
Am Mittwoch bin ich im ehemaligen Grenzgebiet um den Potsdamer Platz unterwegs. Zunächst geht es ins Zentrum des Schmerzes – die SPD-Parteizentrale. Eine architektonische Grausamkeit aus Beton, Glas und Stahl. Fettings Brandt-Skulptur erinnert an bessere Zeiten, an das, was die Partei einst war und seit 1998 nicht mehr ist. Da ich unter Höhenangst leide, benutze ich nicht den gläsernen, offiziellen, sondern einen der versteckten anderen Fahrstühle – das Personal ist immer ausgesprochen nett. (Einmal erzählte mir ein Mitarbeiter, dass er auch unter Höhenangst leide, aber den Job brauche. Er bot mir an, auf dem Weg nach oben Händchen zu halten, was ich nicht annahm – es wurde trotzdem eine äußerst vergnügliche Fahrt.) Ich schaue mir die Ausstellung über „Entwerter/Oder“ an, eine 1982 gegründete original-grafische Samisdat-Zeitschrift aus Ostberlin, die es bis heute gibt. Ich stoße auf Arbeiten von einigen Weggefährten, was immer schön ist. Der „Freundeskreis Willy-Brandt-Haus“, der die Galerie betreut, macht eine gute Arbeit – ich sah hier schon viel Lohnendes, auch die ständige Sammlung nutzt sich bislang nicht ab. Anschließend drehe ich im Nachbarhaus eine Runde durch die gut sortierte Buchhandlung „Vorwärts“ mitsamt ihrem Antiquariat voller proletarischer Literatur, linker Theorie-Klassiker, Flugschriften usw.

Danach geht es die Stresemannstraße runter, an Anwaltskanzleien, dem Escape-Room „Miraculum“, Edeka, einer Arbeitsvermittlung, Restaurants, Bäckereien, Spätkaufs, Hostels, Zahnärzten, dem rund um die Uhr geöffneten Exerzitienzentrum „St. Clemens“, Lidl, „PC-College“, „Fressnapf“, dem „Deutschen Bundeswehrverband“, dem Sitz des „Verbandes für Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V.“, einer E-Ladestation, dem „Deutschen Bundeswehrverband“, einem Orthopädiezentrum, einer Spielhalle, dem Lili-Henoch-Sportplatz, dem Anhalter Bahnhof, dem „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, „Underground Lasergame“ sowie dem „Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ vorbei, rechts in die Niederkirchnerstraße rein, und hinein in den Martin-Gropius-Bau.

Dort sehe ich Peter Hujars und Liz Deschenes‘ Schau „Persistence of Vision“. Mit Deschenes‘ Arbeiten kann ich gar nichts anfangen, mit den Schwarz-Weiß-Fotos des 1987 verstorbenen Hujar umso mehr: New York vor der großen Gentrifizierung, Bebauungslücken, die Schwarzen-Ghettos und Vorortviertel, der Hudson River, immer wieder Tiere und Portrtaits (Candy Darling, W.S. Burroughs), das Nachtleben der Schwulen, Lesben und Transvestiten – der tiefe Einschnitt durch AIDS, an dessen Folgen auch Hujar starb. Die Bilder sind sinnig kompiliert sowie optimal gehängt und beleuchtet, da hat sich generell viel zum Positiven geändert in den letzten Jahren.

Wieder draußen senkt sich über einem der letzten verbliebenen Abschnitte des innerberliner Grenzwalls eine riesige Regenwolke. In den Pfützchen des Vortags spiegeln sich Touristenbeine und blau-graue Bodenlosigkeit. Die omnipräsenten Russenkunstfellmützen- und Abzeichenverkäufer dürften in den letzten sechsunddreißig Jahren mehr Schapkas und Snatschoks unters Volk gebracht haben, als die Sowjetarmy jemals produzierte. Würde man all die vertickten „garantiert originale Mauerstücke“ zusammensetzen, könnte man wohl ganz Europa umranden. Aber all das haben die etwas naiveren Touris natürlich verdient, genau wie die Currywurst mit Pommes für 8.90 Euro oder den nachgebauten Checkpoint-Charlie – Nachfrage regelt Angebot. In der Bundeszentrale für politische Bildung ist diesmal nichts für mich dabei, also ab nach Hause vor dem Regen.

