Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Der Beginn von Woche 9 hat es in sich! Wo fange ich an? Versuchen wir es chronologisch:

In der Gruppentherapie sagt ein Mitpatient, dass er es weder verstehe noch möge, wenn Gerechtigkeit nicht eingehalten wird. Als Beispiel führt er die gelegentliche Unpünktlichkeit des Personals an, während wir Patienten stets pünktlich sein müssten.
Dann kommt er auf einen Zwischenfall beim Patientenabend am Vortag zu sprechen: Wir spielten ein Onlinequiz, bei dem jeder eigene Fragen einbringen konnte; nach jeder Runde wurden zehn neue eingegeben. Zwischen zwei dieser Runden wollten sich einige etwas zu trinken holen, sodass es zu einer längeren Pause kam. Da der Spielleiter die nächsten Durchgang bereits aktiviert hatte, gab ich neue Fragen ein, worüber er sich echauffierte, weil noch nicht alle zurück waren und das gegen die Regel wäre. Meine Idee, dass wir doch eine kleine Zwischendurchrunde spielen könnten, erboste ihn so sehr, dass ich klein bei gab und meinen Vorschlag zurückzog.
Darüber reden wir nun in der Gruppentherapie. Ich sage, dass es auch mir um Regeln gehe, jedoch um Spielregeln. Diese müssten fair und allgemein gültig sein, aber innerhalb dieser Regeln sei meiner Meinung nach Kreativität erlaubt – im Prinzip sei es so wie in der Mathematik: der Lösungsansatz ist egal, Schummeln jedoch nicht erlaubt.
Ich erinnere an den Patientenabend davor, wo es zu einer Situation gekommen war, durch die eines der Teams benachteiligt wurde. Als ich darauf hinwies, bügelte man das damit ab, dass ich das Spiel doch nicht so ernst nehmen solle. Ich frage ihn, worin aus seiner Sicht der Unterschied zwischen beiden Begebenheiten bestehe und ob es ihm vielleicht weniger um Gerechtigkeit als vielmehr Gleichheit ginge. Was er nach kurzem Nachdenken einräumt.

Von den Spieleabenden kommen wir auf die Begleittherapien zu sprechen. Einige Mitpatienten finden, ich würde diese nicht ernst nehmen, was sie insbesondere aus meinen spöttischen Worten schließen. Sie beziehen sich dabei explizit auf Ereignisse in der Musik- und Körpertherapie. Wir diskutieren, es geht hin und her. Quintessenz: Ich sage, dass ich manches einfach nicht verstehen könne, wenn es sich logisch nicht erfassen lasse, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe. Darauf entgegnen einige, dass es in den Therapien nicht ums Denken, sondern ums Fühlen gehe. Die Psychologen, die das Gruppengespräch anleiten, bestätigen das und ergänzen, ich hätte offenbar nie gelernt, meine Gefühle bewusst wahrzunehmen und darüber zu sprechen.

Nach der Gruppentherapie gehe ich in mein Zimmer, um Themen und Arbeitsfelder für mein nächstes Einzelgespräch zu notieren:
– Emotionen, die zu zeigen mir offenbar schwer fällt; nur schwerlich „Nein“ sagen zu können; das zu schnelle Zurückstellen eigener Wünsche; der Trotz, den mir einige Therapeuten zuschreiben.
Als Nächstes erfasse ich, was mir wichtig ist:
– Respekt und Anerkennung, Gerechtigkeit und Fairness, klare Regeln, aber auch Freiräume; Ehrlichkeit.

