Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Noch anderthalb Wochen, darunter das lange Osterwochenende mit seinen vier Tagen, von denen wir zwei, inklusive der Übernachtung, auswärts verbringen dürfen.

„Ich beginne, mich ein wenig abzunabeln“, sage ich bei der Visite zum Oberarzt. Unabhängig davon, wie viele Pfleger, Therapeuten und Ärzte dem Deliquenten gegenüber sitzen, spricht immer nur der Ranghöchste. Sind Oberarzt und Chefarzt ausnahmsweise mal gleichzeitig anwesend, hat der Oberarzt zu schweigen. Die jeweils Stimmlosen dürfen nur ironisch oder rätselhaft lächeln, die Lippen schürzen, die Nase rümpfen oder aufmunternd den Kopf neigen. Nicken oder den Kopfschütteln, scheint mir schon als unerlaubtes Reinreden gewertet und im Anschluss geahndet zu werden.
„Ich beginne, mich ein wenig abzunabeln“, sage ich also. Der Oberarzt antwortet mit gewichtiger Stimme: „Ein wenig genügt nicht. Sie müssen sich schon richtig abnabeln.“ Dabei lächelt er altersweise. Es wäre bestimmt interessant, sich mit ihm, der gern Therapeutenbingo spielt und Begriffe ins Gespräch wirft, auf ein ironisches Wortgefecht einzulassen. Hier, vor der heiligen therapeutischen Inquisition, ist die Rollenverteilung freilich in Stein gemeißelt, daher sage ich nur brav: „Ja, das ist richtig.“

Ich nutze das Wochenende, um Orte zu erkunden, an denen ich bislang nicht war. Am Samstagvormittag mache ich einen Ausflug zum Aussichtsturm im Nachbarort Klietznick. Mein Mecklenburger Mitpatient hat ihn mir empfohlen und wird mich führen. Die zwei neu aufgenommenen Damen unseres Alters entscheiden sich spontan mitzukommen. Nach zwanzig Minuten schließt mein Landsmann, der zunächst neben den beiden Damen lief, zu mir auf und grinst mir schweigend zu. Ich grinse zurück. Ebenso schweigend. Die Frauen haben in zwanzig Minuten mehr geredet, als wir beide, wenn wir zweieinhalb Stunden unterwegs sind.

Mit zunehmender Erschöpfung werden sie dann ruhiger, so dass von uns vieren nur Atemgeräusche, ein gelegentliches Schniefen, das Knarzen der Schuhe und Kleidungsrascheln zu vernehmen sind. Außerdem hören wir Singvögel, krächzende Krähen, gelegentlich den spitzen Schrei eines Raubvogels sowie das unvermeidliche Schnattern der Wildgänse – ein wenig klingen sie so wie wir in der Gruppentherapie oder im Einzelgespräch. Wir schlagen vom Turm eine Runde zum Fluss und kehren über den frisch sanierten Deich nach Jerichow zurück. Gut 13 Kilometer sind es am Ende.

Für den Nachmittag ist Regen vorhergesagt – und der kommt auch. Ich ziehe meine Plane über und steige aufs Fahrrad. Ich will nach Parey, von dort nach Genthin und wieder zurück. Laut Karte dürften es 35 bis 40 Kilometer sein – eine dem Wetter angemessene Tour.

Zwischen Kiietznick und Ferchau, auf dem am Morgen beschrittenen Deich, ist dann leider Schluss – auf dem noch großporigen Asphalt fehlt die glättende Deckschicht; von den Bauarbeiten liegt grober, terrakottafarbener Split neben dem Asphalt. Ein spitzes Steinchen, etwa so groß wie die Kuppe des kleinen Fingers und in perfekter Tetraederform, bohrt sich senkrecht durch Mantel und Schlauch. Flapp, flapp macht der Hinterreifen. Wenigstens muss ich nicht lange nach der Ursache suchen.

Es ist kalt. Es regnet. Und ich stehe mit einem Platten auf dem Deich. Zum Glück habe ich Luftpumpe und Pannenspray dabei. Letzteres war mir von Bekannten empfohlen worden, ich benutze es heute zum ersten Mal. Der erste Versuch schlägt fehlt: Weil die Anschlüsse nicht lückenlos verschraubt sind, geht der Schaum nicht in den Schlauch, sondern daran vorbei. Zweiter Versuch, alles ist nun festgeschraubt. Es zischt das Spray, es zischt im Schlauch – und es zischt leider, gleich einem Minivulkan, eine schaumige, ästhetisch schöne Fontäne aus dem Mantel. Das Loch ist vermutlich zu groß. schade.
Da ich keinen Ersatzschlauch dabei habe und mir nicht zutraue, mit klammen Fingern im Regen den Schlauch zu flicken, muss Plan B her. Ich besitze von einem einzigen Mitpatienten die Telefonnummer. Und der ist glücklicherweise heute Nachmittag nicht nur im Haus, sondern fährt zudem einen Kleinbus mit ausgebauten Hintersitzen. Er ist bereit zu helfen, also schiebe ich mein Rad über den Deich nach Ferchau, wo er zeitgleich mit mir eintrifft. Später bestelle ich bei Amazon zwei Schläuche – ich hoffe, dass sie vor Karfreitag eintreffen, da ich am Samstag das Rad nach Leipzig mitnehmen will.

Da das Rad ausfällt, fahre ich am Sonntag nicht nach Stendal, sondern mache eine Wanderung nach Tangermünde. Weil es das Mittagessen in der Anstalt wegen der Zeitumstellung bereits um halb elf Winterzeit gibt, was mir viel zu früh ist, habe ich es abbestellt und werde irgendwo unterwegs einkehren.

Die Temperaturen liegen knapp über null Grad. Die Sonne ist hinter einer dichten Wolkendecke verborgen, doch es regnet nicht. Ich entscheide mich für den langen Weg durch die Wiesen und Felder, dann an der Elbe entlang und schließlich zurück zum Deich bei Fischbeck – ein Umweg von rund fünf Kilometern, der sich lohnt.

Trotz des gestrigen Regens sind die Wege fest und ich komme gut voran. Immer wieder bleibe ich stehen und genieße die Weite. Die Stimmen der Vögel tragen weit. Gelegentlich raschelt etwas im Buschwerk, ohne sich zeigen. Das Gras ist regenfeucht und durchweicht die Wanderschuhe und Socken. Ich sehe vier Feldhasen und sie sehen mich auch, aber bevor ich näher herankommen kann, springen sie davon. Über mir kreist ein Adler, der von drei Möwen geneckt wird. Genervt versucht er abzudrehen, doch die Raufbolde lassen nicht locker.
Es ist der perfekte Sonntagmorgen für so eine Abschiedsrunde.

In Tangermünde bin ich ein wenig von der Restaurantauswahl überfordert, weswegen ich zum Griechen gehe, bei dem ich am Valentinstag mit meiner Frau saß – das Fleisch-Preis-Verhältnis stimmt hier. Am Nachbartisch prangt neben einem weiblichen Torso eine Deutschlandfahne. Der aufmerksame Kellner will mir Ouzo nachschenken, dabei habe ich schon den Begrüßungsschnaps nicht angerührt – die Fastenzeit dauert noch elf Tage.

Zwischenstopp beim Lieblingsbäcker in Tangermünde (vielleicht zum letzten Mal), dann geht es zurück nach Jerichow. Und damit ist mein vorletztes Klinikwochenende im Prinzip abgehakt.
