlarbeit geleistet. Eine Plakette belegt, dass drei Mammutbäume der Stolz der Anlage sind. Der Baumschnitt ringsum ist beendet. Dann zum Röntgen. Nachmittags das Gruppentraining für Beinbeweglichkeit. Später wieder Ergometer. Außerhalb des offiziellen Programms schaffe ich nun im Diagonalgang mit Krücken die drei Stockwerke.
Abends verspüre ich ein deutliches Muskelziehen – die Übungen wirken. Krafttraining ist für mich ein völlig neues Gebiet, das nach anderen Prinzipien funktioniert als Ausdauerbelastung. Ich erkenne: Langsame Ausführung ist besser als schnelle. Mit der Zeit versteht man den Körper besser. Man muss geduldig bleiben. Von draußen höre ich von einer weiteren Grippewelle, die aber hier bislang nicht angekommen ist – Amazon und DPD liefern noch aus. Ich muss an die verbarrikadierte Klinik in der Seuchen-Serie „Sløborn“ denken, wo auf einen Schlag auf dem Festland die Beleuchtung ausging – ich werde die Lichter am Horizont ab sofort Das Festland nennen …
Am Samstag ist ein so brillantes Wetter, dass sich der Freigänger zügeln muss, seinem untrainierten Bein nicht zu viel auf einmal zuzumuten. Auf der Promenade lausche ich einer Fremdenführerin, die vor der russisch-orthodoxen Kirche St. Alexandra das Russische Kreuz sowie die Symbolik der Zwiebeltürme erklärt: Die zentrale Zwiebel stellt Christus dar und die vier Unterzwiebeltürme die Evangelisten. Sie berichtet, dass das Gotteshaus auf Betreiben der Zarin Alexandra errichtet wurde, die außerdem anregte, unter russischen Badegästen und Einheimischen Spenden zu sammeln.
Von der Kirche geht es zum ehemaligen Hotel „Schützenhof“, wo ich mit dem äußerst angenehmen Ehepaar Jacobi im ballsaalartigen Showroom drei Stunden über aussterbende Handwerke, kaum noch gebräuchliche Textilgerätschaften wie die Augenstickmaschine und ihren Vorrat an in Stoff eingestickten Knöpfen plaudere. Ich hätte endlos bleiben können, doch Jens, der Jäger und Sammler, muss leider los, um aus Horressen einen Biedermeiertisch abzuholen.
In einer Kneipe, in der Ćevapčići angeboten wird, erkenne ich ein paar Gesichter aus der Klinik wieder – allesamt Männer, die es hinter sich haben und hier auf drei Bildschirmen Bundesliga-TV schauen. Am Abend steige ich noch ein letztes Mal auf das Ergometer – in der Hoffnung, dass ich in dieser Nacht endlich besser schlafen kann …
Tag 23. Manchmal ist es leichter, um Verzeihung zu bitten, als um Erlaubnis zu fragen: Nachdem einer der Mitpatienten auf den vereisten Stufen ausgerutscht war und tagelang über Schmerzen klagte, habe ich am Freitag das einsetzende Tauwetter genutzt, mir den im Eingangsbereich stehenden Schneeschieber geschnappt und die Außentreppe so gut wie möglich von Eis und Schnee befreit. Das dürfen wir hier eigentlich nicht – wegen der Verletzungsgefahr …
Auch im Ort sind überall Menschen dabei, die Bürgersteige vor ihren Häusern mit Schaufeln vom brüchig gewordenen Eis zu befreien. Wann, wenn nicht jetzt. Wo noch unberührter Schnee liegt, knackt die überfrorene Decke unter den Schuhen wie die frisch flambierte Kruste einer Crème brûlée. Es ist ein fast zärtliches Geräusch.
Aufziehender Nebel trübt den Blick in die Ferne. Krähen stieben vor den ins Grau getauchten Türmen der Klosterkirche auf und krächzen erbost, weil ich ihre Kreise störe. Die Schwaden wecken in mir das Gefühl, dass uns die Seelen der Menschen heimsuchen könnten, die in den düsteren Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf unserem Klinikgelände ermordet wurden. Erst die Eisbrocken, die von einem Dach rutschen und vor mir auf dem Weg zerschellen, reißen mich aus dieser unwirklichen Atmosphäre.
Meine Nebelrunde ist der Ersatz für die planmäßig angesetzte Wanderung, die, wie so viele Therapieeinheiten zurzeit, ausfällt. Statt nun im Haus zu bleiben und mich zu freuen (so wie einige) oder im Haus zu bleiben und enttäuscht zu sein (so wie andere), mache ich einfach meinen eigenen Spaziergang. Da nach wie vor viele Wege spiegelglatt sind, ist mein Tempo moderater als sonst. Außerdem stoppe ich immer mal für einen Schnappschuss – auf den offiziellen, betreuten Wanderungen haben wir kein Smartphone dabei, weshalb dort, anders als heute, keine Fotos möglich sind.
Ich bin nicht nur der einzige Patient, der draußen unterwegs ist, ich bin auch der einzige, der angesichts der erneuten Stundenausfälle sein kleines privates Sportprogramm abspult. Wobei – gestern hatte ich noch einen Gefährten, der heute jedoch am ganzen Körper Muskelkater verspürt und daher aussetzt. Was die Fitness angeht, fühle ich mich wie ein Jungspund unter lauter Greisen, obwohl ich als ältester Patient hier der Methusalem bin. Vom Pflegepersonal sind immerhin fünf ungefähr in meinem Alter, was man auch an den Vornamen Mandy, Olaf, Martin oder Matthias erkennen kann.
Das Einzige, was am Freitag noch stattfindet, ist Ergotherapie. Wir dürfen wieder entspannt mit Ton arbeiten. Mein Stövchen aus der ersten Stunde ist glasiert und gebrannt und kann nun von mir käuflich erworben werden. Meine Plastik „Mein Schrei“ aus der vergangenen Woche ist luftgetrocknet und kommt jetzt erst einmal in den Ofen. Eine Farbgebung ist daher noch nicht möglich, weshalb ich ein neues Projekt starte: Eine Comicfigur. Die Ausformung ist fertig – ich hoffe, sie übersteht das Trocken. Ich habe bereits Ideen für weitere Figuren und Abstraktes und freue mich schon auf die Umsetzung – vorausgesetzt, dass Töpfern nicht auch noch ausfällt.
Heute verließ uns wieder ein Patient, so dass wir aktuell nur noch zu acht das zunehmend stiller werdende Haus bewohnen. Ich bin der jüngste Neuzugang und selbst ich bin jetzt schon dreieinhalb Wochen hier. Für die kommende Woche wurden uns zwei neue Patienten angekündigt, was wichtig für die Gruppenhygiene wäre, da langsam Konflikte aufbrechen, die wohl dem Mangel an Input geschuldet sind. Ich umgehe das, indem ich, wenn es mir zu viel wird, Sport treibe oder einen Spaziergang mache. Das befreit den Geist und beflügelt den Körper – die anderen sind jederzeit herzlich eingeladen, mitzumachen.
Dritter Reha-Tag. Nachdem mich mein Sohn am Dienstag mit dem Auto hergebracht hatte, brauchte er wegen plötzlich einsetzender heftiger Schneefälle über drei Stunden für die dreißig Kilometer zurück – die B49 war stellenweise so verschneit, dass sogar das Räumfahrzeug ins Schleudern kam. Trotz des „Führerscheins auf Probe“ hat er alles bravourös gemeistert. Er ist mein Held!!!
Der Kauf des stattlichen Radioweckers beim Trödler vor ein paar Tagen war eine ausgesprochen gute Idee – so konnte ich in der ersten Nacht an der dezent rot glühenden LED-Anzeige sehen, dass ich jede Stunde neu erwache. Viele Sender überlappen sich, doch ich bekomme den DLF eingestellt. Am Abend schaue ich über den Zimmerfernseher DFB-Pokal. Die Kinder schicken Bilder ihrer Mahlzeiten, was zugleich schön und etwas dreist ist. Ich könnte ihnen Fotos von in Speiseöl getränkten Spaghetti mit (immerhin!) etwas Gemüse zurückposten. Durch mein Fenster Sichtung von ungefähr einhundert Kranichen, die wohl gerade ihr Zwischenlager beziehen. Neblige Morgen, milchig-sonnige Tage. Die Haselblüte hat begonnen. Ich habe noch keine Muße, den Bunker zu verlassen.
So langsam entschlüssele ich den Zauberberg: Die Lahntalklinik befand sich vorher im sechs Kilometer entfernten Nassau, dann Umzug hierher. Das Hauptgebäude erinnert an einen modifizierten Hotelbetonklotz aus den siebziger Jahren, wie man ihn auf Fotos aus Benidorm und ähnlichen Urlauberhochburgen gezeigt bekam. In den Zimmern Neonlicht. Abendessen nur bis 19 Uhr. Für so etwas muss man gemacht sein – andere fühlen sich hier bestimmt pudelwohl. Die sehr netten Reinigungskräfte stammen aus Russland und Albanien.
Während er meine Narbe weichknetet, sagt mir der Physiotherapeut, dass ich nach der OP mehr Lymphdrainagen gebraucht hätte – was wir nun nachholen. Das Training auf dem Ergometer zeigt schnell Wirkung – mein Hämatom bildet sich sichtbar zurück. Neben den offiziellen Übungen, zu denen auch leichter Kraftsport gehört, steige ich Treppen – die rutschfesten Basketsneaker machen sich bezahlt.
Zwischen den Behandlungen und am Abend weiter mit der Revision meines Blogs – der Spätherbst 2017 ist erreicht. Ein gutes Radjahr. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich all die Strecken vor mir. Mit diesen Bildern schlafe ich ein.
In Tarantinos „Pulp Fiction“ gibt es die legendäre Szene, in der Uma Thurman John Travolta fragt: „Hassen Sie das auch? Unbehagliches Schweigen?“ Daran muss ich hier immer in jenen Situationen denken, die ich therapeutisches Schweigen nenne. Therapeutisches Schweigen ist, wenn medizinisches Personal und Patient sich schweigend gegenübersitzen.
Der Klassiker ist unsere Hausrunde am Mittwochnachmittag. Da treffen alle Patienten auf alle Ärzte, Therapeuten und Pfleger, die sich gerade im Haus befinden – in der Regel sind das fünf bis sechs, heute winterferienbedingt nur drei. Seitens des Fachteams werden diverse Themen angesprochen, wir Patienten können Fragen stellen. Gesamtdauer der Zusammenkunft: fünfundzwanzig Minuten, Dauer der Fragerunde (inklusive Ankündigungen): drei Minuten, selten fünf. Dann herrscht Schweigen. Therapeutisches Schweigen. Man starrt ins Leere, spielt mit den Fingern, verändert die Position auf dem Stuhl, beobachtet die anderen und … schweigt.
Weil mich dieses Schweigen interessiert, frage ich, ob es einen Grund dafür gibt: „Haben Sie als Therapeuten nicht Wichtigeres zu tun, als mit uns zu schweigen?“ Die Antwort ist sybillisch, wie meist, wenn ich eine sehr konkrete und zugleich wohl etwas naive Frage stelle: „Manchmal kommen dann doch noch Fragen. So wie Ihre, Herr Schott.“ Nun ja, also starren wir weiter ins Nichts und warten darauf, dass jemand das Schweigen bricht.
Manchmal denke ich, dass ich als Einziger ausspreche, was auch meine Mitpatienten innerlich beschäftigt.
Es ist immer noch sehr kalt, verstärkt durch einen heftigen Wind. Da die Pfade und Wege trotz des Streuens von Tag zu Tag glatter wurden, konnte ich seit Samstag nicht mehr joggen. Weil mir die intensive Bewegung fehlt, ist es umso wichtiger, dass trotz der vielen ausgefallenen Therapiestunden Sport stattfindet.
Nach der Erwärmung, zu der jeder von uns eine Übung beisteuern kann, folgt als sogenannte Tagesaufgabe Federball. Es wird so gespielt, dass alle einmal gegeneinander antreten; nach der Hälfte jeder Partie sollen wir mit dem Schläger von der Haupt- auf die Nebenhand wechseln. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt, mit der linken Hand zu spielen. Ebenso bemerkenswert ist, wie sich das Spiel mit jedem neuen Partner verändert – mit dem einem ist es entspannt und harmonisch, mit dem anderen chaotisch, weil der Federball ständig verspringt, und mit dem dritten wird es dynamisch und wild, weil der Ball mit viel Kraft über die Leine gedroschen wird. Mein Fazit: Wenn es beim Badminton langweilig wird, einfach mal die Schlaghand oder den Mitspieler wechseln.
Einen ähnlich überraschenden Perspektivwechsel erlebe ich auch in der Körpertherapie, wo wir die uns gegenüberstehende Person beschreiben sollen. Therapeutin: „Was sehen Sie?“ Ich: „Einen Menschen, der sich unbehaglich fühlt.“ – „Nein, Herr Schott, was sehen Sie?“ Ich: „Jemand, dem die Situation offensichtlich nicht gefällt.“ Seufzen: „Nein, Herr Schott, das sehen Sie nicht. Das interpretieren Sie. Was sehen Sie?“ Ich: „Eine Person in rotem Pullover?“ – „Ja! Ja! Was sehen Sie noch?“ Ich: „Sie trägt eine Trainingshose.“ Falsche Antwort: „Das sehen Sie nicht, denn das können Sie nicht wissen.“ Ich, etwas verzweifelt: „Eine Hose, die wie eine Trainingshose aussieht?“ – „Ja, genau, weiter! Was sehen Sie?“ Ich, mutiger: „Einen Mund, der sich zu einem schüchternen Lächeln verzieht?“ Ich vermute, dass dieses für die Therapeutin ein ähnlicher Moment sein muss, wie die, in denen meine alte Klassenlehrerin entnervt mit Kreide nach mir geworfen hat. „HERR SCHOTT!!! Das sehen Sie nicht!!! Sie sehen einen Mund, dessen Mundwinkel sich nach oben biegen!“ Da begreife ich, dass ihre Art des Sehens sich komplett von der meinen unterscheidet. Gleichzeitig wird mir klar, was sie meint: Sie möchte, dass wir ohne jeglicheInterpretation oder Bewertung beschreiben, was objektiv vor uns sichtbar ist.
Diese Perspektive ist mir vollkommen fremd. So schaue ich nicht auf das Leben, so beschreibe oder schreibe ich nicht. Doch vielleicht würde ich ja, wenn ich aufhörte, alles immer sofort zu interpretieren, einzuordnen und zu bewerten, auch nicht mehr so viel grübeln?
Durch solche Reflexionsübungen erhalte ich wertvolle Denkanstöße, weshalb ich es sehr bedaure, wenn die Einheiten mal ausfallen. Und diese spezielle Therapeutin? Nun, ich vermute, sie und ich werden noch so einige Missverständnisse miteinander sammeln. Denn schließlich ist das hier meine erste Therapie und das schließt eine naive Weltsicht ein. „Herr Schott, was sehen Sie?“ Keine Ahnung, aber ich finde es total faszinierend.
Ein grauer Dienstagmorgen mit sehr viel Wind und Temperaturen an der Frostgrenze. Im Familiendiesel über Montabaur die knapp dreißig Kilometer nach Bad Ems in die Rehaklinik gebracht worden. Vorher noch einmal echtes Vollkornbrot gegessen. Gestern Abend und heute Früh von Lesern meines Radblogs viel Zuspruch und beste Wünsche für meinen Aufenthalt bekommen. Zum Teil von Leuten, mit denen ich irgendwann mal eine Strecke kreuzte und von denen ich gar nicht wusste, dass sie da reinschauen. (Interessant!)
Ich hoffe, dass ich in der Lage sein werde, in Bad Ems das fabelhafte Ehepaar Jacobi zu besuchen – Andrea ist Textildesignerin (mit ihrem eigenem Label „meinweiß“) und Jens Historiker, Restaurator und Sammler von Möbeln, Leuchten, Kunst, Keramik und Holzarbeiten. Die beiden betreiben im „Schützenhof“ eine Galerie, die sie auch für Veranstaltungen nutzen. Ein kultureller Leuchtturm. Außer, dass noch die Musikschule meiner Kinder hier ist, brauch ich mich mit dem Rest des Städtchens wohl nicht weiter auseinanderzusetzen …
Ankunft in der Klinik und Bezug des Zimmers. Alles wie befürchtet. Vor allem der Geruch macht mir zu schaffen, so dass ich sofort fremdle. Wahrscheinlich ist hier alles gut und ordentlich, ich kann das nicht beurteilen. Mein Unbehagen ist eher physischer Art. Dies ist ein Ort der Krankheit, der verwalteteten Krankheit. Es ist schön, dass es so etwas gibt – für andere. Ich werde mich darüber nicht weiter auslassen – keine Details, Stillschweigen. Ich muss schnell herausfinden, was ich tun muss, um vorzeitig geheilt entlassen zu werden. Ich hole aus dem Potsschließfach meinen Behandlungsplan. Bis auf eine Blutabnahme ist das heute ein leerer Tag. Dank des Laptops kann ich aber mit der Überarbeitung der alten Blogtexte weitermachen. Ein wunderbares Gefühl, auch wenn ich dabei auf einem Kunstlederstuhl schwitze. Leben.
