Christoph Sanders, Thalheim
Am Dienstagvormittag aufs Rad. Wie einfach nun das Aufsatteln geworden ist! Bald wird auch wieder normales Training möglich sein. Mein Sohn empfiehlt mir, ganze Quarknäpfe zu essen, damit ich Protein bekomme. Meine Zellerneuerungsrate wird sich damit kaum beschleunigen lassen – und das ist der Unterschied: Ich bin eben alt.

Wunderbar, beim Bolognesekochen jemandem wie Ole Nymoen zuzuhören. Der Krawatten-Linke denkt bei Kosubek die Dinge vom Ende her – das machen nur wenige. Meine Gründe, den Kriegsdienst zu verweigern, wären alle ungültig, wie ich erfahre. Nach drei Wochen Handy-Pause habe ich 312 Whatsapp-Nachrichten auf meinem Phone, was einfach nur absurd ist. Was soll ich damit?

Strahlender Mittwochmorgen mit den frühlingshaften Violinsonaten des begnadeten Amadeus. Ringsum die Pflaumen-, Kirsch- und Apfelblüte – nur unsere Gartenäpfel werden dieses Jahr pausieren. Von der gestrigen Premiere auf dem „Normrad“ Muskelziehen, auch in der Umgebung des Knies. Aber es ist ein guter Schmerz, der anzeigt, dass sich der Körper Zentimeter um Zentimeter adaptiert.

Der Trödler berichtet, dass ihm ein Bankvorstand aus München zuraunte, dass die aktuelle Krise eine ganz andere Dimension habe als die zuvor. Ich kaufe einen wunderschönen Bildband über die Geschwister Brontë, der die Umgebung all ihrer Romane zeigt – mein Teenie war ganz delighted, und das trotz ihres Sonnenstichs und der Nebenhöhlenentzündung. (Sie sollte definitiv nicht an frischen Frühlingsmorgen mit feuchtem Haar zur Schule.) Auch mein Sohn mit zuviel Sonneneinstrahlung, die er sich gestern als Betreuer der Damen-Schulmannschaft in der Coachingzone einfing. Trotzdem wurde der Landesentscheid erreicht – der Beginn einer großen Trainerkarriere. Auf Radio France am Nachmittag eine Sendung über den Joy-Division-Sänger Ian Curtis und später ein fabelhafter Fernsehfußballabend mit Bayern gegen Real. Zwei Mannschaften am Limit, mit Fehlern, die nur unter allerhöchstem Druck passieren. Was machen die Bayern nur, wenn Kimmich, der sich mittlerweile zu einer Art neuer Toni Kroos entwickelt hat, eines Tages in Rente geht?

Am Donnerstag weitere Kilometer mit dem Rad. Putenschnitzelkauf und das Einlösen von Apothekenrezepten (Sinupret usw. on top). Der Teenie bewegt sich viel zu wenig an der Luft. Um halb drei erschöpft nach extensiver Trainingsfahrt, dann die letzten Mittagessendetails klären – drei Kinder haben Hunger, und ich auch! Ein warmer, fast gewitteriger Tag; bin hundemüde, auch vom Tragen und Aufräumen.

Ich grüße den Freitagmorgen mit Sun Ra. Um zehn bereits extrem helle Sonne. Um halb zwölf verlasse ich frisch rasiert und mit einer 50+ Sonnencreme auf der Haut das Haus. Die Frankreich-Wochen waren ein Klimasprung für sich, jetzt erlebe ich, wie sich das hier alles verzögert wiederholt – von der Irisblüte zurück zur Tulpenblüte. Im Laufe des Tages 22 Grad. Der Sohn probiert die neuen Mizuno-Schuhe aus, die Multinocken für Kunstrasen haben. Ähnliche gab es vor dreißig Jahren von Nike, die sich aber nicht durchsetzten. Die meisten Spiele in den höheren Ligen werden auf billardtischglattem Naturrasen ausgetragen wird, der zudem stark gewässert ist – das macht das Spiel über Flachpässe noch leichter und insgesamt schneller. Ich sehe ihm nostalgisch zu, wie er vor dem Haus mit dem Ball jongliert. Abends zum Salatmarkt – ich fahre ja nur hin, um das Personal aufzumuntern. Ein entspannter Tag mit zufriedenen Kids, duftendem Tulpenbaum und erfolgreichen Rennradrestaurierungen.

Der Samstag beginnt leicht verschleiert, mit dann durchbrechender Sonne und Gegenlichteffekten in blühenden Bäumen (es geht jetzt rasch vorüber). Dazu die „Rheinische Symphonie“ von Schumann. Ich fahre den Teenie in die Stadt zur Theaterprobe von „Die Welle“. Sie las das Buch und es gab Aha-Effekte. Erste Einkäufe, darunter ein (in meinen Augen) schöner afghanischer Teppich, der einen Sperrmüllfund ersetzen wird. Der Trödler vertickt gerade massenhaft China-Spielzeug aus den 1960ern (Loks, Rennautos, Flugzeuge) – offenbar gibt es dafür Abnehmer. Schnell aufs Rad, da es mild ist und so schön blüht. Anschließend die Jüngste von der Probe holen.

Meine Sportskameraden sind heute auf der 300-Kilometer-Runde vom Kirchheimer Zipfel bis kurz unter den Hohen Meißner, über den Knüllwald, Fulda und die hessische Rhön unterwegs. Man vermisst es erst recht, wenn man selbst nicht mehr mitmachen kann. Aber das Rad wird noch bewegt! Sehr gutes Training, das beinahe seinen Namen verdient. Nach ca. 20 bis 30 Minuten glich sich die Differenz der Beine aus – ich muss ständig darauf achten, beide gleich zu belasten. Auf dem Rad geht das besser als beim Gehen, aber der Körper versucht immer den schwächeren Teil zu überkompensieren. Schnelle Rotation ist ein Schlüssel, Durchblutung der Kapillaren, hoffentlich auch des Tiefengewebes; die Muskeln müssen ja vom Knochen her wieder zusammenwachsen. Freude darüber, wie schnell ich mich wieder an die gestreckte Position gewöhne. Angenehmes, leicht schwüles Wetter, die Rotoren waren sich über Orientierung nicht immer einig. Die Kaltfront hat uns verschont.

