Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Tag 15. Mittlerweile bin ich zwei von zwölf Wochen in der Klinik. In dieser Woche kommt es immer wieder zu Unterrichtsausfällen: Am Montag wetterbedingt (wie in anderen Teilen Deutschlands gab es auch hier kräftigen Neuschnee), ansonsten aufgrund von Krankheit oder terminlichen Schwierigkeiten der Therapeuten.

In den Gruppengesprächen öffnet sich nun jeder ein bisschen mehr, findet den Mut, Schwieriges aus- und anzusprechen. (Aus und an: Ich denke, dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich beide Vorsilben in einem Satz im Zusammenhang mit dem Verb sprechen verwende. Interessant.)
Interessant auch, dass ich von Mitpatienten darauf angesprochen werde, dass ich oft in Bildern sprechen würde. „Du redest immer in Zitaten“, beschreibt das einer. Was ihm als Zitat erscheint, sind meine Gedanken und Beobachtungen. Vielleicht erkennen andere darin eine Distanziertheit, die aus meiner für sie ungewohnten Schweigsamkeit erwächst. In der Tat trage ich mein Herz nicht auf der Zunge – was ja möglicherweise der Grund meines Hierseins ist.

Ein Beispiel: Vier Mitpatienten sitzen im Wintergarten und blicken versonnen auf den frisch gefallenen Schnee. Ich stehe daneben und sage: „Ein prasselndes Kaminfeuer, von dem die Funken sprühen und in dem das Holz knackt, wäre jetzt schön. Oder wenigstens eine Kerze.“ (Selbstverständlich ist offenes Feuer streng verboten im Haus.) Eine Patientin nimmt ein mit Batterie betriebenes Teelicht aus Plastik in die Hand. „Wir haben doch eine Kerze.“ Ich verneine: „Die Plastikkerze ist nicht echt.“ Ich zeige auf die Winterlandschaft des Klinikparks vor dem Fenster. „Genau wie das da. Das ist nicht die Wirklichkeit. Das ein Abbild, eine Imitation der Wirklichkeit, aber das ist nicht die Wirklichkeit. Das ist nicht echt.“
Als ich das später im Gruppengespräch erzähle, habe ich das Gefühl, dass die anderen innerlich aussteigen. Und auch die Therapeutin wiegelt ab, weil das Gespräch aus ihrer Sicht ins Philosophieren abdriftet und von den eigentlichen Problemen wegführt. „Zitate“ halt, keine Gefühle. Wobei sich für mich schon vieles an Gefühlen in diesen Gedanken widerspiegelt, aber eben nicht so direkt, wie es sich die Therapeuten von uns wünschen. Also klare Gefühlswörter wie traurig, melancholisch oder wütend: „Ich bin traurig, weil hier keine Kerze brennt, und wütend, weil jemand das Plasteteil Kerze nennt.“ Aber so denke und spreche ich nicht.
Und einmal mehr frage ich mich, ob ich überhaupt hierher gehöre.

Da die Gefahr, auszurutschen und sich zu verletzen, zu groß ist, wurde der Frühsport wegen des Schnees nach drinnen verlegt. Was keinen davon abhält, trotzdem ins Freie zu gehen. Tatsächlich ist es dort jetzt sogar schöner als all die Tage davor – und so werden Schneemänner gebaut, Schneeengel gewischt und Herzen auf Bänke gemalt … Die Welt ist verzaubert und verliert den Verstand.

Auch ich kann nicht anders, als den Schnee unter meinen Schuhen zum Knirschen zu bringen. Der Wind lässt Flöckchen rieseln, wobei nicht klar ist, ob er sie von Bäumen und Dächern raubt oder ob die Wolken noch etwas Extraschnee für mich zurück behalten haben. Es ist Abend und ich stapfe als einsamer Wanderer zum Kloster, das in eine Schneedecke gehüllt und lichtspendend wie ein Gruß aus der heiligen Nacht vor mir liegt. Die von Scheinwerfern angestrahlten Kirchtürme werfen Schatten in den Himmel – eine unwirkliche und magische Atmosphäre. Ich kann mich daran gar nicht sattsehen und fühle mich in dem Moment so lebendig, dass ich vor Entzücken und Glück weinen möchte. Und meine Mitpatienten, die allesamt nicht mitwollten? Nun, die Geburt Jesu haben auch nur die Eltern und ein paar aufmerksame Hirten mitbekommen.

Nach kurzem Tauwetter unter der Dienstagssonne bleibt der frische Schnee liegen, friert wieder und wird erneut zu Eis – was für mich das Joggen auf den glatten Feldwegen unmöglich macht. Frustriert gehe ich zum „Schreiacker“ (oder dem „Feld der Tränen“, wie ich es etwas poetischer nenne). Hierher begeben sich seit Generationen Patienten, um sich ihren Wut und Ärger von der Seele zu brüllen.
Außerdem werden auf dem Schreiacker diejenigen verabschiedet, die die Klinik verlassen. An einem Abreisetag fällt für alle im Haus der Frühsport aus, damit der Scheidende und die Zurückbleibenden etwas gemeinsame Zeit zur Besinnung bekommen. Der Gehende spricht ein paar Worte, der Rest verharrt in Stille, die Raucher rauchen. Geschrien hat dabei, zumindest in den letzten vierzehn Tagen, noch keiner.
Am Donnerstag sowie Freitag verlassen uns zwei weitere Patienten, so dass im Haus statt bis zu zwanzig nur noch neun Menschen leben werden. Aber da an Getriebenen und Verzweifelten kein Mangel herrscht, wird unsere Zahl in den nächsten Wochen sicher wieder rasch ansteigen.
