Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Das vierte Klinikwochenende war nur ein moderat sportliches, dafür gab es überraschend viele Gespräche mit meinen Leidensgenossen.

Am Samstagvormittag eine kleine Joggingrunde. Es ist neblig; die Geräusche tragen weit. Weil die Wege infolge der Glätte nach wie vor unpassierbar sind, weiche ich auf Felder und Rasenflächen aus, wo noch krustiger Schnee liegt. Ich bin nicht der Einzige, der auf diese Idee gekommen ist, wie ich an frischen Fußspuren erkenne. Wie nicht anders zu erwarten, ist es mein Wanderkollege, der sich wie ich regelmäßig die Füße vertreten muss, dem ich dann über den Weg laufe. Und er hatte wiederum korrekt vermutet, dass das im Nebel näher kommende Krachen auf mich zurückzuführen ist. Ein kurzer Gruß, und wir verschwinden wieder im Nebel.

Am Nachmittag folgt dann der dritte samstägliche Ausflug nach Tangermünde in Folge – zu Fuß hin, zurück mit dem Bus. Da mein Zimmerkollege dieses Mal tatsächlich mitkommt, sind wir zu dritt. Temperaturen knapp über null Grad, es taut, unter unseren Füßen Matsch. Auf Höhe der Elbbrücke setzt der angekündigte Regen ein. Zwar nieselt es nur, doch in Kombination mit den durchweichten Schuhen wird es etwas ungemütlich. Aber weil kein Wind weht und wir zügig ausschreiten, sind wir gut zehn Minuten früher in unserer Stammbäckerei als in der Vorwoche. Der Zuckerkuchen ist leider ausverkauft, so dass ich auf ein Stück Heidelbeertorte ausweiche. Dieses schmeckt fantastisch und kostet gerade einmal soviel, wie in der Großstadt ein einfaches Stück Blechkuchen. Meine Begleiter nehmen ein Schweineohr beziehungsweise ein Stück Frankfurter Kranz. Weil es sich draußen einregnet, bleiben wir lange sitzen und reden über unsere Therapien, die Therapeuten und uns selbst.
Zwischendurch hole ich als Nachschlag Quarkbällchen. Ich lade die beiden ein zuzugreifen. Der eine lehnt ab, weil ihn aufgrund seiner Laktoseintoleranz das Wort Quark abschreckt. Mein Zimmerkollege zögert noch. Ich locke: „Das ist wie Mandarinen“ und verweise auf die Farbe und die Tatsache, dass die Bällchen wie Obst in einem Schälchen liegen. „Wie Mandarinen?“, fragt er. – „Na ja, halt mit Zucker. Und etwas mehr Fett. Und weniger Vitaminen.“ Er muss grinsen und nimmt sich eine Quarkbällchenmandarine.
Da ich noch eine Kerze für die Schwiegeroma entzünden möchte, die an diesem Vormittag fern von mir beigesetzt wurde, dränge ich rechtzeitig vor der Abfahrt auf den Aufbruch. Draußen trifft uns hart der Regen, sodass wir beschließen, direkt in die nahe St.-Stephan-Kirche zu gehen. Die ist geschlossen. Bis April. „God’s away on Business“, zitiere ich Tom Waits. Die zweite Kirche ist offen, jedoch entweiht. Sie ist jetzt ein Kulturzentrum. Wir bekommen den Tipp, es in der katholischen Dreifaltigkeitskirche zu versuchen. Die liegt auf dem Weg zur Haltestelle hinter einem Lidl und ist offen. Ich nehme eine Kerze, entzünde sie und stelle sie auf den Ständer. Dabei spreche ich eine Art Gebet und hoffe, dass es der Schwiegeroma gut geht, wo immer ihre Seele jetzt ist. Mir wird bewusst, dass ich mehr Jahre mit dieser feinen Dame verbracht habe, als mit meinen leiblichen Großmüttern. Einer der Mitwanderer steckt zwei Kerzen an, verrät aber nicht für wen oder was. Dann fahren wir zurück.

