Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Wie Thomas Mann seinen Helden im „Zauberberg“ sinnieren ließ, ist die Zeit etwas seltsam Relatives. Neun Wochen sind nun vorbei. Die ersten Tage schienen überhaupt nicht zu vergehen; als dann die Gewöhnung einsetzte, verstrichen sie in wohliger Eintönigkeit erstaunlich rasch. Doch jetzt, wenige Wochen vor dem Abschluss, verläuft wieder alles wie in Zeitlupe. Je näher der Abschied von der Anstalt kommt, desto weiter scheint er entfernt. Die schönen Momente, die es immer wieder gab, sind fast alle verflogen – hätte ich nicht das Tagebuch geführt, wäre mir nur wenig im Gedächtnis haften geblieben. Zurück bleibt der bittere Geschmack einer Erfahrung, auf die ich hätte verzichten können – der Therapiebetrieb und ich gehören einfach nicht zusammen. Aber ich will nicht zu hart urteilen: Die Auszeit kam zum richtigen Zeitpunkt, und manch spannendem Menschen wäre ich sonst nie begegnet. Vor allem aber hätte ich diesen zauberhaften Landstrich nie so eindrücklich erlebt.

Wobei der Therapiebetrieb das mit der Kompatibilität naturgemäß anders sieht – in der Teamvisite wurde mir bereits jetzt empfohlen, für drei weitere Monate herzukommen (dabei bin ich doch noch drei Wochen hier?) Ich hatte meiner Therapeutin im Einzelgespräch von den Gedanken erzählt, die ich mir zuletzt gemacht hatte – von der Erkenntnis, dass es wohl mein Schicksal sei, anders zu sein als die meisten und für diese eine Art Gegenbild abzugeben, wofür man auch schon mal angefeindet wird. Das machte die Runde unter ihren Kollegen und kam in der Visite mit Chefarzt, Oberarzt, Therapeuten und Pflegern als Bumerang zu mir zurück: „Da begeben Sie sich ja direkt in eine Märtyrerrolle.“ Aus Sicht des Fachpersonals sei das nicht gut. Außerdem müsse man noch über meine Aggressionen sprechen. Selbst wenn ich sie gegen mich richte, wirken sie auf andere – und kommen über deren Reaktion wieder bei mir an. Daran solle ich arbeiten. Am besten in weiteren zwölf Klinikwochen.

Als ich mich später mit zwei Mitinsassen darüber austausche, erzählt der eine, dass er ebenso am Thema Aggression arbeiten solle, und beiden wurde nahegelegt, noch einmal hier einzukehren – ist es auch Wahnsinn, so hat es offenbar Methode.
Vielleicht spielt das Team ja vor jeder Visite Therapeutenbingo? Zur Auswahl stehen:
– Die schlimme Kindheit.
– Die Eltern sind schuld.
– Unterdrückte Gefühle.
– Aggressionen.
Und als Joker:
– Gehe weitere zwölf Wochen in die Anstalt: Ja – nein – vielleicht.

Am Dienstag sprechen mich zwei junge Mitpatientinnen an, weil sie mit mir joggen wollen. Ich mache ein Einsteigertraining – eine Minute langsam laufen, eine Minute gehen, immer im Wechsel. Die Zwanzigjährige ist so voller Freude, dass sie gar nicht gehen mag, sondern in der ruhigen Minute hüpft, vorwärts und rückwärts rennt, die Arme hochreißt und dabei aus jeder Pore pures Glück verströmt. Wie ein jubilierender Schmetterling tanzt sie über den Waldweg. Weiß Gott, allein dafür habe ich die acht Wochen Spott vonseiten der Mitpatienten über meine Einladungen zum Sport gern ausgehalten.

Als am Mittwoch in der Gruppentherapie jemand sagt, dass er traurig darüber sei, dass er in neun Monaten überhaupt keinen Fortschritt gemacht hat, schildere ich diesen Moment der Freude – Augenblicke wie diesen sollte doch jeder erlebt haben und von hier mitnehmen können. Die Tänzerin und die Geherin bestätigen, wie schön unser gemeinsame Nachmittag für sie war. Und trotzdem fragt mich anschließend jemand, was das alles mit mir zu tun habe – er konnte aus meiner Schilderung keinerlei Gefühle heraushören. Puh, dann muss ich wohl damit leben, als gefühllos zu gelten.

Am Tag darauf hängen wir in der nächsten Gruppentherapiestunde in der üblichen Schleife aus Schuldgefühlen, unterdrückten eigenen Wünschen und Angst fest. Mir platzt der Kragen: „Bevor es losging, hast du, Frau A, gesagt, dass es dir nicht passt, dass Frau B ein Kaugummi kaut. Und du, Frau B, hast daraufhin dein Kaugummi in ein Taschentuch gespuckt und es weggeworfen. Warum hast du nicht einfach gesagt, ‚Fick dich, das ist mir doch egal, ich will jetzt Kaugummi kauen!‘ Entschuldigt die Wortwahl, aber wo, wenn nicht hier, können wir einfach mal sagen, was wir selbst wollen?“ Erstaunte Blicke, vereinzeltes Kichern und Zustimmung. Und eine schockierte Frau A, die ich im Anschluss wegen der Wortwahl nochmals persönlich um Entschuldigung bitte.
(Sind das die Aggressionen, derentwegen ich für drei weitere Monate in die Anstalt gehen sollte?)

Mein Mecklenburger und ich sind wieder viel gemeinsam draußen unterwegs. Das eine Mal fragt er, warum ich so langsam gehe. Ich antworte: „Na, das liegt daran, dass es so viel zu entdecken gibt!“

Die Weiden tragen bereits frisches Grün. Der erste Storch ist aus dem Süden zurück. Die Kühe sind nicht nur wieder auf der Weide, sie haben auch Kälber dabei. Ein Baum hat ein Loch im Stamm, durch das man die Kirche sehen kann – warum habe ich das nie zuvor bemerkt? Die vielen Wildgänse sind weitergezogen, nur ein paar Nachzügler (oder sind es Standvögel?) beschweren sich lauthals schnatternd, wenn man sich dem Altarm der Elbe nähert.

Es ist wunderschön hier – wenn man sich nur darauf ein- und die scheinbare Geborgenheit der Klapse verlässt. Und vielleicht bekommen mein Landsmann und ich demnächst dabei Begleitung – es gab in dieser Woche weitere Neuzugänge älteren Baujahrs, die schon einige Stürme erlebt haben, bissigen Humor gut ertragen und vor allem unternehmungslustig sind.

Mein Ausreiseantrag für die Wochenendheimfahrt wurde genehmigt. Zu spät für die Sparpreise der Bahn – dafür streikt jetzt der ÖPNV in Sachsen-Anhalt, sodass ich am Samstag möglicherweise nicht mit dem Bus nach Genthin komme. Irgendwas ist ja immer.
