Christoph Sanders, Thalheim
Am Sonntagabend zurück aus dem Süden Frankreichs. Dort das übliche Instandhaltungsprogramm am Ferienhaus – ich nutzte die vorsommerlichen Temperaturen, um auf das Dach zu klettern und Sturmschäden zu reparieren. Eine Premiere war das Raufschleppen von Ziegeln im Rucksack, was trotz der operierten Hüfte gut ging. Ich habe zwei Wochen das Smartphone nicht benutzt – ich finde verschlüsselte Mails einfach besser als die elektronische Fußfessel. Ich bin immer überzeugter, dass die wirklich wichtigen Sachen, wie im Mittelalter, mündlich und unter vier Augen besprochen werden.

Ausgeschlafener Montagsbeginn voller Hausarbeit – der Sohn hat einige Baustellen hinterlassen. Akklimatisierung an einen feuchten, kühlen Vollfrühling – hier in Hessen kommen die Tulpen erst jetzt.

Am Dienstag mit dem Gedanken erwacht, dass sich menschliche Körper im Spannungsfeld zwischen eigener skulpturaler Formung und äußerer Prägung als Sozialplastik bewegen – der Bodybuilder als Bildhauer seines Egos, die allgemeine Zunahme von Extrem- und Laufsport, der komplette Gesundheitsfetisch als Leistungsoptimator. (Dagegen die stummen Proteste der Adipösen, aber das könnte man als unbewusste Skulptur definieren.) Davon dann übergangslos zu den Freseken aus Siena und Florenz im 13. bis 15. Jahrhundert – die endlosen Variationen der Mutter mit dem Kinde. Ich vergeiche Portraits aus Esztergom (im Mittelalter Hauptstadt des Königreichs Ungarn) mit jenen, die ich in gerade in Le Mans und Bayonne sah. Sehr auffällig die stilisierte Form der Madonnen, auf die man sich einigte. Es sind dann merkwürdigerweise die deutschen Maler nach Dürer, die das Stereotyp mit Narben und Tränen individualisieren. Das sind doch hochinteressante Themen in einem Zeitalter, da jeder sein Eigenbild entwerfen und erzeugen kann – und es auch tut!


Nach diesen Überlegungen zur Körperformung hole ich meine Kids aus dem Tiefschlaf, wobei ich Fensterkippen und Amseln als Wecker benutze. Alle mit Anlaufschwierigkeiten, wie üblich, wenn sich der Rhythmus verschiebt – vielleicht ändert sich ja eines Tages die Zeit des Unterrichtsbeginns? Kindergärten öffnen zunehmend um 7:30 Uhr, weshalb immer mehr Lehrer erst zur zweiten Stunde anfangen. Würden die Schulen zeitlich nachziehen, hätte man auch wieder mehr Personal. Das Wohl des Kindes und dessen Bildung sollten stets der Mittelpunkt all unseres Strebens sein.
