Mein Kind hat den Ort, an den mich ein Trainerkollege mitsamt meinem großen Koffer bringt, ganz respektlos „die Klapse“ genannt.
Dort angekommen, bekomme ich zunächst ganz viele Informationen, führe erste Gespräche über das, was kommt, das, was zu beachten ist, und das, was zu unterschreiben ist. Mit dem Pfleger, dem Arzt, der Psychologin, einer weiteren Pflegerin. Außerdem werde ich über die Geheimhaltung belehrt – alles, was hier besprochen wird, bleibt hier.
Zum Mittag gibt es für die Neuankömmlinge heute ausnahmsweise kein Wahlessen, sondern das, was die Köche ausgesucht haben. Das ist ausgerechnet Milchreis, das einzige Gericht, das ich seit der Schulzeit nur sehr ungern esse. Als ich fertig bin, bin ich immer noch hungrig. Wenn etwas in der Küche übrig ist, kann man Nachschlag bekommen, jedoch nur vom Gericht, das man hatte. Ich habe Glück – eine Frau tauscht mit mir meinen Nachschlag Milchreis gegen ihren Nachschlag Nudeln mit Soße. Das stillt den Hunger dann doch.
Am Nachmittag die erste Pflichtveranstaltung. Ein Gruppengespräch. In der Vorstellungsrunde wird mir bewusst, dass es keinen Zyklus gibt, sondern die Patienten fortlaufend fluktuieren- einer wird uns nächste Woche verlassen.
Während der Therapiestunden müssen wir die Handys abgeben, von 15.30 Uhr bis zur Nachtruhe gibt es die begehrten Geräte zurück. Einige schauen bereits um 15 Uhr sehnsüchtig auf die Uhr.
Ich sende ein erstes Lebenszeichen an die Familie.
Dann muss ich erstmal die Laufschuhe schnüren und rennen. Ich laufe in den nebligen Sonnenuntergang, vorbei an Schneeresten, sehe in der Ferne das Eis auf einem Nebenarm der Elbe und genieße es, mich zu bewegen. Weil es rasch dunkel wird, bleibt es bei einer kurzen Runde über 7,5 Kilometer. Nun, zum Entdecken und Erkunden habe ich noch viele Abende und lange Wochenenden vor mir.
Auf geht’s.
Christoph Sanders, Thalheim
In der FR ein Artikel über einen großangelegten Einsatz in Frankfurt, wo gestern am Drehpunkt für den Fernbusverkehr circa einhundert Kräfte von Polizei und Zoll zig Fernreisebusse kontrollierten. Dabei entdeckte man nicht nur massiv übermüdete Fahrer, die teilweise sechsundzwanzig Stunden im Einsatz waren, sondern auch schwere technische Mängel, so dass man zwei der Busse aus dem Verkehr zog – die Betroffenen mussten sich dann anderweitig die Weiterreise organisieren. Da frage ich als alter Flixbus-Fan, wie diese armen Schweine von dort weiterkommen – bis Dir der kosovarische, bulgarische oder ungarische Betreiber eine Bescheinigung ausgedruckt hat, ist der Winter längst vorbei. Auch seltsam, dass diese Kontrolle zum Peak der Rückreisewelle nach Neujahr stattfand – die meisten Passagiere dürften ja Teil der Schattenarmee sein, die in Deutschland im Niedrigstlohnsektor schuftet; bei einer meiner Flix-Fahrten durfte ich mal verblüfft feststellen, der einzige mit deutschem Ausweis zu sein. Das war an der Schengengrenze, wo die Bundespolizei einen Gutteil der Busse filzt – das ist dann kurz vor „Alle an die Wand!“ Mein Sohn weiß, warum er nach Budapest lieber zwei Stunden fliegt, als zwölf Stunden im Bus zu sitzen …
Gegen 5 Uhr auf. Lockeres Schneetreiben, alles unter neuem weißen Gewand. Auf der Landstraße bewegten sich rote Punkte mit der Geschwindigkeit von Radfahrern. Die Autos aus dem Dorf brechen zügiger auf – hier haben alle gute Winterreifen. Der Kindergarten hat geöffnet, die Schulen nicht; meine Kinder sind missmutig wegen des Onlineunterrichts. Wegen überlasteter Notaufnahmen wird Glätte zum gesellschaftlichen Problem – wie in vielen Bereichen herrschen hier Personalmangel und strukturelle Missstände. Die unaufhörlich voranschreitende Alterung der Bevölkerung sorgt für immer mehr unbewegliche Senioren, aber es gibt zunehmend auch Jüngere, die aufgrund ihrer mangelnder Fitness sturzgefährdet sind. Das Leben außerhalb der klimatisierten Wohlfühlzone wird zum Risiko, die allgemeine Wohlstandsverwahrlosung schreitet unaufhörlich voran. Ab 9 Uhr Schneeverdünnung und kaum noch Wind, dadurch wieder Verkehr in normaler Geschwindigkeit möglich – das wars in Sachen Unwetterwarnung. Am Haus pflügen die Amseln weiter alles um; ich sehe zum ersten Mal in diesem Jahr Stare an den Meisenknödeln. Meine Frau nach zweitägiger Verschleppung ihrer Bahnrückreise und einer nicht eingeplanten Nacht in Frankfurt wieder zu hause.
Im Radio ein Beitrag zur Abwanderung deutscher Pflegekräfte in die Schweiz, weswegen in Grenznähe 12 Prozent der Mitarbeiter fehlen und sich infolgedessen die Sterblichkeit der Patienten mit Sepsis und Herzinfarkt um 12 bzw. 18 Prozent erhöhte. Ich unterhielt mich am Tisch noch mit den Kids über den Irrwitz des Robotereinsatzes in der Pflege. Meine Kinder sind bei der Krankenbetreuung des Vaters im Wortsinne fürsorglich, helfen beim Haarewaschen und Anziehen der Socken, machen all die kleinen Sachen für mich. Für meine Versicherung äußerst mühsame Zusammenstellerei der ärztlichen Belege rund um meine Operation und den Krankenhausaufenthalt.
Am Dienstag graues Tauwinterwetter und morgendliches Getrampel – das jüngste Kind musste erstmals allein ihr Frühstück machen, sich anziehen, zum Bus rennen. Sie hat es geschafft. Der Rest folgte in Schüben, dann war das unaufgeräumte Haus leer. (Aber ich will nicht meckern.) Leicht unausgeschlafen, aber Gesamtzustand okay. Tagespensum auf Krücken. Das Bein erheblich beweglicher, es fühlt sich nicht mehr tonnenschwer an bei jeder Hebung. Im Radio der Vorschlag des „Deutschland-Brotkorbs“ aus Reihen der SPD. Was für ein naiver Gedanke – man will offenbar um jeden Preis aus dem Umfragetief heraus und driftet dabei in surrealen Populismus. Zumal viele, auch ärmere, Kunden nicht gerade preissensibel einkaufen – ich sehe auf dem Kassenband immer noch Fertigpizza, Chips oder sogenannte Markenschokolade. Aber ich bin mir sicher, dass im Willy-Brandt-Haus niemand ernsthaft über eine Umsetzung des „Brotkorbs“ nachdenkt. Für mich Salat als Immunbooster – im Laufe des Tages ist mir im Wechsel kalt und warm (nahender Infekt?) Dazu sehr volles Biobrot, immer wieder Tee und Purcells „King Arthur“. Rund und schön sind diese frühen Opern, noch ganz ohne den späteren parfümierten Overload. (Richard Wagner halte ich für kompletten Schwindel, ganz wie die falschen historischen Bauten seiner Zeit.) Teilweise wurden populäre Sauflieder eingearbeitet – die Engländer haben sich kaum verändert, könnte man meinen …
Am Mittwoch maximal trübes Winterwetter im Plusbereich. Die Vögel jagen sich weiter durch die Büsche. Ab und zu huscht etwas Helles durchs Fenster: das Neapelgelb der Blaumeisenbäuche. Am 2020 renovierten Kirchturmdach halten Dachlawinengitter letzte, harmlose Schneereste fest. Aus den Lautsprechern Violinsonaten von Witold Lutoslawski, Leoš Janáček und Henryk Wieniawski, die auf mich wie kleine Dramen, Voksmärchen und Erzählungen wirken. Meine beiden Teenies in Eile wegen eines Friseurtermins. Taubheitserscheinungen in den Fingerkuppen – an meinen Händen beginnt so langsam das Karpaltunnelsyndrom. Das kenne ich bereits von den Intensivtouren zu Rad – bei zu starkem Druck auf die Ballen wird in der Handmitte ein Nervenkanal gequetscht. Ist zum Glück nur temporär, aber lästig – ich sollte also weniger an Krücken gehen. In zwei Wochen lerne ich in der Reha wieder ganz ohne Stützen zu laufen, ein Ende ist somit absehbar. Dabei spielt der Kopf eine große Rolle – es sind die Instinkte, die sich nicht umstellen. Dazu kommt das Zurechtfinden in einer Umgebung, die im Gegensatz zu Dir noch immer im Altzustand lebt, sich nicht auf Deine Einschränkungen einstellen kann. Wenn Du im Krankenhaus liegst, merkst Du im Übrigen ganz schnell, wer Deine echten Freunde sind. Leider erkennen das viele zu spät.
Wegen der geschlosenen Scheedecke nur kurz vor die Tür um die frische Winterluft einzuatmen. Dann die tägliche Dosis komplexer Kakaofette mit wunderbarem Schmelz – Schokolade war einst zu recht ein Luxusprodukt. Meine Teenies kommen stolzerhobenen Hauptes vom Friseur zurück. Weitere Radblogüberarbeitung. Ich staune, was ich vor zehn Jahres alles gefahren bin, kann mich daran wie in Flashbacks erinnern, entdecke beim Ausholzen zufällig einen Schnappschuss der Kurklinik, in die ich demnächst einziehen werde. Zum Abend genieße ich in entspannter Stimmung ein Omelett mit den Kids – strukturierte Hausarbeit in ruhiger Atmosphäre gefällt dem Hüftpatienten mit frisch gewaschenem Haar. Nach ein paar Nachrichtenaufregern zurück zu Bukowskis „Dirty old man“ und Kempowskis Tagebuch – der November 1989 naht! Bettschwer die Ibuprofen des Tages genommen und die Thrombosespritze gesetzt.
Helko Reschitzki, Moabit
Was macht man, wenn die Freundin nach einem Horrorsturz plötzlich im Krankenhaus liegt? Sich natürlich zuerst einmal Sorgen – dann aber: ihr nach der Entlassung von der Intensivstation den Aufenthalt im Spital trotz der Umstände etwas angenehmer, so weit das von außen überhaupt möglich ist. Und so hab ich im Zeitungskiosk im Bahnhof Zoo sämtliche Lifestyle-Magazines und im Drogeriemarkt das (Bio-)Naschwerk-Regal abgeräumt und ihr nebst Blumen ins Vierbettzimmer auf der Neurologiestation gebracht. (Zigaretten beschafft sie sich heimlich vom Pförtner und dem Pflegepersonal – ihr Vater und ich tun so, als ob wir das nicht mitbekommen oder sehen darüber, wie bei den gelegentlichen Fastfoodbestellungen, zwar etwas sorgen- aber dann doch liebevoll hinweg – ja, was denn auch sonst, bitteschön?) Die Patientin meines Herzens war zuvor erst einmal im Spital, was ewig her ist. Das hat den Nachteil, dass sie die wirklich sehr gute Organisation auf ihrer Station gar nicht so richtig einordnen kann, während wir anderen staunen, dass man dort am späten Freitagnachmittag noch Untersuchungen macht oder am Montag im Laufe des Tages alle relevanten Ärzte, Therapeuten und Ansprechpartner vorbeikommen und sich Zeit für Screenings, Tests, Übungen, Gespräche nehmen. Bis auf eine sehr rüde Oberschwester und eine schnippische junge Pflegerin sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der Station trotz vieler Arbeit patientenzugewandt und haben auch für uns Besucher ein offenes Ohr. So konnte ich (bis an Tag fünf Nurse Garstig den Dienst aufnahm) auch mal außerhalb der Besuchszeit reinschauen und meine Freundin im Rollstuhl in die Cafeteria, an den Kaffeeautomaten oder den wirklich gemütlichen Wintergarten fahren – sie muss ja auch mal raus aus ihrem Zimmer, wo Langeweile und schlechte Luft den Lagerkoller dauerbefeuern.
Am Sonntag hatte ich zu hause vorgekocht und das Essen in einem Thermosbehälter und in Vorratsdosen und Gläsern samt Geschirr in den Wintergarten gebracht, wo wir im sonnendurchfluteten Zimmer Tortellini mit allerlei Dips, frischen Kräutern, Oliven und Pepperoni aßen und dazu einen wirklich sehr gut schmeckenden alkoholfreien „Fruchtsecco“ aus schwarzen Johannisbeeren tranken – ein feines Mahl! Am Tag darauf briet ich die restlichen Tortellini in Olivenöl und schwenkte darunter Weißkohlstreifen, Rauke, Radicchio, Möhren- und Tomatenstückchen, Sonnenblumenkerne, Datteln, Walnüsse, allerlei Kräuter, Sprossen und Saat und ließ darauf dann Mozzarella schmelzen. (Die Patientin fragte mich sogar nach dem Rezept!)
Der Weißkohl enthält Calcium, Magnesium und Kalium, die für das Nervensystem und die Muskeln und Knochen wichtig sind, viel Zink und Vitamin C, die das Immunsystem stärken, und Senfölglykoside, die entzündungshemmend und antibakteriell wirken – wichtig bei den offenen Wunden meiner Freundin. Das Krankenhaus liefert in Sachen Heilung durch Lebensmittel keine Empfehlungen – immerhin hängen überall Plakate zur allgegenwärtigen Mangelernährung.
Das Thema ist trotz all des verfügbaren Wissens und sehr populären Sendungen wie den großartigen „Ernährungsdocs“ im NDR noch nicht bei der Masse angekommen – Theorie und Praxis klaffen da maximal weit auseinander. Da ich als selbst Betroffener jahrelang eine große Internet-Kochgruppe für Schwerkranke leitete („Iss Dich gesünder“), weiß ich, dass sich Ernährungsgewohnheiten nur sehr mühsam ändern lassen und die meisten am Ende lieber dauerkrank bleiben als irgendetwas anders zu machen (zuvor wird meist noch vergeblich und oft kontraproduktiv mit Nahrungsergänzungsmitteln herumexperimentiert) – liest sich einigermaßen seltsam, ist aber so.
Total begeistert bin ich von der Zusammenarbeit der institutionellen Unterstützer der Kranken: Da steht der Sanitätsdienst mit den Ärzten und Therapeuten in Kontakt und bespricht häusliche Erleichterung; da hilft der Sozialdienst der Klinik beim Ausfüllen der Formulare für die Kranken- und Pflegekasse, greifen auf kurzen Wegen Prozesse ineinander; man kennt sich, hat oft genug zusammengearbeitet. Eine riesige Erleichterung für alle Patienten, Angehörigen und Freunde!
Am Montag hatte ich ein sehr schönes, berührendes Gespräch mit einer jungen Multiple-Sklerose-Patientin über die innere Haltung zur Krankheit („Immer sehen, was man noch alles kann! Es sich trotz alledem immer schön machen. Nicht aufgebeben.“) und über die im Alltag eines halbwegs Gesunden oft zu kurz kommende Demut und Dankbarkeit für das, was als selbstverständlich hingenommen wird: Ein funktionierender Körper, die Abwesenheit von Schmerz. Wichtig ist der eigene Wille zur Heilung – da der Physiotherapeut meiner Freundin uffen Punkt: „Sie müssen den Arm im Geiste bewegen! Der Körper folgt dann oft.“ Ich hab mich 2025 viel mit Krankheiten und Behandlungsmethoden im Mittelalter und der Neuzeit beschäftigt – damals spielte das „Wecken der Lebensgeister“ der Patienten eine zentrale Rolle im Heilprozess, was in unserer heutigen (westlichen) Welt etwas aus dem Fokus geriet und das durchinstitutionalisierte Gesundheitssystem eher als Reparaturwerkstatt angesehen wird, in das ja man ja schließlich via Beiträgen investiert hat. (Eine kleine Kehrtwendung ist aber bereits zu beobachten: Es gibt in den Kliniken zunehmend begleitend pyschologische Betreuung, Sozialarbeiter und spirituellen Beistand durch Pfarrer, Pater und Imane – ein Segen!
Mal schauen, wie das noch alles wird mit dem Körper und der Seele meiner Lieblingspatientin, das ist ja total neu und frisch und der Kopf noch gar nicht bereit, das zu erfassen. (By the way: Auch meiner nicht.) Aber wo der Verstand noch etwas Zeit braucht, kann dann oft das Herz ganz viel übernehmen – darauf lässt sich doch aufbauen. Wie sang der große Soulman Xavier Naidoo einst: „Dieser Weg wird kein leichter sein …“ Aber ich bin ja ein ausdauernder Wanderer.
Frank Schott, Leipzig
Eine solche Mischung aus leuchtendem Rosa und zartem Hellblau würde ein Innendesigner brüsk von sich weisen und auch meine Kolleginnen aus der Grafikabteilung hätten sich geschüttelt. Aber die Natur macht das einfach mal – und so begleitet mich am Montag ein spektakulärer Sonnenaufgang auf dem Weg zu meiner Ärztin, wo ich die letzten Unterlagen für meine am Donnerstag beginnende Reha abholen will, und vielleicht ein paar aufmunternde Worte, die ich auch bekomme: „Erwarten Sie nichts und lassen Sie sich einfach darauf ein.“ Und ja, ihren anderen Patienten habe es dort gefallen.
Bis auf das rosa-blaue Schauspiel zur Morgenstund ist es ein grauer Schneematschtag. Das Wochenende über war die halbe Stadt in den Parks unterwegs. Mit Schlitten und Porutschern, auf Schlittschuhen und Skiern, oder ganz einfach zu Fuß. Hunde und Kinder tollen im Schnee. Fluss und Teich sind zugefroren, schneebedeckt und voller Menschen, was mich an Szenen von Pieter Bruegel denken lässt, Nur dass seinerzeit die Brücken nicht mit Graffiti beschmiert waren.
Ich nutze den Sonntag zum Laufen – was überraschend viele ebenso machen. Vielleicht klingen bei dem einen oder anderen noch die guten Neujahrsvorsätze durch, doch die meisten scheinen eher gewohnheitsmäßig zu joggen, so wie ich selbst ja auch. Das ist auf den zunächst zugeschneiten, dann angetauten und in der Nacht mit Eis überfrorenen Wegen heute aber ein wenig knifflig. Am besten läuft es sich am Rand, wo der Schnee noch etwas pulverig ist.
So eine Winterlandschaft hat etwas Archaisches, Urtümliches an sich, das die Seele berührt. Die Unbill des Schneegestöbers ist vorüber. Die Sonne lässt Eiskristalle glitzern. Da es der Schmutz von Streusalz, Sand und Matsch nicht bis in den Park geschafft hat, ist alles strahlend weiß. Die Krähen beschweren sich lauthals über die erschwerte Futtersuche. Über ihnen kreist ein Raubvogel, dessen heisere Schreie weit tragen. Dampfend entweicht mein Atem.
Die Lufttemperatur liegt deutlich unter null Grad, doch ich friere nicht. Trotzdem tut es gut, sich nach dem Lauf in die warme Stube zurückzuziehen. Dank der Terroristen der Vulkangruppe bin ich daran erinnert, dass Strom und Wärme keine Selbstverständlichkeit mehr sind. Dann muss ich noch über einen Spruch schmunzeln, den ein Bekannter schickt, sinngemäß: „Wir zahlen mit der CO2-Abgabe sehr viel Geld, damit die Temperaturen sinken. Kann es sein, dass wir zu viel bezahlt haben?“
Christoph Sanders, Thalheim
Am Samstagmorgen sind die Autospuren auf der Straße vorm Haus dünn mit frischem Schnee bedeckt. Die Ammern kommen jetzt auch vom Feld bzw. dem Pflaumenbaum bis ans Haus, wo bereits emsig die Amseln buddeln. Ein schönes Schauspiel. Ich streue Chiasamen aus. In der Nacht habe ich drei Stunden lang unter zwei Bettdecken gefroren, vielleicht bahnt sich ein kleiner Infekt an. Ab 5 Uhr war mir dann wohlig warm. Bis neun Dösen mit dem Deutschlandfunk: Ein Grüner der dritten Reihe kommentiert die Aufstände im Iran. Die Abschaltung des Internets durch die Mullahs ist bemerkenswert – keine halbwegs laufende Volkswirtschaft kann es sich leisten, das lange zu machen. Im Grunde genommen eine Kapitualtion, aber was wissen wir schon. Letzte Woche sah ich mir im Landesmuseum Miniaturen persischer Prinzen an, die im Blumengarten Bücher lesen. Die Feuerwehr holt mit Traktor und Anhänger die Christbäume ab – eine kleine Spende ist erwünscht. Strom und Gas sind stabil, nichts flackert – da kann das Wohnzimmer nun mit dem Sauger vom Weihnachtsstaub befreit werden, bevor der hektische Alltag beginnt.
Die Kinder vergleichsweise früh aus dem Bett – Vorbote des alten Tagesrhythmus, da am Montag wieder die Schule losgeht. Unsere Siebzehnjährige beginnt dann im Altersheim ihr Sozialpraktikum – um 7:39 Uhr fährt ihr Bus, was ich sehr human finde. Schluss mit dem Sumpfen! Mit dem Sohn Einkaufen. Der weibliche Gimpel und die Haubenmeise sind wieder aufgetaucht. Zum Mittag Sellerie, Kartoffeln, Putenschnitzel, danach Blogarbeit. Interessant, wie sich in zehn Jahren die Räder änderten – Rennbikes haben immer so gruselig modische Designs: unglückliche Farben, missglückte Typo, dumme Beschriftungen – dieser ganze Technik-Kitsch, der mit dem Preis des Endprodukts ja zunimmt. 2014 lese ich auf der Hin- und Rückfahrt des Rennens „Hamburg – Berlin“ Wolfgang Herrndorf. Unspektakuläres Tagesende: Nachdem es zu regnen aufhört, wird es kälter. Drinnen wärmt der Ofen. Meine Kinder beginnen plötzlich Schulstoff zu sichten. Für mich statische Beinübungen, immer auf und ab. Das ist zwar öde, aber wichtig gegen den Muskelschwund.
Deutsche Lesefibeln – Techno-DJ Mark Spoon – Ambroise Thomas´ Oper „Psyche“ – das waren die drei hochinteressanten, anregenden und gut erzählten Themen, die der DLF vor 10 Uhr präsentierte. Danach übernahm das Einerlei der dpa-Liturgie und die Propaganda. Wieder ordentlich kalt, aber sonnig. Der erste Sencha auf den Punkt. Die Kinder schlafen ein letztes Mal aus und kommen nach und nach heruntergetröpfelt. Natürlich missmutig. In Kempowskis „Alkor“ eine ganze Seite aus Schostakowitschs Memoiren, in denen sich dieser über realtiätsblinde Moralhelden wie Feuchtwanger oder Bernard Shaw erregt, die weder die Hungersnot noch den anderen Mangel in Russland sehen, gerade Feuchtwanger zeichnet Stalin als einen braven, schlichten Mann. Schostakowitsch: „Warum belügen diese Leute die ganze Welt? Warum spucken hochberühmte Humanisten auf uns? Auf unser Leben, auf unsere Ehre und Würde? Doch dann wurde ich mit einem Schlage ruhig und gleichgültig. Sollen sie doch spucken. Soll sie doch der Teufel holen. Ihnen geht ihr behagliches Leben als berühmte Humanisten über alles. Das heißt: man braucht sie überhaupt nicht ernst zu nehmen, sie zählen gar nicht. Sie kamen mir auf einmal wie Kinder vor, allerdings wie garstige Kinder.„
Am Nachmittag eine amtliche Schnee- und Regenwarnung. Nach NRW sagt nun auch Hessen den Unterricht ab. Das große Problem, dass dem in so einem Fall immer folgt, ist die Kinderbetreuung. Die Eltern müssen ja in der Regel zur Arbeit, viele Großeltern sind krank, dement oder leben woanders. Während ich Nähe des Ofens noch ein wenig arbeite, erwarte ich mit väterlicher Sorge den Sohn zurück – er ist Fahranfänger. Meine Frau soll heute auch noch ankommen; sie war vier Tage weg und ist bereits einen Tag überfällig – wegen der Schneewehen waren gestern alle Züge ausgebucht und auch heute könnte es knapp werden. Es fehlt an allen Ecken das Fußvolk – die die Winterdienste, Lokmechaniker, Zugführer, Schrankenwärter etc. etc. Nur unsere Flughäfen laufen nahezu immer rund – Urlaube und die frischen Lieferungen aus Shenzen sind eben systemrelevant.
Frank Schott, Leipzig
Als unser Baum im Sammelcontainer der Stadtreinigung landete, war die Weihnachtszeit endgültig vorbei. Unsere Katzen hatten ihn weitgehend in Ruhe gelassen, nur wenige Kugeln (die wohlweislich aus Plastik waren) wurden abgerupft. Die Leipziger Geschäfte und Restaurants haben ebenso ihre Festdekoration entfernt – die schmucklosen Tannen und Fichten teilen das Schicksal unseres Baumes und werden jetzt kompostiert. An den Adventsmarkt um die Ecke erinnert nur noch ein Poster und ein letzter Verkaufswagen.
Leichter Schneefall als Vorbote des „Jahrhundertunwetters“, vor dem aufgeregte Medien warnen – am Kiosk lese ich die Bild-Schlagzeile: „Lebensgefahr. Bleiben Sie heute Abend zuhause.“ Früher war es Winter, heute ist es biblische Katastrophe …
… aber ich druckse hier gerade etwas herum, drücke mich vor dem eigentlichen Thema. Denn die Wahrheit ist: Ich habe Angst – und das nicht vor Schneestürmen. Und genau genommen ist es auch ganzes Bündel an Ängsten …
Ich müsse etwas gegen die zwanghaften Sorgen, die Selbstzweifel und die Grauheit in meinen Gedanken unternehmen, mahnte meine Hausärztin zu Beginn meiner selbst gewählten Auszeit an. Wie ich feststellen musste, sind ambulante Therapien bei niedergelassenen Fachleuten jedoch nur äußerst schwer zu bekommen. Plan B (nach Einschätzung der Ärztin eigentlich Plan A) wäre eine „Reha“, wie ich sie beschönigend nenne. Oder, um einen anderen tröstlichen Euphemismus zu benutzen: „ein stationärer Aufenthalt in einer spezialisierten Einrichtung“. Aber letztendlich handelt sich um eine Klinik, in die ich nun komme.
Schon nächste Woche soll ich einrücken. Ich habe die weitläufige Einrichtung im tiefsten Sachsen-Anhalt bereits gesehen – es sind mehrere Bauten, durchnummerierte Häuser, die für verschiedenste ambulante und stationäre Behandlungsformen stehen. Das Gelände liegt am Stadtrand, die Wege werden von vielen Bäumen gesäumt. Eigentlich (auch so ein verschleierndes Wort!) ganz ansprechend.
… wenn mir nur nicht die Bilder von Oberschwester Ratched und dem von ihr lobotomisierten McMurphy durch den Kopf schwirren würden … Bilder von vergitterten Fenstern, Medikamentencocktails, Jacken, mit denen Arme und Hände fixiert werden …
Filme können einem unauslöschlich beängstigende Szenen ins Gehirn brennen. So wie „Einer flog über das Kuckucksnest“ für mich dauerhaft die Vorstellung einer psychiatrischen Anstalt prägte, verleidet mir der Film „Fleisch“ bis heute das Thema Organspende.
Durch das Kopfkino geschürte Ängste, verstärkt durch Worte: In der Vorabinformation der Einrichtung lese ich, dass Tablets und Laptops dort generell nicht erlaubt sind; Smartphones werden eingesammelt und nur zwischen dem Ende des wochentäglichen Programms und dem Abendbrot sowie an den Wochenenden ausgegeben werden.
Ängste, befeuert auch durch die Dauer der Reha, die sich über zwölf Wochen erstrecken wird – Gespräche, einzeln und in Gruppen; gemeinsame Aktivitäten wie Wandern und Sport; bei Bedarf auch Physiotherapie. Sechs Wochen soll ich am Stück vor Ort verbleiben, danach wäre in Absprachen mit den Ärzten alle zwei Wochen ein Wochenende daheim möglich.
Rational verstehe ich das alles. Ich verstehe auch, dass Ängste Teil eines Krankheitsbildes sein können. Ebenso weiß ich, dass sich Experten um mich kümmern werden. Dass ich dort die Möglichkeit habe, mich mit Gleichgesinnten (ich drücke mich vor dem Ausdruck „ähnlich Betroffene“) auszutauschen. Dass ich mit ihnen gemeinsam Strategien entwickeln kann, die das Leben einfacher machen – oder man sich zumindest gegenseitig ein Ohr anbietet.
Rational begreife ich auch, dass da niemand eingesperrt ist, dass ich jedezeit gehen und die Therapie abbrechen könnte. Trotzdem briefe ich meine Frau, dass sie nach mir schicken soll, wenn ich mich mehr als zwei Tage lang nicht telefonisch bei ihr gemeldet habe. (Nein – SMS, Mail oder Messanger-Nachricht zählen nicht …)
Als ich nach zwei Monaten Wartezeit die Zusage erhalte, ist meine erste Reaktion: Ich muss raus! Die verlassenen Parkwege und ein leerer Spielplatz spiegeln trefflich meine Empfindungen wider. Die Mauern stehn sprachlos und kalt. Um die Gedanken zu betäuben, lege ich 30.000 Schritte zurück, wovon ich zehn Kilometer jogge.
Die Sonne hat das Wolkengrau beiseitegeschoben. Sie spendet an diesem bitterkalten Tag zwar kaum Wärme, aber zumindest ein freundliches Licht. Der Fluss ist zum größten Teil wieder zugefroren. Auf einem Teich laufen drei Leute Schlittschuh. An anderer Stelle schauen Mutter und Vater ihrem kleinen Sohn zu, wie er mit einem Stock versucht, Löcher ins Eis zu hauen. Im Notfall hätten sie es nicht weit bis zum Ufer.
