Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Was mich zunehmend nervt, ist, dass ständig die obligatorischen Gruppenwanderungen ausfallen. Natürlich konnte und werde ich für mich selbst für Ersatz sorgen, denn die „imaginären Wanderungen“, die stattdessen angeboten werden, sind nun wirklich keine Alternative: Eine therapeutisch geschulte Pflegerin nimmt uns mit auf sogenannte „Traumreisen“. Dabei läuft esoterische Musik inklusive Wasserrauschen und Gezwitscher – wir Psychos sollen die Augen schließen und uns auf die säuselnde Stimme einlassen.

Nun habe ich tatsächlich Phantasie und Vorstellungsvermögen. Ich kann also durchaus folgen, wenn eine Stimme raunt, dass ich mir vorstellen solle, dass ich mich einem Garten befinde. Was mich als rational denkenden Menschen irritiert, ist das inflationär verwendete Wort „vielleicht“. Das geht dann beispielsweise so: „Vielleicht ist in dem Garten eine Bank. Und du setzt dich darauf.“ Und wenn da keine Bank ist? Falle ich dann auf den Allerwertesten? Während ich noch über diese existenzielle Frage grüble, „… erscheint daneben vielleicht ein Obstbaum …“ Also, erscheint er nun oder erscheint er nicht? „… vielleicht ein Apfelbaum oder ein Birnenbaum, vielleicht ein Baum mit Aprikosen …“ Das ist eine für Allergiker nicht unerhebliche Frage, jedoch müssen die da jetzt ohne Rücksicht auf Verluste durch, denn: „… Du pflückst dir eine Frucht, beißt hinein und schmeckst die saftige Süße“. Es sei denn natürlich, du erleidest einen allergischen Schock, bevor da „vielleicht ein Springbrunnen“ auftaucht, mit dessen Wasser du dir den Mund ausspülen könntest.

Wenn ich das höre, verspüre ich einen Anflug von Zerstörungslust. Ich sitze dann gedanklich in schwerem Gerät – vielleicht in einem Traktor, vielleicht in einem Radlader, vielleicht in einem Leopard 2 -und pflüge damit durch den Garten, zermalme die Vielleichtbank, entwurzle den Vielleichtbaum und walze den Vielleichtbrunnen platt, sodassaus den geborstenen Leitungen Wasserfontänen nach oben schießen. Ha! Da soll mal einer behaupten, ich hätte keine Gefühle!

Zumindest eine dieser „Traumreisen“ muss ich leider noch über mich ergehen lassen, bevor der Karfreitag und meine Entlassung weiteren Vielleichtausflügen ein entschiedenes Ende bereiten.

Auf dem Klinikgelände treffe ich öfter auf einen älteren Mann. Er ist schätzungsweise in den Sechzigern, trägt zumeist eine blaue Jacke und eine graue Jogginghose, schiebt einen Rollator vor sich her und raucht dabei. Aufgrund der verwaschenen Sprache und der unsicheren Gangart vermute ich, dass er eine Art Behinderung aufweist, vielleicht infolge eines Schlaganfalls oder Unfalls. Da er stets ohne Begleitung unterwegs ist, scheint er jedoch nicht voll pflegebedürftig zu sein.
Ich schätze an diesem Herren, dass er bei jedem Wetter und irgendwie auch zu fast jeder Tageszeit auf den Beinen ist. Jeden, dem er begegnet, begrüßt er und verkündet mit rauher Stimme die Tageszeit und den Wochentag: „Guten Tag, schönen Montag“ oder „Guten Morgen, schönen Donnerstag.“ Und ab Mittwoch fügt er ein „Und ein schönes Wochenende“ hinzu, und seit dieser Woche zusätzlich: „Und schöne Ostern“.
So einfach ist es, anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

So wie der ältere Herr rauchen hier viele der körperlich Behinderten. Es wäre interessant zu wissen, wann und wo sie zu diesem Laster gekommen sind. Ich beobachte es auch bei meinen Mitpatienten: Ehemalige Raucher greifen während des Klinikaufenthalts wieder zur Zigarette oder zum Verdampfer, Gelegenheitsraucher intensivieren ihren Konsum. Zum einen ist es sicherlich eine Kompensation für unbefriedigte Bedürfnisse, zum anderen eine Ablenkung von der Langeweile. Bei einigen könnte auch der Stress durch den ungewohnten Tagesablauf und die Therapien hinzukommen.

Denn in der Gruppentherapie fließen jetzt wieder mehr Tränen, da für einige von uns der Entlassungstermin näher rückt. Die alten Ängste kehren zurück. Angebote, zwei Wochen nachzulegen oder in Bälde wiederzukommen, werden unterbreitet. Viele haben das hier als eine Art Auszeit mit Begleitprogramm wahrgenommen, doch nun stellen sie fest, dass sie sich besser ernsthaft mit ihren eigenen Problemen hätten auseinandersetzen sollen. Ich erinnere mich, wie ich anfangs von einigen Mitpatienten wegen meiner Wanderungen, Läufe und Fitnesseinheiten belächelt oder sogar kritisiert wurde. Und doch bin ich jetzt wohl einer der Wenigen mit einer Idee und einem Ziel für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt. Ich habe vieles über mich gelernt und werde die verbleibenden knapp drei Wochen eher absitzen als dass ich sie noch dringend benötige.

Aber jetzt fahre ich erst einmal für zwei Tage nach Hause!
Der Samstagmorgen ist kalt und der Bus pünktlich. In Genthin habe ich gut zwanzig Minuten Aufenthalt. Der Bahnhof besteht nur noch aus Bahnsteigen und einer Bushaltestelle. Das ungenutzte Gebäude ist voller Graffiti und von Abfall und Schrottfahrrädern umrahmt. Im vermutlich seit Jahren geschlossenen Imbiss steht auf einem übriggebliebenen weißen, dreibeinigen Stehtisch ein letztes, leeres Glas. Auf einem mit Sperrholz vernagelten Fenster erinnert ein verblasstes Plakat an eine „Interkulturelle Woche“. Als ob das hier, außerhalb großstädtischer Fördergeld-Blasen, ernsthaft jemanden interessieren würde.

Bei der Deutschen Bahn läuft alles wie immer: Eine Stunde vor der Abfahrt sind bereits fünfzehn Minuten Verspätung ab Magdeburg angekündigt. In Magdeburg spielt die Bahn „Bäumchen wechsle dich“: Viele Züge kommen auf anderen Gleisen an als geplant und fahren auch von abweichenden Bahnsteigen ab. Ein kleines Fitnessprogramm für die Reisenden, die mit schwerem Gepäck die Treppen rauf und runter hasten. Hurra!

In Leipzig holt mich die Familie vom Bahnhof ab, von wo aus wir essen gehen. Dank meiner Frau, die anscheinend viel stärker ist als ich, haben meine beiden Kids etwas Orientierung gefunden. Ein Kind hat am Montag als Bufdi bei der Blutbank der Uniklinik angefangen, das andere schreibt gerade Bewerbungen und übernimmt viele Arbeiten im Haushalt. Vielleicht brauchen wir alle einfach etwas mehr Gelassenheit und Vertrauen in den natürlichen Lauf der Dinge.
