Christoph Sanders, Thalheim

Am späten Dienstagvormittag hat die Sonne dann endgültig den Talnebel besiegt. Als ich in der Früh ins kleine Städtchen zur OP gebracht werde, sind es neblige minus 2 Grad, aber die Praxis, in der mir ein winziger Tumor am Nasenflügel entfernt werden soll, ist mehr als gut gewärmt. Während mein Sohn auf der Suche nach einem Parkplatz mehrmals den alten Marktplatz umrundet, begrüßt mich auf der Treppe die Ärztin, die mich gleich wiedererkannte, was ich sehr schmeichelhaft finde. Die Operation war schmerzhaft aber erfolgreich, dass ich mittlerweile Spritzen gewohnt bin, erwies sich als Vorteil. Nachdem ich mir noch neue Rezepte fürs Kontrollröntgen der Hüfte und neue Physiobehandlungen geben ließ, kauften wir ein. Es wurde dann ein schönes, entspanntes Mittagesssen zu viert mit einem gerecht geteilten Steak, Reis, Roter Beete sowie Mandarinen zum Nachtisch. Die neue, durch meine Krankheit bedingte Teilung der Aufgaben funktioniert mittlerweile gut – mein Sohn, der einen Tag länger krank feierte, meinte nach dem Spülmaschineausräumen, dass das mehr Arbeit gewesen sei als an einem seiner üblichen FSJ-Tage. Bei mir ganz langsames Nachlassen des Anästhetikums plus Kopfdröhnen, das sich im Laufe des Frühnachmittags verflüchtigte.

Die mittlere Tochter berichtet von ihrem zweiten Tag im Altersheim. Nachdem gestern eine alte Frau nach ihr griff, sie nicht mehr losließ und sehr intensiv anstarrte, bat sie heute darum, nicht mehr bei der Zwangsernährung assistieren zu müssen. Das Personal wirkt müde und routiniert – wie Mägde und Knechte die durch die Stalljauche waten und nach dem Vieh sehen. Die Praktikanten laufen dabei nebenher. Sie hat am Vormittag zehn Spülmaschinen geräumt und Tische gewischt, an deren Unterseite getrocketer Brei klebte. Ein Mann, der nicht essen wollte, kämpfte minutenlang gegen seine Tränen an, die dann doch liefen und liefen. Ein anderer, uralter und leicht verwirrter Herr hat auf dem Schreibtisch in seinem Zimmer einen kleinen Schrein aus alten Pässen aufgebaut, dem eigenen und dem seiner Frau, dazu Bilder aus ihrer Jugend und seiner Jugend, neben der Tür ist ein kleines Weihwasserbecken angenagelt. Bei vielen anderen Bewohnern sah sie DM-Kalender mit Fotos der Enkel. Eine Frau stand auf dem Flur, weil ihr überhitztes Zimmer in der prallen Sonne lag und sie aufgrund ihres Schlaganfalls kein Fenster mehr öffnen kann – im alltäglichen Trab geht ihr Klagen und Bitten normalerweise unter. Eine einstige 100-Meter-Kreismeisterin ist die Einzige, die noch gut zu Fuß ist – Rollstuhl und Rollator sind im Heim ansonsten obligatorisch; mein Teenie ging dann mit ihr spazieren. Am meisten Spaß macht ihr das Falten der Mullunterhosen.

Die Katastrophen des Tages: Unser Apple-iPad-Stift ist futsch und in der Post ein Brief meiner Rentenkasse mit dem mehrseitigem Reha-Vertrag, aus dem hervorgeht, dass ich für die drei Wochen mit 4000 Euro in Vorleistung gehen solle. Nach der Endabrechnung kommen dann die Erstattungsprozeduren – welche Monate dauern. Ich werde da morgen mal anrufen. Der Sohn am Abend bei minus 2 Grad etwas früher zum Fußballtraining, weil er vor den derzeit hauptsächlich stattfindenden Laufeinheiten ein Pre-Soccer-Stretching macht, das er vor Kurzem entdeckt hat – und welches ich für ganz sinnvoll halte.

An einem Mittwochmorgen voller Reif länger geschlafen und sehr gut ausgeruht. Vorher sah ich gegen sieben unten kurz nach dem Rechten, ob alle gut an ihre Wirkungsorte kommen. Sie kamen – auch der Finanzfacharbeitersohn, der wieder zu Besuch ist, und ein ungewohnt frühes 8-Uhr-Meeting hatte, weil irgendetwas mit den „Finanzprodukten“ nicht so rund läuft, die man einem Investor „verkauft“ hatte – nun muss im Maschinenraum der Zahlenbranche gebastelt werden. Bin innerlich noch immer mit der Reha beschäftigt – ob da andere auch in Vorkasse gehen müssen? Dann die Angst, drei Wochen in dumpfer Atmosphäre durchzudrehen – allein die Aussicht auf Siebziger-Jahre-Mobiliar und im wahrsten Sinne tote Umgebungen jagen mir einen Schauder ein. Sicher, man kann sich an alles gewöhnen, aber ich habe mein Leben lang nur mit meinen eigenen Sinnen funktioniert. Vielleicht wär eine einfache Physio dreimal wöchentlich bei der netten Therapeutin im Dorf doch die bessere Wahl, statt in so einem Kassenbunker eingesperrt zu sein, wo das nächste erträgliche Essen hundert Höhenmeter tiefer liegt …