Sobald es so wie jetzt moderat schneit, fallen Busse aus. Da geht es um Versicherungsfragen, Privatpendler fahren auf eigenes Risiko. Ich bin froh, dass mein Sohn im Dunkel des Donnerstagmorgens heil zurück auf den Hof kommt – meine Frau ist abwesend und ich bin nach wie vor ein immobiler Krüppel, da musste er früh los, um seine Schwester mitsamt ihres selbstgebackenen Kuches zum letzten Praktikumstag ins Altersheim zu bringen.
Auf eine Empfehlung hin checke ich heute erstmalig Stuhlyoga. Viele analoge Übungen zur Hockergymnastik, aber mit noch weniger Dynamik. Man dehnt sich ganz allmählich, überlastet nicht, geht nie über Grenzen hinaus, sondern hält die jeweilige Position – was äußerst wirksam für alle Bereiche ist. So reaktiviere und stabilisiere ich Bauch, Rücken und Schulter. Durch die ruhige, gleichmäßige Atemführung kann ich meinen Körper wie in Zeitlupe erkunden.
Wegen der frischen Schneedecke erscheint das Zimmer sehr hell, ich lege eine neue Tischdecke und das Album „Cookin’“ vom Miles Davis Quintett auf. Das swingt – Davis, John Coltrane, Red Garland, Paul Chambers und Philly Joe Jonesstellen ihr jeweiliges Können nicht aus, spielen einfach zusammen, dienen ganz und gar der Musik. Der notorisch unzufriedene Miles hat es stets vermieden, sich auf irgendetwas auszuruhen – so etwas machen dann eher die verwaltungskompatiblen Leute der Hessischen Rundfunk Bigband.
Der Paketdienst bringt die Hilary-Hahn-Sony-CD-Box. Auf Single-Repeat durch Beethovens großes Violinkonzert – sehr guter Klang von Orchester und Geige, solide Einspielung. Ich mag ihr Vibrato, es ist leicht, nicht so schmierig. Auch die Tempi gut, nicht zu schnell und showy. Als der Teenie aus dem Heim kommt, mit ihr Dialoge aus „Irgendetwas ist passiert“ von Anne und Fabian Hinrichs gelesen – viel gelacht. Danach produzieren Vater und Sohn eine Bolognese.
Der Teenie berichtet vom letzten Tag im Heim – von der Bewohnerin, die beim Vorbeigehen jedesmal „Hallo, ich bin allein“ sagt und dann anfängt zu weinen; von der Frau, die, bis auf dass sie im Rollstuhl sitzt und gefüttert werden muss, eigentlich noch gut beeinander ist, und jedem erzählt, dass sie nächste Woche ins Hospiz kommt, wozu die anderen Praktikantinnen nur meinen: „Die ist verrückt.“ Ihre zwei Mitstreiterinnen sind 15 bzw. 17 Jahre alt, beide sind nicht in der Lage, eine Zeigeruhr zu lesen, die eine hat ein Alkoholproblem. Der einzige männliche Mitarbeiter im Haus ist ein Senegalese, der für den FC Rojkurd Merenberg-Allendorf spielt, die hier in Thalheim trainieren. Er sprach mit unserem Teenie die ganze Zeit Französisch.
Ich bekomme den Anruf eines Freundes, der wissen möchte, wie er die Siemens-Waschmaschine seiner Eltern aufbekomm, die eine Fehlermeldung anzeigt; YouTube konnte nicht helfen. Der Vater hat schwer Parkinson, die Mutter ist über 80 und in solchen Dingen unbeholfen. Ich verweise auf die Lasche, mit der sich das Bullauge mithilfe eines festen Bandes mechanisch entriegeln lässt. Er wird nun die dreihundert Kilometer zum Elternhaus fahren und sein Glück versuchen. Auf meine Frage, ob es in der Einfamilienhaussiedlung der beiden keine Nachbarn gebe, die das schnell übernehmen könnten, meinte er nur: „Die sind auch alle sehr alt.“ Ich glaube, das ist das, was man die Eigenheimfalle des arbeitenden Standes nennt. Miserabler dünner Schneeregen, der das Weiß auswäscht. Erste gelungene Gehversuche mit leichter Einhandkrücke links – sehr gut!
Ganz zäher Freitagmorgen, kein richtiger Schlaf zwischen drei und fünf. Meine Frau und die Mädchen früh raus zum Zeugnistag. Das verletzte Bein ist immer noch voller Gewebeflüssigkeit und entweder schwabbblig oder verhärtet – ich hoffe, dass meine Reha-Tage mit Massagen beginnen; das selbst zu machen, geht nur partiell.
Mein Sohn ist etwas unmotiviert, weil ihm beim FSJ-Einsatz wieder nur das Schreddern ausgemusteter Schulbücher erwartet. Gestern entsorgte er eines, das früher (im Jahr 2014) meiner ältesten Tochter gehörte. ICH hätte es mitgenommen – allzu lange wird man so etwas Altmodisches im Unterricht wohl nicht mehr einsetzen …
Mit Davis‘ „Milestones“ weiter an den Radblogkorrekturen. Danach ein Le-Monde-Podcast mit der etwa gleichaltrigen Sterneköchin Hélène Darroze, die aus Mont-de-Marsan stammt und im geliebten gaskognischen Dialekt meiner Großmutter spricht. Sie erzählt dieselben Familiengeschichten, die auch ich kenne, nur ging es in der Küche unserer Mamie nicht so hart zu wie bei ihr später – aber die war ja auch kein Profi. Abends eine Tomatensuppe (ohne Stern).
Am Samstag Einkäufe für die Rehaklinik mit meinem Sohn, der mich fährt und begleitet. Mein erstes Paar Turnschuhe seit Ewigkeiten – das kann ich mir später mit ihm teilen. Bin angesichts der Neupreise für ordinäre Trainingssachen schockiert: 40 Euro für Shorts, egal welcher Marke – Polyester zum Silberpreis! Beim Trödler nehme ich einen Radiowecker mit. Die SonoClock-Serie von Grundig, die um die Jahrtausenwende produziert wurde, hat einen guten Empfang – ich bekomme die Landesanstalten Hessen, Bayern, Rheinland-Pfalz und NRW rein. Die Friseurdame freut sich über meinen radikalen Frühjahrsschnitt – endlich kann sie mal etwas machen, das man Gestalt annehmen sieht, die meisten lassen sich ja nur ein paar Milimeter abschnippeln. Als ich den Salon verlasse, setze ich eine Kappe auf, damit sich der Körper an das neue Kopfgefühl gewöhnt. Am Abend geht es mit Ingwer-Zitronentee erschöpft Richtung Bett.
Am Sonntag gut ausgeschlafen an den Frühstückstisch, wo wir noch ein paar Details für die Zeit des Klinikaufenthalts besprechen und letzte Listen anfertigen. Anschließend rasiere ich mich und schreibe ein paar Briefe. Im DLF wird an Mary Shelley sowie Milton Friedman erinnert. Der US-Wirtschaftswissenschaftler trug maßgeblich dazu bei, ökonomische Argumente in eine stark vereinfachte, politisch wirksame Sprache zu übersetzen.
Der immer noch etwas kränkelnde Teenie hat sich ein Probeabo der Wochenzeitung DIE ZEIT gegönnt und liest stolz ihren gedruckten Namen auf dem Adressaufkleber. Ich kann mit zwei Dritteln der Artikel schon nach ein paar Sätzen nichts mehr anfangen – zu offensichtlich ist die Struktur, mit der das gemacht ist: ein Thema, eine These, drei Beispiele und offenes Ende. Dabei meist wenig Inhalt – wie hier beispielsweise beim Titeldossier „Bleibt jetzt nur der Bruch mit den USA?“, für das nicht weniger als „neundundzwanzig bedeutende Intellektuelle“ Texte lieferten. Brecht nur alle, brecht …
Spätmittags eine große Familienratatouille mit Basmatireis und Rinderfiletstücken. Da kommen selbst an so einem grauen Tag in Hessen mediterrane Gefühle auf! Zum Nachtisch gibt es eine vom Teenie handgefertigte Mousse au Chocolat. Wenn der Eischnee zäh vom Rührer tropft, ist er richtig. Die aufgelassene Schokolade darf auf keinen Fall über 50 Grad haben, sonst wird das Protein zerstört!
Weitere Radblogrevision – 2017 ist zur Hälfte geschafft. Manchmal fällt mir ein wichtiges Detail ein, das dann eingewoben wird: Die Überquerung der alten Grenze zu Thüringen im Morgengrauen des 17. Mai bei Minusgraden – das vergisst man nicht. Danach Geometrie mit der Jüngsten: „Die Winkelsumme eines Vielecks mit Seiten beträgt immer(–2) · 180°.“ An so etwas kann ich mich schwerer erinnern als an die Radtouren.
Nachmittags Totenmesse in der Kirche gegenüber, in der Nacht sah ich Kerzenlicht durch eines der Fenster flackern, unstet orange, wie in einem David-Lynch-Film. Da inzwischen niemand außer einer Handvoll ganz Alter zu den Gottesdienten kommt, arbeitet man dort nur noch „on demand“ und redet von „pastoralen Räumen“. Wie wärs, wenn Priester wieder von Tür zu Tür zögen? Gerade einmal einhundertdreißig Jahre steht die Kirche, schon ist ihre Zeit herum.
Auch zum Wochenbeginn graues Nieselwetter, später aber sonnig. Der Schnee ist seit gestern verschwunden. Der Teenie liegt über mir nun richtig krank im Bett – ich koche ihr Tee. Sie macht sich Sorgen, wie es während der drei Wochen, wenn ich in der Rehaklinik bin, sein wird; wenn niemand im Haus wartet und etwas vorbereitet hat. Sie hat Angst, dass alles an ihr hängenbleiben wird. Wir suchen meine beiden Reisetaschen; Mandeln, mein persönliches Müsli und Peter Kurzecks magisches Tramperbuch „Der vorige Sommer und der Sommer davor“ (656 Seiten!) wandern zuerst hinein. Es folgen Laptop, Kleidung, Schuhe, der neue Radiowecker. Beim Packen höre ich Thelonious Monks „Riverside Recordings“. Der Countdown läuft.
Tag 18 in der Klinik – zweieinhalb Wochen vorbei, noch neuneinhalb vor mir. Ich bin sicher nicht der aufmerksamste oder emphatischste unter den Menschen, aber dass mein Zimmerkollege „den Blues hat“, wie wir in der Armee sagten, springt selbst mir direkt ins Auge, geht mir unter die Haut. Also drehen wir am Freitagabend nach dem gemeinsamen Einkauf noch eine Extrarunde fürs Gemüt. Er redet ein wenig. Ich bin da und höre zu. Mehr kann ich wohl vorerst nicht tun.
Die Gruppe ist nach drei Abgängen weiter geschrumpft, so dass wir momentan nur noch zu viert sind – und wir alle kranken ein wenig an Sprachlosigkeit, so dass es kaum Interaktion zwischen den zwei Mitpatientinnen und uns beiden Männern gibt. Was mich noch am wenigsten stört – es ist eher die allgemeine Antriebslosigkeit, die mich frustriert. Natürlich ist nicht jeder ein Sportvogel wie ich – wer aber trotz deutlicher Hinweise auf winterfeste Kleidung lediglich in Jeans und Turnschuhen zur obligatorischen Wanderung erscheint und anschließend widerwillig und frierend durch die verschneite und matschige Landschaft stapft, scheint nur wenig Eigenleistung in die eigene Gesundung investieren zu wollen.
Zumindest der neuerliche Karaoke-Abend lockt dann alle mal für kurze Zeit aus der Reserve – nur mein Zimmergenosse bleibt fern und läuft stattdessen im einsamen Kampf gegen die Dämonen kilometerweit durch den Wald. So, wie auch ich am Abend meist allein durch das nächtliche, menschenleere Jerichow gehe und in den Fenstern der Eigenheime die spätweihnachtlichen Lichter und Dekorationen sehe – und dabei oft in Melancholie verfalle. Ich vermisse meine Familie und frage mich erneut, ob es die richtige Entscheidung war, für drei Monate hierherzukommen. Dass mir die Auszeit gut tut, steht schon jetzt außer Zweifel. Aber was werde ich am Ende tatsächlich mit nach Hause nehmen?
Wie gesagt, herrscht hier eine eher zurückhaltende, verschlossene Atmosphäre – das Töpfern ist die einzige Pflichteinheit, wo wir zur Abwechslung mal lachen und frotzeln. Das mag daran liegen, dass die dortige Therapeutin nichts bewertet, nichts notiert und keine ihrer Beobachtungen an die Psychologen weitergibt. Wir reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist, was insbesondere mir, der ich mit jeder Menge dummer Sprüche rausplatze, sehr gelegen kommt. Beim nächsten Mal werden unsere beiden Damen ausnahmsweise mit im Kurs sein – vielleicht bringen wir ja auch sie zum Lachen.
Wie schon in der Vorwoche geht es am Samstag nach Tangermünde. Da mein Zimmerkollege kurzfristig absagt, sind erneut die beiden alten Herren im Duett unterwegs. Dieses Mal laufen wir den Hinweg und nehmen zurück den Bus. Die Sonne scheint noch immer nicht, doch die Sicht reicht weiter als noch eine Woche zuvor. Der böige Wind sorgt den ganzen Tag über für Umverteilung und verfrachtet den Schnee von den Feldern auf die ungeschützten Wege und die Deichkrone, wo er unsere Wanderstiefel einsinken lässt.
Zeitweise müssen wir den Oberkörper nach vorn beugen, um überhaupt voranzukommen. Wenn uns der Wind die Kapuzen vom Kopf bläst, kommt man sich vor wie auf einer Polarexpedition. Als der Deichweg die Richtung ändert, weht er von der Seite. Es fühlt sich deutlich kälter an als die minus vier Grad, die die App ausweist. „Gefühlt minus zehn“ steht klein daneben – das trifft es schon eher.
Die Brücke über die Elbe ist vereist und glatt, zumindest der kombinierte Rad- und Fußweg, auf den wir angewiesen sind. Der Strom ist überraschenderweise nahezu eisfrei, auch Eisschollen sind kaum unterwegs. Wir denken, das liegt am böigen Wind.
Nach zwei Stunden und vierzig Minuten erreichen wir unser Ziel, wo uns der erste Gang natürlich in die Bäckerei führt. Wir bekommen das letzte Achtel Zuckerkuchen und gönnen uns ob der Strapazen Nachschlag in Form von Schweineohr und Kirschstreusel. Da bis zur Rückfahrt noch fünfzig Minuten bleiben, schlendern wir durch die Altstadt. Auch Tangermünde befindet sich fest im eisigen Griff des Winters: Der Hafen ist komplett zugefroren, das Ausflugsschiff Liberté vom Eis umschlossen, die Störtebeker ebenso. Die wenigen Fußgänger, die wie wir auf der Promenade unterwegs sind, kauern sich zusammen, um die Angriffsfläche zu verkleinern. Die Hände verlassen die Handschuhe nur so lange, wie es dauert, ein Foto zu schießen. Dann noch zehn Minuten auf- und abhüpfen an der Haltestelle, bis der Bus kommt, und es geht zurück nach Jerichow.
Am Sonntagvormittag folgt gleich die nächste Wanderung, dieses Mal bin ich alleine unterwegs. Als ich aus dem Haus trete, sehe ich eine Handvoll Patienten, die sich an die Wände des Raucherpavillons drücken und hastig an ihren Zigaretten ziehen. Danach begegnet mir, abgesehen von Autofahrern, keine Menschenseele mehr – nicht zu Fuß, nicht auf dem Rad. Es ist Sonntag, es ist kalt. Wer außer mir, dem ruhelosen Verrückten, sollte sich da auch rauswagen? Viermal kreuzen Rehe meinen Weg. Nachdem ein Greifvogel vergeblich versucht hat, gegen den Wind anzufliegen, hockt er mürrisch auf dem Acker. Der Rauch aus den Schornsteinen der Hütten wird sofort seitwärts weggeblasen. „Minus sechs Grad“, sagt die App. Noch einmal kälter als gestern. Dann bin ich im Wald. Kein Wind mehr, dafür vereiste Wege, von Forstfahrzeugen mit tiefen Profilrinnen zerfurcht. Irgendwas ist immer. Zumindest ist eine frische Schicht Schnee hineingeweht, sodass ich einigermaßen vorankomme.
