Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Zum einen war die freitägliche Wanderung sehr kurz ausgefallen und das moderate Tempo etwas unterfordernd für uns, zum anderen haben wir keine Lust, uns so früh schwatzend oder spielend in die Sessel zu fläzen. Also gehen der Mecklenburger und ich eine Runde.
Der Mond ist noch nicht aufgegangen, die Milchstraße verborgen. Für Orion und den Großen Wagen reicht unser astronomisches Basiswissen. Wir laufen fast dreißig Minuten auf dem Deich stadtauswärts, vor uns leuchtet Tangermünde wie ein gerade gelandetes Zirkuszelt. Hinter uns greifen die Flakscheinwerfer der Klosterkirchehoch in den Nachthimmel. Auf der kilometerweit entfernten anderen Seite der Elbe funkeln die menschengemachten Lichter der Dörfer, von überall her blinzeln die roten Geisteraugen der Windräder. Lkw’s jaulen mit weitreichendem Fernlicht die knapp einen Kilometer entfernte Bundesstraße entlang. In der dunklen Ferne der Elbwiesen beschweren sich einzelne Wildgänse über irgendetwas – einen Fuchs, einen Waschbär? Oder sind das nur schlechte Träume? Zehn Minuten blicken wir schweigend in das sternenübersäte Firmament, dann kehren wir um.

Am Samstag werde ich genauso wach wie an gewöhnlichen Tagen auch – nicht vor Aufregung, weil ich nach siebeneinhalb Wochen das erste Mal nach Hause fahre, sondern wegen der üblichen Mischung aus Blasendruck, Ausgeschlafensein und dem Vogelgezwitscher, das durch das angekippte Fenster zu hören ist. Bis auf mein Waschzeug, das Handtuch und das Telefon, ohne das man in Deutschland kaum mehr reisen kann, ist alles gepackt.
An den Tischen ist es noch leer, da die Frühstückszeit am Wochenende von 7:30 bis 9:30 Uhr dauert und somit länger und entspannter als sonst ist. Die Pflegerin bereitet gerade alles vor. Es gibt das Gleiche wie immer: aufgebackene Industriebrötchen in hell und dunkel, die keiner mehr sehen mag, abgepacktes Schnittbrot, Marmelade sowie die vorbestellte Stückzahl an Wurst und Käse – vegan und normal.
Der Kaffee ist bereits gekocht, sodass ich mir eine Tasse einschenke und mich dann als Frühsportersatz für ein paar Minuten dehne und lockere. Nach und nach schlurfen die ersten Frühstücksgäste ein und nehmen Platz. Die Zeitung wird verteilt, wobei jedes Rätsel seine Zielgruppe findet: Binoxxo und Sudoku, normales und lustiges Kreuzworträtsel. Ich bin der Joker, der Worte wie „genehm“ oder Landkartenwissen beisteuert.

Dann ist es soweit – ich wünsche allen ein schönes Wochenende und mache mich auf zum Bus. Es ist empfindlich kühl. Dennoch sitzen vor dem Jugendklub, der schräg hinter dem alten Bahnhof liegt, die ersten beiden Raucher. Oder sind es die letzten? Als wir gestern am späten Abend hier vorbeikamen, wurde noch Volleyball gespielt und Musik gehört.

Mein Bus kommt. Die erste Etappe der Reise beginnt. Und schon warnt mich die App, dass der IC nach Leipzig in Magdeburg voraussichtlich zwölf Minuten Verspätung haben wird. Doch vorher verzögert sich erst einmal die Abfahrt des Regionalexpresses nach Magdeburg: „Vor uns ist noch der Block belegt“, so die Durchsage. Mal ehrlich: Wenn schon jemand wegen Delegitimierung des Staates belangt werden sollte, dann ist es die Bahn – niemand unterminiert das Vertrauen in staatliche Dienstleister so nachhaltig wie sie.

