Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow

Auf meiner Heimfahrt am Samstag macht ein genervter Zugführer eine Durchsage nach der anderen: „Nehmen Sie die Taschen und Koffer von den Sitzplätzen. Andere Passagiere benötigen den Platz.“ Und weiter: „Gehen Sie endlich aus dem Türbereich, damit wir die Türen schließen können.“ Um dann nach der Abfahrt nachzulegen: „Wenn Sie in den Türen stehen und die Abfahrt verzögern, kann ich das auch. Danke, Ihr Zugführer.“ Einfahrt Leipzig. Es ist Buchmesse. Der IC hält außerplanmäßig an der neuen Station „Messe“. Bestimmt einhundert Menschen strömen hinaus und drängeln sich Richtung Ausgang die Treppe hinunter. Danach ist es bis zum Hauptbahnhof erfreulich leer. Zwanzig Minuten hat unser Zug am Ende Verspätung. Meine Familie holt mich ab; wir gehen gemeinsam Burger essen.

Am Nachmittag gehe ich mit meinem Sohn ins Kino. Wir schauen uns „Der Astronaut, Projekt Hail Mary“ an. Der Film läuft im IMAX im CineStar. Es ist die erste Spielstätte dieser Art in Sachsen, für die man 2025 den großen Saal umgebaut und technisch nachgerüstet hat. Die Eintrittspreise sind happig und das Geschäftsgebaren auch: Kinogutscheine oder Spartickets werden nicht angerechnet, selbst dann nicht, wenn ich die Differenz zahlen oder beim Gutschein auf ein Restguthaben verzichten würde. Auch ein Weg, das Publikum zu verprellen. Der Film ist dann überraschend unterhaltsam.

Sonntagfrüh schnüre ich erstmals seit fast drei Monaten wieder die Laufschuhe in Leipzig. Ich bin noch im Klinikmodus und kurz nach sechs wach. 6:45 Uhr bin ich auf der Piste. Die Stadt ist leer und verschlafen. Zwei, drei Jogger sehe ich, einige Menschen sind mit Hund, einige Spaziergänger nur mit sich allein unterwegs.

Obwohl es nur um die null Grad sind, ist es offenkundig Frühling. Im Auenwald bedeckt ein Meer aus Bärlauch den Boden. Erste Bäume und Büsche stehen in voller Blüte. Über dem Fußballplatz und dem Fluss wabert nach dem Regen am Vortag noch etwas Nebel. Enten schwimmen vorbei. Zwei Spechte hämmern ein Duett in die Bäume.

Nach dem Duschen machen meine Frau und ich einen längeren Spaziergang und kaufen am Ende beim Bäcker frische Brötchen -welch ein Genuss nach zweieinhalb Monaten Aufbackware in der Klinik! Ebenso erfreulich ist, endlich anderen Käse essen zu können als den stationären in den Varianten „milchbasiert“ oder „vegan“.

Bei „vegan“ muss ich an den letzten Patientenabend denken: Auf Wunsch einer Mitpatientin, die uns in ein paar Tagen verlässt, wurde gegrillt. Ich betreute den Holzkohlegrill. Mir war nicht bewusst, wie aufwendig es ist, darauf veganes Essen zuzubereiten. Die auf pflanzlicher Basis und mit sehr viel Chemie produzierten „Vürste“ zerbrachen beim Wenden. Die Pilze in Alufolie brauchten fast eine Stunde, um zart zu werden. Die Gemüsespieße waren entweder noch roh und halb verbrannt.
An der Feuerschale holte eine Patientin ihre Gitarre hervor und spielte einige Lieder. Ich erkannte nur das von AnnenMayKantereit. Ich saß seltsam distanziert, fast ein wenig wütend dabei – das war nicht meine Situation, nicht mein Moment, nicht mein Freundeskreis. Es fühlte sich falsch an. Ich wollte mich nicht der Gitarre hingeben, nicht andächtig diesem sentimentalen Gesäusel lauschen.

Neunzig Minuten sind der vorgegebene Rahmen für so einen Abend. Inzwischen waren inklusive des Grillens fast zweieinhalb Stunden vergangen. Mehr als genug Zeit für etwas, das in meinen Augen lediglich eine Pflichtveranstaltung ist. Also stand ich auf und sagte: „Mir ist kalt“ – was stimmte – „ich mache jetzt Schluss.“ Als hätte jeder nur darauf gewartet und es wieder einmal keiner gewagt auszusprechen, sind fast alle sofort aufgesprungen und strömten, etwas Krempel einsammelnd, ins Haus. Nochmal: Leute! Wo, wenn nicht hier, könnten wir lernen, unsere Meinung zu sagen und unsere Wünsche zu äußern?
Doch das Ende meiner Klinikzeit ist nah. Nach Ostern bin ich wieder frei. Geheilt? Nein, wie könnte man vom Leben auch geheilt sein. Gefestigt? Ja. Zuversichtlich? Ja. Schlauer? Auch das. Ein wenig zumindest – und auf jeden Fall um einige Erfahrungen reicher.