Mir wird klar, dass Sport während meines Exils elementar für mich sein wird. Ich habe gelesen, dass man in den therapiefreien Stunden Laufen gehen könne. Auch Räder mitzubringen sei erlaubt – wobei das Wetter momentan für Radausflüge denkbar ungeeignet ist. Aber vielleicht hat sich das ja nach dem ersten Heimwochenende bereits geändert.
Eine Freundin, die einige stationäre Therapien absolviert hat („Oh, so lange? So lange war ich nie dort!“), wünscht mir „eine schöne Auszeit“ und dass ich mich gut erholen möge. Die Trainerkollegen in der WhatsApp-Gruppe flachsen, dass ich dort fleißig trainieren solle, obwohl ich in Sachen Fitness ja jetzt schon „allen etwas vormachen würde“.
Darauf läuft es am Ende sicher hinaus: Sich den Ängsten zu stellen und dabei das Beste aus der Situation zu machen – mein Kindl ist vollgepumpt mit Lesestoff: Leichte Lektüre sowie einige Klassiker von „Krieg und Frieden“ bis „Der Zauberberg“(!)
Eines hasse ich aber schon jetzt – Blogartikel mit dem Smartphone zu schreiben. Das ist echt kein Spaß. Aber ich glaube, dass Hass und Abneigung, wie alle anderen starken Empfindungen, auch ein guter Hebel gegen Angst sein können.
Also: Man liest sich.
Christoph Sanders, Thalheim
Der Montag grau bei minus drei Grad und mäßiger Windbewegung. Nach einer Woche Frost nun immer mehr gefiederte Gäste dicht am Haus, wo der Boden eine leicht höhere Temperatur aufweist. Die Vögel stöbern im Laub umher, wobei das Meisenvolk am agilsten ist. Ein sehr hartnäckiger Grünspecht versucht, in tiefere Schichten zu gelangen. Goldammern finden sich regelmäßig im Pflaumenbaum ein. Mit Kopfschmerz spät aufgestanden. Ab 7 Uhr leise das Radio – ich möchte ein paar politische Feigenblätter zu den Hauptthemen hören. Franziska Giffey, die Berliner Senatorin für Wirtschaft und Energie, versucht nach dem Terroranschlag in ihrer Stadt vergeblich ihre Inkompetenz zu überplappern. Es werden Offenbarungseide geliefert. Allgemeine Verantwortungslosigkeit verlängert das Leid von Zehntausenden. Bundespräsident und Kanzler schweigen.
Es ist schwer, den Kindern die Mühsal der Hausarbeit zu übertragen. Zuvor hab das alles ich gemacht: Kehren, Saugen, Wäsche, Kochen, den Tisch abräumen, Abwasch – daran hat man sich gewöhnt. Aber portionsweise wird dann doch alles erledigt. Nach der Gymnastik Blattspinatsalat, später ein Steak. Zehn Zentimeter Neuschnee. Alle sind gut heimgekommen, schlussendlich auch der Sohn aus London nach stundenlangen Flug- und Zugverspätungen. Die Jüngste macht Feuer, der Ofen wärmt, Zeit für eine Partie Scrabble. Dann noch die Thrombosespritze – Heroinsüchtige sind mir ein absolutes Rätsel.
Dienstagmorgen ist das Haus komplett vom Schnee eingekesselt, was noch mehr marodierende Waldvögel anzieht. Ein einzelnes Rotkehlchen wird von den Finken und Meisen gefürchtet. Zum Glück ist die Straße wegen des Kindergartens streupflichtig – nachdem der Schneeräumer eine zweite Runde gedreht hat, kann der Mülllaster passieren. Im DLF gibt man Preppertipps, zählt auf, wieviel Kerzen, Wasser, haltbare, kalorienreiche Lebensmittel man bunkern soll. Man empfiehlt Kurbelradios – aber wozu? Im Ausnahmezustand würde man sowieso nur das gewohnte Tralala senden – der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist doch inzwischen selbst ein Katastrophenfall. Die Debatte über die Gesinnung der Täter von Berlin gefällt mir gar nicht. Ich sehe eine erschreckende Vulnerabilität, egal wer solche Anschläge erdenkt, koordiniert, durchführt, begründet. Das Problem der ungesicherten Infrastruktur wurde in Deutschland jahrelang schleifengelassen – und das gilt ja nicht nur für den Stromsektor.
Weiteres Ausholzen des Radblogs – die Welt sah 2013 nicht wirklich anders aus als heute – auch wenn die Menge an erzeugten und versendeten Daten pro Sekunde seitdem deutlich gestiegen ist. Um sich von seinem Stressmanagement-Seminar zu erholen, zockt mein Sohn erst einmal eine Runde FIFA. Unsere Jüngste kommt von einer Geburtstagsfeier zurück und kümmert sich wieder um den Ofen. In Erwartung eines vom Teenagergirl zubereiteten Salates schlürf ich Bancha. Allgemeine Ferienstimmung – ich bin der einzige, der nach dem alten Biorhythmus lebt. Mein Bein lohnt es mir – das Hämaton geht allmählich zurück. Ich nehme jetzt nur noch zur Nacht eine Ibu.
Sonniger und kühler Mittwochmorgen mit kleinen Rauchfähnchen. Minus drei Grad, sehr winterlich. Wie zuletzt Erwachen um 7:30 Uhr, dann Dösen bei ganz leise gestelltem DLF; Aufstehen um kurz vor neun – ich bin dann völlig ausgeschlafen. Ich genieße beim Betreten des Wohnzimmers den Tannenduft, die Wärme und das dunkle Rot der Tischdecke. Zum Frühstück Sencha und Müsli mit Früchten und Nüssen. Im Garten leuchten im ersten Licht des Tages die Farben auf: Das leicht blau gesprenkelte Kopfgefieder der Haubenmeise; der elegant kolorierte Kleiber auf der Motorsäge; der Zaunkönig am Fuß des Tulpenbaums – ein brauner Tischtennisball mit Sterz; das Rostrosa des Buchfinkenbauchs im Pulverschnee; die Amseln als schwarze Kleckse auf der weiten weißen Fläche. So einen Winter hatten wir lange nicht – wenn ich mir etwas aus Skisport machen würde, wäre ich angesichts der Krücken deprimiert. Während sie sich fein macht, berichtet meine Jüngste von der Sichtung einer Tannenmeise, beschreibt diese exakt. Wie schön, dass wir das gute alte Zeiss mit seiner fantastischen Naheinstellung im Haus haben!
Der Süden Berlins hat wieder Strom und Netzempfang. Bald ist Fasching. Mein Sohn wird von einem Kumpel heimgebracht – FSJler nach gemeinsamer Seminarfolter. Eine der Töchter wäscht mir die Haare, die andere reicht mir Tee und macht Ofengemüse. Danach wird gemeinsam Bananenbrot gebacken. Blogarbeit, Kempowskis „Alkor“ und Thrombosepritze, Prokofievs fünf Klavierkonzerte mit Ashkenazy und dem London Symphony Orchestra unter Previn.
Cover-Portrait seines Vaters Сергей von Оле́г Проко́фьев. Decca, 1975
Am Donnerstag um sieben kurz hoch. Ich schaue den Helfern des Kindergartens beim Schaufeln zu: lockerer Schnee – das geht leicht von der Hand. Ich würde was drum geben, das jetzt auch zu können. Der Finanzfacharbeiter hat seinen Besuch beendet und ist um halb acht weggefahren, unser FSJler hat sich eine halbe Stunde später zum nächsten Seminartag aufgemacht. Als ich mich wieder hinlege, lachende Frauenstimmen. Am Vormittag fahren meine jungen Damen mit dem Bus nach Limburg zum Shoppen: DM und HM, sogenannte Asianudeln essen. Strom- und Gasversorgung stabil, gutes Netz, sehr gute, kompakte Orangen zum Frühstück. Ich verbringe einen einsamen Tag, humple auf Krücken durchs Haus. Weitere Radbog-Revision: Floskeln und Redewendungen ausstreichen, immer den Kerngedanken finden – das geht nach zehn Jahren leichter; die SD-Karten aus dem Jahr 2013 durchsuchen – wie gut, dass es diese Speicheform gibt. Zum Mittag mit Pastinaken gepimpter Blumenkohl, Steak und Basmati. Gutes Essen ist nicht schwer zuzubereiten – in reichen Gesellschaften wie der unseren ist Kochen imzwischen aber eine schwindende Kulturtechnik, dabei gibt es so viele fabelhafte Küchen in Europa. Meine Kinder haben heute bemerkt, dass in den Ferien weniger Busse fahren, jetzt wissen sie , warum hier jeder den Führerschein macht. Nach und nach kommen von der Mittleren Details vom kürzlichen Schüleraustausch in Frankreich zur Sprache: Feiertags wurde in der Gastfamilie Tiefkühlpizza gegessen (Salami, Mozzarellai, Quatre Fromages). Einmal wurde abgelaufenes Fleisch zubereitet – sie haben es nicht bemerkt, wussten gar nicht, wie das riecht. Um für das Netflix-Abo und den Skiurlaub zu sparen, gab es auch schon mal an drei aufeiananderfolgenden Tagen Kohlsuppe. Das kulinarische Niveau stieg, wenn der Schwiegersohn, ein Fischer, Makrelen und anderes mitbrachte. Es ist milder geworden, Eisregen und Schneestürme blieben aus. Inzwischen um die null – da kann nichts Böses mehr kommen, die Luftmassen sind einfach zu warm.
Freitag nach längerem Frost plus 6 Grad. Der Schnee taut matschig vor sich hin, von den Dächern tropft es. Ingwermarmelade, Käse, Brot, eine Clementine. Zurechtmachen für die Physiotherapie – mein Sohn fährt mich hin. Die erste Behandlungsstunde angenehm und nett. Meine Heilung ist im Normbereich, nur das immer noch dicke Bein fällt heraus. Mehrere Übungen für die Oberschenkelmuskeln, die am nötigsten Bewegung brauchen – im Stehen, im Liegen, im Sitzen, wichtig ist die langsame Ausführung. Und weiterhin geduldig sein – es noch nicht viel, was ich kann, soll und darf, die Knochen benötigen sieben Wochen zum Anwachsen. Noch fünfundzwanzig Tage bis zur Reha, dort gibt es ein Tagesprogramm. Ich hörte der Physio begierig zu – man muss die Hilfe von Experten annehmen, die haben einen besseren Blick auf Dich, als Du ihn je haben kannst. In der Post diverse Krankenhausrechnungen im insgesamt niedrigen fünfstelligen Bereich. Die Berechnungen allgemein undurchsichtig. (Wie werden Tarife für Rettungswageneinsätze kalkuliert?) Gespart wird in den Kliniken definitiv am Essen, an frischer Nahrung, den so wichtigen Vitaminen und Spurenelementen. Das ist gegen jegliche medizinische Evidenz!!! Zu hause hat man das zum Glück selbst in der Hand – und so gab es heute Feldsalat mit Reis, Tomaten, Joghurt sowie Bio-Hähnchenschenkel die auf den Punkt gegart waren – mein störrischer, kochbegabter Teenie jauchzte beim Anschneiden. Der Backofen wirkt wie ein Magnet – die Mädchen haben nachmittags einen fantastischen Blaubeer-Zitronencake gebacken, ich zeigte ihnen, wie man sautierte Champignons macht. Wie gut es uns geht!
Der Weihnachtsbaum liegt nun abgeschmückt zur Abholung bereit – das macht bei uns die Feuerwehr. Heute wäre mein Vater 88 Jahre alt geworden, er wurde gerade mal 72 …
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 19:33:15, 06-01-2026
Helko Reschitzki, Moabit
Ein Teenägermädchen geht Querflöte spielend durch die Gässchen eines hügeligen Städtchens. Ein zweites Mädchen gesellt sich hinzu – auch mit Flöte, ebenso gekleidet: weiße Bluse, blaue Krawatte, schwarze Hose. Nach und nach schließen sich weitere Mädchen an – fast so, als würde der Rattenfänger von Hameln andere Fänger einsammeln und keine Ratten. Die repetitiven, polyphonen Klänge erinnern mich an Terry Rileys „In C“. Jungs steigen mit ein, Frauen, Männer, allesamt uniformiert, jetzt auch mit anderen Instrumenten: Klarinette, Trompete, Oboe, Saxofon, Horn, Tuba und Posaune. Sie klingen nun wie eine Brasskapelle bei der Karfreitagsprozession in Trapani. Ein vielleicht Elfjähriger übernimmt mit seiner Trommel die Führung; er hat vor Aufregung rote Wangen, wirkt aber konzentriert und cool. Der Trupp geht immer höher, begleitet von einem sanft lächelnden älteren Herrn in Alltagskleidung. Einwohner schauen ihnen aus dem Fenster oder vom schmalen Gehweg aus nach. Ein Weißhaariger schleppt eine Pauke, hinter ihm ein Beckenspieler. Am höchsten Punkt des Ortes versammeln sie sich – ein kleines Plateau, dass den Blick in ein sehr weites, tiefes Tal freigibt. Das inzwischen gute Dutzend Musiker nimmt im Halbkreis hinter Notenständern Aufstellung. Der Herr ohne Uniform entpuppt sich als Dirigent. Sie spielen ein kurzes Stück. Als sie fertig sind, drehen sie sich um und applaudieren der Landschaft – und sich selbst. Man sieht ihnen die Erleichterung darüber an, dass sie den Auftritt gemeistert haben – und auch die Dreharbeiten, denn sie wurden die ganze Zeit von einer Kamera begleitet. Das Ergebnis sehe ich am Neujahrstag im Hamburger Bahnhof am unteren östlichen Rand Moabits. Es ist kurz nach halb eins, das Museum hat gerade aufgemacht, es sind erst wenige Besucher da. Die Dokumentation ist Teil der Ausstellung „OFF SCORE“, in der die norddeutsche Künstlerin Annika Kahrs ihre Video/Sound-Installationen zeigt. Über Kopfhörer bekommt man, je nachdem, wohin man sich wendet, die entsprechende Tonspur geliefert. Ich lese, dass der Film im italienischen Bergstädtchen Olevano Romano entstanden ist und es sich bei den Musikern um das lokale Orchester L’Associazione Banda Musicale handelt – Kahrs stieß 2025 während ihres Aufenhalts in der Villa Massimo zufällig auf die Laienkapelle. Das Stück, das zum Finale erklingt, hat ihr Hamburger Kollege Louis d’Heudières exklusiv für sie geschrieben. Für mich hätte es keinen seelenfüllenderen Start in das neue Jahr geben können, als diese Menschen beim Musizieren zu begleiten.
Ein paar der anderen Ausstellungen im Hamburger Bahnhof auch sehr lohnend: Delcy Morelos Installation „Madre“ aus Erde, Lehm, Stroh, Gras und Samen versetzt mich in meine Kindheit, in der ich mit meinen Spielkameraden in die Wälder zog und Erdhöhlen baute, der Zimt- und Nelkenduft lässt mich an Pfeffernüsse in Blechdosen denken – Kunst als Zeitreisemaschine in die eigene Vergangenheit.
In „An Opera Out of Time“ setzt sich der Kosovare Petrit Halilaj (geboren 1986) mit seiner Heimat auseinander – dem dreitausend Jahre alten, mythenumwobenen Dorf Syrigana in Nähe seiner Geburtsstadt Runik; dem von ihm miterlebten Kosovo-Krieg, seiner Flucht, der Identitätssuche in der Fremde. In Zusammenarbeit mit der Filharmonia e Kosovës entstand daraus die Oper „Syrigana“, deren Bühnenbauten mit anderen Skulpturen zu einer mehrere Räume umfassenden Installation kombiniert wurden – eine mit vielen Sinnen erfahrbare, märchenhafte Bildwelt mit Realtätseinsprengseln.
Nach Schneefall und kurzen Tauperioden zum Jahreswechsel, nun stabile Minusgrade. Wenn die Sonne durchkommt ist es herrlich —außer für die Opfer des linksterroristischen Anschlags in Südberlin. Die haben neben Strom-, Heizungs-, Warmwasser- und Telefonnetz-Ausfall unter Behördenversagen zu leiden. Gottlob schlägt das alte Frontstadherz noch immer, so dass Urberliner und Zugezogene gemeinsam anpacken, einander helfen, versuchen, das Schlimmste zu verhindern: Nachbarn, Freunde, Verwandte, Bibliotheken, Kinos, Schwimmhallen, Supermarktketten, christliche und muslimische Gemeinschaften, Vereine … Das ist echte Solidarität, keine staatlich erpresste wie in den düsteren Coronajahren. Rettungskräfte, Heime, Pflegedienste, Polizei, Behindertenbetreuer, Energieanbieter, die Reparaturfirmen etc. reißen sich Tag und Nacht den Arsch auf. Die Lokalpolitik agiert so, wie man es befürchtet, quatscht rum, klopft sich selbst auf die vom vielen Tennis ganz harte Schulter und nutzt, jegliches Schamgefühl vermissend, Notunterkünfte als Kulisse für Wahlkampfbilder. Hier gilt, wie so oft, der Satz von Max Liebermann: „Kann jar nich so viel essen, wie ich kotzen möchte.“ Nach gut vier Tagen haben die zigtausenden betroffenen Haushalte wieder Stom.
In den nicht betroffenen Bezirken ging währenddessen alles den gewohnten Januargang: Überquellende Einkaufsstraßen mit vollen Läden, in denen die Menschen ihre Weihnachtsgutscheine ein- oder -geschenke umtauschen. Mir fällt zum ersten Mal auf, dass es in den versteckten Ecken der Kaufhäuser und Shoppingcenter Ruhezonen gibt – in denen ich interessanterweise ausschließlich Männer und Kids sehe, die sich von Konsumkollaps und Kaufkatatonie erholen.
Nach vier Wochen endlich Tischtennis – Auge-Handkoordination sowie Kondition sind noch vorhanden. Auf dem Rückweg sehe ich im wilmersdorfer Schoelerpark drei Wildkaninchen durch den Schnee hoppeln. Zu hause große Freude an der masochistischen Fleißarbeit des Medienjournalisten Christian Bartels‘, der für Telepolis die ARD- und ZDF-Krimiplots aus dem vergangenen Jahr zusammengestellt hat: „Besonders auffällig ist, dass der Tote einen Schlüssel verschluckt hatte, mit dem er sich eigentlich hätte befreien können.“
Zum Jahreswechsel sehe ich in der arte-Mediathek die achtteilige Spielfilmserie „Sablja (Das Attentat – Geheimoperation Belgrad)“, die von den Geschehnissen rund um die Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Đinđić im Jahr 2003 erzählt – Regie: Vladimir Tagić und Goran Stanković, Buch: Stankovic, Tagic, Dejan Prcic, Maja Pelevic und Marjan Alcevski. Hier sitzt jeder Satz, jede Einstellung, die Schauspieler sind bis in die letzte Nebenrolle gut besetzt und durch kleinste Änderungen in Sprache, Mimik, Gesten und Körperhaltung wandlungsfähig. In meinem Umfeld reden immer mehr vom sogenannten Deep State – wie diese undurchsichtigen Netzwerke organisiert sind, wie sie agieren und politischen Einfluss ausüben, wie dabei einzelne Militärangehörige, Geheimdienstler, Politiker, Journalisten, Kriminelle, Clanchefs und Geschäftemacher zusammenarbeiten, kann man in „Sablja“ sehr gut sehen. Tipp!
Die Entdeckung des Gedenksteines bei unserer Neujahrswanderung ließ mir keine Ruhe, und so suchte ich noch am selben Abend im Internet nach Otto Heine. Auf der Seite unseres Heimatvereins wurde ich fündig. Dort wird berichtet, dass Herr Heine Anfang der 1950iger Jahre als Revierförster nach Spornitz kam und ein hohes Ansehen in der Gemeinde genoss. In der Zeit seines Wirkens waren die Wälder durch hohen Holzeinschlag bei wenig Aufforstung stark dezimiert – durch eine gute Waldbewirtschaftung gelang es ihm, dieses auszugleichen. Otto Heine war gesellschftlich sehr engagiert, organisierte im Spornitzer Revier das Jagdwesen neu, war hier auch Jagdleiter. Nach seinem Tod im Jahre 1971 soll seine Jagdgruppe den Stein gegen die Weisung der Behörden an der Quelle der Beck gesetzt haben, wo er heute noch, stark verwittert, zu finden ist.
Mein Mann und ich machen uns im russischen Jagdauto auf den Weg. Unser Hund Pico ist auch dabei. Der Russe rumpelt über den Waldweg, wir werden ordenlich durchgeschüttelt. Pico kennt das schon. Er freut sich auf den Wald und wedelt mit dem Schwanz. Ich wäre lieber gelaufen, da mich aber die genaue Inschrift des Steines interessiert, habe ich einen Eimer mit warmem Wasser dabei – der wäre auf der etwas langen Strecke zu schwer zum Tragen gewesen. Ich bin froh, dass mich mein Mann fährt und mein Interesse an dieser Geschichte unterstützt. Das letzte Stück bis zur Jagdhütte gehen wir zu Fuß. Über Nacht hatte es geschneit. Nun ist das Schlösschen, an dem wir mit Freunden zusammen das neue Jahr begrüßten, in eine dünne weiße Decke gehüllt. Nichts zeugt mehr von unserem fröhlichen Treiben und der schönen Zeit miteinander.
Der Stein steht etwas abseits. Wenn man sich ihm von vorne nähert, ist es leicht abschüssig und rutschig. Ich betrachte das kleine Denkmal, das hier nun schon seit vierundfünfzig Jahren steht. Wie schön, dass die Jagdgruppe ihrem Leiter so eine letzte, die Zeit überdauernde Ehre erwies. Vorsichtig lege ich mit Wasser und einer Bürste die Schrift frei – besonderen Menschen gilt meine Achtung!
In der Zwischenzeit tobt Pico meinem Mann um die Füße und ist in seinem Element – ein schönes Bild entfesselter Lebensfreude. Es ist so viel Energie, die in dem Tier steckt! Eine Energie, die auf alle überspringt, die mit ihm zu tun haben. Als ich fertig bin, stapfen wir drei zum Russen zurück. Zu Hause müssen wir Pico abduschen. Das Bad schwimmt ein wenig, aber als der Hund sauber, friedlich und trocken in seiner Ecke liegt, ist der Ärger darüber verflossen. Picos Ruhe überträgt sich auf uns, Kaffeeduft zieht durch die Stube.
Frank Schott, Leipzig
Es schneit.
Nun, das ist nicht verwunderlich in unseren Breitengraden, wenn es Winter ist, werden Sie einräumen, da schneit es eben auch mal. Doch wenn man wie ich erstmals bei Schneefall joggt, bringt das einige überraschende Entwicklungen mit sich.
Nummer 1, vielleicht nicht ganz so unvorhersehbar: Die Gehwege, vor allem die mit den von Millionen Schritten rundgelaufenen alten Leipziger Granitplatten belegten Bürgersteige, sind glitschig.
Nummer 2, vergleichbar mit Nieselregen und Nebel: Die Kleidung wird nass, obwohl man das Gefühl hat, es handle sich verglichen mit einem Regenschauer quasi um Nicklichkeiten.
Nummer 3: Wenn die dicken Flocken sich auf dem Brillenglas niedersetzen, wird man als Brillenträger blind. Da müssen dann regelmäßig die Zeigefinger als Scheibenwischer herhalten.
Es ist gar nicht so viel Schnee. An manchen Stellen ist er aber immerhin so dick wie die Zuckerschicht auf einem traditionellen Dresdner Christstollen. An anderen Stellen findet sich nur ein Hauch wie auf einer sanft gepuderzuckerten Waffel. Mit dem Schlagen der nahen Kirchenglocken lugt die Sonne hervor und die Wolkendecke reißt auf. Nur noch einzelne Flocken segeln vom Himmel – wie die herausgerissenen Federn von Engeln, die sich gebalgt haben.
… oder wie Fellbüschel von sich raufenden Katzen. Heute war wieder Waschbär unterwegs, die wohlgenährte Katze aus dem Haus nebenan. (Ist das eigentlich Bodyshaming, wenn man eine Katze „fett“ nennt? Nun ja, wo kein Ankläger, da … da müssen es die Katzen unter sich aushandeln.) Unsere Familie fährt erschrocken auf, als durch die geschlossenen Fenster laut quietschendes Fauchen tönt. Ich öffne die Tür zur Terrasse – aber es ist nichts zu sehen. Die Tür ist kaum geschlossen, da erklingt erneut schrilles Kreischen. Mein Kind reißt das Fenster auf, ich die Tür: Verdammt, hier sind keine Katzen! Dann die Erleuchtung. Ich ziehe die graue Plane hoch, die im Winder den Terrassentisch und die Stühle verhüllt, und in der Tat liegen sich in dieser trockenen Höhle zwei Katzen mit peitschenden Schwänzen lauernd gegenüber. Ich trete mit dem Fuß gegen ein Tischbein. Die beiden schrecken aus ihren Drohgebärden hoch. Waschbär macht als erstes die Fliege, unser schwarzweißer Kater jagt ihm hinterher. Weg sind sie. Und auf den Bohlen liegen viele Büschel von Katzenfell – wie Schneeflocken.
Beim Laufen sehe ich keine Katzen. Stattdessen Krähen, die auf Zäunen hocken und auf Heruntergefallenes lauern. Hunde, denen man allesamt Leibchen übergezogen hat, tollen durch den Schnee. Ein älterer Herr pfeift seinen Dackel zurück, als unsere Wege sich zu kreuzen drohen. „Kein Problem, wir werden uns schon vertragen“, rufe ich frohgemut. Doch der Mann und sein Hund sind anderer Meinung. Während er verzweifelt Kommandos gibt, die der Dackel ignoriert, springt der Hund um mich herum und versucht nach meinen Beinen zu haschen. Dann setzt sich Herrchen durch und der Dackel lässt von mir ab.
Auf meiner Laufstrecke liegt ein entwurzelter Baum. Der starke Wind der vergangenen 48 Stunden muss ihn umgeworfen haben, denn am Freitag um die gleiche Zeit war der Weg noch frei. Es sind frische Sägespuren zu sehen. Ich stapfe vorsichtig über Stamm, Äste und Zweige. Als mich meine 10-Kilometer-Runde erneut an der Stelle vorbeiführt, werde ich positiv überrascht: In den vergangenen knapp dreißig Minuten war jemand da, der den Baum weiter zerlegt und das Holz abtransportiert hatte. Arbeiten die kommunalen Forstleute so schnell? Oder hat ein Bürger das Gute mit dem Nützlichen verbunden und sich das Holz für den Kamin gesichert? Wie auch immer – mir ist es recht, da ich nun problemlos passieren kann.
Wenn es schneit, ist es nie sonderlich kalt. Und da nur noch einzelne Flocken rieseln, wird mir rasch warm. Die Beine stampfen, der Körper dampft. Wie eine gut gewartete Maschine greifen Muskeln und Sehnen ineinander, während Lungen und Herz die nötige Energie beisteuern. Schön ist es, im Schnee zu laufen. Schön ist es, dass ich in dieser Woche tatsächlich sogar drei Läufe über zehn Kilometer geschafft habe. Es geht voran. Körperlich geht es jetzt tatsächlich voran.
Christoph Sanders, Thalheim
In der Nacht auf Freitag längerer Schneefall. Nur eine zarte Decke bleibt liegen – sie sieht aus wie Puderzucker, sehr hübsch. Nach dem Frühstück längere Körperpflege, damit der Patient beim Ausritt ins Landesmuseum Wiesbaden einen guten Eindruck hinterlässt. Im Deutschlandradio ein längerer Kommentar zu Trumps angeblichem Gesundheitszustand – Absencen, Hautverfärbungen, exzessiver Aspirinkonsum, schlechte Ernährnungsgewohnheiten. Der Beitrag wird nur eine halbe Stunde später in einer zusammengekürzten Fassung wiederholt. Mir kommt der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer mehr wie die Kirche vor – um Geld zu sparen, wird radikal Inhaltliches gestrichen. Am Abend zuvor konnte ich zum ersten Mal ohne Hilfe das operierte Bein ins Bett heben – ein sehr großer Erfolg!
Friedrich Wilhelm Theodor Heyser „Ophelia“, um 1900
Mittags Familienausflug nach Wiesbaden ins Landesmuseum, das gleichzeitig Naturkundemuseum ist. Eigener, grundsolider Bau, gute Sammlung: Ilya Kabakovs Propagandabilder-Installation „Der Rote Waggon“ interessant; großartige Dioramen der Fauna, wundervolle Quallen und Urtierchen – die Biologie-Exponate fesseln mich viel mehr als die blutleere, verlogene Malerei in ziselierten Goldrahmen. Im Museumsshop Tassen, Postkarten, Poster und T-Shirts mit der Wasserleiche der Nymphe Ophelia – Taylor Swift hat das Motiv von Friedrich Heysers Gemälde durch ihren Clip „The Fate of Ophelia“ erneut populär gemacht – in den Wiesbadener Ausstellungsräumen finden nun Events für Swifties statt. Vielleicht hilft der Verkauf ja, den geplanten Anbau zu finanzieren. Ich bin viele Treppen gestiegen und habe dabei erfolgreich orthopädische Socken getestet – und eine der Skulpturen trug die gleiche Frisur wie mein Sohn! Abends über die dichte A3 zurück. Ein gelungener Ausflug, ein schöner Tag.
