Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Tag 23. Manchmal ist es leichter, um Verzeihung zu bitten, als um Erlaubnis zu fragen: Nachdem einer der Mitpatienten auf den vereisten Stufen ausgerutscht war und tagelang über Schmerzen klagte, habe ich am Freitag das einsetzende Tauwetter genutzt, mir den im Eingangsbereich stehenden Schneeschieber geschnappt und die Außentreppe so gut wie möglich von Eis und Schnee befreit. Das dürfen wir hier eigentlich nicht – wegen der Verletzungsgefahr …

Auch im Ort sind überall Menschen dabei, die Bürgersteige vor ihren Häusern mit Schaufeln vom brüchig gewordenen Eis zu befreien. Wann, wenn nicht jetzt. Wo noch unberührter Schnee liegt, knackt die überfrorene Decke unter den Schuhen wie die frisch flambierte Kruste einer Crème brûlée. Es ist ein fast zärtliches Geräusch.

Aufziehender Nebel trübt den Blick in die Ferne. Krähen stieben vor den ins Grau getauchten Türmen der Klosterkirche auf und krächzen erbost, weil ich ihre Kreise störe. Die Schwaden wecken in mir das Gefühl, dass uns die Seelen der Menschen heimsuchen könnten, die in den düsteren Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf unserem Klinikgelände ermordet wurden. Erst die Eisbrocken, die von einem Dach rutschen und vor mir auf dem Weg zerschellen, reißen mich aus dieser unwirklichen Atmosphäre.

Meine Nebelrunde ist der Ersatz für die planmäßig angesetzte Wanderung, die, wie so viele Therapieeinheiten zurzeit, ausfällt. Statt nun im Haus zu bleiben und mich zu freuen (so wie einige) oder im Haus zu bleiben und enttäuscht zu sein (so wie andere), mache ich einfach meinen eigenen Spaziergang. Da nach wie vor viele Wege spiegelglatt sind, ist mein Tempo moderater als sonst. Außerdem stoppe ich immer mal für einen Schnappschuss – auf den offiziellen, betreuten Wanderungen haben wir kein Smartphone dabei, weshalb dort, anders als heute, keine Fotos möglich sind.

Ich bin nicht nur der einzige Patient, der draußen unterwegs ist, ich bin auch der einzige, der angesichts der erneuten Stundenausfälle sein kleines privates Sportprogramm abspult. Wobei – gestern hatte ich noch einen Gefährten, der heute jedoch am ganzen Körper Muskelkater verspürt und daher aussetzt. Was die Fitness angeht, fühle ich mich wie ein Jungspund unter lauter Greisen, obwohl ich als ältester Patient hier der Methusalem bin. Vom Pflegepersonal sind immerhin fünf ungefähr in meinem Alter, was man auch an den Vornamen Mandy, Olaf, Martin oder Matthias erkennen kann.

Das Einzige, was am Freitag noch stattfindet, ist Ergotherapie. Wir dürfen wieder entspannt mit Ton arbeiten. Mein Stövchen aus der ersten Stunde ist glasiert und gebrannt und kann nun von mir käuflich erworben werden. Meine Plastik „Mein Schrei“ aus der vergangenen Woche ist luftgetrocknet und kommt jetzt erst einmal in den Ofen. Eine Farbgebung ist daher noch nicht möglich, weshalb ich ein neues Projekt starte: Eine Comicfigur. Die Ausformung ist fertig – ich hoffe, sie übersteht das Trocken. Ich habe bereits Ideen für weitere Figuren und Abstraktes und freue mich schon auf die Umsetzung – vorausgesetzt, dass Töpfern nicht auch noch ausfällt.

Heute verließ uns wieder ein Patient, so dass wir aktuell nur noch zu acht das zunehmend stiller werdende Haus bewohnen. Ich bin der jüngste Neuzugang und selbst ich bin jetzt schon dreieinhalb Wochen hier. Für die kommende Woche wurden uns zwei neue Patienten angekündigt, was wichtig für die Gruppenhygiene wäre, da langsam Konflikte aufbrechen, die wohl dem Mangel an Input geschuldet sind. Ich umgehe das, indem ich, wenn es mir zu viel wird, Sport treibe oder einen Spaziergang mache. Das befreit den Geist und beflügelt den Körper – die anderen sind jederzeit herzlich eingeladen, mitzumachen.