Zu Hause erwartet mich, den verloren Sohn, ein Fest. Allerdings wird kein Mastochse geschlachtet – bei uns gibt es Spanferkel. Meine Frau, die Kinder, die Schwiegereltern, der Schwager samt Familie und die Nachbarn sind da – welch eine Freude! Es ist großartig, wieder hier zu sein, großartig, die Familie und Freunde zu sehen, großartig, mit „normalen“ Menschen zusammen zu sein und mal nicht über Therapien und Therapeuten zu reden. Nach knapp zwei Monaten in der Anstalt habe ich die Empfindung, dass meine Gefühle intensiver und die Sensoren geschärft sind.
Neben den eigentlichen Feierlichkeiten (ich hatte am Vortag Geburtstag) stehen viele Spaziergänge auf dem Programm. Und dann müssen auch noch ein Fahrrad überprüft und für die Zufahrt vorbereitet, ein Schrank mit defekter Schiebetür repariert sowie Papiere gesichtet und Unterlagen verschickt werden.
Auffällig ist der Unterschied zwischen dem ländlichen Sachsen-Anhalt und Leipzig. Hier begegnen mir zwischen zwei Querstraßen in drei Minuten mehr Menschen als auf einer siebzigminütigen Wanderung durch ganz Jerichow. Jedes Restaurant auf der Karl-Liebknecht-Straße hat mehr Gäste als dort alle vier Gaststätten und zwei Cafés zusammen.
Und dann der Großstadtdreck! Beschmierte Wände. Leere Flaschen an jeder Ecke. Müll und Scherben auf den Wegen. Fahrradruinen, die vor sich hin rotten und rosten. Auf dem Bürgersteig Essensreste. Eine Ratte, die sich unbesorgt zwischen den Freisitzmöbeln bewegt. Können Städte krank machen? Für Leipzig mag ich das nicht ausschließen, obwohl wir sogar in einer der schönen Ecken wohnen.

Es ist ein Wochenende, das wie im Fluge vergeht. Abschied nehmen fällt schwer. Die Familie drückt mich. Die Nachbarn drücken mich. Dann drückt die Zeit und ich muss los zum Bahnhof. Dieses Mal nehm ich das Fahrrad mit. Ab Genthin will ich damit die letzten knapp zwanzig Kilometer zurück in die Klapse fahren.

Vorher verbringe ich eine Zugfahrt im Dunst: der angekündigte Saharastaub trübt den Himmel, die übliche Verspätung trübt den Fahrspaß. Zumindest erreiche ich meinen Anschluss und bekomme im RE einen passablen Stellplatz für mein Fahrrad. Vor mir sitzen Hertha-Fans. Eine Anhängerin hadert mit dem Spielglück und leidet, da es aktuell nur 1:1 steht. Mit Blick auf den somit in weite Ferne rückenden Aufstieg in die 1. Bundesliga seufzt sie ihren Partner an: „Im nächsten Leben werde ich Union-Fan“. Dann große Freude, da Hertha in der Nachspielzeit in Führung geht und am Ende gewinnt. So schnell scheint wieder die Sonne, wenn man Fußballfan ist.

Pünktliche Ankunft in Genthin. Die Navi-App zeigt mir den Weg aus der Stadt, dann geht’s schnurgeradeaus auf dem Radweg nach Jerichow. Anfangs begegnen mir noch einige Sonntagsausflügler, die restlichen zehn Kilometer habe ich den Weg für mich allein. Kurz nach halb fünf bin ich da – die Anstalt hat mich wieder.

In zwei Wochen dürfte ich wieder nach Hause fahren, ich weiß allerdings nicht, ob ich die Kraft dazu haben werde. So ein Abschied von den Lieben fällt schwer.
Aber ich bin guter Dinge, dass es mir nach Abschluss der zwölf Therapiewochen deutlich einfacher fallen wird, mit mir, meinem Umfeld und meiner Gefühlswelt klarzukommen.