Am Abend brate ich mir in der Gemeinschaftsküche zum zweiten Mal ein Steak. Prompt erscheint aus Sorge, ich könne erneut zu viel Qualm erzeugen und den Feuermelder erzürnen, die Pflegerin. Heute jedoch ist alles korrekt: Die Dunstabzugshaube arbeitet auf hoher Stufe, das Küchenfenster steht offen. Da wir in der Therapie lernen, mehr an unsere Bedürfnisse als an die Befindlichkeiten der anderen zu denken, verspeise ich mein Steak vor aller Augen. Falls jemand von den Veganern die Stirn runzeln sollte, bekomme ich es nicht mit, da ich mich auf das saftige Fleisch konzentriere. Es war übrigens schwerer als angenommen, daran zu kommen: Im Edeka ist zwar ein Fleischer, doch der bietet das von mir bevorzugte Rind nur als Braten oder Roulade an. Auch in der Kühltheke gibt es keine Steaks. Blieb also wieder nur der Netto mit seinem abgepackten Fleisch, immerhin Bioware.

Später spielt unsere Gruppe eine Runde Dixit. Danach folgt Stadt, Land, Fluss, wobei es schon vorher Proteste gibt, da keiner gegen mich antreten möchte. Also ändern wir die klassischen Kategorien in Therapien, Gründe, Therapien zu schwänzen sowie Eklige Gerichte aus der Klinikküche. Hintergrund der letzten Spalte: Die Veganer erhalten immer ein „Überraschungsgericht“, das meist so aussieht und schmeckt, als wolle man sie zum Fleischessen bekehren. Wozu einer unserer Ärzte nur meinte: „Das ist ein Zusatzangebot. Als Klinik bieten wir nur vegetarisches Essen standardmäßig an.“ Was er nicht aussprach, aber mitschwang: „Selber schuld, wenn Du keine Tierprodukte isst.“ Man braucht schon eine gehörige Portion Leidensfähigkeit, um hier als Veganer durchzuhalten – zum Glück gibt es aber ja noch die Möglichkeit der Selbstversorgung. Auf jeden Fall erfinden wir eine erstaunliche Anzahl kreativer, ekliger Gerichte, Therapien und Gründe, diese zu schwänzen.

Am Sonntagvormittag mache ich einen Spaziergang. Das Tauwetter hält weiter an und verwandelt den Schnee in eine undefinierbare, vollgesogene, schwammartige blau-braun-schwarze Masse, aus der sich Pfützen bilden. Sobald die Füße tief in den Matsch sinken, sind die Schuhe durchnässt, weshalb ich Waldwege meide und mich nur im Ort bewege. Ein alter Herr ist mit einem Terrier unterwegs. Hinter einem Hoftor versteckt bellt ein größerer Hund seine Aufforderung zum Tänzchen herüber, die der kleine mit Knurren und Kläffen erwidert. Die Glocken des Klosters schrecken die Tauben hoch, die daraufhin die beiden Kirchtürme so lange aufgeregt umkreisen, bis der Ruf zum Gottesdienst verhallt.

Sportlich bleibt es, wie gesagt, bei einem ruhigen Wochenende. In den Raum mit den Yogamatten darf ich nicht. Um ihn am Samstag oder Sonntag nutzen zu dürfen, müsse ich die Therapeuten fragen, teilt mir die Pflegerin mit. Etwas viel Kindergarten, finde ich. Zumal es beim Therapeuten immer auf eine tiefenpsychologische Einheit hinaus läuft: „Warum wollen Sie den Sportraum nutzen?“ – „Um Sport zu treiben?“ – „Und warum wollen Sie Sport treiben?“ – „Weil es mir gut tut?“ – „Und warum haben Sie das Gefühl, dass Sport Ihnen gut tut? – „Äh, weil … oh, ich habe ganz vergessen, dass ich noch einen wichtigen Termin habe…“ – „Ich schlage vor, dass Sie das Thema mal mit ins nächste Gruppengespräch nehmen.“ Ja, ja, und Danke für nichts. Also keine Yogamatte am Wochenende.
