Christoph Sanders, Thalheim
Am Dienstag weiterhin leichte Minusgrade bei dünner Schneedecke – das Grau der Ofenasche, die ich gestern vorm Haus ausgekippt habe, hebt sich interessant ab. Die Verkehrslage ist entspannt – kein Neuschnee. Am Morgen zum Fädenziehen der Basalzellkarzinom-OP. Am 10.03. muss ich ein zweites Mal ran, da der Laborbefund sagt, dass da noch Nachbarzellen aktiv sind. Die Hüft/Bein-Reha wird im März hinter mir liegen, ich hoffe, dass ich dann mit dem Rad zur Dermatologin fahren kann. Mit der Klinik letzte Unstimmigkeiten geklärt, die es, wie sich herausstellte, deshalb gab, weil ein anderer Patient einen fast gleichlautendem Namen hat. Mit jedem Tag werde ich beweglicher und trainiere nun vorsichtig auf beiden Beinen die Balance, heute zum Beispiel durch behutsames Abrollen. Die Furcht, ohne Krücken kaum mehr gehen zu können, ist aber immer noch da. Sehr erfreulich ist, dass ich die Thrombosespritzen absetzen kann.

Bei meiner kleinen, alltäglichen Gartenrunde Kontaktaufnahme mit einem dunkelbraunen Eichhörnchen mit weißem Brustfleck, das am Tulpenbaum herumturnt, bei meinem Erscheinen verschwindet, dann scheu zurückkommt, wieder verschwindet usw. Aufgrund der vielen Haselsträucher ringsum dürften seine Vorräte gut gefüllt sein. Diese fast schwarze Farbvariante ist bei uns seltener als das bekannte rote Eichhorn, das in Großbritannien inzwischen von einer (ursprünglich aus Nordamerika stammenden) grausilbernen, etwas kräftigeren Art beinahe völlig verdrängt wurde. Die Grauen sind nicht nur größer, sondern auch widerstandsfähiger gegenüber Erregern wie dem Pockenvirus, das seit der Jahrtausendwende die Reihen der Roten merklich schwächt. Eine invasive Bedrohung – wir sind gewarnt!!!

Kempowski in seinem Tagebuch („Alkor“) überwältigt von den Tagen um den 9. November 1989. Als die Grenze geöffnet wird, fährt er mit dem Zug nach Hamburg und Lübeck, spendiert putzig und hilflos Bier und Kuchen. Er sieht die Trabi-Kolonnen. Jeder, der nicht für die Wiedervereinigung ist, bekommt seinen großen Zorn zu spüren. Ich erinnere mich beim Lesen an meine Empfindungen in jenen Tagen – in meiner Generation hatte im Westen wirklich niemand eine Wiedervereinigung auf dem Schirm. Viele wissen bis heute nichts mit diesem Geschenk der Geschichte anzufangen, am ehesten noch die Berliner. Überglücklich waren Flüchtlinge oder abgeschobene politische Gefange wie Kempowski, die ihre alte Heimat verloren hatten, die Verwandten, die Landschaften; die gezwungen waren, in Erinnerungen zu leben. In unserer bundesrepublikanischen Welt tauchten die Heimatverlorenen nur in den Siedlungen auf, die nach schlesischen, pommerschen, ostpreußischen Städten benannt waren. Die Eltern sprachen noch ostpreußisch, ihre Kinder schon nicht mehr. Es dauert nicht mehr lange, dann wird die DDR aus den Schulbüchern verschwinden – was ich barbarisch und dumm fände.

Während der Teenie von ihrem Vormittag im Altersheim berichtet, schmurgeln im Ofen die Bio-Hühnchenschenkel warm. Sie kommt mit ihrer gut Arbeit klar, mag die Abwechslung. Manchmal braucht sie wirklich starke Nerven, zum Beispiel wenn bei der Fütterung einer volldementen Frau deren teildementer Mann gegenüber der bulgarischen Mitarbeiterin übelste rassistische Sprüche vom Stapel lässt. Einer der Bewohner spuckte den Leberknödel aus und hielt dann ihre Haare. Sie backt am Nachmittag einen Marmorkuchen, den sie morgen für die Senioren mitnimmt. Weitere Arbeit an den alten Radblogeinträgen – unter anderem Durchsicht eines Textes über Japanisches Holz- und Keramikhandwerk – in solchen Nischen wird KI nichts verbessern können. Abends Regen bei null Grad, was immer kritisch ist, da das Salz weggespült und der Regen nach dreißig Minuten zu Eis wird. Ich bin das familiäre Frühwarnsystem und behalte mit meinem 8x40er Fernglas die Landstraße im Auge. Prokofievs „Streichquartett Nr. 2“ gefällt mir ausgesprochen gut – da werde ich mich nun nach ein paar Alternativeinspielungen umsehen.

Ein grauer, nieseliger Mittwochmorgen bei leichten Plusgraden. Die beiden Kraftfahrzeuge der Familie finden festen Halt auf der Straße.
Morgentoilette und Frühstück. Müsli, Tee und Kaffee schmeckten wie ehedem, der aktuelle Infekt macht sich dünne – ich werde als gesunder Patient die Tore der Emser Rehaklinik durchhumpeln! Auch heute wieder minimal beweglicher – das Riesenhämatom, das mich Wochen gekostet hat, ist kaum noch zu erahnen. Langer, schöner Besuch eines Sportsfreundes aus dem Vogelsberg – Hausrenovierer, Radsammler, kluger Mensch, seit vier Jahren in Rente. Angeregte Unterhaltung über dieses und jenes, unter anderem über Rennräder und deren Geschichte – sein gesamter Speicher steht voll damit. Ein sehr angenehmer Mensch, der dann im Bann meiner Teenies beim Kochen half. (Er hat nur Söhne.) Herzliche Verabschiedung. Nach einem Abendbrot (wie Du es als Altersheimbewohner nie bekommst) noch etwas Champions League mit meinem Sohn. Ein Tag, an dem ich von der Nachrichtenlage kaum etwas mitbekam – auch schön.