Am Samstag Nordwestströmung mit punktuellen Schneeschauern. Seit Tagen Dauerfrost. HR2 Kultur regt zum Besuch der hessischen Skigebiete an – „Zehntausende werden erwartet“. Über die A3 zum Tierarzt-Bruder zur Geburtstagsfeier. Die Autobahn dicht an dicht von Privat-PKW befahren – Heimkehrer aus dem Skiurlaub oder wärmeren Gefilden. Wir rollen in die Rheinebene. Das Festmahl à point: Frisch aus Frankreich importierte Hühnchen, diverse Salate und (drei Tage zu früh) der berühmte Dreikönigskuchen mit einer Frangipane (Mandelpaste) in Blätterteig. Zuvor sehen wir uns leider über Beamer einen Wunschfilm an – ein von Almodovar produziertes Machwerk aus Argentinien: Sechs blutige Episoden voller Egoismus, Eifersucht, Korruption, Rache usw. – ausschließlich das Schlechteste im Menschen wird gezeigt. Ich kann mir so etwas nicht anschauen, merke ohnehin, dass ich solche Filme keine drei Minuten aushalte. Es gibt doch so viel Gutes zu entdecken – ich springe da im Internet gern von einem lohnenden Stream zum nächsten. Zudem habe ich Schwierigkeiten, Filme im Kollektiv zu sehen, mag lieber Gespräche – wie zum Beispiel jenes zum kleinen, hervorragenden Käselexikon, das ich beim Bruder im Bücherschrank finde. Insgesamt aber eine angenehme Atmosphäre. Die Teenies bleiben unter sich, trotzdem habe ich zum ersten Mal die Gelegenheit, das Zimmer eines Gamers zu betreten: Japanisch inspirierte Plakate, zwei Monitore, davor mein Vetter im schwarzen Hoodie mit denselben wirren Haaren, wie sie auch die Figuren auf seinen Postern tragen. An den Bildern fällt mir eine vollkommen überzogene Mangaästhetik auf – grelle Farben, aufgerissene Kulleraugen und schreiende Münder; es gibt keinerlei Bezug zu irgendeiner bekannten Realität, kein Haus, keinen Berg, keine Landschaft, nur Spaciges. Die Kids haben ihren Spaß beim Versuch, auf Spotify Filmmusiken zeitlich richtig einzuordnen. Der Sound aus der Sony-Blinkeboombox ist grauenhaft – nur „I can’t get no satisfaction“ klingt einigermaßen klar. Auf der Rückfahrt endlose Fahrzeugkolonnen gen Norden (Holland und England), Richtung Süden fährt fast niemand. Es hatte leicht geschneit, alle Stecken sind vorbildlich freigeräumt, selbst die Dorfstraßen. Für mich ist die erzwungene Position des Beifahrers immer noch sehr ungewohnt.
Sonntags weiterhin frostig. Inmitten der ersten Sonnenstrahlen des Tages um 8:30 Uhr reichlich Vogelbesuch in den Bäumen – Sichtung einer Tannemeise. Die Kinder und meine Frau verlassen mich früh, um zum ca. 650 Meter hohen Salzburger Kopf zu fahren. Für mich Radblogarbeit und ein erfrischender Kurzschlaf. Als die Rodler und Langlaufdamen um drei erschöpft zurück sind, gibt es Mittagessen.
Langes Telefonat mit meinem Gartenbau-Agrarschullehrer-Bruder, der sich um unser Familienarchiv kümmert. Er sammelt Unmengen an Material (auch für die Dorfchronik). Durch seine Recherchen kennen wir nun (Dank des DRK) die letzte Stellung des Großvaters: ID 707, das heißt, zu Hilfsdiensten abkommandiert. Er selbst gehörte der Strafkompanie Baupioniere 999 an. Die ID war Anfang Mai 1944 auf zwei Einsatzorte verteilt, die dreißig Kilometer auseinanderlagen. Ab dem 24. Juni gerieten sie alle in den Mahlstrom der sowjetischen Operation Bagration im Kessel Bobruisk, der am 27. Juni liquidiert wurde. 27. Juni 1944 ist der Tag, der auf dem Vermisstenschein unseres Großvaters steht. Desweiteren traurige Nachrichten von unserem letzten Onkel, der mit über 90 allein in dem Haus wohnt, das er vor sechzig Jahren baute. Seit seine Frau starb, ist niemand mehr da. Er ist einsam, hat in der Siedlung keine Bekannten, schon gar keine Gleichaltrigen. Eine normale Vorstadt in der Nähe von Mönchengladbach. Nun musste er für fünf Tage ins Altersheim – mein Bruder beschrieb es als Horror, was er dort sah: Tapetentüren, damit die Dementen nicht rauskommen; Wildfremde kommen ins Zimmer, nutzen Dein Klo. Ein ehemaliger Polizeibeamter lebt seine Kleptomanie aus und verzeichnet dabei akribisch seine Diebstähle. Mir kommen Erinnerungen an eine langjährige Freundin, die nach ihren Schlaganfällen drei Tage hilflos auf dem Boden lag – „Person hinter Tür“ heißt der Code für die Feuerwehr, wenn sie Wohnungen aufbrechen muss. Ihre Verwandten wohnten nur 300 Meter entfernt, die soziale und familiäre Zersetzung geht schnell. Berichte aus den Schamzonen der Gesellschaft.
Frank Schott, Leipzig
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche! Denn nach den frostigen Weihnachtstagen und dem Schneefall zu Silvester liegen die Temperaturen nun wieder über dem Gefrierpunkt. Wettertechnisch hat die Woche tatsächlich alles geboten, was man von einem Winter erwarten darf: Sonnenschein und trüben Himmel, stürmische Winde und laue Lüftchen, Frost und Plusgrade, Regen und Schnee.
Zweimal habe ich diese Woche die Laufschuhe geschnürt und bin gejoggt. Jeweils zehn Kilometer, beide Male unter 55 Minuten, was nach dem läuferischen Tief im Spätherbst absolut okay für mich ist.
Am Freitag ist die Strecke tückisch – halb geschmolzener Schnee in Verbindung mit dem kalten Boden lässt die Waldwege rutschig werden. Der Fluss ist zu großen Teilen eisfrei. Der Rest ist immerhin noch stabil genug, um den Unrat und die Stöcke zu tragen, die von Passanten geworfen wurden, um die Festigkeit des Eises zu testen.
Rutschig war es auch zu Silvester, als die zwei bis drei Zentimeter Schnee des Vormittags sich im nachmittäglichen Regen zu großen Pfützen zersetzten. Morgens waren Arbeitseinsätze mit dem Schneeschieber erforderlich, nach dem Mittag wurde dann Split gestreut. Ich mag es, Schnee zu schieben. Die Arbeit ist gleichmäßig eintönig, ohne dass sie beschwerlich wird. Wenn es während des Schiebens schneit, bekommt das Ganze eine unwirkliche Note, weil der Schneefall die Geräusche dämmt und die Sinne verwirrt. Ich hätte mir noch mehr Schnee gewünscht, stattdessen kam der Regen.
Am Dienstag laufe ich bei Minusgraden. Es hatte in der Nacht leichten Schneegriesel gegeben, gerade genug, um die Böden mit einem weißen Flaum zu bedecken. Der Fluss trägt eine weiße Decke, die aber noch zu dünn ist, um mehr als Vögel zu tragen. Die weißen Wege sehen im sanften Licht- und Schattenspiel der Bäume wie Gottes unergründlicher Barcode aus. Vielleicht sind es spirituelle Bestellnummern für Glück, Wohlempfinden und Zufriedenheit.
Beim Laufen kommen mir häufig absonderliche Gedanken. Durch die körperliche Anstrengung werden sie nie sonderlich tiefschürfend, es ist eher so wie eine Melodie, die innerlich mitschwingt. Dieses Mal stelle ich mir den menschlichen Körper als Tempel vor – zu Ehre Gottes, um das Leben zu würdigen? … egal, es spielt keine Rolle. Ich frage mich, was es über uns Menschen aussagt, wenn wir diesen Tempel verkommen lassen. Durch Fehlverhalten, durch ungesunde Ernährung, durch fehlende Aktivität. Und da schließt sich der Kreis zum Laufen: Wäre die körperliche Ertüchtigung, sprich Sport, dann eine Art Gottesdienst … Ich kann den Gedanken nicht zu Ende bringen, weil mich ein kleiner weißer Hund anspringt. Es ist die Art nerviges Schoßhündchen, die kläffend einen auf Raubtier macht und doch vor jeder möglichen Bedrohung Schutz hinter ihrem Herrchen sucht. In Blitzesschnelle bietet mir mein Unterbewusstsein zwei Reaktionsmöglichkeiten an – die erste, Wegkicken mit dem Fuß, ist sehr verlockend. Ich entscheide mich dann aber doch lieber für die Alternative und knurre: „Schon mal was von Leinen gehört!?!“ Und dann bin ich auch schon vorbei – während Hundchen weiterhin die Welt bebellt.
Maria Leonhard, Spornitz
Wann wir das erste Mal mitgegangen sind, weiß ich nicht mehr so genau, vielleicht vor fünfundzwanzig Jahren. Unsere Kinder waren noch klein und viele andere Kinder waren dabei. Das gemeinsame Ziel war das Waldschlösschen. Dort angekommen, führten wir kleine Kreisspiele durch. Alle hatten Spaß. Im Laufe der Zeit wurde die Neujahrswanderung zu einer schönen Tradition.
Nach der freudigen Begrüßung und dem Austausch von besten Wünschen für 2026 machen wir uns auch in diesem Jahr auf den Weg. Weil mein Mann nicht so der Wanderbursche ist, übernimmt er gern den Transport der Rucksäcke, Getränke, Speisen und des Feuerholzes – und für die Fußlahmen ist auch noch genügend Platz. Sein Jagdauto wird von allen nur Der Russe genannt – es ist ein feld-und walderprobtes Fahrzeug aus dem riesigen Reich im Osten.
Als wir losgehen, regnet es und der Wind pfeift uns um die Ohren. Alle sind in wärmende Kleidung eingepackt. Wir sind zu fünfzehnt – von der ursprünglichen Truppe, die das erste Mal zum Schlösschen wanderte, ist nur noch Christiane dabei. Die sportlichsten Frauen geben das Tempo an und die Männer achten darauf, dass niemand zurück bleibt. Das Wetter wird beim freudigen Erzählen schnell zur Nebensache – beim Gehen kann man nicht nur seinen Kater von der Silvesterfeier vertreiben, sondern auch Neues erfahren und sich über Dinge austauschen, die man unter anderen Umständen wohl nur mit sich selbst abgemacht hätte. Die wichtigste Nachricht ist, das sich für die Praxis im Nachbardorf wieder ein Arzt gefunden hat. Das wird besonders für die alten Menschen von großem Wert sein.
Schon bald erreichen wir den schützenden Wald. In unseren kurzen Sammelpausen gibt es zum Aufwärmen einen kleinen Umtrunk. Das ist nicht abgesprochen, aber irgendeiner denkt immer daran. Nach gut vier Kilometern erreichen wir das Waldschlösschen, das ehemals eine prachtvolle Jagdhütte war. Heute ist es ein wenig verwittert.
Das Lagerfeuer brennt schon. Mein Mann bläst auf dem Jagdhorn das Signal “ Begrüßung“. Hier im Wald klingt es viel schöner als auf einer Bühne. Aus den Rucksäcken kommen Kannen mit Tee, Kaffee und Glühwein zum Vorschein, die Bänke werden mit Sitzissen bestückt, Stöcker zu Würstchenspießen umfunktioniert.
Bei weiteren Dorfneuigkeiten und dem Austausch über das große Weltgeschehen werden Süßigkeiten verteilt. Die Dominosteine erinnern an Weihnachten. Glückskekse zaubern eine kleine Freude in die Augen und entlocken mehreren in der Runde eine Lachsalve. Ein leckerer, selbsthergestellter Kräuterlikör wärmt uns zusätzlich von innen. Ich möchte wissen, seit wann es das Schlösschen schon gibt. Keiner weiß es genau. Jemand sagt, dass es bereits in den 1960ern ein Ausflugsziel von Frau Heine mit ihren Hortkindern war. Christina erinnert sich an einen Gedenkstein für den Revierförster Otto Heine, der hier stehen soll. Und tatsächlich finde ich ihn, den Gedenkstein. Die Schrift ist mit Moos bewachsen und schwer lesbar.
Dann kündigt das Rauschen in den Wipfeln ein Unwetter an. Die Männer drängen zum Aufbruch. Jeder packt mit an, damit der Platz sauber verlassen wird. Die Signale „Jagd vorbei“ und „Halali“ rufen die Gruppe zum Russen. Wir verstauen unser Gepäck. Dabei findet sich eine letzte Flasche Sekt. Wir stoßen auf ein friedliches neues Jahr an. So viel Zeit muss sein. Wir brechen auf. Es ist bereits dunkel. Ein kurzer aber mächtiger Schneeschauer überholt uns. Das hält uns nicht davon ab, noch ein Feuerwerk zu zünden. Still sende ich den funkelnden Raketensternen meinen Neujahrswunsch mit: Mögen wir alle das Jahr 2026 in Frieden verbringen können und uns zur nächsten Neujahrswanderung gesund wiedersehen.
Christoph Sanders, Thalheim
Sonniger Dienstag. Kein besonders guter Tag für mich. Eisen sowie die Vitamin-D-Dosis für die Woche eingenommen – Mikroschritte zum Erfolg. Meine Blutwerte seien jetzt gut, sagt der Arzt. Nun per Telefon einen Physiotherapeuten finden: Der erste nahm schon mal keine Patienten mehr an, der zweite auch nicht. Das Geduldigsein fällt mir zunehmend schwer, vor allem angesichts der sich gerade einschleifenden Ferientranigkeit ringsumher. Wir haben es heute lediglich zu zwei Wäschen gebracht, Ab- und Aufräumen schleppen sich. Meine Medikamente werden auf den letzten Drücker geholt – so etwas schiebt man auf, wie es nur geht; ich bin froh, dass auf dem Weg immerhin noch ein wichtiges Paket aufgegeben wurde. Der Sohn ist völlig von seiner Londonreise absorbiert, die er für die Freundin perfekt gestalten will. So ist die Liebe, die große Liebe. Die Älteste gut nach Berlin zurück – da fehlt der Familie nun etwas. Wenn ich nicht jeden Abend zum Scrabble rufen würde, säßen die Kinder den ganzen Tag beim Serien-Streamen in ihren Zimmern – immerhin gelingt die Vereinigung am Küchentisch noch. Ich merke, wie substantiell mein alter Tagesablauf für mich war: Sport, Kochen, eine gute Struktur. Ich nutze die Zeit, die ich ans Haus gefesselt bin, um meinen Radblog auszuholzen, wie Kempopski sagen würde – es ist nicht wichtig, aber einfach notwendig. Vergebe beim Scrabble leichthin zehn Punkte, was mich sehr ärgert … man wird nicht klüger.
Letzter Tag 2025. Bin gut ausgeschlafen, habe ab acht noch etwas gedöst. Aus dem leisen Radio kommt Fundiertes – es ist von Vorteil, dass der Politbetrieb momentan im Urlaub ist. Temperaturen über null Grad, ich kann also gefahrlos ums Haus wandeln. Viele Meisen und vereinzelt Goldammern, die bei ihrer Nahrungssuche die Zweige ins Wippen bringen. Wenn ich meine Krücke hebe, flattern sie auf.
Nachdem die Sonne durchgebrochen ist, setzt sich nach einer guten halben Stunde Vorbereitungszeit der familiäre Einkaufstross in Bewegung. Einkaufenfahren ist hier gerade ein Problem, da meine Gattin eine starke soziale Reaktanz zeigt, wenn sie mit Menschen in einer Schlange stehen muss, die sie als widerlich empfindet (aber es geht und wird). Ich hüte derweil das Haus, bewache den Garten und freue mich schon auf frisches Obst und Gemüse. Auf Focus online lese ich, dass die Deutschen immer mehr für Freizeitaktivitäten wie Wellness, Restaurant- und Cafébesuche usw. zahlen müssen. Im Artikel darüber wird ganz leise angedeutet, dass man genau da, im Alltag, gut sparen könnte. Und hier liegt die Crux: Für Medien ist das ein ziemliches Tabuthema, da sie ihre Finanzierung an die Werbung für Überflüssiges gekoppelt haben. Die Leser, Zuschauer und Nutzer sollen konsumieren, da davon das Geschäftsmodell abhängt. Meine Eltern gingen allenfalls an einem Sonntag ins Café – und das auch nur zu ganz bestimmten Gelegenheiten. Man buk selbst, ansonsten gab es bei jedem Bäcker Kuchen, und Bäcker gabs in jedem Dorf.
Da wir hunderte Exemplare der „DM – Deutsche Mark“ verschlungen haben, wurden mein Bruder und ich zum Gedächtnis der Warenwelt. Es war die erste Zeitschrift für Konsumenten in der Bundesrepublik. Mit der Jüngsten entdecke ich in einer Ausgabe von 1966 zufällig einen Spieletest – Malefiz und Scrabble liegen vorn, Heiterkeit beim Verlesen der (gut geschriebenen) Bewertung. Meine Kleine macht beim Spielen große Fortschritte – These war ihr schönstes Wort. Mir fiel Kux ein – komischerweise zieht man immer XYZQ, wenn man sie nicht braucht. Ein wunderbares Spiel. Danach in der arte-Mediathek Claude Sautets Meisterwerk „Vincent, François, Paul et les autres“ mit Piccoli, Yves Montand, Serge Reggiani, Stéphane Audran, Marie Dubois und dem jungen (animalischen) Depardieu – die Darsteller durchweg großartig! Ein Spielfilm, der wie eine Doku aussieht – die Kneipen, Werkstätten, Wohnungseinrichtungen, Büros wirken echt. Die Männer rauchen die ganze Zeit, man wird sich einst fragen, was die da in der Hand halten. Dieserart Realismus hat mir immer schon gefallen. Das Timing ist fabelhaft, alles fließt ineinander, die Takes sitzen. Ich mag diese französische Herangehensweise, es lässig und natürlich aussehen zu lassen – eine Tradition, die der große Renoir begründete. Die Amis haben von Beginn an auf Studio und Serie gesetzt: berechenbar, überschaubar, ein Puppenspiel im Grunde, leider oft genauso schablonenhaft. Es gibt Ausnahmen: Michael Ciminos „The deer hunter“ – ein Schocker, bei dem ich bis heute Gänsehaut bekomme, oder John Cassavates. Ich bin aber nun mal Franzose, und in Sautets Film sehe ich mein Frankreich wieder!
Die jungen Damen bereiten das Abendessen vor. Mein kulinarisches Highlight des letzten Tages im Jahr: Die Sellerieknolle mit ihrem so charakteristischen Geschmack mit Senf, Zitronensaft, Walnüssen, Öl, Joghurt und einem geriebenen Apfel angemacht. Dazu Mascarpone und Käse. Wir leben im Schlaraffenland – wo hätte man früher all diese guten Öle gefunden? Wo die Käsesorten? Das hat sich wirklich wundervoll entwickelt. Von der Bitterschokolade ganz zu schweigen.
Bonne année! Nachdem ich gestern zwei Glas Wein getrunken habe und deswegen auf die Ibu verzichtete, ein schwerer Jahresbeginn. Eisen, Vitamine, Hafer, Nüsse, Obst, Sauerstoff. Bei der Gartenrunde Schlenkern des rechten Beins – alles dicht und schmerzfrei, aber die Hüftgegend entlang der Narbe ist wie ein Fremdkörper. Eine neue Erfahrung. (Immer daran denken: Es wird nach und nach besser!) Meine Frau hat sich per ChatGPT das Unfallformular senden lassen, das Krankenhäuser verwenden – in einer Minute war das pdf da. (Überlebensskills der deutschen Bürokratie: Korrektes Ausfüllen des korrekten Formulars.) Im Spiegel ein Interview mit Werner Herzog – Überschrift: „Deutschland hat die Reiseflughöhe verlassen“. Kein einziger schlechter Satz von ihm. Panik als das Wesensmerkmal der Mittelklasse, die technischen Totalitarismus fürchtet, dann aber für nen Zehner Ersparnis bei Amazon bestellt. Das hat alles viel mit der Angst um die Komfortzone zu tun, der Wahrung der Besitzstände und Haushälften, mit sogenannten Lebensversicherungen, dem Ausschalten des Wagemuts zugunsten von Knebelverträgen usw. Herzogs Rat an seine Filmseminaristen gefällt mir (auch wenn sie ihn nicht befolgen werden): Geht wandern! Einfach mal zu Fuß bis zum Netto im nächsten Dorf, aber genau das ist im Sinkflug ja schon eine Zumutung. Nicht jeder kann (und soll) wie er sein, aber es wären gute Übungen in Sachen alternativer Weltwahrnehmung. Herzogs Technologiepessimismus für unsere Spezies teile ich nicht ganz. Ich sehe, neben den positiven Entwicklungen in der Distributionssphäre, dass sehr viele der weltumspannenden Prozesse besser koordiniert, sicherer, schneller und preiswerter werden. Und man kann die neuen Digitalwerkzeuge ja auch kreativ nutzen, zum Beispiel, indem man den Weg eines Gebrauchtwagens bis Nigeria trackt und damit neue Dimensionen der Globalisierung verdeutlicht. Ich finde das fabelhaft.
Medien berichten, dass in den Niederlanden in der Silvesternacht die Lage eskaliert ist. In mehreren Städten gab es Gewaltausbrüche, in Breda wurden Polizisten mit Molotowcocktails und Gehwegplatten attackiert, in Amsterdam brannte eine Kirche nieder. Ich muss an den Sautet-Film denken, in dem die von Piccoli gespielte Figur einen Wutausbruch bekommt als über das Verschwinden der Dispensaires (medizinische Einrichtungen für Arme, Nichtversicherte) zugunsten neu gebauter, teurer Kliniken diskutiert wird. Anfang der Siebziger begann sich die Wohn- und Arbeitswelt und das soziale Gefüge in Paris massiv zu ändern. Bezahlbarer Wohnraum wurde knapp, in den zunehmend migrantisch geprägten Banlieues wurde es rauer, die Exclusion sociale nahm zu … Bis zum abendlichen Neujahrsbraten die Klaviertrios von Schumann. Das Gefühl im Bein angenehmer als gestern – aber es zeigt einem klare Grenzen auf. Zwei Ibu zur Nacht.
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 13:17:52, 01-01-2026
Helko Reschitzki, Moabit
Davon, dass es seit der Wintersonnenwende jeden Tag ein wenig länger hell ist, merke ich noch nichts – nachtschwarze Morgen, die gegen vier mit Musik beginnen: polyphone Messen und Motetten, Requieme, gregorianische und byzantinische Choräle, manchmal Jazz: Don Cherrys Radio- und TV-Aufnahmen, zuletzt der komplette John Coltrane. Nebenher gieße ich ein Minz-Eukalyptus-Dampfbad auf und inhaliere. Das frisch zubereitete Müsli steht auf der Heizung, um ein wenig anzuwärmen (Advantage Winter), Kerzen brennen, ein Räucherstäbchen glimmt. Jetzt, im Dezember, dreht sich dazu die Märchenpyramide, die ich zu meinem ersten Geburtstag geschenkt bekam – sie ist der älteste Gegenstand, den ich besitze. Es ist wichtig, sich das Leben jederzeit so schön wie möglich zu machen.
Den Lungeninfekt, den ich mir am Nikolaustagwochenende einfing, habe ich Dank meines bewährten Protokolls innerhalb kürzester Zeit auskuriert – die Dame, die eine Woche vor mir daniederlag (und die ich mit Brühe und Kräutern versorgte), hüstelt noch immer vor sich hin. Im Unterschied zu mir hat sie aber (ohne, dass ihr fahrlässiger Arzt überhaupt vorher testete, ob es sich um einen Bakterienbefall handelt) Antibiotika genommen und bis auf ein paar Tassen Tee im Prinzip so weitergelebt wie gewohnt – nur, dass sie halt flachlag. Meine vermeintliche Disziplin hat sie kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen – dabei bin ich gar nicht diszipliniert, sondern einfach nur stumpf monton: So wie ich bis zum 7. Dezember draußen bei bis zu 4 Grad Wassertemperatur schwimmen war („Hirn ausschalten und rein.“) – so verhalte ich mich auch, wenn ich krank bin: Nicht nachdenken und Bromhexin, Spitzweegerich- und Thymianextrakt einnehmen, Lindenblütentee trinken und so viel frisch geriebenen Meerrettich wie möglich beim Essen verwenden. Die Badesaison beenden, auch wenns schwer fällt. Und wenn die Lunge nicht mehr zwickt, den Körper weiterhin schonen – viele böse, langwierige Krankheiten entstehen durch die Verschleppung von mutmaßlich auskurierten Infektionen. Bei alledem nicht stärkende Spaziergänge vergessen. (Außerdem lief mein gewohntes Alltagprogramm mit Inhalationen, Ingwergeknabber, Teemischungen, einer ballaststoff- und proteinreichen sowie pro- und präbiotischen Ernährung weiter.)
Nach längerer Umbaupause wurde der Rewe in der Turmstraße wiedereröffnet. Der Alkohol steht nun im Sichtfeld des Kassierers -der wurde gleich ganz weggeschlossen. Es gibt dort jetzt sechs Selbstscankassen, die, als ich da bin, obwohl es voll ist, allesamt boykottiert werden. Von zwanzig Selfscannern wird einer genutzt. Viele wissen, dass Maschinen nicht in Pflege-, Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung einzahlen und entscheiden daher, lieber etwas Zeit „zu opfern“ und sich in die Schlange zu stellen, die zu einem Menschen führt. Vielleicht ahnen sie es auch nur oder mögen einfach echte soziale Kontakte. Ich beobachte in meinem Umfeld eine massive Wesensveränderung bei denen, die oft Social Media nutzen, sich und andere mit dieser oft vollkommen kaputten Kommunikation kirre und traurig machen, sehe, dass die dortige Dauererregtheit, das Überemotionale und all diese wirklich üblen manipulierenden Verhaltensweisen nun ins Analogleben schwappen und wir es verstärkt mit Ghosting, Gaslighting, Slow Fade, Love Bombing, Zombieing, Benching, Cushioning etc. zu tun haben – und damit vollkommen überfordert sind, zumal es eben auch die betrifft, die nicht Social Media nutzen. Passend dazu Wirtschaftsberater, Bildungsunternehmer, Mitglied im Hessischen Rat für Digitalethik, Pero Mićić im Gespräch mit Martin Burckhardt („Ex nihilo“) über KI und Maschinenarbeit: „Wenn Robotik alles kann, müssen wir sein, was die nicht sein können, nämlich Mensch. Ein exzellenter Mensch, auf den man sich verlassen kann, dem man vertrauen kann, mit dem man es gern zu tun hat.“ Genau das vermisse ich bei all den TikTok-, Insta-, Whatsapp-, Telegram-, Snapchat-, Datingapp-Junkies immer öfter – vielleicht sind sie ja bereits die ersten MenschMaschinen?!?
Am frühen Sonntagmorgen hat bei mir um die Ecke jemand den Kältebus der Stadtmission angezündet, der dadurch vollständig ausbrannte. Typisch Berlin: Unternehmer boten sofort Ersatzbusse an und in nicht einmal vierundzwanzig Stunden kamen von der Bevölkerung so viele Geldspenden zusammen, dass nun ein neues Fahrzeug gekauft werden kann. Die begleitenden Kommentare, was man dem Täter wünsche, waren sehr fantasievoll – ich schließe mich hier und da an. Am Sonntagnachmittag bei sehr kalter klarer Luft und knallblauflächigem Himmel zum Flohmarkt am Rathaus Schöneberg. Finale Verramschung von Büchern, CDs und DVDs – Preise zwischen 50 Cent und 2 Euro, da muss man nicht mal mehr handeln. In meinen Rucksack wandern: Haydns „Die Schöpfung“ mit Karajan und den Wiener Philharmonikern, der Ratzeburger Domchor mit Werken von Boyce, Tocotronics „Rotes Album“, eine Supraphon-Einspielung von Schuberts „Messe Nr. 5“, eine Compilation mit Songs aus der Zeit der afrikanischen Unabhänggkeitsbewegungen in den 1960ern, der Roman „Herzköng“ der großen Polin Hanna Krall und die mir bislang unbekannte Marie Luise Kaschnitz mit „Beschreibung eines Dorfes“ – eine sehr schöne, sehr eigene Sprache und angenehme Weltsicht.
Und dann, am Morgen des 31. Dezember doch noch einmal Schnee. Letzter Aufruf für die Schaffnerin der ODEG, die mir Heiligabend zwischen Parchim und Schwerin sagte, dass sie nicht mehr an die Zukunft der Deutschen Bahn glaube, aber trotzdem optimistmisch bleibe; für den Mann der Bahnhofsmission Schwerin, der mir einfach so ein Geschenk überreichte; für den Spätkaufmann, der mir das BVG-Januarticket verkaufte und sich nichts so sehr wie Frieden in der Ukraine wünscht; für die moabiter Woolworth-Verkäuferin, die sich bei mir über ihren neuen Chef auskotzte; für den Handwerker, der mir erklärte, dass die Havariehäuser, in die er gerufen wird, für ihn wie menschliche Körper seien, durch die er mit seinen 3D-Sonden fährt, um zu schauen, wo man mit der Heilung ansetzen kann; für den Freund, der durch eine Gruppengesprächstherapie endlich zur inneren Ruhe fand; für die höflichen Süchtigen, die sich im Hintereingang öfter mal ihren Stoff aufkochen und spritzen; für all jene, die vor Überforderung vom Leben verstummt sind und für die, die aus Angst und Verunsicherung ununterbrochen senden; für die 85jährige Helga Schubert aus Neu Meteln, die so über das Sterben spricht, dass einen tröstet – Abflug 2026 in 7h54min. Gute Reise!
Information Retrievalund automatisierte Textgenerierung: ChatGPT nach Prompt Engineering von HR
Frank Schott, Leipzig
Gott hat gepustet, und ein Blatt ist vom Baum gesegelt. Eine schwache Flamme ist erloschen. Meine Schwiegeroma ist zwei Tage vor dem Jahreswechsel eingeschlafen. Nein, nicht Gott hat gepustet, sie hat ihr Licht auf eigenen Wunsch erlöschen lassen.
In fast zehn Jahrzehnten haben die Winde des Krieges sie erst aus der Bukowina nach Polen und dann in einer langen und harten Flucht nach Sachsen-Anhalt geweht. Sie hatte mit zwei verschiedenen Männern Silberhochzeit gefeiert und den letzten Mann doch um fast fünfzehn Jahren überlebt. Wird sie im Jenseits jedem ihrer Männer die Gefährtin sein, auf die er sich freute? Quasi in Umkehrung der Houris des Märtyrers wird sie mit zwei Männern belohnt? Ich freue mich für sie und sehe sie kopfschüttelnd ihren beiden Männern Gutes tun. Selbst im Jenseits noch.
Wäre sie nicht ins Heim verpflanzt worden (es ging nicht anders), wie lange hätte sie noch auf Erden weilen können? Ein beständiger Quell der Liebe! Wahrhaftiger Liebe. Bedingungsloser Liebe. Das Altersheim mit seinem an die Wand gemalten Bücherregal – ein Verschiebebahnhof. Menschen so höflich wie ein Schaffner und so unpersönlich. Ein trostloser Ort, ein Durchgangsort, ein Nicht-Ort. Traurige Augen, traurige Gesten, trauriges Verharren im Rollstuhl.
