Christoph Sanders, Thalheim
Am Freitag in der Zeit ein interessantes Interview mit Wolfgang Kleff. Wenn ich sehe, wie wenig die nächste Generation um dein Wort gibt, glaube ich nicht, dass ihm jemand zuhören wird. Wir letzten Kinder des Mangels stehen drei Generationen gegenüber, die die Erfahrung der Knappheit nie gemacht haben. Im Schulfahrtballett ist mein Sohn heute spät dran – die Haarkosmetik ist wichtiger als ein Frühstück. Er trinkt ein Glas mit dem neuen Kreatinpulver, das gestern per Post kam. Dann nimmt er schnell zwei Brotschnitten mit – unbelegt. Die Weide steht nun in vollster Blüte. Man sieht ja nur im Frühling, wie erfolgreich gewisse Baumarten und Sträucher sind. Im DLF höre ich im Rahmen der Religionssendung „Lebenszeit“ eine Abhandlung, warum Dating-Apps das Beziehungsverhalten nicht stabilisieren.

Zu Fuß auf den Berg – ich muss auch das Gehen trainieren. Die Einkaufsrunde dauert dadurch eine Stunde länger als mit dem Rad. Aus dem nur drei Kilometer entfernten Schlaraffenland nehme ich Mandarinen, Bio-Honig, Brokkoli und diverse Milchprodukte mit. Beinahe den nächsten 2000er Verstärker von Technics gekauft – mit Schuberts Piano-Sonate No. 15 mit Uchida kompensiert. Auf dem Hin- und Rückweg versuche ich mit dem Fernglas neue Vogelarten zu erspähen. Ich erwische einen Milan beim Pflücken einer Maus – er trägt sie minutenlang im Schnabel umher, vermutlich heim an den Herd. Ich bin gerade noch rechtzeitig vor dem Landregen zurück.

Die Kids berichten von neuen Ulktechniken aus dem Klassenraum: Eine Gruppe von Jungs lässt über mehrere iPads parallel YouTube-Videos mit Hochfrequenztests laufen. Den Ton im Bereich von 11 oder 12 kHz können nur die Mitschülerinnen und Mitschüler in der Nähe hören – die Lehrkräfte wundern sich über die Unruhe. Hach!

Am Samstagvormittag 6 Grad und leichter Regen. Die Pollen-App warnt vor Weide und Ulme – wegen Fallouts bitte das Haus nicht verlassen! Es sprießt munter weiter. Bei den Pappeln hat man den Eindruck, dass sie sich am ganzen Körper verfärben. Mit einer wenig kooperativen Tochter Einkäufe erledigt – sie sucht nur das , was sie interessiert, hat aber ein paar lichte Momente. Sanfter Prostest, als ich sie in den 150 Meter entfernten Rewe vorschicke. Der Grund dürfte nicht der Weg gewesen sein, sondern die Überforderung vor den Konfitüremetern. Größte Herausforderung war es, das richtige Magnesium für den Sohn mitzubringen. Ein einziger Anbieter hat Magnesiumcitrat als Basis. Die übrigen sind das für den Körper minderwertige Mg. Man muss man gute Geschäfte machen in dem Bereich. Wir sichten ein Grünen-Plakat, auf dem das Gesicht übersprayt ist und jemand zweimal „AfD“ daneben geschrieben hat. Morgen ist Kommunalwahl. Es fällt auf, wie häufig inzwischen freie Wählergemeinschaften die Bürgerämter besetzen – so macht man auch die alten Parteien überflüssig. Wieder zu Hause, retten wir einen außergewöhnlich langen Wurm von der Kellertreppe und setzen ihn im feuchten Garten ab. Am Nachmittag Vorbereitung einer Englischarbeit und Computerschach. Unser Teenie backt einen formidablen Möhrenkuchen. Der wird den morgigen Tag krönen.

Am Sonntag Ankunft eines Hausrotschwanzweibchens.

