Über dem Westhafen in Moabit mischt sich immer häufiger das Gurren der Tauben mit den Schreien der Möwen. Sind die Vögel in sehr großer Höhe unterwegs, kann man sie meist nur schwer auseinanderhalten, so dass im Zweifelssfall die Worte des Barden Mike Krüger gelten: „Die weißen Tauben sind Möwen“. Ob es auch zu flatternden Fraternisierungen kommt, wird zu beobachten sein – ich sollte mein 8x32er Hertel & Reuss-Glas ständig bei mir führen …

Der Kampf gegen die Hoftauben geht indes weiter – nahezu täglich entferne ich Nistmaterial, Federn und Kot von meinem Balkon. Weitaus erfreulicher ist es, anderen Aspekten des Jahreszeitenlaufs zu folgen und zu beobachten, wie sich Winterlinge, Leberblümchen oder Märzenbecher durch den Boden gen Sonne kämpfen, erste Bäume und Sträucher Knospen ausbilden, sich der nichtgurrende, nichtdegenerierte Teil der Vogelwelt zwitschernd suchet und findet.

Samstagsausflug nach Neukölln ins Nachbarschaftshaus „Spore“. Ein angenehmer Ort mit Ausstellungsräumen, Kinosaal, Bibliothek, Kinderwerkstätten, Café, Saatgutbörse und Gemeinschaftsgarten, wo der der Austausch zu ökosozialen Themen im Mittelpunk steht, was künstlerisch flankiert und verstärkt wird. Die Spore-Initiative, die das Ganze seit 2020 trägt, ist eine privat finanzierte Stiftung und international bestens vernetzt. Sie pflegt engen Kontakt zu vielen lokalen Initiativen, wobei es um Wissenstransfer, das Voneinander-Lernen und das Erarbeiten von alltagstauglichen Lösungen geht, die das Leben in den jeweilgen Gemeinschaften einfacher machen. Für die Ausstellungen und vielfältigen Veranstaltungen werden unter anderem Künstler, Bauern, Umweltschützer, Wissenschaftler, Köche, Musiker, Autoren und Aktivisten (m/w/d) aus aller Welt eingeladen.

Diesmal sah ich dort die Ausstellung „How The Soil Remembers“, in der Künstlerinnen und Künstler aus Ländern des sogenannten globalen Südens das Thema „Boden als Speicher von Geschichte“ als Ausgangspunkt für ihre Skulpturen, Stickereien, Musikstücke, Installationen, Laubcollagen, Filzinsekten und Texte nahmen – die Arbeiten waren allesamt poetisch und glücklicherweise nicht allzu erklärend oder pädogogisch und somit offen für eigene Gedanken.
In einem zweiten Raum schaute bzw. hörte ich einer Casavant-Pfeifenorgel aus dem Jahr 1910 zu, die von Navid Navab und Garnet Willis pneumatisch und mechanisch so umgebaut wurde, dass sie per robotischem Zufallsgenerator spontane Klänge hervorbrachte, die sich erstaunlich harmonisch anhörten. Durch die Bewegungen der Orgelteile wurden Schattenspiele an die Wände geworfen, die mich direkt in die Kulissen von expressionistischen Filmen wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder „Vampyr“ beamten. Sehr schön.


Anschließend schlenderte ich durch den Garten der Spore, der in die Friedhöfe Jerusalem V und St. Thomas übergeht, die rund um die bulgarisch-orthodoxe Kathedralkirche St. Boris des Täufers liegen. Im lauen Frühlingswind schwankte sanft ein Humusnetz, über Gräber und Misthaufen flatterten meine ersten Schmetterlinge der Jahres.


Nach zweieinhalb Wochen selbstverordneter Pause war ich am Dienstag wieder beim Tischtennis – ich wollte erst meinen Infekt auskurieren. Gleich zu Beginn nahm ich dem Dagestaner fünf Sätze am Stück ab, was noch nie zuvor passierte. Grischa nahm es mit Fassung – was mir entgegenkommt, da er früher Karatemeister war.