Zu jeder Begrüßung und jeder Verabschiedung sagte sie zu mir: „Ich hab Dich so lieb.“ Dabei waren wir nicht einmal leiblich verwandt! Und doch hat mich dieses zarte Wesen länger begleitet als meine beiden leibhaftigen Großmütter, fast dreißig Jahre kannte sie mich. Und was immer sie in mir gesehen hat, das hat mich berührt, verändert, bereichert.
Heimlichkeiten! Niemand konnte so verstohlen Geld verteilen. Ob Verabschiedung oder Umarmung, stets verschenkte sie von ihrem Überfluss. Sie brauchte ja so wenig, denn sie hatte so viel mehr. Was ist die Umkehrung des Taschendiebs? Der Taschengeber? Jemand, der Geld in die Hände und Hosentaschen steckt? Und wie sie sich darüber freute, wenn der Beschenkte verlegen ablehnte, und wie sie darauf beharrte.
Wenn geben seliger denn nehmen ist, dann war sie wahrhaftig selig. Sie war für die Kinder, die Enkelkinder, die Urenkel da. Sogar für die syrische Familie, die vor ein paar Jahren über ihr in den unsanierten Plattenbau zog, war sie eine Großmutter. Ihr Leben lang nähte, buk und kochte sie, bis die zittrigen Hände es nicht mehr vermochten. Seit wir uns kennen, brachte sie mir Mett- und Knackwurst mit, die sie eigens für mich bei ihrem Fleischer um die Ecke besorgte: „Ich hab dich so lieb.“
Diese Oma Anni war wie ein biblischer Joseph. Immer da für andere. Und als sie nicht mehr gebraucht wurde und der Gebrechlichkeit geschuldet ihr altes Leben gegen einen Pflegeplatz tauschen musste, hat sie im Innersten entschieden, zu gehen. Und so hat sie kein Wachs mehr aufgetan, keinen Docht verlängert, sondern ihre Kerze sacht erlöschen lassen.
Ruhe in Frieden! Ich danke Dir für fast dreißig Jahre bedingungsloser Liebe. Und … wir sehen uns!
Christoph Sanders, Thalheim
Am Morgen des Heiligabends bei uns nicht alles Ton in Ton, eher bunt verschlafen. Schmerz weckt mich – Ibuprofen wirkt, Kalorien auch. Ab 11 Uhr gehts mir gut: Rasur, das Rotkrauttuning und die Mousse au Chocolat (immer beste Eier verwenden!) sind perfekt gelungen. Ich blättere durch Lepertz-Kataloge, in denen ich mir New-York-Fotos der 1940er ansehe und Assoziationen zu „Billy Bathgate“ bekomme (atemberaubendes viertes Kapitel!) Man muss richtig in ein Thema eintauchen. Dazu läuft Art Blakeys Big Band – was für eine Truppe, was für eine Scheibe (Coltrane auf „Pristine“)! Die Familie schmückt den Baum. Draußen Märzwetter bei Ostwind.
Meinen Teeniegirls gelingt es bravourös eine Ente à point zu garen – ein ganz fabelhaftes Essen, nichts ist übrig, wunderbar. Die Keulen wurden am Tag zuvor auf Schalotten gebettet und in Fett eingelegt, damit sie in der Kälte durchziehen können. Bescherung zwischen zwei Gängen, anschließend noch Käse und die Mousse au Chocolat. In unserer Familie schenkt man sich Kleinigkeiten, Praktisches, auch Selbstgemachtes und das Reparieren von Dingen (dieses Mal wars eine wacklige Workstation). Bücher sind auch immer gern gesehen. Der Band „500 Weltmeisterwerke der Kunst“ wurde von den Damen regelrecht verschlungen, ebenso passgenau ein T-Shirt und eine CD von Nina Chuba. Ich bekam einen Hausschlafanzug, der farblich perfekt zur Lego-Orchidee auf unserem Tisch passt, ein Bekannter hat im Selbstverlag einen schönen Band über Fotobücher in der DDR hergestellt (Druckauflage: 99 Exemplare). Nachdem alles kreuz und quer unterm Baum überreicht war, Tagesausklang mit Gesprächen und Wunschmusik von CD – diesmal traf es Antonio Carlos Jobim.
Der erste Weihnachtstag hellblaugrau und ostwindig frisch. Das Bein schwillt ab, der Allgemeinzustand wird langsam besser. Situps und Hockergymnastik. Ein skuriller Moment, als ich mit meinem Teenie allein und ohne dass sich jemand blicken lässt, mitsamt Violine in der St. Stephanus Kirche stehe – wir hatten uns mit unserem Auftritt um einen Tag geirrt. Nichtsdestotrotz spielen wir in aller Ruhe die beiden geplanten und ein paar Extrastücke und genießen wie dabei die Sonne allmählich den Raum verzaubert, bestaunen die schlichte Schönheit und Sauberkeit des bunten neugotischen Baus und die handgemalten Namensverzeichnisse im Eingang der Kirche. Meine Frau äußert später die Angst, dass es beim Gottesdient zu kalt sein könnte. Es gelingt uns, sie zu beruhigen: Morgen ist die Heizung an.
Lektüre: Walter Kempowskis überragendes 1989er Tagebuch „Alkor“. Kempo bekommt die kommenden Veränderungen im Ostblock von Anfang an instinktiv mit (im April die ersten Russlanddeutschen aus Kasachstan im Zug). Wunderbare Schlussfolgerungen: Wenn über die Ostmedien lauthals verkündet wird, das 99,1% der DDR-Bürger ihr Land TOLL finden, dann könne man die Mauer ja auch abreißen … Das Familienleben im Hintergrund wird nicht durch blöde Sprüche kaschiert, sein typischer Humor, wenn er bis auf das Nachkomma die Preise der Hotelmahlzeiten aufschreibt. Während ich lese, zockt unser Sohn mit seinen Kumpels FIFA – der Aufstieg in die nächste Liga bleibt aber aus. Zum Glück spielen die Jungs just for fun und schaffen es auszuschalten – da droht keine Offline Loneliness. Sehr schöne Gespräche mit meinen Mädchen. Der Teenie hat in den drei Monaten Le Mans Dank der Selbstbegrenzung des Provinziellen einen Sprung gemacht, der ihr gut tat. Als sie die Geschichten ein paar ihrer Mitschüler durchgehen, nimmt die ältere Schwester so eine Art Rolle der mütterlichen Ratgeberin an – auch das ist gut!
Der zweite Weihnachtstag beginnt mit einem Musik-Mini-GAU: Weil die beiden Mitspieler erkrankt sind, muss unser Streichquartett den Kirchenauftritt absagen – für ein Duett ist mein Teenie nicht zu haben. Wie schön, dass wir am Vortag ganz für uns die Stücke vor Ort geprobt haben. Gutes Frühstück, letzte Mandarinen, Tee, Kaffee. Frost bei strahlendstem Sonnenschein. Merkwürdigerweise denke ich gar nicht an die Radtouren, die ich gerade verpasse. Ich denke an die Heilung, bin jetzt ein Anderer, in einem besonderen Sport. Ich plane jede Bewegung, alles dauert lange, geht aber von Tag zu Tag etwas schneller. Ich genieße die Kinder um mich herum, das Lesen und Ausschlafen, die kleinen Balgereien und Reibungen der Familie. Bitter um all die über Social Media lose Gekoppelten, die so etwas nicht haben und unter einer komisch bunten, perfekten Oberfläche mit suggerierter Totalkommunikation agieren – Sozialkrüppel in Verunsicherungshöllen, in denen man sich auf nichts mehr festlegen mag. Inmitten all dieser Verletzten brauchst du reelle Freunde. Das große Geschenk des Christentums ist die Nächstenliebe – Zahn um Zahn, war das alte Gesetz, das überwunden werden sollte. Nächste Hockergymnastik. Das Bein baut allmälich die Flüssigkeit ab, keine Infektionen. Ich rufe die Familie zum Singen christlicher Lieder auf.
Der Samstagmorgen frostig und beinahe klar. Der Himmel um 7:30 Uhr orange. Lange Schlafunterbrechung nachts, warum auch immer; konnte das nachholen. Um neun sitzen alle gesund beim Frühstück, auch der Jüngsten geht es wieder besser. Der Halbbruder, der über Weihnachten zu Besuch war, ist inzwischen wieder auf dem Weg ins ferne Berlin (auffallend, wie ausdauernd er Scrollen kann!) Die Girls ab nach Wiesbaden, auch wegen des schönen Landesmuseums. Der Boy ist bei seiner Freundin, Rückkehr gegen Mittag. Ich selbst gehe auf Krücken zur Sonne. Die Wade wird weicher – eine Beinsehne, die zwei Wochen unter Gewebeflüssigkeit verschwunden war, ist wieder zu sehen! Dennoch steht das gesamte Unfallbein nach wie vor unter sehr hoher Spannung – ich muss irgendwie hinbekommen, dass ich die ganzen Meidhaltungen überliste. Im Haus dann weitere Youtube-Hockerübungen mit der Tölzer Gymnastiklehrerin Gabriele Fastner.
Während die Kinder unterwegs sind, verschlinge ich das Geschenk meiner Ältesten: Ein schmaler Mehrgenerationenroman namens „ë“ von Jehona Kicaj, einer Kosovo-Albanerin – Traumabewältigung und Nacherzählung des Krieges der Serben gegen das Kosovo, inklusive Kindervergiftung per Chemiewaffen. Einige, die das durchmachten, leben mitten unter uns. Wir ahnen nicht, was in ihnen vorgeht, wie verletzlich sie sind, wie wenig an die Oberfläche darf. Das ist alles so schade. Meine Tochter kam auf das Buch, indem sie auf die Shortlist des Buchpreises schaute und Parallelen zu Güçyeters Gastarbeiterfamiliengeschichte „Unser Deutschlandmärchen“ sah. Die Teenies kommen zufrieden mit dem Bus aus Wiesbaden zurück, der nur eine Stunde für die gut fünfzig Kilometer braucht und somit schneller als die Bahn ist, die um das Aarmassiv herumkurven muss.
Sonniger Sonntag, flugzeugvoller Himmel – Fly jet as long as your Weihnachtsbonus reicht. Fußnote zum Kalenderblatt: Zwei Planeten am Himmel der Stars in Konjunktion: Die Knef wäre heute 100 Jahre alt geworden, die Bardot stirbt mit 91. Die Nachkriegsdeutschen haben das mit Knef verpasst, was den Franzosen mit Bardot gelang: Eine kluge, selbstbewusste, schlagfertige und schöne Frau zum Bannerträger über den Ruinen zu machen – man wollte lieber Atze Brauners Schwarzwaldmärchen. Kleine Familienfeier mit zwei Brüdern und Kindern. Angenehme Gespräche rund um die große Tafel, mit den Vettern über Dartwettbewerbe und den Cousinen über Popsongalterraterunden übers Smartphone. Meine Schwägerin gibt wertvolle Hinweise und Erläuterungen zu meiner Verletzung. Ich verstehe jetzt was eine Dysplasie ist, begreife, warum man beim Oberschenkelhalsbruch knapp unter dem Hüftknochen mit Längs-Fissur nach unten das Gelenk tauscht, statt es mühsam zu nageln oder zu verschrauben. Sie bestätigte die Wichtigkeit von Vitamin D und Calcium im Heilprozess: Knochenwuchs geht nur mit Geduld vonstatten. Meine Bewegungen müssen (bis zur Röntgendiagnose) eingeschränkt bleiben, aber die Thrombose verhindert ohnehin jeden Exzess. Ich habe bisher nichts falsch gemacht, weiter so, abwarten – so die Zusammenfassung. Wertvoll, auch mental – darauf ein Schälchen Riesling-Sekt! Stolz auf meine Kinder, die sowohl das Kochen als auch den Abwasch und das Aufräumen übernehmen.
Juli Zeh im taz-Gespräch sehr gut, vor allem als sie die Interviewer persönlich anspricht mit deren journalistischer Voreingenommenheit und politischer Haltung konfrontiert. Da ich ja des öfteren in der Prignitz unterwegs bin: Gut, wenn mit Zeh jemand da lebt, der pro domo sprechen kann, freilwillig kommt so schnell kein Schreiberling nach Rhinow. (Daran dürften die paar taz-Abonennten ein wenig zu kauen haben: https://taz.de/Juli-Zeh-ueber-Nachbarn-die-AfD-waehlen/!6137251/)
Frank Schott, Leipzig
„Sind Sie spirituell?“, bin ich in dieser Woche gefragt worden. Meine Antwort war wesentlich differenzierter, als ich sie noch vor fünf Jahren gegeben hätte. „Ich habe das Gefühl, dass es etwas gibt, das größer ist als wir“, sagte ich ausweichend. „Und wünsche mir, dass es eine Gewalt gäbe, von der die guten und die bösen Taten aufgewogen und bewertet werden.“
Das Religiöse beschäftigt mich seit Wochen. Natürlich – es ist die Weihnachtszeit. Wenn wir der Geschichte Glauben schenken, ist vor etwas über zweitausend Jahren Gottes Sohn geboren worden. In der Zeitung war ein langer Artikel, der die Rolle Josephs, des zumeist unbesungenen Helden beleuchtete. Nimmt das Kind auf, das nicht von ihm stammt, versorgt und beschützt es, kümmert sich. Doch in der Bibel wird nicht ein gesprochenes Wort von ihm übermittelt. Es sind die engagierten und selbstlosen Josephe, die das Salz der Erde bilden und die Welt zusammenhalten. Auf Dich, Joseph!
Wir haben in diesem Jahr trotz Bedenken wegen der Katzen wieder einen Weihnachtsbaum. Zwar versuchen sie gelegentlich nach den Kugeln zu haschen, aber von größeren Katastrophen sind wir bislang verschont geblieben. Unser erster Weihnachtsbaum nach Einzug der Katzen lag nach einem Kinobesuch umgeworfen und abgeräumt auf dem Boden, während die Kater uns unschuldig anblickten. Dieses Jahr haben wir deshalb nur einen Kümmerling zu stehen. „Sieht aus wie ein alter Mann“, sagte ich zu meiner Frau. „Unten buschig, oben kahl.“ Immerhin – abgesehen von kleinen Attacken auf die Kugeln läuft das Zusammenleben von Katzen und Baum bislang sorgenfrei.
Stichwort laufen. Ich jogge ja nicht wegen der guten Vorsätze, sondern wegen der guten Laune. Das Laufen ist mir inzwischen ein ähnliches Bedürfnis wie dem Hündchen das Gassigehen. Im Winter kann man auf der Holzbrücke an der Pferderennbahn regelmäßig ein besonderes Schattenspiel beobachten – wo Licht ist, wird es dunkel und wo es dunkel ist, bleibt es hell. Die Rede ist vom Raureif auf den Planken, der sich im Schatten lange hält, während die Sonnenseite stets vom Eise befreit ist. Malen mit Licht und Wärme. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich dieses Schauspiel erlebe.
Ansonsten ist es einfach nur eisig kalt. Vielleicht sollte ich mir doch eine Laufjacke zulegen? All die Gelegenheits- und Gutvorsatzjogger haben so schöne Jacken: So funktional! So stylisch! So im Schrank verschwindend, sobald der gute Vorsatz vom inneren Schweinehund verschluckt wurde. Andererseits – wie oft ist es wirklich frostig beim Joggen? Wenn es Dich erwischt, musst Du halt schneller laufen, sage ich mir. Und tatsächlich hat es bislang immer funktioniert – noch bin ich jedenfalls nicht erfroren.
Die Straßen Leipzigs sind am ersten Feiertag wie leergefegt. Die Kreuzungen, an denen sich sonst die Autos drängeln und die Fahrer die guten Sitten für einen vorderen Platz an der Ampel opfern, stehen nackt und leer. Ampeln leuchten sinnlos wie vergessener Weihnachtsschmuck zu Ostern. Die wenigen Fußgänger sind dick eingepackt und ducken sich an die Häuserwände, um dem frostigen Wind zu entkommen. Am Zugang zur U-Bahn zittern zwei Raucher, die sich das Warten auf die S-Bahn mit einer Zigarette verkürzen.
Wir fahren nach Thüringen zu den Schwiegereltern. Auftakt ist das Weihnachtsbuffet im „Burghof Kyffhäuser“, zu dem die Großeltern die Familien ihrer Kinder eingeladen haben. Der Wald unterhalb des Denkmals ist verzaubert: Obwohl kein Schnee liegt, hat Raureif alle blattlosen Bäume in ein die Augen fesselndes Gewand gehüllt. Es ist so bitterkalt, dass wir vom Autos zum Gasthaus fast rennen. Auf der Speisekarte steht das Fleisch des grimmschen Märchenwaldes: Schwein, Ente, Gans, Huhn, Hirsch, Rind, Fisch … ich glaube, nur Hund, Katze und Esel der Bremer Stadtmusikanten fehlen.
Eisig kalt ist auch der zweite Feiertag. Der Wind bläst scharf und lässt die Temperatur deutlich niedriger als die ausgewiesenen -7 Grad Celsius erscheinen. Der Bach beginnt an den Rändern zu gefrieren, aber noch läuft das gurgelnde Wasser der Kristallisation davon. Schilf, das mit Raureif bedeckt ist, wiegt im beißenden Wind. Die Felder liegen im Nebeldunst, der sich in der schwachen Wintersonne hartnäckig hält.
Mir geht vieles durch den Kopf. Beim Gehen ist die Wahrnehmung anders als beim Joggen. Mir wird bewusst: Laufen lehrt einen Lebendigkeit, Gehen lehrt Achtsamkeit. Ich denke an meine siebenundneunzigjährige Schwiegeroma, die im Heim aktuell wieder kraftlos dahindämmert. Das Herz schlägt brav und laut, doch der Körper liegt teilnahmslos unter einer Decke, die sie mit einem Arm umklammert. Ihr Schlafgewand wird von Besuch zu Besuch weiter. Sie spricht kein Wort, ihre Augen blicken trübe ins Nichts.
Bei diesem Spaziergang stelle ich mir das menschliche Leben als einen riesigen Baum vor, jeder Mensch ein Blatt, die Familie ist ein Zweig. Manche Blätter werden achtlos, durch Unfall oder Dummheit abgerissen. Ganze Äste werden abgetrennt – böswillig durch die Axt des Krieges, unfreiwillig durch Katastrophen. Manche Blätter werden krank, andere scheiden aus Verzweiflung vom Baum. Das Blatt der Oma hat dem Leben so viel Gutes, so viel Liebe, so viel Kraft gegeben. Nun ist es welk und schwach. Es genügt ein sanftes Pusten Gottes, um es vom Baum zu wehen.
An der Bahnschranke muss ich auf einen der wenigen Züge warten, der die Kleinstadt noch anfährt. Er ist menschenleer. Tauben und Elstern streiten sich krakeelend um Essensreste. Ein Vater spielt mit seinem Sohn im Käfig eines eingezäunten Kleinfelds Fußball. Ein kleiner mopsartiger Hund, der auf mich zu rennen will, wird vom Frauchen so kurz an der Leine gehalten, dass er beinahe auffliegt, seine wütenden Beine berühren kaum den Boden. Aus einem Garten grüßt eine Buddhafigur mit einer Weihnachtsmannmütze auf dem Kopf. Menschen winken aus Autos, die sich aus Parklücken fädeln, um aus dem Weihnachtswunderland in den Alltag zurückzukehren. Stock- und Mandarinenten watscheln übers Wasser wie einst Jesus über den See Genezareth – nur dass sie Eis unter den Füßen haben.
Ich muss an unsere Kaffeerunde denken. Wir Jüngeren zeigen den Großeltern, was KI (wir nennen sie Keine Intelligenz) mit ein paar Bruchstücken an Angaben für Realitäten erschaffen kann und wie vorsichtig man um Umgang damit sein muss. Wir lachen über ein KI-generiertes Gedicht über Eierlikör, schmunzeln beim Betrachten eines „Selfies“ von Gladiatoren und lassen dann ein Bild erstellen, auf dem sich die Hirten an der Jesus-Krippe fotografieren. Das Erschreckende: Genau so würde es heute vermutlich ablaufen.
Dann ist Weihnachten 2025 Geschichte. Isch ower, wie der Badener sagen würde. Während die ersten bereits ihre Bäume entsorgen, füllen sich auf unserem Weihnachtsmarkt die Müllcontainer. Die Verkaufsbuden werden schnell abgebaut, damit sie an Silvester nicht das Opfer von Pyrotechnik werden.
Auch dieses Jahr erschallt der Ruf nach einem Böllerverbot. Was gibt es nicht alles für gute Gründe: Die Tiere. Der Lärm. Die Umwelt. Die Verletzungsgefahr. Die überfüllten Notaufnahmen. Der Dreck. Der Feinstaub. Die Geldverschwendung. Nichts lieben wir Deutschen so sehr, wie den Staat entscheiden zu lassen, was gut für uns ist. Ausnahme ist das Silvesterfeuerwerk – da ballern wir uns zum Jahreswechsel kollektiv den Frust von der Seele. Neben der fehlenden Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen ist das der letzte Hort der Anarchie. Und wenn sich trotz aller Warnungen wieder ein Dummkopf mit selbstgebastelten Böllern ins Jenseits befördert, so hat das der Genpool wohl einfach mal hinzunehmen.
Bernd Wagner, Kreuzberg
ERINNERUNGEN EINES NACHTGÄRTNERS (Teil 2)
Wie schon erwähnt, war mir ohnehin das frühe Frühjahr am liebsten, wenn die zukünftige Pracht eher ahn- als sichtbar ist, die Fette Henne noch mager und die Anemonen oder Buschwindröschen und Schneeglöckchen, Narzissen und wilden Tulpen, später das Scharbockskraut und die Lerchensporne eine Sippe der Kleinwüchsigen bilden, die zu einer Welt der Kinder und Zwerge zu gehören scheinen. Sie verlangen auch noch nicht so viel Wasser wie im Sommer der wuchernde Dreimaster, die fett gewordene fette Henne und jener nadelblättrige Eindringling, der sich gegen seine Reduzierung durch ein klebriges Sekret zu wehren weiß, das mir eine Woche lang in den Augen brannte und mich zwingt, ihm nur noch in Gummihandschuhen zu begegnen. Das Wasser ist ein gewisses Problem. Pro Sommertag brauche ich zwei Gießkannen voll. Anfangs füllte ich diese durch den Wasserhahn auf unserem Hof. Doch aus irgendwelchen ordnungstechnischen Gründen muß man seit vorigem Jahr in den Keller steigen und den Haupthahn aufdrehen, weshalb ich es vorziehe, die Kannen in meiner Wohnung zu füllen und zwei Stockwerke nach unten zu tragen.
Ein Kollege von mir, der ein Dutzend Betonringe vor dem Wasserfall im Viktoriapark bepflanzt hat, nutzt den dazu gehörigen Teich als Wasserreservoire. Zuerst dachte ich, die Bepflanzung wäre ein Werk der Stadtverwaltung, bis ich den Mann ansprach, der in seinem Fahrradanhänger die Pflanzen herankarrte. Er wohnt in Schöneberg und hat die Pflege dieser üppigen Oase auf eigene Initiative und Kosten übernommen. Die städtischen Behörden werden auf diesem Gebiet nur sichtbar, wenn sie Grün beseitigen, wie beispielsweise die Beete auf dem Mehringdamm, weil die Grünen-Abgeordneten einem Schnellradweg den Vorzug gaben. Alles, was frisch wächst, geht auf private Initiativen zurück; so der Bambushain auf die des Malermeisters, der im dahinter liegenden Haus wohnt; so die große Anlage mit Bank auf die der Schmuckgestalterin, mit der ich seit geraumer Zeit die Erfahrung des regelmäßigen Beklautwerdens teile.
Wir sind uns einig, daß zwei Elemente dabei zusammenkommen: zum einen, daß der asoziale Teil der Gesellschaft Schönheit nicht ertragen kann und sie zerstören muß, zum anderen, daß er den Zweck dieser Gesellschaft im gegenseitigen Diebstahl sieht und jeder gelungene Raub ihn zum Sieger stempelt. Als zum erstenmal an Stelle der Agave mich von ihrem Podest aus Leere angähnte, war ich entsetzt. Der Dieb mußte mit einem Auto oder mindestens mit einem Lastenrad angerückt sein. Sofort ersetzte ich die Agave durch ein Elefantenohr und so hielt ich es immer: nie eine Lücke in mein Ensemble reißen und nicht sich zu schriftlichen Beschimpfungen hinreißen lassen, sondern auf die Macht der Natur vertrauen: es gibt mehr Pflanzen auf der Welt, als ein noch so gieriger Dieb klauen kann. Außerdem sind sie ja mit dem Diebstahl nicht verschwunden, sondern machen nur woanders die Luft sauerstoffreicher und gesünder. Allerdings blieb als Zeuge meiner Tropenreisen nur das grüne Stacheltier übrig, das die Teichlandschaft gegten die Hunde verteidigt. Auf das Podest wanderten immer unscheinbarere Gewächse, die niemand in Versuchung bringen, während ich die Ableger meiner geraubten Pflanzen auf dem Balkon ihrem ruhigen Wachstum überlasse.
Wenn Frost sich ankündigt, wandern alle südländischen Pflanzen ohnehin in meine Wohnung. Die verdorrten Blütenstände, mit Ausnahme solch dekorativer wie die der Fetten Henne; und die Blätter und Lederhülsenfrüchte der Gleditschie kommen in die Biotonne, und den Boden des Beetes decke ich mit den rostroten Blättern bzw. Nadeln einer Sumpfzypresse aus dem Tiergarten ab. Dort bietet mir ein Baum seine Nadeln bzw. Blätter in Brusthöhe dar, und zwar in einem noch jungen Bambushain, in dem ich meine Streu ohne Rückenschmerzen einsammeln kann. In meiner Baumscheibe schone ich die Bandscheiben, indem ich mich bei Bodenarbeiten nicht bücke, sondern auf die Knie gehe.
Die Stelle meiner nicht winterfesten Pflanzen nehmen dabei von mir mit viel Hingabe gefertigte Futterhäuschen für unsere gefiederten Freunde ein, die ich markanten Stationen meines Lebensweges nachgestalte, beispielsweise dem Grenzübergang Dreilinden und dem Kraftwerk Schwarze Pumpe. Als Dächer verwende ich dabei gern Schallplatten mit einem Sprung und Flip Flops, von denen ich jeden Sommer drei Paar verbrauche, obwohl ich seit geraumer Zeit auf Tropenreisen verzichte.
Wenn ich dann des Nachts Sonnenblumen- oder andere Kerne unter sie streue, kommen mir mitunter seltsame Gedanken. Wie wäre es, dachte ich neulich versonnen, wenn ich im Frühjahr Radieschen aussäe, damit ich sie im Fall der Faälle von unten betrachten kann. Wäre es nicht wunderbar, zur letzten Ruhe unter der Gleditschie vor meiner Haustür gebettet zu werden? Wer aber soll das in einer möglichst mondlosen Nacht unternehmen? Der Malermeister scheint mir selbst dem Grab schon nahe zu sein. Ich sollte mich etwas mehr um die Goldschmiedin in meiner Nachbarschaft kümmern. Ihr ist alles zuzutrauen.
Bernd Wagner, Kreuzberg
ERINNERUNGEN EINES NACHTGÄRTNERS (Teil 1)
Nicht alles, was von der nordamerikanischen Westküste aus seinen Weg in die Welt nimmt, ist von so verheerender Wirkung wie das Joggen, die Digitalisierung und das Hollywoodkino. Ich bilde mir zumindest ein, den Trost über die von Drogen verseuchte Welt Vancouvers gar nicht weit von dieser in einem sich über einen Hügel ziehenden Viertel Seattles empfangen zu haben, und zwar in Gestalt zahlreicher, üppig wuchernder Straßenbeete.
Um jeden Baum hatten die Einwohner hier Pflanzungen angelegt, zum Teil aus mir unbekannten Vertretern der heimischen pazifischen Flora, die in der regenreichen, schwülwarmen Atmosphäre prächtig gediehen. Das war in einem der frühen neunziger Jahre, dem Jahr, in dem ich kurz zuvor meine ehrenamtliche Tätigkeit als Gehilfe der Abteilung „Sumpf und Niederungen“ des Botanischen Gartens Berlin wegen eines Bandscheibenvorfalls beim Laubharken aufgeben mußte.
Als ich von meiner Reise zurückkehrte, gehörte ich zu den ersten Berlinern, die im sandigen Boden ihrer Heimat das in diesem Fall löbliche amerikanische Beispiel nachahmten. Dazu wählte ich eine Baumscheibe im Ausmaß von etwa drei mal anderthalb Metern, die den schmächtigen Lederhülsenbaum (oder die Gleditschie) links vor dem Tor meines Hauses umgibt, der Kreuzbergstraße Nummer 22, in dem ich zu diesem Zeitpunkt bereits rund zehn Jahre lebte. In den folgenden fünfundzwanzig schuf ich mir mit dem Gärtchen gewissermaßen einen Vorposten, eine Außenstelle, eine Erweiterung meines Lebensraumes, der im Falle einer Stadtwohnung, selbst wenn sie über einen Balkon verfügt und so geräumig ist wie meine, doch immer etwas gefängnishaft Isolierendes hat.
Die Gleditschie (oder der Lederhülsenbaum) ist eine Amerikanerin (oder ein Amerikaner) und wird durch einen Pflasterring vom Bürgersteig abgegrenzt. Die Erde, in der sie wurzelt, ist allerdings die märkische, ein mageres Lehm-Sand-Gemisch, das ich keinesfalls durch Neimengung von Humus um seine karge Anmut bringen wollte, denn schließlich leben wir hier nicht, wie ein betagter Lokalpatriotismus behauptet, in Spree-Athen, sondern in Spree-Sparta. Entsprechend schlicht gestaltete ich die Grenzziehung, indem ich ellenbogenlange Äste, zumeist aus Birkenholz, an der einen Seite anspitzte und auf der anderen mit Kronkorken verschiedener Biersorten benagelte, um sie zwischen den Steinen als Teile eines lockeren Palisadenzaunes ins Erdreich zu treiben.