Zurück in der Klinik erwischt mich wieder die Melancholie. Ich sehne mich nach meiner Familie. Ich trete vors Haus und hole mir die Stimme meiner Frau ans Telefon. Es tut gut, mit ihr zu reden. Dabei stapfe ich zum Laden am Kloster. Dort gibt es Postkarten, aber keine Briefmarken. Wo man die bekommen könnte, weiß die Verkäuferin nicht. Also gehe ich ins Café. Dort ist es wie vor vierzig Jahren: „Dies haben wir nicht, das haben wir nicht.“ Aber eines ist anders – richtige Kerzen hatten wir damals in der DDR schon noch, heute flackert LED-Licht an Plastik-Attrappen. Ich bin einer der Jüngsten unter den Gästen. Die anderen sind vermutlich Ausflügler, die nach der Besichtigung des Klosters etwas besinnliche Wärme genießen wollen. Eine Gruppe bestellt sich Schnäpse gegen die Kälte. Wir in der Klinik haben striktes Alkoholverbot. Ich denke daran, wie ich vor einigen Monaten Dosenbier für meinen Nachbarn ans Krankenbett geschmuggelt habe. Die Erinnerung bringt ein kurzes Lächeln in mein Meer aus Schwermut. Bevor mich die Traurigkeit erneut übermannt, bezahle ich und mache mich auf den Rückweg. Eindeutig ein grauer Tag. Hoffentlich gibt es in der neuen Woche weniger Therapieausfall. Sonst wird es … schwer.
Sobald ich den Hof verlasse, wird jeder Schritt zum Risiko: Sauglatte Eisflächen ziehen sich über Gehwege, häufig versteckt unter einer dünnen Neuschneedecke. Zum Glück trage ich relativ rutschfeste Schuhe und bin ziemlich gut darin, meinen Körper im Gleichgewicht zu halten – da zahlen sich Tischtennis und Morgengymnastik aus. Anderen geht es da nicht so gut – in welche Richtung man auch schaut, blinken Rundumleuchten der Rettungsdienste. Einmal stürzt direkt neben mir eine Frau, gleich vier Passanten schliddern Hilfe anbietend zu ihr – glücklicherweise ist nichts Schlimmeres passiert. Nachdem das ein paar Tage so ging und die von Unfallopfern überfüllten Kliniken über die Medien Hilferufe absetzten, ist der Regierende Bürgermeister aus seinem Tran erwacht und hat am Freitag per Anordnung von oben endlich den Einsatz von Streusalz freigegeben. In Berlin sind Streusalz und andere Auftaumittel aus Umweltschutzgründen verboten – nur die Stadtreinigungsbetriebe dürfen sie verwenden, und das auch nur in Ausnahmesituationen. Im Behördendeutsch des Berliner Senats liest sich das dann so:
„Außerhalb des öffentlichen Straßenlandes entscheidet über etwaige Ausnahmen vom Verbot (Befreiung nach § 67 des Gesetzes über Naturschutz und Landschaftspflege, Bundes-Naturschutzgesetz) auf Antrag die Untere Naturschutzbehörde der Bezirksämter. Das Verfahren zur Erteilung einer Befreiung setzt einen begründeten Antrag voraus. Es wird gemäß Tarifstelle 6014a der Umweltschutzgebührenordnung für die Bearbeitung des Antrages eine Gebühr in Höhe von 72,00 € bis 1.440,00 € erhoben. Dies gilt auch für Versagungen.“
Ob der Bürgermeister für diese bürokratische Schleife tatsächlich einen „begründeten Antrag“ gestellt hat, bleibt unklar; auf jeden Fall kündigte der NABU Berlin schon mal eine juristische Prüfung an. Vor ein paar Tagen sah ich ein interessantes Apollo-News-Gespräch mit Manfred Haferburg, der im Winter 1978/79 im KKW Greifswald als Oberschichtleiter die Schnee- und Eiskatastrophe managte. Von seiner sofortigen Reaktion und der anpackenden Art, die politische Befindlichkeiten und hierarchische Ordnungen ignorierte, könnte sich jeder der heutigen Verantwortungsträger etwas abschauen.
Am Mittwoch bin ich zum ersten Mal im Leben beim Hatha-Yoga. Das entwickelte sich ab dem 10. Jahrhundert im mittelalterlichen Indien und gilt als eine der frühsten Formen der Lehre. Im Zentrum der Übungen stehen Atemtechniken (Pranayama), unterschiedliche Körperstellungen (Asanas) sowie Reinigungen (Shatkarmas). Das ganzheitliche Yoga kräftigt die Tiefenmuskulatur, stabilisiert die Wirbelsäule und verbessert die Flexibilität von Gelenken und Sehen, wodurch eine gesunde Körperhaltung und der Gleichgewichtssinn gefördert wird; gleichzeitig werden Konzentration und innere Wahrnehmung geschult. Interessant ist der Teil, bei dem wir die uns stressende Sachen der vergangenen Tage durch den Kopf gehen lassen sollen und bei mir rein gar nichts auftaucht – weder Blitzeis noch Blitztrennung der Blitzbeziehung oder anderes Unbill. Mein mentales Reinigungssystem funktioniert offenbar schon ganz gut – da gibt es kein dauerhaftes Gedankenkarussell, da herrscht innerer Plänterwald. Der Kurs findet im wilmersdorfer Nachbarschaftshaus statt, wo ich auch regelmäßig Tischtennis spiele. Wir sind ein Dutzend Teilnehmer, davon vier Männer – ein ganz Alter, Marke Moosriecher und Waldbaumhausbauer, der zweite so eine Art runtergerockter Minnesänger, der Dritte Typus Seifenstandbetreiber auf einem Ökomarkt, der sein Duftbusiness betreibt, um Frauen zu becircen – ich reihe mich dort also nahtlos ein. Die sehr nette und uns angenehm anleitende Yogalehrerin arbeitet in einer Bibliothek – die wöchentliche Einheit gehört zu den dortigen Angeboten; in Berlin werden diese einstmals reinen Studier- und Buchausleihorte immer mehr zu Begegnungsstätten, für die man auch mal das Gebäude verlässt. Nächste Woche werde ich dort wieder auf der Matte sitzen.
Am nächsten Abend habe ich ein spannendes Telefonat mit meinem Weggefährten und Freund Frank, der justament vom Schreiacker der sachsen-anhaltischen Nervenheilanstalt kommt, in die er für drei Monate gezogen ist. Wir unterhalten uns über unterschiedliche Sport- und Bewegungsarten sowie Entspannungstechniken, und versuchen die teilweise sehr feinen Unterschiede der Wirkungen vom Joggen, Schwimmen, stundenlangen Tischtennisspielen oder progressiver Muskelentspannung (womit sowohl mein Hatha-Yoga als auch Franks Gruppenübung zur Körperwahrnehmung begann) zu fassen zu bekommen. Ganz gelingt uns das nicht, wir werden also weiter in uns hineinhorchen und erlauschen, was uns wann guttut.
Vor einigen Tagen trat im Treppenhaus plötzlich ein starker Geruch nach Körperausdünstungen auf, zudem liegen dort ein paar Decken. Eine Nachbarin berichtet von einem Obdachlosen, der sich auf dem Absatz vor der Dachbodentür niedergelassen hat. Wir beraten im zufällig zusammenkommenden Hofkreis, was nun zu tun sei – einer von uns will mit einem Sozialdienst telefonieren und sich beraten lassen. Das Ganze löst sich von selbst, da der Mann nur einen Tag bleibt und nicht wiederkommt. Sein zurückgelassenes Zeug versetzt eine andere Nachbarin in Angst, da sie denkt, jemand hätte da einen Säugling abgelegt – ich kann sie beruhigen. Im Nachklapp gibt es die Diskussion, was mit den Decken geschehen soll. Jemand meint: „Die sind Eigentum des Mannes, die darf man nicht einfach entsorgen.“ Ein gutes Argument. Da die Sachen nicht stinken und auch keinem im Wege sind, bleiben sie nun also noch eine Weile dort liegen.
Winterzeit ist für mich Ausstellungsbesuchzeit – und so war ich zuletzt in der Berlinschen Galerie, wo mich dann aber lediglich der wiener Dadaist Raoul Hausmann mit ein paar guten Fotos, die er Anfang der 1930er machte, überzeugte. Im Hamburger Bahnhof sah und hörte ich mir nun noch einmal in Ruhe und vollständig Petrit Halilajs interdisziplinäres „An Opera Out of Time“ an, das die schön durchgeknallte Geschichte erzählt, dass Eva und Adam nicht die ersten Menschen waren, sondern nach der Vertreibung aus dem Paradies mit einem KFOR-Helikopter im kosovarischen Dorf Syrigana landen, wo sie von den Einheimischen willkommen geheißen werden und inmitten dieser ihre Hochzeit feiern. Dann naschen sie wieder eine verboten Frucht (die diesmal eine Birne ist), werden wiederum vertrieben, kehren erneut zurück usw. – kurz, es geht, wie sich das für eine Oper gehört, ordentlich drunter und drüber. So wie auch in den raumgreifenden Installationen, wo ich mich auf einem Jahrmarkt voller Attraktionen wähnte – in der einen Ecke steht ein Pferd, in der anderen ein kleiner Kanarienvogel, hier sind riesige Blüten und Motten, ah, und dort dann auch Schlange und Birnbaum, und über allem lässt das Paar (als Fuchs und Hahn?!) die Beine baumeln. Zum Hören lädt eine Teppichschräge zum Hinfläzen ein, was sich als eine äußerst angenehme Position herausstellt. Und auch die Musik gefällt mir gut – einerseits ist sie originell, andererseits wirkt sie mit ihren Anklängen an Prokofjev, Nyman, Grieg oder Balkanfolklore vertraut. Der einfach gemachte und dadurch preiswerte Katalog ist erhellend.
Am gestrigen Samstag ging es in die Bülowstraße zur ehemaligen Shell‑Tankstelle, die Mitte der Fünfziger gebaut, 1986 stillgelegt und nach der Jahrtausendwende zu einer Galerie mit Arbeitsräumen und einem Café umgebaut wurde – dort läuft gerade eine David-Lynch-Ausstellung. Mir gefällt dieser komplett solitäre Kosmos, den Lynch im Laufe seines Lebens erschaffen hat – wobei ich seine Filme noch für den langweiligsten Teil halte. Seine Grafiken, Plastiken, Fotos, Gemälde sowie ein früher Kurzfilm passen perfekt in die Tankstelle, die mit ihren steilen, schmalen Treppen, den messerschneideartigen Zacken unterm Treppengeländer etc. selbst etwas surreal wirkt. Eine rote Scheibe vor einer Installation brachte den irren Effekt, dass man im ersten Moment nicht weiß, ob sich der dahinter liegende Raum im Haus oder im Freien befindet – das erweitert den Wahrnehmungs- und Denkhorizont und verschiebt den Fokus: Als ich hernach wieder in den nasskalten berliner Winter trat, sah ich auf einmal lauter Dinge, die auch aus dem lynchen Universum stammen könnten …
Was wohl die Putzfrau, die in unserem Haus sauber macht, denkt, wenn sie äußerlich kerngesunde, in Vollpension versorgte Menschen in den Gemeinschaftsräumen und auf den Fluren herumlungern sieht? Patienten, die ihre Gläser und das Geschirr stehenlassen, bis sich ein leichter Flaum absetzt, obwohl die Pfleger morgens in der Tagesbesprechung immer wieder zu Ordnung und Sauberkeit mahnen? Wundert sie sich, dass diese Menschen, von denen augenscheinlich niemand bettlägerig, mit Krücken unterwegs oder an einen Rollstuhl gefesselt ist, so viel Zeit für alles Mögliche haben und dennoch so nachlässig sind?
Fragt sie sich, warum nicht auch sie eine Auszeit bekommt, so wie wir, deren Leid sich ausschließlich im Kopf abspielt? Oder fürchtet sie, wenn sie an eine längere Krankschreibung denkt, ihre Arbeit zu verlieren; keine neue zu finden, weil die Klinik mit Abstand der wichtigste Arbeitgeber der Gegend ist? Hat sie mal ausgerechnet, ob sie sich die zwölf Wochen Krankschreibung, was die übliche Therapiezeit ist, finanziell überhaupt leisten könnte, wenn es nach der sechsten Woche nur noch Krankengeld gibt …
Ich habe das Geschirr jetzt einfach mal abgeräumt und in die Spülmaschine gestellt. Meine Mitpatienten finden das gut und danken mir. Mein Körper ist mein Tempel, mein Zimmer ist mein Tempel, meine Gemeinschaftsräume sind mein Tempel – so wie ich mich um sie kümmere, so kümmere ich mich um mein Leben. Natürlich haben wir alle hier große und kleinere Probleme – doch beginnt die Ordnung im Geiste nicht mit der Ordnung im Äußeren?
Auch in anderer Hinsicht sind mir meine Mitpatienten manchmal ein Rätsel. Dafür, dass hier so viele Veganer sind, schnippeln sie erschreckend wenig Gemüse – dabei stehen im Kühlschrank sogar Salat, Gurke und Paprika zur freien Verfügung. Stattdessen greifen sie zu stark industriell verarbeiteten Produkten, die Käse- und Wurstscheiben nachahmen und die sie sich im Supermarkt besorgen. Dazu werden diverse Nahrungsergänzungsmittel ins Essen gerührt oder gleich direkt geschluckt. Ich, mit meinem frischen Salat, fühle mich wieder einmal wie ein Außenseiter.
Freitags ist Ergotherapie. Man wird entweder der Töpfer- oder der Holzgruppe zugeteilt. Ich bin beim Töpfern, was mir unerwartet viel Freude bereitet. Und das, obwohl ich die Therapeutin in der ersten Stunde gleich entsetzte, indem ich den Ton bearbeitete wie Knete: „Um Gottes Willen, das ist keine Knete! Ton können Sie nicht falten, Sie dürfen ihn nur formen. Sonst kommt Luft rein, die beim Brennen zu Blasen führt, die den Ton platzen lassen oder brüchig machen.“ Was tun? „Schmeißen Sie den Ton mit Schwung auf den Boden. Richtig kraftvoll, so dass die Luft raus gepresst wird.“ Ich lerne: Ton schmeichelt nicht nur den Händen, damit kann man auch prima Aggressionen abbauen.
Bevor ich anfange, gezielt zu formen, habe ich den Ton einfach in der Hand. Ich streiche darüber und lasse mich überraschen, wohin er mich treibt. Mein erstes Werk war ein Stövchen – jetzt habe ich Lust, eine Figur für den Garten zu fertigen. Beim Befühlen meines Rohlings wird mir klar, was daraus werden soll: Eine Variante von Munchs „Der Schrei“. Kopf und Hände. Ich fange an zu arbeiten und werde in der uns zu Verfügung stehenden Zeit fertig. Jetzt muss die Figur trocknen, nächste Woche kann ich sie einfärben, anschließend wird sie gebrannt. Die fertigen Keramiken können wir dann erwerben – der Preis wird nach Gewicht berechnet: 100 Gramm ein Euro oder so ähnlich. „Mein Schrei“ wird einen schönen Platz zu Hause in unserem Garten bekommen. Es ist nicht nur die Arbeit mit Ton – ich spüre insgesamt, wie sehr mich diese Auszeit erdet.
Wie bereits vor einer Woche soll es am Samstagnachmittag nach Tangermünde gehen. Wieder werden wir einen Teil der Strecke zu Fuß zurücklegen, diesmal den Hinweg. Und nun sind wir schon zu dritt: die drei ältesten Männer wollen es anpacken. Falls wir es überhaupt bis dahin schaffen – wo man im Ort beim Versuch, den Schnee zu zähmen, aus Bequemlichkeit lediglich schnell ein paar Handvoll Streusalz oder Sand hingeworfen hat, sind nun ganze Gehwege gefährlich vereist. Nur dort, wo fleißig geschoben und gefegt wurde, ist alles frei.
Tag 15. Mittlerweile bin ich zwei von zwölf Wochen in der Klinik. In dieser Woche kommt es immer wieder zu Unterrichtsausfällen: Am Montag wetterbedingt (wie in anderen Teilen Deutschlands gab es auch hier kräftigen Neuschnee), ansonsten aufgrund von Krankheit oder terminlichen Schwierigkeiten der Therapeuten.
In den Gruppengesprächen öffnet sich nun jeder ein bisschen mehr, findet den Mut, Schwieriges aus- und anzusprechen. (Aus und an: Ich denke, dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich beide Vorsilben in einem Satz im Zusammenhang mit dem Verb sprechen verwende. Interessant.)
Interessant auch, dass ich von Mitpatienten darauf angesprochen werde, dass ich oft in Bildern sprechen würde. „Du redest immer in Zitaten“, beschreibt das einer. Was ihm als Zitat erscheint, sind meine Gedanken und Beobachtungen. Vielleicht erkennen andere darin eine Distanziertheit, die aus meiner für sie ungewohnten Schweigsamkeit erwächst. In der Tat trage ich mein Herz nicht auf der Zunge – was ja möglicherweise der Grund meines Hierseins ist.
