Christoph Sanders, Thalheim

Sobald es so wie jetzt moderat schneit, fallen Busse aus. Da geht es um Versicherungsfragen, Privatpendler fahren auf eigenes Risiko. Ich bin froh, dass mein Sohn im Dunkel des Donnerstagmorgens heil zurück auf den Hof kommt – meine Frau ist abwesend und ich bin nach wie vor ein immobiler Krüppel, da musste er früh los, um seine Schwester mitsamt ihres selbstgebackenen Kuches zum letzten Praktikumstag ins Altersheim zu bringen.
Auf eine Empfehlung hin checke ich heute erstmalig Stuhlyoga. Viele analoge Übungen zur Hockergymnastik, aber mit noch weniger Dynamik. Man dehnt sich ganz allmählich, überlastet nicht, geht nie über Grenzen hinaus, sondern hält die jeweilige Position – was äußerst wirksam für alle Bereiche ist. So reaktiviere und stabilisiere ich Bauch, Rücken und Schulter. Durch die ruhige, gleichmäßige Atemführung kann ich meinen Körper wie in Zeitlupe erkunden.
Wegen der frischen Schneedecke erscheint das Zimmer sehr hell, ich lege eine neue Tischdecke und das Album „Cookin’“ vom Miles Davis Quintett auf. Das swingt – Davis, John Coltrane, Red Garland, Paul Chambers und Philly Joe Jonesstellen ihr jeweiliges Können nicht aus, spielen einfach zusammen, dienen ganz und gar der Musik. Der notorisch unzufriedene Miles hat es stets vermieden, sich auf irgendetwas auszuruhen – so etwas machen dann eher die verwaltungskompatiblen Leute der Hessischen Rundfunk Bigband.

Der Paketdienst bringt die Hilary-Hahn-Sony-CD-Box. Auf Single-Repeat durch Beethovens großes Violinkonzert – sehr guter Klang von Orchester und Geige, solide Einspielung. Ich mag ihr Vibrato, es ist leicht, nicht so schmierig. Auch die Tempi gut, nicht zu schnell und showy. Als der Teenie aus dem Heim kommt, mit ihr Dialoge aus „Irgendetwas ist passiert“ von Anne und Fabian Hinrichs gelesen – viel gelacht. Danach produzieren Vater und Sohn eine Bolognese.

Der Teenie berichtet vom letzten Tag im Heim – von der Bewohnerin, die beim Vorbeigehen jedesmal „Hallo, ich bin allein“ sagt und dann anfängt zu weinen; von der Frau, die, bis auf dass sie im Rollstuhl sitzt und gefüttert werden muss, eigentlich noch gut beeinander ist, und jedem erzählt, dass sie nächste Woche ins Hospiz kommt, wozu die anderen Praktikantinnen nur meinen: „Die ist verrückt.“ Ihre zwei Mitstreiterinnen sind 15 bzw. 17 Jahre alt, beide sind nicht in der Lage, eine Zeigeruhr zu lesen, die eine hat ein Alkoholproblem. Der einzige männliche Mitarbeiter im Haus ist ein Senegalese, der für den FC Rojkurd Merenberg-Allendorf spielt, die hier in Thalheim trainieren. Er sprach mit unserem Teenie die ganze Zeit Französisch.

Ich bekomme den Anruf eines Freundes, der wissen möchte, wie er die Siemens-Waschmaschine seiner Eltern aufbekomm, die eine Fehlermeldung anzeigt; YouTube konnte nicht helfen. Der Vater hat schwer Parkinson, die Mutter ist über 80 und in solchen Dingen unbeholfen. Ich verweise auf die Lasche, mit der sich das Bullauge mithilfe eines festen Bandes mechanisch entriegeln lässt. Er wird nun die dreihundert Kilometer zum Elternhaus fahren und sein Glück versuchen. Auf meine Frage, ob es in der Einfamilienhaussiedlung der beiden keine Nachbarn gebe, die das schnell übernehmen könnten, meinte er nur: „Die sind auch alle sehr alt.“ Ich glaube, das ist das, was man die Eigenheimfalle des arbeitenden Standes nennt. Miserabler dünner Schneeregen, der das Weiß auswäscht. Erste gelungene Gehversuche mit leichter Einhandkrücke links – sehr gut!

Ganz zäher Freitagmorgen, kein richtiger Schlaf zwischen drei und fünf. Meine Frau und die Mädchen früh raus zum Zeugnistag. Das verletzte Bein ist immer noch voller Gewebeflüssigkeit und entweder schwabbblig oder verhärtet – ich hoffe, dass meine Reha-Tage mit Massagen beginnen; das selbst zu machen, geht nur partiell.
Mein Sohn ist etwas unmotiviert, weil ihm beim FSJ-Einsatz wieder nur das Schreddern ausgemusteter Schulbücher erwartet. Gestern entsorgte er eines, das früher (im Jahr 2014) meiner ältesten Tochter gehörte. ICH hätte es mitgenommen – allzu lange wird man so etwas Altmodisches im Unterricht wohl nicht mehr einsetzen …
Mit Davis‘ „Milestones“ weiter an den Radblogkorrekturen. Danach ein Le-Monde-Podcast mit der etwa gleichaltrigen Sterneköchin Hélène Darroze, die aus Mont-de-Marsan stammt und im geliebten gaskognischen Dialekt meiner Großmutter spricht. Sie erzählt dieselben Familiengeschichten, die auch ich kenne, nur ging es in der Küche unserer Mamie nicht so hart zu wie bei ihr später – aber die war ja auch kein Profi. Abends eine Tomatensuppe (ohne Stern).

