Frank Schott, Leipzig

Berufsverkehr ist Krieg. Alle kämpfen gegen alle – der ÖPNV gegen die Autofahrer, beide gemeinsam gegen die Radfahrer, die wiederum sämtliche Regeln humaner Verkehrsführung außer Acht lassen, um sich kleinste Vorteile an der nächsten Ampel zu verschaffen. Und die Fußgänger? Die können bleiben, wo sie sind – am besten auf dem Bürgersteig, denn mit ihren Bedarfsampeln zur Straßenquerung bremsen sie alle anderen Verkehrsteilnehmer nur unnötig aus.

Nachdem ich meine Frau zur Arbeit begleitet habe und keine dringenden Termine anstehen, wähle ich für meinen weiteren Weg die Passage durch das Gelände des Kleingartenvereins „Johannistal 1832 e. V.“. Wie schon die Jahreszahl verrät, handelt es sich hier um eine sehr betagte Anlage – es ist die zweitälteste Deutschlands. Weil die nahegelegenen Universitätseinrichtungen und -kliniken mehr Platz benötigten und Verwaltungsbauten errichtet wurden, mussten im Laufe der Jahre von einstmals 221 Gärten 80 Parzellen weichen.

Mit der aufgehenden Frühlingssonne im Rücken gehe ich durch das gepflegte grüne Kleinod. Der Hintergrundlärm der Stadt ist erfreulich gedämpft, so dass es sich hier selbst während des Berufsverkehrs aushalten lässt. Zwischen den Bäumen schimmern linker Hand die Institutsgebäude der Uniklinik und rechter Hand ein Büroneubau sowie die Ruine des einstigen Technischen Rathauses hindurch (1976 mussten hierfür nochmals 13 Gärten weichen). Am Westende leuchten die Gründerzeitbauten der Stephanstraße in der Sonne.

In Infokästen informiert der Verein säuberlich über anstehende Termine und To Do’s für den Kleingärtner. Letzte Pfützen der starken Regenfälle vom Sonntag und Montag spiegeln einen blauen Himmel wieder. Es ist empfindlich kalt, knapp über null Grad. Zu dieser frühen Stunde habe ich die Gartenanlage für mich allen.

Auf dem Rückweg komme ich an einem Kindergarten vorbei, an den die Antifa in roter Farbe „Revolutionen beenden Kriege“ gesprayt hat. Verbunden ist das geistige Juwel mit einem Aufruf zur Demo am 1. Mai. Entlang der Karl-Liebknecht-Straße zähle ich auf fünfhundert Metern fünf an Bügeln vor sich hin rottende Fahrradleichen – ohne Vorderräder und Sattel, mit Achten und platten Reifen, dem Verfall überlassen. Vermutlich sind es mehr, doch diese sind unübersehbar. Was sind das für Menschen, die ihr Rad einfach aufgeben? Selbst wenn es nur eine „Möhre“ vom Baumarkt ist? Ich begreife es nicht.

Das zunehmende Nichtverstehen kommt vielleicht daher, dass ich älter werde. Das Älterwerden ist für mich ein seltsames Phänomen: Geistig fühle ich mich wie zwanzig – mit all den Flausen im Kopf, vielleicht etwas reicher an Erfahrung und Wissen, aber auf keinen Fall alt. Dass ich mich viel bewege, sorgt dafür, dass ich fit bin. Die Falten im Gesicht, die grauen, spärlicher werdenden Haare sprechen wiederum eine andere Sprache. Dieser Widerspruch ist faszinierend.

Um mir weniger Sorgen zu machen, habe ich mir vorgenommen, mich nicht mehr so viel mit Politik zu beschäftigen. Das ist nicht einfach, vor allem, wenn man in der Lokalzeitung von einer jener kleinen Nebenwirkungen der Energiewende liest, über die man uns behördlicherseits nicht zu informieren für nötig hielt. Ende 2025 hatte ich im Blog berichtet, dass unser Stadtrat beschlossen hat, bis 2038 das Fernwärmenetz „klimaneutral“ auszubauen. Eine Straße in der Südvorstadt-West in Südteil ist dafür der Vorreiter. Jetzt teilen die Stadtwerke mit, dass für den Anschluss an das bestehende Netz der gesamte Südraum mit 3.000 Haushalten (geschätzt über 10.000 Personen) mindestens sechs Tage ohne Warmwasser sein wird. Für diejenigen, die partout warm duschen müssen, hat man sich aber etwas einfallen lassen: Jeder der Betroffenen könne während des Unterbrechungszeitraums Gutscheine der Sportbäder GmbH nutzen. (Ansonsten bliebe noch der Waschlappen und die Minimalhygiene, zu der vor knapp vier Jahren Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann aufrief.) Wenn nach und nach auch die anderen Viertel verfernwärmt werden, könnte das noch lustig werden. Weniger lustig ist das alles natürlich für die Pflege- und Seniorenheime.

