Jesus ging am Gründonnerstag nach dem Abendmahl mit seinen Jüngern in Jerusalem zum Ölberg. Knapp zweitausend Jahre später schlendere ich nach dem Frühstück allein zum Lüneburger Kalkberg. Hier befindet sich das Deutsche Salzmuseum. Der Zutritt erfolgt stilecht durch einen Güterwaggon, bevor es hinter der Kasse unterirdisch weitergeht. Ich fühle mich generell unter der Erde sehr wohl – was mich zuversichtlich für die Zeit nach meinem Tod stimmt.

Einer Legende zufolge führte um das Jahr 800 n. Chr. eine silbrig glänzende Wildsau am Kalkberg in Hliuni (dem späteren Lüneburg) zur Entdeckung einer Solequelle, die nach und nach erschlossen wurde. Anfangs noch im kleinen Maßstab betrieben, prägte ab dem 12. Jahrhundert die Salzgewinnung das Leben der Stadt. Salz war zu dieser Zeit eines der wertvollsten Güter – man verwendete es nicht nur zum Würzen von Speisen, sondern auch in der Tierhaltung (zum Beispiel als Leckstein), zur Konservierung von Nahrungsmitteln oder für medizinische Zwecke. Das Mineral war zudem ein wertvolles Tauschgut: Römische Milites und Beamte erhielten auf Reisen täglich eine Ration – das Salarium. (Davon leiten sich das französische salaire und das englische salary ab; wie auch die Wörter Salami und Salat gehen sie auf das lateinische sal zurück.) Salz trug maßgeblich zum Wohlstand der Stadt bei, die 1363 Vollmitglied der Hanse wurde. Jährlich im Herbst finden in Lüneburg die Sülfmeistertage statt, ein mittelalterliches Spektakel, das an diese Zeit erinnert.

Die Räume, durch die ich gehe, gehören zum letzten erhaltenen Siedehaus der Saline, erbaut 1927 und mit der Gesamtanlage 1980 geschlossen. Dass diese nicht abgerissen wurde, ist Protesten zu verdanken – dass der auf den ersten Blick gemütlich wirkende Menschenschlag dieser Gegend gegenüber der Staatsmacht renitent sein kann, beweisen auch die vielen „X“-Zeichen in den Fenstern. („X-tausendmal quer – hopp, hopp, hopp, Castortansport Stopp!“)

Ich sehe ein Modell, das zeigt, wie die Saline vor vierhundert Jahren aussah und den Nachbau einer mittelalterlichen Siedehütte; alte Pläne der Anlage (grafisch sehr ansprechend und, klar, wegen der Luftfeuchtigkeit als Kopie); Teile des Pumpgestänges, über das von 1782 bis 1865, angetrieben durch die Ratsmühle, über eine Strecke von 1,3 Kilometern Wasser aus der Ilmenau hierher gebracht wurde.

Nach einer langen wirtschaftlichen Krise erfolgte ab 1799 der Um- bzw. Neubau – die Industrialisierung fand auch unter Tage statt. Es enstanden neuartige mechanische Pumpen und Abfülltrichter, später automatisierte Förderbänder und in den 1920/30er Jahren die große Salztrocknungsanlage. 1814 kam jemand auf die Idee, zwei hölzerne Wannen zur Verabreichung von Solbädern aufzustellen, was regen Zuspruch fand und bald erweitert wurde. Von den Bombardierungen im 2. Weltkrieg blieb die Saline weitesgehend verschont. Im Laufe der Zeit verbesserten sich peu à peu die Arbeitsbedingungen – in der Bundesrepublik profitieren davon endlich auch die weiblichen Lohnabhängigen, die jahrhundertelang stark benachteiligt waren.

