Christoph Sanders, Lahntalklinik Bad Ems
Die letzten sieben Tage in der Klinik.
Am Dienstag nachlassender Muskelkater. Nach der Blutentnahme zum Arztgespräch. Dann Gruppenübung und Lymphdrainage. Auf dem Ergometer die 10-Uhr-Nachrichtensendung gesehen, die sich zu einhundert Prozent mit dem deckt, was schon der DLF berichtete, nur eben illustriert – der Sinkflug der Altmedien geht weiter. Für das Thema Social-Media-Suchtgefahr und TikTok-Domestizierung an Schulen auch heute wieder nur eine Philologin als Interviewpartner. Unser Teenie hat gerade in Lüneburg mit vier Gleichaltrigen ein nahezu Wlan-freies Wochenende verbracht – die gastgebenden Eltern genehmigen täglich nur zwanzig Minuten Onlinezeit, am Sonntag bleibt die Verbindung komplett ausgeschaltet. Alle haben sich prima unterhalten. Ab und zu Schauer, das atlantische Tief lässt den Baukörper heulen. Aus der Vogelwelt kein Laut – die Tiere ziehen sich in geschützte Bereiche zurück. Schöne Wolkenbilder.

Mittwoch zunächst in die Gymnastikhalle. Die Generation Sozialstaat schnurrt gefügig vor sich hin – alles geht seinen Gang, alles hat sein System. Man ordnet sich ein, fällt nicht auf und verlässt nach drei Wochen die Anstalt. Mit 30 Kilo Übergewicht rein, mit 29 wieder raus – was durch eine Änderung der Lebensführung, also Prophylaxe, vermeidbar wäre. Eigentlich müsste die Klinik den ersten Schritt in Richtung der eigenen Ernährungsberatung vollziehen und einfach mal keine Aufbackware mehr anbieten und die Kaffeemaschine stillegen. (Dr. Müller-Wohlfahrt würde diagnostizieren, dass die Faszien der Deutschen verklebt sind.) Eine Asiatin nickt mir anerkennend zu, als sie in meinem Tee Ingwerscheiben entdeckt.

Ein heller Tag, lange sonnig. Wieder Vogelstimmen. Ein dutzend Kilometer auf dem Ergorad. Die tägliche Sieben-Etagen Übung. Der Physio quält mich ohne Krücken über einen langen Flur und ist der Ansicht, dass freies Gehen bei mir nur noch Kopfsache sei. Wegen des Aschermittwochs Eintopf. Um 20 Uhr bettwärts – ich lese, wie Nabokov den sentimentalen Dostojewski auf die Schliche kommt.

Um 3:40 Uhr ist am Donnerstag die neue Schneefront da. Ab 5:40 Uhr unablässig Räumungsgeräusche – wie auf einer Baustelle. Die Raucher pilgern gleich nach dem Aufstehen auf Krücken durch das Schneetreiben in ihre Außenhütten. Ich bekomme eine Kraftraum-Einweisung. Mein Training weiter effizient – ich spüre genau, an welchen Muskeln der Körper Nachholbedarf hat. Eine Ärztin gibt mir den Tipp, während des Treppensteigens das Einmaleins in Reihen aufzusagen, dadurch bildet das Gehirn Bewegungsautomatismen aus – wir müssen uns ständig selbst überlisten. Im Radblog nun im Jahr 2019 angelangt. Ich bin zufrieden mit den Überarbeitungen, zumal ich an diesem Scheibtisch nur eine Stunde schmerzfrei sitzen kann. Mit zwei Äpfeln das Vitaminminimum des Tages erreicht. Ab Nachmittag Tauwetter. Sichtung von Weidenkätzchen, ganz zarte Verfärbungen in den Bäumen. Zu wenig frische Luft geschnuppert.

Kalter Freitagmorgen, aber trocken und sonnig. Endlich mehrere Tiefschlafphasen. Außer Gruppenübung kaum Programm. Freiwillig aufs Ergometer. Im Fernseher läuft parallel ein schöner Olympia-Wettbewerb, was mich motiviert. Meine Muskeln senden trotzdem die Botschaft, dass es Zeit wird, den Trott hier zu verlassen – am Dienstag gehts nach Hause. Im Abschlussgespräch sagt die Ärztin, dass ich für meine Altersgruppe (sechzig plus) gesundheitlich gut dastehe und mich glücklich schätzen könne, keine chronischen Krankheiten zu haben und Medikamente nehmen zu müssen.