Ein Beispiel: Vier Mitpatienten sitzen im Wintergarten und blicken versonnen auf den frisch gefallenen Schnee. Ich stehe daneben und sage: „Ein prasselndes Kaminfeuer, von dem die Funken sprühen und in dem das Holz knackt, wäre jetzt schön. Oder wenigstens eine Kerze.“ (Selbstverständlich ist offenes Feuer streng verboten im Haus.) Eine Patientin nimmt ein mit Batterie betriebenes Teelicht aus Plastik in die Hand. „Wir haben doch eine Kerze.“ Ich verneine: „Die Plastikkerze ist nicht echt.“ Ich zeige auf die Winterlandschaft des Klinikparks vor dem Fenster. „Genau wie das da. Das ist nicht die Wirklichkeit. Das ein Abbild, eine Imitation der Wirklichkeit, aber das ist nicht die Wirklichkeit. Das ist nicht echt.“
Als ich das später im Gruppengespräch erzähle, habe ich das Gefühl, dass die anderen innerlich aussteigen. Und auch die Therapeutin wiegelt ab, weil das Gespräch aus ihrer Sicht ins Philosophieren abdriftet und von den eigentlichen Problemen wegführt. „Zitate“ halt, keine Gefühle. Wobei sich für mich schon vieles an Gefühlen in diesen Gedanken widerspiegelt, aber eben nicht so direkt, wie es sich die Therapeuten von uns wünschen. Also klare Gefühlswörter wie traurig, melancholisch oder wütend: „Ich bin traurig, weil hier keine Kerze brennt, und wütend, weil jemand das Plasteteil Kerze nennt.“ Aber so denke und spreche ich nicht.
Und einmal mehr frage ich mich, ob ich überhaupt hierher gehöre.
Da die Gefahr, auszurutschen und sich zu verletzen, zu groß ist, wurde der Frühsport wegen des Schnees nach drinnen verlegt. Was keinen davon abhält, trotzdem ins Freie zu gehen. Tatsächlich ist es dort jetzt sogar schöner als all die Tage davor – und so werden Schneemänner gebaut, Schneeengel gewischt und Herzen auf Bänke gemalt … Die Welt ist verzaubert und verliert den Verstand.
Auch ich kann nicht anders, als den Schnee unter meinen Schuhen zum Knirschen zu bringen. Der Wind lässt Flöckchen rieseln, wobei nicht klar ist, ob er sie von Bäumen und Dächern raubt oder ob die Wolken noch etwas Extraschnee für mich zurück behalten haben. Es ist Abend und ich stapfe als einsamer Wanderer zum Kloster, das in eine Schneedecke gehüllt und lichtspendend wie ein Gruß aus der heiligen Nacht vor mir liegt. Die von Scheinwerfern angestrahlten Kirchtürme werfen Schatten in den Himmel – eine unwirkliche und magische Atmosphäre. Ich kann mich daran gar nicht sattsehen und fühle mich in dem Moment so lebendig, dass ich vor Entzücken und Glück weinen möchte. Und meine Mitpatienten, die allesamt nicht mitwollten? Nun, die Geburt Jesu haben auch nur die Eltern und ein paar aufmerksame Hirten mitbekommen.
Nach kurzem Tauwetter unter der Dienstagssonne bleibt der frische Schnee liegen, friert wieder und wird erneut zu Eis – was für mich das Joggen auf den glatten Feldwegen unmöglich macht. Frustriert gehe ich zum „Schreiacker“ (oder dem „Feld der Tränen“, wie ich es etwas poetischer nenne). Hierher begeben sich seit Generationen Patienten, um sich ihren Wut und Ärger von der Seele zu brüllen.
Außerdem werden auf dem Schreiacker diejenigen verabschiedet, die die Klinik verlassen. An einem Abreisetag fällt für alle im Haus der Frühsport aus, damit der Scheidende und die Zurückbleibenden etwas gemeinsame Zeit zur Besinnung bekommen. Der Gehende spricht ein paar Worte, der Rest verharrt in Stille, die Raucher rauchen. Geschrien hat dabei, zumindest in den letzten vierzehn Tagen, noch keiner.
Am Donnerstag sowie Freitag verlassen uns zwei weitere Patienten, so dass im Haus statt bis zu zwanzig nur noch neun Menschen leben werden. Aber da an Getriebenen und Verzweifelten kein Mangel herrscht, wird unsere Zahl in den nächsten Wochen sicher wieder rasch ansteigen.
Am Dienstag weiterhin leichte Minusgrade bei dünner Schneedecke – das Grau der Ofenasche, die ich gestern vorm Haus ausgekippt habe, hebt sich interessant ab. Die Verkehrslage ist entspannt – kein Neuschnee. Am Morgen zum Fädenziehen der Basalzellkarzinom-OP. Am 10.03. muss ich ein zweites Mal ran, da der Laborbefund sagt, dass da noch Nachbarzellen aktiv sind. Die Hüft/Bein-Reha wird im März hinter mir liegen, ich hoffe, dass ich dann mit dem Rad zur Dermatologin fahren kann. Mit der Klinik letzte Unstimmigkeiten geklärt, die es, wie sich herausstellte, deshalb gab, weil ein anderer Patient einen fast gleichlautendem Namen hat. Mit jedem Tag werde ich beweglicher und trainiere nun vorsichtig auf beiden Beinen die Balance, heute zum Beispiel durch behutsames Abrollen. Die Furcht, ohne Krücken kaum mehr gehen zu können, ist aber immer noch da. Sehr erfreulich ist, dass ich die Thrombosespritzen absetzen kann.
Bei meiner kleinen, alltäglichen Gartenrunde Kontaktaufnahme mit einem dunkelbraunen Eichhörnchen mit weißem Brustfleck, das am Tulpenbaum herumturnt, bei meinem Erscheinen verschwindet, dann scheu zurückkommt, wieder verschwindet usw. Aufgrund der vielen Haselsträucher ringsum dürften seine Vorräte gut gefüllt sein. Diese fast schwarze Farbvariante ist bei uns seltener als das bekannte rote Eichhorn, das in Großbritannien inzwischen von einer (ursprünglich aus Nordamerika stammenden) grausilbernen, etwas kräftigeren Art beinahe völlig verdrängt wurde. Die Grauen sind nicht nur größer, sondern auch widerstandsfähiger gegenüber Erregern wie dem Pockenvirus, das seit der Jahrtausendwende die Reihen der Roten merklich schwächt. Eine invasive Bedrohung – wir sind gewarnt!!!
Kempowski in seinem Tagebuch („Alkor“) überwältigt von den Tagen um den 9. November 1989. Als die Grenze geöffnet wird, fährt er mit dem Zug nach Hamburg und Lübeck, spendiert putzig und hilflos Bier und Kuchen. Er sieht die Trabi-Kolonnen. Jeder, der nicht für die Wiedervereinigung ist, bekommt seinen großen Zorn zu spüren. Ich erinnere mich beim Lesen an meine Empfindungen in jenen Tagen – in meiner Generation hatte im Westen wirklich niemand eine Wiedervereinigung auf dem Schirm. Viele wissen bis heute nichts mit diesem Geschenk der Geschichte anzufangen, am ehesten noch die Berliner. Überglücklich waren Flüchtlinge oder abgeschobene politische Gefange wie Kempowski, die ihre alte Heimat verloren hatten, die Verwandten, die Landschaften; die gezwungen waren, in Erinnerungen zu leben. In unserer bundesrepublikanischen Welt tauchten die Heimatverlorenen nur in den Siedlungen auf, die nach schlesischen, pommerschen, ostpreußischen Städten benannt waren. Die Eltern sprachen noch ostpreußisch, ihre Kinder schon nicht mehr. Es dauert nicht mehr lange, dann wird die DDR aus den Schulbüchern verschwinden – was ich barbarisch und dumm fände.
Während der Teenie von ihrem Vormittag im Altersheim berichtet, schmurgeln im Ofen die Bio-Hühnchenschenkel warm. Sie kommt mit ihrer gut Arbeit klar, mag die Abwechslung. Manchmal braucht sie wirklich starke Nerven, zum Beispiel wenn bei der Fütterung einer volldementen Frau deren teildementer Mann gegenüber der bulgarischen Mitarbeiterin übelste rassistische Sprüche vom Stapel lässt. Einer der Bewohner spuckte den Leberknödel aus und hielt dann ihre Haare. Sie backt am Nachmittag einen Marmorkuchen, den sie morgen für die Senioren mitnimmt. Weitere Arbeit an den alten Radblogeinträgen – unter anderem Durchsicht eines Textes über Japanisches Holz- und Keramikhandwerk – in solchen Nischen wird KI nichts verbessern können. Abends Regen bei null Grad, was immer kritisch ist, da das Salz weggespült und der Regen nach dreißig Minuten zu Eis wird. Ich bin das familiäre Frühwarnsystem und behalte mit meinem 8x40er Fernglas die Landstraße im Auge. Prokofievs „Streichquartett Nr. 2“ gefällt mir ausgesprochen gut – da werde ich mich nun nach ein paar Alternativeinspielungen umsehen.
Ein grauer, nieseliger Mittwochmorgen bei leichten Plusgraden. Die beiden Kraftfahrzeuge der Familie finden festen Halt auf der Straße. Morgentoilette und Frühstück. Müsli, Tee und Kaffee schmeckten wie ehedem, der aktuelle Infekt macht sich dünne – ich werde als gesunder Patient die Tore der Emser Rehaklinik durchhumpeln! Auch heute wieder minimal beweglicher – das Riesenhämatom, das mich Wochen gekostet hat, ist kaum noch zu erahnen. Langer, schöner Besuch eines Sportsfreundes aus dem Vogelsberg – Hausrenovierer, Radsammler, kluger Mensch, seit vier Jahren in Rente. Angeregte Unterhaltung über dieses und jenes, unter anderem über Rennräder und deren Geschichte – sein gesamter Speicher steht voll damit. Ein sehr angenehmer Mensch, der dann im Bann meiner Teenies beim Kochen half. (Er hat nur Söhne.) Herzliche Verabschiedung. Nach einem Abendbrot (wie Du es als Altersheimbewohner nie bekommst) noch etwas Champions League mit meinem Sohn. Ein Tag, an dem ich von der Nachrichtenlage kaum etwas mitbekam – auch schön.
Ein wichtiger Bestandteil der Therapien ist die Beobachtung und Reflexion des eigenen Körpers und Verhaltens. So sollen wir uns beispielsweise bei einer der Übungen hinstellen und die Augen schließen. Die Therapeutin fordert uns auf, unsere Aufmerksamkeit nacheinander auf die Füße, die Beine, die Hüfte, den Bauch, den Rücken, die Arme, die Schultern, den Hals und schließlich auf die unterschiedlichen Bereiche des Kopfes zu konzentrieren. Danach werden die Augen wieder geöffnet und jeder teilt der Runde seine Beobachtungen und Empfindungen mit. Während andere berichten, dass sie anfingen zu schwanken oder sich in sich zusammensacken fühlten, wurde mein Stand immer fester. Der Oberkörper richtete sich auf, die Brust hob sich, der Kopf reckte sich entschlossen und offen nach vorne. Ich merke an, dass sich das Stehen gut und frei angefühlt habe, aber der Kiefer angespannt gewesen sei, und bekomme den Tipp, die Zunge nicht an den Gaumen zu strecken, sondern einfach auf den Mundboden fallen zu lassen. Mein Unterkiefer hängt nun locker herunter wie beim Skelett, das damals im Biologierraum unserer Schule stand. Das ist zwar ein etwas ungewohntes Gefühl, funktioniert jedoch überraschend gut.
Die Wochenenden können anstrengend sein, wenn man ohne einen Therapieplan in den Gemeinschaftsräumen hockt, mit sich und seinen Grübeleien beschäftigt ist, gern erweitert um die Sorgen und Probleme der anderen. Ich verlasse zwar so oft es geht das Gelände um in der Natur unterwegs zu sein, was für mich die einzig mögliche Vorgehensweise ist, habe aber natürlich auch da meine Gedanken mit im Gepäck. So gern ich mich allein auf den Weg mache, sind wir von den Therapeuten angehalten, auch Dinge gemeinsam mit den anderen zu unternehmen. So gibt es zum Beispiel jeden Mittwoch einen neunzigminütigen, für alle verpflichtenden Patientenabend. Am Samstag kam als Kür Karaoke hinzu. Ich hatte noch an so etwas teilgenommen und war textlich bei den aktuellen Songs deutlich im Nachteil. Zugleich war ich überrascht, wieviel Freude diese Art des gemeinsames Singens bereitet (ich singe sonst nur im Stadion). Und mit meinem Namensvetter Sinatra konnte ich denn auch zweimal punkten: „My way“ als Solo (ich kann nur empfehlen, das mal lauthals zu singen!) und im Duett „Something stupid“. Eine weitere Erfahrung, die ich ohne den Aufenthalt hier nie gemacht hätte.
Etwas anderes, das mir erst hier so richtig bewusst wird, ist, wie trügerisch erste Einschätzungen von Personen sein können: Mein Gegenüber am Tisch, den ich innerlich als Programmierer eingestuft hatte, entpuppt sich im Gespräch als Hauptmann der Bundeswehr. Man sollte also immer vorsichtig sein mit voreiligen Schlüssen – im Zweifelsfall ist es besser, einfach mal zu fragen.
Da meine Knie nach dem langen Rückweg von Tangermünde am Samstag eine Pause brauchten, verzichtete ich am Sonntag aufs Joggen und machte lange Spaziergänge. Wobei Pause relativ ist – am Ende war ich doch wieder insgesamt fünfundzwanzig Kilometer unterwegs. Neben dem eisigen Wind, der mir weiterhin in jede Ritze kroch, waren die Windräder, zwischen denen ich hindurchging, das Eindringlichste. Sie erzeugen wirklich unangenehme Geräusche: ein dumpfes Summen im kaum wahrnehmbaren Bereich, dazu das rhythmische Wupp, Wupp, Wupp der Flügel. Das erklärt viel besser als alle Worte, warum die meisten Gemeinden solche Anlagen nicht in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnhäuser errichten lassen wollen.
Am Donnerstagvormittag gratuliert mir meine Älteste aus Spandau dazu, dass ich auf dem Bauch liegend telefoniere – eine Stellung, die ich seit dem Unfall vor anderthalb Monaten nicht mehr einnehmen konnte; heute ging es auf einmal – und ich kam sogar wieder hoch! Der Finanzmechanikersohn hingegen ist am frühen Morgen wegen einer Lumbagostarre auf der Suche nach einem Schmerzmittel. Nach Einnahme einer Ibuprofen und Übungen, die ihn halbwegs richten, besteigt er den zugefrorenen Kombi. Er fährt um sieben zur Arbeit und kommt gegen 23 Uhr zurück. Der andere Sohn bringt mich nach dem Waschen, Legen und Trocknen meiner Haare mit dem Verbrenner zur Reha – bei minus 5 Grad freut man sich über ein vorgeheiztes Auto. Bei der Therapeutin nun intensivere Übungen – es ist noch nicht gut, wird aber besser! Da der Körper automatisch in die Schonhaltung will, soll ich darauf achten, gerade zu stehen.
Am Nachmittag telefonischer Abgleich mit der Rehaklinik, was ich noch an Unterlagen beibringen muss. Mitnehmen werde ich auf jeden Fall den Laptop sowie Arno Schmidts „Sämtliche Romane und Erzählungen“. Ich fürchte, dass ich mich dort, nachdem ich die Übungen verinnerlicht habe, durchlangweilen werde. Leider fehlt mir das Leistungsmesser-Gen jener Patienten, die mehrmals täglich ihre Pulsfrequenz und den Blutdruck kontrollieren und damit in solchen Einrichtungen allerbestens aufgehoben sind. (Für mich kommen eigentlich nur Renaissanceschlösschen mit Musiksaal infrage …)
Mein Teenie kann jetzt jeden Heimbewohner mit Namen ansprechen. Sie berichtet von Hierarchien, teilweiser Ausübung von Dominanz und kleinen Niederträchtigkeiten im Haus – vielleicht ja soziale Dynamiken, die Nachhall der Nonnenerziehung hierzulande sind?
Am Freitag aufgrund der Plusgrade sogleich mehr Vogelbetrieb. Und auch die Zimmer im Haus sind spürbar wärmer – die 20-Grad-Marke wird erreicht! Mit Pierre Monteux‘ „Daphnis et Chloé“ von Ravel in den Morgen – fabelhaft, feenhaft, passend zu den matten Farben vor dem Fenster …und hinterm Schweif unseres Feuervogels steigt die Sonne übers Kirchturmdach! Unser Teenie ist erkältet: Halsschmerz und Erschöpfung nach vier Tagen im Heim. Weil sie Angst hat, dort jemanden anzustecken, bleibt sie zu Hause. Wir essen die letzten Stückchen ihres Geburtstagsfeier-Citronencakes, der in der Familie rasenden Zuspruch fand. Für mich gibts besten Bohnenkaffee dazu.
Am Samstag hat auch mich der Infekt erwischt, der hier die Woche reihum ging. Abgeschlagen geduscht, Freude über Sonnenschein. Später Rosenkohl, Parmesan, Muskatnuss und Butter verschwenkt. Das feine Essen wird von meinen Blutsverwandten nur zögerlichst angenommen, dafür gibt es Beschwerden wegen Fettspritzern. Da immer noch komplett schlapp, zwei Stunden Mittagschlaf. Hat nichts gebracht. Die Damen ausgeritten, die Jüngste sogar zu Pferd. Der Sohn hält hier mit mir die Stellung und spielt Darts. Währenddessen entspanne ich, einen Joghurt mit neuer Pfirsichmarmelade essend, auf der Couch, und bin in Gedanken bei den Radkumpels, die heute durch den Odenwald fahren. Sie meiden die Unfallstelle, hätten aber ruhig mal nachsehen können, ob der dreiste Weglord wieder eine Kette über die Fahrbahn gespannt hat. Die zunehmend schräge Wintersonne schmeichelt den Möbeln – nun aber schnell raus in den Garten zum Sauerstoffschnappen, bevor sie wieder abgetaucht ist!