Ein Frühlingsmontagmorgen mit Schauern, dichten Wolken und durchbrechender Sonne. Starkes Licht. Im Haus neue Tulpen aus dem Supermarkt, während die Naturvariante im Garten Zentimeter um Zentimeter nach oben strebt. Auch die Blüten am Tulpenbaum stehen kurz vor der Öffnung. Zweimal zum kleinen Reitübungsplatz geradelt. Ein schmuckloser Ort am Basalthügel, der bis von einigen Jahren als Steinbruch diente und nun verfüllt wird. Der Platz hat keinen Namen. „Namen gibt man Stallungen nur, wenn man als Eigentümer besonders schnell zahlende Kundschaft anwerben will“, sagt meine Jüngste. Ich spüre mein gestriges Training – ein Ziehen am Oberschenkel und in den Adduktoren. Salat in trauter Umgebung.

Ich beginne die Autobiografie von Robert Ranke-Graves. Nüchterne Erzählsprache, wenige Similes oder metaphorische Wendungen. Drittjüngstes von zehn Geschwistern, eine genaue Darstellung der Kindheit und des Schulsystems. Er räumt mit zwei Fantasmen gleichzeitig auf, die bis heute Belletristik und Filme befeuern: die heroischen Mythen aus dem ersten Weltkrieg und die Erziehung in den britischen Public schools. Alles steht unter dem Raster von Klasse und Rang – ein guter Schlüssel zu den feinen Differenzen zwischen den Gesellschaftsschichten und Counties. Der offene Blick des Dichters für die bizzarre Schönheit zerschossener Dörfer. Die präzise Beschreibung feindlichen Feuers, die neu entwickelten Sinne für Gefahr. Daneben der Schützengraben- und Regimentsalltag. Zwei Ratten, die sich um eine abgerissene Hand kabbeln. Wie gut, dass wir weit, weit entfernt von 1914 entfernt sind! Immer wieder daran erinnern, dass wir hier immer noch im Paradies leben …

Am Dienstag vorsichtige Erweiterung des Radius – acht Kilometer sind es bis Hadamar, der Stadt im Elbbachtal. Die Expedition gelingt – zum ersten Mal seit vier Monaten verlasse ich auf dem Rad die Gemeindegrenzen. Beim Überwinden der leichten Höhenzüge muss nicht einmal tief in die Kiste mit den Rettungsübersetzungen greifen. Bis auf die fehlende Kraft im rechten Bein kommen die stärksten Signale aus der Umgebung des Knies: Bänder und Sehnen und die anliegenden Muskeln haben schon lange nicht mehr richtig arbeiten müssen. Doch es geht. Die bei Abfahrt noch graue Luft hat einem leichten Himmel mit Frühlingswolken und einer kräftigen Sonne Platz gemacht. Ich komme müde, aber nicht erschöpft zurück. Es geht!

Weiter in Graves‘ Autobiographie. Die Anatomie oder besser: die Topologie des Krieges in Schützengräben. Eine Gasattacke, die völlig schief geht, das Bergen der Verwundeten. Die Abstumpfung der Sinne im Lauf des Einsatzes, was auch mit einer bestimmten Schlílddrüsenfunktion zusammenhängt – es kommen immer weniger klare Entscheidungen zustande, Gleichgültigkeit setzt ein. Eine
Binnenlogik, die mit dem bisherigen Alltag nichts zu tun hat – sonst würde man die Grausamkeit und das Unrecht keinen Moment lang ertragen. Er weiß, dass er irgendwann zusammenbrechen wird – nicht schreiend davonlaufen, nicht durchdrehen – einfach nervlich zusammenbrechen, weil das System Körper kapituliert. Der Schock dann beim Urlaub in London. Wenn Graves ansetzt, die Front zu beschreiben, blocken alle sofort ab, hören weg. Er geht folgerichtig zwei Wochen wandern. Als die Kameraden das hören, finden sie, dass er offenbar keinen Urlaub nötig habe, weil er damit „nichts anfängt“. Ich mag den exakten, nüchternen Ton des Berichts. Die Emotionen stecken im Ungesagten.
Ein Tag voller Chauffeursdienste, am Abend eine letzte Runde zum Bahnhof Limburg-Süd.