Im Lauf des Vormittags grauwolkig. Nach einem frühen Mittagessen fahre ich mit dem Klinikbus hinunter in die Stadt. Bei Rewe besorge ich neue Ergänzungsnahrung: Hundertprozentigen Zitronensaft, der mir weiterhin die Südfrüchte ersetzen wird, sowie Müsli. Für ein paar meiner Mitpatienten nehme ich eine Handvoll Bio-Fruchtriegel mit – einige hätten Mars bevorzugt. (Ich gelte in meinen Essgewohnheiten allgemein als gesichert extrem.) Nach dem Einkauf promeniere ich ins Stadtmuseum. Die Kurgastbücher der Jahre 1840 bis 1890 füllen ganze Bände. Es ist genauestens verzeichnet, wer wo logierte – Dostojewskij beispielsweise in einer bescheidenen Pension. Jacques Offenbach führte in Bad Ems seine Operetten aus den Bouffes-Parisiens auf, darunter „Ba-ta-Clan“, nach der im Ort später ein Musiksaal benannt wurde. Lohnendes Material für die historische Soziologie – und eine Bestätigung dessen, dass wirklich jede Welt irgendwann untergeht. (Man sollte dabei nur achtgeben, dass nicht allzu viel Blut fließt.) Dann ein weiteres, schönes Gespräch mit Andrea Jacobi, die in Weimar im Plattenbau aufwuchs und mir von den Schulfächern TZ und PA sowie den Codes des Ostens erzählt. Mit Einbruch der Dunkelheit zurück in der Klinik. Beim Abendbrot unterhalte ich mich mit einem verrenteten Industriehistoriker über die hiesige Tuchindustrie. Als ich von meinen privaten Erkundungen und den Veröffentlichungen beim Verein „Rheinische Industriekultur“ berichte, wird er ganz reserviert – sein Konkurrenzinstinkt setzt ein.

Der Samstag feuchtkühl. Ausfüllen des Patientenfragebogens. Ich fälle ein gnädiges Urteil – man darf sich ja freuen, dass es solche Reha-Einrichtungen überhaupt noch gibt. Die freiwilligen Angaben überspringe ich, da solche Meinungserfassungen nicht gerade zum Fortbestand der Kliniken beitragen – die Rundumversorgung ist am Ende ein Luxus. Eine Ärztin illustrierte im Gespräch mit mir ihre Sicht des Klinikbetriebs am Beispiel des Schwimmbads, das wegen komplexer behördlicher Entscheidungswege über sechs Jahre geschlossen war. Zur alternden, zunehmend pflegebedürftigen, dementen Gesellschaft meinte sie nur: „Wohl dem, der Kinder hat.“

Ich schaue mir den Werner-Herzog-Dokumentarfilm über die brennenden Ölfelder im Kuweit an und höre anschließend ein Interview mit ihm. Sein sehr vernünftiges Arbeitsprinzip: Immer von der Faszination ausgehen, vom Wundern über die Menschen und Dinge. Das wird bei mir selbst noch viel zu stark von vorgefertigten Stimmungen, Meinungen und den eigenen Gedanken überlagert. Wattewolken schränken die Sicht auf die Hügel ein, vor der Klinik ist ein reges An- und Abfahren der Patientenbesuche zu beobachten.

Während ich Tee mit einem Schuss Zitronensaft trinke, überfliegt um 16:41 Uhr eine Hundertschaft Kraniche das Haus. Das Abendessen mit den Industriebroten und den faden „Pflücksalaten“ ist wie immer der schlimmste Teil des Tages, da alles auf Sättigung reduziert ist, es überhaupt nicht um Genuss geht. Im Speisesaal kommen auch keine größeren Gesprächsrunden zustande – wenn die Aufnahme der Nahrung verrichtet ist, ziehen sich die Co-Rehabilitanden schnell zurück. Bis auf Ergometer und Stufensteigen heute keine weiteren Übungen. Der einsame Höhepunkt in all der Ereignislosigkeit war, vier Stück Wäsche in den Keller zum Vollautomaten zu bringen. Mir gefallen im Haus die allgegenwärtigen Travertinverblendungen und Fußböden. Der helle Muschelkalk mit fossilen Einschlüssen war in der Zeit, in der man in der alten BRD noch aus den Vollen schöpfen konnte, äußerst beliebt in solchen parastaatlichen Gebäuden.

