Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Tag 18 in der Klinik – zweieinhalb Wochen vorbei, noch neuneinhalb vor mir. Ich bin sicher nicht der aufmerksamste oder emphatischste unter den Menschen, aber dass mein Zimmerkollege „den Blues hat“, wie wir in der Armee sagten, springt selbst mir direkt ins Auge, geht mir unter die Haut. Also drehen wir am Freitagabend nach dem gemeinsamen Einkauf noch eine Extrarunde fürs Gemüt. Er redet ein wenig. Ich bin da und höre zu. Mehr kann ich wohl vorerst nicht tun.

Die Gruppe ist nach drei Abgängen weiter geschrumpft, so dass wir momentan nur noch zu viert sind – und wir alle kranken ein wenig an Sprachlosigkeit, so dass es kaum Interaktion zwischen den zwei Mitpatientinnen und uns beiden Männern gibt. Was mich noch am wenigsten stört – es ist eher die allgemeine Antriebslosigkeit, die mich frustriert. Natürlich ist nicht jeder ein Sportvogel wie ich – wer aber trotz deutlicher Hinweise auf winterfeste Kleidung lediglich in Jeans und Turnschuhen zur obligatorischen Wanderung erscheint und anschließend widerwillig und frierend durch die verschneite und matschige Landschaft stapft, scheint nur wenig Eigenleistung in die eigene Gesundung investieren zu wollen.

Zumindest der neuerliche Karaoke-Abend lockt dann alle mal für kurze Zeit aus der Reserve – nur mein Zimmergenosse bleibt fern und läuft stattdessen im einsamen Kampf gegen die Dämonen kilometerweit durch den Wald. So, wie auch ich am Abend meist allein durch das nächtliche, menschenleere Jerichow gehe und in den Fenstern der Eigenheime die spätweihnachtlichen Lichter und Dekorationen sehe – und dabei oft in Melancholie verfalle. Ich vermisse meine Familie und frage mich erneut, ob es die richtige Entscheidung war, für drei Monate hierherzukommen. Dass mir die Auszeit gut tut, steht schon jetzt außer Zweifel. Aber was werde ich am Ende tatsächlich mit nach Hause nehmen?

Wie gesagt, herrscht hier eine eher zurückhaltende, verschlossene Atmosphäre – das Töpfern ist die einzige Pflichteinheit, wo wir zur Abwechslung mal lachen und frotzeln. Das mag daran liegen, dass die dortige Therapeutin nichts bewertet, nichts notiert und keine ihrer Beobachtungen an die Psychologen weitergibt. Wir reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist, was insbesondere mir, der ich mit jeder Menge dummer Sprüche rausplatze, sehr gelegen kommt. Beim nächsten Mal werden unsere beiden Damen ausnahmsweise mit im Kurs sein – vielleicht bringen wir ja auch sie zum Lachen.

Wie schon in der Vorwoche geht es am Samstag nach Tangermünde. Da mein Zimmerkollege kurzfristig absagt, sind erneut die beiden alten Herren im Duett unterwegs. Dieses Mal laufen wir den Hinweg und nehmen zurück den Bus. Die Sonne scheint noch immer nicht, doch die Sicht reicht weiter als noch eine Woche zuvor. Der böige Wind sorgt den ganzen Tag über für Umverteilung und verfrachtet den Schnee von den Feldern auf die ungeschützten Wege und die Deichkrone, wo er unsere Wanderstiefel einsinken lässt.

Zeitweise müssen wir den Oberkörper nach vorn beugen, um überhaupt voranzukommen. Wenn uns der Wind die Kapuzen vom Kopf bläst, kommt man sich vor wie auf einer Polarexpedition. Als der Deichweg die Richtung ändert, weht er von der Seite. Es fühlt sich deutlich kälter an als die minus vier Grad, die die App ausweist. „Gefühlt minus zehn“ steht klein daneben – das trifft es schon eher.

