Christoph Sanders, Lahntalklinik Bad Ems
Sonntag, 8. Februar. Acht Wochen nach dem Unfall. Endlich gut und schmerzfrei geschlafen. Am Abend noch das Gefühl, zu viel trainiert zu haben: Ein deutliches Ziehen im Bein, in den Adduktoren und den Schenkeln, morgens alles normal. Die Gewebeflüssigkeit nun besser verteilt. Der Körper ist der Boss. Bevor es auf das Ergometer geht, spüle ich einen Schluck des mittelmäßigen Klinikkaffees herunter.

Besuch einer kleinen Familienbrigade, die Zitronencake und frische Vorräte bringt. Gemeinsamer Spaziergang, mein zweiter in Bad Ems. Wieder am Schützenhof vorbei und retour. Im Kurpark verstreute Zedern und oben, in großen Nestern, Elstern. Die Mammutbäume gerade einmal fünfunddreißig Jahre alt. Nach dem Sonnenwind von gestern nun eintönig grau. Bei stärkerer Belastung Muskelspannung und Ischias spürbar. Rührender Abschied von meinen Kindern. Dann Rad-Blogarbeit – bin jetzt im Jahr 2018 angelangt. Ich höre dabei das Oscar Peterson Trio mit „We Get Requests“ und anschließend Monks „Live in Paris, 1964“: der Unterschied zwischen einem sehr guten Virtuosen und einem Schöpfer. Thelonious ist ein Solitär mit eigener Harmonik, Sprache, Technik, alles ist unverwechselbar. Heutzutage laufen im SWR die Aufbackbrötchen des Jazz, nie schlecht, aber auch nie so, dass man mehr möchte. Kein Soul wie in Monks Band.

Am Montagvormittag zum Physio; Schmerzstufe immer noch 2. Die Röntgenbilder an die Fachleute geschickt. Für mein laienhaftes Auge sieht alles gut aus – vielleicht darf ich jetzt durchstarten. Laut neuem Übungsplan diese Woche Belastungsteigerung. Heute 15 Kilometer auf dem Ergometer, hochwirksame Schritt- und Gehübungen – der Puls bis 130. Sehr lichte Wolkendecke bei einstelliger Temperatur, am Nachmittag Sonnendurchbrüche. Weiterhin großer Genuss der Gogol-Analysen von Nabokov, der scharfsinnig und mit Detailwissen die Erzähltricks aufzeigt. So lernt man nochmals lesen. Danach mit Freude an den eigenen Blog – solche Leute schulen das literarische Denken, was sich dann auch für so etwas wie meine Kreisklassen-Ergüsse benutzen lässt. Frische Wäsche, angenehmes Nachtgefühl; träume von der Gogol-Ausgabe des Aufbau-Verlags aus den 70ern.

Der Dienstagmorgen diesig kühl, aber hell. Um 10:00 Uhr zu den angeleiteten Ergometerübungen: 10 Kilometer. Trainingseffekte werden spürbar. Eigentlich müsste ich Muskalaufbaupräparate bekommen. Anschließend mit Nabokov zum Lymphomat. Nach dem Mittag Gehschule. Blaugrauer, milder Vorabend. Ausgedehnter Spaziergang bis an den Siedlungsrand, Nahtstelle zum Wald. Schneeglöckchen vor 1960er-Jahre-Villen, Panoramasicht mit Fernsehmast und Hubschraubern. Über Jacobi nachgedacht, in dem sich der Sammler mit dem Experten überschneidet. Immer die Gefahr, dass man zu viel über eine Sache weiß. Ich kann aber die Entdeckerfreude nachvollziehen, das Gefühl mit seinen Funden unendlich reicher zu sein als ein Milliardär, der nichts davon versteht. Der innere Reichtum ist entscheidend. Dazu gehört auch eine gewisse Bedürfnislosigkeit: Diogenes schickt Alexander fort.
