
Ein Teenägermädchen geht Querflöte spielend durch die Gässchen eines hügeligen Städtchens. Ein zweites Mädchen gesellt sich hinzu – auch mit Flöte, ebenso gekleidet: weiße Bluse, blaue Krawatte, schwarze Hose. Nach und nach schließen sich weitere Mädchen an – fast so, als würde der Rattenfänger von Hameln andere Fänger einsammeln und keine Ratten. Die repetitiven, polyphonen Klänge erinnern mich an Terry Rileys „In C“. Jungs steigen mit ein, Frauen, Männer, allesamt uniformiert, jetzt auch mit anderen Instrumenten: Klarinette, Trompete, Oboe, Saxofon, Horn, Tuba und Posaune. Sie klingen nun wie eine Brasskapelle bei der Karfreitagsprozession in Trapani. Ein vielleicht Elfjähriger übernimmt mit seiner Trommel die Führung; er hat vor Aufregung rote Wangen, wirkt aber konzentriert und cool. Der Trupp geht immer höher, begleitet von einem sanft lächelnden älteren Herrn in Alltagskleidung. Einwohner schauen ihnen aus dem Fenster oder vom schmalen Gehweg aus nach. Ein Weißhaariger schleppt eine Pauke, hinter ihm ein Beckenspieler. Am höchsten Punkt des Ortes versammeln sie sich – ein kleines Plateau, dass den Blick in ein sehr weites, tiefes Tal freigibt. Das inzwischen gute Dutzend Musiker nimmt im Halbkreis hinter Notenständern Aufstellung. Der Herr ohne Uniform entpuppt sich als Dirigent. Sie spielen ein kurzes Stück. Als sie fertig sind, drehen sie sich um und applaudieren der Landschaft – und sich selbst. Man sieht ihnen die Erleichterung darüber an, dass sie den Auftritt gemeistert haben – und auch die Dreharbeiten, denn sie wurden die ganze Zeit von einer Kamera begleitet. Das Ergebnis sehe ich am Neujahrstag im Hamburger Bahnhof am unteren östlichen Rand Moabits. Es ist kurz nach halb eins, das Museum hat gerade aufgemacht, es sind erst wenige Besucher da. Die Dokumentation ist Teil der Ausstellung „OFF SCORE“, in der die norddeutsche Künstlerin Annika Kahrs ihre Video/Sound-Installationen zeigt. Über Kopfhörer bekommt man, je nachdem, wohin man sich wendet, die entsprechende Tonspur geliefert. Ich lese, dass der Film im italienischen Bergstädtchen Olevano Romano entstanden ist und es sich bei den Musikern um das lokale Orchester L’Associazione Banda Musicale handelt – Kahrs stieß 2025 während ihres Aufenhalts in der Villa Massimo zufällig auf die Laienkapelle. Das Stück, das zum Finale erklingt, hat ihr Hamburger Kollege Louis d’Heudières exklusiv für sie geschrieben. Für mich hätte es keinen seelenfüllenderen Start in das neue Jahr geben können, als diese Menschen beim Musizieren zu begleiten.

Ein paar der anderen Ausstellungen im Hamburger Bahnhof auch sehr lohnend: Delcy Morelos Installation „Madre“ aus Erde, Lehm, Stroh, Gras und Samen versetzt mich in meine Kindheit, in der ich mit meinen Spielkameraden in die Wälder zog und Erdhöhlen baute, der Zimt- und Nelkenduft lässt mich an Pfeffernüsse in Blechdosen denken – Kunst als Zeitreisemaschine in die eigene Vergangenheit.

In „An Opera Out of Time“ setzt sich der Kosovare Petrit Halilaj (geboren 1986) mit seiner Heimat auseinander – dem dreitausend Jahre alten, mythenumwobenen Dorf Syrigana in Nähe seiner Geburtsstadt Runik; dem von ihm miterlebten Kosovo-Krieg, seiner Flucht, der Identitätssuche in der Fremde. In Zusammenarbeit mit der Filharmonia e Kosovës entstand daraus die Oper „Syrigana“, deren Bühnenbauten mit anderen Skulpturen zu einer mehrere Räume umfassenden Installation kombiniert wurden – eine mit vielen Sinnen erfahrbare, märchenhafte Bildwelt mit Realtätseinsprengseln.