Mit dem Sohn dann der perfekten Fußball-TV-Nachmittag: Zunächst schauen wir die Schlussphase von Frankfurt gegen Hoffenheim und anschließend das englische Thrill-Game AFC Bournemouth vs. FC Liverpool. In dem kleinen Stadion ist es windig und regnerisch, die Stimmung fantastisch. Der Underdog geht in Führung, kurz darauf fällt sogar das 2:0! Die Fans rasten aus, bejubeln jeden Ballgewinn. Unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff der (verdiente) Anschlusstreffer der Luxusmannschaft. In Hälfte zwei geht es immer hin und her, ein guter Konter folgt auf den anderen. Zunehmender Ballbesitz für Liverpool. In der 80. der Ausgleich. Das Heimteam macht zu. Wirtz und die Seinen laufen gegen das Bollwerk an, verdaddeln aber jede Chance. Bournemouth, inzwischen stehend k.o., schießt den Gegner an, um Einwürfe zu bekommen. Bei jedem dieser wird der Ball erst einmal sorgfältig unterm Trikot abgewischt. So rettet man sich über die 90. Dann kommt die vierte Minute der Nachspielzeit und mit ihr der nächste Einwurf für Bournemouth, von rechts sehr weit in den überfüllten Fünfer gebracht. Dort Gestocher, der Ball prallt müde vom Pfosten ab und wird aus zwei Metern, fast von der Grundlinie, reingelutscht. Das Stadion tobt. Die Reds beschweren sich, aber der Schiri sagt: Alles regulär! Ein schwer zu toppendes Drama. Völlig anders als dieser blöde Schachbrettfußball. Sowas will man sehen!
Am Sonntagmorgen erkältet, brummköpfig, träge. Mit dem Teenie die Schweinemedaillons in Senfsauce besprochen. Interessante ältere Radiosendung über die Beschlagnahme des Frankfurter Senders im Jahr 1925, um ihn für Regierungsdurchsagen zu nutzen – der Rundfunk war von Anfang an kein wirklich freies Medium. Dann das Essen: Rotkraut, Zwiebeln, Möhren, Kartoffeln, grüne Bohnen, alles gedünstet, und das gegarte Schweinefillet als Medaillons dazu. Nichts bleibt übrig. Unser Teenie ist ein Kochcrack! (Mir war das schon immer klar – bereits als Kind spürte sie, ob eine Milch offen im Kühlschrank stand, und war es auch nur für eine Viertelstunde …)
Der Montag geprägt von der schlechten Kombi Rückenschmerzen und Erkältung. Über Nacht Neuschnee. Um 6:30 Uhr räumt jemand den Parkplatz zum Kindergarten; ich schaue ihm ein wenig zu. Da kein Bus fährt, muss das Altersheim auf mein Kind verzichten; meine Frau und die übrigen Kids gelangen mit dem Diesel sicher zur ihren Bildungsstätten. Beim leisen Klang des Radios bis 9:30 Uhr Schlaf nachgeholt. Nach Frühstück und Morgenwäsche zur Physiotherapie, später ein weiteres Telefonat wegen der Reha. Bin leicht genervt, dabei sollten wir im Kopf behalten, dass das jetzt die letzten großen Luxusleistungen der alten BRD sind – da ist viel Luft nach unten …
Der Teenie kocht uns eine hervorragende Ratatouille, von der nichts übrig bleibt. Bei der Milchqualität hat sich jetzt die Zwischenstufe „Weidemilch“ eingeschlichen – sieht beinahe aus wie Bio, ist es aber nicht, meine Frau tappte sogleich in die Falle. Ich lese auf der Seite „Rentner, die auf Dinge zeigen“, dass in Southampton irgendwer seinem Nachbarn Schnee aus dem Vorgarten klaute, um damit einen Schneemann zu vollenden, worüber sich der Bestohlene aufregte. Eine Meldung vor einem irgendwie deprimierenden Hintergrund, die die philosophische Frage nach sich zieht, ob man mit dem Esel auch dessen Schatten mietet, worüber ich dann bei Sergej Prokofjews „Sonate für Violine und Klavier in D-Dur, Op. 94a“ in der großartigen Interpretation von Martha Argerich und Gidon Kremer nachdenke. Die Hälfte der Familie schwächelt – das Abendessen mit Chicoree-Salat gleicht einem Krankenlager. Alle gehen früh zu Bett – auch ich.
Samstag, Tag 11 im Exil im Nordosten Sachsen-Anhalts. Bevor es nach dem Mittag nach Tangermünde geht, mache ich am Vormittag noch einen Lauf. Es ist die gleiche 12-Kilometer-Runde wie eine Woche zuvor. Da ich den Weg kenne, muss nicht mehr die App kontaktieren. Der Horizont verschwimmt im Grau des Himmels. Die Furchen, welche die schweren Reifen der Traktoren in den Boden gerissen haben, sind zu schwarzer Erdlava erstarrt. Die Weiden hatten Friseurbesuch – ihre geschorenen Zweige wurden fein säuberlich aufgeschichtet. Die Rümpfe der Bäume sehen aus wie Grabmale, die am Wegesrand an vergangenes Leben erinnern.
Nach dem Joggen liefern mir Fischragout und Kartoffeln die nötigen Kalorien. Dabei fällt mir auf, dass ich hier, wo mich nichts ablenkt, langsamer und bewusster esse als zu Hause. Es fühlt sich gut an. Dank DDR-Schulspeisung, NVA-Verpflegung und Unimensa bin ich nicht sonderlich wählerisch und finde immer etwas, das ich mag. Mein Vorteil: Im Gegensatz zu den Veganern kann ich mittags aus drei Gerichten wählen – für sie gibt es heute einen Sauerkraut-Kartoffel-Topf, der wie ein Eintopf ohne Flüssigkeit anmutet – oder wie es der Schwarzseher der Gruppe beschreibt: „Sieht aus wie überfahren, aber man kann trotzdem nicht aufhören hinzugucken.“
Nachdem uns die Jugend viel Spaß gewünscht hatte, fahre ich, der Älteste der Gruppe, mit dem Zweitältesten um Viertel nach eins mit dem Bus von der Klinik bis zum Neustädter Tor in Tangermünde. Mein Mitstreiter kennt die Stadt noch nicht und ist überrascht, wie gemütlich und vor allem belebt das mittelalterliche Zentrum ist. Zwar sind die meisten Geschäfte bereits geschlossen, aber Restaurants und Cafés laden zur Einkehr ein. Mein Begleiter ist etwas nervös, da wir den Weg zurück nach Jerichow zu Fuß zurücklegen wollen und in unserer Einrichtung sehr großen Wert auf pünktliche Anwesenheit zu den Mahlzeiten gelegt wird. Und Abendessen ist Punkt 18 Uhr. Es war Dreiviertel zwei, als wir ausstiegen, doch mehr als drei Stunden würden wir auf gar keinen Fall benötigen, beruhige ich ihn. So bleibt uns noch genügend Zeit für einen Kaffee und einen Espresso in der einladenden Backstube mit angeschlossenem Café. Das Angebot an Gebäck und Kuchen ist dort ausgesprochen vielfältig, jedoch sofort entschieden, als wir den traditionellen Zuckerkuchen entdecken. Wir teilen uns ein Achtel, bevor wir dann kurz nach 14 Uhr aufbrechen.
Auf der Elbbrücke lässt der Wind die Kälte in uns kriechen. Dafür genießen wir einen ungetrübten Blick auf den Strom, der auf der flussabwärts linken Seite dicht mit Treibeis bedeckt ist. Es ist kaum noch fassbar, dass ich hier vor fünf Monaten im kurzärmligen Trikot entlang geradelt war. Mein Gefährte hat Lust, die Elbe direkt vom Ufer und nicht nur vom Brückenbogen aus zu sehen. Also nehmen wir ab Fischbeck jene Pfade, die ich eine Woche zuvor in der entgegengesetzten Richtung erkundet hatte. Wie anders und unwirklich nun alles im trüben Frostdunst aussieht! Tangermünde scheint ganz nah und zugleich entrückt.
Da das Gummistiefel-Territorium inzwischen gefroren ist, kommen wir deutlich schneller voran als ich beim letzten Mal. Zudem kenne ich jetzt den Weg. Ich halte Ausschau und finde tatsächlich meine vom Frost konservierten Fußstapfen – neben zahllosen Abdrücken von Rehhufen. In der zunehmenden Dämmerung erblicken wir immer wieder Rudel dieser kleinen Hirschart, sowie Kolonien von Krähen und Wildgänsen. Eine Schar weißer Vögel, die so groß sind wie Schwäne und auch so lange Hälse haben, irritiert uns. Sind die überhaupt im Winter in größeren Trupps unterwegs? Wir wissen es nicht. Aber nachdem sich zweimal Tiere paarweise absondern, sind wir uns ziemlich sicher, Schwäne gesehen zu haben.
Zurück in der Zivilisation hole ich mir im Jerichower Supermarkt noch eine Cola. Mir ist beim Rausholen des Geldes so kalt, dass meine Hände zittern. „Es ist wohl kalt draußen?“, fragt die Kassiererin. „Ja, schon“, bestätige ich. „Allerdings sind wir auch gerade von Tangermünde aus hierher gelaufen, da sind wir etwas verfroren.“ – „Wirklich?“, fragt sie erstaunt, als habe sie noch nie etwas so Verrücktes vernommen. Obwohl – die Klapse ist um die Ecke und die Leute sind sicher nicht ohne Grund dort.
Ein gelungener Ausflug der beiden Oldtimer unserer Truppe. Mein Mitstreiter, der noch eine stationäre Laufzeit von sechs Wochen hat, nimmt sich vor, die Gegend in einer wärmeren Jahreszeit einmal ausgiebig zu genießen.
Tag 10. Samstag. Das zweite Wochenende. Zwölf Wochen sind es insgesamt, eine ist um, am Sonntag sind es anderthalb. Ein Zwölftel, zwei Vierundzwanzigstel. Ich stelle mir einen Adventskalender vor: Eine halbe Woche ist ein Türchen. Anderthalb Wochen – das sind drei Türchen. Mir wird bewusst, dass ich gerade nicht weiß, ob ich Türchen öffne oder schließe. Sie zu öffnen, hieße, etwas Neues zu entdecken. Sie zu schließen, bedeutet, ein Teilstück auf meiner Reise abgeschlossen zu haben. Irgendwie passen beide Bilder.
Beim Schreiben dieser Zeilen nage ich an einer fast brettharten Printe. Da in elf Monaten Weihnachten ist, scheint mir das passend. Außerdem kostete die Packung nur 50 Cent. Die Aachener Printen sind sozusagen die Antithese zu den zerfallenden Nudeln im Mittagsgericht. Im statistischen Mittel ist beides al dente.
Ich beobachte, dass ich, seit ich hier bin, vergesslicher werde. Ich gehe ohne Handtuch zum Duschen. Oder muss vom Pfleger an die Einnahme einer Tablette erinnert werden. Zwei Mal stand ich vorm Supermarkt, um dann festzustellen, dass ich gar kein Geld dabei habe – kein Portemonnaie, keine Karte, nicht einmal Münzen in der Hosentasche. Wir sind angehalten, unser Geld wegzuschließen, da kann das passieren. Aber gleich zwei Mal in fünf Tagen?! Meine Reaktion darauf: Ich zucke mit den Schultern und genieße einfach den weiteren Spaziergang in der Abendkälte. Faszierend finde ich, dass ich zwar konfuser werde, aber mich darüber nicht aufrege. Früher, also in der Zeit vor Tag 1, hätte ich, je nach Stresslevel, entweder mich verflucht oder mit dem Schicksal gehadert.
Wir sollen hier unter anderem lernen, Entscheidungen und Gefühle weniger von der Meinung anderer abhängig zu machen. Wenn man einer der ganz wenigen Fleischfresser unter lauter Veganern ist, ist das gar nicht ganz so einfach. Andererseits ist Rücksichtnahme eine Kultereigenschaft, die uns über das Barbarentum erhebt. Und so fand ich am Donnerstag eine Art Kompromiss und habe in unserer Gemeinschaftsküche heimlich (!) ein saftiges Rindersteak gebraten und vor dem Abendessen vertilgt. Nun, ganz heimlich nicht: Einem hereinkommenden Mitpatienten musste ich versprechen, dass er das Blut vom Abtupfen nicht sehen wird. Ein anderer wollte noch schnell vor mir sein Tofu-Geschnetzeltes in der Pfanne abbraten. Und dann stürzte noch eine der Pflegerinnen herein, die das Fenster aufriss und die Dunstabzugshaube anwarf (ich hatte den Knopf nicht gefunden), um das Aufbrüllen des Rauchmelders zu verhindern. Ganz unbemerkt blieb ich also nicht. Aber können Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich vorstellen, was für eine diebische Freude einem so ein klammheimlich verdrücktes Steak bereiten kann? Etwas Erlaubtes einfach mal verstohlen zu handhaben? (Und ja, allen Umständen zum Trotz war das Steak sogar perfekt gelungen.)
Mitte der Woche hat sich die Dynamik unserer Gruppe schlagartig verändert. Die zwei Dominantesten verließen uns. Einer hatte das letzte Türchen seines Kalenders geöffnet, die andere ging im Zwist, weil die Ärzteschaft ihr nicht die Therapie genehmigen wollte, die sie selbst für sich als richtig erachtet hat. Ich half den beiden, Beutel um Beutel und schließlich sogar einen Monitor hinaus in das Auto zu tragen. Dann waren sie weg. Und auf einmal kamen auch die leisen Stimmen zu Wort. Und fanden Gehör. Was die An- und Abwesenheit einzelner Menschen bewirken kann, war mir noch nie so deutlich aufgefallen. Obwohl, doch: Die meisten kennen sicher das Gefühl, dass es sich entspannter arbeitet, wenn der Chef nicht im Haus ist.
Am Donnerstag hatte ich mein erstes Einzelgespräch. Es war ein bisschen wie ein Kennenlernen. Ich gab zu, dass ich mich unter all den jungen Mitpatienten mit ihren schwerwiegenden Problemen fehl am Platze fühle – so krank wie die sei ich doch gar nicht. Nie bin ich vor irgendetwas davon gelaufen, habe mich immer durchgebissen. Ein Indianer kennt keinen Schmerz und so. „Und doch sind Sie hier,“ sagt die Therapeutin. „Und doch bin ich hier“, bestätige ich. „Und das ist gut so“, sagt sie. „Und das ist gut so“, stimme ich zu.
Der Freitag ist kalt. Nicht nur von den Temperaturen her, alles fühlt sich kalt an. Kalt und klamm. Wolken haben den Himmel verhangen. Die Luft ist feucht. Es ist eine Kälte, die in Ärmel und Hosenbeine kriecht, über den Hals den Rücken entlang. Es ist eine Kälte, die sich nur vertreiben lässt, wenn man sich bewegt.
Das machen wir am Nachmittag mit der obligatorischen Wanderung, die überwiegend durch den Wald führt. Dabei finden sich immer neue Pärchen für Gespräche. Mit dem einen Mitpatienten rede ich übers Wandern, eine andere erzählt von ihrem Hund, den sie als traumatisierten Einjährigen aus dem Tierheim geholt hat. Mit dem Dritten tausche ich mich über Science-Fiction- und Fantasy-Romane aus. Er ist überrascht, dass ich als Fußballtrainer solche Bücher lese, und vor allem so viele. Dann stellen wir fest, dass wir auch viele Filme gleichermaßen schätzen und geben uns gegenseitig Empfehlungen. Mit der Vierten spreche über die Geschichte des östlichen Mittelmeerraums. Sie studiert Geschichte des Mittelalters, ich habe Arabistik studiert. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Es ist dunkel, als wir an unserem Haus ankommen. Niemand friert mehr.
Hätten die Evangelisten ihre Bücher ins Handy eintippen müssen, wäre die Bibel deutlich kürzer ausgefallen. Und hätte Sisyphus statt Steine zu rollen, im ständigen Kampf gegen Autokorrektur und Schreibfehler gestanden, hätte er sich nach wenigen Tagen einen anderen Beruf gesucht …
Trotz alledem ist hier der Bericht vom achten Tag in der Klinik:
Am Morgen weisen die Pfleger darauf hin, dass heute von uns die Gemeinschaftsbereiche aufgeräumt werden müssen. Betretenes Schweigen. Anders als in vergleichbaren Fällen daheim, nölt jedoch keiner herum, weist die Schuld von sich oder kontert mit „Räum doch selber auf, wenn es dich stört!“ Das beweist wieder einmal, dass es einfacher ist, fremde Kinder zu erziehen als die eigenen.
Es ist immer noch kalt, aber die Sonne lädt ein, sich zu bewegen. Obwohl gerade nichts auf dem Plan steht, dürfen wir bis zum Ende der Therapien am Nachmittag das Gelände nicht verlassen. Weshalb ich auf den Wegen zwischen den Klinikgebäuden meine Runden drehe. Zwischendurch springe oder renne ich oder mache ein paar Schrittfolgen aus den Aufwärmübungen beim Training mit den Kids in meinem Verein. Hauptsache Bewegung, Hauptsache draußen.
