„Wir sind Illusionsfabrikanten, die auf das Glück wetten, wir sind keine Wahrheitssucher. Die Fantasie ist wie ein Pferd ein Fluchttier.“ Alexander Kluge im Gespräch mit Lothar Müller, SZ, 18./19.04. 2020

Am Mittwoch, dem 25. März 2026 starb Alexander Kluge. Der gebürtige Halberstädter wurde 94 Jahre alt. Seine DCTP-Gespräche mit Heiner Müller, die ich Anfang der Neunziger im Fernsehen sah, prägten mich – später las ich immer wieder die Transkripte, jedes Mal mit anderem Blick, anderen Erkenntnissen.
In seinen Büchern, die in meinem Regal stehen, stecken Merkzettel. Ich schätze ihn als großen Erzähler. In „Dezember“ schildert er, wie Hitler auf dem Weg zur Hochzeit von Magda und Joseph Goebbels auf Gut Severin (wohin ich fünfzig Jahre später jeden Sommer ins Zeichenlager fuhr) 1931 auf den vereisten Straßen Mecklenburgs beinahe zu Tode kam. Um diese Begebenheit ranken sich in meiner alten Heimat so einige Legenden – in meiner Kinder- und Jugendzeit wurde darüber nach ein paar Schnäpsen dummstolz geraunt. Von 1990 bis 1997 zeigte ich in Parchim viele von Kluges Filmen.

Weil sie der offiziellen Corona-Erzählung widersprach, wurde die Virologin Karin Mölling 2020 allseitig zur Unperson erklärt. Kluge unterhielt sich weiterhin mit ihr, was ich ihm sehr hoch anrechne.
Wegen der Schmerzen in seiner Wirbelsäule war Kluge zuletzt bei Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dem langjährigen Arzt des FC Bayern München und der Fußballnationalmannschaft in Behandlung. Der Gedanke, dass er sich mit dem ebenso feinfühligen wie feinsinnigen Mull über Faszien und Opern unterhielt, ist ein schöner.
Alexander Kluge wird eine Lücke hinterlassen, die nicht zu füllen ist.
Wer schenkt uns nun so schöne Werke und Titel wie „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“, „Unruhiger Garten der Seele“, „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, „Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“, „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“, „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“, „Chronik der Gefühle“, „Vom Auswildern der Gespenster“, „Nachricht von ruhigen Momenten“ …

1967 drehte Alexander Kluge einen Kurzfilm über seine Großmutter: „Frau Blackburn, geb. 5. Jan. 1872, wird gefilmt“. Er handelt vom Altern – um dann auf allerherrlichste Art und Weise zu entgleiten: https://www.dctp.tv/filme/frau-blackburn-french
„Die Welt ist nicht schlecht, sondern voll“ – Kluge und Müller im Gespräch: https://www.dctp.tv/filme/10-vor-11-21-11-1994?thema=heiner-muller
Leseprobe „Dezember“: https://res.cloudinary.com/suhrkamp/images/q_auto/v1742119393/41822/dezember_9783518224601_leseprobe.pdf
