
Bevor am Sonntagnachmittag ein bis in den frühen Montagabend anhaltender Dauerregen einsetzte, war es so warm, dass die ersten, jegliche Contenance vermissen lassend, mit freiem Oberkörper um Parkgrüppchen mit Picknickkörben herumturnten. Auf den Terrassen der Cafés wurden spinnwebige Sonnenschirme aufgespannt, bei den Roséproduzenten knallten die Champagnerkorken. Und auch das gehört zum Frühlingslauf: Während die allerletzten freien Plätze auf den Oberdecks der Ausflugsschiffe schon wieder hart umkämpft sind, verlieren die ersten Bäume und Pflanzen bereits ihre Blüten.

Am Freitag mache ich nach dem Mittag einen Spreespaziergang: Zunächst geht es über den Kleinen Tiergarten zur Bolle-Meierei und von dort auf dem Uferweg entlang der Straße der Erinnerung an den Köpfen von Georg Elser, Albert Einstein, Edith Stein, Ludwig Erhard, Helmut Kohl, Albrecht Haushofer, Ludwig Mies van der Rohe, Käthe Kollwitz, Thomas Mann, Walther Rathenau und Konrad Zuse vorbei. Auf dem Mäuerchen an deren Ende saß bis kurz vor seinem Tod oft Hans-Christian Ströbele und lächelte in die Mittagssonne. Man sollte seine Skulptur in die Kopfreihe einfügen – als letzter grüner Pazifist hätte er das allemal verdient. Hinter der Brücke mit den vier Bären passiere ich das für seine Baumkuchen gerühmte Café Buchwald und gehe am Schloss Bellevue vorbei, das demnächst für (Stand jetzt) 600 Millionen Euro saniert werden soll (die letzten großen Modernisierungen wurden dort von 1994 bis 1998 sowie 2004 bis 2005 durchgeführt). Ich flankiere den Großen Tiergarten und biege dann kurz vor dem Kanzleramt zum Haus der Kulturen der Welt ab.

Dort schaue ich mir „Tirailleurs – Von Kanonenfutter zu Avantgarde“ an, eine Ausstellung über Soldaten, die aus den französischen Kolonien in Nord-, West- und Zentralafrika, Madagaskar sowie Indochina stammten und ab Mitte des 19. Jahrhunderts über die Weltkriege bis hin zum Algerienkrieg im Heer ihrer Kolonialherren kämpften. Es geht hier weniger um einen Geschichtsabriss, sondern um die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex.

Meine erste Entdeckung ist Félix Vallottons kleines Gemälde „Soldats sénégalais au camp de Mailly“, das eine Szene aus einem Ausbildungszentrum für französische Rekruten und Kolonialsoldaten festhält. 1917 entsandte die französische Regierung Vallotton als artiste aux armées in die Front- und Etappengebiete im Nordosten des Landes, wo er den Kriegsalltag künstlerisch dokumentierte.

Sehr schön sind auch die Papiercollagen des Ghanaers Godfried Donkor, der die Bildsprache des Boxens (Kampfhaltung, Ring, Pose, Körper usw.) mit historischen ghanaischen und kolonialen Symbolen sowie alten Zeitungsbildern, Fotografien und Dokumenten verbindet. Der Boxer erscheint nicht als reiner Sportler, sondern als inszenierte, ikonische Figur. Letzlich geht es bei alledem – wie so oft – um die Frage, wer die Deutungshoheit über Bilder und Geschichten besitzt.

In Hana Yoos Video „I Drank a Magic Potion, but I Didn‘t Die“, höre ich einmal mehr der Koreanerin Kim Bok-Dong zu (2018 verwendete ich Ausschnitte eines ihrer Interviews als Sample für eine Single auf Bellerpark Records). Kim Bok-Dong wurde 1940 als Vierzehnjährige von den japanischen Besatzern zur Prostitution gezwungen und in Militärbordellen in Hongkong, Singapur, Indonesien, Malaysia und China fünf Jahre vergewaltigt und anderweitig schwer misshandelt. Nach Ende des Kriegs kehrte sie nach Korea zurück, doch wie viele Überlebende konnte sie lange Zeit mit niemandem über das Erlebte sprechen, da sexuelle Gewalt stark tabuisiert und mit „Schande“ verbunden war. Das führte dazu, dass Betroffene Angst hatten, ihre Familie zu „beschmutzen“ und sozial ausgegrenzt zu werden. Ab den neunziger Jahren begann sie über das ihr Angetane zu reden und kämpfte bis zu ihrem Tod im Jahr 2019 um Aufarbeitung und die Anerkennung des Leids der sogenannten „Trostfrauen“.

Am Sonntag, kurz nach neun, ist es dann soweit: Eröffnung meiner Badesaison! Um den Schlachtensee sind viele Menschen unterwegs; der grauwolkige Himmel und die tieffliegenden Schwalben kündigen bereits den Regen an. Lufttemperatur: 13 Grad; mein Thermometer zeigt für das Wasser 11 an, was für ein, zwei Schwimmminütchen gut auszuhalten ist – man muss am Anfang ja nicht gleich übertreiben.

Als ich mich auf der Buchtbank mit einem Tee aufwärme, gehen drei Frauen ins Wasser – eine schwimmt so kurz wie ich, eine bestimmt zehn Minuten, die dritte hüpft einfach hin und her und hält dabei ihre neoprenbehandschuhten Hände wie eine Pastorin, die segnend die Natur preist – vielleicht ensteht hier ja gerade ein neuer Kult. Amen.

Die Sichtung folgender Vogelarten ist zu vermelden: Reiher, Schwan, Kormoran, Stockente, Blässhuhn, Uferschwalbe, Haubentaucher und Taube sowie eine dort eher selten zu sehende Möwe, die Richtung Wannsee flog, und zumindest akustisch ein Specht: Knock Knock.

Auf dem Rückweg treffe ich das nette Pärchen, Anfang sechzig, mit dem ich mich 2025 immer sehr gern unterhalten habe. Der Mann wünscht mir zunächst einmal: „Ein frohes neues Jahr!“ – Recht hat er. Die beiden sind Eisbader, mussten ihre Wintersaison aber wegen des Terroranschlags im Januar unterbrechen, da sie in ihrer davon betroffenen Wohnung verblieben und dort so auskühlten, dass es sie für eine Weile nicht mehr ins kalte Wasser zog. Als kurz darauf der See zugefroren war, machten sie auf dem Eis Spaziergänge und hauten sich irgenwann auch ein Loch hinein, um zu baden, wobei sich die Frau blöderweise am Eisrand schnitt und wieder ihre Saison unterbrechen musste – es gibt schon ziemlich bizarre Unfälle …

Am Montag lass ich wegen des Regens das Baden ausfallen – auch hier gilt, dass man es zu Beginn eher ruhig angehen lassen sollte.