Am Donnerstag habe ich am Rande des Tischtennis zwei sehr gute Gespräche: Eine Mitspielerin erwähnt beiläufig, dass sie ein Buch über Minimalismus geschrieben hat – wir reden übers „Aufräumen“ des eigenen Lebens, was Konsum, Ernährung, Beziehungen, Jobs u.v.a. betrifft. Sehr anregend. Mit unserem Champ sowie dem Ex-Hells-Angels komme ich in einer Spielpause auf Zombieserien zu sprechen – es zeigt sich, dass wir drei im Stoff stehen und ungefähr das Gleiche gesehen haben. Wir sind uns einig, dass das Einzige, was in dieser Sparte nervt, die Zombies selbst sind, alles andere, was dort erzählt wird, ist ja hochgradig spannend: Wie entstehen Gemeinschaften nach einem Zusammenbruch der alten Ordnung? Wie werden Entscheidungen getroffen? Wie löst man Konflikte innerhalb der Kommunen? Wer legt Regeln und Gesetze fest? Wie wird Recht, Unrecht und Gerechtigkeit bestimmt? Welche Formen der Bestrafung werden etabliert? Wie kommt man an Nahrung, Trinkwasser und Medikamente? Wer kontrolliert diese Ressourcen, und wie werden sie verteilt? Wie geht man mit Kranken um? Welche Formen von Handel entstehen? Wer sorgt für Ordnung und Schutz nach Innen und Außen? Neben all diesen Fragen fasziniert uns drei die Herausforderung, dass die Comic- und Drehbuchautoren starre Genrevorgaben haben, aber innerhalb dieser Grundkonstellation kreativ sein müssen, um uns Zuschauer vor dem Bildschirm oder Beamer zu halten. Die wirklich orginelle Gruppe der bösen, smarten Whisperer in „The walking dead“ haben uns maximal geflasht, die Nagelkeule von Negan unruhige Träume bereitet (selbst dem Ex-Rocker). Der Champ schätzt genau wie ich die Spielfilmklassiker -dass es im Subtext von Romeros „Night of the Living Dead“ (1968) um Rassismus geht, war ihm neu – Held Ben ist ein Schwarzer, was aber nicht thematisiert wird; nachdem er die Zombieapokalypse überlebt hat, wird er von der Bürgerwehr abgeknallt. So ein Austausch unter Freaks ersetzt ganze Soziologie-Vorlesungen.

Am Freitag dann im Deutschen historischen Museum der Totalflop „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ – fast nur Faksimiles, die Grafiken oft unscharf, viele Fehler in den Texten. (Nein, die Cholera wurde nicht durch „medizinischen Fortschritt“ besiegt, sondern durch sauberes Trinkwasser, Hygiene und eine bessere Kanalisation. Die letzte großen Hungersnöte in Europa waren nicht im 17. Jahrhundert, sondern 1845-49 in Irland, 1932-33 in Holdomor, wo die Kommunisten Millionen Ukrainern verhungern ließen, bei der Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht und in den ersten Jahren nach dem Zweiten Welktkrieg.) Abgesehen von all den Fehlern (es waren noch viel mehr) fehlt der Ausstellung ein Konzept, das die Einzelteile zusammenfügt sowie inhaltliche Tiefe – alles wird nur angerissen, so dass man am Ende mehr Fragen als Erkenntnisse hat. Seit der Neuausrichtung des Museums sind die dortigen Ausstellungen leider alle so schlampig gemacht. Tröstlich ist, dass ich mich nicht alleine ärgern muss, sondern in Begleitung meiner lieben Kollegin Jo Pauli bin. Sie macht mich wiederholt auf die fehlende Objektivität bei bestimmten Themen aufmerksam, da die bisherige Geschichtsschreibung zumeist aus einer männlichen Perspektive erfolgte – eine sehr wertvolle Ergänzung, die wir dann im Café der Staatsbibliothek bei zwei Heißgetränken vertiefen.

