Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Tag 1, 2 und 3 im Exil.
Der erste Abend in der Klinik ist düster. Es ist, als hinge eine große dunkle Wolke über meinem Gemüt, die umso schwerer und dunkler wird, je mehr ich versuche, mir Sonnenstrahlen vorzustellen. Mir gehen viele Gedanken durch den Kopf: Warum ist es gerade so schwer? Warum fühle ich mich so verlassen? Warum nimmt die Traurigkeit zu und nicht ab?
Auch die erste Nacht gestaltet sich schwierig. Ich kann vor lauter Grübelei nicht einschlafen. Um müde zu werden, erwecke die vor zehn, fünfzehn Jahren am Bett meiner Kinder erdachten Helden zu neuem Leben und ersinne deren Vorgeschichte. Wie damals ist alles improvisiert – ich bin gleichzeitig Erzähler und mitfieberndes Publikum, das auf das Voranschreiten des Abenteuers, die schrägen Wendungen und amüsanten Dialoge lauert. Am Ende bringt mich zwischen unruhigem Wachen und schnarchendem Halbschlaf um halb sieben der Wecker in die Realität zurück. Der erste vollständige Tag im Exil liegt vor mir. Es soll ein interessanter Tag werden.

Neben dem weiteren Kennenlernen der Abläufe erwartet mich ein abwechslungsreiches Programm: Töpfern, Entspannungsübungen und kreatives Basteln. Den Abschluss bildet ein intensiver Marsch durch die Wälder der Umgebung – rund acht Kilometer in anderthalb Stunden, was zunächst eher entspannt klingt. Doch die Wege sind durch Schlamm, Schnee- und Eisrückstände tückisch, weshalb mein Blick die meiste Zeit wachsam auf den rutschigen Boden gerichtet ist. Wir passieren zwei Rehe und eine Wildkamera, wobei die beiden Paarhufer unsere schnaufende Horde genauso stoisch hinnehmen wie die Fotofalle in den Bäumen.

Ich bin hier als alter Mann unter Menschen, von denen die meisten mindestens zwanzig Jahre jünger sind als ich. Viele tragen bereits ein riesiges Bündel an Problemen mit sich herum. Für die meisten ist das nicht die erste Therapie. Wenn ich mich so umsehe, komme mir ein wenig wie der stoische Häuptling im Kuckucksnest vor. Vielleicht bin ich ja der einzige Normale unter den Problembeladenen? Der Gedanke stimmt mich positiv. Ich versuche, mich daran festzuhalten.

Da jeder Gang gut tut, gehe ich nach dem Abendessen nochmal raus. Mein Ziel ist einer der beiden Supermärkte, die ich in der Umgebung entdeckt habe. Vorm Netto begegnen mir Trubel, laute Musik, ein Flackern und Rauch – die Feuerwehr des Ortes verbrennt die Weihnachtsbäume, die ihnen die Anwohner nach und nach herbeischleppen. Da ist es endlich, das ersehnte Licht im Dunkel! Vermutlich bin ich der einzige Patient, der es sieht. Doch das ist mir egal – hier draußen sind die anderen und die Klinik weit weg. Und solange ich in Bewegung bin, meine Probleme ebenso.

Und schon ist es Samstag – das erste Wochenende im Exil beginnt. Wer die Erlaubnis hat, ist ausgeflogen. So sitzen an den Tischen nur etwa zwei Drittel der Insassen. Fast alle lassen es ruhig angehen, lesen, spielen und lösen Rätsel. Einige gehen zum Supermarkt oder sind auf ihrem Zimmer geblieben, vielleicht, um nun endlich ohne den schnarchenden Bettnachbarn etwas Schlaf zu finden.
Ich habe mir vorgenommen, mich wie schon zu Hause auch hier bis zur Erschöpfung sportlich zu verausgaben. Vor allem an den Wochenenden, wenn es keine Struktur durch fixierte Termine und Therapien gibt. Nach einigen Übungen im Zimmer ziehe ich die Laufsachen an, heute mit langer Thermowäsche, weil es wieder kalt geworden ist – aktuell minus 1 Grad Celsius. Ich habe eine etwa zehn Kilometer lange Strecke entdeckt, die ich ausprobieren will. Der Rundkurs führt mich ein Stück am Elberadweg entlang (Schön, Dich wiederzusehen!) um einen Nebenarm der Elbe herum durch die Weideflächen und Äcker über eine kleine Brücke zurück in den Ort.

Es ist traumhaft und läuft sich quasi von alleine. Die Feldwege sind stellenweise noch mit Schnee bedeckt, die tiefen Spurrinnen der Traktoren sind zum Teil gefroren. Immer wieder bleibe ich stehen, um zu fotografieren – und mich des Wegs zu versichern. Es besteht eine strenge Anwesenheitspflicht bei den Mahlzeiten, so dass ich es tunlichst vermeiden sollte, steckenzubleiben oder mich zu verlaufen.

Gänse fliegen schnatternd nach Norden. Ein Rudel Rehe grast auf einem Acker. Ein großer Raubvogel erhebt sich vom Baum, weil er sich von mir gestört fühlt. Die Wasserflächen sind vereist. Schilf steht gelangweilt in der fahlen Wintersonne. Alte knorrige Bäume hocken am Feldrand wie alte Leute auf den Bänken vom Friedhof. Wahrscheinlich erzählen sie Geschichten, aber niemand hört zu – und ich verstehe sie nicht. Ich beschließe, jeden einzelnen Baum kennenzulernen und ihm einen Namen zu geben: „Gestatten, das ist Hagen. Natürlich eine deutsche Eiche (wenn mich die KI richtig aufgeklärt hat). Gisela stelle ich euch dann beim nächsten Mal vor.“

Schnell steht für mich fest, dass ich hiermit meine perfekte Strecke gefunden habe. Nur wenn es längere Zeit am Stück regnen sollte, dürfte der Rundweg unangenehm werden, aber dann werde ich mich eben auf trockene Teilstrecken beschränken. Am Ende bin ich zwölf Kilometer gejoggt – und habe ein weiteres Mal für eine Weile meine Wehmut zurückdrängen können.