Ich erfahre, dass Deutschland eines der salzreichsten Länder der Erde ist und der Lüneburger Salzstock vier Kilometer in die Erde reicht; lerne Begriffe wie Wirbelschichtrockner, Solekiste oder Salzbrei kennen; sehe erstmalig in meinem Leben ein bolivianisches Salzlama … und irgendwann sind das dann einfach viel zu viele Informationen in zu kurzer Zeit, so dass ich das mache, was ich immer mache, wenn ich in Ausstellungen nichts mehr aufnehmen kann: Ich schaue im Museumsladen nach einem vertiefenden Buch. Hier ist, abgesehen von der Broschüre „Salzschiffe der Stadt Lüneburg“, nichts Passendes dabei, also schildere ich den beiden Damen am Tresen, wonach ich ungefähr suche. Sie sagen, dass sie so etwas leider nicht haben. Und dann geschieht das, was ich oft erlebe – eine der Frauen meint: „Moment, gabs da nicht mal was in der Richtung?“ und beschreibt der Kollegin einen Katalog: „Vielleicht liegen davon ja noch irgendwo ein paar herum. Ich seh mal nach.“ Nach zehn Minuten kommt sie freudestrahlend mit „Salz – Arbeit – Technik. Produktion und Distribution in Mittelalter und Früher Neuzeit“ wieder, einer Sammlung von Vorträgen, die 1987 auf dem gleichnamigen Symposium in Lüneburg gehalten wurden. Broschüre und Katalog werden, neben einem Gläschen Salz, von mir erworben.

Die Frauen erzählen dann noch vom anstehenden Komplettumbau des Salzmuseums – ein Unterfangen, das in Zeiten, in denen Schulklassen oft eine kollektive Aufmerksamkeitsspanne von der Länge eines TikToks haben, nicht ganz einfach ist. Es wird dabei ein Mittelweg zwischen Originalobjekt und Modell, Analogem und Digitalem zu finden sein – wofür man allen Beteiligten nur das wünschen kann, was am Brunnenhaus der Saline steht: „Glück auf!“

Seit Ostern lese ich nun jeden Abend fünf Minuten in dem Katalog, staune und lerne, schaue flankierend ab und an etwas im Internet nach, wodurch ich noch mehr Wissenswertes erfahre. So besaß etwa das Hospital zum Heiligen Geist, in dem Betten für Mitarbeiter der Saline freigehalten wurden, das Recht, allnächtlich, außer zwischen Weihnachten und Neujahr, von jedem Siedehaus eine Schaufel Salz einzusammeln; Heinrich der Löwe soll den Absatz des Lüneburger Salzes sichergestellt haben, indem er die Solequellen der Konkurrenten aus Oldesloe zuschütten ließ – ein historischer Schlenker zur Gegenwart, in der Angriffe auf Pipelines, Sabotage von Industrieanlagen, Cyberaattacken auf Energienetzwerke oder gezielte Störungen von Lieferketten an der Tagesordnung sind. Und damals wie heute schafft die harte Arbeit in den Minen weltweit vor allem Wohlstand für andere und nicht für die Beschäftigten selbst.
„Let’s drink to the hard-working people / Let’s drink to the lowly of birth / Raise your glass to the good and the evil / Let’s drink to the salt of the earth“ (The Rolling Stones, LP „Beggars Banquet“, 1968)

Uta Reinhardt „Saline Lüneburg 956-1980“: www.bergbaumuseum.de/fileadmin/forschung/zeitschriften/der-anschnitt/1981/1981-02/anschnitt-2-1981-reinhardt-saline-luemeburg.pdf
„Lüneburg und das Salz“ – Aufsatz des Geologen und Paläoklimatologien Frank Sirocko: www.klimaundsedimente.geowissenschaften.uni-mainz.de/files/2018/10/Sirocko_2012_Lueneburg_und_das_Salz.pdf
Lüneburg im Jahr 1600: https://www.youtube.com/watch?v=4IW5hmgV6xU
TV-Bericht aus dem Jahr 1980: www.youtube.com/watch?v=CZVQTEPeXq0
Die Sage von der Salzsau: https://www.sagen.at/texte/sagen/deutschland/niedersachsen/bengen/lueneburgersalzsau.html
Homepage Deutsches Salzmuseum: https://www.salzmuseum.de/de
„My name is Salt“ – Dokumentarfilm über Menschen in der indischen Wüste, die unter extremen Bedingungen Salz gewinnen und dabei in Armut und Isolation leben: https://vk.com/video-184070913_456286376?ysclid=mnx0k6x5bz302473317
Aktuelle Kinderarbeit im Salzbergbau (mit Links): https://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/2022/08/in-salinen-und-salzbergwerken-schuften-kinder-fuer-das-weisse-gold/