Wie man all das am DHM zu Kritisierende besser macht, sehe ich am Tag darauf im Humboldtforum: Alles ist akribisch eingeordnet, etwaige Leerstellen des Wissens werden von global eingebundenen Expertinnen und Experten klar benannt – exemplarisch dieser Text von Golda Ha-Eiros, Kuratorin im National Museum of Namibia:
„Karossorna, Perlenband – Glasperlen, Pflanzenfaser • gekauft 1879 von Missionar Carl Gotthilf Büttner in Otjimbingwe, verkauft 1881 an das Königliche Museum für Völkerkunde.
Nama (?), Künstler*in, Name nicht dokumentiert
Auf der vom Museum vergebenen Objektbeschriftung steht, dass es von einer Nama-Person gekauft wurde. Doch es sind heute nicht die Nama, sondern die San, die für ihre Perlenkunst bekannt sind.
Daher sind noch viele Fragen offen: War es vielleicht eine falsche Beschriftung des Museums? Oder haben die Nama und San untereinander Handel getrieben?
Dies eröffnet ein noch breiteres Spektrum an Fragen: Hat sich der Handel untereinander auf das Kunsthandwerk ausgewirkt? (…)“
Mir gefällt, dass die Prozesse und Zwischenstände der Forschungen veröffentlicht werden und der Tonfall dabei immer sachlich bleibt.

Da ich öfter im Hause bin, lass ich mich treiben, bleibe immer mal stehen, lausche einer Collage, die der philippinische Klangkünstler und Komponist MeLê Yamomo aus Wachszylinderaufnahmen des Berliner Phonogram-Archivs schuf; sinniere über die historischen, zweigeschlechtlichen Uli-Bestattungszeremonie-Figuren aus der Madak-Region in Papua-Neuguina, oder den beeindruckenden zeitgenössischen Wandteppich des Nigerianers Victor Ehikhamenor, der aus Plastikkrosenkränzen, Leinen und Spitze die strahlkräftige Silhouette eines Herrschers anfertigte und damit Bezug auf die berühmten Benin-Bronzen nimmt. Ich entdecke den essayistischen Dokumentarfilm „Les statues meurent aussi“ von Alain Resnais, Chris Marker und Ghislain Cloquet von 1953, der vergleichsweise früh die Aneignung und Entkontextualisierung von Masken und Skulpturen aus den Kolonialgebieten kritisierte (weswegen er in Frankreich zehn Jahre zensiert wurde) – die Grundthese ist, dass Gegenstände religiöser Praktiken, sozialer Alltagshandlungen oder kollektiver Erinnerungen in Museen zu isolierten und ästhetisierten Objekten werden, deren Bedeutung sich auf Form und Stil reduziert. Ein wie immer lohnender Besuch des Ethnologisches Museum im Humboldtforum, das sich als Teil des gefakten Stadtschlosses auf dem Platz des Palastes der Republik befindet: Geschichtsgrund.

„Les statues meurent aussi“: https://www.youtube.com/watch?v=2GR8KprsNng
„Die gestohlene Seele – Raubkunst aus Afrika“: https://www.ard.de/ardkultur/kunst-design/malerei/die-gestohlene-seele-raubkunst-aus-afrika,doku-raubkunst-afrika-100.html
Buchempfehlung zur Belagerung Leningrads: https://www.volksbund.de/nachrichten/blockade-von-leningrad