Außerhalb des Zaunes mußte ich die Kreuzberger Welt so lassen wie sie war, steinern, holprig, mit Kippen, Kaugummi und allen anderen Arten von Müll übersät, aber innen konnte ich sie nach meinen Vorstellungen gestalten. Eine möglichst artenreiche pflanzliche Welt, die, so stellte sich bald heraus, geeignet war, das innere Wesen des sie erschaffenden Gärtners in der von ihm ausgewählten Flora, den in sie eingebetteten Steinen, Muscheln und künstlichen Artefakten auszudücken. Es begann damit, daß ich glaubte, der Gleditschie einen Gefährten aus ihrer amerikanischen Heimat verschaffen zu müssen, der durch seine Sympathie ihr Wachstum beflügeln könnte. Ich entschied mich für jene vor Jahrzehnten in der Friedhofsgärtnerei meiner Heimatstadt erworbene Agave mit den geschwungenen, gelbgeränderten Armen, die meinen Umzug von Ost- nach Westberlin in einem Möbelwagen der Firma Zapf mitgemacht hatte und die nun, als ich sie nach unten trug, kaum durch die Tür paßte. Ich stapelte einige Ziegelsteine paarweise übereinander, damit sie ihre Arme frei über dem Erdboden ausbreiten konnte. Von diesem Podest aus wachte sie über die langsam zu ihren Füßen sich ausbreitende Pflanzenwelt.
Ich kaufte selten Gärtnerware, sondern konzentrierte mich auf die einheimische märkische Flora, von der ich mir ins Auge fallende Vertreter von jedem Spaziergang mit in die Kreuzbergstraße brachte. Nie verließ ich das Haus ohne Plastiktüte, in der die Pflanzen samt Erdballen transportiert werden konnten, und wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs war, nahm ich in seinem Korb auch kleinere Findlinge, bizarre Baumpilze oder bemooste Wurzeln mit, die in dem Beet den ihnen angemessenen Platz fanden. Dabei ergab es sich von selbst, daß sich allmählich ein Terrarium formte, das man meine Lebenslandschaft nennen könnte. Die schönste Jahreszeit in ihr war der frühe Frühling, der meiner Neigung zu feingliedrigen, dem Boden nahe bleibenden Pflanzen und Pflänzlein besonders entgegen kam.
Die Schneeglöckchen, die tief- oder hellblauen Scylla, Lerchensporn und verschiedene Schlüsselblumen woben einen zarten Teppich rund um den Baumstamm, die große Agave und eine kleinere, metallgrüne, deren starre Spitzen geeignet waren, den Hunden und ihren Haltern Respekt vor dem pflanzlichen Leben beizubringen. Sie schützten insbesondere zwei Teiche, zu denen ich zwei Suppentöpfe umgewidmet hatte, der größere mit einem Stein in der Mitte, von dem aus die Vögel trinken können. Die Ufer werden von den großen miesen Muscheln der Oder und den kleinen gerillten der Ostsee umrandet, deren Strand auch die Feuersteine lieferte, die zusammen mit Schottersteinen des Gleisdreiecks, Basaltbrocken aus dem Harz und Wackersteinen von den Feldern der Umgebung das Gebirge bilden, die das doch recht stabile Rückgrat meiner Vita symbolisieren.
An einem der Teiche löschte eine Zeit lang seinen Durst ein gußeiserner Salamander, der ich weiß nicht mehr wie in meinen Besitz gekommen war. Wenn er seine Lage verändert hatte, wenn er etwa von einem Teich zum anderen oder ins Gebirge gewandert war, wußte ich, daß eins der Kinder aus dem Haus damit gespielt hat, am wahrscheinlichsten der Junge einer chinesischen Mutter und eines deutschen, smartphonesuchtigen Vaters, der auf den merkwürdigen Namen Barnabas hört. Daß ich ihn einmal beim Spiel im Beet gesehen hatte und wie betont höflich er mich immer „Guten Tag Herr Wagner“ grüßte, legte in mir den Verdacht nahe, daß er es war, der den Salamander eines Tages mitgehen ließ. Ich nahm es ihm nicht übel, genauso wenig wie das Verschwinden anderer Kleinigkeiten, denn es kamen andererseits neue Dinge wie Samentüten und der eine oder andere Blumentopf hinzu, und alles in allem war die Veränderlichkeit des Beetes ein Zeichen, daß es lebte, ja daß es zu einem Bindeglied zwischen mir und meinen Nachbarn, zu einer Art totem, ich meine lebendigen Briefkasten für uns wurde. Und als solcher sprach ich natürlich mit ihm, besonders wenn ich im Dunklen aus der Kneipe oder Bar kam und mich in altersbedingter Ermangelung anderer Beschäftigungen die Lust übermannte, in der Erde zu wühlen, weshalb ich mir den Ehrentitel eines Nachtgärtners zulegte. Wenn es gerade regnete, zitierte ich etwa Gottfried Keller „Trinkt, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluß der Welt.“ Dann wünschte ich ihm eine gute Nacht und an jedem Morgen natürlich einen guten Morgen, was den Pflanzen so gut zu gefallen schien, daß ich mich berechtigt fühlte, dem Beet oder Gärtchen recht bald den Ehrennamen „Zur wilden Pracht“ zu verleihen. Denn von meinen Wald- und Wiesengängen brachte ich nicht nur die ausgegrabenen Pflanzen mit, sondern an meinen Bein- und Armkleidern auch Samen anderer Gewächse, die sich vor meiner Haustür ansiedelten, ohne daß ich ihre Herkunft kannte. Beispielsweise eine Kriechpflanze aus der Familie der Dreimaster, die mit ihrem grünen Geschling und den kleinen blauen Blüten in den Gelenken ab Juni das gesamte Beet zu überwuchern drohte, wenn ich ihnen nicht rigoros Einhalt gebot.
Frank Schott, Leipzig
Meine Rückenprobleme hatte die D-Ärztin bei der Nachkontrolle am Montag mit einem symbolischen Schulterzucken abgetan. „Das wird nicht mehr besser. Damit müssen Sie leben.“ Ich soll Schmerzmittel nehmen, wenn’s schmerzt. Auf meinen Einwand, dass ich das nur ungern machen würde, weil Schmerzen auch eine Warnung wären, es nicht zu übertreiben, gibt es ebenfalls das Schulterzucken: „Das müssen Sie selbst wissen.“ Nach fünf Minuten bin ich entlassen. So schnell war ich in den fast drei Jahren, in denen ich mich mit den Unfallfolgen herumschlagen muss, noch nie draußen.
In der Zeitung lese ich, dass es das kälteste Weihnachten seit 2010 in Deutschland werden soll – wo bleibt die Klimaerwärmung, wenn man sie mal braucht? Wobei derartige Prognosen mit sehr großer Vorsicht zu genießen sind: So soll beispielsweise das „Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung“ bei einem seiner modellierten Katastrophenszenarien so fahrlässig mit Daten gearbeitet haben, dass es seine im Wissenschaftsmagazin Nature publizierte Studie nach erheblicher Kritik aus der Fachwelt zurückziehen musste. Mir drängt sich der Gedanke auf, dass Menschen, die derart nassforsch mit unseren Ängsten spielen und so einer Hysteriewelle willfährig vorauseilen und ihr damit den Weg bahnen, auch in anderen dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte eine unrühmliche Rolle hätten spielen können.
Der Gedanke kommt mir beim Laufen. Es ist Heiligabend. Es gegen 9 Uhr am Vormittag. Am Brückengeländer lehnt ein verlorenes Fahrrad – immerhin abgeschlossen, also in jemandes Besitz, und nicht als unverkäufliches Diebesgut oder kaputtes Wrack lieblos in den Fluss geworfen. Mindestens einmal im Jahr ziehen Freiwillige auf Booten gemeinsam mit Tauchern Müll und Schrott aus den Flüssen.
Der Wald ist heute so leergefegt so wie Kirchenbänke außerhalb der Feiertage. Nur wessen Seelenheil ihn zwingt, wagt sich heraus – sprich: Läufer, die den Weihnachtskalorien vorbeugen. Väter, deren Babys nicht schlafen wollen. Hundebesitzer, deren Vierbeiner Geschäftliches zu erledigen haben. Ich habe den Eindruck, dass sogar mehr Hunde als Menschen unterwegs sind. Die meisten von ihnen sind bekleidet – ich schätze, drei von vier Hunden tragen ein Leibchen. Manche davon sind so farbenfroh und leuchtend wie die meiner Fußballjungs, die sie überziehen, damit sie sich beim Spiel auseinanderhalten können. Es ist nicht nur kalt, es weht zusätzlich ein kräftiger und eisiger Wind. Ohne Handschuhe hätte ich den Lauf nicht durchgehalten.
Am Heiligvormittag ist nicht nur der Wald nahezu leer, auch die Straßen sind weitaus weniger belebt als zuletzt. Wer sich jetzt noch herumtreibt, braucht Notpräsente oder Geschenkpapier. Oder ihm ist etwas kaputtgegangen, wofür er nun schnell Ersatz benötigt. Auch die Lebensmittelläden sind leerer als am Vortag, als Knappheit an Einkaufswagen herrschte. Selbst an den Imbissen und Dönerbuden ist nichts los, lediglich die Blumenkübel mit ihren spärlich grünenden Pflanzen und welken Blättern stehen vor den Läden einsam auf der Wacht. In einer Woche wird sich hier in den Nischen der Müll der Silvesterfeierlichkeiten ansammeln und mit dem braunen Laub auf die langwierige Zersetzung warten. Oder auf den Frühjahrsputz.
HEL Toussaint, Prenzlauer Berg
DIE HEXE UND DAS MÄDCHEN
Die alte kräutermutter kannte man weit umner aber wo sie wohnte wusste keiner mehr
Sie legte heillehm auf wunden halt lämmern und fohlen ans licht warzen und moderhinke besprach sie geld nahm sie nicht
Sie kam zurück aus der siedlung da kreuzte ein mädchen sie sie abgehauen zu hause und zurück will sie niewiedernie
Über die schienen gingen die alte frau und das kind hinterm ilex wo die wege zu ende sind
Höhle zwei ziegen kerzen kupfer am balken hell kräuter getrocknet die katze kessel käsekrug fell
Die alte machte dem mädchen ein bad und holunderwein bist ohne haus und namen kannst mir gehilfin sein
Meine tochter hatte so wie du das haar war so als wie du sie starb im grippejahr
Ich hab sie hinausgetragen und sie hier beigesetzt ich hab sie nicht heilen können sie aber heilt mich bis jetzt
So hat die kräutermutter wald und grün und kraut und alles was sie wußte dem mädchen anvertraut
Zwei jahre blieb bei der hexe das mädchen aus der stadt da war sie bald erwachsen die stimme der alten wird matt
Es war ein fremder morgen als sie die mutter versah und neben die tochter legte ein birkenreis pflanzte sie da
Und sie ging fort, man weiß nicht die ziegen stallte sie ein die katze blieb in der nähe und horchte am erdegebein
Christoph Sanders, Thalheim
Am Sonntag sind bereits um zehn alle wichtigen Gänge erledigt – so auch die tägliche Übungsrunde zum Hagebuttenstrauch. Wunderbar frische Luft; es ist etwas diesig, dabei sonnig. Vierter Advent – ich zünde im Haus vier Kerzen an. Nach der Hockergymnastik spiele ich auf der Violine unser Weihnachtsprogramm durch – was locker geht und angenehm vom Schmerz ablenkt (der aber inzwischen von Tag zu Tag erträglicher wird). Das Bein ist noch sehr geschwollen, und schon bei der allerkleinsten Bewegung melden sich die gereizten, langsam heilenden Nervenfasern rund um die Operationsnarben.
Die Frau ist verreist, meine beiden jungen Damen kümmern sich lieb um alles – meist stimmen sie lachend Backrituale ab. Als der Sohn von seiner Freundin zurück ist, stellen wir uns der Herausforderung, eine Fahrleuchte am Automobil zu tauschen. Da meine Hände für so eine knifflige Steck- und Drehaktion zu breit sind, könnte ich das auch gesund kaum – was aber hauptsächlich an den neuen PKW liegt: In den alten hattest du mehr Platz und Spielraum, da war so ein Wechsel in drei, vier Minuten erledigt, nun ist ein Werkstatt- oder ADAC-Termin quasi eingepreist. Aber: Vater und Sohn haben das vor Jahren schon mal hinbekommen – und so schaffen wirs auch heute.
Die mittelarmen Pauschaltoristen hinterlassen auf ihrer Flucht vor dem Christkind am Himmel kilometerlange Streifen. In der Presse die Nachricht, dass die US-Firma iRobot pleite ist – man rätselt, was nun aus den Roomba-Saugrobotern wird. Ich wette auf Löschung der „Sauberkeits-add-ons“ und massenhaft Sperrmüll nach Ablauf der Garantiezeit. Die Robotorsache berührt ein grundlegendes Problem: Das Verhältnis von Herr zu Knecht, der nicht einmal mehr mit seinem Namen gerufen werden muss, um in Aktion zu treten. Etwas arbeitet für die Beruhigung meines Gewissens, während ich mich darum nicht kümmern kann/will/muss. Ich habe den Erfolg solcher Geräte nie verstanden – die Wasserbehälter sind so winzig, dass man damit eigentlich nur faktisch saubere Böden wischen lassen kann. Ein 10-l-Putzeimer und ein großer Lappen haben die hundertfache Kapazität.
Meine Girls sitzen um mich herum, hören Influencergebrabbel und machen für ihre Freunde aus alten Magazinfotos Collagen zum Weihnachtsfest. Sie fragen mich, ob sie kreativ seien. Kreativ sein. So ein ulkiges Bild – Du bist es halt oder nicht, willst es oder nicht. Was sie eigentlich wissen wollen, ist, ob ich schön finde, was sie machen – ja, ich finde es sehr sweet, wie sie da analog vor sich hin werkeln. Nachdem sie fertig sind, räumen sie zu Wes Montgomerys Swinggitarre den Schnipselkram weg. Der kurze Tag geht ultramarin in den Abend über, die xenonorangene Festbeleuchtung der Kirche steht im Komplementärkontrast. Geigenproben mit einer Familie im Dorf. Es ist wirklich wunderbar, nicht im Alltag der anderen zu leben.
Ein grauer Montag bei trockenkühler Witterung. Ich habe verpennt, dass die Blutabnahme bei meinem Doc nur bis 9 Uhr läuft. Eine mürrische Helferin erklärt sich bereit, das noch schnell zu machen – aber nur wenn wir selbst die Röhrchen abliefern. Sie benötigt zwei Einstiche. Nun weiß ich, wo das Zeug hingeht: an einen „Healthcare-Logistiker“ namens „Global Flash“ auf einem Hinterhof in Limburg Nord. Es ist einiges los auf den Straßen – die letzen Bevorratungen für die Festtage stehen an. Beim Aldi keine Bio-Eier und keine Grapefruit mehr, alle Clementinen und Mandarinen sind matsch. Den letzten beißen die Hunde. Zu hause Lee Morgans 1966er Blue-Note-LP „Search For The New Land“ und weiter bastelnde junge Grazien.
Die letzte Runde vor dem Fest. Die Töchter studieren neue Rezepte, der nächste Teig wird angesetzt. Aber egal, was sie backen – die schlichten Sablés sind immer noch das feinste. Die Jüngste krank aus Berlin zurück – da war wohl der Infekt noch nicht auskuriert. Ein uniformgrauer 23.12. Mein gutes Müsli mit Mandeln versanftet mir den Einstieg in einen weiteren Rekonvalseszenztag. Obwohl ich das kranke Bein nach wie vor nur mitführe, wird es immer beweglicher -Ziel: Irgendwann wieder eine echte Hose anziehen … (Heiligabend bekomme ich einen leuchtendroten zweiteiligen Schlafanzug – mit Einstecktuch!) Die Nachricht, dass gestern Chris Rea gestorben ist. Der hatte etwas unverechselbares. Nachdem ich 2023 die Alpen überquert und meine Etappe in Menton beendet hatte, legte bei einem Strandkonzert der DJ „On the beach“ auf. Ein wundervoll milder Juliabend. Die roségelben und hellen Häuser einer der letzten noch vom Größenwahn verschonten Städte der Côte d’Azur. Alte Hotelpalazzos, Orangen als Alleebäume, Italien nur einen Sprung entfernt. Das sanfte Leben zu Beginn der großen Ferien … „Forever in my dreams my heart will be / Hanging on to this sweet memory …“
Auf Krücken hinüber in die 12 Grad warme Kirche zur letzten Probe des Weihnachtsquartetts. Unser Abschlusslied wird „In the bleak midwinter“ sein. Ich stellte mir dazu ein singendes, englisches Fußballstadion vor. So gehts. Der Rest wird hier von fünf Helfern erledigt.
Frank Schott, Leipzig
Verkaufsoffener Sonntag am vierten Advent. Die Innenstadt ist brechend voll, insbesondere der Weihnachtsmarkt mit seinen dicht umlagerten Buden. Die größten glühweinseligen Menschentrauben finden sich jedoch außerhalb in den Nebenstraßen zusammen, wo das Heißgetränk für 2,50 Euro abgegeben wird. Hier erfolgt das sogenannte Vorglühen, bevor man sich den einen oder anderen hochpreisigen Glühwein in der originalen Weihnachtsmarkttasse gönnt.
Während ich versuche, mir einen schnellen Weg durchs Gedränge zu bahnen, um meine Frau vom Hauptbahnhof abzuholen, stoße ich auf alle denkbaren Arten von Kindern: Bockig schreiende, bei denen wahlweise mit Drohungen oder Versprechungen versucht wird, sie zu disziplinieren. Weinende und lachende, verängstigte an der Hand eines Elternteils. Mädchen und Jungs, die an Wänden stehen und von ihren Erzeugern oder Großeltern aufgrund der Witterung oder eines Malheurs umgekleidet werden. Trotz der vielen Kinder sind die Erwachsenen in der Überzahl – ununterbrochen spucken die Bahnhöfe tausende von ihnen aus, um sie dann später, nunmehr wohlig angetrunken, wieder zu verschlucken. Im Lichterglanz der Bahnhofshalle buhlt das übliche Fastfood mit weihnachtlicher Schnellkost um Kunden.
Nach fast einhundertstündiger Familienwache am Pflegebett ihrer siebenundneunzigjährigen Großmutter kehrt meine Frau zu uns nach Leipzig zurück. Im Gepäck hat sie verhalten optimistische Berichte: Die Oma saß am Sonntag erstmals wieder im Bett und hat eine kleine Portion fester Nahrung verspeisen können. Dabei äußerte sie den Wunsch, die nächste Mahlzeit im Rollstuhl sitzend, gemeinsam am Tisch mit den anderen Senioren zu verbringen.
Ihr Herz schlägt kräftig, deutlich messbarer Puls, berichtet meine Frau.Gute Blutsauerstoffwerte, berichtete die behandelnde Ärztin. Unser kleines Weihnachtswunder? Auf jeden Fall Dankbarkeit bei allen Familienmitgliedern für die geschenkte zusätzliche Zeit mit der Oma. Dankbarkeit für die gemeinsamen intensiven Stunden an ihrem Bett im Pflegeheim. Ich verwende den Ausdruck „Abschiednehmen“ für diese Momente nur sehr ungern, auch wenn das zweifellos ein wesentlicher Aspekt des Zusammenseins war. Ein Abschiednehmen, das zehntausenden Menschen und ihren Angehörigen hierzulande aufgrund des grausamen Corona-Regimes verwehrt wurde. Auch wenn unsere Gesellschaft sich davor scheuen mag, die aufgeladene Schuld beim Namen zu nennen, wird vielleicht eines Tages die Geschichte darüber richten – oder eine Instanz im Jenseits, welche die Worte, Absichten und Taten der dafür Verantwortlichen abwägt.
Dankbarkeit anderer Art, dass ich an diesem Sonntag das erste Mal seit Wochen unbeschwert meine Laufrunde absolvieren kann. Die Parkwege sind voller Menschen mit und ohne Hund, mit und ohne Kind – vorgezogene weihnachtliche Verdauungsspaziergänge? Auch viele Läufer sind unterwegs – einige quälen sich, angetrieben von ihren guten Vorsätzen, während andere sportlich flott im Rennen gegen den Fitnesstracker sind. Ich sehe mich eher am dynamischen Ende der Skala – mit altersbedingen Einschränkungen, denn ich bin keine zwanzig mehr. Inklusive witterungsbedingter Umwege werden es am Ende 8,9 Kilometer, die ich in unter 48 Minuten absolviere.
In diesem Jahr fällt die Wintersonnenwende auf den letzten Sonntag im Advent – es ist der Tag mit der kürzesten Zeit zwischen Auf- und Untergang unseres Zentralgestirns. Die Sonne entschädigt für ihr flüchtiges Erscheinen mit warmen Strahlen, die Bäume und Pflanzen glühen lassen. Als ich ihr entgegen laufe, bin ich so geblendet, dass ich die Augen zukneifen muss. Welch ein Licht! Auch dafür bin ich dankbar.
Christoph Sanders, Thalheim
Donnerstag um 8:45 Uhr beim Arzt zur Blutabnahme. Anschließend Entfernen der Klammern aus der Operationsnarbe – mein Sohn, der mich auch hingefahren hat, beteiligt sich als Assistent. Mein Doc missioniert, will ihm den Beruf schmackhaft machen. Er kennt die Situation hier im Hinterland, weiß, dass es immer weniger Mediziner gibt. Mein Sohn meint nur, dass es nicht so sein Ding sei, an Leuten rumzumachen. Auf der Rückfahrt sprechen wir über seine mäßige Fifa-Runde gestern Abend. Er erklärt mir, wie der Torwart mittels KI gesteuert wird und welchen Stürmerknopf man als Gamer drückt. Wir kommen auf den unvergleichlichen Sepp Maier bei der WM 1970 zu sprechen, wo er im Halbfinale gegen Italien seine Mannschaft in die Verlängerung rettete. Man kann das in kompletter Länge im Internet anschauen. Zu hause zwanzig Minuten Hockergymnastik nach Videoanleitung auf Youtube. Plötzlich in die Seniorenwelt katapultiert. Wenn man dabei Musik hört, geht es. Ich entlaste das Becken und trainiere den Rumpf, die Schultern und den Rücken. Danach fühle ich mich deutlich besser – spürbare Leichtigkeit im Oberkörper und viel bessere Sitzhaltung auf meinem harten Stuhl. (Ich bin froh, dass ich auf keinem dieser Schaumstoffbürostühle sitzen muss, deren Füße immer wie schwarze Seesterne aus dem Sperrmüll in die Luft ragen.) Meine Problemzone: Die Scherkräfte dürfen nicht auf den geflickten Knochen wirken, deshalb maximal zwanzig Kilo Vertikalbelastung aufs rechte Bein. Vorsichtig bleiben!
WM-Halbfinale Italien – BRD 4:3 n.V., Aztekenstadion in Mexiko-Stadt, 17. Juni 1970
Spreche mit meiner Frau über Proteine, die meine Knochenheilung unterstützen sollen. Dass hier jetzt andere einkaufen müssen, ist eine kleine Wissenschaft für sich – zu viele mediokre Produkte verstecken den Zugang zu den gesunden Sachen. Nach einigem Hin und Her werde ich gut versorgt – die Kinder schaffen jetzt alles heran. Auf Nahrungsergänzungsmittel verzichte ich – das sind Krücken für Menschen, die sich chronisch defizitär ernähren oder Schwierigkeiten haben, alle notwendigen Nährstoffe aus natürlichen Lebensmitteln zu beziehen. Obwohl das Hämatom zurückgeht, sind die Entzündungswerte hoch – der Doc rief während meiner Siesta an (was ich sehr nett von ihm finde). Der Hämoglobinwert ist wieder im Normbereich, genau wie die übrigen Werte, die der Körper selbst produziert. Am Montag geht es dann zum erneutem Blutabzapfen. Durch Zufall bin ich bei Doctorows „Billy Bathgate“ gelandet – ein hervorragender Gangsterroman, der im New York der 1930er spielt. Großes Thema, große Literatur, hervorragende Übersetzung. Nach einer kleinen Vesper eine weitere Runde Hockergymnastik. Um mich herum weihnachtet es immer heftiger – ich warte auf den Erlöser.
Auch am Freitag Aufstehen mit Kopfschmerz, der sich nach dem Frühstück und einer Ibuprofen dann aber verflüchtigt. Ein zäher, grauer Morgen – wie gut, dass es Sencha gibt! Nach Einschalten des Radios merke ich, dass mein Nachrichtenbedarf immer weiter sinkt – eine Woche Fernsehen im Krankenhaus zeigten mir deutlich den Selbstzweck des interessengeleiteten Informierens. Überhaupt ist das, was ich dort aus Forscherneugier beim Durchzappen sah, äußerst heftig und nur schwer zu beschreiben: Diese ästhetisch vollkommen unwürdige Kleidung der Moderatoren – wer denkt sich solche affigen Moden aus? Auch in den Serien sind die Klamotten, wie alles andere, immer viel zu neu! Vor den Abziehbildchen des Wismarer Hafens staksten German-Housewive-Kommissarinnen inmitten eines üppigen Aufgebots an bis zur Auflösung gewienerten Unterklasse-Fahrzeugen herum – Darstellerzombies mit Mimik von der Klippschule. Ein Investigativpärchen im Neubauviertel, wo der bewaffnete Mob dem Asylanten droht. (Freunde, da wohnen längst keine Deutschen mehr!) Diese synthetisch gute Laune in den Dritten Programmen, wenn der bekokste Regionalreporter beim Bericht vom Christkindmarkt auf Begeisterung im Dauerregen macht. Das plump inszenierte „Bares für Rares“ mit seinen gierigen Blicken und dem falschen Lachen, das gebleachte Zähne freilegt. Und dank HD sieht man das ja alles leider in Überschärfe. Wie halten Menschen diese Gehirnwäsche des deutschen Fernsehens aus? Indem sie gar nicht richtig hinsehen und es als bunte Tapete laufen lassen. Lichtblicke waren einzig arte und ZDF Neo mit Dokumentationen über Seouler Heiratsagenturen, thailändische Transenstudios, das Auswildern eines Uhus, unsympathische Bienen oder Ortskräfte in Afghanistan.
Nachdem ich bei der vormittäglichen Gartenrundenroutine bis zum Rosenbogen gekommen war, setzt Nieselregen ein. Ich gehe ins Haus zurück und um den Küchentisch weiter. Dabei räume ich einhändig das Geschirr weg, das die Kinder nach ihrem hastigen Frühstück vor der Schule stehenlassen haben. Im SWR unterhält sich der Moderator von „Treffpunkt Klassik“ mit einem Dirigenten über die Musik der Hirten und Engel im „Messias“ von Händel. „There were shepherds abiding in the field / Keeping watch over their flock by night / And lo, the angel of the Lord came upon them / And the glory of the Lord shone round about them / And they were sore afraid“. Für mich immer wieder das Exerzitium: symmetrisches Beinebewegen, Sitzknochen gleichmäßig belasten, Hinsetzen und Aufstehen. Ich überlege, wie ich an einen Physiotherapeuten komme – die sind ja alle gut beschäftigt. Ich werde mal eine Dame aus der Nachbarschaft befragen, die wegen Osteoporose ganz ähnliche Probleme behandeln ließ. Letzter Schultag, jetzt beginnt vorsichtig die Weihnachtszeit. Mit Geschenken wird es von meiner Seite sehr schwierig – die Kids werden mich unterstützen. Diffuse Schmerzen und Mattigkeit, immer noch Konzentrationsprobleme: Alles Abstrakte wie Zahlen und Prozesse rückt weit weg – Erinnerungen, Gerüche, Geschmack, Farben treten in den Vordergrund. Den gesamten Tag dichter Regen – da ist der Radentzug dann nicht ganz so schlimm …
Coltranes „Stardust“ als Einleitung in weiteren grauen Tag. Mir sind seine Prä-Fame-LPs lieber als die späteren Endloseskapaden. Auch weil sie so schön entspannt gespielt sind, was eine wichtige Qualität ist, wie ich finde – wenn einer die schnellsten Läufe spielen kann, es aber lässt. Zudem exzellent aufgenommen von Rudy Van Gelder, bei dem man den Bass eben auch wirklich hört und dieser nicht nur so ein dumpfs Pochen im Untergrund darstellt. (Der Bass spielt ja im Baritonbereich häufig die männlichen Stimme – das muss mitsingen!)
Großes Samstagfrühstück mit drei großen Kids, die ihre diversen Fashion-Statements mit an den Tisch bringen. Die Girls begeben sich danach in die Kreisstadt, wo mir eine der Töchter hoffentlich eine opalene Heilkräuterschale töpfern wird. Ich werde vom Sohn im Sechsspänner durch den Nieselregen zum Einkauf gebracht. Im Norma sind die Heizungen ausgefallen, was zwei Warmluftgebläse im Kassenbereich auffangen sollen. Beim Metzger schenkt man mir, „dem verletzten Radfahrer“, zwei Leberstückchen dazu. (Es spricht sehr für die Firma, wenn das Angestellte einfach machen können.) Später rief Der Scout von den Radkollegen an – wir sprechen über mögliche Modifikationen der Odenwald-Strecke. Für das Tourthema werde wie immer ich zuständig sein (es wird sich diesmal am Lauf der Lahn orientieren, so viel sei verraten). Aus seinen persönlichen Erfahrungen nach einer Knie-OP rät mir Der Scout zu mindestens zwei Wochen Reha. Mein Misstrauen gegenüber den Opioiden teilt er – Talgin ist ein starker Stoff, der dieserart Wohlgefühl erzeugt, das sehr schnell abhängig machen kann. Im Schlaf träume ich jetzt übrigens öfter mal von alten Radtouren, deren Strecken mein Hirn tief abgespeichert hat. Mein limbisches System ist offenbar weiter hochaktiv, was ich dann auch beim Essen wahrnehme. Zum Beispiel beim Genießen der Brownies, auf die sich die Damenküche nach stundenlangem Abwägen schlussendlich einigen konnte. Ein völlig vernieselter Tag, der hauptsächlich im Lesesessel dahinging, in dem ich, begleitet von Mozart-Overtüren, „Billy Bathgate“ zuende las. Doctorows Beschreibung der Straßen New Yorks, der Kneipen und Berufe, des rücksichtslosen, brutalen Gangsternaturells ganz stark. Dynamik und Rastlosigkeit der unterschiedlichen Geschäftsmodelle treffend erfasst – die alte Generation sieht ihre Ablösung kommen, der neue Typus der Finanzverbrecher folgt auf die Alkoholbarone; Beginn von Korruption und Geldwäsche auf allen Ebenen. Tolles Buch! Bei unseren Nachbarn wird jetzt im Schatten des aufblasbaren Nikolaustitanen in der Garage Glühwein getrunken. Ich höre meine schwatzenden Mädels lachen – ein wunderschönes Geräusch …
Frank Schott, Leipzig
Wie machen es Katzen, dass sie sich ohne Worte und Mimik derart in unser Herz schmeicheln? Ich bin kein Fan von Haustieren und habe mich, angesprochen auf unsere zwei Kater, anfangs lediglich auf die Prinzipien des Mafiapatriarchen berufen: „Sie sind nervig und zu nichts nütze, aber – hey – sie sind Familie, verstehst Du?“ Seit die Beiden Freigänger sind, toben sie sich in den Hinterhöfen aus und sind abends müde und erschöpft. Die kamikazehaften Sprints durch die Wohnung, die verwegenen Sprünge auf die Möbel und wieder herunter haben sie eingestellt, was ich persönlich (Familienmitglied hin oder her) sehr begrüße. Inzwischen bin ich vermutlich derjenige, mit den meisten Katzenfotos in unserem Haus.
