Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow

Ein wichtiger Bestandteil der Therapien ist die Beobachtung und Reflexion des eigenen Körpers und Verhaltens. So sollen wir uns beispielsweise bei einer der Übungen hinstellen und die Augen schließen. Die Therapeutin fordert uns auf, unsere Aufmerksamkeit nacheinander auf die Füße, die Beine, die Hüfte, den Bauch, den Rücken, die Arme, die Schultern, den Hals und schließlich auf die unterschiedlichen Bereiche des Kopfes zu konzentrieren. Danach werden die Augen wieder geöffnet und jeder teilt der Runde seine Beobachtungen und Empfindungen mit. Während andere berichten, dass sie anfingen zu schwanken oder sich in sich zusammensacken fühlten, wurde mein Stand immer fester. Der Oberkörper richtete sich auf, die Brust hob sich, der Kopf reckte sich entschlossen und offen nach vorne. Ich merke an, dass sich das Stehen gut und frei angefühlt habe, aber der Kiefer angespannt gewesen sei, und bekomme den Tipp, die Zunge nicht an den Gaumen zu strecken, sondern einfach auf den Mundboden fallen zu lassen. Mein Unterkiefer hängt nun locker herunter wie beim Skelett, das damals im Biologierraum unserer Schule stand. Das ist zwar ein etwas ungewohntes Gefühl, funktioniert jedoch überraschend gut.

Die Wochenenden können anstrengend sein, wenn man ohne einen Therapieplan in den Gemeinschaftsräumen hockt, mit sich und seinen Grübeleien beschäftigt ist, gern erweitert um die Sorgen und Probleme der anderen. Ich verlasse zwar so oft es geht das Gelände um in der Natur unterwegs zu sein, was für mich die einzig mögliche Vorgehensweise ist, habe aber natürlich auch da meine Gedanken mit im Gepäck. So gern ich mich allein auf den Weg mache, sind wir von den Therapeuten angehalten, auch Dinge gemeinsam mit den anderen zu unternehmen. So gibt es zum Beispiel jeden Mittwoch einen neunzigminütigen, für alle verpflichtenden Patientenabend. Am Samstag kam als Kür Karaoke hinzu. Ich hatte noch an so etwas teilgenommen und war textlich bei den aktuellen Songs deutlich im Nachteil. Zugleich war ich überrascht, wieviel Freude diese Art des gemeinsames Singens bereitet (ich singe sonst nur im Stadion). Und mit meinem Namensvetter Sinatra konnte ich denn auch zweimal punkten: „My way“ als Solo (ich kann nur empfehlen, das mal lauthals zu singen!) und im Duett „Something stupid“. Eine weitere Erfahrung, die ich ohne den Aufenthalt hier nie gemacht hätte.

Etwas anderes, das mir erst hier so richtig bewusst wird, ist, wie trügerisch erste Einschätzungen von Personen sein können: Mein Gegenüber am Tisch, den ich innerlich als Programmierer eingestuft hatte, entpuppt sich im Gespräch als Hauptmann der Bundeswehr. Man sollte also immer vorsichtig sein mit voreiligen Schlüssen – im Zweifelsfall ist es besser, einfach mal zu fragen.

Da meine Knie nach dem langen Rückweg von Tangermünde am Samstag eine Pause brauchten, verzichtete ich am Sonntag aufs Joggen und machte lange Spaziergänge. Wobei Pause relativ ist – am Ende war ich doch wieder insgesamt fünfundzwanzig Kilometer unterwegs. Neben dem eisigen Wind, der mir weiterhin in jede Ritze kroch, waren die Windräder, zwischen denen ich hindurchging, das Eindringlichste. Sie erzeugen wirklich unangenehme Geräusche: ein dumpfes Summen im kaum wahrnehmbaren Bereich, dazu das rhythmische Wupp, Wupp, Wupp der Flügel. Das erklärt viel besser als alle Worte, warum die meisten Gemeinden solche Anlagen nicht in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnhäuser errichten lassen wollen.

