Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Tag 21 in der psychiatrischen Klinik.

In Tarantinos „Pulp Fiction“ gibt es die legendäre Szene, in der Uma Thurman John Travolta fragt: „Hassen Sie das auch? Unbehagliches Schweigen?“ Daran muss ich hier immer in jenen Situationen denken, die ich therapeutisches Schweigen nenne. Therapeutisches Schweigen ist, wenn medizinisches Personal und Patient sich schweigend gegenübersitzen.
Der Klassiker ist unsere Hausrunde am Mittwochnachmittag. Da treffen alle Patienten auf alle Ärzte, Therapeuten und Pfleger, die sich gerade im Haus befinden – in der Regel sind das fünf bis sechs, heute winterferienbedingt nur drei. Seitens des Fachteams werden diverse Themen angesprochen, wir Patienten können Fragen stellen. Gesamtdauer der Zusammenkunft: fünfundzwanzig Minuten, Dauer der Fragerunde (inklusive Ankündigungen): drei Minuten, selten fünf. Dann herrscht Schweigen. Therapeutisches Schweigen. Man starrt ins Leere, spielt mit den Fingern, verändert die Position auf dem Stuhl, beobachtet die anderen und … schweigt.
Weil mich dieses Schweigen interessiert, frage ich, ob es einen Grund dafür gibt: „Haben Sie als Therapeuten nicht Wichtigeres zu tun, als mit uns zu schweigen?“ Die Antwort ist sybillisch, wie meist, wenn ich eine sehr konkrete und zugleich wohl etwas naive Frage stelle: „Manchmal kommen dann doch noch Fragen. So wie Ihre, Herr Schott.“ Nun ja, also starren wir weiter ins Nichts und warten darauf, dass jemand das Schweigen bricht.
Manchmal denke ich, dass ich als Einziger ausspreche, was auch meine Mitpatienten innerlich beschäftigt.

Es ist immer noch sehr kalt, verstärkt durch einen heftigen Wind. Da die Pfade und Wege trotz des Streuens von Tag zu Tag glatter wurden, konnte ich seit Samstag nicht mehr joggen. Weil mir die intensive Bewegung fehlt, ist es umso wichtiger, dass trotz der vielen ausgefallenen Therapiestunden Sport stattfindet.
Nach der Erwärmung, zu der jeder von uns eine Übung beisteuern kann, folgt als sogenannte Tagesaufgabe Federball. Es wird so gespielt, dass alle einmal gegeneinander antreten; nach der Hälfte jeder Partie sollen wir mit dem Schläger von der Haupt- auf die Nebenhand wechseln. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt, mit der linken Hand zu spielen. Ebenso bemerkenswert ist, wie sich das Spiel mit jedem neuen Partner verändert – mit dem einem ist es entspannt und harmonisch, mit dem anderen chaotisch, weil der Federball ständig verspringt, und mit dem dritten wird es dynamisch und wild, weil der Ball mit viel Kraft über die Leine gedroschen wird. Mein Fazit: Wenn es beim Badminton langweilig wird, einfach mal die Schlaghand oder den Mitspieler wechseln.

Einen ähnlich überraschenden Perspektivwechsel erlebe ich auch in der Körpertherapie, wo wir die uns gegenüberstehende Person beschreiben sollen. Therapeutin: „Was sehen Sie?“ Ich: „Einen Menschen, der sich unbehaglich fühlt.“ – „Nein, Herr Schott, was sehen Sie?“ Ich: „Jemand, dem die Situation offensichtlich nicht gefällt.“ Seufzen: „Nein, Herr Schott, das sehen Sie nicht. Das interpretieren Sie. Was sehen Sie?“ Ich: „Eine Person in rotem Pullover?“ – „Ja! Ja! Was sehen Sie noch?“ Ich: „Sie trägt eine Trainingshose.“ Falsche Antwort: „Das sehen Sie nicht, denn das können Sie nicht wissen.“ Ich, etwas verzweifelt: „Eine Hose, die wie eine Trainingshose aussieht?“ – „Ja, genau, weiter! Was sehen Sie?“ Ich, mutiger: „Einen Mund, der sich zu einem schüchternen Lächeln verzieht?“ Ich vermute, dass dieses für die Therapeutin ein ähnlicher Moment sein muss, wie die, in denen meine alte Klassenlehrerin entnervt mit Kreide nach mir geworfen hat. „HERR SCHOTT!!! Das sehen Sie nicht!!! Sie sehen einen Mund, dessen Mundwinkel sich nach oben biegen!“ Da begreife ich, dass ihre Art des Sehens sich komplett von der meinen unterscheidet. Gleichzeitig wird mir klar, was sie meint: Sie möchte, dass wir ohne jegliche Interpretation oder Bewertung beschreiben, was objektiv vor uns sichtbar ist.
Diese Perspektive ist mir vollkommen fremd. So schaue ich nicht auf das Leben, so beschreibe oder schreibe ich nicht. Doch vielleicht würde ich ja, wenn ich aufhörte, alles immer sofort zu interpretieren, einzuordnen und zu bewerten, auch nicht mehr so viel grübeln?
Durch solche Reflexionsübungen erhalte ich wertvolle Denkanstöße, weshalb ich es sehr bedaure, wenn die Einheiten mal ausfallen. Und diese spezielle Therapeutin? Nun, ich vermute, sie und ich werden noch so einige Missverständnisse miteinander sammeln. Denn schließlich ist das hier meine erste Therapie und das schließt eine naive Weltsicht ein. „Herr Schott, was sehen Sie?“ Keine Ahnung, aber ich finde es total faszinierend.