Nach drei Wochen Pause wage ich wieder einen Lauf im Freien. Nur fünf Kilometer, nur geruhsames Tempo. Trotz der Schwäche im Körper fühlt es sich gut an. Der Rücken bereitet keine Schmerzen -ich kann endlich wieder laufen! Mich begleitet eine wintermüde Sonne, die es kaum über den Horizont schafft. Ihr Blinzeln durch die Wolkendecke lässt aber immer noch die Bäume erstrahlen. Die Wege sind trocken, nur tief im Wald halten sich hartnäckig die Pfützen.
Am Fluss stehen oder sitzen fünf Angler und unterhalten sich. Ihre Angeln ruhen, kein Fisch regt sich. Viele Menschen mit Hund, einige sogar mit mehreren, nutzen das Morgenlicht zu einem Spaziergang. Dafür sind kaum Eltern mit Kindern unterwegs. Bei einem Mann, dem ich mich von hinten nähere, ragt ein Zipfel zwischen Schulter und Hals empor. Ich halte es für einen elektrischen Tabakverdampfer, bis ich im Vorbeilaufen sehe, dass es tatsächlich nur ein Zipfel ist: der Zipfel einer blauen Mütze, die auf dem Kopf eines Babys sitzt, das in einem Tragesack an des Vaters Brust ruht.
Ein Hauch von Mensch, diese Babys. Ein Hauch von Mensch auch die Schwiegeroma, die ich kurzfristig mit meiner Frau im Pflegeheim besuche. Mit größter Sorge betrachten wir die 97jährige, die noch im Sommer beim Familientreffen aller Großeltern so viel zu erzählen hatte. Jetzt lebt sie seit knapp zwei Monaten im Heim und liegt seit einigen Tagen fast apathisch im Bett, zu schwach um aufzustehen, die müde Stimme wenig mehr als ein Flüstern. Ihre rechte Hand umklammert erstaunlich fest den Zeigefinger meiner linken Hand. „Wie konnte das passieren?“, fragt sie leise, kaum hörbar.
Wie konnte das passieren? Ein Mensch, altersgemäß fragil und unsicher, aber doch mit beiden Beinen im Leben stehend. Bis vor wenigen Wochen zwar mit Hilfe, aber doch allein in ihrer kleinen Wohnung lebend. Wie konnte das passieren? Mir will der Gedanke von einer Blume, die man umgetopft hat und die nun ihre neue Umgebung nicht verkraftet, nicht aus dem Kopf gehen. Ein Hauch von Mensch nur, aber dennoch: Was für eine zähe Kraft in den dünnen Fingern, die sich an meine Hand klammern. Vielleicht gibt es ja doch ein Weihnachtswunder und sie schlägt erneut Wurzeln?
Maria Leonhard, Spornitz
Mein Ziel war der Biedermeier-Christmarkt in Werben an der Elbe, einer klitzekleinen Hansestadt im Landkreis Stendal. Ich erhielt den Tipp von einer Freundin und prüfte, ob ich es trotz des gebrochenen Mittelhandknochens schaffen würde, alleine dorthin zu fahren. Ich trage inzwischen eine gut händelbare Orthese und kann mit drei Fingern auch schon wieder etwas zufassen. Aus dem Internet erfuhr ich, was mich erwarten würde und stellte aus dem umfangreichen Programm dann mein eigenes zusammen.
Ich machte mich früh auf den Weg – ich wollte dort sein, bevor das Drängeln und Schieben vor den Ständen beginnt, wollte das Erwachen des Marktes rund um die St.-Johannis-Kirche erleben, den 900-Seelen-Ort mit seinen restaurierten Fachwerkhäusern in Ruhe kennenlernen.
Während meiner Fahrt kämpfte sich die Sonne durch den Frühnebel, bis dieser so nach und nach die Sicht auf die Weite der immer noch grünen Landschaft freigab. Um mich besser auf die Naturbilder (und natürlich auch noch auf den Verkehr) zu konzentrieren, stellte ich sogar mein Hörbuch ab. Die meiste Zeit war ich allein auf der Straße, so dass ich ohne weiteres anhalten konnte, um die über und über mit Misteln bewachsenen Bäume zu betrachten.
In Werben angekommen, erfüllte es mich mit Freude, dass ich die Hinfahrt so gut gemeistert hatte. Ich fand einen Superparklatz und die Sonne strahlte. Ohne jegliche Eile genoss ich die Atmosphäre des beschaulichen Ortes, den Platz rund um die beeindruckende Kirche und die freundlichen Blicke der Markttreibenden in ihrer Biedermeierkleidung, die an etwa vierzig kleinen, sehr liebevoll hergerichteten Ständen größtenteils selbst Hergestelltes feilboten.
Beim Weiterschlendern entdeckte ich auf einem Hof eine weitere kostümierte Frau. Sie machte mich auf den Verein „Miteinander – Füreinander“ aufmerksam, der sich nebenan in der Bücherstube trifft. Neugierig geworden, ging ich hinüber und wärmte mich dort bei noch warmem frischgebackenen Kuchen und Kaffee auf. Dabei kam ich mit Herrn Gellerich, dem Mann der Vereinsvorsitzenden, ins Gespräch. Er und seine Frau kennen sich seit 1961 – da war er 16 und sie 14. Er erzählte, was sie gemeinsam geschaffen haben, auch mit dem Verein. Dieses war bereits der 21. Biedermeiermarkt, von denen jedes Jahr einer im Sommer und einer im Advent stattfindet. Die dabei gesammelten Spenden und ein Teil der Einnahmen fließen in die Restaurierung der denkmalgeschützten Altstadt.
Von der Bücherstube ging es zurück zur Kirche. Dort erwartete mich das Harmoniumkonzert mit Professor Jochen Großmann. Zwischen den Stücken erzählte er sehr unterhaltsame Anekdoten rund um das Instrument. Währenddessen wanderte mein Blick immer wieder zu den kunstvoll gearbeiteten Fenstern des riesigen Kirchenschiffes – was der Mensch alles erschaffen kann! Als ich aus der Kirche trat, sah ich, dass sich auf dem Markt inzwischen die Besucher drängten.
Mit dem friedlichen Stimmengewirr im Ohr machte ich michauf den Weg zur alten Mädchenschule, wo ich an einer Unterrichtsstunde teilnehmen wollte. Da viele den gleichen Plan hatten, bekam ich gerade noch den Strafplatz. Die Lehrerin, auch im Biedermeieroutfit, unternahm eine historische Reise in die deutsche Kurrentschrift, die von Ludwig Sütterlin vereinfacht wurde und mit seinem Namen in die Geschichte einging. Ich hatte mir diese Schrift als Kind selbst angeeignet und meiner Oma damit Briefe geschrieben. Sie freute sich damals sehr darüber. Nun hatte ich Spaß daran, mein Wissen wieder auffrischen zu können.
Auch bei der nächsten Veranstaltung war es sehr voll. Im Hoftheater wurde von der „Werbener Dilettantengesellschaft ‚Altmärkisches Treibgut’“ das Stück „Der falsche Prinz“ frei nach Wilhelm Hauff aufgeführt. Damit jeder entspannt zusehen kann, wurde auf den Bänken ganz selbstverständlich zusammengerückt. So hatten wir alle zusammen Freude. Für die Marktleute selbst wurde das Märchen schon am Vorabend gezeigt. Schön, dass an so etwas bei der Planung gedacht wurde!
Langsam wurde es dunkel. Ich hatte gelesen, dass der Markt ohne Strom und Plastik auskommt – und tatsächlich erhellten inzwischen Kerzen die Stände und eine eigentümlich angenehme Stimmung schwang über den Platz. Nun stand der letzte Punkt auf dem Programm – mit einem heißen Aroniasaft im Pfandglas wärmte ich mir beim Bläserkonzert zum Marktabschluss in der Kirchbank die Hände. Der Weg zum Parkplatz durch die Lichterstraße wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Vielleicht komme ich bereits zum Sommermarkt wieder hierher.
Christoph Sanders, Thalheim
Sonniger Dienstag mit Frost. Am Morgen Termin bei meinem Arzt, der als Boat-People-Baby aus Vietnam in die BRD kam. Das Werder-Bremen-Trikot, das ich ihm mal schenkte (ein Meisterschaftsstern), ist hinter seinem Chefsessel aufgespannt. Lebhaftes Gespräch über den möglichen Therapieverlauf und Heilungsprozess – sowie meine Fähigkeit, andere Menschen durch Hibbeligkeit zu verwirren, was sich nach dem Unfall vermutlich noch verstärkt hat. Klar, wenn man von einem Moment auf den anderen an Bett und Stuhl gekettet ist. Er begutachtet meine dreißig Zentimeter lange Narbe, benennt das Problem, dass zuerst der Längsbruch des Oberschenkels verheilen, gleichzeitig aber die Hüfte belastet werden muss. Ich soll hin und her gehen, die Streckenlänge allmählich steigern, Treppensteigen ist okay als Training. Die neuen Hüftgelenke müssen nun anwachsen.
Am Nachmittag ein girls made Caesar salad, China Oolong und Familienbesprechung der Weihnachtsgeschenke. Treppensteigen über zwei Etagen als mein neuer Indoor-Sport, dabei beachten, dass der Oberschenkelbruch nur zwanzig Kilogramm Druckbelastung aushält. Muss mich insgesamt erst einmal an all die ungewohnten Bewegungsabläufe und Körperzusammenhänge (Schenkel – Hüfte) gewöhnen. Tageserfolg: Ich habe die Flexion meines verletzten Beins erhöhen können. Am Abend die tägliche Thrombosespritze.
Auch am Mittwoch ist die Stunde nach dem Aufstehen die härteste: Schmerzen beim Hinsetzten, beim Stehen, bei jeder Fehlbewegung. Dumme Meidhaltungen. Ich brauche zehn Minuten für das Anziehen einer Socke. Rudimentäre Waschungen, Frühstück zubereiten – alles einhändig. Ich gehe rüber zur Senchadose, der Schmerz kommt mit, verfolgt mich. Sehr erschöpfend, aber es ist wieder etwas geschafft. Kleine, schöne Runde zu den Vögeln im Garten. Unsere Hagebutte leuchtet rostig, die Frostäpfel dahinter hat, als ich in der Klinik war, niemand angetastet. Seit dem Unfall verspüre ich eine Verschärfung meiner Geruchswahrnehmung. Ich vermute dahinter eine Aktivierung des limbischen Warnsystems: Gerüche, die als potenziell bedrohlich eingestuft werden (Fäulnis und Fäkales), lösen Alarm aus. Auf der anderen Seite dann der Wohlgeruch einer Mandarinenschale, wie er auch im Duft Habit Rouge aus dem Hause Guerlain anklingt. Meine kleine Parfumsammlung ist überhaupt die reinste Therapie – beim Hineinriechen wandere ich im Geist sogleich neue Räume aus …
Warten auf das Mittagessen, darauf warten, dass mein Teenie aus der Schule kommt. Die ist grandios und dazu noch begabt: Heute gibt es vorzügliche Hühnchen in Weißweinsauce mit Basmatireis. Ich beginne ein neues Aquarell, das Cezanne nachempfunden ist. Beethoven mit dem Suk Trio – Violine, Violoncello und Klavier. Auch das ist Teil der Therapie. Zwei Weihnachtsbriefe, leider immer noch keine Rückmeldung von der Physio – als ob ich nicht schon unruhig genug wäre … Dafür scheint die Reha nun genehmigt zu sein – Anruf vom Sozialmedizinischen Dienst aus dem Krankenhaus Erbach. Frau Michel hat mich nicht vergessen, das ist so wertvoll! Die Treppe rauf, die Treppe runter. Dabei die Strahlen der Nachmittagssonne genießen, die unterschiedlichen Gerüche der Zimmer. Da mich die Opioide vergesslich machen, werde ich jetzt bei Ibuprofen bleiben – ich bin sowie ständig mit der unmittelbaren Gegenwart beschäftigt, das muss nicht noch verstärkt werden. In der arte-Mediathek eine Doku über einen Ballettänzer mit Achillessehnenriss. Ich verfolge aufmerksam dessen Aufbauübungen. Er braucht sechs Monate, um wieder voll bewegungsfähig zu sein. Das gibt mir einen Maßstab, motiviert. Der Film endet, wie nicht anders zu erwarten, mit einer erfoglreichen Aufführung. Am Abend die nächste Spritze. Freude auf die Gartenrunde am Vormittag, die ich als Routine etablieren werde.
Frank Schott, Leipzig
Warum singen wir eigentlich so wenig? Vor allem: Warum singen wir so wenig gemeinsam? Mir wird bewusst, dass ich mit meinem Sohn nur im Stadion, um unseren Verein anzufeuern, gesungen habe, nie aber zu hause. Nicht einmal Heilig Abend. Als ich klein war, hat das unsere Familie auch nie gemacht. Sicherlich mussten wir Kinder damals ein Lied vortragen oder ein Gedicht aufsagen, bevor es Geschenke gab, aber als Familie gesungen – das haben wir nicht.
Wie ich darauf komme? Ich war mit meiner Frau relativ spontan beim Weihnachtssingen in der Red Bull Arena. Wir hatten keine Ahnung, was uns erwarten würde. Tatsächlich war es dann eine sehr schöne Veranstaltung: Die Chöre des Gewandhauses sangen, und wer trotz fehlender Textkenntnisse mitmachen woillte, für den waren auf der riesigen Anzeigetafel und auf LED-Wänden karaokemäßig die jeweiligen Textzeilen eingeblendet. Während ich mitsang, fiel mir zum ersten Mal auf, wieviel christliches Selbstverständnis in den klassischen deutschen Weihnachtsliedern steckt. Wenn es so etwas wie den Geist der Weihnacht gibt – hier ist er über mich gekommen.
Lebendiger Adventskalender mit unseren zwei Katern: Sobald sich ein Türchen im Haus öffnet, flitzen sie raus. Oder rein. Manchmal sogar wie bei der Verdauung – vorne rein (Haustür), hinten raus (Gartentür). Einmal durch den Flur – weg sind sie wieder. Manchmal wird noch kurz der Fressnapf inspiziert oder die Katzentoilette konsultiert, dann geht es zurück an die frische Luft. Weil wir keine Katzenklappe haben, müssen die beiden manchmal etwas Geduld mitbringen, wenn sie wieder rein wollen. Dann verstecken sie sich auf dem Gelände und lauern darauf, dass jemand die Türe öffnet.
Ein Ausflug ins Antiquariat, genauer: in zwei verschiedene. Ich bin auf der Suche nach einem Geschenk für meinen Schwiegervater, der mit Leib und Seele Ingenieur ist. Noch heute, längst pensioniert, bietet er in seiner alten, bis in die DDR-Zeit zum Teil mit Dampf betriebenen Zuckerfabrik Führungen an. Ich halte Ausschau nach einem Technikbuch, das möglichst vor 1945 erschienen sein soll.
Zwischen den Bücherstapeln werde ich Ohrenzeuge verschiedener Gespräche. Die Antiquarin teilt einem Mann mit, dass sie ihm nach ausführlicher Recherche nur 12 Euro für seine Schätze anbieten könne. Der anfangs etwas Enttäuschte: „Was soll’s, bevor ich sie wegschmeiße. Vielleicht freut sich noch jemand drüber.“
Im zweiten Laden wird ein anderer Mann ein historisches Werk mit Wappen von Adelsgeschlechtern nicht los. Der Antiquar hat Zweifel an der Echtheit, die Wappen sehen ihm nachcoloriert aus: „Es passt nicht zu den Ausgaben, die ich kenne, das ist so ein Bauchgefühl.“ – „Aber das ist äußerst sorgfältig gearbeitet. Vielleicht hat das der Künstler ja selbst gemacht?“ – „Das müsste man recherchieren.“ – „Könnten Sie das machen?“ – „Leider nein – wir reden hier über viele Stunden Arbeit und am Ende ist es vielleicht nichts wert.“ Der alte Herr schlägt das Buch wieder vorsichtig in Papier ein.
Mir kommen zwei kuriose Gedanken: Im ersten geht es um den Klimaschutz: Bücher wären doch hervorragende CO2-Senker – je mehr man davon hat, desto mehr Bäume braucht man, desto mehr CO2 wird der Luft entzogen. Analog zum Flugscham-Ablasshandel könnte man„Kaufe zehn Büche, fliege 1000 Meilen ohne schlechtes Gewissen!“ anbieten. Beim zweiten Gedanken geht es um den ultimativen Blackout: Wenn die Stromnetze ausfallen, sind digitale Datenträger nur noch Schrott. Das Wissen, das uns auf Dauer bliebe, wäre dann wieder in Büchern wie „Des Ingenieurs Taschenbuch“ von 1937 gespeichert, das ich für meinen Schwiegervater mitnehme.
Am Abend mache ich die tröstliche Erfahrung, dass Bücherwissen auch nicht alles ist: Mein Sohn ist gerade in seiner asiatischen Phase und hat für die Familie Reis mit Tofu gekocht. Darauf sollen wir geröstete Sesam-Körner streuen. Die Tüte mit dem Sesam lässt sich nicht wie üblich aufreißen. Ich steuere verwegen ein „Sesam, öffne Dich“ bei – vergeblich. Am Ende entscheiden wir uns für die Schere.
Christoph Sanders, Erbach und Thalheim
Bericht aus dem Kreiskrankenhaus in Erbach im Odenwald – Teil 4.
Der Tag beginnt im Sausetakt: Halb fünf kommt die Nachtschwester aus Wald-Michelbach (ich empfahl mich als ortskundig), um sieben Blutentnahme, um halb acht Frühstück – dieses mit den familiären Ergänzungsmitteln Banane, Rote Bete, Grapefruitdirektsaft. Von der gesamten Krankenhausnahrung ist eigentlich nur der Naturjoghurt (den es auf Wunsch gibt) gesund. Die NZZ berichtet über japanische Rettichzüchter, die auf winzigen Parzellen arbeiten (bergiges Land). Alles geschieht im Familienverband. Die steigenden Temperaturen bringen traditionelle Zyklen wie den Erntedankritus durcheinander. Durch den Morgen mit Henryk Góreckis „Miserere“ – ganz groß!
Mir wird mitgeteilt, dass meine Werte jetzt erlauben, dass ich nach hause kann! Einlieferung ins Krankenhaus am zweiten, Entlassung am dritten Advent. Mein Sohn übernimmt den Rücktransport – zweieinhalb Stunden im perfekt dafür geeigneten Espace, unserem Familienwagen. Bevor ich einsteige, werden die cremefarbenen Lederbezüge entstaubt. Der Cappucino von der JET-Tankstelle Erbach versüßt mir den Abschied von der Stadt des Zulieferers Rexroth und des Plastikspezialisten Koziolin. Ich genieße Vollgas und Rechtskurven und die wechselnden Liegestellungen meines Sitzes – lediglich die Bremsungen schmerzen. Mein Junge, der noch nie so eine weite Strecke alleine gefahren ist, meistert den dichten Verkehr und ist am Ende genauso erledigt, wie ich stolz auf ihn bin. Im Haus teste ich diverse Sitzgelegenheiten, einschließlich des schön harten WC-Sessels. In der Küche fällt die Wahl auf den alten Babystuhl, in dem ich alle meine Kinder befüttert habe. Massiv verleimte Buche, höhenverstellbarer Halbschalensitz und robuste Armlehnen – ein gutes Sitzgefühl. (Das Futterbrett wurde natürlich entfernt.) Ich lege meine Thrombosespritze bereit und nehme eine Ibuprofen. Ich bin latent müde und höre ein wenig Musik. Das Wundwasser kommt aus dem Gewebe und drückt, also gehts mit Schmerz in die Horizontale.
Mich wecken vertraute Stimmen, die allesamt keine Lust auf Schule haben. Fantastische Kinder, die voller Mitleid auf ein Elefantenbein schauen und sofort begeifen, was es heißt, nicht mehr an eine Tasse oder die Mikrowelle zu kommen, fürs Hinsetzen ewig zu brauchen und dabei die ganze Zeit auf die Vermeidung von schmerzhaften Positionen konzentriert zu sein. Ich habe ordentlich geschlafen. Mein Müsli ist eingeweicht, es gibt nach einer Woche endlich wieder richtigen Tee, Feta, Hühnereier und Dvořáks Streicher aus Boxen.
Hier haben sich nun die Rollen vertauscht: Die Jüngste kocht für mich. Ich sitze da und gebe Tipps, zum Beispiel wie man schonend eine heiße Kartoffelschüssel abkippt. Mein Kind ist im letzten halben Jahr von 1,50 auf 1,70 m gewachsen und berichtet von Problemen mit der Koordinierung, was ja im Vollwachstum der Pubertät völlig normal ist, da das Gehirn langsamer nachwächst. Trotzdem werden später Hausaufgaben gemacht und gelernt. Die Teenies sind da. Der Ofen will nicht recht. Wir essen Brote mit Orangenmarmelade. Am Abend die Thromboseinjektion – und Fragen: Ungefähr zwei Wochen dauert der Abbau des Hämatoms. Wo könnte ich zur Physio? Muss ich? Oder reichen meine Lymphmassagen und Übungen daheim? Ich werde nichts überhasten, im Moment ist am wichtigsten, dass die Wunde dicht bleibt. „Éclairs sur l’Au-Delà…“ vom exaltierten Olivier Messiaen – durch Musik drückst du genau das aus, was für die KI völlig überflüssig ist. In der Klinik drang aus dem Gruppenraum der Schwestern und Pfleger oft Lachen – auch das war ein guter Sound.
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 22:25:41, 12-12-2025
Christoph Sanders, zur Zeit Erbach
Bericht aus dem Kreiskrankenhaus in Erbach im Odenwald – Teil 3.
Zuhause liegt die Jünste seit ein paar Tagen mit einer Grippe im Bett. Sie sagt, der Infekt sei heftiger als Covid. Ihre gerade aus Frankreich zurückgekehrte siebzehnjährige Schwester läuft zur Höchstform auf. Beruhigend. Am Donnerstagabend doch noch ein neuer Zimmergenosse. Er wurde für eine Hüftoperation aus dem Altersheim hergebracht; Pflegestufe 2, extrem starkes Übergewicht, künstliche Blase, Zahnvollprothese. Hat sicher vierzig Jahre fleißig am Wohlstand gebastelt. Man duscht ihn, kleidet ihn ein, nimmt ihm Blut ab. Das Einschlafen neben ihm wird zur Prozedur, die mir nur dank Ohropax gelingt – mit dem Geschnarche und Geschnaufe hätte er einen ganzen Hafen wecken können. Es wird trotzdem eine kurze Nacht für mich. Nachdem er am Freitag aus der Narkose erwacht ist, hat er absurde Forderungen an die Schwestern, will bekommen was ihm „zusteht“. Von einem Hilfsmittelversorger erhält er per Phone die Nachricht, dass das mit den neuen Krücken, dem Greifer und der Toilettensitzerhöhung aus Gummi klappt, was er dankend quittiert. Er kommt mir vor wie jemand, der eine innere Liste abhakt, um das „herauszubekommen“, was er eingezahlt hat. Als ich später mit meinem Sohn Organisatorisches bespreche, beschwert er sich, dass meine Familientelefonate zu lange dauern würden und verlangt seine Verlegung in ein anderes Zimmer. Die wird zum Glück genehmigt!
Fortschritte: Der Schwindel ist weg. Ich habe keine Hämatome oder Thrombose. Die nochmals vernähte Wunde ist dicht. Gut. Ich werde mobil und patroulliere den fünfzig Meter langen Gang auf Krücken auf und ab und versuche, ganz sanft aufzutreten und das von der OP betroffene Bein gerade zu setzen. Es funktioniert – und warum auch nicht, mein Körper konnte vor ein paar Tagen noch hunderte Kilometer im Sattel sitzen. Ich verbessere meine Technik, schaffe vierhundert Meter. Treppensteigen geht auch, darf ich aber nur unter Aufsicht – jedes Sturzrisiko muss ausgeschlossen werden. Ich gehe auf Stoppersocken in die Kantine, treffe dort auf bekannte Mitpatientengesichter. Nach fünf Tagen endlich Koffein für mich! Dazu ein Vollkornbrötchen mit Honig. Eier werden nicht angeboten, aber ich erwische den letzten Becher Naturjoghurt. Obst gibts nur als Kompott, gegartes oder gedünstet Gemüse nur einmal in der Woche. Später schenkt mir eine der persischen Pflegerinnen eine Mandarine – welch Wohltat! Ich lerne einen superjungen Ukrainer kennen, der wegen eines ziemlich üblen Daumeninfekts da ist. Er ist spindelldürr und isst alles, was man ihm gibt. Zudem bekommt er Vitaminspritzen. (Die bräuchte ich auch so langsam …) In seiner Heimat hatte er massiven Haarausfall, das hat hier nun aufgehört.
Ich erkenne auf der 4B die junge Pflegerin, die am Morgen gestresst und völlig platt den Aufzug erreichte – sie war vom Bahnhof zur Arbeit gelaufen. Eine andere, noch minderjährig, steht um 4:30 Uhr auf, damit sie um sechs zum Dienst da ist. Heldinnen! Auch die hervorragende Sozialarbeiterin und die Ärztin, die mir die Sorge um vollständige Heilung genommen haben! Trotz dieser wundervollen Menschen sehe ich ein System, das eher am Kipppunkt steht als die Nordsee. Wenn man wirklich wollte, könnte man das ändern. Nach dem Mittagsschlaf schaue ich das Fußball-WM-Finale von 1970 – was für ein Spiel! Mir wird mitgeteilt, dass es am Samstag zu meiner Entlassung kommen könnte! (Wahrscheinlich hat man die Dauerläufe auf dem Flur bemerkt.) Telefonate wegen des Abtransports – wenn alles hinhaut, mittags große Familienvereinigung am Flughafen Hahn. Ich bin voller Vorfreude. Und genieße die Einsamkeit im Zimmer – in der Nacht keine Posaunen, kein Röcheln, kein Grunzen, kein Japsen.
Ich wache am Samstag gut erholt auf. Beneide alle, die da draußen zum Frühstück einen richtigen Grünen Tee trinken können – bei mir seit fünf Tagen nur Beutelchen und konfektioniertes Graubrot. Heute immerhin ein ganz ordentliches Schokomüsli. Mein Körper wartet auf Kalorien. Dusche und auf den Transport warten. Vor dem Fenster eine dichte Wolkendecke. Der dienstneue Oberarzt kommt herein und teilt mir mit, dass er wegen meiner gestrigen Blutwerte alarmiert sei – mit dem Hämoglobin und den Leukozyten stimmt etwas nicht. Ich verlange besseres Essen. Immerhin ist die Wunde immer noch dicht. Ein neuer Wundverband und Massage. Ich kleide mich an. Warten. Dann überschlägt es sich – es gibt Probleme mit dem Bein! Ich bekomme ein Notmittel. Ab zur Computertomografie – fünfzehn Minuten Totenstarre unter dem rotierenden Ring aus „2001: Odyssee im Weltall“. Zum Glück keine innere Blutung! Flüssigkeitsstau im Bein. Der kommt von den Hämatomen, der Blutverlust vom Unfall und der OP. Transfusionen sickern in den Körper, was spürbar wirkt.
Meine Familie schaut rein, bringt Rote-Bete- und Grapefruitsaft – und Brot vom Bäcker! Wäschetausch. Meine Hand wird gehalten. Mir wird vom Genesungszimmer erzählt, das man mir zu hause gerichtet hat. Nach dem Abschied übernehmen wieder Schwester Jeida und Pfleger Patrick, die sich unglaublich lieb um mich kümmern. So viele tolle junge Leute! Mache die Bekanntschaft mit Patrick aus Kinshasa, der seit zwei Jahren in Erbach lebt und eine Ausbildung zum Chirurg bestreitet. Im Kongo hatte er bereits einen Abschluss, der hier aber nicht anerkannt wird. Sein Deutsch ist hervorragend, aber es tut ihm sichtlich gut, mal wieder mit jemandem (mir) Französisch zu reden.
Nach dem abendlichem Rundgang wird der nächste Beutel an die Kanüle gehängt. Interessantes Detail: Hier vor Ort wird zwar die CT und das MRT gemacht, aber die technische Auswertung erfolgt in München bei Siemens. Damit erstellt ein heidelberger Radiologe dann den Befund. Ausgelagerte Dienstleistungen. Gute Nachricht: Ich darf wieder so viel laufen wie ich will – nur so wird das massive Hämatom abgebaut. Nachdem die Transfusion durch ist, gerhts also acht mal den Flur rauf und runter. Zurück im Zimmer Waschungen und Zahnputz. Die Älteste ruft immer wieder an, überhaupt strömt gerade sehr viel Liebe auf den Vater ein. Auch da wird gespürt, dass es immaterielle Dinge sind, die das Leben ausmachen.
Zwei letzte Tranfusionen für heute – die eine in den Arm, die andere Mozarts Klavierkonzert Nr. 24 und Nr. 25 mit Mitsuko Uchida.
Grafiken: Helko Reschitzki
Frank Schott, Leipzig
Nach fast drei Jahren streifen unsere beiden Kater nun regelmäßig durch die Hinterhöfe unseres Blocks. Zu den vielen Nachbarn, auf die sie dort treffen, gehört auch ein fetter Kater, den wir „Waschbär“ getauft haben. Und mit dem haben sie offenbar Streit. Vermutlich sucht Waschbär eher Händel mit unseren Katzen, die ihm aus seiner Sicht das Revier streitig machen, als dass sie auf Krawall aus wären. Und so kam es, wie es kommen musste: Erst kehrte einer unserer Kater mit blutiger Pfote zurück und einen Tag später der andere, schmerzhaft humpelnd. Sicherheitshalber gingen wir mit ihm zum Tierarzt, wo nichts Organisches festgestellt, aber ein Schmerzmittel verschrieben wurde. Merkwürdigerweise ist das Medikament gleichzeitig für Katzen und Meerschweinchen zugelassen – was für mich in etwa so einleuchtend ist, wie es ein Präparat für Menschen und Mäuse wäre. Am Tag darauf ist der Humpelnde wieder ganz der Alte – da hat er wohl noch keines seiner sieben Leben verbraucht.
