Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Mein fünfter Tag im einhundertzehn Jahre alten „Fachkrankenhaus für psychiatrisch-psychotherapeutische Krankheitsbilder des Erwachsenenalters“ in Jerichow. Die Ausreiser vom Wochenende sind am Sonntagabend wieder eingetrudelt; der Montag ist der erste Behandlungstag dieser Woche. Auf dem Programm meiner Gruppe stehen heute nur Malen, was hier Maltherapie heißt, die nächste Gruppensitzung sowie dreißig Minuten autogenes Training, bei dem die Anleitungen eingespielt werden. Die sind so wirkungsvoll, dass ich jetzt weiß, wer die Schnarcher in den anderen Zimmern sind.

Das Thema unserer neunzigminütigen Maltherapie ist „Eigen- und Fremdwahrnehmung“. Wir sollen aufs Blatt bringen, warum wir hier sind. Für die eigentliche künstlerische Arbeit stehen uns dreißig Minuten zur Verfügung, der Rest der Zeit dient der „Wie geht es Dir heute“-Vorbesprechung und dem gemeinsamen Auswerten der Bilder. Erst interpretiert die Gruppe das Werk, dann der jeweilige Künstler. Da alle mit bedeutungsschwangeren Symbolen (hat da jemand Spiegel gesagt?) arbeiten, gibt es eine Menge zu bereden, wobei vor allem die seltsam blickenden Augen und die verzogenen Mundwinkel im Fokus stehen. (Jemand sagt nach der Stunde zu mir: „Vielleicht können wir einfach nur nicht so gut zeichnen, wie wir es gerne würden.“) Aufgrund der Fülle an zu deutenden Details wird mein Bild nicht mehr besprochen, worüber ich nicht traurig bin.

Da wir anschließend bis zum Mittag Pause haben, erkunde ich das weitläufige Klinikgelände. Die aufwendig sanierten Gebäude stehen in dem parkähnlichen Areal weit auseinander, so dass der Gang von einem Therapieraum zum anderen schon mal einige Minuten dauern kann. Ich entdecke die historische Krankenhauskapelle, die gerade geschlossen ist, und einen Friedhof. Eine Klinik? Mit eigenem Friedhof? Ein Therapeut käme jetzt wahrscheinlich sofort mit der Frage, was das in mir auslöst. Meine spontane, ehrliche Antort wäre: Ein wenig makaber, aber cool. Doch als brav mitarbeitender Patient würde ich natürlich ein wenig über die Endlichkeit des Lebens sinnieren und anschließend schweigt man gemeinsam betroffen.

Da wir über die persönlichen Dinge aus den Gesprächsrunden nicht außerhalb dieser sprechen sollen, will ich nur kurz erwähnen, dass ein uns diese Woche verlassender Patient seinen zuletzt häufig fehlenden Therapeuten mit seiner Unzufriedenheit über dessen Abwesenheit konfrontierte. Dessen Antwort war in etwa, dass der Patient lernen müsse, mit Frustration umzugehen. Als er das sagte, sah man einigen von uns an, dass sie vor Wut fast explodiert wären.

Das Essen ist Krankenhausessen – irgendwie nahrhaft, aber fad. Mit Nudeln, die auf der Zunge zergehen. Was ich wörtlich meine: Sobald die Zunge eine Nudel berührt, zergeht sie zu Weizenschleim. Da in den Wohneinheiten kleine Küchen mit Kühlschränken sind, können wir uns aber auch selbst zubereiten, wonach uns ist – wir müssen nur darauf achten, dass wir zu den vorgegebenen Zeiten am Tisch sitzen. Da mir das Grünzeug auf dem Speiseplan viel zu kurz kommt, schnipple ich mir jeden Abend einen kleinen Salat. Die Zutaten dafür hole ich aus dem Supermarkt. Viele junge Patienten sind Vegetarier oder Veganer und pfeifen sich das entsprechende Büchsen- oder Fastfood rein. Am Mittwoch könnten einige von ihnen geschockt sein, da ich mir ein Rindersteak gekauft habe und das dann braten werde. Leider fehlt es mir noch an Gewürzen, aber vielleicht treibe ich ja bis dahin irgendwo welche auf – Aufzugeben ist keine Option.

Bereits am vergangenen Samstag waren einige der tierfreundlichen Mitpatientinnen entsetzt: Es werden immer viel zu viele Brötchen geordert, so dass jeden Tag welche übrig bleiben – neben den normalen Essensresten. Die Mädels fragten den Pfleger, was damit passieren würde. „Das wird alles weggeworfen“, so seine korrekte Antwort. „Und die Brötchen? Die sind doch noch gut?“ – „Die tausche ich gegen Enten.“ Allgemeine Verständnisloskeit, während ich bereits in mich hinein grinse. „Das Personal darf die Brötchen mitnehmen. Ich gebe sie dann einem Kumpel als Futter für seine Enten und bekomme im Gegenzug immer mal ein Tier.“ Win, win – zumindest in der Welt der Fleischesser.
