Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Auch am Sonntag regnet es. Das tut gut. Und es ist deutlich kälter geworden. Das nervt. Nach dem Mittagessen schwinge ich mich auf mein Fahrrad. Bereits nach den ersten fünfzig Metern merke ich, dass ich zu dünn bekleidet bin. Aber ich möchte nicht noch einmal das Rad anschließen, um eine Jacke und andere Handschuhe zu holen. Also muss es reichen, schnell zu fahren.

Mein Ziel ist das etwas mehr als 20 Kilometer entfernte Rathenow. Unterwegs gibt es nicht viel zu entdecken. Hier im Gebiet zwischen Elbe und Havel gibt es auch kaum noch Radwege. Ich fahre die meiste Zeit über Nebenstrecken. Im Ort spaltet sich die Havel auf mehrere Arme. Um die Kirche herum findet man einige alte Häuser, die übrigen wurden im Krieg zerstört. Ich würde mich gerne bei einer Tasse Kaffee aufwärmen, doch außer Tankstellen hat nichts geöffnet. Ich verlasse die Stadt ohne etwas Warmes im Bauch.

Zurück nehme ich einen anderen Weg. Ich passiere dauerhaft geschlossene Gasthäuser, alte Kirchen, Kriegerdenkmäler und einen Sportplatz, auf dem zwei Jugendmannschaften Aufwärmübungen machen. Dann geht es in den Wald, auf eine Trasse, die parallel zur ICE-Strecke zwischen Berlin und Stendal verläuft. Alle fünf bis zehn Minuten donnert ein Zug an mir vorbei. Wer zufällig aus dem Abteilfenster schaut, sieht einen Verrückten auf einem Fahrrad.

Kurz vor Schönhausen erstreckt sich ein Truppenübungsplatz. Ich erreiche die Stadt aus einer anderen Richtung als am Samstag. Mich begrüßen ausgedehnte Pferdeställe, Koppeln und Reitplätze. Ich entdecke das frühere Gut der Familie von Bismarck. Ein Café oder Ähnliches entdecke nicht. Also geht es durchgefroren weiter.

Auf dem Deich tauchen zwei Hasen vor mir auf. Obwohl ich mit knapp 30 km/h unterwegs bin, hängen sie mich mühelos ab. Dann kreuzen drei Rehe meine Bahn – das letzte entkommt auf dem neben uns verlaufenen Weg nur knapp einem Auto.
Am Ende sind es rund 65 Kilometer, die ich unterwegs bin. Bei etwas höheren Temmperaturen wäre der Ausflug deutlich angenehmer gewesen – aber es ist nichts, was eine lange, heiße Dusche nicht richten kann. Nach der obligatorischen abendlichen Dorfrunde mit dem Mecklenburger falle ich früh ins Bett. Ich überlege, ob der uns erlaubte 25-Kilometer-Umkreis um die Klinik den Durchmesser meint und nicht den Radius, wie ich angenommen hatte. Egal – wer nicht fragt, bekommt auch keine enttäuschenden Antworten.

Am Montag ist nach einer Woche Abwesenheit wieder meine Einzeltherapeutin im Dienst. Während der von ihr geleiteten Gruppentherapie spreche ich meinen Wunsch an, am Wochenende nach Hause zu fahren. Ich habe den entsprechenden Antrag dabei.
Bevor sie sich dazu äußert, soll ich berichten, wie die Heimreise am vorletzten Wochenende war. Ich sage: „Schön war es, sehr schön. Wir haben meinen Geburtstag nachgefeiert. Ich habe viele Spaziergänge mit meiner Frau gemacht. Ich habe einen Schrank repariert. Mein Sohn hat mich abgeholt, meine Tochter hat mich zum Zug gebracht. Wir haben uns unterhalten. Schön war es.“ – „Und weiter?“ – „Weiter nichts, es war einfach nur schön.“ – Das reicht ihr nicht: „Nun, Herr Schott, wir sind hier keine Abnickstelle für Anträge. Wir sprechen am Mittwoch im Einzel noch einmal darüber.“

Wie soll man jemanden von Farben erzählen, der blind ist? Wie erklärt man Menschen, die mit Komplexen und Problemen, mit Ängsten und Schuldgefühlen zugeschüttet sind, dass so ein Wochenende des Alltags etwas Besonderes und sehr Schönes ist?
Was für Gefühle wären denn „korrekt“ gewesen, Frau Therapeutin?
Ich bin verärgert! Sehr verärgert! Aber was auch immer einige Therapeuten meinen, in mir sehen zu müssen: Ich bin im Frieden mit mir und werde aus der Zeit hier schon etwas für mich gewinnen.

Beim langen Spaziergang am Sonntagabend, allein auf weiter Flur mit Rehen, Wildgänsen und Krähen, seufzte mein Mecklenburger: „Hier ist alles so weit, und im Haus alles so eng. Die Menschen, die da rumsitzen … das ist alles so beklemmend.“
Therapien schaffen Therapiebedarf.
Es sei denn, es gelingt dir wie Münchhausen, dich selbst aus dem Sumpf zu ziehen.

„Münchhausens Abenteuer in den Bildern von Oskar Herrfurth“: http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/gottfried-august-buerger/die-abenteuer-des-freiherrn-von-muenchhausen/muenchhausens-abenteuer-in-bildern-von-oskar-herrfurth.html
