Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Ankunft im Exil.
Mein Kind hat den Ort, an den mich ein Trainerkollege mitsamt meinem großen Koffer bringt, ganz respektlos „die Klapse“ genannt.

Dort angekommen, bekomme ich zunächst ganz viele Informationen, führe erste Gespräche über das, was kommt, das, was zu beachten ist, und das, was zu unterschreiben ist. Mit dem Pfleger, dem Arzt, der Psychologin, einer weiteren Pflegerin. Außerdem werde ich über die Geheimhaltung belehrt – alles, was hier besprochen wird, bleibt hier.
Zum Mittag gibt es für die Neuankömmlinge heute ausnahmsweise kein Wahlessen, sondern das, was die Köche ausgesucht haben. Das ist ausgerechnet Milchreis, das einzige Gericht, das ich seit der Schulzeit nur sehr ungern esse. Als ich fertig bin, bin ich immer noch hungrig. Wenn etwas in der Küche übrig ist, kann man Nachschlag bekommen, jedoch nur vom Gericht, das man hatte. Ich habe Glück – eine Frau tauscht mit mir meinen Nachschlag Milchreis gegen ihren Nachschlag Nudeln mit Soße. Das stillt den Hunger dann doch.

Am Nachmittag die erste Pflichtveranstaltung. Ein Gruppengespräch. In der Vorstellungsrunde wird mir bewusst, dass es keinen Zyklus gibt, sondern die Patienten fortlaufend fluktuieren- einer wird uns nächste Woche verlassen.
Während der Therapiestunden müssen wir die Handys abgeben, von 15.30 Uhr bis zur Nachtruhe gibt es die begehrten Geräte zurück. Einige schauen bereits um 15 Uhr sehnsüchtig auf die Uhr.
Ich sende ein erstes Lebenszeichen an die Familie.

Dann muss ich erstmal die Laufschuhe schnüren und rennen. Ich laufe in den nebligen Sonnenuntergang, vorbei an Schneeresten, sehe in der Ferne das Eis auf einem Nebenarm der Elbe und genieße es, mich zu bewegen. Weil es rasch dunkel wird, bleibt es bei einer kurzen Runde über 7,5 Kilometer. Nun, zum Entdecken und Erkunden habe ich noch viele Abende und lange Wochenenden vor mir.

Auf geht’s.
