Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Gute Nachrichten vom Knie: Der Arzt drehte und drückte und fand keine strukturellen Ursachen. Die weniger gute Nachricht: er vermutet eine Überanstrengung und empfiehlt mir Schonung.

Dass Joggen und anderer Sport pausieren, passt mir ja nun überhaupt nicht. Am Mittwoch erlaubte ich mir aber zwei vorsichtige Spaziergänge und am Donnerstag mit dem Mecklenburger eine ausgedehnte, insgesamt etwa einstündige Einkaufsrunde. Ich will den Storch sehen! Und das sprießende Grün! Und die Blüten! Und die Wildgänse! Außerdem erprobte ich die Belastbarkeit des Knies, denn am Freitag steht wieder die obligatorische neunzigminütige Gruppenwanderung an. Wenn ich sie mir nicht zutraue, muss ich mir einen ärztlichen Attest besorgen und werde dann der sogenannten kleinen Wanderung zugeteilt, bei der die Patienten zwanzig Minuten über das Klinikgelände spazieren.

Mittlerweile hat die elfte Woche begonnen und ich nabele mich allmählich von hier ab. Weil vor Ostern drei weitere Patienten aus meiner Gruppe gehen werden, sind wir im Abschiedsstress: Geschenke müssen gesucht und besorgt, gehaltvolle Texte für Grußkarten gefunden werden.
Was geben wir, die noch etwas hierbleibenden Gestörten, den Abschied nehmenden Gestörten an aufmunternden Worten und klugen Gedanken mit? Ich steuere meinen gewohnten Mix aus Spott, Phrasen und schönen Formulierungen bei. Beim Schreiben haben wir deutlich weniger Spaß als Ilja Repins berühmte Kosaken beim Verfassen ihres Briefs an den Sultan. Aber unser Text ist natürlich auch sehr ernst und kompliziert, da der Bogen vom verängstigten Küken der Ankunft über die therapeutische Metamorphose bis zum Abflug als stolzer Schwan gespannt werden muss, dazu kommen aufmunternde Worte nebst besten Wünschen für die Zukunft.
Ich will das alles meinen Mitgefangenen nicht zumuten und bitte sie, mir keinen Abschiedsbrief zu schreiben. Ich brauche das nicht, und sie sollen sich damit nicht quälen. Ich will das alles auch deshalb nicht, weil nach dem Aufenthalt ein anderes Leben beginnt und ich das Klinikkapitel so schnell es geht für mich abschließen möchte.

Diese Woche verblüffte ich meine Mitinsassen, indem ich ein gutes Hemd anzog, dazu eine gepflegte Hose und Sneaker. Und schon wirkte ich inmitten des klinischen Schlabberlooks aus Jogginghosen, verwaschenen T-Shirts, ausgeleierten Pullovern, Stoppersocken und abgetretenen Badelatschen wie ein Mensch aus einer anderen Welt. Dadurch wurde mir bewusst, wie sehr unsere Kleidung zeigt, wer wir sind und welchen Respekt wir dem Ort und den Menschen hier zollen. (Doch ich vergaß, dass wir ja krank sind – das entschuldigt selbstverständlich die allgemeine Verlodderung.)

Seltsame Begebenheit in einer der begleitenden Einheiten, als uns die Therapeutin überraschend ihr Herz ausschüttete: Sie wolle auf keinen Fall als Lehrerin oder Pädagogin wahrgenommen werden. Trotz ihres messerscharfen Verstands könne sie auch lachen, sie sei schließlich ein Mensch mit Gefühlen. Das, was sie zu uns während der Therapie sage, seien nur Angebote. Ein wenig wirkt sie auf mich, als hätte sie von ihren Chefs einen Einlauf erhalten und wolle sich nun rechtfertigen. Vielleicht musste es auch einfach nur so raus aus ihr? Wir alle möchten schließlich geliebt werden.