Bei unserer Wanderung, einer Pflichtveranstaltung zweimal die Woche, überrasche ich meine Gefährten damit, dass ich ihnen genau sagen kann, wo wir demnächst auf eine Brücke stoßen werden oder ein Weg hierhin oder dorthin führt. Ich glaube, ich habe an meinem ersten Wochenende vor Ort mehr erkundet als viele andere in acht Wochen. Am kommenden Samstag werde ich mit dem Bus nach Tangermünde fahren und die knapp 15 Kilometer zurückwandern. Meine jungen Mitpatienten wünschen mir dafür viel Spaß, der Zweitälteste aus unserer Gruppe will möglicherweise mitkommen.
In der Cafeteria treffe ich einen Endsechziger mit nur noch einem Bein, der sich von einer ungefähr zehn Jahre jüngeren Frau in seinem Rollstuhl an den Nachbartisch schieben lässt – sie ist seine Schwester, wie sich dann im Gespräch herausstellt. Sie bestellt zwei Tassen Kaffee und sucht in der Auslage nach nussfreiem Kuchen. Die Verkäuferin kann ihr dabei nicht weiterhelfen, woraufhin sie sich für zwei Himbeerschnitten entscheidet. Niemand muss den Arzt rufen. Ihr Bruder erzählt mir, dass er lange Zeit in einer Zuckerfabrik gearbeitet hat. Auch in so kalten Wintern wie diesem musste er dort Rüben schaufeln und waschen. Dabei wurde sehr viel Alkohol getrunken. Mit 18 stellte er erstaunt fest, dass ihm abends in der Kneipe die Hände zitterten – was sich erst nach einem Schnaps legte: „Mann, was haben wir damals gesoffen. Wo man auch hinkam, immer stand eine Buddel auf dem Tisch.“ Heute trinke er jedoch nur noch selten und sehr wenig, höchstens mal einen Glühwein oder so.
Am Abend mein üblicher Gang zum Netto. Ich kaufe immer nur kleinste Mengen, um am nächsten Abend erneut gehen zu müssen. Hin und zurück sind es jeweils 20 Minuten zügigen Gehens – das entspannt. Weniger entspannend ist das Angebot des Discounters: Um 19 Uhr herrscht in den Regalen der Gemüseabteilung gähnende Leere – ich habe dort um diese Zeit noch nie eine essbare Gurke gesehen, auch mit Salat sieht es schlecht aus. Das spricht entweder für die hiesigen Kunden oder gegen die Bestellpraxis der Filiale. Auf der Suche nach Kaffee überrascht mich Jacobs damit, dass sie dreist die Wahrheit sagen: Endlich weniger Inhalt fürs gleiche Geld.
Ansonsten beobachte ich fasziniert, was mit mir im Verlauf dieser Woche geschieht: Ich komme mir vor wie ein eng beschriebenes Blatt, auf dem ganz langsam die Schrift verblasst, so dass am Ende nur das weiße Papier übrig bleibt. Am meisten und ganz unmittelbar spüre ich das während der Therapieübungen, bei denen wir uns in Aufgaben versenken und unsere körperlichen und emotionalen Reaktionen beobachten und reflektieren sollen. Seit sehr langer Zeit fühle mich wieder richtig frei, spüre keinerlei Verantwortung mehr, muss keine Entscheidungen treffen, hab keine Lasten zu tragen. Ich lasse es geschehen. Und bin überrascht, wie gut es sich anfühlt.
Am späten Dienstagvormittag hat die Sonne dann endgültig den Talnebel besiegt. Als ich in der Früh ins kleine Städtchen zur OP gebracht werde, sind es neblige minus 2 Grad, aber die Praxis, in der mir ein winziger Tumor am Nasenflügel entfernt werden soll, ist mehr als gut gewärmt. Während mein Sohn auf der Suche nach einem Parkplatz mehrmals den alten Marktplatz umrundet, begrüßt mich auf der Treppe die Ärztin, die mich gleich wiedererkannte, was ich sehr schmeichelhaft finde. Die Operation war schmerzhaft aber erfolgreich, dass ich mittlerweile Spritzen gewohnt bin, erwies sich als Vorteil. Nachdem ich mir noch neue Rezepte fürs Kontrollröntgen der Hüfte und neue Physiobehandlungen geben ließ, kauften wir ein. Es wurde dann ein schönes, entspanntes Mittagesssen zu viert mit einem gerecht geteilten Steak, Reis, Roter Beete sowie Mandarinen zum Nachtisch. Die neue, durch meine Krankheit bedingte Teilung der Aufgaben funktioniert mittlerweile gut – mein Sohn, der einen Tag länger krank feierte, meinte nach dem Spülmaschineausräumen, dass das mehr Arbeit gewesen sei als an einem seiner üblichen FSJ-Tage. Bei mir ganz langsames Nachlassen des Anästhetikums plus Kopfdröhnen, das sich im Laufe des Frühnachmittags verflüchtigte.
Die mittlere Tochter berichtet von ihrem zweiten Tag im Altersheim. Nachdem gestern eine alte Frau nach ihr griff, sie nicht mehr losließ und sehr intensiv anstarrte, bat sie heute darum, nicht mehr bei der Zwangsernährung assistieren zu müssen. Das Personal wirkt müde und routiniert – wie Mägde und Knechte die durch die Stalljauche waten und nach dem Vieh sehen. Die Praktikanten laufen dabei nebenher. Sie hat am Vormittag zehn Spülmaschinen geräumt und Tische gewischt, an deren Unterseite getrocketer Brei klebte. Ein Mann, der nicht essen wollte, kämpfte minutenlang gegen seine Tränen an, die dann doch liefen und liefen. Ein anderer, uralter und leicht verwirrter Herr hat auf dem Schreibtisch in seinem Zimmer einen kleinen Schrein aus alten Pässen aufgebaut, dem eigenen und dem seiner Frau, dazu Bilder aus ihrer Jugend und seiner Jugend, neben der Tür ist ein kleines Weihwasserbecken angenagelt. Bei vielen anderen Bewohnern sah sie DM-Kalender mit Fotos der Enkel. Eine Frau stand auf dem Flur, weil ihr überhitztes Zimmer in der prallen Sonne lag und sie aufgrund ihres Schlaganfalls kein Fenster mehr öffnen kann – im alltäglichen Trab geht ihr Klagen und Bitten normalerweise unter. Eine einstige 100-Meter-Kreismeisterin ist die Einzige, die noch gut zu Fuß ist – Rollstuhl und Rollator sind im Heim ansonsten obligatorisch; mein Teenie ging dann mit ihr spazieren. Am meisten Spaß macht ihr das Falten der Mullunterhosen.
Die Katastrophen des Tages: Unser Apple-iPad-Stift ist futsch und in der Post ein Brief meiner Rentenkasse mit dem mehrseitigem Reha-Vertrag, aus dem hervorgeht, dass ich für die drei Wochen mit 4000 Euro in Vorleistung gehen solle. Nach der Endabrechnung kommen dann die Erstattungsprozeduren – welche Monate dauern. Ich werde da morgen mal anrufen. Der Sohn am Abend bei minus 2 Grad etwas früher zum Fußballtraining, weil er vor den derzeit hauptsächlich stattfindenden Laufeinheiten ein Pre-Soccer-Stretching macht, das er vor Kurzem entdeckt hat – und welches ich für ganz sinnvoll halte.
An einem Mittwochmorgen voller Reif länger geschlafen und sehr gut ausgeruht. Vorher sah ich gegen sieben unten kurz nach dem Rechten, ob alle gut an ihre Wirkungsorte kommen. Sie kamen – auch der Finanzfacharbeitersohn, der wieder zu Besuch ist, und ein ungewohnt frühes 8-Uhr-Meeting hatte, weil irgendetwas mit den „Finanzprodukten“ nicht so rund läuft, die man einem Investor „verkauft“ hatte – nun muss im Maschinenraum der Zahlenbranche gebastelt werden. Bin innerlich noch immer mit der Reha beschäftigt – ob da andere auch in Vorkasse gehen müssen? Dann die Angst, drei Wochen in dumpfer Atmosphäre durchzudrehen – allein die Aussicht auf Siebziger-Jahre-Mobiliar und im wahrsten Sinne tote Umgebungen jagen mir einen Schauder ein. Sicher, man kann sich an alles gewöhnen, aber ich habe mein Leben lang nur mit meinen eigenen Sinnen funktioniert. Vielleicht wär eine einfache Physio dreimal wöchentlich bei der netten Therapeutin im Dorf doch die bessere Wahl, statt in so einem Kassenbunker eingesperrt zu sein, wo das nächste erträgliche Essen hundert Höhenmeter tiefer liegt …
Der Sohn mittags komplett erschöpft vom FSJ-Einsatz zurück. Er hatte nur fünf Stunden geschlafen, dazu die Steigerungsläufe beim Training gestern und vermutlich eine nicht auskurierte Erkältung. Ich widmete mich den Vormittag über der Rechnungslegung der Reha, machte mit dem guten alten Scanner aus Papierschreiben pdfs, die ich per Mail verschickte. Vorher ein nettes Kurztelefonat mit der Klinik, morgen folgt ein weiteres – vielleicht ist es nun doch möglich, dass ich das Geld erst nach erbrachter Leistung bezahle. Usw. Das alles Terra incognita und äußerst nervend für mich. Ich versuche nun den Aufenthalt als so eine Art Abenteuer zu sehen, bei dem ich als Reporter mitmache, fürchte aber, dass mir mein Temperament etwas im Wege steht und es mit meiner Geduld rasch zuende sein könnte. In der Unfallklinik war das anders, da ich nach der OP noch völlig groggy war und unter Opioiden meist einfach nur rumlag. Jetzt bin ich viel aktiver und hasse es eben, als passives Labortier stumpf Programme durchzulaufen. Und das in einem Ambiente, das den denkbaren Gegenpol zu einem gediegenen mittelalterlichen Landsitz bildet. (Rein persönliche Luxusprobleme!) Während meine Tochter Möhrensalat zubereit, die äußerst wichtige Besprechung des Cake au citron. Unser Teenie nach dem dritten Tag im Heim sehr entspannt. Sie hat jetzt Distanz und Nähe gut ausbalanciert, füttert, faltet Wäsche, schnibbelt Salate, macht den Spülmaschinendienst. Angesichts der Atmosphäre im Heim deckt sie nun zu Hause täglich den Tisch – mit Kerzen, Untersetzern, Unterlegern, Servietten. Meine Mutter wäre unendlich stolz auf sie. (Und ich bin es natürlich auch!) Es lässt sich beobachten, dass mein Unfall einen Schub für die Mikrodynamik unter den Kindern gebracht hat und für größeres Verantwortungsbewusstsein sorgte – sie mussten ja von einem Moment zum anderen fast alle häuslichen Aufgaben übernehmen und sich komplett neu organisieren. Auch darauf bin ich stolz!!!
Schöner sonniger Frosttag. War eine gute Viertelstunde lustwandeln – den Fuß gleichmäßig abrollen, das Gewicht allmählich verteilen, wieder Zweibeiner werden. Alles in allem fügt es sich langsam – nach der Reha folgt dann der Reset. Von der Außenwelt bekomme ich so gut wie nichts mehr mit – ein paar Radionachrichten und das, was mir die Firefox-Startseite anzeigt. Wir erleben tektonische Verschiebungen und können dabei die Kontinentaldrift gar nicht richtig erfassen, obwohl das so starke Bewegungen sind wie seit Rom oder dem Buchdruck nicht mehr. Man sieht im Umfeld die Kollateralschäden der Zerfaserung und wie jeder versucht, sich irgendwie zu retten. Auf arte ein Gespräch mit Sloterdijk, der ähnlich durch ist wie die Epoche. Uns ist der Grund abhanden gekommen, gemeinschaftlich zu denken und zu handeln. Die marionettenhafte Mimikry der einstmals mächtigen Repräsentanten des Volkes gibt ein Zeugnis davon. Nicht einmal die Simulation souveränen Handelns überdauert das Wochenende. Eine ganze Generation (meine eigene) versucht gerade zunehmend verzweifelt, die eigene Rente zu retten. Wenn sie statistisch scharf rechnen würde, wüsste sie, dass uns als Maximalziel nur noch die warme Hand des Pflegers bleibt, die Dich einmal täglich berührt. (Oder die Hand meiner Teenietochter, die jeden Tag mit Beispielen aus dem Altersheim dienen kann.) Nach einem Update des Browsers läuft nun das Internet wieder schnell, was das Ausholzen des Radblogs signifikant erleichtert. Das ist eine Sysyphusaufgabe – aber, nun ja, solange ich nicht auf einem Rad sitzen kann, ist die Zeit dafür allemal übrig. Die Jüngste fleißig bei Grammatikübungen, gute Stimmung im Haus. Nach gemeinsamen Salat und Joghurt auf der schönen dunkelgrünen Decke alle zu Bett.
Mein fünfter Tag im einhundertzehn Jahre alten „Fachkrankenhaus für psychiatrisch-psychotherapeutische Krankheitsbilder des Erwachsenenalters“ in Jerichow. Die Ausreiser vom Wochenende sind am Sonntagabend wieder eingetrudelt; der Montag ist der erste Behandlungstag dieser Woche. Auf dem Programm meiner Gruppe stehen heute nur Malen, was hier Maltherapie heißt, die nächste Gruppensitzung sowie dreißig Minuten autogenes Training, bei dem die Anleitungen eingespielt werden. Die sind so wirkungsvoll, dass ich jetzt weiß, wer die Schnarcher in den anderen Zimmern sind.
Das Thema unserer neunzigminütigen Maltherapie ist „Eigen- und Fremdwahrnehmung“. Wir sollen aufs Blatt bringen, warum wir hier sind. Für die eigentliche künstlerische Arbeit stehen uns dreißig Minuten zur Verfügung, der Rest der Zeit dient der „Wie geht es Dir heute“-Vorbesprechung und dem gemeinsamen Auswerten der Bilder. Erst interpretiert die Gruppe das Werk, dann der jeweilige Künstler. Da alle mit bedeutungsschwangeren Symbolen (hat da jemand Spiegel gesagt?) arbeiten, gibt es eine Menge zu bereden, wobei vor allem die seltsam blickenden Augen und die verzogenen Mundwinkel im Fokus stehen. (Jemand sagt nach der Stunde zu mir: „Vielleicht können wir einfach nur nicht so gut zeichnen, wie wir es gerne würden.“) Aufgrund der Fülle an zu deutenden Details wird mein Bild nicht mehr besprochen, worüber ich nicht traurig bin.
Da wir anschließend bis zum Mittag Pause haben, erkunde ich das weitläufige Klinikgelände. Die aufwendig sanierten Gebäude stehen in dem parkähnlichen Areal weit auseinander, so dass der Gang von einem Therapieraum zum anderen schon mal einige Minuten dauern kann. Ich entdecke die historische Krankenhauskapelle, die gerade geschlossen ist, und einen Friedhof. Eine Klinik? Mit eigenem Friedhof? Ein Therapeut käme jetzt wahrscheinlich sofort mit der Frage, was das in mir auslöst. Meine spontane, ehrliche Antort wäre: Ein wenig makaber, aber cool. Doch als brav mitarbeitender Patient würde ich natürlich ein wenig über die Endlichkeit des Lebens sinnieren und anschließend schweigt man gemeinsam betroffen.
Da wir über die persönlichen Dinge aus den Gesprächsrunden nicht außerhalb dieser sprechen sollen, will ich nur kurz erwähnen, dass ein uns diese Woche verlassender Patient seinen zuletzt häufig fehlenden Therapeuten mit seiner Unzufriedenheit über dessen Abwesenheit konfrontierte. Dessen Antwort war in etwa, dass der Patient lernen müsse, mit Frustration umzugehen. Als er das sagte, sah man einigen von uns an, dass sie vor Wut fast explodiert wären.
Das Essen ist Krankenhausessen – irgendwie nahrhaft, aber fad. Mit Nudeln, die auf der Zunge zergehen. Was ich wörtlich meine: Sobald die Zunge eine Nudel berührt, zergeht sie zu Weizenschleim. Da in den Wohneinheiten kleine Küchen mit Kühlschränken sind, können wir uns aber auch selbst zubereiten, wonach uns ist – wir müssen nur darauf achten, dass wir zu den vorgegebenen Zeiten am Tisch sitzen. Da mir das Grünzeug auf dem Speiseplan viel zu kurz kommt, schnipple ich mir jeden Abend einen kleinen Salat. Die Zutaten dafür hole ich aus dem Supermarkt. Viele junge Patienten sind Vegetarier oder Veganer und pfeifen sich das entsprechende Büchsen- oder Fastfood rein. Am Mittwoch könnten einige von ihnen geschockt sein, da ich mir ein Rindersteak gekauft habe und das dann braten werde. Leider fehlt es mir noch an Gewürzen, aber vielleicht treibe ich ja bis dahin irgendwo welche auf – Aufzugeben ist keine Option.