Sonntagsbesuch meiner Kinder, die die Klinik als leicht bedrückend empfinden. Gemeinsamer Ausflug ins heruntergewirtschaftete Nassau, dessen einziger Lichtblick eine Rodin-Plastik ist. Die MwSt-Senkung hat die Gastronomie auch nicht gerettet – wir fliehen vor den Billigfettschwaden zurück nach Bad Ems. Mein Rennrad-Buddy No. 1 meinte nach der Exkursion neulich (bei der sie mich zu sechst besuchten), dass den anderen der desolate Zustand der Kleinstädte in der Gegend gar nicht aufgefallen sei. Sie betrachten das alles aus einem landschaftlich-erholungsaktivistischen Blickwinkel und sehen weder die verhängten Ladengeschäfte, hinter denen dann ja oft eine gescheiterte Existenz steckt, noch die verfallende Bausubstanz der Ein- und Mehrfamilienhäuser, oder die Skins in den Billigpizzerien. Nur der sommerliche E-Rad-Tourismus erweckt diese Orte kurz zum Leben, ansonsten dienen sie bloß noch als Anbieter für billigen Wohnraum für das nächste Ballungsgebiet. Und in Kalbe an der Milde oder Genthin gibt es ja nicht einmal mehr das. Werner Herzog spricht vom unsteten Untergrund der Gesellschaften und benutzt tektonische Platten als Metapher. Auch wir in Deutschland sind gerade inmitten so einer Verschiebung und müssen zusehen, dass keine Spalten entstehen. Die Wäsche von gestern ist jetzt trocken.

Der letzte Rehatag windig und wolkig. Im Tal laufen die Motorsägen beim Grünschnitt. Statt der Gruppentherapie heute ein angeleiteter Außenspaziergang. Die Hinweise zur Gangtechnik und Stärkung der Tiefenmuskulatur des Beckens wie immer gut – letzte Empfehlungen vor der Heimfahrt. Ich falte Pullover und fülle die Reisetaschen – geordneter Rückzug aus diesem merkwürdigen Setting. Ein paar leichte Übungen, Tee trinken, Essensvorräte aufbrauchen. Letzter Besuch bei meinem Physio-Coach. Die Genderpyramide hat sich hier in der Lahntalklinik bestätigt: Männer arbeiten im medizinischen Bereich erst ab der Physiotherapeuten-Ebene; die Pflegedienste sind zu 100 Prozent weiblich, Küche und Bedienung ebenso (bis auf eine Hilfskraft). Bei den unteren Ärzten: 50/50, obere Ärzte zu 100 Prozent männlich. Verwaltungspersonal und Empfang gemischt (davon drei Männer mit Behinderungen). Den Chefarzt habe ich nur als wehenden Kittel erlebt, der zwei von drei Patientenbegrüßungen hat ausfallen lassen. Die Belegschaft spricht für ihn – alle sind sehr aufmerksam, einfühlend und gewissenhaft. Gute Menschen.

Gegen 21 Uhr fast alles gepackt. Ein letztes Bier mit dem ehemaligen Dachdecker. Ein Handwerker mit Leib und Seele, der ständig über Verbesserungen und Materialfragen nachdachte. Nachdem er sich komplett überarbeitet hatte (inklusive schwarzer Samstage), zog sich der Körper immer enger zu, bis er war kaum mehr regungsfähig war. Dann streikten sowohl das Seh- als auch das Sprechvermögen – ein Rheumatologe diagnostizierte das als Autoimmunabwehr. Er kam in eine spezielle Reha, wo man alles auf Null stellte, allmählich kamen die Sinne wieder. Von einem schweren Radunfall und seiner Arbeit hat er nun Knieprothesen nötig. Ein ausgesprochener Reha-Kenner – diese hier schnitt ordentlich ab. Wie alle, die entlassen werden, freuen wir uns auf besseren Schlaf und den gewohnten Lebensrhythmus. Ich bin gespannt auf meine Wiedereingliederung, die ersten Meter zu Rade und die ersten Wanderungen. Nach dem Duschen zu Lew Tolstoi, von dem Nabokov schreibt, er habe in den Erzählungen ein perfektes Zeitgefühl. Die Zaubertricks der Autoren.
