Letze Woche bekam ich eine E-Mail von meinem Freund Zlatomir:

„Lieber Helko,
ich schreibe dir von einem Erlebnis, das mich nicht loslässt. Ich würde gern Künstliche Intelligenz hinzuziehen, um herauszufinden, was das für ein Pilz war. Deshalb bräuchte ich deine Hilfe, da ich nicht weiß, wie ich darauf zugreifen kann. Viele Grüße, Zlatomir
In Berlin gibt es einen Verein, der sich mit unterirdischer Architektur befasst – 40 Prozent der Berliner Bausubstanz befindet sich unter der Erde. Dieser Verein hat vor vielen Jahren am Gesundbrunnen einen Dokumentarfilm gezeigt. Es gab eine Wegbeschreibung zum Veranstaltungsort. Nach einem kurzen Spaziergang gelangte ich zu einem Eingang, von dem aus eine Treppe steil und senkrecht, ohne jegliche Kurven unter einen künstlichen Hügel führte. Dieser wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus den Trümmern des gesprengten Flakturms Humboldthain und zerstörten Gebäuden der Umgebung aufgeschüttet. Später erfuhr ich, dass man von der Spitze bis hinunter auf die Ebene der U-Bahn-Gleise gelangen kann.
Der Film hatte großes Interesse geweckt – als ich am vereinbarten Ort ankam, warteten in der unterirdischen Halle mehr Menschen, als in den Vorführraum passten. Glücklicherweise gehörte ich zu der Gruppe, die draußen bleiben mußte. Um zu verhindern, dass wir enttäuscht gingen, schlugen die Organisatoren der Veranstaltung vor, dass sie uns bis zum Ende der Vorstellung zeigen würden, wie die unterirdischen Räume aussehen.
Einer der Veranstalter übernahm die Rolle des Führers. Er zündete eine Gaslampe an, die ein ungewöhnlich helles Licht spendete, so dass man relativ weit sehen konnte. Wir gingen durch einen langen Korridor, von dem, wie in einem Verwaltungsgebäude, viele Räume abzweigten. Entgegen meiner Erwartung war die Luft unter der Erde trocken und frisch, und obwohl es Winter war, angenehm warm.
Dann blieben wir vor einer Eisentür stehen, und der Führer sagte, sie sei seit vielen Jahren nicht mehr geöffnet worden. Er bekam sie ohne große Mühe auf. Der Raum, in den wir kamen, war geräumig und sauber. An der Decke befand sich ein großes gusseisernen Rohr, das Teil des Belüftungssystems war, das bis zur U-Bahn reichte: Wenn ein Zug einfuhr, baute sich im Tunnel Druck auf, durch den Sauerstoff in die Kammern strömte; das Gegenteil geschah, wenn ein Zug abfuhr.
Der Frischluftstrom trug Feuchtigkeit mit sich, die sich an der Öffnung des Lüftungsrohrs absetzte. Dort wuchs ein großer Pilz, dessen Stiel die Form eines menschlichen Halses ohne Haut hatte. In diesem Raum war kein einziges Insekt zu sehen, nicht einmal ein totes, auch kein Spinnennetz. Nicht ein Lebewesen hatte seine Spur hinterlassen – nur von da oben am Gusseisen schaute uns der Pilz an; sein Kopf war so groß wie der eines Kindes.“

Drei Tage nachdem ich die Mail gelesen hatte, besuchte ich Zlatomir und ließ mir die Bunkerstory ausführlicher erzählen. Anschließend versuchten wir mithilfe eines KI-Chatbots herauszubekommen, um was für einen Pilz es sich handeln könnte. Die KI, die ja, wenn sie keine Antwort „weiß“, eine aus Wahrscheinlichkeiten generiert, war außerordentlich zurückhaltend und halluzinierte nichts. Stattdessen warnte sie energisch, dass dieses Gebilde gefährlich sein könnte und wir es auf keinen Fall berühren sollen – was uns nicht weiterhalf.

Von Zlatomirs Erzählungen über diesen Ort neugierig geworden, recherchierte ich, ob man noch in besagten Bunker hineinkommt. Ja, es gibt einen Verein, „Unterwelten e.V.“, der in Gesundbrunnen ein zusammenhängendes System aus Luftschutzräumen der NS-Zeit und des Kalten Krieges betreut, und täglich Touren anbietet. Ich buchte die nächstpassende – Kosten: 13 Euro ermäßigt (bzw. 17 Euro für Vollzahler); Treff: Montag, 14 Uhr, Ostausgang des U-Bahnhofs.

