Christoph Sanders, Thalheim
Sonntagmittag eine schöne dunstige Sonne – es wird nachrichtlich daran erinnert, das dies am Saharastaub läge. Auf den erheblichen Pollenflug wird auch hingewiesen. Wir sollen wohl in unseren Stuben hocken. In der BBC die Meldung, dass heute „wegen Nebels“ drei us-amerikanische B1-Bomber nach Ramstein verlegt wurden und nicht wie geplant zur RAF-Station Fairford flogen. B1 werden als Träger von Marschflugkörpern eingesetzt, aktuell zum Beispiel im Iran. Nur falls jemand Fragen stellt, was Deutschland mit dem Krieg in Nahost zu tun hat. Schöner Vormittag mit Frühlingsgefühl und Feigenmarmelade. Ich warte auf meinen Teenie, der gegen neun einen Putzanfall bekam und sich seitdem nicht mehr blicken lässt.

An diesem lauwarmen, stillen Frühlingstag nach fast drei Monaten erstmals wieder erfolgreich ein Rad bestiegen und aus eigener Kraft bewegt!!! Es kam mir anfangs etwas hoch und instabil vor, dann stellte sich das gute alte Fahrgefühl ein. Das Gefahrenmoment war, plötzlich absteigen zu müssen. Hält das Wetter, werde ich morgen die Fünf-Kilometer-Marke knacken und den ersten Berg angehen.

Schöne Wanderung mit den Teenies. Von der Höhe aus Freude über den klaren Bach und die Landschaft. Natur als großes Geschenk. Die Mädchen, als sie einen Kleiber beobachten: „Oh, wie süüüüß – der hat ja einen Eyeliner drauf!“ Als Sundowner zu Hause frischen Tee. Rückkehr des Sohns von seinem Punktspiel. Um 19:10 Uhr verglüht Richtung West auf ca. 20 Grad Höhe ein unbekanntes Flugobjekt. Es hinterlässt eine Rauchgirlande, die noch minutenlang zu sehen ist, weshalb die Höhe beträchtlich sein muss. Beim Lesen von Stifters Waldbeschreibungen gerate ich ins Träumen: fast zweihundert Jahre alt, und die Sprache entfaltet immer noch einen Zauber, hat eine Vielfalt und Tiefe, die sie sofort für mich einnimmt. Hätte Nabokov nicht so üble Erfahrungen in unserem Land gemacht, wäre er über dessen sprachliche Präzision zum Fan geworden. Stifter ist ganz in seiner Zeit und schildert das mitteleuropäische Landleben nach der Revolution. Menschen, denen bei den ersten Zugfahrten zunächst schwindlig wird, die in anderen Kategorien dachten als wir heute.

Auch der Montag sonnig und diesig. Ich bringe das schwere Gerät zur Gartenbaufirma zurück. Ringsum Naturwallen. Im Lanz & Precht-Podcast #235 unterwegs. Erinnert sich jemand an die Assyrer? Ab auf die Museumsinsel! Nehmen wir meinen kleinen Hüftunfall als leichte Kriegsverletzung. Wie allein dieses Ereignis mein Leben, meine Fähigkeiten, den Alltag meiner Familie verändert hat. Das hochrechnen auf die Kriegsopfer in der Ukraine, im Iran, Sudan, in Israel, Gaza, Myanmar – die Reihe ließe sich fast täglich fortsetzen …

Ausweitung der Radrunde. Ich unterhalte mich mit einem Rentner, der unsere Kirche ablichtet. Er erzählt, dass er seit seiner Kindheit Kirchen fotografiert. Er stellt die Bilder nicht ins Netz, publiziert sie auch nirgendwo anders. Weil er mit dem Zug reist, muss er zügig weiter. Der Weg zum Bahnhof führt durch den Wald und dauert eine halbe Stunde. Einer dieser Menschen, die völlig unter dem Radar bleiben. Über einem Feld lassen zwei Männer eine Drohne fliegen -an der Paarung Pickup und Suzuki kann man erkennen, dass sie Jagdkumpels sind. Später ein wundervoller Sonnenuntergang. Wer nicht mit seiner Schulklasse in der Pizzeria „Toscana“ in Eschhofen sitzt, darf meine Lauch-Zucchini-Kartoffel- oder wahlweise eine Zwiebelsuppe löffeln. Mit dem Sohn beim Kommentieren der UEFA-Champions-League Disput, ob Neymar seine Karriere vergeudet hat.

Der Dienstag beginnt, wie der Montag endete – mit einem längeren Houellebecq-Interview. Er wurde gerade siebzig und hat in seinen Romanen immer wieder politische Veränderungen antizipiert. Seine heruntergekommene Erscheinung, die schleppende Redeweise und die offensiven Sexphantasien bilden einen medialen Kontrast, den die Sender gern nutzen. Ein Star mit druidischen Elementen.

Ein weiterer, wundervoller Vorfrühlingstag. Kleine Wolkenbänke bei Sonnenaufgang, die sich dann verziehen. Kaum Luftbewegung.
Am Vormittag steht die nächste Nasenhaut-Operation an – es gibt wohl immer noch Tumorzellen. Ich sehe und spüre davon nichts und würde mir das gern ersparen. Das Rennrad-Forum, dem ich seit fünfzehn Jahren die Treue halte, zeigt Auflösungserscheinungen. Der Gegner sind das Alter und die Abwanderung in Social-Media-Grüppchen. Schade, aber der Wandel der Plattformen ist wohl eine unabänderliche Tatsache. Das Gleiche dürfte auch die Tagesmedien beschäftigen – das veränderte Nutzerverhalten ist die eigentliche Revolution. Ich komme mir mit meinem Radblog immer mehr wie ein Lumpensammler des zwanzigsten Jahrhunderts vor, der versucht, die Reichtümer und die Vielfalt der analogen Welt festzuhalten, all die schönen Dinge, die sich gerade im Virtuellen auflösen, um von dort nie mehr zurückzukehren. Alle Revolutionen fressen ihre Kinder.