Bereits am vergangenen Samstag waren einige der tierfreundlichen Mitpatientinnen entsetzt: Es werden immer viel zu viele Brötchen geordert, so dass jeden Tag welche übrig bleiben – neben den normalen Essensresten. Die Mädels fragten den Pfleger, was damit passieren würde. „Das wird alles weggeworfen“, so seine korrekte Antwort. „Und die Brötchen? Die sind doch noch gut?“ – „Die tausche ich gegen Enten.“ Allgemeine Verständnisloskeit, während ich bereits in mich hinein grinse. „Das Personal darf die Brötchen mitnehmen. Ich gebe sie dann einem Kumpel als Futter für seine Enten und bekomme im Gegenzug immer mal ein Tier.“ Win, win – zumindest in der Welt der Fleischesser.
Am Donnerstag allertrübstes Tauwetter bei Windstille. Ich mache mir Gedanken, wie ich die Reha angehe, die in zwei Wochen beginnt, überlege, ob ich Bio-Lebensmittel in die Klinik bestelle bzw. dorthin mitnehme: Äpfel, Mandarinen, Orangen, Grapefruit, Grüner Tee, die 81%-Schokolade usw. Passend dazu ein anregendes Gespräch mit meiner Freundin aus Kölner Tagen, die Gesellschaftstanzlehrerin in München ist, und noch heute von ihrem Jugendtraining zehrt. Stellte irgendwann die Ernährung um, vermeidet Zucker, isst viel frisches Gemüse und ausschließlich Vollkornbrot – als wir damals zusammen wohnten, hatte sie als eine der Ersten überhaupt eine Körnermühle. So wurde sie ein hartnäckiges Herpesvirus los, das ihr bis ins eine Auge gezogen war. Sie ist aber alles andere als eine Ökoschlurre.
Meine Bancha-Beimsichung ist wunderbar gelungen – eine Sache hat sich bei meinem Teekonsum stark verändert: nur Grüner oder Weißer fühlen sich gut an. Den Schwarzen lass ich komplett weg, würde ihn allenfalls als stundenlang gezogenen Cay vertragen. Die Jüngste kommt glücklich aus der Schule, wo man ihre neue Frisur gelobt hat. Mein Sohn kann nun auch eine Salatsauce komponieren, so dass alle zufrieden zu Bett gehen. Ich setze noch die Spritze und hoffe, dass mich keine Schulterschmerzen wecken – Schonhaltung und Krückenlaufen fordern ihren Preis. Durch die Hockergymnastik bekomme ich für ein paar Stunden die Verspannungen aber gelöst. Ich schaue die Videos bei den Übungen inzwischen ohne Ton an.
Am Freitag ein spektakulärer blaurosaner Sonnenaufgang. Lockere Bewölkung und weiterhin mildes Tauwetter – der Schnee nur noch in Stippen sichtbar. Ich wache mit Rückenschmerzen auf, die aber beim Bewegen schnell verschwinden. Die sich langsam öffnende Hyazinthe sorgt für einen unverwechselbaren Duft im Zimmer. Ich bekomme die Nachricht, dass mein alter Kunstlehrer Michael Saran verstorben ist, Jahrgang 1938 und wie Alexander Kluge gebürtiger Halberstädter. War mit Abstand der gelassenste Typ an der Schule, klug, gebildet. Er lebte später auf einem Pfarrhof in der äußersten Ecke der Bundesrepublik, der Feldweg führte gleich nach Holland hinüber. Das war damals nicht unwichtig, weil die Niederlande selbst in ihren kleinen Städten in den 1970ern sozial und kulturell schon eine ganz andere Gelassenheit und Vielfalt verströmte, als all diese rückständigen Ackerbürgerstädte westlich von Düsseldorf und Köln.
Nach der Hockergymnastik große Toilette, dann Physiotermin. Ich bin guter Dinge, weil das Bein mich langsam freigibt. Nach meiner Entlassung aus der Klinik vor fünf Wochen war es zu Elefantengröße herangeschwollen. Jetzt hebe und senke ich das Knie problemlos, die Schwellung geht über das Knie- und das Fußgelenk zurück. Nur bei zu starker Beugung spüre ich den Zug an der Narbe und ein Einschnüren – da sitzt der Schmerzpunkt. Zum Mittag allerfeinste Bio-Kartoffeln aus dem Penny, „Jule“ heißt die Sorte. Bei Kempowski las ich gerade die schöne Formulierung, dass die Kartoffeln einst wie Marzipan geschmeckt hätten – diese waren nahe dran. Meine sensorisch hochbegabte Tochter teilte die Freude. Wir alle essen einfach gerne gut. Ich zeige den Kindern auch viel – Garen, Braten, Schmoren und Dünsten gehören ja so langsam zu den vergessenen Kulturtechniken. Mainstream sind TK- und Fertiggerichte, per App bestelltes und Lieferdienst bis an die Haustür gebrachtes Fast Food. Umstellungen sind meist nur durch schwere Krankheit möglich -wenn überhaupt, da der gesellschaftliche Druck stark ist und Zucker, Alkohol und Junkfood als Selbstbelohnungsmomente allgegenwärtig sind. Die das verweigern, gelten dann sehr schnell als Spaßbremse. (Was essen eigentlich die ganzen Ukrainerfamilien? Ich sehe diesen dünnen Flüchtlingsjungen aus der Klinik immer noch vor mir …) Ich selbst hatte das große Privileg, meine Kindheit und Jugend über ein vielfältiges und hervorragendes Essen zu bekommen. Die erste Delle war dann der Wehrdienst, wo ich nach acht Monaten erstmal Karies hatte, die zweite die späte Studiumszeit und die ersten Berufsjahre – viel zu viele Kohlehydrate, viel zu viel Zucker. Wirklich geändert hat sich das durch die Geburt der Kinder, am meisten aber, als ich mit 45 Jahren begann, mich ernsthaft dem Radsport zu widmen. Wenn Du regelmäßig fahren willst, muss Dein Körper einfach gesund sein. Und so begann der heutige Tag kulinarisch mit über Nacht in Bio-Milch eingeweichten Haferflocken mit Keim, Früchten und Nüssen und endete mit Broccoli, der wie ein italienischer Garten duftete.
Samstagshöhepunkt: Der Ferrari an der Aldi-Kasse, Nachbildung eines Fahrzeugs des Écurie-Francorchamps-Teams von ca. 1972, den ich als unwiderstehliches Angebot wahr- und somit mitnahm. Solche präzises Gussmodelle waren zu meiner Kinderzeit richtig teuer, nun ist es möglich, das in etwas kleinerem Maßstab sehr preiswert in Massenproduktion zu fertigen – ein Traum. Ein sonnig-frischer Tag, der mit Grünem Sencha, Müsli, Mandarinen, einer großen Tasse Kaffee und der Beobachtung unserer Gartenvögel beginnt. Später höre ich einen Vortrag über eine Zeichnung aus Lamberts hundert Jahre altem, wunderschön illustrierten Buch „Birds of Garden and Woodland“. Dann endlich mal wieder eine Nassrasur – die würzigen Noten von Equipage Hermès verströmen Hygge-Vibes. Am Abend läuten gegenüber die Glocken – einmal im Monat können sie noch einen Pfarrer auftreiben. Aber es geht rasant Richtung obskurantistischer Sekte, in denen einer Noten lesen kann und sich ein paar Getreue zum Psalmensingen treffen. Der Sohn ist glücklich vom ersten Fussballtraining des Jahres zurück – und auch der Vater ist zufrieden über einen ruhig vor sich hin gleitenden Tag.
Ein grauer, stiller Sonntagmorgen. Frühstück mit den Kids, die einen neuen Kokoskuchen präsentieren – mir ist der Zitronencake deutlich lieber. Die Hyazinthe nun fast vollständig erblüht, alle freuen sich über den Zimmerduft. Und ich mich zudem über die frische Luft auf meiner Gartenrunde. Meine Reha-Anbahnung läuft gut – kommende Woche könnte die Gewebeflüssigkeit vollständig raus und das Bein wieder locker und vollumfänglich beweglich sein. Ich staune, dass ich immer noch nicht in ein mentales Loch gefallen bin, obwohl ich ja nun keine schönen Radfahr-Kicks mehr bekomme. Ich kompensiere das auch nicht durch Onlineshopping- oder Fressorgien, und ersaufe stattdessen in den süffigen Melodien des Hollywood-Musicals „Lala Land“, das sich die beiden Teenies mit heißer Schokolade vor dem wärmenden Ofen reinziehen. Kind 4 sichtete vorher noch einen kleinen Baumläufer vor dem Fenster. Für mich: Wäsche, Aufräumen, Telefonate; eine Freundin sagte etwas, das man wirklich selten hört: „Was Du für Deine Kinder machst, ist unersetzlich.“ Spritze und Bett.
Trockengrauer Montagsfrost. Der Zaunkönig ist nun auch auf dem Baum zu sehen, die Meisen machen ihm Platz. Bei Minusgraden ist sofort mehr Verkehr am Knödelpoint. Zwei meiner Kids sind wieder erkältet – hat der Junge nach dem Training etwa zu lange gebadet? Da es nichts Ernstes ist, sage ich: „Schön, dass ihr heute zu Hause bleibt.“ Die junge Ballerina führt Pirouetten vor und erfreut uns mit kleinen Sonaten auf dem E-Piano (ein Casio 750 mit 61 Tasten und Tone control – der Klang ist zart und angenehm) – was perfekt zum japanischen Sencha und dem letzten Stückchen Weihnachtsstollen passt. Ich konnte wegen einer immer wiederkehrenden Verspannung in der linken Schulter nur mit Unterbrechungen schlafen – wird Zeit, dass die Krücken weg können. Trotzdem war es mein dritter Tag in Folge ohne jegliches Schmerzmittel. Pünktlich um 13 Uhr holen mein Sohn und ich eine komplett realitätsgeschockte Siebzehnjährige im Nachbarort von ihrem ersten Praktikumstag im Altersheim ab – ein netter, einstöckiger Bau, vor dem ein maximal unauffälliges Caritas-Auto steht, gleich gegenüber ist der gediegene Schmuck- und Uhrenladen. Meine Tochter berichtet entsetzt vom Gestank im Heim, wo es überall (außer der Küche) nach Fäkalien riecht – auf den Fluren, in den Zimmern, selbst im Speisesaal. Menschen in ihrem Kot, denen man mehrmals am Tag die Mullhosen und Windeln wechseln muss. Die Bewohner werden nicht geduscht, sondern mit Feuchttüchern abgewischt. Neben ihr wurden heute drei weitere Praktikantinnen zur Arbeit eingeteilt: Ausräumen der Spülmaschinen, Daueranwischen und Desinfektionsmittelversprühen gegen den beissenden Geruch der Sabbernden und Stöhnenden, Windeleimer rausbringen. Demente aller Art, die Mehrzahl ohne Gebiss. Löffel werden in Münder geschoben, viele vergessen das Essen auf ihrem Teller. In der Küche bei den Lebensmitteln nur No-Name-Produkte, von denen man entweder Durchfall oder Verstopfung bekommt, wie eine Bewohnerin meiner Tochter erzählte. Da die Demenzkranken sich nur noch an ihr jüngeres Aussehen erinnern und von ihrem aktuellen erschrecken würden, hat man alle Spiegel abgeklebt.
Zu Hause dann die Bolognese, die unser Sohn ausdrücklich auf eigenen Wunsch selbst zubereitet hat. Es wurden verschiedene Schulen der Zubereitung diskutiert – einig waren wir uns über das Fleisch, das vom Metzger oder bio sein muss, da es ansonsten zu viel Flüssigkeit enthält und auf einen Bruchteil schrumpft. Außer von mir werden Kapern rundweg abgelehnt, aber ich bekehr niemanden dazu. Durch die beiden Krankfeierer waren wir zu fünft an der schön gedeckten, kerzenbeschienen Tafel. Ich gab einen Michelin-Stern. Wir Männer schauten anschließend in der Zusammenfassung die Folklore des Afrika-Cup-Finals. Meine neuen Physio-Übungen waren sehr wohltuend – es geht sichtlich bergauf. Radblogarbeit, bettwärts.
Es ist Sonntag. Tag 4 im Exil. „Ich muss mich bewegen“, sage ich zu meinem Zimmerkollegen. „Sonst komme ich ins Grübeln.“ – „Das Grübeln ist der Zweck deines Aufenthaltes“, sagt er, der schon zum zweiten Mal hier zur Therapie ist. „Ich dachte, es geht darum, im Austausch in den Gesprächen Lösungen zu finden“, erwidere ich. „Nein, du sollst dich deinen Problemen selbst stellen“, sagt er. Ich zucke mental und physisch mit den Schultern. „Soweit bin ich noch nicht, im Moment helfen mir Sport und Bewegung am meisten.“ Hat er recht? Auch das ist eine Frage, die ich mir nicht stellen will.
Bevor es raus geht, verziehe ich mich in die zentrale Cafeteria. Wir sollen eine „Lebensbeichte“ verfassen, die prägenden Erlebnisse und unsere aktuellen Sorgen und Nöte aufschreiben. Dafür brauche ich eine neutrale Umgebung und Ruhe. Das mit der Ruhe erweist sich als schwierig. Ein älterer Herr (also deutlich älter als ich), erzählt dem Imbissmann von sich und seinen Problemen: Kaffee mache ihn immer trübselig und antriebslos ... Ich versuche den Rest akustisch auszublenden. Verkäufer in der Klapse zu sein, wäre vermutlich ein perfektes Lehrstück für Autoren – so viel Elend, so viel Banales, so viel Skuriles, so viel Tröstendes gäbe es zu hören.
In dem Haus, in dem ich untergebracht bin, erzählen sich meine Mitpatienten auch ihre Lebensgeschichten. Niemand kann besser Trost spenden als die, denen es ebenso schlecht oder noch schlechter geht als einem selbst. Ich halte mich sowohl als Zuhörer wie auch als Erzähler zurück. Belangloses teile ich gerne, aber möchte nicht ständig mit meinen Gedanken konfrontiert werden.
Am Ende werden es drei Seiten, die ich bei zwei Tassen Kaffee und einem Hanuta fülle. Meine zweite Haselnusswaffel gebe ich dem älteren Herrn von vorhin, der sich inzwischen an den Nebentisch gesetzt hat und dort Tee trinkt. Wir kommen ins Gespräch. Nach einem stationären Aufenthalt sei er nur noch ab und an ambulant hier und komme gern zum Plaudern in die Cafeteria. Früher war er Hausmeister. Von allen verachtet, erfuhr er wenig Dankbarkeit. Er fing an zu trinken, nahm durch ungesundes Essen unmäßig zu. Dann habe er sein Leben umgekrempelt und fünfzig Kilo abgenommen – „ganz alleine, nur durch Sport und Ernährungsumstellung, ohne diese neumodischen Spritzen“ – und nicht zuletzt durch den Verzicht auf Alkohol. Von falschen Freunden, die ihn zu Bier und Schnaps verführen wollten, trennte er sich. „Dem Teufel den Mittelfinger zeigen“, beschreibt er seine Einstellung. „Ich zeige dem Teufel meinen Finger“, wiederholt er mit der entsprechenden Geste. „Mein Respekt“, sage ich und meine es auch so. Ein Kämpfer.
Danach mache ich mich zur ersten Wanderung des Tages auf – 9,3 Kilometer in den Nachbarort und wieder zurück. Unterwegs sehe ich ein etwas älteres Ehepaar, das Hand in Hand spazierengeht. So wie meine Frau und ich – doch meine Frau ist gerade nicht hier … Ich bin den Tränen nahe. Mich tröstet eine alte Weide, die ich „Willy“ taufe. Willy sieht krank aus und hat nur noch einen Arm. Doch aufzugeben ist für ihn keine Option. Bestimmt knurrt er die jungen Bäume an, wenn sie ihm zu viel über die Hitze, zu viel oder zu wenig Regen oder die Nachbarn jammern. Dann rollen und leiern die schnöseligen Jungspunde mit den Ästen. Vor allem, wenn der Willy dabei auf die guten alten Zeiten und den Krieg zu sprechen kommt. Oh, vom Krieg kann er viel erzählen – von den großen nach 1914 und 1939, von der Mobilmachung gegen die Dänen und Österreicher 1864 und 1866, selbst die Kämpfe gegen Napoleon weiß er noch zu schildern, wobei er allerdings öfter mal den Faden verliert und Namen durcheinander bringt. Doch das ist egal, denn inzwischen ist es nur noch der Wind, der unserem einarmigen Veteranen Willy zuhört …
Den knorrigen Alten hinter mir lassend, gehe ich weiter und gerate ins Gummistiefelterritorium. Der mit zwei Betonstreifen befestigte Zufahrtsweg wird zum schlammigen Feldweg. Selbst die schmalen Grasstreifen sind glitschig auf aufgeweichtem Grund. Ah, verdammt – und ich habe wieder nicht die Wanderhose an! Ich kremple die Hosenbeine hoch – die Spritzer sollen lieber meine Waden treffen. Meine Schuhe versinken bestimmt fünf Zentimeter tief im Matsch. Förster und Landwirt werden morgen verwundert die Stirn runzeln, wenn sie die vom nächsten Nachtfrost konservierten Spuren sehen.