Christoph Sanders, zur Zeit Erbach
Bericht aus dem Kreiskrankenhaus in Erbach im Odenwald – Teil 2.
Ein sonniger Donnerstagmorgen mit viel Bewegungssport, Röntgen und der Vernähung des Lecks an der OP-Narbe. Ich verzichte auf die Spritze, was besser geht als gedacht. Die Wundbehandlung plus Nachkontrolle verschiebt meine Entlassung auf Montag. Außerdem habe ich noch Jungpfleger Kevin bei seiner Prüfungsstunde zu unterstützen – so erspare ich ihm z.B. den gemeinsamen Stuhlgang. Er bekommt eine Zwei bis Drei, womit er voll zufrieden ist. Nun darf er einen weißen Kittel tragen und vor allem: einen Kugelschreiber. Das Personal hier trägt Kulis wie Russische Obristen ihre Orden, wobei es je nach Hierarchiestufe Unterschiede gibt – bei der Ärztin, die mich vernähte, blitzte ein silbernes Schreibgerät aus der Tasche. Kevin und ich grüßen uns jetzt als Männer, die etwas gemeinsam überstanden haben. Überhaupt ist das Pflegeteam top, auch der externe Physiomann, der mir Krückentanzschritte an der Treppe beibrachte. Die richtige Reha startet am 3. Februar in der Lahnklinik.
Ich habe das Zimmer nun für mich allein, mein ausgesprochen netter Zimmergenosse Matthias wurde als geheilt entlassen. Er erzählte viel aus seinem bunten Leben: 1956 flieht er als Sechsjähriger mit seiner Familie aus der DDR. Sie kommen ins Lager nach Zehlendorf. Da der Vater zufälligerweise in der sibirischen Gefangenschaft der Assistenzarzt des Barackenleiters war, bekommen sie bald ihr Essen aus Tellern. Die Einheimischen mögen keine Flüchtlinge und machen immer das Entlausungszeichen, wenn ihnen einer über den Weg läuft. Gleich nach dem Mauerfall fährt Matthias in seinen alten Heimatort Bad Elster und bricht, von Erinnerungen überwältigt, weinend vor dem Elternhaus zusammen. Nach dem Abitur studiert er Geologie in Marburg, promoviert; kartiert Gesteine in Lappland, wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. Beschäftigt sich früh mit IT, bringt sein Wissen in eine Softwarebude ein, die nicht mit Programmiersprache, sondern Enstscheidungsbäumen arbeitet. Er kommt viel herum, ist mal hier, mal da angestellt, wobei es ihn regelmäßig nach Kanada zieht. Von seinen Arbeitgebern erbittet er sich immer sechs Wochen Urlaub am Stück, so dass er beispielsweise den Yukon River herunterpaddeln kann. In den Reservaten sieht er viele Indigene, die im Suff dahinsiechen. Die USA hasst er, seit er dort mit sechzehn wegen „unamerikanischen Verhaltens“ von der Schule flog – er hatte die Flagge nicht gegrüßt und wird fortan auf offener Straße als Dirty German beschimpft.
Am Dienstag sieht Matthias aus unserem Krankenzimmerfenster während des Sonnenuntergangs lange zum Waldsaum hin, erzählt, dass er jeden Tag aus seinem Kindergarten in Bad Elster davonlief, weil er unbedingt in den Wald wollte. In Westberlin brachte sein Vater aus einer Zoologischen Tierklinik Fledermäuse mit nach hause, spannte im Keller Klingeldrähte auf, und bewies so seinen Kindern, dass die Fledermäuse die Drähte im Dunkeln umfliegen.
Grafiken: Helko Reschitzki
Frank Schott, Leipzig
Da am Dienstag die ganze Familie tagsüber zu hause ist, gehen wir früh zum Weihnachtsmarkt. Ein Weihnachtsmarkt am Tag ist wie ein Körper im grellweißen Scheinwerferlicht – man sieht alles sofort, es bleibt nichts, was sich langsam entdecken ließe und den Betrachter noch verführen könnte.
Immer wieder irritieren mich Schilder, auf denen für „frische“ Produkte geworben wird. Was dürfte ich als Kunde denn sonst erwarten? Schimmliges Brot? Altes Fleisch? Verrottetes Gemüse? Das wäre doch mal was, wenn ein Gastwirt mit „schlechtem Essen, unfreundlicher Bedienung und überteuerten Preisen“ werben würde.
Von den überteuerten Speisen mag ich nichts zu mir nehmen – keine Waffeln, keinen Flammkuchen, keine Kräppelchen, kein Handbrot. Die Fischräucherei hat wie üblich reichlich Holz vor der Hütte. Ein Lachsbrötchen? Gibts ab 8,50 Euro. Auch da sag ich: „Danke, nein.“
Ich merke, dass ich immer mürrischer werde – vielleicht gar nicht so wegen der Preise, sondern weil mein Rücken weiterhin Probleme macht. Am Montag habe ich die Wärmetherapie abbrechen müssen, da er förmlich vor Schmerz brannte. Nur nicht darüber nachdenken.
Auf den Treppenhäuschen der Tiefgarage unter dem Augustusplatz, die von den Leipzigern „Elefantenklos“ genannt werden, tummeln sich dutzende Tauben. Sie hocken da wie Empörungsfetischisten auf Social-Media-Plattformen, die auf die nächste Äußerung eines Prominenten hoffen, die sich fehlinterpretieren lässt. Und genau wie diese stieben sie wild um sich schlagend hoch, erschrecken mit ihrem Ansturm Passanten, umkreisen einmal den Mendebrunnen und setzen sich wieder hin. Hatte etwa jemand „Stadtbild“ gesagt?
Ich trotte zum Wochenmarkt, der für den Weihnachtsmarkt vom Stadtzentrum an den Rand des Innenstadtrings weichen musste. Trotz der miesen Laune esse ich dort dann etwas: Bismarckhering auf laberigem Brötchen mit welkem Salatblatt, immerhin für günstige drei Euro. Nachdem ich fertig bin, habe ich Schwierigkeiten, die Serviette zu entsorgen. Sie einfach fallen lassen? Meine Generation tut das nicht. Dann finde ich einen Tauschpartner – eine lokale Gemüsehändlerin wirft sie hinter ihrem Stand für mich weg, ich nehme im Gegenzug einen Kilosack frischen Grünkohl mit.
Da ich auch zu hause weiter mit mir herumhadere, erteilt mir meine Frau die Anweisung: „Geh radfahren, du bist nicht auszuhalten.“ Das ist in der Tat eine gute Idee. Ich entscheide mich für eine verkürzte Seentour – irgendwas zwischen 30 und 40 Kilometern werden es wohl werden.
Die Bewegung tut mir gut, der Rücken macht keine Probleme. Nur der Start gerät beinahe zum Fiasko, da ich mit einem Alternativen aus Connewitz, der seinen Schäferhund unangeleint auf der Mitte des Weges trotten lässt, in einen Disput gerate. Weil ich nicht weiß, ob der Hund sich für die linke oder rechte Seite entscheiden wird, bremse ich. Während ich zum Stehen komme und der Hund sich für links entscheidet (natürlich!), faucht der junge Mann: „Brauchst wohl einen Stock zwischen die Speichen?“ Ich bin vollkommen verblüfft von der Feindseligkeit und antworte: „Ich wollte einfach nur deinen Hund nicht anfahren.“ Er schimpft weiter, was ich aber nicht mehr genau verstehe, weil ich mich bereits wieder in Bewegung gesetzt habe. Zum Abschied recke ich die rechte Faust nach oben und strecke den mittleren Finger gen Himmel. Der Autonome explodiert vor Wut. Nichts vermehrt sich so schnell wie miese Stimmung.
Am Cospudener See bringt mich zum Glück die einbrechende Dämmerung auf sanftere Gedanken. Die untergehende Sonne in meinem Rücken taucht die letzten Hagebutten in ein zauberhaftes Licht. Wenig später sehe ich das illuminierte Völkerschlachtdenkmal. Es ist die blaue Stunde – nur wenige Menschen sind hier: ein Jogger, ein Vater mit Kind und ich. Auf dem Heimweg begleitet mich der röteste Abendhimmel seit langem. Wenn die drei Weisen aus dem Morgenland ein solches Leuchten erblickt haben sollten, wundert es mich nicht, dass sie sich auf den Weg nach Bethlehem machten. Ich kann mich kaum sattsehen und halte auf einer Brücke, um diesen Moment noch mehr zu genießen. Eine Radfahrerin stoppt neben mir. „Unglaublich, oder?“, sage ich. Sie nickt: „Beeindruckend“.
Tiefenentspannt radle ich die letzten zwei Kilometer nach Hause. Aus einem grauen wurde ein leuchtender Tag. Welchen Unterschied ein Ausflug doch machen kann! Für einige Zeit waren sogar die Schmerzen vergessen.
Christoph Sanders, zur Zeit Erbach
Bericht aus dem Kreiskrankenhaus in Erbach im Odenwald – Teil 1.
Über die letzte Straße, auf der ich am Sonntag mit den Radkumpels unterwegs sein sollte, war von einer Garage aus straff eine Kette gespannt. Ich hatte keine Chance: schwerer Unfall. Mein Glück war, dass einer der Mitfahrer Rettungssanitäter ist und die örtliche Klinik nur ein paar Minuten entfernt war. Dort Operation meiner Hüfte; die alte Dysplasie wurde gleich mit gerichtet, ich wäre damit irgendwann sowieso unter das Messer gekommen. Die Orthopädieabteilung der Klinik genießt einen guten Ruf. Am Dienstag langsames Schwinden der Narkosenachwirkungen – der rauhe Hals von der Intubation und die Konzentrationsschwierigkeiten bleiben vorerst. Ich nehme leichte Schmerzmittel ein. Aus der Wunde suppt es. Einrichtung W-Lan – Anrufe von besorgten, mitfühlenden Radfahrern; Frau und Kinder melden sich permanent aus allen Richtungen. Der Sohn berichtet aus Szeged von einem außergewöhnlich engagierten Friseur, den Oberleitungsbussen und dem Kreischen der Tram auf den Schienen.
Die Nächte verlaufen insgesamt gut, obwohl ich natürlich immer mal wieder aufwache, aber der Schlaf ist schön tief und ohne Alpträume. Konnte am Mittwoch zum ersten Mal das Bett verlassen. Fünf Meter auf Krücken sind eine Weltreise! Die Ausdünstungen der kleinen Stationsküche trieben mich aber zur Umkehr. Habe versucht, ohne Schmerzmittel auszukommen, was funktionierte – doch der Pfleger mahnte zur weiteren Einnahme, da der Wirkspiegel gehalten werden müsse. Eine ganze Reihe von sehr netten Leuten in blau und grün und auch weiß schaut immer mal wieder ins Zimmer rein. Ein etwas gröberer Umgangston (im odenwälderischen Dialekt) herrschte nur im Maschinenraum vor dem OP-Saal – was mich nicht weiter störte.
So ein Kreiskrankenhaus ist der Arbeitgeber für die Umgebung. Es gibt hier viele sympathische nahöstliche Helferinnen – ohne diese ginge es doch gar nicht! Sie haben einen ganz anderen Blick und sind emotional nicht so gebrochen wie ihre deutschen Kolleginnen. Insgesamt sehe ich aber handfeste, positive, engagierte Menschen, die ihren Beruf gern machen. Am Mittwoch sagte mir der Arzt, dass die neue Pfanne (aus Keramik und Titan) gut sitzt. Das Hüftmaterial war noch brauchbar; der Bruch wurde geflickt – man muss sich den Knochen wie ein Bambusrohr vorstellen, auf den ein Keil geklopft wird. Die Reha beginnt in sechs Wochen – mal sehen, wie das zu hause mit den Krücken klappt. Die Whatsappgruppe mit meinen Kids ist sehr nützlich – so kann ich ruckzuck Röntgenbilder verschicken. Die Narbe ist zwanzig Zentimeter lang. Die Heilung wird dauern.
Meine Bettwäsche hat dasselbe Muster wie die in der Charité – über diesen Aspekt des Standorts Deutschland ist nichts Negatives zu sagen. Ebenso postitiv, dass zum Abendbrot Weißkraut mit Paprika angeboten wird, aber auch Brie und Fisch aus der Dose. Das einzig Ärgerliche ist, dass ich kaum Lesen kann, da jede Haltung nach kurzer Zeit Schmerzen auslöst und ich auch noch zu unkonzentriert bin. Ich verbringe eine wunderschöne Dämmerstunde mit dem Cherubini Quartet und Mendelssohns Streichquartetten – eine zarte, schwungvolle, einfache Musik. Beim pianissimo schlägt mein Herz im Kopfhörer im Takt. Maximale Entspannung und Vertiefung.
Grafiken: Helko Reschitzki
Frank Schott, Leipzig
Mein Rücken schmerzt weiterhin.
Als Geschädigter eines Wegeunfalls bekomme ich zwar zehn statt der üblichen sechs Einheiten Physiotherapie, in meinem Fall sogar die doppelte Anzahl, bestehend aus manueller Behandlung und Wärmeanwendungen. Zudem entfällt die Zuzahlung. Dennoch: Ein Leben ohne Schmerzen wäre mir lieber.
Der Körper lechzt nach Bewegung, doch in diesem Zustand möchte ich ihm einfach kein Jogging zumuten. Stattdessen findet der Sport für mich momentan drinnen statt.
Ich gucke nicht viel Fernsehen, aber da es mir beim Malträtieren des Hometrainers arg langweilig wäre, streame ich Serien dabei. (Lesen funktioniert beim Radfahren nicht.) Aktuell schaue ich „1923“, den sechzehnteiligen Western über die Abenteuer der Familie Dutton, die sich durch üble Zeiten kämpfen muss. Mark Twain sagte einmal: „Die Wahrheit ist seltsamer als die Fiktion, was daran liegt, dass Fiktion sich an das Wahrscheinliche halten muss – die Wahrheit nicht.“ Davon hatte der Drehbuchautor offenbar noch nie gehört und ließ die zunehmend kleiner werdende Zahl an Protagonisten jedes nur denkbare und undenkbare Fiasko erleiden. Ich liebe die Serie trotzdem, weil Harrison Ford und Helen Mirren das liebevollste, knurrigste und frotzelndste Paar seit Walter Matthau und Jack Lemmon in „Grumpy Old Men“ sind.
Eine Alternative zum eigenen Sporttreiben ist, dem Treiben anderer Sportler zuzusehen. Genau das stand am Wochenende zweimal auf dem Plan – glücklicherweise machte der Rücken mit.
Am Samstagabend verdosch RB Leipzig in der Red Bull Arena Eintracht Frankfurt nach allen Regeln der Kunst. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, jeder klatschte mit jedem ab. Vier junge Araber rissen gemeinsam mit den Einheimischen die rechte Hand hoch, um die Zahl der Treffer anzuzeigen – am Ende müssen sie die linke Hand mit hinzuziehen: Endstand 6:0!
Am Sonntagabend ging es dann zum Eishockey-Oberligaspiel KSW Icefighters Leipzig gegen Füchse Duisburg. Weil die Kälte sich von der Eisfläche in Richtung der Ränge ausbreitet und den Körper von unten her auskühlt, war es dort in der Halle sogar kälter als am Tag zuvor im Stadion. Auch wenn meine Frau und ich im Gegensatz zum Fußball längst nicht alle Regeln kennen, fesselt uns beim Eishockey die extreme Dynamik und enorme Körperlichkeit, die ganze Show mit Musik drum herum – und nicht zuletzt die Fairness. Es werden exakt dreimal 60 Minuten gespielt, was sich inklusive zwei Pausen und der Overtime auf etwa 140 Minuten addiert. Auch wenn Leipzig nach einem 3:3 in der regulären Spielzeit am Ende 3:4 verliert, meinte meine Frau nur, wir sollten da mal wieder hingehen.
Nach den kalten Tagen bricht am Montag nicht nur auf einem Škoda plötzlich wieder der Sommer aus. Die Temperatur liegt bereits am Morgen bei 10 Grad. Die Winterjacke bleibt beim Gang zur Physio offen, Handschuhe und Mütze habe ich gleich zu hause beiseite gelegt. Trotz des Wetters mache ich es mir weihnachtlich. Durch einen Tipp im Internet bin ich auf Bob Dylans wunderbar knarzendes Album „Christmas In The Heart“ gestoßen, auf dem er mit unverwechselbar rauer Stimme einige Weihnachtsklassiker interpretiert. Und, welch Freude, „Last Christmas“ ist nicht dabei.
Der Montagabend steht nach einem einmaligen, schmerzbedingten Aussetzen wieder im Zeichen des Fußballtrainings mit den Kids. Ich mag es, im Dunkeln durch den Wald zum Sportgelände zu fahren. Auf dem Hinweg leuchtet der Rest des Tages auf den dunklen Fluss. Im umgebenden Nachtgrau bilden Bäume und Blätter eine Oase aus matten Farben. Der Boden ist feucht und rutschig – unter meinen Schutzblechen wird in abenteuerlichen Fontänen der Schlamm aufgewirbelt. Manchmal fängt der Scheinwerfer einen Falter ein – im LED-Lichtkegel sehen diese blendend weiß aus.
Da es an diesem Abend deutlich wärmer ist als zuvor, stehen wieder viele der Eltern draußen am Platz – wenn es kälter ist, ziehen sie sich in die beheizten Kabinen zurück und warten dort auf das Ende des Trainings. Aber heute begleiten sie lautstark die Leistungen ihrer Schützlinge, trösten die Tränen nach Foul, Sturz und Zusammenprall weg. (Ich weiß nicht, ob ich es mir nur einbilde, oder sind die Mütter der Spieler mit dem größten Trainingsbedarf beim Anfeuern immer am engagiertesten?)
Maria Leonhard, Spornitz
Von einer Sekunde auf die andere war vieles anders. Das, was ich vorher noch ganz selbstverständlich erledigten konnte, braucht jetzt einen vollkommen neuen Ablauf oder geht einfach nicht mehr.
Wie macht man einhändig einen Pferdeschwanz oder schließt sich schlicht und einfach den BH? Wie halte ich die Rührschüssel, wenn die brauchbare Hand mit dem Mixer ausgelastet ist? Wie entzünde ich das Streichholz für den Kamin, damit der nicht kalt bleibt? Na, und dann ist da ja noch das Kochen: Kartoffeln schälen, Möhren putzen, Äpfel schneiden … und das alles mit einer Hand! Krass!
Da muss man dann schon erfinderisch werden, verzichten oder liebe Menschen in der Nähe haben. Ich bin dankbar, dass ich erfinderisch bin, verzichten kann und liebe Menschen in meiner Nähe habe.
Bei einem Spaziergang mit Pico, unserem jungen Hund, erwachte dessen Jagdtrieb so plötzlich, dass ich keine Chance hatte, mit seiner Schnelligkeit umzugehen. Ich achtete nur noch darauf, die Leine festzuhalten … mehr weiß ich nicht. Auf einmal lag ich auf dem Bürgersteig. Kein Mensch war in der Nähe, nur Pico. Irgendwie begann ich wieder zu denken und konnte sogar aufstehen. Dass mit meiner linken Hand etwas nicht stimmt, merkte ich sofort. Ich pulte vorsichtg den Leinenhalter herunter – und spürte eine Ohnmacht nahen. Schnell heim! Pico behielt ich unter Beobachtung. Er trottete obergehorsam neben mir her – im Maul meine Mütze, die hätte ich bestimmt vergessen!
Zuhause suchte ich das Handy, legte mich hin, atmete tief ein, rief meinen Mann an. Nun würde sich der Rest finden. Er brachte mich in die Notaufnahme. Die Diagnose: Mittelhandknochenbruch der linken Hand, beide Knie aufgeschlagen, tiefer Leinenhalterabdruck, leichte Schürfwunden. Also Gips für die Hand sowie die Anweisung, am nächsten Tag in der Handchirurgie in Schwerin vorstellig zu werden; den Termin gab es gleich mit. Mein Tetanusschutz wurde abgefragt. Ich verzichtete auf die Impfung und reinigte die desinfizierten Wunden zu Hause zusätzlich in kolloidalem Silberwasser.
Jetzt sind sechs Tage seit dem Unfall vergangen und ich lebe noch! Und so konnte ich einen gemütlichen zweiten Adventsnachmittag mit Freunden, selbstgebackenem Kuchen und wunderschönen mitgebrachten Trostrosen verbringen – ich hatte sogar eine ordentliche Frisur! Für den Tag darauf habe ich mir gleich wieder Freunde eingeladen – wer weiß denn schon, wie oft man noch die Gelegenheit hat, in dieser Runde beieinander zu sitzen. Mein Sturz hat mir sehr deutlich gemacht, an welch seidenem Faden unser Leben hängt.
Helko Reschitzki, Moabit
Der Bademonat November endet damit, dass ich am Schlachtensee feststellen muss, dass ich mein Handtuch vergessen habe. Vorteil des kühlen Wetters: Da ich mehrschichtig bekleidet bin, kann ich eines der T-Shirts zum Abtrocknen benutzen. Das Wassertemperatur liegt die Woche stabil bei 4 Grad. Mit den Neoprenhandschuhen ist das gut auszuhalten, auch wenn meine Schwimmrunde mit vierzig Zügen nun etwas kürzer geworden ist – man darf nicht auskühlen! Ein paar mal erwischen mich Wind und Regen, was unangenehm ist. Himmel, Wald, Ufer und Wasser wie auf einem grauen Aquarell, das nicht trocknet; die Sonne eine 20-Watt-Glühlampe, die hinter der ungeputzten Milchglasscheibe einer Fünfzigerer-Jahre-Psychiatrie spinnwebenbehangen von der Decke baumelt. Man bekommt sie ja eh kaum noch zu Gesicht – aber wie sagte eine Mitbaderin: „Nur noch drei Wochen, dann wirds wieder länger hell.“ Daran festhalten.
Nachdem meine bronchialkranke Tischtennismitspielerin nebenbei fallen ließ, dass ihr gesamtes Umfeld aus Angst vor Ansteckung den Kontakt zu ihr meiden würde, besuche ich sie zweimal und bringe ihr eine speziell auf ihre Symptome abgestimmte Teemischung, etwas Naschwerk und ein Fläschchen Bromhexin mit. Die Tropfen, ein synthetisches Derivat des Wirkstoffs Vasicin, den man im Indischen Lungenkraut findet, nahm ich bereits als Kind ein. Beim Kauf möchte mir der Apotheker Einnahme und Wirkung erklären, woraufhin ich ihn unterbreche und sage, dass ich in der DDR aufgewachsen sei. Er lacht: „Na dann wissen Sie ja bescheid – das war ja Bronchitismittel Nummer eins im gesamten Ostblock.“ Damit die Hustende mal aus der Wohnung rauskommt, schlage ich eine kleine Runde ums Karree vor. Um ihre leidende Lunge nicht gleich mit zu viel Sauerstoff zu überfordern, zündet sie sich vor dem Haus sofort eine Zigarette an. Ich partizipiere, da der Tabakqualm den Pilzpfannengeruch vom nahen Weihnachtsmarkt überdeckt. Wir schlendern über diesen und halten für einen heißen trüben Apfelsaft, respektive Glühwein inne. Durch eine raffinierte Manipulationstechnik aus dem Kalten Krieg (die Dame ist gebürtige Westberlinerin!) werde ich dazu gebracht, einem Selfie zuzustimmen. Wir sehen auf dem Bild entspannter aus als Prinz Willi und Katrin auf dem offiziellen Christmasfoto aus dem Frogmore House in Windsor. Vom Stand mit den kandierten Äpfeln dringt „Last Christmas, I gave you my heart. But the very next day, you gave it away“ zu uns herüber. Grün-weiß-rot blinken die Lichter.
Anlässlich des zum achten Mal veranstalteten Nikolauslaufs drehen ein paar tausend Läuferinnen und Läufer aller Altersstufen ihre Runden um den Schlachtensee. Viele sind kostümiert – ich sehe Nikoläuse, Weihnachtsmänner, Elfen, Wichtel, Rentiere, Chriskinder, Engel und sogar einen rosa Osterhasen (antizyklisches Denken ist extrem wichtig!) Als ich aus dem Wasser komme, winken mir einige der Teilnehmer fröhlich zu, ich winke, nur mit meiner Rollrandmütze und den großen schwarzen Neoprenhandschuhen bekleidet, zurück.
Hit der Woche: „Gehn wir heut, gehn wir heut noch, gehn wir heut noch bissel raus? / Vielleicht nicht gleich zum Schwanensee, doch wenigstens zum Ententeich? / Und den Dreck spülts von der Pranke in den Schlamm am Grund der Panke“. So loopt sich seit Donnerstag die Stimme Kai Pohls durch meinem Kopf. Eingepflanzt wurde der Hit in der Kultur- und Schankwirtschaft BAIZ in der Schönhauser Allee während der Vorstellung von „Sterne über Astrachan“, Kais neuem Werk im Autumnus Verlag. Ein schön gemachter Band mit einhundert Gedichten aus knapp vierzig Jahren, illustriert von Paula Krause, deren Grafiken vor Ort aushängen. Kai trägt vor, Michael Lapuks begleitet ihn auf der Gitarre, es werden zwei sehr poetische und meditative Kurzfilme von Jörg Broksch zu Texten aus dem Buch gezeigt. Es ist rappelvoll; ich teffe einige Freunde und Kolleginnen, berede dieses und jenes, zurre Pläne fest. Fein gefüllte Stunden.
Filmstill aus Jörg Brockschs „Visuelle Notate zu Penfields Traum von Kai Pohl“, 2025
Ein grautrüber Donnerstag, an dem es der Quecksilberstrich knapp über Null schafft. Punkt 6h50 kippt der Verkehr auf der Landstraße von belebt (20 KfZ/min ) zu intensiv (40 KfZ/min). Unser aus Le Mans zurückgekehrter Teenie vermisst das schlechte, aber lustige Frühstück mit den Kids der Gastfamilie. Ich lese einen Artikel über eine Sechsjährige, die etwas Unwahrscheinliches, Großartiges machte: Bei einer Verkehrskontrolle in Wien zeigte das Mädchen mit einem versteckten Handzeichen den Polizisten an, dass es in Gefahr ist. Die Beamten reagierten sofort – es stellt sich heraus, dass sie, ihre Mutter und ein Geschwisterkind gerade entführt werden. Der Täter, ein Iraki, ist der Ex-Partner der Frau. Solche Berichte aus der „Welt der Anderen“ finde ich extrem wichtig, da diese Menschen kaum einmal irgendwo erwähnt werden. Aber sie leben hier: In den alten, verfallenen Siedlungen, die der „Strukturwandel“ vergessen hat, im Neubauviertel am Rande der Stadt. Vermutlich lernt man so etwas wie den stillen Hilferuf von Geschwistern oder Gleichaltrigen – Kinder erzählen sich ja viel mehr als ihren Eltern. Das SOS-Zeichen wurde im Frühjahr 2020 eingeführt, da durch die Maßnahmen gegen das Coronavirus die Fälle von häuslicher Gewalt weltweit zunahmen.
Auch der Freitag zwielichtig, um 8 Uhr war kaum Sicht. Am Bahnhof erkenne ich eine Gruppe Schüler lediglich an den Reflektoren ihrer Funktionsrucksäcke. Kleine Besorgungen in der kleinen Stadt. Bei Aldi sehe ich eine gestresste Revisorin in ein Panzer-I-Pad Daten eingeben, die sie anschließend mit dem Marktleiter bespricht. Im Lidl lausche ich fasziniert dem Beep, wenn ein Kunde sein Phone an die Kassen-App-ID hält – wir werden das Verschwinden des Bargelds erleben, und es wird schnell kommen. Beim Metzger bekomme ich wunderbares Kotelett und grandiose Leber. Neues Graffiti auf dem Zug aus Italien: „Der Soldat, der das Spiel von der anderen Seite betrachtet“. Wieder zurück sondiere ich die Wetterberichte diverser Anbieter. Im Radio gibts widersprüchliche Angaben, nur Temperatur und Niederschlag, ohne dass die Gesamtlage beschrieben wird – keine Hoch- und Tiefdruckgebiete, keine polaren oder atlantischen Strömungen, keine sibirische Lage. Die Zuhörer können sich das wohl nicht merken. Vorbereitung für den Odenwald-Trip am Sonntag. Die Gruppe überlegt, die 200 Kilometer ohne Proviant zu fahren. Ich werde drei Marzipanstangen einpacken, das haut dann schon hin …
Am Abend Endiviensalat. Im Ofen verbrennen Holzscheite. Ich lasse den Tag mit einem sechzig Jahre alten Dokumentarfilm sacken, für den der australische Journalist Robert Hughes Vladimir Nabokov in dessen neuer Heimat Montreux besuchte. Natürlich monologisiert der Dichter und Lepidopterologe auch über Schmetterlinge: „Ich jage gern nackt, aber ich bezweifle, dass heute etwas Interessantes dabei herauskommen wird. Dieser hübsche Weg am Ufer des Genfer Sees wimmelt im Sommer nur so von Schmetterlingen. Nicht weit von hier kommen Chapman’s Blue und Mann’s White vor, zwei eher lokale Arten. Aber die weißen Falter, die wir an diesem an diesem schönen, aber unspektakulären Herbsttag an diesem besonderen Hain sehen, sind gewöhnliche Weißlinge: der Kleine Kohlweißling und der Grünader-Weißling. Ah, eine Raupe. Vorsicht beim Anfassen! Ihr goldbrauner Pelz kann einen hässlichen Juckreiz verursachen. Dieser stattliche Wurm wird im nächsten Jahr zu einer fetten, unscheinbar graubraunen, hässlichen Motte heranwachsen.“
Filmstill „Nabokov in Montreux“, Television 13 Educational Program New York“, 1965
Auch der Nikolaustag beginnt kalt und nieselig, wird aber von mir durch Kakaoendprodukte versüßt. Möge der Regen durchziehen – am Sonntag auf dem Rad kann ich ihn nicht gebrauchen. Ich bringe am Vormittag den Sohn Richung Billigflug nach Szeged. Die Mutter hat genickt – bittesehr. Es gibt kaum einen beschissener gelegenen Flughafen als den Hunsrück Airport Hahn (früher US Air Force, nach 1993 zivil genutzt; daneben die Polizeiakademie Rheinland-Pfalz). Vom kostenpflichtigen Parkplatz bis zum windoffenen Gate sind es fünfhundert Meter – ich lass den Sohn gleich an der Türe hinaus. Alles ist so eingerichtet, dass es kaum Platz für Kurzparker gibt – grenzbescheuert. Die Betreibergesellschaft ist seit Jahren faktisch pleite und wird, nachdem alle möglichen Investoren abgesprungen sind, aus Landesmitteln am Leben gehalten. Sozialismus 2.0 …
Am Abend das Rad für den Mittelgebirgsausflug klarmachen, Stiefel imprägnieren, Ersatzwollsocken und eine Regenjacke bereitlegen. Die Jüngste mit heftigem Infekt im Bett, isst selbstgemachte Pizza und langweilt sich. Das Außenthermometer zeigt 8 Grad Celsius.