Fahrt zur Ärztin, die ich um Verschiebung der OP bitte. Ich spüre nichts und kann gerade keine weiteren Schnmerzen gebrauchen. Das Bein beschäftigt mich vollauf – ein permanentes Ziehen, das starke Anwinkeln des Knies bereitet Schmerz in Bändern, Muskeln und Sehnen. Rekonvaleszenz ist kein Spaziergang, das gesamte System leidet. Ich brauche noch mehr Selbstdisziplin. Die ersten Brevets des Jahres sind bereits absolviert: Maastricht, Gießen, am Wochenende folgt schon Bonn. Mal sehen, wann ich wieder fünfzig Kilometer schaffe. Neuer Termin für die Nasen-OP ist der 20. April.

Leichte Rad-Reparaturen und -montagen, was mich sehr schlaucht. Nächste Suppenvariante mit Blumenkohl, gelber Zwiebel, Kartoffeln, Blattspinatsalat und Rahm. Ich schäme mich fast zu sagen, dass die Bio-Kartoffeln heute für 1 Euro pro 1,5 Kilo im Angebot waren. Mir gegenüber macht meine Jüngste geometrische Symmetrieübungen. Die Vollkommenheit der Winkelsätze – störe meine Kreise nicht.

Am Mittwoch wollen wir zunächst einmal Janosch zum 95. nach Teneriffa gratulieren! Ich las gerade seinen sehr lustigen Roman „Sandstrand“ – kluge Unterhaltungslektüre, die man gut im links-grünen Milieu der Endsiebziger verorten kann, der Erzähler ist ein Mittfünfziger mit Kniearthrose. Das Überfliegen der Presseberichte dagegegen unergiebig. Einzig interessant die Meldung, dass KI künftig mit Einkaufs-Apps gekoppelt wird. Märzwetter mit Schauern, eine graublaue Melange aus Wolken und Resthimmel. Nepalgelb setzt sich die Weide von den übrigen Gewächsen ab. Trotz aller Krisen holt man noch unsere Plastikmüllsäcke von der Straße ab.

Ein weiterer Chauffeuerstag, mit Intervall beim Schrottplatz bzw. der Autowerkstatt des immer freundlichen und immer ausgelasteten Aserbaijaners. Er hat sein Imperium in zehn Jahren stetig erweitert, irgendwann kam der Umzug vom Hinterhof ins Industriegebiet. Sein Schrott ist gut sortiert. Ich suche ein Metallteil, das die Fahrertür zurückhält – das sogenannte Fangband. Es ist nicht mehr vorrätig, dito das Aluröhrchen für die Klimaanlage. Unser Wagentyp ist ja auch schon zehn Jahre „vom Markt“. Das nennt man geplante Obsoleszenz – wegen eines Cent-Artikels sollst du dein Auto dann stillegen. Zum Glück hat sich ein Gebrauchtmarkt etabliert, aber das Suchen frisst halt viel Zeit. Zum Abendessen wie so oft Sade Adu. Süß, wie meine Girs auf den Einsatz der Wah-Wah-Gitarre warten, wie sie die Bassriffs entdecken, den Aufbau der Stücke verstehen. Alles super produziert – ich fand es seinerzeit ein bisschen zu glatt.

An einem feuchtmilden Donnerstagmorgen sind die „Abendlieder“ mit Ian Bostridge nach Peter Schreier eine Wohltat – Lyrik statt Expressivo. Da es trocken ist, startet mein nächstes Radabenteuer: einmal die vier Kilometer zum Netto und zurück – die rechte Wade muss auch mal was tun. Am Wegesrand hat man zwei prächtige Bäume umgesägt. Die Stämme zeigen nicht die geringste Krankheit – ein Schelm, wer da an Brennholz denkt. Ich spüre beim Fahren, wie atrophiert das operierte Bein ist. Interessanterweise zwickt es im unterforderten linken Knie stärker. Aber das ist alles erträglich.

Nach einer Siesta nochmals aufs Rad, was sogar leichter geht als am Vormittag – die Muskeln erinnern sich an alte Bewegungsmuster. Das muss genau jetzt passieren, Stück für Stück. Gehen strengt mich mehr an. Ich passiere die autolose Familie aus der Dorfmitte, die immer an Rollern herumschraubt, aber nie einen fährt. Der Vater geht kilometerweit mit dem Rucksack zu Fuß zum Einkaufen. (Ob sie eines meiner Mountainbikes annehmen würden?) Schönes Abendrot. Die Kinder decken den Tisch, es gibt Kartoffelsuppe mit Blumenkohl und Rahm, der hier in der Gegend Schmand heißt. Nach dem Essen lese ich, dass Geheimdienste wieder Kurzwellensender nutzen – es ist die sicherste (und billigste) Methode, um Agenten zu erreichen.
Ein persischer KW-Sender im Iran-Krieg: https://www.theatlantic.com/national-security/2026/03/asymmetric-warfare-iran-numbers-stations-cyber/686289/
Das Gedächtnis der Muskeln: https://www.nature.com/articles/s41598-018-20287-3