Da ich zu früh da bin, gehe ich über die Straße in den Humboldthain und steige über sehr steile Treppen auf jene von Zlatomir erwähnte Humboldthöhe, die 1950 aus Kriegsschutt zusammengeschoben wurde. Auf 84,5 Metern befindet sich auf der Deckplatte des nicht komplett gesprengten Flakturms eine Aussichtsplattform. Der Blick über die Stadt ist atemberaubend – gerade für einen Menschen mit Höhenangst wie mich. Ich komme mit einem Herrn ins Gespräch, der so alt sein könnte, dass er den Krieg noch als Kind erlebt hat – ein Engländer. Er spricht die Battle of Berlin an, in der die Royal Airforce immer wieder die Reichshauptstadt anflog und große Teile zerstörte. Ich sage: „And the Germans bombed Coventry and so on.“ Er stellt die einzige Frage, die zu stellen ist: „Why hasn’t humanity learned from this?“ Mir bleibt nur ein Schulterzucken und ein „I don’t know.“ Wir kommen auf Donald Trump und den aktuellen Wahnsinn im Nahen Osten zu sprechen – und kurz darauf muss ich mich leider verabschieden, da gleich die Besichtigung beginnt; ich hätte mich gern ein wenig länger mit dem netten alten Engländer unterhalten.

Neben mir sind zwanzig andere Tourteilnehmer quer durch alle Altersstufen da, die jüngsten Teenager, die ältesten Ende sechzig, dazu ein Referent vom Verein und ein netter Aufseher, der darauf achtet, dass keiner zurückbleibt oder fotografiert – das ist untersagt.

Wir steigen über eine Treppe eine Etage tiefer und gehen nach einer Sicherheitseinführung in den ehemaligen Zivilschutzbunker hinein, der 1941/42 auf vier Ebenen entstanden ist. Grundlage für den Bau waren im Rohzustand verbliebene Räumlichkeiten der BVG, die infolge der Weltwirtschaftskrise nicht fertiggestellt werden konnte.

Die Gesamtfläche beträgt 1300 Quadratmeter; dichtgedrängt sollen hier bis zu viertausend Menschen Platz gefunden haben. Wann die Außentüren verriegelt werden, bestimmte der Bunkerwart. Da eine Sprengung die U-Bahntunnel gefährdet hätte, blieb die Anlage nach dem Krieg vom Demilitarisierungsprogramm der Alliierten verschont.

Wir werden anderthalb Stunden durch unzählige Räume geführt; es geht um zig Ecken und über alle Etagen. Schon nach kurzer Zeit habe ich komplett die Orientierung verloren – und das, obwohl alles beleuchtet ist. Während der Bombardierungen war das wegen der Abdunkelung und Stromausfälle nicht so: Um Wege zu erkennen (und nicht in Panik zu geraten), waren die Türrahmen und Wand-Decken-Anschlüsse mit Leuchtfarbe markiert, die, wie wir testen, immer noch gut funktioniert. Die Schutzsuchenden nahmen auf einfachen Holzbänken Platz; wegen der Enge stieg die Temperatur schnell auf 30 Grad an, zumal viele mehrere Schichten Kleidung, Pelzmäntel usw. trugen – man wusste ja nie, ob das Haus noch steht, wenn man wieder rauskommt. Die Luftfeuchtigkeit war hoch, es roch nach Körperausdünstungen und Exkrementen – die zehn Frauen- und fünf Männertoiletten reichten oft nicht aus. In der Gegenwart ist die Luft außerordentlich frisch, es riecht auch nicht „nach Keller“. Die Deckenhöhe variiert zwischen ungefähr drei und acht Metern.

Der Referent ist sehr kompetent und erklärt alles sachlich, in einer angenehm monoton-neutralen Sprechweise, was genau richtig ist, da der Ort, die Exponate und die zeitgeschichtlichen Fakten für sich. sprechen – wenn man vor einem Gasschutzsack für Babys oder im kargen Erste-Hilfe-Raum steht, eine Kindergasmaske oder die zerbrochene Erkennungsmarke eines Gefallenen sieht, von den Folgen der Stabbrandbomben oder den Vergewaltigungen beim Einmarsch der Sowjettruppen hört, braucht es keine Verstärkung.