Am Samstag Einkäufe für die Rehaklinik mit meinem Sohn, der mich fährt und begleitet. Mein erstes Paar Turnschuhe seit Ewigkeiten – das kann ich mir später mit ihm teilen. Bin angesichts der Neupreise für ordinäre Trainingssachen schockiert: 40 Euro für Shorts, egal welcher Marke – Polyester zum Silberpreis! Beim Trödler nehme ich einen Radiowecker mit. Die SonoClock-Serie von Grundig, die um die Jahrtausenwende produziert wurde, hat einen guten Empfang – ich bekomme die Landesanstalten Hessen, Bayern, Rheinland-Pfalz und NRW rein. Die Friseurdame freut sich über meinen radikalen Frühjahrsschnitt – endlich kann sie mal etwas machen, das man Gestalt annehmen sieht, die meisten lassen sich ja nur ein paar Milimeter abschnippeln. Als ich den Salon verlasse, setze ich eine Kappe auf, damit sich der Körper an das neue Kopfgefühl gewöhnt. Am Abend geht es mit Ingwer-Zitronentee erschöpft Richtung Bett.

Am Sonntag gut ausgeschlafen an den Frühstückstisch, wo wir noch ein paar Details für die Zeit des Klinikaufenthalts besprechen und letzte Listen anfertigen. Anschließend rasiere ich mich und schreibe ein paar Briefe. Im DLF wird an Mary Shelley sowie Milton Friedman erinnert. Der US-Wirtschaftswissenschaftler trug maßgeblich dazu bei, ökonomische Argumente in eine stark vereinfachte, politisch wirksame Sprache zu übersetzen.
Der immer noch etwas kränkelnde Teenie hat sich ein Probeabo der Wochenzeitung DIE ZEIT gegönnt und liest stolz ihren gedruckten Namen auf dem Adressaufkleber. Ich kann mit zwei Dritteln der Artikel schon nach ein paar Sätzen nichts mehr anfangen – zu offensichtlich ist die Struktur, mit der das gemacht ist: ein Thema, eine These, drei Beispiele und offenes Ende. Dabei meist wenig Inhalt – wie hier beispielsweise beim Titeldossier „Bleibt jetzt nur der Bruch mit den USA?“, für das nicht weniger als „neundundzwanzig bedeutende Intellektuelle“ Texte lieferten. Brecht nur alle, brecht …
Spätmittags eine große Familienratatouille mit Basmatireis und Rinderfiletstücken. Da kommen selbst an so einem grauen Tag in Hessen mediterrane Gefühle auf! Zum Nachtisch gibt es eine vom Teenie handgefertigte Mousse au Chocolat. Wenn der Eischnee zäh vom Rührer tropft, ist er richtig. Die aufgelassene Schokolade darf auf keinen Fall über 50 Grad haben, sonst wird das Protein zerstört!

Weitere Radblogrevision – 2017 ist zur Hälfte geschafft. Manchmal fällt mir ein wichtiges Detail ein, das dann eingewoben wird: Die Überquerung der alten Grenze zu Thüringen im Morgengrauen des 17. Mai bei Minusgraden – das vergisst man nicht. Danach Geometrie mit der Jüngsten: „Die Winkelsumme eines Vielecks mit Seiten beträgt immer(–2) · 180°.“ An so etwas kann ich mich schwerer erinnern als an die Radtouren.
Nachmittags Totenmesse in der Kirche gegenüber, in der Nacht sah ich Kerzenlicht durch eines der Fenster flackern, unstet orange, wie in einem David-Lynch-Film. Da inzwischen niemand außer einer Handvoll ganz Alter zu den Gottesdienten kommt, arbeitet man dort nur noch „on demand“ und redet von „pastoralen Räumen“. Wie wärs, wenn Priester wieder von Tür zu Tür zögen? Gerade einmal einhundertdreißig Jahre steht die Kirche, schon ist ihre Zeit herum.

Auch zum Wochenbeginn graues Nieselwetter, später aber sonnig. Der Schnee ist seit gestern verschwunden. Der Teenie liegt über mir nun richtig krank im Bett – ich koche ihr Tee. Sie macht sich Sorgen, wie es während der drei Wochen, wenn ich in der Rehaklinik bin, sein wird; wenn niemand im Haus wartet und etwas vorbereitet hat. Sie hat Angst, dass alles an ihr hängenbleiben wird. Wir suchen meine beiden Reisetaschen; Mandeln, mein persönliches Müsli und Peter Kurzecks magisches Tramperbuch „Der vorige Sommer und der Sommer davor“ (656 Seiten!) wandern zuerst hinein. Es folgen Laptop, Kleidung, Schuhe, der neue Radiowecker. Beim Packen höre ich Thelonious Monks „Riverside Recordings“. Der Countdown läuft.