Da ich immer wieder für ein paar Notizen stehen bleibe, geht es mir gut. Denn wenn ich schreibe, kann ich nicht grübeln. Ich bekomme Augen für das Licht, den Schnee, die kleinen Weiher und krummen Bäume. Ein Rudel Rehe geht mir aus dem Weg, eine Schar Gänse sucht schnatternd das Weite. Ich erreiche die eisfreie Elbe und sehe am anderen Ufer in der Wintersonne Tangermünde leuchten.
Nach zwei Stunden Schnee, Schlamm und Matsch gelange ich endlich auf befestigte Wege, gepflastert zwar nur, aber was einst den Römern genügte, um unter den Sandalen ihrer Legionäre ein Weltreich zu errichten, ist in diesem Moment auch mir willkommen. Am Ort des Deichbruchs von 2013 begegne ich wieder Menschen – eine Familie mit Sohn und Hund. Über den Deichweg geht es zurück nach Jerichow – noch knapp fünf Kilometer. Am Ende werde ich in gut drei Stunden knapp siebzehn Kilometer zurückgelegt haben.
Der erste Abend in der Klinik ist düster. Es ist, als hinge eine große dunkle Wolke über meinem Gemüt, die umso schwerer und dunkler wird, je mehr ich versuche, mir Sonnenstrahlen vorzustellen. Mir gehen viele Gedanken durch den Kopf: Warum ist es gerade so schwer? Warum fühle ich mich so verlassen? Warum nimmt die Traurigkeit zu und nicht ab?
Auch die erste Nacht gestaltet sich schwierig. Ich kann vor lauter Grübelei nicht einschlafen. Um müde zu werden, erwecke die vor zehn, fünfzehn Jahren am Bett meiner Kinder erdachten Helden zu neuem Leben und ersinne deren Vorgeschichte. Wie damals ist alles improvisiert – ich bin gleichzeitig Erzähler und mitfieberndes Publikum, das auf das Voranschreiten des Abenteuers, die schrägen Wendungen und amüsanten Dialoge lauert. Am Ende bringt mich zwischen unruhigem Wachen und schnarchendem Halbschlaf um halb sieben der Wecker in die Realität zurück. Der erste vollständige Tag im Exil liegt vor mir. Es soll ein interessanter Tag werden.
Neben dem weiteren Kennenlernen der Abläufe erwartet mich ein abwechslungsreiches Programm: Töpfern, Entspannungsübungen und kreatives Basteln. Den Abschluss bildet ein intensiver Marsch durch die Wälder der Umgebung – rund acht Kilometer in anderthalb Stunden, was zunächst eher entspannt klingt. Doch die Wege sind durch Schlamm, Schnee- und Eisrückstände tückisch, weshalb mein Blick die meiste Zeit wachsam auf den rutschigen Boden gerichtet ist. Wir passieren zwei Rehe und eine Wildkamera, wobei die beiden Paarhufer unsere schnaufende Horde genauso stoisch hinnehmen wie die Fotofalle in den Bäumen.
Ich bin hier als alter Mann unter Menschen, von denen die meisten mindestens zwanzig Jahre jünger sind als ich. Viele tragen bereits ein riesiges Bündel an Problemen mit sich herum. Für die meisten ist das nicht die erste Therapie. Wenn ich mich so umsehe, komme mir ein wenig wie der stoische Häuptling im Kuckucksnest vor. Vielleicht bin ich ja der einzige Normale unter den Problembeladenen? Der Gedanke stimmt mich positiv. Ich versuche, mich daran festzuhalten.
Da jeder Gang gut tut, gehe ich nach dem Abendessen nochmal raus. Mein Ziel ist einer der beiden Supermärkte, die ich in der Umgebung entdeckt habe. Vorm Netto begegnen mir Trubel, laute Musik, ein Flackern und Rauch – die Feuerwehr des Ortes verbrennt die Weihnachtsbäume, die ihnen die Anwohner nach und nach herbeischleppen. Da ist es endlich, das ersehnte Licht im Dunkel! Vermutlich bin ich der einzige Patient, der es sieht. Doch das ist mir egal – hier draußen sind die anderen und die Klinik weit weg. Und solange ich in Bewegung bin, meine Probleme ebenso.
Und schon ist es Samstag – das erste Wochenende im Exil beginnt. Wer die Erlaubnis hat, ist ausgeflogen. So sitzen an den Tischen nur etwa zwei Drittel der Insassen. Fast alle lassen es ruhig angehen, lesen, spielen und lösen Rätsel. Einige gehen zum Supermarkt oder sind auf ihrem Zimmer geblieben, vielleicht, um nun endlich ohne den schnarchenden Bettnachbarn etwas Schlaf zu finden.
Ich habe mir vorgenommen, mich wie schon zu Hause auch hier bis zur Erschöpfung sportlich zu verausgaben. Vor allem an den Wochenenden, wenn es keine Struktur durch fixierte Termine und Therapien gibt. Nach einigen Übungen im Zimmer ziehe ich die Laufsachen an, heute mit langer Thermowäsche, weil es wieder kalt geworden ist – aktuell minus 1 Grad Celsius. Ich habe eine etwa zehn Kilometer lange Strecke entdeckt, die ich ausprobieren will. Der Rundkurs führt mich ein Stück am Elberadweg entlang (Schön, Dich wiederzusehen!) um einen Nebenarm der Elbe herum durch die Weideflächen und Äcker über eine kleine Brücke zurück in den Ort.
Es ist traumhaft und läuft sich quasi von alleine. Die Feldwege sind stellenweise noch mit Schnee bedeckt, die tiefen Spurrinnen der Traktoren sind zum Teil gefroren. Immer wieder bleibe ich stehen, um zu fotografieren – und mich des Wegs zu versichern. Es besteht eine strenge Anwesenheitspflicht bei den Mahlzeiten, so dass ich es tunlichst vermeiden sollte, steckenzubleiben oder mich zu verlaufen.
Gänse fliegen schnatternd nach Norden. Ein Rudel Rehe grast auf einem Acker. Ein großer Raubvogel erhebt sich vom Baum, weil er sich von mir gestört fühlt. Die Wasserflächen sind vereist. Schilf steht gelangweilt in der fahlen Wintersonne. Alte knorrige Bäume hocken am Feldrand wie alte Leute auf den Bänken vom Friedhof. Wahrscheinlich erzählen sie Geschichten, aber niemand hört zu – und ich verstehe sie nicht. Ich beschließe, jeden einzelnen Baum kennenzulernen und ihm einen Namen zu geben: „Gestatten, das ist Hagen. Natürlich eine deutsche Eiche (wenn mich die KI richtig aufgeklärt hat). Gisela stelle ich euch dann beim nächsten Mal vor.“
Schnell steht für mich fest, dass ich hiermit meine perfekte Strecke gefunden habe. Nur wenn es längere Zeit am Stück regnen sollte, dürfte der Rundweg unangenehm werden, aber dann werde ich mich eben auf trockene Teilstrecken beschränken. Am Ende bin ich zwölf Kilometer gejoggt – und habe ein weiteres Mal für eine Weile meine Wehmut zurückdrängen können.
Mein Kind hat den Ort, an den mich ein Trainerkollege mitsamt meinem großen Koffer bringt, ganz respektlos „die Klapse“ genannt.
Dort angekommen, bekomme ich zunächst ganz viele Informationen, führe erste Gespräche über das, was kommt, das, was zu beachten ist, und das, was zu unterschreiben ist. Mit dem Pfleger, dem Arzt, der Psychologin, einer weiteren Pflegerin. Außerdem werde ich über die Geheimhaltung belehrt – alles, was hier besprochen wird, bleibt hier.
Zum Mittag gibt es für die Neuankömmlinge heute ausnahmsweise kein Wahlessen, sondern das, was die Köche ausgesucht haben. Das ist ausgerechnet Milchreis, das einzige Gericht, das ich seit der Schulzeit nur sehr ungern esse. Als ich fertig bin, bin ich immer noch hungrig. Wenn etwas in der Küche übrig ist, kann man Nachschlag bekommen, jedoch nur vom Gericht, das man hatte. Ich habe Glück – eine Frau tauscht mit mir meinen Nachschlag Milchreis gegen ihren Nachschlag Nudeln mit Soße. Das stillt den Hunger dann doch.
Am Nachmittag die erste Pflichtveranstaltung. Ein Gruppengespräch. In der Vorstellungsrunde wird mir bewusst, dass es keinen Zyklus gibt, sondern die Patienten fortlaufend fluktuieren- einer wird uns nächste Woche verlassen.
Während der Therapiestunden müssen wir die Handys abgeben, von 15.30 Uhr bis zur Nachtruhe gibt es die begehrten Geräte zurück. Einige schauen bereits um 15 Uhr sehnsüchtig auf die Uhr.
Ich sende ein erstes Lebenszeichen an die Familie.
Dann muss ich erstmal die Laufschuhe schnüren und rennen. Ich laufe in den nebligen Sonnenuntergang, vorbei an Schneeresten, sehe in der Ferne das Eis auf einem Nebenarm der Elbe und genieße es, mich zu bewegen. Weil es rasch dunkel wird, bleibt es bei einer kurzen Runde über 7,5 Kilometer. Nun, zum Entdecken und Erkunden habe ich noch viele Abende und lange Wochenenden vor mir.
In der FR ein Artikel über einen großangelegten Einsatz in Frankfurt, wo gestern am Drehpunkt für den Fernbusverkehr circa einhundert Kräfte von Polizei und Zoll zig Fernreisebusse kontrollierten. Dabei entdeckte man nicht nur massiv übermüdete Fahrer, die teilweise sechsundzwanzig Stunden im Einsatz waren, sondern auch schwere technische Mängel, so dass man zwei der Busse aus dem Verkehr zog – die Betroffenen mussten sich dann anderweitig die Weiterreise organisieren. Da frage ich als alter Flixbus-Fan, wie diese armen Schweine von dort weiterkommen – bis Dir der kosovarische, bulgarische oder ungarische Betreiber eine Bescheinigung ausgedruckt hat, ist der Winter längst vorbei. Auch seltsam, dass diese Kontrolle zum Peak der Rückreisewelle nach Neujahr stattfand – die meisten Passagiere dürften ja Teil der Schattenarmee sein, die in Deutschland im Niedrigstlohnsektor schuftet; bei einer meiner Flix-Fahrten durfte ich mal verblüfft feststellen, der einzige mit deutschem Ausweis zu sein. Das war an der Schengengrenze, wo die Bundespolizei einen Gutteil der Busse filzt – das ist dann kurz vor „Alle an die Wand!“ Mein Sohn weiß, warum er nach Budapest lieber zwei Stunden fliegt, als zwölf Stunden im Bus zu sitzen …
Gegen 5 Uhr auf. Lockeres Schneetreiben, alles unter neuem weißen Gewand. Auf der Landstraße bewegten sich rote Punkte mit der Geschwindigkeit von Radfahrern. Die Autos aus dem Dorf brechen zügiger auf – hier haben alle gute Winterreifen. Der Kindergarten hat geöffnet, die Schulen nicht; meine Kinder sind missmutig wegen des Onlineunterrichts. Wegen überlasteter Notaufnahmen wird Glätte zum gesellschaftlichen Problem – wie in vielen Bereichen herrschen hier Personalmangel und strukturelle Missstände. Die unaufhörlich voranschreitende Alterung der Bevölkerung sorgt für immer mehr unbewegliche Senioren, aber es gibt zunehmend auch Jüngere, die aufgrund ihrer mangelnder Fitness sturzgefährdet sind. Das Leben außerhalb der klimatisierten Wohlfühlzone wird zum Risiko, die allgemeine Wohlstandsverwahrlosung schreitet unaufhörlich voran. Ab 9 Uhr Schneeverdünnung und kaum noch Wind, dadurch wieder Verkehr in normaler Geschwindigkeit möglich – das wars in Sachen Unwetterwarnung. Am Haus pflügen die Amseln weiter alles um; ich sehe zum ersten Mal in diesem Jahr Stare an den Meisenknödeln. Meine Frau nach zweitägiger Verschleppung ihrer Bahnrückreise und einer nicht eingeplanten Nacht in Frankfurt wieder zu hause.
Im Radio ein Beitrag zur Abwanderung deutscher Pflegekräfte in die Schweiz, weswegen in Grenznähe 12 Prozent der Mitarbeiter fehlen und sich infolgedessen die Sterblichkeit der Patienten mit Sepsis und Herzinfarkt um 12 bzw. 18 Prozent erhöhte. Ich unterhielt mich am Tisch noch mit den Kids über den Irrwitz des Robotereinsatzes in der Pflege. Meine Kinder sind bei der Krankenbetreuung des Vaters im Wortsinne fürsorglich, helfen beim Haarewaschen und Anziehen der Socken, machen all die kleinen Sachen für mich. Für meine Versicherung äußerst mühsame Zusammenstellerei der ärztlichen Belege rund um meine Operation und den Krankenhausaufenthalt.
Am Dienstag graues Tauwinterwetter und morgendliches Getrampel – das jüngste Kind musste erstmals allein ihr Frühstück machen, sich anziehen, zum Bus rennen. Sie hat es geschafft. Der Rest folgte in Schüben, dann war das unaufgeräumte Haus leer. (Aber ich will nicht meckern.) Leicht unausgeschlafen, aber Gesamtzustand okay. Tagespensum auf Krücken. Das Bein erheblich beweglicher, es fühlt sich nicht mehr tonnenschwer an bei jeder Hebung. Im Radio der Vorschlag des „Deutschland-Brotkorbs“ aus Reihen der SPD. Was für ein naiver Gedanke – man will offenbar um jeden Preis aus dem Umfragetief heraus und driftet dabei in surrealen Populismus. Zumal viele, auch ärmere, Kunden nicht gerade preissensibel einkaufen – ich sehe auf dem Kassenband immer noch Fertigpizza, Chips oder sogenannte Markenschokolade. Aber ich bin mir sicher, dass im Willy-Brandt-Haus niemand ernsthaft über eine Umsetzung des „Brotkorbs“ nachdenkt. Für mich Salat als Immunbooster – im Laufe des Tages ist mir im Wechsel kalt und warm (nahender Infekt?) Dazu sehr volles Biobrot, immer wieder Tee und Purcells „King Arthur“. Rund und schön sind diese frühen Opern, noch ganz ohne den späteren parfümierten Overload. (Richard Wagner halte ich für kompletten Schwindel, ganz wie die falschen historischen Bauten seiner Zeit.) Teilweise wurden populäre Sauflieder eingearbeitet – die Engländer haben sich kaum verändert, könnte man meinen …
Am Mittwoch maximal trübes Winterwetter im Plusbereich. Die Vögel jagen sich weiter durch die Büsche. Ab und zu huscht etwas Helles durchs Fenster: das Neapelgelb der Blaumeisenbäuche. Am 2020 renovierten Kirchturmdach halten Dachlawinengitter letzte, harmlose Schneereste fest. Aus den Lautsprechern Violinsonaten von Witold Lutoslawski, Leoš Janáček und Henryk Wieniawski, die auf mich wie kleine Dramen, Voksmärchen und Erzählungen wirken. Meine beiden Teenies in Eile wegen eines Friseurtermins. Taubheitserscheinungen in den Fingerkuppen – an meinen Händen beginnt so langsam das Karpaltunnelsyndrom. Das kenne ich bereits von den Intensivtouren zu Rad – bei zu starkem Druck auf die Ballen wird in der Handmitte ein Nervenkanal gequetscht. Ist zum Glück nur temporär, aber lästig – ich sollte also weniger an Krücken gehen. In zwei Wochen lerne ich in der Reha wieder ganz ohne Stützen zu laufen, ein Ende ist somit absehbar. Dabei spielt der Kopf eine große Rolle – es sind die Instinkte, die sich nicht umstellen. Dazu kommt das Zurechtfinden in einer Umgebung, die im Gegensatz zu Dir noch immer im Altzustand lebt, sich nicht auf Deine Einschränkungen einstellen kann. Wenn Du im Krankenhaus liegst, merkst Du im Übrigen ganz schnell, wer Deine echten Freunde sind. Leider erkennen das viele zu spät.
Wegen der geschlosenen Scheedecke nur kurz vor die Tür um die frische Winterluft einzuatmen. Dann die tägliche Dosis komplexer Kakaofette mit wunderbarem Schmelz – Schokolade war einst zu recht ein Luxusprodukt. Meine Teenies kommen stolzerhobenen Hauptes vom Friseur zurück. Weitere Radblogüberarbeitung. Ich staune, was ich vor zehn Jahres alles gefahren bin, kann mich daran wie in Flashbacks erinnern, entdecke beim Ausholzen zufällig einen Schnappschuss der Kurklinik, in die ich demnächst einziehen werde. Zum Abend genieße ich in entspannter Stimmung ein Omelett mit den Kids – strukturierte Hausarbeit in ruhiger Atmosphäre gefällt dem Hüftpatienten mit frisch gewaschenem Haar. Nach ein paar Nachrichtenaufregern zurück zu Bukowskis „Dirty old man“ und Kempowskis Tagebuch – der November 1989 naht! Bettschwer die Ibuprofen des Tages genommen und die Thrombosespritze gesetzt.