Christoph Sanders, Thalheim

Der Dienstagmorgen leicht frostig, doch der Reif ist verschwunden. Gegen zehn bricht allmählich die Sonne durch, der Wind dreht von Südost auf West = Wetterwechsel. Der Weißdorn ist über die letzten beiden Tage synchron erblüht und duftet von der Bahnlinie herüber.

Noch greifen bei mir die Babycare-Reflexe: die Jüngste bittet per Smartphone, dass ich ihr dringend etwas Unverzichtbares an die Turnhalle bringe – also mache ich mich auf den Weg. Auf dem Sattel sind es 45 Minuten bis nach Limburg – neue Jahresbestleistung! Die Elbach zwängt sich, vom Höhenkamm hinter Westerburg kommend, zwischen einem Gewerbeareal und einem Neubau unter der B8 durch, um dort in die Lahn zu münden. Neben all dem frischem Grün wird es umso deutlicher, wie hässlich und zersiedelt die Städte sind, die ich passiere. Im DM sitzt niemand mehr an der Kasse; an der Fotostation wird der Ausdruck nun über einen QR-Code, der auf einem Bon aufgedruckt ist, ausgelöst – so lernt der Kunde willig neue Handgriffe. Im Radladen werden ununterbrochen E-Bikes reingeschoben – am Samstag beginnen die Schulferien. Entspannter Rückweg zwischen unentspannten Automobilisten. Zu Hause höre ich abwechselnd Alice Coltranes „Ptah, the El Daoud“ und Fela Kuti. Am Nachmittag die üblichen Chauffeursdienste nach Westerburg – die Ballettstunde steht an. Bei Sonnenuntergang sind wir zurück.

Am Mittwoch Wetterumschwung mit Schauern, böigem, frostigen Wind, doch nicht unter null Grad. Typisch für die Jahreszeit und sehr gut für den Biozyklus der Natur – täglich ein Zentimenter Blattwuchs bei Prunus, Scharbockskraut und Waldanemonen. Die Bäume wirken pointilistisch. Am Nachmittag nach den Mathehausaufgaben mit der Jüngsten auf dem Fahrad zum Pferdestall. Die Bewegungen fallen mir zunehmend leichter – ich nutze das Auf – und Absteigen als Übung. Die Muskel- und Sehnenschmerzen machen vieles schwerer (beispielsweise das Treppensteigen), sorgen aber für immer mehr Stabilität im Bein. Mein Indikator ist das freihändige Anziehen einer Hose – das ging bis heute nur bei allerhöchster Konzentration und in mehreren Anläufen. Koordination des Abendessens und Neues aus der Radszene: Im Falle eines Unfalls wird nun deine Tracking-App ausgewertet – für Freunde der Freiheit ist das eine schlechte Nachricht. Wir haben insgesamt ein Evolutionsproblem angesichts des digitalen Fortschritts, der ja völlig neue soziale Strategien hervorbringt und menschliche Beziehungen grundlegend verändert. Es wird künftig noch weniger möglich sein, nicht per Smartphone zu kommunizieren – neben dem sozialen Ausschluss droht auch der wirtschaftliche; es gibt ein neues Drinnen und Draußen – fatal.

Der Donnerstag beginnt mit Müsli und Tee. Dann gibt es Kaffee, zwei Feigen und eine Mandarine. Dabei höre ich Chopins „Pianokonzert Nr. 2“ mit Idil Biret – entspannt, lyrisch und erfreulicherweise ohne den Donner, mit dem der Pole sonst gern verstärkt wird. Es ist ein herzhafter Frühlingstag. Ich gerate auf dem Rad in einen heftigen Hagelschauer, stelle mich unter und verliere das Rennen gegen den nächsten. Weiche Beine, hungrig und erschöpt. So ein gutes Gefühl.

Wieder zu Hause, verkaufe ich an jemanden aus dem Westerwald ein betagtes neonpinkes Mountainbike, das all meinen Kindern zu klein ist. Wie ich an seinem Lieferwagen erkenne, baut seine Firma Schaltschränke. Wir kommen ins Gespräch, ich erfahre, dass man damit sehr reich werden kann. Der Maschinen- und Anlagenbau befindet sich derzeit zwar in der Vollflaute, dafür gibt es eine ungebremste Nachfrage von Amazon, die eine unglaublich potente Rechenarchitektur betreiben: Container entladen, Ware erfassen und sortieren, die Förder- und Rollbänder, die Zuordnung für den Laster am anderen Ende des Lagers – alles ist automatisiert. Das erfordert eine titanisch große Rechenleistung, dementsprechend werden Server gebraucht. Die Verteilzentren sind über ganz Deutschland verstreut – in Hochzeiten werden über einhunderttausend Pakete pro Tag ausgeliefert. Momentan wird das Tiefkühllager für Amazon fresh ausgebaut, was sich gerade in Ballungsgebieten rechnet. Mir ist klar, warum das funktioniert, funktionieren MUSS: Du kommst aus dem Büro, pendelst zurück, und zeitgleich mit dir kommt deine Pizza oder was auch immer an. Einzelhandel um die Ecke – wozu? Nur für eins ist die Software nicht: Retouren. Darum werden diese eingepreist und abgeschrieben – alles eine Frage der Masse, wer möchte schon „Rückwärtslager“ betreiben. Ich vermisse Klagen der omnipräsenten Klimaschützer zur Recyclingpflicht und Reparierbarkeit, zur in unserer Verfassung postulierten Nachhaltigkeit. Genau das würde das endlose Rennen nach Umsatzgröße, Stückzahl und Obsoleszenz zurückregeln. Wir würden weniger von der Wegwerfscheiße in Umlauf bringen, nach der wir so absurd süchtig sind. Und das sage ich auch zu meinen Töchtern, die nicht mal in einen Schuhladen zur Anprobe gehen möchten („zu geringes Angebot“, „zu schleimige Typen“ und so weiter). Das war „Das Wort zur Abendsuppe“. Amen.

