Frank Schott, Leipzig
Zurück im Alltag. Wie schnell man wieder in alte Muster aus Stress, Routine und Fehlverhalten verfallen kann! Und doch ist nach drei Monaten in der Psychoklinik etwas anders: die reflektierende Betrachtung, das Bewusstsein dafür, was ich tue und wie ich es tue.

Nach den Knie- und Magenproblemen der vergangenen Woche schnüre ich am Samstagvormittag die Laufschuhe für meine Leipziger Standardstrecke – ein paar hundert Meter über die Bürgersteige und dann ab in den Park mit dem Bärlauch.

Als ich loslaufe, ist es kalt – knapp über null Grad; beim Aufstehen hatte ich durch das Schlafzimmerfenster gehört, wie der Nachbar Eis von der Windschutzscheibe kratzt. Da es rasch wärmer wird, besonders in den sonnigen Abschnitten des Wegs, verzichte ich auf meine Handschuhe. Alles ist noch feucht vom Regen des Vortags.

Erschrocken bin ich über den Lärm der Stadt: Überall brummen Motoren, dröhnen Rollgeräusche von Reifen, plappern Stimmen, rumpeln Straßenbahnen. Es dauert eine Weile, bis ich den Krach hinter mir lasse und das Zwitschern der Vögel vernehme.

Was mir in den ersten achtundvierzig Stunden nach der Rückkehr aus der Provinz neben dem Lärm noch auffiel, sind der Dreck und die allgemeine „Leck mich“-Stimmung – etwa beim Mann, der eine Einfahrt fegt und den Kehricht dann einfach in den nächsten Glascontainer kippt. Ich nehme die Rücksichtslosigkeit wahr, mit der Gehwege blockiert werden, sehe die organisierten osteuropäischen Bettlerbanden und all die gestresste Gesichter um mich herum, höre Partypeople, die spät in die Nacht lärmen. Willkommen daheim.

Auf meiner knapp neun Kilometer langen Runde treffe ich auf mehr Jogger als in den gesamten zwölf Wochen in Jerichow – wenn ich die Mitpatienten abziehe, die mich ab und an begleiteten, dürften es dort auf keinen Fall mehr als fünf andere Läufer gewesen sein.

Beim Laufen überlege ich, ob ich meine Jerichow-Abenteuer in ein Büchlein packen solll. Würde es ein Tagebuch werden oder eher eine Burleske? Sollte ein Ich-Erzähler berichten oder wäre eine Draufsicht besser? Gäbe es einen Helden oder stünde eine Gruppe von Charakteren im Mittelpunkt?
Aber eigentlich steht ja alles schon hier im Blog.
Ach, wer weiß …
