Christoph Sanders, Lahntalklinik Bad Ems
Am Freitag geht es zunächst aufs Ergometer, gefolgt von meinem ersten Außenspaziergang mit Gehübungen. Schwachfeuchte Luft bei etwas über null Grad. Ich entdecke die Kornelkirsche. Im Kurpark haben Wildschweine entlang der plattierten Wege ganze Wühlarbeit geleistet. Eine Plakette belegt, dass drei Mammutbäume der Stolz der Anlage sind. Der Baumschnitt ringsum ist beendet. Dann zum Röntgen. Nachmittags das Gruppentraining für Beinbeweglichkeit. Später wieder Ergometer. Außerhalb des offiziellen Programms schaffe ich nun im Diagonalgang mit Krücken die drei Stockwerke.

Abends verspüre ich ein deutliches Muskelziehen – die Übungen wirken. Krafttraining ist für mich ein völlig neues Gebiet, das nach anderen Prinzipien funktioniert als Ausdauerbelastung. Ich erkenne: Langsame Ausführung ist besser als schnelle. Mit der Zeit versteht man den Körper besser. Man muss geduldig bleiben. Von draußen höre ich von einer weiteren Grippewelle, die aber hier bislang nicht angekommen ist – Amazon und DPD liefern noch aus. Ich muss an die verbarrikadierte Klinik in der Seuchen-Serie „Sløborn“ denken, wo auf einen Schlag auf dem Festland die Beleuchtung ausging – ich werde die Lichter am Horizont ab sofort Das Festland nennen …

Am Samstag ist ein so brillantes Wetter, dass sich der Freigänger zügeln muss, seinem untrainierten Bein nicht zu viel auf einmal zuzumuten. Auf der Promenade lausche ich einer Fremdenführerin, die vor der russisch-orthodoxen Kirche St. Alexandra das Russische Kreuz sowie die Symbolik der Zwiebeltürme erklärt: Die zentrale Zwiebel stellt Christus dar und die vier Unterzwiebeltürme die Evangelisten. Sie berichtet, dass das Gotteshaus auf Betreiben der Zarin Alexandra errichtet wurde, die außerdem anregte, unter russischen Badegästen und Einheimischen Spenden zu sammeln.

Von der Kirche geht es zum ehemaligen Hotel „Schützenhof“, wo ich mit dem äußerst angenehmen Ehepaar Jacobi im ballsaalartigen Showroom drei Stunden über aussterbende Handwerke, kaum noch gebräuchliche Textilgerätschaften wie die Augenstickmaschine und ihren Vorrat an in Stoff eingestickten Knöpfen plaudere. Ich hätte endlos bleiben können, doch Jens, der Jäger und Sammler, muss leider los, um aus Horressen einen Biedermeiertisch abzuholen.

In einer Kneipe, in der Ćevapčići angeboten wird, erkenne ich ein paar Gesichter aus der Klinik wieder – allesamt Männer, die es hinter sich haben und hier auf drei Bildschirmen Bundesliga-TV schauen. Am Abend steige ich noch ein letztes Mal auf das Ergometer – in der Hoffnung, dass ich in dieser Nacht endlich besser schlafen kann …
