Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Tag 26 bis 28 – ein Drittel der Reha ist nun absolviert.
Was bisher in dieser Woche geschah:

Montag.
„Wo ist Carsten?“ – der auch Christian, Karl oder ganz anders heißen könnte. „Irgendwas mit Carsten“ sei der Name des Patienten, der heute neu aufgenommen werden und Gruppe 2 verstärken solle, hieß es im Buschfunk. Und so blicken wir erwartungsvoll durch das Fenster auf Haus 6, die erste Station eines neuen Mitbewohners bei der Aufnahme.
Der Name lässt ein älteres Semester vermuten – und da verlässt auch schon ein betagter Herr mit einem jüngeren Mann und einem Koffer besagtes Gebäude. Bringt der Sohn den Vater? Oder begleitet der Vater den Sohn in die Klinik? Die Fragen müssen unbeantwortet bleiben, da ihr Weg sie nicht zu uns führt.
Gegen Mittag steht fest: Carsten (der auch Christian, Karl oder ganz anders heißen kann), kommt nicht. Er ist damit bereits der dritte Patient, der in den vergangenen zwei Wochen den Klinikaufenthalt abgesagt oder trotz Zusage nicht angetreten hat. Bei mir macht sich ein wenig Sorge breit: Wenn es dabei bleibt, werde ich Ostern allein mit einem Pfleger in dem großen Haus verbringen.
Einer der Gründe für die Absagen könnte sein, dass der Ruf der Einrichtung zuletzt ein wenig gelitten hat – und auch diese Woche beginnt mit einer herben Enttäuschung: Zwei von drei Einheiten fallen aus. Ich bin sauer! Ich überlege, ob ich es in der nächsten Hausrunde eskalieren lasse. Wenn das Krankenhaus seinen Teil der Abmachung nicht einhält, warum sollten wir Patienten dann Dinge wie Nachtruhe, Abgabe des Handys oder Alkoholverbot einhalten? Um den Frust loszuwerden, jogge ich eine Runde. Mittags entspannt sich die Situation, da für unsere Gruppentherapie eine Vertretung gefunden wurde, die ihre Aufgabe äußerst kompetent erledigt.

Dienstag.
Nichts Neues: Auch heute fallen wieder Einheiten aus. Für die Bewegungstherapie, die ich in vier Wochen erst einmal hatte, gibt es ein alternatives Angebot. Die andere, das Gruppenwandern, wird zur Freude der meisten ersatzlos gestrichen – der verantwortliche Pfleger ist krank. Regulär findet nur Sport statt, wo uns die Trainerin paarweise einen Ball über die Leine spielen lässt. Die Stunde macht wie immer Spaß.
Als Ersatz für die Bewegungseinheit gibt es das sogenannte „Art Journal“, ein Kreativfach, wo mehr gebastelt als gemalt wird. Heute werkeln wir an unserer persönlichen Mappe weiter, die später alle hier in Jerichow entstandenen Kunstwerke aufnehmen soll. Die Therapeutin hat sich für die denkbar unpraktische didaktische Methode des „Schauen wir mal, was passiert“ entschieden. Beim letzten Mal hatten wir die zwei grauen Pappen, die dann die Deckel bilden sollen, auf einer Seite mit Leim bestrichen und mit gelblichem Papier beklebt. Nach einer Woche unter der Presse sieht das Ergebnis ausgesprochen wellig aus – wie eine Tapete, die Blasen schlägt. Nichtsdestotrotz wird heute die andere Seite mit weißem Papier beleimt – die arme Pappe weiß gar nicht, in welche Richtung sie sich zuerst biegen soll. Dadurch entstehen auf der Seite noch mehr Blasen. Egal – auch das wird nun gepresst. Wir schneiden aus Strukturpapier Streifen zum Verkleiden der Kanten. Das Material lässt sich nicht nur sehr unsauber trennen, sondern bricht auch, wenn man es in der Mitte falzt. Unsere Aufpasserin nimmt es sportlich: „Wenn Ihnen etwas einfällt, wie man es besser machen kann, sagen Sie Bescheid. Das ist auch mein erster Versuch.“ Während sie das sagt, hält sie ihre dauergewellte Mappe hoch.