Wir hören einige wirklich gute Geschichten, zum Beispiel die von Carl Dieter Heckscher, der als Fünfjähriger bei der Bombardierung Hamburgs verschüttet wurde und fortan stotterte. Viele Jahre später konnte er sich davon befreien, indem er in seinem Bett mit dem Tonbandgerät nur für sich „Radiosendungen“ aufnahm. Ab 1969 begrüßte er mit den Worten „Hier ist Berlin!“ aus dem Studio 1 der Union-Film die Zuschauer der ZDF-Hitparade und wurde unter dem Namen Dieter Thomas Heck als Schnellsprecher der Nation bekannt.

Als der Bunkerführer ultratrocken sämtliche Verschwörungsstorys rund um Hitlers angebliches Weiterleben abräumt und am Ende bei „Adolf am Ballermann“ landet, müssen alle herzlich lachen – als er uns erzählt, warum seit dem Krieg Kaninchen beim Metzger nur noch mit Kopf verkauft werden, nicht mehr. Zum Schluss der sehr kurzweiligen Tour wird uns noch einer der ehemaligen Räume der Berliner Stadtrohrpost gezeigt, die von 1865 bis 1963 in Berlin-West in Betrieb war – im Ostteil der Stadt sausten die Transportkapseln dreizehn Jahre länger umher. Wie Zlatomir sagte, gab es in der Bunkeranlage keine Insekten zu sehen – und selbstverständlich auch keinen Rohrpilz, was nach all der Zeit nicht anders zu erwarten war.

Der Verein: https://www.berliner-unterwelten.de/index.html

Die Flaktürme im Humboldthain (herausragend gute Internetseite): https://war-documentary.info/berlin-flak-towers-humboldthain-park

Buchttipps:
Jörg Friedrich „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“. Akribisch zusammengetragenes Standdardwerk, in dem auch die Angriffe auf Kleinstädte behandelt werden. (Propylänen Verlag, 2002)

Annett Gröschner (Hg.) „Ich schlug meiner Mutter die brennenden Funken ab“. Berliner Schulaufsätze aus dem Jahr 1946″ Die Bombardierung, die Eroberung und der Beginn des Wiederaufbaus aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen. (KONTEXTverlag und Rowohlt Taschenbuch, 1996)
Robert Lucius (Hg.) „Keine Illusionen irgenwelcher Art. Briefe aus Berlin 1943 bis 1948“. Berichte vom Überleben. (Mitteldeutscher Verlag, 2020)

Waltraud Süßmilch „Im Bunker“. Aus Tagebuchaufzeichnungen entstandener Bericht einer Zeitzeugin, die als Fünfzehnjährige die Bombardierung Berlins erlebte. (Ullstein Taschenbuch, 2004)
Anonyma „Eine Frau in Berlin“. Schonungsloses Tagebuch über Hunger, Angst und vor allem die massenhafte sexuelle Gewalt durch Soldaten der Roten Armee in der zerstörten Reichshauptstadt. (Zuerst 1955 in England erschienen, dann 1959 in der Bundesrepublik; diverse Neuauflagen.)
Marie Jalowicz Simon„Untergetaucht“. Autobiografie einer jungen Jüdin, die sich, um nicht ins Konzentrationslager zu kommen, in Berlin versteckt und dabei Hilfsbereitschaft erfährt, verraten und erpresst wird. (S. Fischer, 2014)

Wladimir Gelfand „Deutschland-Tagebuch (1945–1946)“. Die Einnahme Berlins aus der Sicht eines zweiundzwanzigjährigen Rotarmisten, der sich im Spannungsfeld zwischen militärischem Selbstverständnis, Mitgefühl für einzelne Zivilisten, Rachegefühlen und Gewalt bewegt. (Aufbau, 2005)

Konrad Heiden „Adolf Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ und „Ein Mann gegen Europa.“. Das 1936/37 vom jüdischen Journalisten und Sozialdemokraten Heiden veröffentlichte Doppelwerk über Hitlers Aufstieg vom Außenseiter zum politischen Führer ist die Primärquelle aller späteren Biografien (abgesehen von August Kubizeks umstrittenen Erinnerungen „Adolf Hitler – mein Jugendfreund“). Sollte man in Zeiten, in denen wieder inflationär mit Begriffen wie „Faschist“ und „Nazi“ um sich geworfen und so eine der größten Schreckensherrschaften des vergangenen Jahrhunderts marginalisiert wird, unbedingt gelesen haben. (Europa Verlag Zürich, 2011)