Der Sohn mittags komplett erschöpft vom FSJ-Einsatz zurück. Er hatte nur fünf Stunden geschlafen, dazu die Steigerungsläufe beim Training gestern und vermutlich eine nicht auskurierte Erkältung. Ich widmete mich den Vormittag über der Rechnungslegung der Reha, machte mit dem guten alten Scanner aus Papierschreiben pdfs, die ich per Mail verschickte. Vorher ein nettes Kurztelefonat mit der Klinik, morgen folgt ein weiteres – vielleicht ist es nun doch möglich, dass ich das Geld erst nach erbrachter Leistung bezahle. Usw. Das alles Terra incognita und äußerst nervend für mich. Ich versuche nun den Aufenthalt als so eine Art Abenteuer zu sehen, bei dem ich als Reporter mitmache, fürchte aber, dass mir mein Temperament etwas im Wege steht und es mit meiner Geduld rasch zuende sein könnte. In der Unfallklinik war das anders, da ich nach der OP noch völlig groggy war und unter Opioiden meist einfach nur rumlag. Jetzt bin ich viel aktiver und hasse es eben, als passives Labortier stumpf Programme durchzulaufen. Und das in einem Ambiente, das den denkbaren Gegenpol zu einem gediegenen mittelalterlichen Landsitz bildet. (Rein persönliche Luxusprobleme!) Während meine Tochter Möhrensalat zubereit, die äußerst wichtige Besprechung des Cake au citron. Unser Teenie nach dem dritten Tag im Heim sehr entspannt. Sie hat jetzt Distanz und Nähe gut ausbalanciert, füttert, faltet Wäsche, schnibbelt Salate, macht den Spülmaschinendienst. Angesichts der Atmosphäre im Heim deckt sie nun zu Hause täglich den Tisch – mit Kerzen, Untersetzern, Unterlegern, Servietten. Meine Mutter wäre unendlich stolz auf sie. (Und ich bin es natürlich auch!) Es lässt sich beobachten, dass mein Unfall einen Schub für die Mikrodynamik unter den Kindern gebracht hat und für größeres Verantwortungsbewusstsein sorgte – sie mussten ja von einem Moment zum anderen fast alle häuslichen Aufgaben übernehmen und sich komplett neu organisieren. Auch darauf bin ich stolz!!!

Schöner sonniger Frosttag. War eine gute Viertelstunde lustwandeln – den Fuß gleichmäßig abrollen, das Gewicht allmählich verteilen, wieder Zweibeiner werden. Alles in allem fügt es sich langsam – nach der Reha folgt dann der Reset. Von der Außenwelt bekomme ich so gut wie nichts mehr mit – ein paar Radionachrichten und das, was mir die Firefox-Startseite anzeigt. Wir erleben tektonische Verschiebungen und können dabei die Kontinentaldrift gar nicht richtig erfassen, obwohl das so starke Bewegungen sind wie seit Rom oder dem Buchdruck nicht mehr. Man sieht im Umfeld die Kollateralschäden der Zerfaserung und wie jeder versucht, sich irgendwie zu retten. Auf arte ein Gespräch mit Sloterdijk, der ähnlich durch ist wie die Epoche. Uns ist der Grund abhanden gekommen, gemeinschaftlich zu denken und zu handeln. Die marionettenhafte Mimikry der einstmals mächtigen Repräsentanten des Volkes gibt ein Zeugnis davon. Nicht einmal die Simulation souveränen Handelns überdauert das Wochenende. Eine ganze Generation (meine eigene) versucht gerade zunehmend verzweifelt, die eigene Rente zu retten. Wenn sie statistisch scharf rechnen würde, wüsste sie, dass uns als Maximalziel nur noch die warme Hand des Pflegers bleibt, die Dich einmal täglich berührt. (Oder die Hand meiner Teenietochter, die jeden Tag mit Beispielen aus dem Altersheim dienen kann.) Nach einem Update des Browsers läuft nun das Internet wieder schnell, was das Ausholzen des Radblogs signifikant erleichtert. Das ist eine Sysyphusaufgabe – aber, nun ja, solange ich nicht auf einem Rad sitzen kann, ist die Zeit dafür allemal übrig. Die Jüngste fleißig bei Grammatikübungen, gute Stimmung im Haus. Nach gemeinsamen Salat und Joghurt auf der schönen dunkelgrünen Decke alle zu Bett.