Das war es bereits „inhaltlich“ für den Tag. Ich kriege die Krise!!! Ich mag nicht immer nur lesen oder reden oder spielen! Mein Geist schreit nach Input – und mein Körper nach Bewegung. Weshalb ich nach dem Mittagessen eine größere Runde auf dem Klinikgelände drehe. Zum ersten Mal seit knapp zwei Wochen scheint die Sonne. Man kann dem Schnee beim Schmelzen zuhören. Dort, wo er noch liegt, sind die Wege passierbar, der Rest ist Schlamm. Die Vögel stoßen Paarungsrufe aus. Etwa dreißig Gänse fliegen über mich hinweg Richtung Norden. Eine Ahnung von Frühling liegt in der Luft.

Dann ist es 15.30 Uhr. Wir dürfen, da die Pflichtwanderung ausfällt, bereits jetzt das Klinikgelände verlassen. Da keiner Lust hat, mich zu begleiten, schreite ich für mich allein kräftig aus. In der Ferne höre ich Pferde, Hühner und Kühe. Mein Weg ist zwar befestigt, doch zwischen den Betonstreifen haben sich große Pfützen gebildet. Hinter verwachsenen Bäumen und Schilf schimmert ein Rest Schnee durch. Die Spargelstangen der Windräder überragen alles und dröhnen vor sich hin. Ein Traktor kommt mir entgegen, doch im Allgemeinen ruht die Landwirtschaft noch. Nur das Vieh verlangt wie immer nach Aufmerksamkeit – bis auf die paar hundert Wildgänse, die auf einem Acker nach Futter suchen. Irgendwas schreckt sie dann doch hoch und sie machen sich davon. Zwei Pferde traben auf mich zu, leider habe ich weder Möhren noch Äpfel dabei. Und dann, 9,5 Kilometer später, kehre ich glücklich zu den anderen zurück.

Mittwoch.
Zwei Therapieeinheiten werden vertreten. Und das ist diesmal kein Ärgernis, sondern sehr bereichernd, weil ich in diesen Stunden Impulse bekomme, die mir zeigen, dass es richtig und wichtig ist, dass ich mir diese Auszeit genommen habe und hier bin. Dass es mir gut tut, über Wanderungen und Sport, über Struktur und Abstand und über reflektierende Gespräche, etwas zur Ruhe zu kommen.
Darüber hinaus sind mir zwei weitere Dinge bewusst geworden: Zum einen, dass ich extrem kontrolliert bin und das starke Bedürfnis habe, alles im Griff zu behalten, und zum anderen, dass ich oft zur Selbstaufgabe neige, was sich in meiner ausgeprägten Bereitschaft zeigt, den Wünschen und Bedürfnissen meiner Mitmenschen sehr weit entgegenzukommen.
Das führt mich zu den zentralen Fragen: Wer bin ich eigentlich? Und was will ich?* Die Therapeuten nannten in Bezug auf mich noch andere Begriffe – jedoch sind „zwanghaft“ oder „konfliktscheu“ in meinen Augen nur weitere Aspekte der gleichen Grundproblematik.

Was mir jetzt aber bereits klar geworden ist: Die Trennung von meiner Familie und den Freunden, die ich hier im Exil zwangsläufig erlebe, ist nicht einfach nur bedauerlich – ich liebe und vermisse sie tatsächlich. Es ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, dass es sie gibt und sie um mich herum sind. Es macht mich glücklich, dass sie mich hier in der Reha aus der Ferne unterstützen – so wie es mich froh stimmt, dass Menschen, mit denen ich nur sporadisch im Kontakt bin und die ich teilweise jahrelang nicht gesehen habe, über die Blogeinträge soviel Anteil nehmen.
Doch was ist mit all den Arschlöchern und Ignoranten, die mir immer wieder über den Weg laufen? Im Moment können die mich alle mal kreuzweise. Aber vielleicht werde ich ja, wenn ich meine Pilgerreise zu mir selbst abgeschlossen habe, in der Lage sein, sie einfach zu ignorieren. Das wäre doch was!
*An dieser Stelle möchte ich explizit einen Bezug zur Philosophie-Fibel von Precht von mir weisen.
