Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Am Donnerstag ist ein neuer Mitpatient da. Nicht der erwartete Carsten (der auch Christian, Karl oder ganz anders heißen kann), sondern jemand, mit dem keiner gerechnet hatte.
Der Neue sieht so traurig und verloren aus, wie ich mich an meinem ersten Tag fühlte, und auch bei ihm zeigen sich Unverständnis und Trotz: „Ich gehöre hier nicht her. Ich wollte in eine Tagesklinik, aber meine Hausärztin und die Therapeutin haben gesagt, dass ich in eine geschlossene Klinik soll. Ich gehöre überhaupt nicht hier her.“
Er macht den ganzen Tag den Eindruck, als würde er unvermittelt in Tränen ausbrechen. Ihn quälen die gleichen Fragen, die auch mich umtrieben: „Warum bin ich hier? Was soll das alles?“ Bereits am Abend steht für ihn fest, dass er nicht bleiben wird: „Maximal das Wochenende“, vor dem es ihm bereits graut, will er noch abwarten – das alles sei „ein schrecklicher Fehler, ein Missverständnis“ …

Am Freitag durchläuft er das normale Programm seiner Gruppe und hat zudem das, was hier ein „Not-Einzel“ genannt wird – ein kurzfristig angesetztes Einzelgespräch mit einem Therapeuten, weil der Patient sich in einer seelischen Notlage befindet. Was auch immer ihm dieser Tag über sich selbst verraten hat – am Abend sagt er zu mir, dass er dem Ganzen jetzt doch eine Chance geben wolle.

Ich möchte noch im Supermarkt ein paar Kleinigkeiten für mich und drei Mitpatienten einkaufen gehen – und er will mich dabei begleiten.
Ich alte Labertasse rede viel mehr als er. Doch dass ich mich anfangs in einer ähnlichen Situation sah, wie er sie momentan durchlebt, scheint ihm Kraft zu geben. Er berichtet, dass es ihm im Vorfeld an vielen wichtigen Informationen gefehlt habe. Auch das Gefühl teile ich – die Klinikwebsite und die paar Handzettel geben erstaunlich wenig davon preis, was genau uns hier geboten wird.

Er fragt, ob es stimme, dass wirklich jeder traurig ist und auf eine gute Zeit zurückblickt, wenn er nach den zwölf Wochen geht, wie es die anderen ihm aufmunternd zugerufen haben. Nun, das konnte ich ihm für mich noch nicht abschließend bestätigen, aber er sei ja dabei gewesen, als uns ein Patient verließ, habe gesehen, wie lange der den Weggang hinauszögerte, wie innig die Verabschiedung war.
Trotzdem steht nun erst einmal das lange Wochenende vor ihm – ohne Therapieeinheiten, ohne feste Termine, abgesehen von den fixierten Zeiten für die Mahlzeiten. Ich bot ihm an, dass ich jederzeit für eine Wanderung zur Verfügung stehe, und sagte, dass, wenn er die zwei Tage durchhalte, das Schlimmste überstanden sei – die dann noch verbleibenden Ängste und Sorgen seien schließlich der Grund, weswegen wir alle hier sind.

Ich beginne den Samstag mit einer Joggingrunde. Die Temperaturen betragen um die null Grad, die Luft ist klar, ein kühler Wind weht. Der Schnee vom Vortag liegt wie Puderzucker auf den Wegen und Feldern, auf Gras, Busch und Baum. Da ich dem Untergrund im Wald und auf den Äckern nach Schnee, Tauwetter, Regen und erneutem Schneefall nicht so recht traue, bleibe ich auf befestigten Pfaden – ich habe keine Lust, mit den Turnschuhen im Matsch zu versinken.

Es ist eine Runde für die Einzelgänger: ein kleiner Junge mit seinem Fahrrad, eine Mutter mit Kinderwagen, ein Greifvogel auf einem Ast, eine Katze an der Friedhofsmauer, ab und an jemand mit Hund. Ich sehe vereinzelt Spuren von einem Fuchs, einem Hasen und, da bin ich mir fast sicher, einem Wolf. Nur die Wildgänse, Krähen und Rehe sammeln sich in der Ferne zu größeren Trupps. Ich stoppe immer mal für ein Foto, was mich nicht stört, da ich heute nicht gegen die Uhr laufe – am Ende zeigt die App 12,5 Kilometer in 72 Minuten an.

Bevor ich unter die Dusche springe, unterhalte ich mich noch mit einem der Pfleger. Er ist etwa so alt wie ich und erzählt von seiner Leidenschaft für Motorräder. Eines bewahrt er, gut konserviert, zu Hause in seiner Küche auf. 2030 werde er es auseinandernehmen, Dichtungen und Verschleißteile ersetzen und damit 2031 zu einem Oldtimer-Treffen fahren. Dann sei die Maschine genau dreißig Jahre alt, und er bekäme das begehrte H-Kennzeichen, wobei das „H“ für „historisch“ steht. Langfristige Pläne. Das ist etwas, woran ich aktuell überhaupt nicht denke. Und kurzfristig interessiert mich nur eines: Meine Frau wird mich diesen Nachmittag besuchen!

Sie kommt mit dem Bus aus Genthin. Ich steige am Bahnhof hinzu, der nur noch so heißt: Eine Schranke gibt es nicht, keine Schilder, nicht einmal mehr Schienen; hinter schmutzigen Scheiben rostet eingestaubte Technik vor sich hin. Wir fahren nach Tangermünde und erkunden Hand in Hand Altstadt, Stadtmauer und Hafen.
Ein kleiner Urlaub vom Klinikaufenthalt.

Es ist kalt, es ist windig und der Hafen nahezu eisfrei. Komorane segeln über das Wasser, ein Falke stemmt sich gegen den Wind, Reiher staksen über die Wiesen, und die verrückten Möwen lachen dazu. Es ist Valentinstag – zum Abend zieht es alle in die nicht eben wenigen Gaststätten: Schnitzel statt Blumen. Wir haben Glück und bekommen um 16.30 Uhr im „Rhodos“ noch für eine Stunde einen Tisch. Das reicht fürs Auswählen, Warten, Verspeisen und Bezahlen. Meine Frau entscheidet sich für Moussaka, und ich wähle eine Grillplatte mit Tzatziki, das mit viel Knoblauch zubereitet wurde. Uns beiden schmeckt es. Meine Fleischportion ist angemessen – die Zeiten der Völlerei beim Griechen scheinen vorbei zu sein. Da während der Therapie Alkoholverbot herrscht, lasse ich zum ersten Mal im Leben einen Ouzo stehen. Als wir zum Ausgang schreiten, füllt sich das Restaurant schlagartig – das Valentinsfleisch lockt.

Während wir zur Bushaltestelle schlendern, erwachen die Laternen und tauchen die Altstadt in ein warmes Licht. Zehn Minuten frieren, dann kommt der Bus. Ich bringe meine Frau in ihre Pension, wo sie für die Nacht bleibt. Ich kehre zurück in die Klapse. Wo ich war, müssen meine Mitpatienten nicht lange raten – sie riechen den Knoblauch.