Nach Schneefall und kurzen Tauperioden zum Jahreswechsel, nun stabile Minusgrade. Wenn die Sonne durchkommt ist es herrlich —außer für die Opfer des linksterroristischen Anschlags in Südberlin. Die haben neben Strom-, Heizungs-, Warmwasser- und Telefonnetz-Ausfall unter Behördenversagen zu leiden. Gottlob schlägt das alte Frontstadherz noch immer, so dass Urberliner und Zugezogene gemeinsam anpacken, einander helfen, versuchen, das Schlimmste zu verhindern: Nachbarn, Freunde, Verwandte, Bibliotheken, Kinos, Schwimmhallen, Supermarktketten, christliche und muslimische Gemeinschaften, Vereine … Das ist echte Solidarität, keine staatlich erpresste wie in den düsteren Coronajahren. Rettungskräfte, Heime, Pflegedienste, Polizei, Behindertenbetreuer, Energieanbieter, die Reparaturfirmen etc. reißen sich Tag und Nacht den Arsch auf. Die Lokalpolitik agiert so, wie man es befürchtet, quatscht rum, klopft sich selbst auf die vom vielen Tennis ganz harte Schulter und nutzt, jegliches Schamgefühl vermissend, Notunterkünfte als Kulisse für Wahlkampfbilder. Hier gilt, wie so oft, der Satz von Max Liebermann: „Kann jar nich so viel essen, wie ich kotzen möchte.“ Nach gut vier Tagen haben die zigtausenden betroffenen Haushalte wieder Stom.

In den nicht betroffenen Bezirken ging währenddessen alles den gewohnten Januargang: Überquellende Einkaufsstraßen mit vollen Läden, in denen die Menschen ihre Weihnachtsgutscheine ein- oder -geschenke umtauschen. Mir fällt zum ersten Mal auf, dass es in den versteckten Ecken der Kaufhäuser und Shoppingcenter Ruhezonen gibt – in denen ich interessanterweise ausschließlich Männer und Kids sehe, die sich von Konsumkollaps und Kaufkatatonie erholen.

Nach vier Wochen endlich Tischtennis – Auge-Handkoordination sowie Kondition sind noch vorhanden. Auf dem Rückweg sehe ich im wilmersdorfer Schoelerpark drei Wildkaninchen durch den Schnee hoppeln. Zu hause große Freude an der masochistischen Fleißarbeit des Medienjournalisten Christian Bartels‘, der für Telepolis die ARD- und ZDF-Krimiplots aus dem vergangenen Jahr zusammengestellt hat: „Besonders auffällig ist, dass der Tote einen Schlüssel verschluckt hatte, mit dem er sich eigentlich hätte befreien können.“

Zum Jahreswechsel sehe ich in der arte-Mediathek die achtteilige Spielfilmserie „Sablja (Das Attentat – Geheimoperation Belgrad)“, die von den Geschehnissen rund um die Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Đinđić im Jahr 2003 erzählt – Regie: Vladimir Tagić und Goran Stanković, Buch: Stankovic, Tagic, Dejan Prcic, Maja Pelevic und Marjan Alcevski. Hier sitzt jeder Satz, jede Einstellung, die Schauspieler sind bis in die letzte Nebenrolle gut besetzt und durch kleinste Änderungen in Sprache, Mimik, Gesten und Körperhaltung wandlungsfähig. In meinem Umfeld reden immer mehr vom sogenannten Deep State – wie diese undurchsichtigen Netzwerke organisiert sind, wie sie agieren und politischen Einfluss ausüben, wie dabei einzelne Militärangehörige, Geheimdienstler, Politiker, Journalisten, Kriminelle, Clanchefs und Geschäftemacher zusammenarbeiten, kann man in „Sablja“ sehr gut sehen. Tipp!

https://www.arte.tv/de/videos/RC-026842/das-attentat-geheimoperation-belgrad/