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 20:37:34, 05-12-2025
Frank Schott, Leipzig
Diese Woche: Schmerzen.
Seit Montag meldet sich die Verletzung an der Wirbelsäule wieder, die ich mir vor knapp drei Jahren bei einem Fahrradunfall zugezogen habe. Der Körper reagiert nach Vorschrift: die Rückenmuskukatur versteift sich, wird fest, verstärkt den Schmerz. Auf Medikamente verzichte ich, weil ich das Warnsignal bei einer falschen Bewegung nicht überhören möchte.
Auslöser waren Erschütterungen bei einem kleinen Aufwärmlauf mit den Jungs beim Training. Also jetzt erstmal keine Läufe. Stattdessen Spaziergänge. Für Erledigungen oder einfach fürs Wohlbefinden.
Ein Gang führt mich zum Weihnachtsmarkt, wo große Betonquader die Zufahrt blockieren. Weihnachtslego taufe ich die Szenerie für mich. Wegen der Schmerzen habe ich keine Lust auf Herzhaftes, Gebäck oder Glühwein. Im Leipziger Glühweinkampf werden keine Gefangenen gemacht: Die Händler auf dem Markt fordern 4,50 bis 5 Euro für die Tasse. Die Läden der Innenstadt kontern mit 2,50 Euro, teilweise gibt es dafür dann sogar einen Schuss. Für das adventliche Sonderangebot wurden Aushilfskräfte angeheuert – die sich am improvisierten Ausschank mit Leibesübungen warm halten.
Anderer Spaziergang: Herbstlicht auf letzten Herbstblättern. Warum verlieren manche Bäume ihr Laub so viel später als andere? Vielleicht lässt die Natur (wer will, mag sie Gott nennen) das Laub an den Bäumen, weil der Anblick das Gemüt erhellt? Muss alles einen Sinn haben, einem Zweck folgen? Survival of the fittest, struggle for life bis aufs Blut? Nein. Vermutlich gibt es einen wissenschaftlichen Grund – aber ich will ihn nicht wissen.
Da das mit dem Fahrrad seinerzeit ein Wegeunfall war, sitze ich wieder beim D-Arzt der Berufsgenossenschaft in der Uniklinik. Es ist nicht viel los, dennoch dauert es mehrere Viertelstunden, bis meine Nummer aufgerufen wird. Neben mir telefoniert eine Frau mit Gips am rechten Fuß lauthals mit einer Kollegin. Ihre beiden Krücken hat sie an die Wand gelehnt. Es geht um Schwangerschaft, Krankheiten, die Arbeit und die Übergabe von Aufgaben. Es nervt so stark, dass ich die Wartezimmerseite wechsle.
Die ausliegende Lokalzeitung, bei der Bericht und Kommentierung längst nicht mehr zu trennen sind, hat ihren Markenkern, das Lokale, konsequent heruntergefahren. Die Probleme der Straßenbahn, etwas Crime, der neue Investor mit seinen Plänen für den Freizeitpark, ein bisschen regionaler Sport. In fünzehn Minuten bin ich damit durch. Ich widme mich wieder dem Alten Testament, das ich auf dem e-Book dabeihabe. Gott instruiert wieder einmal Moses. Armer Mann -sein Kopf muss übervoll mit Geboten und Verboten gewesen sein.
Interessant, dass Gott auch auf die Klimadeuter, Zukunftsforscher und Modellierer Bezug nimmt: „Ihr sollt euch nicht wenden zu den Wahrsagern, und forscht nicht von den Zeichendeutern, daß ihr nicht an ihnen verunreinigt werdet; denn ich bin der Herr, euer Gott.“ Und weiter: „Wenn eine Seele sich zu den Wahrsagern und Zeichendeutern wenden wird, daß sie ihnen nachfolgt, so will ich mein Antlitz wider dieselbe Seele setzen und will sie aus ihrem Volk ausrotten.“ Das wäre mal ein spannender Ansatz für eine Diskussion mit Kirchenvertretern.
Nach der Röntgenuntersuchung bin ich so schlau wie zuvor. Der Schaden an der Wirbelsäule hat sich nicht vergrößert, Wärme und Physiotherapie sollen es richten. In zwei Wochen soll ich mich noch einmal vorstellen. Wenn es bis dahin nicht besser wurde, dann … Darüber reden wir in zwei Wochen.
Christoph Sanders, Thalheim
Am Dienstagmorgen Kaltregen bei zwei Grad – der Tiefausläufer hat gewonnen. Maximal unangenehmes Wetter um aufs Rad zu steigen – von mir heute nur die nötigste Bewegung. Ich bekomme die Anfrage, bei einem Zeitzeugengespräch für einen erkrankten Dolmetscher einzuspringen. Eine Veranstaltungsreihe des Bistums, von der ich noch nie gehört habe. Es gibt keinerlei Honorar. Man will da also kostenlos eine Dienstleistung abgreifen. Ich lehne dankend ab.
Einkaufsfahrt nach Westerburg. 90 Prozent des in den Supermärkten angebotenen Fleischs stammt aus der Haltungsform 1, maximal 2. Wäre den Konsumenten wirklich bewusst, was da für Müll in ihre Gedärme wandert, wäre viel gewonnen. Ein Thema, das nur wenige interessiert, im besten Fall sieht man Essen noch als sozialen Akt. Aber selbst das wird in unserer Gesellschaft langsam zur Ausnahme; fürs gemeinsames Mahl sei „keine Zeit“ – so hör ichs von meiner Frau, vom Finanzarbeitersohn und von unserem Jüngsten, der länger mit seiner Frisur zu tun hat, als er fürs Frühstück braucht. Immerhin ißt er noch schnell etwas. Passend dazu sah ich am Samstag im Frankfurter Bahnhof ein Mädchen, das eine Kamera vor sich hertrug, in die sie im Gehen hineinsprach. Wann begann das eigentlich? Für mich markierten damals die Freisprechanlagen den Wendepunkt – bis dahin galten Menschen, die in der Öffentlichkeit laut vor sich her sprachen, als psychisch auffällig. Nun brabbeln sie alle – wenn sie nicht gerade schweigend auf ihre kleinen Displays starren. Selbst die „Freunde“ in Cafés, die zwar beieinander sitzen, sich aber nichts zu sagen haben. Sie haben nichts mehr zu sagen.
In „Sternstunde Philosophie“ im SRF sind die Philosophin Anne-Sophie Moreau sowie die Ärztin Giulia Enders zu Gast (deren „Darm mit Charme“ inzwischen 8 Millionen mal verkauft wurde). Sehr gut, wie Enders die Evolution als einen fortlaufenden Prozess erklärt, als ein lebenslanges Angebot an die DNA-Bausteine, im Organismus ständig neue Lösungenzu entwickeln. Die bisherige Sichtweise nahm ja an, dass evolutionäre Veränderungen über lange Zeiträume und Generationen hinweg stattfinden, sich unter Selektionsdruck die überlebensfähigste Variante durchsetzt („Survival of the fittest.“) (Möglichwerweise finden deshalb die Mimikryentwicklungen bei Schmetterlinge innnerhalb derselben Generation statt?) Und allein, was im Mikrobiom des Menschen passiert! Wie individuell die permanente Interaktion mit dem Wirt (uns!) ist. Da diese Prozesse „unsichtbar“ ablaufen, ist deren Wert für die meisten nebensächlich – wir sind eine Spezies der Oberflächenwahrnehmung. All diese in jüngster Zeit gewonnenen biologischen Erkenntnise sind enorm – aber wehe, Du erklärst das Laub im Vorgarten zur willkommenen Biomasse und mähst plötzlich Deinen Rasen nicht mehr!!! Die Philosophin mit Ausführungen zur Fermentierung – ich glaube, bei uns steht noch ein halbes Dutzend Schraubdeckelgläser herum …
Am Mittwochmorgen zarteste Himmelsfarben – das kalte Hoch hat sich wieder durchgesetzt. Unsere Girls haben ihre Outfits rechtzeitig hinbekommen; der Sohn schläft so lange, dass ich ihn aufrütteln muss. Für 13 Uhr ist eine Schulfreundin der Mädchen angekündigt, da werde ich mir besonders Mühe geben (müssen). Im Radio die Zahl des Tages: Vierzig Prozent der europäischen Handelswaren gelangen über den Suezkanal zu uns. Wie der Historiker Todd sagt: Die verarmende kontinentale Arbeiterklasse kauft die preiswerten Güter, die durch die Verlagerung ihrer eigenen Arbeitsplätze nunmehr billig produziert werden können. Man hält den Plebs bei Laune, indem man ihm die Möhren der Pauschalurlaube, Billigflüge und Schnäppchen (oder der Weihnachtsmärkte) vor die Nase hält. Besorgungen, Hausputz, Rachmaninovs erste sinfonische Dichtung.
Auffällig viel Verkehr auf den Straßen, ich dachte, die „Blackweek“ wäre vorüber (?!) Ich leiste mir beim Trödler die längst nicht mehr hergestellte Rennpumpe SKS Alustar, deren Machart ich bevorzuge. Inzwischen werden ja winzige Akkuluftpumpen verkauft – so eine Art Taschenkompressor. Der Frühabend im eigentümlich grau-blauen Licht, von weit her meine ich rosige Streifen zu erkennen (oder ists etwa ein zart angehauchtes Wölkchen?) Da ein riesiger Christstern den Großteil unserer Aussicht versperrt, bin ich froh, überhaupt etwas sehen zu können. Auch bei den Nachbarn wird sich nun aufs Fest eingestimmt – wie jedes Jahr steht bei ihnen ein überhaushoher illuminierter Weihnachtsmann im Vorgarten. Grundvernünftige Leute übrigens – neben ihrem Dackel ist die Deko das Auffäligste an ihnen. In den Nachrichten die Meldung, dass der Warzenbeißer „Insekt des Jahres 2026“ ist. Der Volksglaube schreibt ihm eine Wirkung gegen Warzen zu – er wurde aber aus einem anderen Grund auserkoren.
Bernd Wagner, Kreuzberg
Christoph Sanders, Thalheim
Völlig vernebelter Freitagmorgen – über zweihundert Meter Höhe sieht man nichts mehr. Haydns “Londoner Trios” erfüllen den Raum. Geschrieben 130 Jahre nach der Großen Pest von London, über die ich gestern in Samuel Pepys‘ Tagebucheintrag vom 4.9. 1665 las: „Es beunruhigte mich, an der Farm der Coomes vorbeizukommen, wo etwa einundzwanzig Menschen an der Plage gestorben sind, und wo ich erst vor drei oder vier Tagen im Hof eine noch unbestattete Leiche in einem Sarg liegen sah. Tag und Nacht steht dort jemand Wache, um die Menschen in den Häusern zu halten, da uns die Pest so grausam macht wie Hunde zueinander.“ „The Diary of Samuel Pepys“ gehörte zur Lieblingslektüre von Kanzler Helmut Schmidt. Als Wachhund der guten Erstversorgung richte ich für die Kinderschar das Frühstück. Meine Gattin nimmt neben Tee allenfalls im Internet georderte Apfelmarkfasern zu sich. Dabei ist unser Garten voller Pektine – man muss sich nur ein wenig an den Bäumen strecken. Die Kinder im Schulbasareinsatz: Selbstgebackenes wird feilgeboten; die dafür eingenommenen Spenden gehen an Projekte in Afrika.
Nach dem Sencha trinke ich Bohnenkaffee – für den es nun auch ein neues Narrativ gibt: Hohe Preise schützen vor Kinderarbeit. Im Radio wie immer zur Weihnachtszeit die Predigten zu den Sünden Völlerei und Süßwarenüberkonsum (gefährdet die Gesundheit) sowie Online-Retouren und sinnlose Käufe (gar nicht gut für Klima und Umwelt). Nochmal an der Beigbeder-Einleitung gefeilt. Jetzt gehts hoffentlich. Auch den Winterberg/Schmallenberg-Text überholt – immer wieder Worte tauschen, an der Satzstellung arbeiten usw. MIR ist so etwas nicht egal. Flaubert? Schrieb siebzig Seiten im Jahr – this is my man!
Nieselig – eine Wolkenmasse die ausgewrungen wird. Trotzdem mit dem Rad auf die Höhe. Dort Lachs mit Sellerie, Wildreis und Curry genossen. Die Glasfasertruppe auch bei drei Grad gewohnt fleißig. Sie werden arbeiten, bis sie 67 Jahre alt sind, das steht fest. Das nächste Rad für meine Jüngste steht im Sozialkaufhaus bereit. Ihr Geschenk vom Vorjahr, ein 1998er Mountainbike, ist längst zu klein. Händler Hassan konnte selbst in der Universitätsstadt Gießen ihr toperhaltenes Grundschul-MTB nicht verkaufen, nicht einmal für 20 Euro, nicht einmal an Flüchtlinge. Ihr allererstes Rad mit Schaltung zog ich 2019 aus dem Sperrmüll – es war nur ein Reifen platt … Im aktuellen Randonneur-Newsletter las ich, dass in den USA gerade der Markt für Kinderräder auseinanderdriftet: Wohlhabende kaufen ihren Kids nichts unter 1000 Dollar und würden nie auf die Idee kommen, ein altes Bike für 200 zu erwerben, weshalb solche Räder dann vom Markt verschwinden. Die Armen wiederum haben nicht einmal Werkzeig im Haus oder die 25 Dollar für einen neuen Mantel.
Samstagmittag nach Frühstück, Hausputz und Wäschemachen Fahrt ins Lufthansa-Drehkreuz und pulsierende Herz des Konsumismus Frankfurt/Main – der Teenie kehrt nach drei Monaten Le Mans heim sowie Ausstattung unserer jungen Ballerina. Mit dem Ballettladen endecke ich eine weitere Parallelwelt: Produkte, die nirgends sonst angeboten werden, für die es nicht einmal Werbung gibt. Mit Filz bezogene Schuhe, mit denen man beim Walzer endlos pirouettieren kann … Unser Teenie brachte mir einen Band des Objektpoeten Francis Ponge mit, den sie in ihrer Gastschule durchnahmen. Die dortige fast kasernenartige Strenge bei gleichzeitig freier Form hat ihr besser gefallen als das anpasserisch verlogene Strebervölkchen, das sie nun wieder hier erwartet … Auf der Autobahn business as usual – ich konnte nicht die Spur einer maroden, zerfallenden oder verzweifelten Gesellschaft entdecken. Es wird wohl doch noch ein wenig dauern, bis die gute alte Bundesrepublik verschwunden ist.
Ein grauer erster Advent bricht an. Die Kerze leuchtet. Während die anderen noch schlafen, sortiere ich Bücher und Platten – und bin nach wie vor auf der Suche nach der Zauberformel, mit der sich das Notwendige vom Überflüssigen trennen lässt. In der Berliner Zeitung die Meldung, dass die afrikanische Standard Bank das chinesische Cips-System einführen wird, so dass Zahlungen nicht mehr in Dollar abgewickelt werden müssen. Die Chinesen sind gerade dabei, ihre elektronische Alternativen und Kreditsysteme global zu etablieren, ohne die eigenen Kapitalmärkte richtig zu öffnen. Es geht darum, Abhängigkeiten zu schaffen. Das wird ein interessanter hybrider Krieg, der da mit den Weltzahlungssystemen entbrennt. Wie es der Historiker Todd sagte: „Das erfolgreichste US-Produkt ist der Dollar.“
Später auf die graufeuchte Bahntrasse. Die Sonnenkollektoren auf den Hochflächen sehen aus wie die Schuppen von riesigen Echsen; darüber Ventilatoren. Dorndorf II verliert verdient mit 0:2 – kein Spielaufbau, ein Eigentor. Das Benediktiner Weizen enttäuscht hingegen nicht. Es dunkelt rasch – wir werfen die Bäckerei an. Die Girls machen den Teig für ihre Sandkekse – eine schwere Geburt. Die schematischen Backbücher verraten einem ja auch keine Kniffe – „Zutaten verrühren“ das ist ungefähr so wie „Motor ausbauen“ in einem Werkstattbuch. Wir alle sind über die Vervollständigung der Familie froh – sehr froh! Das Salz in unserer Suppe ist wieder da.
Der Sonntag endet mit Francaix‘ „L’Horloge des Fleurs“ vom London Symphony Orchestra unter André Previn. Die Blumenuhr wurde frisch aufgezogen und wunderbar aufgenommen: Mein Zimmer wird zum Saal – diese Illusionsmaschine erstaunt mich immer wieder. An einem blaukühlen Montagmorgen an der Frostgrenze setzt dann das Smetana Quartet den ersten Akkord: Janáčeks Streichquartette. Sanftes Sonnenlicht. Bin ausgeschlafen für lokale Updates: Da der Musiklehrer hingeschmissen hat, wird unser Weihnachtskonzert ausfallen. Wenn sich niemand zur Nachfolge berufen fühlt, wäre diese Tradition damit beendet. In der Gießener Innenstadt soll es am Samstag mehr gekracht haben, als in den Medien mitgeteilt wurde.
Frische Luft, trocken und Südwestwind – eine angenehme Radrunde. Danach für ein weiteres Modell Innenlager und Kurbel vermählt. Sie soll so eng wie möglich laufen – was perfekt funktioniert hat. Das macht mich froh. Zum Tagesausklang Rudolf Serkin mit Schuberts Klaviersonate Nr. 20. Doll! Trockenes Klavier, dennoch nicht kalt und hart. Zwischen lyrischem Traum und Schrei. Ich besitze Schätze!
„The Diary of Samuel Pepys“ – Nachdruck von G. Bell and Sons, Ltd. London, 1920
Frank Schott, Leipzig
Wie der Blickwinkel täuschen kann: Gott und die Kirche sind nicht „IM ANGEBOT“ – auch wenn aktuell viele kirchliche Organisationen und Würdenträger ihre christlichen Fundamente für kurze Momente zeitgeistlicher Aufmerksamkeit zu verramschen scheinen.
Seit ich Rushdis „Satanische Verse“ lese, denke ich immer wieder über Gott und den Glauben nach. Gibt es ein höheres Gut als die irdische Befriedigung? Lohnt es sich, danach zu streben? Und was ist, wenn man fragt und niemand antwortet? Der Einbandtext des Buches spricht von „Glaubensverlust“ und einer „entgöttlichten Welt“. Ich bin mir da nicht so sicher – auf mich wirkt dieser Roman eher wie ein verzweifeltes Hoffen auf, ein künstlerisches Ringen um eine Kraft jenseits der stofflichen Dinge.
Gerade im Advent wird das Göttliche profan. Das Licht im Dunkeln verspricht keinen Halt und keine Wiedergeburt, sondern leitet nur zum nächsten Verkaufsstand für Nadelbäume. Trotzdem entfaltet der Lichterbaum bei mir eine Wirkung – möglicherweise aufgrund von Kindheitserinnerungen, durch meine Sozialisation?
Im Dunkeln torkelt mir ein betrunkenes Paar entgegen, beide mit einer Bierflasche in der Hand. Er klagt ihr lallend sein Leid: „Alle spucken auf mich runter.“ Sie, mit etwas gefestigterer Stimme: „Nein, Schatz, niemand spuckt auf dich!“ – Er, weinerlich: „Doch, alle spucken auf mich!“ – Sie, rationaler: „Wenn sie auf dich spucken, dann spucken sie auch auf mich …“ Für einen Sekundenbruchteil überlege ich, den Mann kurz in die Arme zu schließen und zu trösten. Dann sind sie an mir vorbei – und vorbei ist auch der kurze, etwas selbstmörderische Impuls einen fremden Betrunkenen zu drücken, der gerade mit seiner Angebeteten streitet. Ist das dieses komische Weihnachtsgefühl der Nächstenliebe, von dem alle reden?
Trostlos ist auch der offizielle Weihnachtsbaum in der thüringischen Kleinstadt meiner Schwiegereltern. Nackt und bar jeden Schmucks erscheint er mir als Sinnbild für Menschenherzen. Unter dem Baum stehen Figuren aus dem Märchenwald. Und ein Weihnachtsmann – was es nicht besser macht.
Wir sind in die Kleinstadt gefahren, um die Uroma zu besuchen. Mit 97 Jahren war sie so gebrechlich geworden, dass sie in ihrer eigenen Wohnung immer öfter stürzte. Den Großeltern, die selbst schon auf die 80 zugehen und sich ihrer körperlichen Schwächen jeden Tag bewusster werden, fiel es zunehmend schwerer, auch noch die Urgroßmutter zu versorgen.
Ich bin das erste Mal in einem Pflegeheim. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Natürlich weiß ich um aufopferungsvolle Pfleger, um Aktivitäten in der Gruppe, um Geselligkeit mit anderen Menschen, aber diese Mischung aus Klinik und Kindergarten deprimiert mich. Die Zimmer mit ihren Betten auf Rädern, den wenigen privaten Gegenständen und rutschfesten Fußböden erinnern stark an ein Krankenhaus. Die Alten, die in Rollstühlen zu den gemeinsamen Mahlzeiten an die Tische geschoben werden und dort, umgeben von Pflegern, sitzen, erinnern mich an meine Kindergartenzeit – alle sind brav, alle schlürfen vernehmlich, alle essen weisungsgemäß auf. Kommt es nur mir so vor oder sehe ich Unglück in den Augen der Uroma? Aber wie ließe sich ihr Leben anders organisieren?
Etwas Trost spendet der Teich mit seiner Einfamilienhaussiedlung für Enten. Trotz Vogelgrippe sitzen die Weiblein und Erpel im Wasser, schnattern, gründeln oder lassen die Beine baumeln. Ich habe den Eindruck, als wäre ihre Zahl geringer als beim letzten Mal als ich hier war. Aber vielleicht hocken die anderen auch nur bei Kerze und Gebäck in ihren Hütten und stimmen sich auf den Advent ein? Eine schöne Vorstellung.
Zurück in Leipzig laufe ich wieder. Die Spannkraft aus der lichten Jahreszeit fehlt noch immer, aber ich spule mein Programm ab. Aus den 8,5 Kilometern sind jetzt schlammbedingte 9 geworden. Wenn meine üblichen Waldwege gefroren sind, ist der Untergrund nur wenig elastischer als ein Bürgersteig. Ich jogge nicht gerne auf befestigten Wegen wie Asphalt oder Stein. Aber was muss, das muss. Es wird Zeit, dass Frühling wird.
Das sagt sich auch der Schwarze Nachtschatten. Vor knapp zwei Wochen noch in spätherbstlicher Blüte stehend, hat ihm der Frost ein jähes Ende bereitet. Kraftlos hängen die Blätter, verschwunden sind die weißen, sternförmigen Blüten.
Stattdessen recken sich im zivilisierten Teil des Parks Hügelgräber aus Laub in die Höhe. Die ganze Woche über wird den Blättern der Marsch geblasen. Kolonnen von Stadtbediensteten im leuchtenden Orange pusten wie im Wettkampf über die Wiesen und Wege. Die Verlierer der internen Laubbläsermeisterschaft müssen dann alles zu Haufen zusammenrechen. Kleine Pritschenwagen kurven herum, reißen die gerade erst befestigten, doch jetzt feuchtrutschigen Wege auf und hinterlassen tiefe Spurrinnen. Nur am Sonntag ist Ruh. Der Vormittag gehört den Kirchenglocken.
Es wird Zeit, dass Frühling wird.
Helko Reschitzki, Moabit
Wenn du am 14. Oktober 1944 in Köln geboren wirst, während 4.000 Tonnen Bomben auf die Stadt niedergehen, du dabei mitsamt deiner Mutter in der Klinik verschüttet wirst, alle Säuglinge sterben, nur du nicht, hatte das Schicksal noch etwas mit dir vor. Du wächst auf in der Nachkriegszeit, gehst zur Schule, machst eine Kaufmannslehre, stehst am Fließband, kellnerst, wirst Model und fürs Kino entdeckt, drehst Filme mit Fassbinder, Warhol, Gus Van Sant, Werner Herzog, Dario Agento oder Fatih Akin, spielst in Hollywood-Blockbustern, Arthausfilmen, absolutem Trash mit. Bist Kunstsammler und Gärtner, hast bei alledem nie vergessen, wo du herkommst, wo man dich aus den Trümmern gebuddelt hat. Am Montag melden die Agenturen, dass am Tag zuvor, dem Totensonntag, Udo Kier gestorben ist. Ich habe bestimmt dreißig Filme mit ihm gesehen, der letzte dürfte das Finale von Lars von Triers „Geister“ gewesen sein. (Der Moment, in dem er in der 1. Staffel erstmals als riesiges Baby auftaucht, ist nicht nur mir unvergessen – man wusste nicht, ob man gerade halluziniert, lachen oder schreien soll.) Ich sah ihn als Hitler in Schlingensiefs „Die letzten Tage im Führerbunker“ und als Führer Kortzfleisch in „Iron sky“, zeigte in meiner Heimatstadt Parchim unter anderem „Lola“, „Lili Marleen“ und „Narziss und Psyche“ mit ihm. Mach et jot!
Ebenso am Montag der erste Schnee des Winters. Beim Baden gehe ich von der dichten, noch unberührten Uferdecke in das Wasser – es steht sich barfuß darauf viel angenehmer als auf der kalten Erde, auf Blättern oder auf Gräsern. Der Schnee taut innerhalb zweier Tage.
Am Dienstag fällt erstmalig seit Monaten das Schwimmen aus – ich muss mir erst einmal Neoprenhandschuhe besorgen. Dafür fahre ich in ein Taucher-Spezialgeschäft nach Steglitz, wo ich ein sehr gutes Gespräch mit dem jungen Verkäufer habe – am Ende wandert ein 5 Milimeter dickes Paar aus Chloropren-Kautschuk in den Rucksack.
Die nette Tischtennisdame, mit der ich neuerdings öfter mal etwas länger klöne, schreibt, dass sie heute nicht zum Spielen kommen könne, da sie erkältet daniederliege. Ich setze für sie umgehend eine Kraftsuppe der Traditionellen Chinesischen Medizin auf, bei der über Stunden Gemüse, Kräuter und Gewürze vor sich hin köcheln und anschließend durch ein feines Sieb gegossen werden. Trotz der langen Kochzeit bleibt die heilende Wirkung der Zutaten erhalten, da man mit dieser Prozedur die energetischen Kräfte (das Qi) extrahiert. Eine seit gut zweitausend Jahren bewährte Methode. Über meinen Besuch nebst Brühe freut sich die Schniefhüstelnde sehr und trinkt sogleich ein heißes Tässchen. Wie gewohnt quasseln wir uns fest.
Am Donnerstag laufe ich am Schlachtensee nach langer Zeit dem fast neunzigjährigen Naturschützerpärchen über den Weg – ein freudiges Wiedersehen! Wir sind sofort mittendrin im Vogelreport. Sie berichten von der alljährlichen Landung der Spießenten, die hier nun den Winter verbringen, und der Sichtung von gleich zwanzig Schwänen auf dem Wasser – sonst sieht man vier, fünf. (Die Zahl wird zwei Tage später von den beiden Sachsen bestätigt, die zudem wissen, dass die Vögel vom Nikolassee herübergeflogen sind, da dieser zugefroren ist.) Nebenbei beobachten wir ein Rotkehlchen und ein Eichhörnchen und gehen dann gemeinsam zur Bucht, wo ich vom Wasser aus (mit warmen Händen!) ebenjene Spießenten sehe.
Die Wassertemperatur lag zuletzt trotz des Schnees stabil bei fünf Grad. Nun ist das passiert, was mehrere Winterbader prophezeiten: „Irgendwann pegelt sich das ein und wird nicht mehr kälter – außer es friert, was selten mal vorkommt.“ (Oder wie es der Sachse in seiner unnachahmlichen Art ausdrückte: „Nooch vier gömmt Eis.“)
Am Freitag erreicht mich die Nachricht, dass ein Autorenkollege an Krebs erkrankt ist und gerade eine Chemotherapie macht. Da kaum ein Schreiber von den Texten leben kann, arbeitet er normalerweise als Fahrradkurier. Damit musste er nun notgedrungen aufhören und sich arbeitslos melden. Das Amt verschleppt den Vorgang, so dass er momentan vollkommen ohne Geld dasitzt und die Dezembermiete nicht zahlen kann. Ein gemeinsamer Bekannter bekam das zufällig mit – nun legen viele Kollegen und Freunde zusammen und werfen ihm das in nem Umschlag in den Briefschlitz. Aufs Konto dürfte man ihm nichts überweisen, da selbst Kredite als „Einkunft“ verrechnet werden, was zur Folge hätte, dass er perspektivisch gar nichts oder viel weniger bekommt als ihm zusteht. Und das, obwohl er immer ins System eingezahlt hat, und während einer Chemo – zum Kotzen!!!!!!
Am Samstag Trost durch Kontemplation im Museum Europäischer Kulturen, wo ich durch Áimmuin wandele – ein Arbeitsraum, in dem regelmäßig sámische Wissenschaftler und Kunsthandwerker die Sápmi-Sammlung erforschen, restaurieren und neu orden. Ich bin allein vor Ort und fühle mich sogleich wohl. Neben vielen Objekten, Interviews und wirklich guten Erklärungen sprechen mich vor allem die Kopien der Ritzzeichnungen aus den 1920er und 1930er Jahren an. Kunst, die mit dem Alltag zu tun hat, ist immer interessant.