Die Brücke über die Elbe ist vereist und glatt, zumindest der kombinierte Rad- und Fußweg, auf den wir angewiesen sind. Der Strom ist überraschenderweise nahezu eisfrei, auch Eisschollen sind kaum unterwegs. Wir denken, das liegt am böigen Wind.

Nach zwei Stunden und vierzig Minuten erreichen wir unser Ziel, wo uns der erste Gang natürlich in die Bäckerei führt. Wir bekommen das letzte Achtel Zuckerkuchen und gönnen uns ob der Strapazen Nachschlag in Form von Schweineohr und Kirschstreusel. Da bis zur Rückfahrt noch fünfzig Minuten bleiben, schlendern wir durch die Altstadt. Auch Tangermünde befindet sich fest im eisigen Griff des Winters: Der Hafen ist komplett zugefroren, das Ausflugsschiff Liberté vom Eis umschlossen, die Störtebeker ebenso. Die wenigen Fußgänger, die wie wir auf der Promenade unterwegs sind, kauern sich zusammen, um die Angriffsfläche zu verkleinern. Die Hände verlassen die Handschuhe nur so lange, wie es dauert, ein Foto zu schießen. Dann noch zehn Minuten auf- und abhüpfen an der Haltestelle, bis der Bus kommt, und es geht zurück nach Jerichow.

Am Sonntagvormittag folgt gleich die nächste Wanderung, dieses Mal bin ich alleine unterwegs. Als ich aus dem Haus trete, sehe ich eine Handvoll Patienten, die sich an die Wände des Raucherpavillons drücken und hastig an ihren Zigaretten ziehen. Danach begegnet mir, abgesehen von Autofahrern, keine Menschenseele mehr – nicht zu Fuß, nicht auf dem Rad. Es ist Sonntag, es ist kalt. Wer außer mir, dem ruhelosen Verrückten, sollte sich da auch rauswagen? Viermal kreuzen Rehe meinen Weg. Nachdem ein Greifvogel vergeblich versucht hat, gegen den Wind anzufliegen, hockt er mürrisch auf dem Acker. Der Rauch aus den Schornsteinen der Hütten wird sofort seitwärts weggeblasen. „Minus sechs Grad“, sagt die App. Noch einmal kälter als gestern. Dann bin ich im Wald. Kein Wind mehr, dafür vereiste Wege, von Forstfahrzeugen mit tiefen Profilrinnen zerfurcht. Irgendwas ist immer. Zumindest ist eine frische Schicht Schnee hineingeweht, sodass ich einigermaßen vorankomme.

Zurück in der Klinik erwischt mich wieder die Melancholie. Ich sehne mich nach meiner Familie. Ich trete vors Haus und hole mir die Stimme meiner Frau ans Telefon. Es tut gut, mit ihr zu reden. Dabei stapfe ich zum Laden am Kloster. Dort gibt es Postkarten, aber keine Briefmarken. Wo man die bekommen könnte, weiß die Verkäuferin nicht. Also gehe ich ins Café. Dort ist es wie vor vierzig Jahren: „Dies haben wir nicht, das haben wir nicht.“ Aber eines ist anders – richtige Kerzen hatten wir damals in der DDR schon noch, heute flackert LED-Licht an Plastik-Attrappen. Ich bin einer der Jüngsten unter den Gästen. Die anderen sind vermutlich Ausflügler, die nach der Besichtigung des Klosters etwas besinnliche Wärme genießen wollen. Eine Gruppe bestellt sich Schnäpse gegen die Kälte. Wir in der Klinik haben striktes Alkoholverbot. Ich denke daran, wie ich vor einigen Monaten Dosenbier für meinen Nachbarn ans Krankenbett geschmuggelt habe. Die Erinnerung bringt ein kurzes Lächeln in mein Meer aus Schwermut. Bevor mich die Traurigkeit erneut übermannt, bezahle ich und mache mich auf den Rückweg. Eindeutig ein grauer Tag. Hoffentlich gibt es in der neuen Woche weniger Therapieausfall. Sonst wird es … schwer.