Am Freitag weiterer Temperaturabfall auf ein Grad, also sinds gerade mal null auf dem Felde. Reifschnee auf den Dächern. Müde. Kaffee.
Roland Pidoux und Étienne Péclard mit Offenbachs „Suites Pour 2 Violoncelles“, 1979 für Harmonia Mundi aufgenommen – angenehm flanierend, ein heiterer Gruß aus dem neunzehnten Jahrhundert. Am Vormittag koche ich eine deftige Ratatouille. Sehr wichtig dabei: Den Knoblauch immer mit den Zwieblscheiben als erstes anbraten, dann mit Wein ablöschen (es kann ein billiger, einfacher sein) und ab in die Hauptpfanne, wo bereits Zucchini, Paprika und Auberberginen vor sich hinschmurgeln; die Tomaten zuletzt hineingeben, dito den Thymian. Weitere Überarbeitung des Radblogs. Bin im Jahr 2022 angekommen – da hatte ich meinen heftigsten Covid-Einbruch. Ich kämpfe mich beim Musikunterrichtstransport durch den üblichen Freitagsverkehr – zur Selbstbelohnung bereite ich mir eine feine Oolong-Grüntee-Mischung. Um 18:20 Uhr ist es noch klar und hell.

Der Schulferienbeginn am Samstag bei tiefen Temperaturen. Es ist nieselig – die Saat der Bauern geht an. Vorbereitungen für unsere Reise nach Le Mans: Wäsche vorbereiten, Hausräumen und Füllen der Müllsäcke – die trägt Anfang der Woche der Sohn heraus, der mich gestern aus einer Sportsbar in Szeged anrief, Kartoffelsalat und ein Länderspiel genießend. Er wird dann hier Majordomus und die marodierenden Flintatrupps von unserem Grundstück fernhalten.

Nach der Hausarbeit gedünstete Schwarzwurzeln, mit Curryreis, Möhren und Putenschnitzel. Am Nachmittag ein schöner, windiger Spaziergang zum Nettomarkt hinter den Hügeln. Nordströmung. Noch immer mit Skistöcken, aber ich habe jetzt wenigstens eine akzeptable Gehgeschwindigkeit. Die Sehnsucht nach den Radrennen wird größer – mal sehen, wann mir jemand Bilder vom heutigen zweihunderter Brevet ums Rothaargebirge sendet. (Wie gern wäre ich diese neue Strecke gefahren …) In der ARD-Mediathek eine Dokumentation über Alexander Kluge. „Mein Wappen wäre der Maulwurf“!“ – guter Sinnspruch! Negt und er schlendern durch die Straßen und reden einfach hin und her. So muss es sein. Dass der Film über Kluge und Kluges Filme schon über zwanzig Jahre alt ist, merkt man nicht – so gut hat er die kommenden Themen erspürt.

Der Tag der Zeitumstellung ist feucht, eine milde Sonne erhellt die ringsum austreibende Natur. Spatzen machen sich über frische Triebe her – so wie in den Jahrtausenden zuvor. Beim ersten Sencha für den Wanderungsrekonvalszenten, der deutlich seine Muskeln spürt, im DLF eine Neuaufnahme von Bachs „Johannes-Passion“ mit Raphaël Pichon und dem Ensemble Pygmalion. Außerdem feiern wir „40 Jahre Rock me Amadeus“ von Falco, der sich nie von diesem Erfolg erholte. Weitere Reisevorbereitungen, Putz- und Flickstunde.

Erstrunde mit dem Unisex-Rennrad, das ich mir vor zwölf Jahren kaufte und seitdem von der Gattin bewegt wird. Obwohl es bergauf geht, verspüre ich ein wunderbares Gefühl der Leichtigkeit. Die frische Frühlingsluft ist unersetzbar. Abends im Bett eine Studie über das England der 1920er. Interessant, wie unabhängig Länder noch voneinander dachten und handelten. Wir sind jetzt eher in eine Art reflexhaftem Zirkus gekommen, in dem die Stromstöße von rechts und links durch den Weltkörper gejagt werden, so dass alles zuckt.

Montagfrüh. Wir zockeln nach Le Mans ab. Unser Teenie ist ein wenig aufgeregt und stolz, dass sie uns ihre Gastschule und andere Orte zeigen wird. Wenn wir wiederkehren, sind die Schwalben hier.