Nachdem ich damit fertig bin, muss ich raus. Ich renne eine Stunde. Im meditativen Modus, in den ich durch das Zählen von Schritten komme, denke ich weiter nach.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Oberarzt, wo ich sagte, dass ich hier in der Klinik erstmal erkennen müsse, was die richtigen Fragen sind, bevor ich zu Lösungen kommen kann. (Hier erscheinen mir die Notizen von eben als ein guter Anfang – lauter Punkte, die zu reflektieren sich lohnen würde.)
Laufen und Zählen …
Was wäre, wenn meine Fragen zu den Therapien daher kämen, dass ich als Einziger genau zuhöre und das Gesagte ernst nehme? Was wäre, wenn alle anderen vom Therapie-Hokuspokus so geblendet wären, dass sie gar nicht mehr nachdenken? Was wäre, wenn ich die Therapeutin, mit der ich die größten Missverständnisse habe, fragen würde, ob sie an das glaubt, was sie uns erzählt? Ob ich sie nerve, wenn ich so nachbohre, weil ich sie wirklich sehr oft nicht verstehen würde, das aber ernsthaft möchte? Was wäre, wenn alle diese Therapien nur neuen Therapiebedarf schaffen, aber keine Lösung bieten würden?
Dann gehe ich gedanklich einen Schritt weiter:
Warum ist meine Gerechtigkeit eine, die von einigen Mitpatienten abgekanzelt wird? Warum werden meine Fragen als „philosophisch“ und „nicht zielführend“ hingestellt? Warum ist mein Verstehenwollen falsch? Warum wird mir unterstellt, dass ich keine Gefühle habe? Warum ist es negativ, dass ich in die Natur gehe, anstatt mit der Gruppe anzuhängen? Warum wird mein Sport verspottet? Warum bin ich der Prügelknabe? Der Sündenbock? Das Opfer? Der Sack, den man anstelle des Esels schlägt? Warum ecke ich überhaupt an?
Könnte es sein, dass ich der Spiegel bin, in dem andere ihr Gegenbild sehen? Verkörpere ich etwas, das sie beunruhigt, was sie vielleicht deshalb sogar hassen? Wären sie vielleicht auch gern aktiv und selbstständig?
Und weiter: Wenn es so wäre, dass einige Menschen verbal auf mich einschlagen, weil sie nicht mögen, was sie in mir sehen – wäre das dann so eine Art „Karma“, mein Schicksal? Wäre es vielleicht sogar meine „Superkraft“? Ist alles, was mich in meinem Leben plagte und letztendlich hierher in die Klinik brachte, also vorherbestimmt und folgerichtig?
Könnte eine Lösung sein, genau das zu akzeptieren?
Ist es meine Aufgabe, Frieden damit zu schließen und daraus Kraft zu schöpfen?
Ich laufe und laufe und laufe und zähle dabei Schritte …

Nach dem Abendessen drehe ich eine lange Wanderrunde mit meinem Mecklenburger. Es sprudelt nur so aus mir heraus. So viel habe ich all die anderen gemeinsamen Wanderungen zusammen nicht von mir preisgegeben. Er versteht, was ich sagen will, hat er doch mit einigen Therapien ganz ähnliche Probleme. Auch den Karmagedanken kann er nachvollziehen: „Es gibt einen Grund für das, was wir erlebt haben. Sonst wären wir nicht hier. Es sind auch nicht die Eltern schuld. Es ist, wie es ist.“ Mit all dem, was die therapieerfahrenen Mitpatienten nach jahrelanger Behandlung fühlen, kann er ebenso wenig anfangen. Und wie ich glaubt er, dass manche Therapien und Therapeuten für bestimmte Patienten einfach nicht geeignet sind.

Um es deutlich zu sagen: Ich bin nicht gegen Psychotherapie. Ich weiß, dass es Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen gibt, aus denen man ohne Hilfe oft nicht herauskommt. Doch bei vielen scheint es, als suchten sie weniger nach Hilfe oder Heilung als nach dem Sinn des Lebens oder nach einem Schuldigen für ihre Lage.

Als ich von meiner Laufrunde zurückkam, erzählte ich einer der Pflegerinnen, dass das Joggen und Nachdenken gerade so etwas wie eine Einzeltherapiestunde mit mir selbst gewesen sei. Darauf sagte sie: „Das machen Sie richtig, Herr Schott. Schließlich sind Sie hier um herauszufinden, was gut für Sie ist.“
Genau. Ich bin verantwortlich. Nicht der Therapeut.
