Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Und nun ist er da, der endgültige Abschied.

In meiner letzten Nacht in der Klinik schlafe ich unruhiger als zuletzt (abgesehen von der Nacht der Magenkrämpfe), doch ich leide nicht unter Gedankenspiralen oder ähnlichem.
Durch einen Spalt in den Gardinen grüßt mich ein rot leuchtender Sonnenaufgang. Ich stehe auf, bevor der Wecker klingelt.

An seinem letzten Tag bestimmt der Abschiednehmende, was die Gruppe beim Frühsport macht. Ich führe zunächst alle Richtung Schreiacker, wo traditionell der scheidende Patient durch gebrüllte Worte und eine Gruppenumarmung verabschiedet wird, biege dann aber kurz vorher ab – für einen Spaziergang entlang des Trimm-Dich-Pfads der Klinik, den die meisten meiner Mitpatienten noch nie gesehen, geschweige denn genutzt haben. Über die „Berge des Grauens“ (eine kleine Crossstrecke mit drei kräftigen Anstiegen) geht es zum „Lara-Croft-Pendel des Todes“, wo man sich zwischen acht pendelnden Reifen hindurchschlängelt (offizielle Bezeichnung: „Reifenschaukel“), weiter zur „Indiana-Jones-Gedächtnisbrücke“ (die aus zehn einzeln aufgehängten runden Balken besteht). Wird das jetzt zur neuen Tradition? Ich glaube nicht, da es den meisten viel zu anstrengend ist. Doch das ist mir einerlei – oder wie es unsere Therapeuten sagen würden: Ich unterbreite lediglich ein Angebot, was die anderen dann damit machen, ist deren Sache.

Nach dem Frühstück folgen letzte Erledigungen: Ich muss den Koffer final packen, das Bett abziehen, meine Dokumente sowie die zehn Euro Pfand für die Schlüssel abholen. Die Mitarbeiter der Kasse in Haus 6 haben noch Urlaub, weshalb ich zur Buchhaltung in Haus 1 gehen soll. Für ein Büro wirkt es dort erstaunlich unpersönlich – ich sehe keine Fotos oder andere private Dinge. An den Wänden rechts und links hängen die üblichen neutralen, dekorativen Bilder. Das einzig Interessante ist eine alte Uhr an der Wand mit der Tür. Da sie nicht die korrekte Zeit anzeigt, vermute ich, dass sie eher ein Überbleibsel aus früheren Krankenhausjahren als eine individuelle Note der Buchhalter ist.
Auf dem Rückweg vom Büro überholt mich ein Radfahrer, der eine kleine Bluetooth-Box am Lenker befestigt hat, so dass mich für einen Moment Musik begleitet.

Zurück im Haus fängt mich eine Patientin ab, die mir unbedingt noch etwas sagen will. Sie redet so schnell, dass ich zunächst nicht zu Wort komme: Ihr ist aufgefallen, dass ein Patient aus unserer Gruppe spitze Bemerkungen gegenüber anderen macht, was durch den engen Kontakt mit einem verbitterten, sehr unglücklich wirkenden Mitpatienten eine zusätzliche negative Dynamik erhält. Ich nutze eine kurze Pause und beruhige sie: Solches Gerede von anderen weder anzunehmen noch auf sich selbst zu beziehen, ist genau das, was ich hier erlernt habe – und dass die bissigen Kommentare nur mit den Hetzern selbst zu tun haben und ausschließlich etwas über sie aussagen würden. Das erleichtert sie. Ich bitte sie, auf unser Gruppenküken aufzupassen.

Dann der endgültige Abschied von Therapeuten, Ärzten, Pflegern und Mitpatienten. Selbstverständlich verabschiede ich mich mit „Tschüss“ und nicht mit „Auf Wiedersehen“, was der Oberarzt wohlwollend grinsend zur Kenntnis nimmt.

Danach gehe ich sofort los – lieber sitze ich eine halbe Stunde auf der Bank und warte auf den Bus, als dass ich noch eine weitere Minute in diesem Haus verbringen möchte.

Es war richtig, für drei Monate herzukommen. Es war anstrengend. Und jetzt ist es vorbei.

Die Heimfahrt verläuft abenteuerlich, aber am Ende bin ich daheim und kann, nachdem ich die Dokumente für alle Ämter und Behörden eingescannt und versendet habe, zur Ruhe kommen.

Es ist der Anfang von etwas Neuem.
